Das bedingungslose Grundeinkommen aus christlicher Sicht

UELI WILDBERGER, Theologe

Erhellend und zugleich verstörend ist Jesu Gleichnis der Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1-16): Da dingt ein Hausherr am frühen Morgen Tagelöhner für 1 Denar, um 9 Uhr weitere, ebenso um 11 Uhr, und schickt sie alle zur Arbeit in den Weinberg. Abends aber zahlt er dem Letzten wie dem Ersten den gleichen Taglohn von 1 Denar.

Anspruch auf das Lebensnotwendige

Kein Wunder empfinden das die, die den ganzen Tag in der heissen Sonne arbeiteten als Affront, als ungerecht. Wer mehr arbeitet, soll auch mehr verdienen. Der Leistungslohn ist normal.

Die Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» bricht diese Selbstverständlichkeit auf. Sie erinnert an die Grundtatsache, dass alle Menschen Anspruch auf das Lebensnotwendige haben. Vor Gott haben alle Menschen ihre Würde und den Anspruch auf materielle Sicherheit.

Das Bedingungslose Grundeinkommen nimmt das Gleichnis von Jesus auf, welches das Gleiche deutlich machen will: Allen steht das, was sie zum täglichen Leben brauchen zu! Entsprechend dem Slogan «JedeR nach seinen Fähigkeiten, JedeM nach seinen Bedürfnissen». Als Christen und Christinnen werden wir deshalb im Licht des Evangeliums und der Güte Gottes, die allen Menschen gilt, dieses Grundanliegen bejahen.

Lohnarbeit unter Druck

In der heutigen Zeit, in der die Lohnarbeit den Lebensunterhalt ermöglicht, fallen viele Menschen durch die Maschen: Ältere, Kranke, Behinderte, Hausfrauen, Arbeitslose. Immer mehr Arbeitsplätze werden durch Maschinen ersetzt. Der Arbeitskuchen schrumpft. Immer mehr Menschen verlieren ihre Jobs, die Löhne der übrigen geraten unter Druck und werden gesenkt. Die Angst um Arbeitsverlust lastet auch auf denen, die noch Arbeit haben, zwingt sie zu immer mehr Leistung und Stress. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen stellt unsere gängigen Werte auf den Kopf: Alle Menschen haben Anspruch auf eine existenzsichernde Rente, ohne zuerst eine Leistung erbringen zu müssen. Das bedeutet Freiheit vom Zwang zur Arbeit. Befreiung von der Angst ums tägliche Brot, die viele dazu zwingt, monotone, unbefriedigende oder schlecht bezahlte Arbeit zu übernehmen. Freiheit das zu tun, was einem gefällt: Ein Traum der Menschen!

Kritische Rückfragen

Gleichwohl stellen sich für die praktische Umsetzung grosse Fragen, auf die nicht nur rechte Kreise, sondern auch progressiv-kritische (etwa das Denknetz) hinweisen:[1]

  • Sozialabbau: Befreiend ist das bedingungslose Grundeinkommen nur, wenn es die Grundbedürfnisse deckt, d.h. existenzsichernd ist. Wer will, kann mit Arbeit darüber hinaus etwas verdienen. Dies setzt aber riesige Geldsummen voraus: für die Schweiz etwa 192 Milliarden Franken pro Jahr. Die Initiative lässt offen, wie diese gigantischen Gelder berappt werden. Die grosse Gefahr dabei ist, dass das Grundeinkommen zu niedrig angesetzt wird und Wirtschaftskreise die Gelegenheit benutzen, um Löhne und Sozialleistungen zu kürzen. Das gilt es unbedingt zu vermeiden.
  • Zementierte Geschlechterrollen: Dann könnte die Ungleichheit der Geschlechterrollen weiter zementiert werden: Da die Frauen ja jetzt keinen Beruf mehr brauchen, sollen sie sich voll und ganz dem Herd und den Kindern widmen.
  • Müssiggänger fördern:             Die Befürchtung, dass durch ein bedingungsloses Grundeinkommen Müssiggänger belohnt würden, teile ich hingegen nicht. Denn Arbeit gibt unserem Leben Sinn und Erfüllung. Sie entspricht deshalb einem menschlichen Bedürfnis. Wenn wir nicht mehr gezwungen sind, jede mögliche Drecksarbeit anzunehmen, müssten unangenehme Arbeiten durch höhere Löhne attraktiver gemacht werden: Ein Grundeinkommen könnte also eine positive Umverteilung bewirken.

Grundeinkommen schenkt Freiheit

Schon das Erste Testament ist vom Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung durchzogen: vom Auszug aus Ägypten bis zur ständigen Anklage der Propheten. Im Jubeljahr (3. Mose 25) kündigt sich dann auch ein «unverdienter» Ausgleich der Schulden an. Vollends im Evangelium lebt Jesus arm mit den Armen und fordert den reichen Jüngling auf, all das, was er hat mit den Armen zu teilen.

Grundeinkommen und Arbeit schliessen sich nicht aus. Ein existenzsicherndes Grundeinkommen schenkt Freiheit – setzen wir uns dafür ein.


[1] Denknetz Jahrbuch 2011, Edition 8, S. 157ff.; Denknetz Jahrbuch 2012, S. 193ff.

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Comments

Gemäss den Zahlen den Bundes gibt es ein "Mehraufwand" von 25 Mia.pro Jahr. Wen ich den im Verhältnis mit dem BIP der Schweiz 2014 642 Mia. sind das nicht einmal 5%. Es ist nicht die Frage, ob wir uns dies leisten können, sonder eher die Frage ob wir es wollen oder nicht!
Link:
https://bedingungslos.ch/cfs/.../Visualisierung_Finanzierbarkeit_v03.pdf
http://www.grundeinkommen.ch/finanzierung/
http://www.grundeinkommen.ch/ist-ein-grundeinkommen-finanzierbar/
Bedienungslose Grüsse
Marcus Corazza

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