Ecopop-Initiative: Nein, aber…

Die «etablierte» Politik in der Schweiz ist sich einig wie selten in der Ablehnung der Ecopop-Initiative am 30. November 2014. Doch ist die Vorlage wirklich so fremdenfeindlich, kolonialistisch und gefährlich?

Berechtigte Anliegen...

Mit den Anliegen der Initianten fühlen wir uns durchaus verbunden. ChristNet teilt die Kritik der Initianten am «wahnsinnigen Wachstumssystem»[1]. Endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten, das geht am Ende nicht auf. Wir Erdenbewohner verbrauchen oder verschwenden seit geraumer Zeit mehr Ressourcen, als die Erde langfristig bereitstellen kann. Würden alle den Lebensstil von uns Schweizern pflegen, bräuchten wir dafür etwa drei Erden.

Das steht im krassen Gegensatz zum biblischen Auftrag, der uns Menschen zu Gärtnern macht, die die Schöpfung «bebauen und bewahren» sollen (1. Mose 2,15). Der Mensch soll den Garten also nicht ausbeuten und bis zum Äussersten nutzen. Er soll ja auch nicht an den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen rühren. Das wäre sein Tod. Leider ist er aber vor dieser äussersten Nutzung nicht zurück geschreckt (1. Mose 3,6). Das Ergebnis liegt vor unseren Augen: Die Lebensgrundlagen der Menschen sind am Sterben.

Dann haben wir auch Verständnis für die spürbare Ungeduld der Initianten, dass sich in der Politik nichts bewegt, dass kaum griffige Massnahmen zur Schonung der Ressourcen und zum Schutz des Klimas beschlossen und umgesetzt werden und dass die Veränderungsbereitschaft der Menschen begrenzt ist. Immer wieder herausfordern, sensibilisieren, vor zu einfachen Lösungen warnen, das kann ermüdend sein. Man bekommt bisweilen den Eindruck, bei Ecopop handle es sich um eine Gruppe engagierter Alt-Grüner, die mittlerweile von ihrer ehemaligen Partei und vom Projekt «grüne Umerziehung» gründlich enttäuscht sind[2], ebenso von der Konzeptlosigkeit der «endloswachstumsgläubigen Politik»[3].

Auch diese Wachstumskritik können wir aus christlicher Warte nachvollziehen. So hat Gott ja für sein Volk ein Sabbat-Jahr verordnet (3. Mose 25,5): Alle sieben Jahre soll das Land ruhen. Damit wird es vor Übernutzung bewahrt und die Menschen werden in ihrer masslosen Habsucht gebremst.

... aber falsche Antworten

Eine Begrenzung der Zuwanderung und – global – des Bevölkerungswachstums scheint da eine verführerisch schnelle und einfache Lösung zu sein, erreichbar, ohne dass die Wirtschaft und wir alle uns in unseren Konsumgewohnheiten einschränken müssen. Aber gerade dies vermag leider nicht zu überzeugen.

Es stimmt, dass verschiedene Indikatoren das anzeigen, was von vielen als «Dichtestress» empfunden wird. Die Siedlungsfläche wächst unaufhörlich. Dass der Verkehr dauernd zunimmt, ist nicht nur ein Gefühl der Pendler, die zwischen Bern und Zürich unterwegs sind, sondern zeigt sich auch in der Statistik.[4] Problematisch ist aber, dass da kurzerhand ein direkter Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Zersiedelung, Zunahme der Mobilität usw. hergestellt wird. Zunächst einmal ist das falsch: Die zugrunde liegenden Berechnungen halten, wie die NZZ zeigt,[5] einer kritischen Überprüfung oft nicht stand: In den Kantonen Jura und Uri, in denen die Bevölkerung zwischen 1994 und 2006 praktisch nicht wuchs, nahm die Siedlungsfläche mit am stärksten zu. Noch auffälliger: Gerade in jenen Kantonen, die den geringsten Ausländeranteil aufweisen, wuchsen die Siedlungsflächen am stärksten.

Bei uns selber anfangen

Nein, die Verursacher sind wir selber: Unsere Gemeinden haben schlechte Raumplanung betrieben, der Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen führt unter anderem zu längeren Arbeitswegen, genauso wie der Wunsch nach Wohneigentum an privilegierter Lage – gerne auch grosse Wohnungen: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person lag 2012 bei 45 m2, 1990 waren es noch 39m2 gewesen.[6] Beim Verkehr entfällt rund 40% des privaten Strassenverkehrs auf den Freizeitbereich.[7] Und als Konsumenten haben wir bisweilen eine etwas seltsame Selbstwahrnehmung: 2011 gaben rund 35% der Befragten an, «meistens» oder «immer» Bioprodukte einzukaufen – der wertmässige Anteil der Bioprodukte lag im selben Jahr aber bei bescheidenen 7%.[8]

Mag sein, dass Zugewanderte aus den Nachbarländern mit ähnlichem Einkommen ein ähnliches Verhalten zeigen und somit «nicht besser» sind. Hier aber eine künstliche Trennung zwischen Schweizern und allen anderen einzuführen, ist nicht nur falsch, sondern ein gefährliches, unverantwortliches Spiel, wenn man die teils hitzige Ausländerdebatte bedenkt, oder eine weitere Asylinitiative, die diesen Herbst von der SVP angekündigt wurde. Einmal mehr wird so der Schwarze Peter jenen zugeschoben, die immer wieder und für alles Mögliche den Kopf herhalten müssen.

Nein, auch wenn es anstrengend ist: Wer wirklich besorgt ist über die Lage der Umwelt und des Klimas, und wer etwas ändern möchte, muss bei sich selber anfangen und am 30. November Nein stimmen.

 

[1] Daniel Steiner in einem Streitgespräch, Beobachter vom 03.10.2014.

[2] Vgl. das Porträt von Benno Büeler in der NZZ am Sonntag vom 07.09.2014.

[3] Schlagwort auf der Webseite www.ecopop.ch.

[7] Bundesamt für Raumentwicklung (2009): Faktenblatt Strategie Freizeitverkehr.

[8] Freilich kann man die beiden Zahlen nicht 1:1 miteinander vergleichen, da etliche Produkte nicht in «Bio» zu haben sind. Und dennoch, der Unterschied ist enorm... Quelle: Bundesamt für Statistik (2014): Taschenstatistik Umwelt 2014.

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