Linke und Christentum – die (un-)mögliche Ehe?

Gedanken eines Politologen zu Übereinstimmung und Differenzen zwischen christlichem Glauben und linker Ideologie.

 

0. Einleitung

Ist es möglich, gleichzeitig Christ zu sein und politisch links zu stehen? Diese quälende Frage stellen sich wohl viele Christen angesichts der Parteienwelt und bei Volksabstimmungen. Oft hört man, dass das Christsein nicht mit einer linken Gesinnung kompatibel sei, weil die linken Parteien antikirchlich seien und sich für Abtreibung, Homosexualität usw. einsetzten.

Darum sollen hier verschiedene Werte und Themen aufgenommen werden, die in den linken und linksextremen Parteien präsent sind. Dabei soll festgestellt werden, inwiefern sie für Christen anstössig und mit der Bibel (in-)kompatibel sind. Natürlich ist damit das letzte Wort in dieser Debatte nicht gesagt. Dieselbe Arbeit wurde denn auch schon für andere politische Richtungen unternommen.

Als linke Parteien gelten uns die Sozialdemokraten, sowie die Linksaussen-Parteien, die Arbeiterpartei usw.

Am Ende dieser Analyse werden die Werte hervorgehoben, in denen Linke und Bibel übereinstimmen. So soll gezeigt werden, dass die Debatte nicht abgeschlossen ist und dass linke und biblische Werte nicht in allen Punkten unvereinbar sind.

1. Antiklerikalismus

Eine Grundidee der Linken, die besonders von der französischen Revolution geprägt wurde, ist der Antiklerikalismus.[1]Noch bis heute wirkt sich diese Gesinnung auf weite Teile der Linken aus.[2] Viele französische Revolutionäre erachteten die Kirche denn auch als Einrichtung, die im Widerspruch zur Nation steht, denn (1) sie ist als Struktur supranational und (2) beansprucht einen Treueid, der den Revolutionären antipatriotisch erscheint. So konnten sich während der Aufklärung allerlei äusserst karikierende Vorurteile dem Christentum gegenüber entwickeln, die sich v. a. gegen gewisse Verhaltensweisen der Kirche wandten.

Gewiss müssen die Schreckenstaten, welche die Kirche im Laufe der Geschichte begangen hat, kritisiert werden. Bisweilen weicht das Verhalten der Kirche ja auch himmelweit von der biblischen Botschaft ab. Gleichzeitig ist es spannend, dass die radikalsten Revolutionäre wie Marat Jesus als Vorbild der Machtkritik darstellten, um ihre Ablehnung von Adel und Klerus zu rechtfertigen.[3]

Die Schulbücher folgen der Linie der französischen Revolution und stehen der Katholischen Kirche sehr kritisch gegenüber. Oft wird deren Verhalten als aufklärungs- und wissenschaftsfeindlich und als dem gesellschaftlichen Fortschritt zuwider laufend dargestellt.

Obschon diese Kritik ihre Berechtigung hat, ist es ungerecht, alle christlichen Bewegungen totzuschweigen, welche die Demokratie forderten (z. B. Hugues-Félicité Robert de Lamennais im Frankreich des 19. Jahrhunderts) oder sich um die Ärmsten kümmerten (Franziskaner, Heilsarmee, Befreiungstheologen in Lateinamerika). Die Bibel fordert denn auch, dass wir uns um die Schwächsten der Gesellschaft kümmern. So gibt es im Alten Testament Texte, in denen Gott Israel wegen dessen Umgang mit den Schwächsten und den Ausländern bestraft.[4] Die Bibel kritisiert im Alten und im Neuen Testament das Gewinnstreben,[5] und auch Jesus steht den Reichen und Mächtigen, Saduzäern und Pharisäern sehr kritisch gegenüber.[6]

Daher ist es eine unzulässige Vereinfachung gewisser Linker, wenn sie ein so reaktionäres und negatives Bild vom Christentum zeichnen, denn die Bibel und die Gemeinde hat auch ihren Beitrag zum Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung geleistet. Diese Linken sollten ihre Sicht der Kirche und deren Rolle überdenken und den Beitrag der biblischen Botschaft im Bereich sozialer Fragen anerkennen, um diese unnützen Konflikte mit den Christen zu vermeiden.

2. Laizismus

Im Zusammenhang mit dem Antiklerikalismus steht auch die Trennung und die systematische Opposition zwischen Religion und Glaube einerseits, dem Alltag und öffentlichen Leben andererseits. Dahinter steht der Gedanke des Laizismus’, der das ganze religiöse Leben in die Privatsphäre abschieben will und eine Trennung zwischen Kirche und Staat verlangt.

Wie ist diese Abspaltung zu verstehen? Eine mögliche Erklärung ist diese: In Frankreich wurde die Religion wahrscheinlich wegen den Religionskriegen als gewichtiger Faktor für die Spaltung der Bevölkerung wahrgenommen, während die Revolutionäre die Nation vereinen wollten. Eine weitere Erklärung ist, dass die Religion als geistliche und nicht materielle Ordnung kein Teil der öffentlichen Sphäre sein soll, weil sich diese a priori nur mit den materiellen Angelegenheiten der Gesellschaft befasst. Ein drittes, triftigeres Argument verlangt, dass die Religion nicht zur öffentlichen Sphäre gehört, damit die Kirche in diesem Bereich nicht wieder ihre Macht ausüben kann.

Diese Argumente mögen überzeugend wirken. Wer will schon eine Gesellschaft, in der die Religion das gesamte Leben und die öffentliche Debatte bestimmt? Ein Christ kann den Laizismus durchaus unterstützen, um die Beeinflussung der Kirche durch den Staat zu verhindern. Doch muss der Laizismus aus mehreren Gründen kritisiert werden:

1. Warum sollten die religiösen Fragen nur privat sein, wo sie doch einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Bevölkerung animieren und das jüdisch-christliche Erbe Teil der europäischen Geschichte ist?

2. Kann Religiöses und Säkulares so einfach voneinander getrennt werden? Die Religion umfasst ja Werte, die auch den öffentlichen und materiellen Gesellschaftsbereich betreffen (Vergebung, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Ethik usw.). Es besteht eine direkte Verbindung zwischen Christentum, Philosophie und Ethik. Somit ist es schwierig, wenn nicht unmöglich, die religiösen von den politischen, materiellen Fragen zu trennen. Daher müsste die Beziehung zwischen säkularer Sphäre und christlichem Glauben neu definiert werden, um statt einer systematischen Opposition eine gegenseitige Anerkennung zu finden. Es braucht eine Art Neutralität des Staats oder die Definition eines Modus vivendi,bei dem der christliche Glaube nicht mehr tabu wäre oder als rückständig dargestellt würde.

3. Aus biblischer Sicht ist klar, dass der Glaube Teil der öffentlichen Sphäre ist, denn Jesus spricht in aller Öffentlichkeit zu riesigen Menschenmengen.[7] Gibt es in der Bibel etwa Texte, wonach das Evangelium nicht mit Machthabern und religiösen Instanzen geteilt und diskutiert werden sollte?[8] Dies schliesst eine Trennung von Kirche und Staat nicht aus, rechtfertigt aber nicht den Ausschluss des Religiösen aus dem öffentlichen Leben oder eine ausschliesslich kritische Darstellung des Christentums in den Schulbüchern.

Übrigens wurzelt die Idee des Laizismus in der Reformationsbewegung. Die Wiedertäufer verlangten im Zürich Zwinglis eine gewisse Trennung zwischen Kirche und Staat.[9] Eine ähnliche Idee nahm Martin Luther mit der Zwei-Reiche-Lehre auf.[10] Die Laizität muss also kritisch betrachtet und mit Nuancen versehen werden, damit das öffentliche und politische Leben nicht von den jüdisch-christlichen Wurzeln Europas und eines grossen Teils der Bevölkerung getrennt wird.

3. Materialismus

Die linken Parteien betrachten den Menschen oft nur auf der materiellen Ebene. Diese Tendenz wurde von Marx’ und später Engels Theorien verstärkt[11], welche die wirtschaftlichen Bedürfnisse als Antrieb der Geschichte und des politischen Kampfes ganz in den Vordergrund rückten (historischer Materialismus). Sie gingen noch weiter und sprachen von Glauben, Moral, Werten usw. als dem «Überbau» der Gesellschaft, der sich aus dem wirtschaftlichen Kampf der widerstreitenden Klassen ergebe. Dieser Überbau diene dem Bürgertum als Schutzmantel zur Machterhaltung.

Die Durchschlagskraft dieser Thesen entspringt u. a. der Misere des 19. Jahrhunderts aufgrund der Industrialisierung. Die linken Parteien prangern das Elend und die Ungerechtigkeit an, besonders im Zusammenhang mit den tiefen Einkommen der Schwächsten. Daher beruht ein oft von der Linken geforderter Lösungsansatz darauf, via Wohlfahrtsstaat, Mindestlohn usw. eine Politik der Umverteilung des Reichtums zu betreiben. Zwar sind nicht alle Linken so materialistisch eingestellt. Einige wie Jean Jaurès sind der Meinung, dass die Arbeiter nicht nur materielle Bedürfnisse haben sondern auch solche in den Bereichen Ethik, Selbstwürde, Bürgerrechte und Bildungsmöglichkeiten.[12]

Die Bibel geht dieses Problem ganz anders an. So ist es spannend, die materiellen Bedürfnisse mit dem Verhältnis zwischen der Macht des Fleisches und des Geistes zu vergleichen. In der Bibel stellt das Fleisch nicht nur den menschlichen Körper dar, sondern auch eine rein menschenzentrierte Denkweise,[13] die ganz von Gottes Gegenwart losgelöst ist. So widerspricht die Bibel dem herrschenden Materialismus und der Macht des Fleisches, indem sie bekräftigt, dass der Mensch nicht auf seine eigene Lebensdynamik und seinen «Hungertrieb» reduziert werden kann. Dieser Gedanke wird im berühmten Ausspruch plakativ zusammengefasst, wonach «… der Mensch nicht lebt vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht»[14]. Die Bibel gibt dem Geist Vorrang vor dem Fleisch. Dies findet sich z. B. in Matthäus 6, wenn Jesus der Menge predigt, zuerst nach Gottes Reich zu suchen und erst danach nach materiellen Gütern.[15]

Der Materialismus der Linken findet sich in der Wirtschaftstheorie von Adam Smith[16] wieder (der Marx beeinflusst hat), und ebenso in den Theorien der Rechten wie dem Neoliberalismus.

Diese starke Betonung eines materiellen Menschenbilds von Teilen der Linken führt zu einem unüberwindlichen Widerspruch zwischen linken Bewegungen und Christen. Die Linke täte gut daran, ihr Menschenbild zu revidieren, damit es dem geistlichen Aspekt des Lebens mehr Rechnung trägt. Diesen Weg schlagen übrigens die Grünen ein, wenn sie von Lebensqualität sprechen (weniger Verschmutzung, Umweltethik usw.), womit der rein materialistische Lebensrahmen, bei dem es nur um die Umverteilung des Reichtums geht, gesprengt wird. Der amerikanische Politologe Ronald Inglehart spricht dabei vom Postmaterialismus.[17]

4. Optimismus

Viele Sozialdemokraten (und Kommunisten) glauben, dass sich der Mensch dank Bildung, sozialer Integration durch Arbeit, Verbesserung der moralischen (erteilte Grundrechte usw.) und materiellen Voraussetzungen (soziale Rechte, höhere Löhne usw.) usw. grundlegend verbessern kann. Im gleichen Sinn wird oft geglaubt, der Mensch sei grundlegend gut und werde durch das politische System verdorben. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau[18] entwickelte diese Idee und sprach zuerst vom «guten Wilden»; dem Menschen, der ausserhalb der Gesellschaft lebt und darum unverdorben sei. Später entwickelte er die Idee, die Institutionen müssten verbessert werden, damit der Mensch und dessen Verhalten verbessert würde. Mit diesen Institutionen sind die Gesetze (Verfassung, Strafrecht usw.) oder abstraktere Regeln und Prinzipien gemeint, wie die politische Kompromissfindung und der Konsens.

Zu dieser optimistischen Sicht von Philosophen wie Rousseau und den französischen Revolutionären gehören der starke Wille und der Glaube an die Fähigkeit, mit effizienten Gesetzen die Gesellschaft regeln zu können. Ein interessantes Beispiel dafür waren die Preissenkungen für Nahrungsmittel während der französischen Revolution.[19] Ergebnis: Eine Art Messianismus und der Glaube, dass ein geeigneter Gesetzesrahmen alle sozialen und wirtschaftlichen Probleme lösen könnten.

Die biblische Kritik ist grundlegender Art.

1. Der Mensch ist zwar nicht grundlegend schlecht, er steht aber unter der Herrschaft der Sünde. Trotz seinem freien Willen kann er nicht umhin, zu sündigen.[20]

2. Der Mensch kann sein Verhalten und seine Werte ändern, aber nicht aus eigener Kraft, sondern durch den Heiligen Geist, der die Christen verwandelt und führt. Ansonsten bleibt er unter der Herrschaft der Sünde. Doch trotz dem Handeln des Heiligen Geistes bleibt der Mensch fehlbar und ist berufen, selbstdiszipliniert Busse zu tun[21], um Gott nahe zu bleiben und gegen die Sünde zu kämpfen. Darum ist es auch falsch, zu behaupten, die Bibel verhindere den sozialen und menschlichen Fortschritt, die Demokratie oder die Stärkung der Menschenwürde. Dass dies aber ohne Gott und nur durch den menschlichen Willen möglich sei, steht im Widerspruch zur Bibel und verkennt vor allem die Rolle Gottes bei der Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft.

Übrigens bringt die von der Bibel verlangte Nächstenliebe den gesellschaftlichen Fortschritt mit sich, weil damit die Sorge um die Schwächsten der Gesellschaft mitgemeint ist. Daher ist das optimistische Menschenbild der Linken nicht mit dem Menschenbild der Bibel vereinbar. Die Bibel verlangt grössere Demut und betont die Bedeutung des göttlichen Rahmens.

5. Anthropozentrismus

Wie die humanistisch geprägte Aufklärung glaubt und vertritt die Linke, dass der Mensch im Zentrum der Gesellschaft stehe. Dies besonders in der historischen Abwendung vom Königtum aus Gottes Gnaden, das seine Macht direkt von Gott erhielt. Gewiss kann dieser Fragenkomplex nicht in einem einzigen Absatz abgehandelt werden, wirft er doch eine grosse Zahl philosophischer Fragen auf, und die These des Anthropozentrismus’ wird auch aus nicht-biblischer Sicht vielfältig kritisiert.

Für die Christen ist einer der ersten Grundsätze, dass der von Natur auf sündige Mensch zum Leben auf Gott angewiesen ist. Die Bibel beschreibt Gott als allmächtigen, ewigen und souveränen Herrscher über die Schöpfung, trotz dem Leiden und obschon die Eigenschaften Gottes für den Menschen nicht immer ersichtlich und verständlich sind.

Die beste Reaktion auf den Anthropozentrismus besteht nicht darin, Gott einfach als dem Menschen, der sich ihm wie in einer Diktatur unterziehen muss, übergeordnet darzustellen. Durch das Wirken Jesu Christi nimmt Gott Menschenform an, erlebt und erleidet das menschliche Leiden bis zum Tod am Kreuz. Ausserdem verhält sich Jesus in den Evangelien nicht wie ein Diktator, sondern wäscht den Jüngern beispielsweise die Füsse.[22] Dazu kommt, dass wir, wenn wir Christen werden, Anteil an der Hoffnung auf die Auferstehung und das ewige Leben haben.

Diese Aspekte ergeben ein christliches Menschenbild, das viel reichhaltiger ist und sich stark vom simplen Humanismus unterscheidet, der den sich selbst genügenden Menschen ins Zentrum aller Dinge stellt. Das christliche Menschenbild begegnet besser den menschlichen Bedürfnissen, indem es die Auferstehung und das ewige Leben in Aussicht stellt und dem Menschen die Möglichkeit gibt, an Gottes Natur teilzuhaben.[23] So wird der Mensch freigesetzt und erlebt, wie seine wahren Bedürfnisse gestillt werden, während der Anthropozentrismus alles, was von aussen kommt, ablehnt.

Die christliche Kritik des Anthropozentrismus’ besteht also darin, dass er unbiblisch ist, dass der Mensch der Bibel nicht Gefangener eines tyrannischen Gottes ist und vor allem dass der göttliche Rahmen für den Menschen notwendig ist.

6. Privatmoral

In diesem Abschnitt geht es um das kontroverse Thema, über das schon viel geschrieben wurde. Die Sexualmoral stellt einen der Hauptkonfliktpunkte zwischen Christen und Linken dar. Im Allgemeinen setzt sich die Linke für das Recht auf Abtreibung und homosexuelle Partnerschaften ein, während die Christen tendenziell dagegen sind. Grob gesagt unterstützt die Linke das Recht auf Abtreibung als Ausdruck der individuellen Freiheit der Frau und ihre Emanzipation vom gesellschaftlichen Druck (der Männer), wonach sie ihr Kind behalten soll, weil beispielsweise der Vater es so will oder die Gesellschaft auf höhere Geburtenraten angewiesen ist.

Bei der Homosexualität wird auch mit der individuellen Freiheit argumentiert, wonach die Sexualität eine rein private Angelegenheit sei. Auf dieser Grundlage wehrt sich die Linke gegen jegliche normative Intervention im sexuellen Bereich, die vorschreibt, was man darf und was nicht.

Es scheint eher erstaunlich, dass die Linke in diesem Bereich die individuelle Freiheit gross schreibt, wo sie sich doch sonst für das Allgemeinwohl und eine solidarische Sicht der Gesellschaft einsetzt. Wenn in diesem Bereich eine kollektive Sicht gewahrt würde, würde sich das z. B. im Begehren äussern, dass es weniger Abtreibungen gebe und dass die Familie gefördert werde, damit die Bevölkerung erneuert werden kann.

Aus biblischer Sicht scheint es angesichts der Psalmen[24] und der Geschichte bei Lukas, wonach Johannes der Täufer bei der Begegnung mit Maria im «Leibe» seiner Mutter «gehüpft» sei[25] schwierig, ein Kind vor der Geburt nicht auch als vollwertigen Menschen zu betrachten. Doch die Debatte wird dadurch verfälscht, dass die meisten Argumente zugunsten der Abtreibung auf die Würde und Personenrechte der Frau insistieren – was durchaus legitim ist –, das Kind aber eigentlich ausgeblendet wird. So erscheinen die Abtreibungsgegner rückständig, weil sie sich in die Frauenrechte einmischen und die Rolle des Vaters, des Kindes und der Gesellschaft einbringen. Wenn also von der Frau verlangt wird, nicht abzutreiben, erscheint das, als ob ihr das Recht über ihren eigenen Körper entzogen und einem anderen gegeben würde. Ausserdem wird ein Abtreibungsverbot als Erniedrigung der Frau wahrgenommen, weil über ihrem Kopf hinweg über das Schicksal ihres Kindes entschieden wird.

Die Standpunkte scheinen an dieser Stelle völlig unvereinbar. Links wird eine Frau mit einem unveräusserbaren persönlichen Entscheidungsrecht über ihr Kind gezeichnet, während eine biblische Sicht die Frau und das Kind als eigenständige Menschen mit je eigener Würde sieht. Kein biblischer Text handelt direkt von Abtreibung und einem allfälligen Verbot. Aufgrund des christlichen Ansatzes kann aber gesagt werden, dass Frauen, deren dramatische Lebenslage sie zur Abtreibung treibt, geholfen werden muss, statt einfach die Abtreibung zu legalisieren.

So könnte man einen Gesetzesrahmen schaffen, der den Familien und Frauen hilft, die sich aus finanziellen oder anderen Gründen zur Abtreibung gezwungen sehen, damit sie nicht abzutreiben brauchen. Das Grundproblem der Linken ist hier, dass sie dazu tendiert, die Sexualität als reine Privatsache zu sehen, während sich diese extrem stark auf die ganze Gesellschaft auswirkt.

Keine Illusionen zur Homosexualität: Sie wird von der Bibel verurteilt.[26] Doch ruft die Bibel nicht zur Verfolgung der Homosexuellen auf. Nirgends heisst es, eine staatliche Behörde solle die Homosexuellen unterdrücken (es sei denn, man stütze sich nur auf eine wörtliche Auslegung des Alten Testaments). Die wahre Frage zur Homosexualität ist, ob die Gesellschaft die Homosexuellen verfolgt. Als Christen können wir einen Rahmen und eine Stimmung schaffen, die das verhindern, denn Jesus ist für die ganze Menschheit und auch für die Homosexuellen gestorben.

Der Schluss ist klar: Es besteht ein grundlegender Widerspruch zwischen einer biblischen Sicht von Sexualität und Abtreibung einerseits und der Sicht eines Teils der Linken, der das Recht auf Abreibung und auf homosexuelle Partnerschaften personenrechtlich verteidigt.

Trotzdem können Gemeinsamkeiten gefunden werden, wie z. B. finanzielle und praktische Hilfsangebote für Frauen, die sonst abtreiben würden. Bei der Homosexualität ruft die Bibel die Christen nicht auf, die Homosexuellen zu verfolgen. Christus bringt den Homosexuellen und allen Sündern grössere Liebe und Verständnis entgegen als es ein Gesetzesartikel gegen Diskriminierung oder für spezifische Rechte könnten. Doch verdient diese Idee noch, weiter entwickelt zu werden. Man kann durchaus gegen eine registrierte Partnerschaft sein und sich gleichzeitig gegen eine Diskriminierung der Homosexuellen einsetzen.

7. Klassenkampf

Die marxistische Theorie besagt, dass das Funktionieren und die Geschichte der Gesellschaft anhand eines Mechanismus’, des Klassenkampfs, beschrieben werden kann, der im Prinzip in einer Revolution enden sollte.[27] Grob zusammengefasst führen die sozialen Kämpfe zwischen besitzenden Klassen und Arbeitermassen einst zu einer Revolution und schliesslich zum Verschwinden der besitzenden Klassen.

Das Problem hier ist, dass ein Teil der Linken den Widerstreit der Klassen aufnimmt und als wünschenswert hinstellt, um die eigenen Ideen durchzusetzen. Dies führt zu einer charakteristischen Eigenschaft, die links vorgefunden werden kann: dem Hass der Kapitalisten, der Patrons und der Reichen.[28]

Diese gesellschaftliche Sicht darf durchaus kritisiert werden.

1. Dieser Gedanke widerspricht dem Gebot der Nächstenliebe. Christus ruft uns nicht dazu auf, eine gesellschaftliche oder berufliche Bevölkerungsgruppe im Namen eines Gerechtigkeitsideals zu hassen.

2. Auch wenn Jesus extrem harte Worte gegen die Pharisäer, die Saduzäer und die Schriftgelehrten gehabt hat und auch einige neutestamentliche Briefe sich wortgewaltig gegen die Reichen wenden[29], so ist für Jesus der grösste Feind doch Satan und nicht ein Teil der Bevölkerung. In diesem Sinne sollte die Linke nicht Menschen bekämpfen, sondern Ideen wie Egoismus, Hass, Geringschätzung der Armen usw. Sie tut das zwar auch, leider aber oftmals vermengt mit Hass gegen die Reichen und die Patrons.

3. Ein weiterer Einwand betrifft das Gesellschaftsbild. Im alten, vormarxistischen Kommunismus, wie z. B. im alten Griechenland, führt dieses Ideal vielmehr zu einer durchstrukturierten Gesellschaft, in der jeder seinen Platz hat.[30] Dies hebt sich deutlich ab vom Klassenkampf, wo eine Bevölkerungsgruppe ja zugunsten einer anderen verschwinden soll.

In einer biblischen Argumentation kann das Alte Testament zitiert werden, in dem alle Bevölkerungsschichten ihren Platz haben und unter Schutz gestellt sind. Hinzu kommen Schutz- und Solidaritätsmechanismen, wie z. B. dass die Ärmsten von Hand Weizen nachlesen können, alle 7 Jahre die Sklaven freigelassen und die Schulden erlassen werden usw.[31]Eine interessante Umsetzung davon war die mittelalterliche Gesellschaft mit ihren Zünften, in der alle ihren Platz hatten. Doch auch dieses Gesellschaftsbild kann kritisiert werden. Heute stützen sich aber gewisse Politologen auf ähnliche Theorien, um die sozialen und wirtschaftlichen Fortschritte in Skandinavien, den Niederlanden und der Schweiz seit dem 2. Weltkrieg zu erklären.[32]

Der Klassenkampf und die sich daraus ergebende Wahrnehmung der sozialen Beziehungen stellt trotz seinen heuristischen Aspekten einen Gedanken dar, der die Linke vergiftet und in Widerspruch zur Bibel bringt. Die Bibel spricht vielmehr von einer wohl organisierten, harmonischen Gesellschaft, deren Rollen klar definiert sind (z. B. die Leviten), predigt nicht aber die Auslöschung einer Klasse.

So sehen wir, dass sich zahlreiche Ideen der Linken, namentlich Gesellschafts- und Menschenbild, stark von der biblischen Lehre absetzen.

8. Gemeinsamkeiten

Zum Abschluss wollen wir auf Werte und Denkweisen hinweisen, bei denen sich biblische Botschaft und Linke einig sind. So deutlich ist diese Einigkeit, dass man annehmen kann, die Bibel habe einen wesentlichen Einfluss auf die Ideen der heutigen Linken ausgeübt. Somit besteht keine vollständig Inkompatibilität zwischen linken Werten und biblischer Botschaft. Dazu einige Beispiele.

Soziale Gerechtigkeit und Einsatz für die Armen

Die Linke ist in ihrem Grundsatz eine Bewegung, die sich kritisch mit den Mängeln der Gesellschaft auseinandersetzt. Daher betont sie auch die Kritik der Armut und der sozialen Ungleichgewichts, und die Arbeiterbewegungen sind eher links ausgerichtet.

Auch die Bibel äussert sich ganz in diesem Sinn und fordert bereits im Alten Testament einen Schutz für die Armen und die Pflicht, ihnen zu helfen. Sie verurteilt es, wenn sie gering geschätzt werden.[33] Bei den Propheten finden wir viele Stellen, in denen Gott die Israeliten nicht nur wegen Götzendienst und Untreue verurteilt, sondern auch weil sie Witwe und Waise unterdrücken.[34]

Im Neuen Testament finden sich dieselben Gedanken z. B. in den Evangelien. Jesus sagt seinen Jüngern, sie hätten immer Arme unter sich, denen sie helfen könnten.[35] Auch andere Texte sprechen von der Armenhilfe, wie die Frage der vernachlässigten Witwen in der Apostelgeschichte[36] oder Johannes, der die Christen auffordert, ihr Herz nicht für die armen Brüder zu verschliessen.[37] Dies zeigt, dass die Bibel zu sozialer Gerechtigkeit verpflichtet, ohne aber zu präzisieren, ob dies durch private oder staatliche Mittel geschehen soll.

Machtkritik

In vielen Ländern ist die Linke nicht an der Macht und kritisiert die Machthaber. Weil sie per Definition eine Bewegung ist, die politische und soziale Veränderungen herbei führen will, legt sie den Finger auf die entsprechenden Probleme und fordert deren Lösung.

Auch die biblischen Texte verfolgen einen ähnlichen Ansatz. So spricht auch Jesus von den Machthabern, welche die Völker unterdrücken[38] und kritisiert das Verhalten der Pharisäer und Schriftgelehrten, die den Menschen Lasten auferlegen oder deren Verhalten heuchlerisch ist.[39] Somit ist die Machtkritik der Bibel derjenigen der Linken sehr ähnlich.

Gesamtgesellschaftliche und soziale Sicht

Im Allgemeinen wird in den linken Bewegungen Gewicht auf kollektive Werte gelegt und der Individualismus kritisiert. Sie kümmern sich im selben Sinn auch um den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Auch in der Bibel findet sich eine kollektive, gemeinschaftliche Sicht des jüdischen Volkes und der Gemeinde als Leib Christi. So spricht Paulus den Korinthern und Ephesern zu, sie seien «untereinander Glieder»[40]. Es könnte eingewendet werden, diese Vorschrift beziehe sich nur auf die Gemeinde. Darf aber etwa gefordert werden, diese Ideale in den Kirchen einzusperren? Wenn wir diese Grundsätze als Christen akzeptieren, wie könnten wir dagegen sein, sie auch für die Gesamtgesellschaft umzusetzen?

9. Schlussfolgerung

Diese Ausführungen haben uns gezeigt, dass gewisse Aspekte der Linken, die nicht unbedingt von allen linken Repräsentanten vertreten werden, kritisiert werden müssen, weil sie im Widerspruch zur Bibel stehen. Im Übrigen werden gewisse Aspekte nicht nur von der Linken vertreten und können von anderen Bewegungen aufgenommen werden. Es wäre wünschenswert, dass die Linke ihre Sicht und ihre Vorurteile den Christen gegenüber überdenkt, denn die der Linken und der Bibel gemeinsamen Themen zeigen, dass die Bibel Antworten auf die Fragen hat, welche die Linken aufwerfen. Was es aber schliesslich braucht, ist eine Grundsatzdebatte, denn die hier angesprochenen Fragen übersteigen die politische Ebene bei weitem.

Thomas Tichy, Politologe, September 2010

Übersetzung: Samuel Ninck-Lehmann

 


[1] MOURRE, Michel, GREBING, Helga, DILL, Günter, Encyclopédie politique: le socialisme. Diffusion littéraire universelle PMS, Paris. 1975. S. 24-25

[2] Wir denken da besonders an die Politik von Émile Combes (1835-1921), einem französischen Politiker, Präsident des Staatsrats (1902-1905): MOURRE, Michel, Dictionnaire encyclopédique d'histoire, Bordas, Paris. 1986.

[4] vgl. Jes. 3,15; 10,2.

[5] vgl. Lobgesang von Maria: Luk. 1,46-56.

[6] vgl. Luk. 11,37-54.

[7] Luk. 4,14-30.

[8] Apg. 9,15.

[11] COURTOIS, Stéphane: Dictionnaire du communisme, Paris. 2007. S. 387

[12] MOURRE, Michel, Dictionnaire encyclopédique d'histoire, Bordas, Paris. 1986. S. 2503.

[13] Jak. 3,13-18.

[14] 5 Mos. 8,3.

[15] Matt. 6:33.

[16] Schottischer Philosoph und Ökonom (1723 1790); einer der Begründer des wirtschaftlichen Liberalismus’.

[18] MOURRE, et. al.: Le petit Mourre, Bordas, Paris. 1993. S. 772

[20] Die nestorianische Häresie vertrat die Ansicht, dass es für Christen möglich sei, aus eigener Anstrengung nicht zu sündigen. Diese Irrlehre wird von der Bibel widerlegt (Röm. 3,23; 7; 1Joh. 1,8).

[21] 1Joh. 1,8 und Heb. 6,1-2.

[22] Joh. 13,1-20.

[23] 2Pet. 1,4.

[24] vgl. Ps 139.

[25] Luk. 1,41.

[26] Röm. 1,26-27; 1Kor. 6,9; 3Mos. 18,22; 20,13.

[27] COURTOIS, Stéphane: Dictionnaire du communisme, Larousse, Paris. 2007. S. 387.

[28] EMPTAZ, Eric, et. al.: Les dossiers du Canard enchaîné : Jospin, voyage au centre de l’austère, Le Canard enchaîné, Paris. 2001. S. 76-77.

[29] Jak. 2,1-13; 5,1-6; Luk. 6,24; 1,46-56.

[30] MOURRE, Michel, GREBING, Helga, DILL, Günter: Encyclopédie politique: le socialisme, Diffusion littéraire universelle PMS, Paris. 1975. S. 24-25.

[31] 3Mos. 19,9-11: Eine Ecke des Feldes nicht abernten, damit der Elende und Ausländer zu essen findet. Dieser Befehl wird wiederholt in 3Mos. 23,22. In 3Mos. 25,17.35-55 wird verlangt, dass der Nächste nicht übervorteilt werden soll. Ein verarmter Israelit darf sich versklaven lassen, muss aber nach 6 Jahren wieder frei gegeben werden.

[32] Sog. Neokorporatismus; vgl. NAY, Olivier, et. al.: Lexique de science politique, Dalloz, Paris. 2008.

[33] Spr. 14,31; 17,5; Jak. 2.

[34] Am. 2,6.

[35] Mark. 14,7; Joh. 12,8.

[36] Apg. 6,1.

[37] 1Joh. 3,17.

[38] Luk. 22,25-26.

[39] Matt. 23.

[40] Ep. 4,25.

 

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