Der Löwe des Lichts. Nationalistisch, theokratisch, konstantinisch und Gewalt verherrlichend?

Reaktion auf den Blog-Artikel « Pour une anarchie chrétienne ? »

Der Löwe des Lichts: Ein Aufruf zur Barmherzigkeit

In seinem Artikel Pour une anarchie chrétienne ? («Für einen christlichen Anarchismus?») zitiert Robin Reeve das BüchleinDer Löwe des Lichts, das im Rahmen des Christustags 2010 breit verteilt wurde. ChristNet nimmt als Initiantin dieser Aktion Stellung zur Kritik des Artikels.

Eine gerechtfertigte Kritik

Robin Reeve greift in seinem Artikel aktuelle Tendenzen im freikirchlichen Umfeld auf, die er heftig kritisiert: christlicher Nationalismus, das Sehnen nach einer christlichen Theokratie und das Machtstreben gewisser Christen. Wir sind mit dem Autor einverstanden, dass diese Entwicklungen heikel sind, diskutiert und auch kritisiert werden müssen. Dies hat ChristNet in den letzten Jahren verschiedentlich getan.[1] Darum begrüssen wir den Text von Robin Reeve grundsätzlich und sind der Meinung, dass er Beachtung verdient.

Die tatsächliche Botschaft des Löwen des Lichts

Leider stützt sich Robin Reeve zur Veranschaulichung der kritisierten Tendenzen auf einen einzigen Satz des Löwen des Lichts und reisst ihn aus dem Zusammenhang.[2] So wird die Botschaft des Autors, Scott MacLeod, in ihr Gegenteil verdreht. Wir sind einverstanden, dass diese Aussage, die den Reformator Zwingli dafür zu loben scheint, Menschen um des Evangeliums willen umgebracht zu haben, ausser Kontext zumindest ungeschickt, wenn nicht gar inakzeptabel ist. Indes nennt MacLeod noch im selben Abschnitt den Zweck dieses Kampfes: für «eine Reformation der Liebe und der Wahrheit». Überdies stellt er seine bildhafte, oft kriegerische Sprache im ganzen Buch immer wieder in ihren wahren Zusammenhang: den geistlichen Kampf, den wir gegen geistliche Mächte und Gewalten und gegen unsere eigenen Neigungen führen.

Stimmen also die Vorwürfe gegen den Löwen des Lichts, er rufe auf

-         … zum Nationalismus? Im Gegenteil: Er spricht auch die Schattenseiten der Schweizer Geschichte an (z. B. Söldnertum und Mammon-Gläubigkeit), die uns bis in die Gegenwart verknechten und beeinflussen können. Er ruft die Schweizer Christen auf, sich davon abzuwenden und vielmehr weltweit für Barmherzigkeit bekannt zu werden (S. 36)!

-         … eine Theokratie zu errichten? Im Gegenteil: Er ruft die christlichen Leiter dazu auf «Knechte aller» zu werden (S. 42) und sich für «Seelen … nicht Zahlen» zu interessieren (S. 37).

-         … nach weltlicher Macht zu streben? Im Gegenteil: Die oft kriegerischen Bilder werden klar auf den geistlichen Kampf bezogen (S. 26+27). Er ruft die Leser auf, gegen die verknechtenden geistlichen Mächte (Mammon, Macht des Geldes) und gegen die eigenen Neigungen zu kämpfen.

-         … zur Waffengewalt zu greifen? Im Gegenteil: Er ruft die Christen vielmehr dazu auf, ihrem Herrn radikal zu dienen und bereit zu sein, ihr Leben hinzugeben, um schliesslich für gelebte Barmherzigkeit bekannt zu werden.

Dies zeigt, dass der Löwe des Lichts selbst eine Kritik der negativen Tendenzen darstellt, die Robin Reeve in seinem Artikel anprangert.

Eine spezifisch schweizerische Botschaft

Als Forum von ChristInnen für Gesellschaft und Politik hat uns bei ChristNet der Löwe des Lichts berührt. Wir sehen darin ein «Wort für die Schweiz», das insgesamt eine positive, nicht-nationalistische (weil kritisch für die Schweiz und offen für die Welt) und für die Schweizer Christen konstruktiv herausfordernde Botschaft darstellt. Es ist ein Bussruf, uns von unserem Lieblingsgötzen abzuwenden, dem Geld (oder Mammon) und so Barmherzigkeit, praktische Nächstenliebe, zu lernen.

Bedenkt man, dass auf Schweizer Bankkonten ein Drittel des weltweiten grenzüberschreitend angelegten Vermögens schlummert (CHF 3,0 Billionen!), inkl. illegale und gestohlene Guthaben in nicht zu vernachlässigender Höhe, und dass der Finanzsektor in der Schweiz 11 % des BIP ausmacht, so erhält diese Warnung vor Mammon in der besonderen Situation der Schweiz auch eine besondere Bedeutung. ChristNet setzt sich denn auch seit mehreren Jahren dafür ein, die Aufmerksamkeit der Schweizer ChristInnen auf unsere verfilzten Beziehungen zur Hochfinanz zu lenken, und somit auf die Macht, welche die Geldlogik auf unser Land, unser Leben und unseren Glauben ausübt.[3]

Die SchweizerInnen – bekannt für ihre Barmherzigkeit?

Gewiss ist dieses Büchlein nicht vollkommen. Darum empfehlen wir das Merkwort von Paulus: «Prüft aber alles und das Gute behaltet.»[4] [5] So überlassen wir es der Leserin, dem Leser, eine der zentralen Passagen von Scott MacLeod gleich selber zu kosten und zu würdigen:

«Berufen, Barmherzigkeit zu lieben

Die Gemeinde der Schweiz wird weltweit als eine Gemeinde der Barmherzigkeit bekannt sein.

Einem anderen Barmherzigkeit zu erweisen, ist die tiefste und authentischste Art, die Liebe Gottes zu zeigen. Gott erwartet nicht nur von uns, Barmherzigkeit zu erweisen, sondern er befiehlt uns sogar, Barmherzigkeit zu lieben: «Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist. Und was fordert der Herr von dir? Gerecht handeln, Barmherzigkeit lieben und demütig sein vor deinem Gott.» (Micha 6,8; aus dem Englischen)

Mammon: die Liebe zu Dingen

Der Gott Mammon muss in der Schweiz endlich konfrontiert werden. Das geschieht zunächst dort, wo die Gemeinde selbst aufhört, das Geld anzubeten und ihm zu dienen, und anfängt, in einem entgegengesetzten Geist zu wandeln. Die «Liebe zum Geld» ist raffiniert mit der Selbstsucht und dem Geiz verwoben, die in der verzerrten Theologie des Materialismus so weitverbreitet sind. Materialismus ist ein zerstörerischer Geist, der Dinge über Menschen stellt. Alle, die unter seine Macht und seinen Einfluss geraten, werden kaltschnäuzig die Schwachen Übergehen, sie bedrücken und über sie hinweg trampeln, nur um eine vorübergehende Befriedigung zu erreichen.

Jesus: die Liebe zu Menschen

Materialismus, oder die Liebe zum Geld, ist der zentrale Beweggrund und die Motivation für den grössten Teil unserer modernen Kultur und leider auch eines grossen Anteils der christlichen Gemeinde. Der Tag kommt, an dem der Geist des Antichristen die Zuneigung der ganzen Welt gewinnen wird, weil er das kontrolliert, was sie am meisten liebt: Geld. Das Evangelium Jesu Christi ist diesem verunreinigenden Geist genau entgegengesetzt... denn dort geht es allein um Menschen, nicht um Besitz. Die Botschaft und das Beispiel, die Jesus uns hinterlassen hat, drehen sich vollständig darum, zerbrochene Menschen wieder hochzuheben, und denen zu geben, die es uns nie zurückzahlen können... besonders den Armen, Verstossenen und Schwachen. Jesus hat die verachteten Aussätzigen seiner Tage persönlich berührt; und nun befiehlt er uns, hinzugehen und genau das gleiche zu tun. «Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.» (1. Johannes 2,6) Wenn wir die Botschaft predigen, dann müssen wir auch danach leben!

Barmherzigkeit oder Geld?

Das echte Evangelium dreht sich um Seelen... nicht Zahlen! Der Geist der Barmherzigkeit ist dem Geist des Geldes genau entgegengesetzt. Heute stehen viele Menschen, auch in der Gemeinde, an einem kritischen Scheidepunkt. Sie müssen sich entscheiden:

Wollen sie dem Gott der Barmherzigkeit dienen oder dem Gott des Geldes? Wir müssen uns entscheiden!

Jesus legt uns die Entscheidung noch einmal ganz klar vor: «Niemand kann zwei Herren dienen: entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird an dem einen hängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.» (Matthäus 6,24)»

Aus: MacLeod, Scott : Der Löwe des Lichts, Verlag Schleife, Winterthur: 2001. p. 36ff. Quelle:http://www.christnet.ch/de/content/die-schweiz-bekannt-f%C3%BCr-ihre-bar...

Samuel Ninck-Lehmann

Koordinator ChristNet

28. März 2011

 


[2] Der fragliche Satz erscheint in der deutschen Ausgabe nicht. Wir veröffentlichen unsere Antwort dennoch auch auf Deutsch, weil die Thematik durchaus eine Diskussion wert ist.

Der strittige Abschnitt lautet: «Es lohnt sich zu wissen, dass Zwingli, der Vater der Reformation in der Schweiz, „mit dem Schwert in der Hand“ starb, als er für die Verkündigung der Wahrheit und des biblischen Glaubens kämpfte. Eine Vielzahl Schweizer Märtyrer haben ihr Leben mutig für das Evangelium Jesu Christi hingegeben und uns dieses reiche Erbe hinterlassen.» (Kap. «Die Heimat der Reformation», nach dem Satz «… sie war die Heimat so bedeutender Reformatoren wie Zwingli und Calvin.» S. 40. – Eigene Übersetzung aus dem Französischen.)

[3] Vgl. Online-Dossier Die Schweiz und das liebe Geld, sowie die Pulikation

Mammon in der Schweizer Politik (2005).

[4] 1. Thessalonicher 5,21.

 

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