9. Februar 2014: Ist Abtreibungsfinanzierung Privatsache?

Am 9. Februar stimmen wir über die Intiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache» ab, die gerade unter Christen grossen Rückhalt hat.

Christliche Schwangerschaftspolitik

ChristNet setzt sich seit jeher dafür ein, den Schutz der Schwächsten ins Zentrum zu rücken. Bei der Abtreibungsfrage ist dieser «Schwächste» zweifellos das ungeborene Kind, ein neues Leben, das Gott schenkt und das ganz dem Willen der Mutter ausgesetzt ist. Aber auch die werdende Mutter befindet sich in einer geschwächten Stellung, ist sie doch (im Gegensatz zum Vater) körperlich mit ihrem Kind verbunden und für ihre Mutterschaft auf tatkräftige materielle, organisatorische und moralische Unterstützung durch ihr soziales Umfeld angewiesen. Dieselbe Unterstützung braucht im Übrigen auch der Vater, wenn er seine Rolle ernst nimmt.

Christliche Politik sollte sich meiner Meinung nach also rückhaltlos für den Schutz des geschenkten Lebens einsetzen. Dazu reicht es aber nicht, das Embryo zu schützen, denn das Kind kann ja nicht ohne Mutter überleben. Vielmehr sollte die gesamte Schwanger- und Mutterschaft geschützt werden: das Kind, aber auch die Mutter (und der Vater). Bestimmt könnte dem Ziel, möglichst viele Abtreibungen zu vermeiden, näher gekommen werden, wenn das Umfeld von Schwangerschaften «schwangerschaftsfreundlicher» würde. Offenbar sind die Abtreibungszahlen in der Schweiz seit der Einführung der Fristenregelung zurückgegangen. Es scheint also, dass die Liberalisierung den Zielen einer christlichen Politik durchaus dienen kann.

Das wahre Anliegen der Initiative

Die Initiative will nun Abtreibungen (mit einzelnen Ausnahmen) aus dem Leistungskatalog der Krankenkasse streichen. Dabei wird argumentiert, so könnten die Gesundheitskosten gedämpft werden. Offenbar betragen die jährlichen Ausgaben für Abtreibungen nun aber höchstens 20 Millionen Franken, wobei die Gesundheitskosten insgesamt 64,6 Milliarden betragen (2011)[1]. Das entspricht einem Anteil von 0,03% oder einem Prämienrückgang von CHF 1.50 pro Jahr… Offenbar sind die Kosten doch nicht das grundlegende Anliegen dieser Initiative.

Wenn ich den Vater der Initiative, Peter Föhn, richtig verstanden habe, so ist ihr wahres Anliegen, ein Zeichen zu setzen: Wer Abtreibung als Mord empfindet – und immerhin haben 2002 über 27% der Stimmbevölkerung gegen die Einführung der Fristenregelung gestimmt – sollte nicht an deren Finanzierung beteiligt sein. Ich kann dieses Anliegen verstehen. Auch ich sehe Abtreibung als das Töten menschlichen Lebens. Hält die Initiative sachlich aber auch, was sie verspricht? Schieben wir mit ihrer Forderung nicht die Verantwortung (oder Schuld) für Abtreibungen einseitig auf die Frauen?

Abtreibungsfinanzierung bleibt in jedem Fall öffentlich

Bereits heute wird wohl eine Mehrheit der Abtreibungen nicht über die Krankenkassen finanziert. Es ist anzunehmen, dass in der betroffenen Altersgruppe (20-45 Jährige) viele Frauen eine Krankenversicherung mit hoher Franchise gewählt haben. Dies bedeutet, dass sie die 800-1500 Franken, die eine Abtreibung kostet, wohl bereits heute selber bezahlen. Diese Überlegung schwächt übrigens auch das Argument der Initiativgegner, die befürchten, dass viele Frauen auf Billigangebote zurückgreifen müssten...

Die Initianten sagen uns, dass wir mit der Annahme der Initiative keine Abtreibungen mehr mitfinanzieren müssten. Das stimmt so leider nicht. Gemäss Bundesamt für Statistik kommen die Haushalte via Krankenkassenprämien nur gerade für 25% der gesamten Gesundheitskosten auf.[2] Das heisst, auch nach Annahme der Initiative beteiligen wir alle uns zumindest via Bundes- und Kantonssteuern an einem Teil der anfallenden Abtreibungskosten.

In einem Interview auf SRF 1 gab Peter Föhn überdies bekannt, Abtreibungen seien nur ein erster Punkt des Leistungskatalogs, der gestrichen werden sollte. Weitere würden folgen. Somit bekräftigt er die übelsten Annahmen der Gegner, die in dieser Initiative einen Abbau der Solidarität wahrnehmen.

Paradox und dramatisch

Damit kommen wir zu einem interessanten Paradox dieses Abstimmungskampfes: Die Gegner der Initiative, die eine liberale Abtreibungspolitik mit dem Bild der starken, selbstbestimmten Frau vertreten, die selber über ihren Bauch verfügen kann, halten Abtreibung im Normalfall für Privatsache, verteidigen die Finanzierung heute aber als eine Frage der gesellschaftlichen Verantwortung. Im Gegensatz dazu sind es gerade diejenigen Milieus, die Abtreibung am liebsten verbieten möchten und sie also als öffentliche Angelegenheit betrachten, die heute eine Privatisierung der Finanzierung verlangen.

Was auf Anhieb amüsant erscheinen mag, hat tragische Konsequenzen: Allzu oft werden Frauen heute mit unserer liberalen Regelung alleine gelassen, wenn es darum geht, sich für oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden. «Du brauchst ja nur abzutreiben», ist ein Ratschlag, der in unserer Gesellschaft allzu oft, allzu einfach erteilt oder suggeriert wird. Viele Frauen würden nicht abtreiben, wenn sie nur genügend Unterstützung aus ihrem Umfeld hätten. Leider bietet die Abtreibungsfinanzierugs-Initiative hier keine Lösung. Im Gegenteil: Wenn sie am 9. Februar angenommen wird, lassen wir die Frauen auch noch finanziell alleine, ohne ihnen eine echte Alternative zu bieten.

Komplizen oder «in der Welt»?

In ihrem Freundesbrief schreibt das Initiativkomitee, die Gegner der Initiative machten sich zu Komplizen von Abtreibungen. Wie wir gesehen haben, sind wir alle, mit oder ohne Initiative, «Komplizen». Als Teil unserer Gesellschaft sind wir mitverantwortlich dafür, was bei uns geschieht. Sollen wir Christen wirklich so tun, als ob wir an diesem Punkt unbeteiligt wären?

Ich bin der Meinung, dass Abreibung nie als Lösung verstanden werden darf. Aber sie liegt eben gerade auch nicht in der alleinigen Eigenverantwortung der werdenden Mutter. In den meisten Fällen ist sie die Folge einer solidaritätsschwachen Gesellschaft, in der Familienpolitik kleingeschrieben wird und Frauen (oder Paare) in der vielleicht wichtigsten Frage ihres Lebens alleine gelassen werden. Könnten wir Christen mit einem Nein am 9. Februar nicht zum Ausdruck bringen, dass wir am Leiden unserer kranken Gesellschaft Anteil nehmen, und uns so präsentieren, wie wir wirklich sind: von Kopf bis Fuss «in der Welt»?

 

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