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Eine Bibelarbeit zu Röm. 14,1 ? 15,13

 

Einleitende Überlegungen

 

Ab Kapitel 14,1 greift Paulus ein Problem der Gemeinde in Rom auf. Offensichtlich gab es zwei Gruppen, die miteinander im Streit lagen: die ?Starken? und die ?Schwachen?. Auslöser für den Zwist waren die Fragen von Speisevorschriften und das Beachten von besonderen Tagen. Das Problem war nicht neu, bereits im Konzil von Jerusalem (Apg. 15) wurde es debattiert.

 

Bevor wir uns in den Text stürzen, halten wir zwei Beobachtungen fest:

 

· Im Gegensatz zu Gal. 4,10ff. und Kol. 2,16-23, wo auch von Speisevorschriften die Rede ist, gibt sich Paulus den Römern gegenüber sehr tolerant und grosszügig. In den zwei anderen Briefen geht er auf Konfrontation. Offensichtlich besteht zwischen dem Problem in Rom und dem bei den Galatern und Kolossern ein Unterschied: Im Kolosser- und Galaterbrief wendet sich Paulus gegen Gesetzeslehrer, die behaupten, Speisevorschriften und andere besondere Handlungen seien zwingend für die Geistlichkeit und Rettung der Menschen. Das berührt den Kern des Evangeliums. Anders im Römerbrief: Hier ist das Thema allgemeiner Art und fällt unter die Rubrik der Worte Jesu: ?Was der Mensch isst, verunreinigt ihn nicht, sondern was aus seinem Herzen herauskommt.? Thema sind also nicht die Frage nach dem Heil oder dem Weg zu höherer Geistlichkeit, sondern schlicht unterschiedliche Ansichten zu gewissen Aspekten der Nachfolge.

· Während Personen, die gewisse Speisen nicht essen oder gewisse Tage besonders beachten, sich üblicherweise als die geistlicheren sehen, argumentiert Paulus genau anders: Schwach ist, wer meint, besondere Dinge beachten zu müssen. Stark sind jene, die das nicht tun müssen. Da würde Paulus wohl im manchen Konflikt unserer Tage die Rollen auch anders verteilen, als es zuweilen getan wird….

 

Paulus baut seine Argumentation auf:

 

1. Bevor Paulus irgend etwas sagt, ruft er zur Einheit auf (14,3-4, 13, 15,7-13). Offensichtlich lief das bei den Christen in Rom, wie es bei uns heute noch läuft: Die Starken laufen Gefahr, die anderen zu belächeln oder gar zu verachten – das ist ihre Art, sich dem Druck der Schwachen zu entziehen: Sie als schwach, hinterwäldlerisch oder als solche abzutun, welche die Freiheit in Christus noch nicht kennen. Und die Schwachen? Sie kämpfen auch erfolgreich und greifen die Starken als gottlos, weltlich und liberal an. Ein immer sehr wirksames Argument in der Gemeinde Jesu! Mit beiden kennt Paulus aber kein Erbarmen: Wer den Schwachen verachtet, der macht seine Freiheit zum Joch für den anderen. Und wer den Starken in seiner Freiheit nicht annimmt, der will heiliger als Gott sein, denn Gott hat ihn längst angenommen (14,6-12).

 

2. Nun definiert der Apostel Einheit (12,5): Die einzelnen Gläubigen haben das Recht, gewisse Dinge unterschiedlich zu sehen. Für Paulus gründet sich Einheit nicht in übereinstimmenden Meinungen, sondern in der Annahme des anderen in seiner Unterschiedlichkeit. Einheit in Vielfalt ist seine Devise!

 

3. In 14,23 setzt er den Glauben des Einzelnen als Grundlage für dessen Handeln voraus. Alles, was ein Mensch nicht aus der vertrauensvollen Beziehung zu Gott tut, das ist Sünde. Paulus geht davon aus, dass der Einzelne Christen sehr wohl in der Lage ist, selber zu entscheiden, was seine Gottesbeziehung verletzen könnte. In der Gemeinde muss nicht alles für alle geregelt sein, denn Paulus macht Ernst damit, dass der Geist in jedem Christen wohnt. Er gesteht ihm eine eigene, mündige Gottesbeziehung zu.

 

4. Doch nun setzt er der persönlichen Freiheit Grenzen: Der Mitchrist (14,13ff.). Aus Liebe zu seinem Mitchristen beschränkt sich Paulus lieber in seiner Freiheit und nimmt Rücksicht. So betont er einerseits Eigenverantwortung und freien Gestaltungsraum, weist aber andererseits darauf hin, dass die Gemeinde ein Leib ist und die Gläubigen daher unauflösbar miteinander verbunden sind. An beidem hält er gleichermassen fest.

 

5. Die Grenze dazwischen umreisst er noch etwas genauer: Sie ist da erreicht, wo ein Mitchrist ?Anstoss? nimmt. Unser deutscher Begriff ist hier etwas irreführend. ?Ich stosse mich daran? kann bei uns auch heissen: Es ärgert mich, oder es passt mir nicht. Doch das meint Paulus hier nicht, sondern er will niemanden durch sein Verhalten dazu verleiten, gegen seinen Glauben zu handeln und somit zu sündigen. Thema ist also nicht eine Meinung, ein ?Geschmack? oder etwas, worüber jemand sich ärgert, sondern eine gefährdete Gottesbeziehung. Wer andere manipuliert, indem er sagt, er ?nehme Anstoss daran?, es aber keineswegs seine Gottesbeziehung gefährdet, missbraucht Paulus und muss selber sehen, wie er mit seinem Ärger und ?Anstoss? fertig wird. Das ist sein Problem, seine ?Sünde?, und nicht das Problem des Anderen.

 

6. Paulus rundet seine Ermahnung mit dem Vorbild Jesu ab (15,1-6) und ruft noch einmal zur Einheit auf ((15,7-13).

 

Fazit:

 

· Bei mitleidvollem Lächeln der Befreiten (Starken) oder bei frommer Manipulation und Druck der ganz Geistlichen (Schwachen), kennt Paulus nur eines: gegenseitige Annahme und Wertschätzung.

 

· Für Paulus (und wohl auch für uns…) gibt es Dinge, die ethisch neutral sind. Damit sie nicht zur Spaltung führen, umreisst er folgenden Verhaltenskodex:

 

1. Ethisch Neutrales darf nicht als heilsnotwendig erklärt werden, und es darf auch nicht der Anspruch erhoben werden, durch gewisses Verhalten besonders geistlich zu sein.

 

2. Niemand soll durch sein Verhalten jemanden dazu verleiten, gegen seine Glaubensüberzeugung zu handeln. Befohlene Freiheit ist keine wirkliche Freiheit und befreit niemanden.


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Atten. Getter: Ihr macht jemandem ein Geschenk und diese Person nimmt das Geschenk und in kürzester Zeit ist es kaputt, weil sie Dinge damit gemacht hat, für die das Geschenk nicht gedacht war. Wie fühlt ihr? So oder ähnlich wird sich Gott fühlen, wenn er daran denkt, wozu er uns seine Schöpfung anvertraut hat.

Einleitung:

Gott hat aus dem Nichts, aus dem Chaos eine herrliche Schöpfung bereitet und uns Menschen dadurch einen Lebensraum gegeben, indem wir uns entfalten können. Gleichzeitig hat er uns als Abbild seiner Herrlichkeit in diese Schöpfung gestellt und sie unserer Fürsorge anvertraut. Doch was haben wir daraus gemacht? Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass wir am Rande des ökologischen Zusammenbruchs sind. Der Lebensraum, den Gott uns anvertraut hat wird uns zum Todesbereich, und wir Christen können uns davor nicht verschliessen, wenn uns wirklich ernst damit ist, dass diese Schöpfung Gottes Werk ist.

In einem ersten Schritt wollen wir einmal ganz offen der Krise unserer Umwelt in die Augen schauen und dann sehen, worin unser Auftrag als Christen besteht.

1. Die Krise

Wir wollen zuerst zusammentragen, wodurch Gottes Schöpfung gegenwärtig bedroht wird:

· Abgase (Brenn- und Treibstoffe) – Ozonloch

· Raubbau der Rohstoffe

· Atom und Atommüll

· Müllberge

· Giftstoffe in Wasser, Land und Luft

· Chemie und ihre Abfälle

· Abholzung des Regenwaldes

· Aussterben vieler Tierarten täglich

· Überfischung der Meere

· Gemästete Tiere mit Antibiotika machen Bakterien resistent

· Zunehmende Erkrankungen der Atemwege; Krebs und andere Zivilisationskrankheiten

Der Lebensraum, den Gott uns geschaffen hat, ist weltweit aus dem Gleichgewicht gefallen und die grösste Gefahr dieser Krise ist, dass wir immun davor werden und gar nicht mehr auf die Probleme reagieren.

Wenn wir uns einmal überlegen, woher all diese Probleme kommen, dann sind wir ganz schnell bei einem der Hauptprobleme: die Menschen wollten mit begrenzten Möglichkeiten unbegrenzte Ansprüche stillen: immer schneller, immer mehr, immer besser. Zudem haben die Menschen die Erde nach den Wertvorstellungen menschlicher Machtentfaltung verwaltet und nicht nach den Massstäben göttlicher Gerechtigkeit. Da sind wir uns selber ins offene Messer gelaufen; oder anders ausgedrückt: mit unserem Wunsch nach unbegrenzten Möglichkeiten sägen wir den Ast ab, auf dem wir selber sitzen. Anstatt in fürsorglicher Art und Weise dieser Schöpfung zu dienen, haben wir uns die Schöpfung dienlich gemacht, und dadurch ist sie aus dem Gleichgewicht gefallen. Wir wollen nur noch Grenzen sprengen und überwinden anstatt in Grenzen zu leben. Fortschritt ist halt nicht alles ? es gibt auch noch das Gleichgewicht.

Die Aussage des Paulus in Röm. 8,19-23 stimmen heute mehr denn je: die ganze Schöpfung ist in Mitleidenschaft gezogen worden und wartet unter Seufzen auf ihre Erlösung.

Als Christen müssen wir lernen, dass wenn wir von der Sünde der Menschen sprechen, wir nicht nur von Scheidung, Abtreibung, Alkohol oder was weiss ich was reden, sondern von der Ausbeutung der Schöpfung Gottes, von Umweltsünden und vom Glauben, dass es für den Fortschritt keine Grenzen gäbe. Umweltsünden sind auch Sünden an Gott und an unseren Mitmenschen, genau wie Abtreibung, Rassissmus, Pornographie und jede Form von Gottlosigkeit. Im Bereiche der Umweltsünden wird das Werk Gottes täglich mit Füssen getreten, und wir können es uns als Gemeinde nicht leisten, uns auf einige Spezialthemen zu begrenzen und diesen Bereich einfach den anderen zu überlassen. Schliesslich ist die Fürsorge der Schöpfung der erste Auftrag des Menschen gewesen und entspricht sozusagen seinem Urauftrag. Natürlich wissen wir, woher diese Probleme kommen, und gerade deshalb haben wir einen wesentlichen Beitrag zu leisten. Wenn für die Gemeinde der Umgang mit der Schöpfung Gottes kein Thema ist, nur weil es von den Grünen besetzt ist, ist das eher ein Armutszeichen als ein Zeichen von Geistlichkeit.

Das führt uns nun zu unserem Auftrag in der Schöpfung

2. Unser Auftrag

Unser Auftrag ist kurz umrissen die Erhaltung und Entfaltung der Schöpfung Gottes, also des Raumes, den er uns gegeben hat. Nun können wir weder Busch noch irgend eine Regierung dazu bewegen, den CO2 Ausstoss zu reduzieren, wir können die Chemiekonzerne nicht dazu anhalten, ihr Umwelt belastendes Material in Wasser, Luft und Erde abzustossen und wir werden Schlachtgrossbetriebe kaum davor abhalten, ihre Tiere mit Antibiotika zu füttern, damit sie in noch kürzerer Zeit noch mehr Fleisch hergeben. Ich weiss auch nicht, ob ich bereit bin auf das Auto zu verzichten, nur noch beim Bauern einzukaufen und den Müllberg zu verringern. Obwohl das alles sehr erstrebenswert wäre und eventuell der einzige Weg ist, uns vor der Katastrophe zu bewahren.

Ich glaube, einer unserer ersten Beiträge den Auftrag an der Schöpfung Gottes wahrzunehmen ist neu zu lernen mit Grenzen zu leben und diese als Schutz und als Hilfe und nicht als Einengung zu sehen. Die Masslosigkeit und die Grenzenlosigkeit unserer Zeit führt buchstäblich zu einer masslosen und grenzenlosen Katastrophe und unsere Bereitschaft Mass zu halten, Grenzen zu akzeptieren rührt an das Grundproblem. In Bezug auf die Schöpfung heisst es in der Bibel immer wieder, dass Gott Grenzen gesetzt hat; dem Wasser, dem Land und allem auf dieser Erde. Grenzen sind nicht einfach eine Herausforderung, um einen Weg zu suchen, um diese zu sprengen, sondern eine Linie, die Gott uns gegeben hat, damit sie nicht übertreten wird.

Weiter glaube ich, dass wir als Gemeinde unsere Stimme in Sachen Umwelt genauso erheben müssen wie gegen die Abtreibung oder gegen Rassissmus. Gott hat uns die Natur, die seine Schöpfung ist, nicht einfach dazu gegeben, dass einige daraus möglichst viel Gewinn und Kapital schlagen, sondern dass sie in einem Gleichgewicht bestehen kann, so dass alle sich darin entfalten können. Wenn wir zu diesen Themen schweigen haben wir praktisch Gott als dem Schöpfer dieser Welt abgesagt, auch wenn wir noch so vehement dafür eintreten mögen, dass Gott diese Welt in buchstäblichen sieben Tagen geschaffen hat. Wenn wir uns nicht zum Umgang mit der Schöpfung äussern, spielt es auch keine Rolle mehr, wer und in welcher Zeit sie geschaffen wurde.

Und letztlich wird es auch immer eine Frage des Lebensstils sein. Wir werden nicht umhin kommen, uns immer wieder kritisch zu hinterfragen. Vielleicht ist der Preis für teurere, umweltverträglichere Produkte langfristig der kleinere Preis, denn der Preis für umweltschädliche Billigprodukte könnte der Zusammenbruch und der Tod sein. Auch hier sollten wir nicht schlauer als Gott sein wollen.

Schluss
Wie wir das im einzelnen ausleben können, welche Möglichkeiten und Aufgaben wir hier im Konkreten haben, darüber müssen wir weiter diskutieren. Eines aber ist sicher: Gott hat seine Schöpfung unserer Fürsorge anvertraut; sie gehört auch zu jenen uns anvertrauten Pfunden, mit denen wir schaffen sollen. Dies einfach einigen Spezialisten zu überlassen, ist eine sträfliche Vernachlässigung unseres Auftrags.


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Atten. Getter: ?Am Ende bleibt uns nur das übrig, was wir verschenkt haben.? Mit dieser Aussage im Hinterkopf, wollen wir uns dem Text zuwenden:

Hintergrund:

Der gelesene Abschnitt gehört wohl mit dem vorherigen untrennbar zusammen. In Kap. 20,45-47 greift Jesus die Frömmigkeit Schriftgelehrten massiv an und wirft ihnen u.a. vor, sie seien Immobilienhaie, die sich auf Kosten der Armen bereichern. Und nun stellt er die vom Geld her gesehen unbedeutende Opfergabe dieser armen Witwe den hohen Summen der Reichen gegenüber. Aber eben, spätestens seit Einstein wissen wir, dass alles relativ ist. Jesus wusste schon lange vor Einstein: die Höhe des Betrags, der gespendet wird, ist relativ. Für die arme Witwe sind zwei Heller relativ viel, nämlich ihr ganzes Lebensunterhalt, für eine andere Person sind zwei Heller nicht viel, grade einmal 1 ½ % eines durchschnittlichen Taglohnes; und für einen Reichen ist es etwas, was er nicht einmal spürt.

Auf Grund von diesem Text, möchte ich zwei Aussagen über den Zehnten und Opfer für uns als Gemeinde sagen und dann einige Schlussfolgerungen ziehen:

1.     Das NT kennt keinen gesetzlichen Umgang mit dem Zehnten oder Spenden

Wenn es in der Bibel um den Zehnten oder um Geldspenden geht, dann kommen uns da äusserst realistische Aussagen entgegen. Im Alten Testament war das recht einfach: die Leviten sind für den Gottesdienst und den Tempel verantwortlich und der Rest des Volkes ist für den Lebensunterhalt der Leviten zuständig. Maleachi greift dann auch das Volk Gottes an und wirft ihnen vor: weil sie den Zehnten nicht zahlen, müssen die Leviten ihren Dienst vernachlässigen, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Im Neuen Testament finden wir ähnliche Aussagen:  wer für das Evangelium arbeitet, soll auch davon leben. Aber nirgends wird der Zehnte als gesetzlich verpflichtender Ansatz vertreten, nirgends wird uns ein Prozentsatz, ein Mindestbetrag oder eine für alle verpflichtende Summe genannt. Das NT kennt keinen gesetzlichen Umgang mit dem Geld, dem Zehnten oder mit anderen Opfern, obwohl das NT ganz klar das Prinzip vom AT her übernimmt, dass das Volk Gottes für das Geld aufkommt, das benötigt wird, um den Dienst der Gemeinde effektiv auszuüben.

Aber weil die Gemeinde weiss, dass selbst Opfer und Spenden relativ sind, hat sie nie ein festes Gesetz daraus gemacht. Für jemanden, der Fr. 4000.?netto verdient und drei Kinder hat, sind 10 % Abgabe relativ viel, jemand, der Fr. 12’000.?verdient und drei Kinder hat, merkt 10 % bedeutend weniger, und wer wie Michael Schuhmacher im Monat 6 Mio. Franken verdient, der spürt die 10 % nicht einmal. Und weil das NT keinen gesetzlichen Umgang mit dem Zehnten kennt, kennen wir das auch nicht.

2.     Das NT kennt eine grosszügige Haltung in Sachen Spenden und Geld

Im Gegensatz zu einer gesetzlich festgelegten Quote, einem Prozentsatz oder einem Mindestbetrag kennt das NT in Sachen Geld und Spenden nur eine grosszügige Haltung. Paulus berichtet von der Sammlung in Mazedonien, dass die Gemeinden über ihr Vermögen hinaus gegeben haben, Jesus spricht von der Witwe, die ihren ganzen Lebensunterhalt gab und Zachäus verschenkte aus Dankbarkeit und Freude am erlebten Heil grosse Teile seines Vermögens.

Ein vorgeschriebener Prozentsatz macht es uns Menschen nur möglich zu sagen: ich habe meine Pflicht erfüllt, der Rest gehört mir. Aber Jesus kennt in diesem Sinn keine Pflichterfüllung. Unser Leben gehört eben Gott, wie wir das letzte Mal gehört haben. Davon dass wir in diesem Sinn je unsere Schuldigkeit geleistet haben, kann gar nie die Rede sein. Aller Umgang mit Spenden, der darauf abzielt, die eigene Schuldigkeit zu leisten und dann frei, ohne Rückbindung an Gott, über den Rest zu verfügen, zielt an dem, was Jesus hier anspricht, vorbei.

Nicht der Prozentsatz und nicht die Höhe des Betrages machen es aus, sondern die grosszügige Haltung. Weder für Jesus noch für die frühe Gemeinde waren Spenden je eine Frage der Pflicht, sondern sie waren ganz natürlicher Ausdruck ihrer Gottesbeziehung. So wie Gott ihnen grosszügig begegnet ist, so sind sie in Sachen Geld grosszügig miteinander umgegangen. Der Bericht über die Gemeinde nach Pfingsten unterstreicht das nur.

In diesem Sinn ist das NT noch viel radikaler als das AT, ohne je in eine gesetzliche Haltung zu fallen. Für den Einen mag der Zehnte buchstäblich zu viel, für den anderen jedoch zu wenig sein. Aber grosszügig sind beide. Ob im NT jemand 5 % oder 20 % gegeben hat, beide haben es aus freudigem Herzen und im Bewusstsein gegeben, dass ihr ganzes Leben sowieso Gott gehört.

  Schlussfolgerung

Ich möchte aus dem einige Schlussfolgerungen ziehen.

1.      Ohne Spenden können wir als Gemeinde unseren Dienst nicht uneingeschränkt wahrnehmen. Daran hat sich seit der Klage Maleachis über den mangelnden Zehnten und dem daraus resultierenden Mangel am Dienst der Leviten im Tempel nichts geändert. Das ist so einfach und so klar wie das 1 + 1 = 2.

2.      Der Prozentsatz oder der Geldbetrag, den wir spenden, richtet sich nach unserem Herzen und unserem Vermögen. Es ist immer eine Frage von beidem. Ob arm oder reich, ob viel oder wenig, gespendet wurde immer mit dankbarem Herzen und grosszügig, und dann spielt es auch keine Rolle, ob jemand 10 Rappen oder Fr. 1’000.?gibt.

3.      Vielleicht ist diese Schlussfolgerung die kritischste: was mir etwas wert ist, lass ich mir etwas kosten. Oder anders gesagt: Ich zeig dir wofür ich mein Geld ausgebe, und du sagst mir, was mir etwas bedeutet. –  Ob wir nun 10 % geben können oder nicht, spielt keine Rolle, aber wenn uns die Gemeinde etwas bedeutet, wenn sie uns wichtig ist, weil wir daraus Nahrung für unser geistliches Leben beziehen, weil sie uns in der Entfaltung unserer Persönlichkeit hilft, weil wir dadurch Gott begegnen, weil wir sie lieben mit all den bunten Menschen in ihr, dann werden wir auch immer einen Weg finden, sie zu unterstützen, denn für Dinge, die uns wichtig sind, finden wir oft einen Weg, um sie zu finanzieren.  Das ist bei allen Menschen so, ob arm oder reich. Das merk ich bei mir, wenn mir an etwas wirklich viel gelegen ist, dann finde ich einen Weg, es zu finanzieren. Ich kann auch bei unseren Jungs schauen, wofür das Taschengeld reicht, und wofür nicht… Dann weiss ich einwandfrei, wofür ihr Herz schlägt.

4.      Was auf einer persönlichen Ebene gilt, gilt auch für die Gemeindefinanzen. Weil wir uns das, was uns wert ist auch etwas kosten lassen, ist es mein Wunsch und mein Ziel dies auch in unserem Gemeindebudget auszudrücken. Unsere Werte als Gemeinde spiegeln sich in den Budgetposten, aber nicht zwingen in der Betragshöhe, nieder. Deshalb haben wir die Missionskollekte auf den Sonntag, mehr ins Zentrum des Gemeindelebens verlegt. Und weil es uns ernst damit ist, dass Jesus für die Armen und Hilflosen dieser Welt gekommen ist, finden auch wir als kleine Gemeinde mit einer eher angespannten finanziellen Situation immer Mittel und Wege Geld für soziale Zwecke einzusetzen; sei dies indem wir wieder einmal allein erziehenden Müttern in der Umgebung etwas zukommen lassen, oder Kinder für das Jungschilager im Herbst, oder Familien für das Familienlager unterstützen.  Wir finden Wege, und dann spielt es auch keine Rolle, dass wir momentan in Prozenten nicht so viel dafür investieren können, wie andere, aber wir investieren. Liebe macht erfinderisch und kreativ. Und wenn wir kein Geld haben, dann gibt es vielleicht andere Wege. Weshalb auch nicht im nächsten Herbst allen alleinstehenden Frauen im Dorf anbieten, die Winterpneus kostenlos zu montieren?


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Anregungen für eine biblische Auseinandersetzung

Gottes Auftrag
Der Schöpfungsbericht beschreibt die Schöpfung der Welt und des Menschen. Oft wird die besondere Stellung des Menschen in der Schöpfung betont. Ich möchte dem keineswegs widersprechen, überträgt ihm Gott doch die Verantwortung über die gesamte Schöpfung und befähigt ihn, diese auch auszuüben; er soll über die Tiere herrschen1. D.h. Gott macht das Schicksal der Schöpfung abhängig vom Willen des Menschen. Es ist aber doch beachtenswert, dass die Erschaffung der ?Natur? im Schöpfungsbericht über 25 Verse2 und ganze fünf Tage beansprucht, die Erschaffung des Menschen aber nur einen Tag und sechs Verse dauert. Gott setzt also fünfmal mehr Zeit (demnach auch Energie, Kreativität…) für die Erschaffung unserer Um-Welt ein als für die des Menschen.

?Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.?3 Gott stellt den Menschen in die Mitte seiner Schöpfung mit einem Doppelauftrag, den man in der heutigen Zeit mit ?Nachhaltigkeit? umschreiben könnte: Der Mensch soll die Schöpfung nutzen, um die Frucht der Erde zu seiner Existenzsicherung zu gewinnen4; dies ist der progressive Aspekt des göttlichen Auftrags. Der konservative Aspekt liegt darin, dass der Mensch die Schöpfung schützen soll. Gott überträgt dem Menschen die Autorität, zu nutzen und zu schützen. Diese Autorität soll er nicht zur Ausbeutung, sondern zur eigenen Existenzsicherung und als Auftragnehmer und Verwalter Gottes nutzen. Der Mensch soll also Gott dienen, indem er die Schöpfung bewahrt.

Teil des Heilsgeschehens
Auch nach dem Sündenfall bleibt Gottes Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, bestehen. Gemäss Paulus ist die Schöpfung ein für alle zugänglicher Gottesbeweis5. Da sie aber der Autorität des Menschen unterworfen ist, trägt sie die Folgen dessen Handeln und ist somit der Zerstörung unterworfen, die durch die menschliche Sünde in die Welt gekommen ist. Genauso wie die Menschen hofft darum die ganze Schöpfung darauf, aus dieser Zerstörung befreit zu werden6. Als Kinder Gottes müssen wir uns der Frage stellen, wie wir die Befreiung der Schöpfung schon jetzt einleiten können; in der gleichen Weise wie wir uns ja auch bemühen, heilig zu leben, obschon wir wissen, dass die wahre Heiligkeit erst im Himmel möglich sein wird.

Teil von Christi Versöhnungswerk
Die ganze Schöpfung ist Gott aber so wichtig, dass er sie in sein Versöhnungswerk einbezieht: In der ursprünglichen Schöpfung waren Umwelt und Mensch in einem harmonischen System verein. Der Mensch als eingesetzter Vertreter Gottes nutzte und bewahrte die Schöpfung in demütiger Haltung als Diener, und das galt auch ihm selber. Durch den Sündenfall wurde diese Einheit zerbrochen. Der Mensch sieht sich nicht mehr als Teil der Schöpfung, die Natur wird zu einer Grösse ausserhalb seiner selbst, die ihm feindlich entgegentritt. Das lateinische Wort natura heisst: die gebären wird. Das verdeutlicht die selbsterhaltende, auf sich selbst konzentrierte Kraft, die der Mensch als feindlich, aber durch ihre Andersartigkeit auch als faszinierend erlebt (Fruchtbarkeitskulte).

Nun wird aber Christus ?der Erstgeborene der Schöpfung? genannt7, mehr noch ? er ist der Ursprung aller Schöpfung: ?In ihm ist alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, erschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare …: Alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Und er ist vor allem, und alles hat in ihm seinen Bestand.?8 Durch den Tod am Kreuz soll der Bruch zwischen Gott und seiner Schöpfung rückgängig gemacht werden: ?Denn [Gott] beschloss, durch [Christus] alles mit sich selbst zu versöhnen, indem er durch sein Kreuzesblut Frieden stiftete ? durch ihn zu versöhnen, sei es, was auf Erden, sei es, was in den Himmeln ist.?9 Gottes Versöhnungswerk geht also über seine Versöhnung mit dem Menschen hinaus und bezweckt auch die Versöhnung der gesamten Schöpfung mit Gott, die Versöhnung des Menschen mit dem Menschen und auch die Versöhnung des Menschen mit seiner Umwelt.

Der Mensch hat also Autorität über seine Umwelt; er missbraucht diese seit dem Sündenfall; Gott aber möchte den Menschen wieder mit seiner Umwelt versöhnen. Daraus ist zu folgern, dass der Mensch, der diese Versöhnung mit Gott und Mitmenschen erlebt hat und immer neu erlebt, auch die Versöhnung mit seiner Umwelt suchen muss. Er kann nicht Jünger des dienenden Gottessohnes sein und gleichzeitig seine Mitgeschöpfe ausbeuten. Wir brauchen eine Bekehrung unserer Beziehung zur Schöpfung, für eine nachhaltige, d.h. schonende Nutzung unserer Umwelt.

Wen beten wir an?
Oft werden Bedenken geäussert, im Umweltschutz würde der Schöpfung eine göttliche Stellung eingeräumt, man verehre die Schöpfung statt den Schöpfer.10 Es muss gesagt sein, dass diese Haltung, die in grünen und alternativen Kreisen gewiss verbreitet ist, nur soviel Raum gewinnen konnte, weil die Christen die Umweltproblematik erst sehr spät erkannt haben und so esoterischem Gedankengut in diesem Bereich während langer Zeit freies Feld gelassen haben. Gerade deshalb ist es so wichtig, zu wissen warum wir Christen berufen sind, zur Umwelt Sorge zu tragen. Dazu einige Gedanken:

In der Bibel kommt sehr klar zum Ausdruck, dass Gott die Schöpfung in einem souveränen Akt erschaffen hat.11 Gott ist Subjekt, die Schöpfung ist Objekt. In keinem Kontext wird diese Abgrenzung in Frage gestellt. Es ist also Gott, dem Anbetung gebührt. Die Bewahrung der Schöpfung kann deshalb nur im Rahmen der Anbetung Gottes erfolgen. Das ist ja auch logisch: Wenn wir die Schöpfung, die eine Leihgabe Gottes ist, kaputtmachen, drückt das keine grosse Wertschätzung für den Schöpfer aus. Es ist ein Akt der Liebe zu Gott, wenn wir versuchen, seine Schöpfung zu bewahren.

In Hiob und zahlreichen Psalmen wird die Schöpfung als Ausdruck von Gottes Allmacht und Kreativität beschrieben.12 Die Ausbeutung der Schöpfung erscheint demnach als Ausdruck des menschlichen Allmachtswahns. Wie können wir Gott mit Psalmen oder Anbetungsliedern für die Schöpfung loben und gleichzeitig sorglos mit den natürlichen Ressourcen umgehen?

Gott ist unvergänglich, während die Schöpfung vergänglich ist. Das bewahrt uns auch vor dem Trugschluss, wir könnten die Schöpfung retten. Wenn einer retten kann, dann ist es Christus. Wir wissen, dass die Schöpfung gut gemacht ist, aber durch die Sünde des Menschen verdorben wurde und tatsächlich eine zerstörerische Seite hat. Aber vergessen wir nicht: Gott verurteilt uns Menschen nicht, weil wir sündhaft und sterblich sind. Er beruft uns vielmehr, ihm schon hier zu dienen und ihn mit unserem vergänglichen Leben zu ehren, obschon das Vergängliche eines Tages zu Ende gehen wird. Ebenso sind wir berufen, die vergängliche Schöpfung zu bewahren, weil sie Gott gehört. Hier heisst es, die Autorität, die uns Gott gegeben hat, auf gesunde Art auszuüben.

Jakobus bezeichnet den Menschen in seinem Brief als Erstling der Schöpfung13 und stellt damit die Chronologie des Schöpfungsberichts auf den Kopf. Wenn das heisst, dass die Schöpfung für den Menschen erschaffen wurde, dann ist aber auch klar, dass Gott die Schöpfung aus Liebe geschaffen hat; er ist ja Liebe, d.h. der Mensch soll die Schöpfung in erster Linie dazu nutzen, seinem Schöpfer Liebe entgegenzubringen, das ist der ?logische? Gottesdienst.

Bewahrung der Schöpfung:
Die Schöpfung dient dem Menschen:

· Sie bietet ihm körperliche, seelische und geistige Erholung.

· Sie bietet ihm eine Lebensgrundlage.

· Sie erinnert ihn an die Allmacht Gottes.

So verfolgt der Mensch zwei Ziele, wenn er seine Umwelt bewahrt:

· Er ehrt Gott.

· Er erhält seine eigene Lebensgrundlage und die seiner Kinder. Sogar dieses Ziel führt im Endeffekt wieder zur Gottesanbetung zurück, weil nur lebendige Menschen Gott auch ehren können.14

Die Schöpfung bewahren ist Zeichen und Zeugnis für unsere Liebe zum Schöpfer.

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1. ?Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen!? 1. Mose 1,27-28

2. 1. Mose 1,1-25

3. 1. Mose 2, 15

4. 1. Mose 1,29: ?Siehe, ich gebe euch alles Kraut, das Samen trägt, auf der ganzen Erde, und alle Bäume, an denen samenhaltige Früchte sind; das soll eure Speise sein.?

5. ?[Gottes] unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, ist ja seit Erschaffung der Welt, wenn man es in den Werken betrachtet, deutlich zu ersehen…? Römer 1,20

6. ?Denn die Sehnsucht des Geschaffenen wartet auf das Offenbarwerden der Herrlichkeit der Söhne Gottes. Denn der Nichtigkeit wurde das Geschaffene unterworfen, nicht freiwillig, sondern um dessen willen, der es ihr unterwarf; auf die Hoffnung hin, dass auch das Geschaffene selbst befreit werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.? Römer 8,19-22

7. ?Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborne der ganzen Schöpfung.? Kolosser 1,15

8. Kolosser 1,16-17. S.a. Offenbarung 3,14: ?…der Anfang der Schöpfung…?

9. Kolosser 1,19-20

10. Damit wird der Umweltschutz mit der Gottlosigkeit des sündigen Menschen in Römer 1,25 in Verbindung gebracht: ?[Sie brachten] den Geschöpfen Anbetung und Verehrung dar … statt dem Schöpfer…?

11. 1. Mose 1+2

12. Hiob 38-41; Psalm 8; 19; 29; 65; 104; 136 u.a.

13. Jakobus 1,18

14. Psalm 115,17

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Wer bezahlt gerne Steuern? Eben! Deshalb haben wir die Tendenz, Steuersenkungen zu fordern und anzunehmen, wo nur möglich…

Was sollte christliche Steuerpolitik leisten?

  • Finanzierung der gemeinsamen Aufgaben
  • Gerechter Ausgleich, da tatsächlich unterschiedliche Chancen und Lebensunterhalts-Fähigkeiten zwischen den Menschen bestehen. In den letzten Jahren setzt sich politisch immer mehr die Angst vor den „Profiteuren unseres Sozialstaates“ durch, dies auf Kosten der Solidarität mit den Schwachen
  • Teilen: dieser Aspekt wird selbst von Christen oft vernachlässigt

Klar: Effizienz im Staat muss sein, und auch die Vorsicht, dass er das Geld vernünftig und gerecht ausgibt

Rahmen der aktuellen Steuerdebatte

In den letzten 10 Jahren sind in der Schweiz die Reichen massiv reicher und die Armen ärmer geworden. Das reichste 1% der Bevölkerung konnte ihr Vermögen verdoppeln, die Kader ihr Einkommen um 20-50% steigern. Die Beschäftigten in den Tieflohnbranchen mussten gleichzeitig einen Einkommensverlust von im Durchschnitt 5% erleiden. Noch nicht eingerechnet sind hier die Krankenkassen-Prämiensteigerungen und der Abbau der staatlichen Zahlungen und Leistungen.

Teilen und Ausgleich wäre also dringender denn je, aber es geschieht nun genau das Gegenteil: Teilen wird immer unpopulärer: gerade die Ausgleich schaffenden Steuern werden abgebaut.

Es stimmt, dass in den letzten 10 Jahren die Steuern insgesamt stark zugenommen haben. Es waren dies vor allem die Mehrwertsteuer (mehrheitlich für die AHV), die Lohnabzüge für IV und die Arbeitslosenversicherung. Hinzu kamen viele Gebührenerhöhungen sowie Steuererhöhungen der direkten Steuern vor allem in Gemeinden und in einzelnen Kantonen. Es waren also grösstenteils nichtprogressive Steuern, die alle Zahler prozentual gleich betrafen, zum Teil sogar mit einer Höchstgrenze wie bei der Arbeitslosenversicherung. Gleichzeitig wurden die Staatsleistungen für den Einzelnen abgebaut.

Steuerabbau trotzdem vor allem für die Reichen

Seit einigen Jahren wird in der Politik vor allem mit dem Ruf nach tieferen Steuern Stimmen gemacht. Bundesrat Villiger selbst sagte anlässlich seiner 1. August-Rede vor eineinhalb Jahren, dass diejenigen am lautesten schreien, die die Steuern am Besten bezahlen können…

Im September hat der Nationalrat deshalb ein Steuersenkungspaket verabschiedet, das weit über das vom Bundesrat Vorgeschlagene hinausgeht und nach dem Motto „wer hat, dem wird gegeben“ funktioniert:

  • 300 Millionen Reduktion der Unternehmensbesteuerung, obwohl wir schon fast die tiefste Unternehmenssteuer der westlichen Länder haben
  • ca. 400 Millionen an die Hauseigentümer, die den Eigenmietwert nicht mehr zu besteuern brauchen
  • 760 Millionen für die Börsengeschäfte, die den Börsenstempel nicht mehr zu bezahlen brauchen
  • und vor allem 1,3 Milliarden an die reichen Ehepaare und Familien. Unter dem Titel Familienförderung sollten Familien entlastet werden. Drei Viertel der Beträge werden in der aktuellen Ausgestaltung jedoch von Ehepaaren und Familien gespart, die über 90’000 Franken Haushaltseinkommen haben. Und die ganz armen Familien zahlen bereits heute kaum Bundessteuer, sodass sie praktisch nichts von Steuersenkungen haben. Insgesamt ist diese Familienvorlage völlig sinnlos, denn sie hilft vor allem den reichen Familien, denen die Kinder viel weniger eine finanzielle Belastung sind, als den Armen, wo, wie Studien belegen, Kinder immer mehr ein Armutsrisiko sind. Diese Steuer-Vorlage, die aber wie die anderen noch durch den Ständerat muss, sieht einen Abzug von 11000 bis 14000 Franken vom Nettoeinkommen vor, sodass die Verheirateten, und besonders die Familien einen tieferen Steuersatz zahlen müssen. Der Nationalrat hat es abgelehnt, einen Abzug direkt von zu bezahlenden Steuerrechnung zu machen, was für alle Steuerzahler gleich viel gebracht hätte, und wovon die Armen gleich viel wie die Reichen profitiert hätten. In der aktuellen Version hingegen profitieren die Reichen prozentual viel mehr…

Gleichzeitig fällt in einem Kanton nach dem Anderen die Erbschaftssteuer, die wiederum den Erben in reichen Familien zu gut kommt. Und zur selben Zeit wird bei der neusten AHV-Revision weiter gespart, weil man zu wenig Geld habe…

Dies sind in meinen Augen krasse Beispiele für die vermehrte Durchsetzung der Macht des Geldes in der Politik.

Eingangs habe ich Beispiele aufgezählt, was die Steuerpolitik leisten sollte.

  • Gemeinsame Aufgaben finanzieren: heute werden diese mehr und mehr privatisiert
  • Gerechter Ausgleich: trotz der sich öffnenden Lohnschere in den neunziger Jahren passiert in der Steuerpolitik das Gegenteil
  • Teilen? Ist immer weniger populär…

Mit dem Argument weniger Steuern zahlen lässt sich heute jede Abstimmung gewinnen. Deshalb wird auf diesem Gebiet denn auch manchmal gelogen, dass die Balken krachen. Erinnern wir uns an die Abstimmung über die steueraufkommensneutrale CO2-Abgabe, die von der Wirtschaftslobby als neue Steuer verleumdet wurde. Bei Erbschaftssteuer-Abschaffungsinitiativen und bei Projekten zur Senkung der progressiv ausgestalteten direkten Einkommenssteuern wird ebenfalls regelmässig behauptet, dies komme den Armen zu Gute, obwohl dies kaum zutrifft. Und bei der aktuellen Kapitalgewinnsteuer behaupten die Gegner ebenfalls, die kleinen Bürger müssten sie bezahlen, obwohl in der Schweiz hauptsächlich vermögende Personen Aktien besitzen und Kleinaktionäre mit der Gewinn-Freigrenze von 5000 Franken im Jahr kaum je etwas bezahlen müssten.

Kapitalgewinnsteuer

Unter den beschriebenen Rahmenbedingungen und der gegenwärtigen Umverteilung von unten nach oben bietet die Kapitalgewinnsteuer die Gelegenheit, wieder etwas Gerechtigkeit herzustellen.

– Erinnern wir uns, dass im Jahre 1997 in der Schweiz mehr Einkommen mit Kapitalgewinnen als mit Lohneinkommen erzielt worden ist.

– Die gegenwärtige Börsenflaute ist vorübergehend, denn auch heute halten Vermögensverwalter daran fest, dass mittelfristig Aktien die grösste Rendite von allen Anlagemöglichkeiten bieten.

– Die schon bestehende bescheidene Vermögenssteuer ist kein Ersatz für eine Kapitalgewinnsteuer, jedes andere Einkommen kann auch zu Vermögen werden und wird dennoch besteuert…

– Aufwand und Ertrag der Kapitalgewinnsteuer stehen in gutem Verhältnis. Sonst hätten nicht alle anderen westlichen Länder die Kapitalgewinnsteuer bereits. Die USA hat übrigens ihr Budgetdefizit hauptsächlich dank der Kapitalgewinnsteuer tilgen können.

Besser freiwillige Solidarität statt Steuern?

In christlichen Kreisen wird oft gesagt, es sei besser, die Leute würden freiwillig Gutes tun als erzwungene Steuern zahlen. Das Problem ist nur, dass die freiwilligen Spenden auch in Ländern mit tiefen Steuern nur einen kleinen Teil der Differenz zu Ländern mit höheren Steuern ausmachen. Die Rechnung geht nicht auf.

Es wird manchmal auch gesagt, der Staat sollte die Hände von den Wohlfahrts-Aufgaben wie Fürsorge und AHV lassen, die Kirchen sollten das übernehmen. Solche Ideen sind völlig undurchdacht, denn wo sollen die Kirchen die Milliarden hernehmen? Wir riskieren, dass viele Menschen in Not geraten und ihnen niemand hilft, und vor allem, dass den Kirchen, die schon heute am finanziellen Limit sind, das Geld für die Evangelisation fehlt. Damit hätten sie dem Reich Gottes einen Bärendienst erwiesen…

Die gerechte Steuerprogression, die heute noch besteht, wird durch die Freiwilligkeit aufgehoben. Teilen ist aber für alle eine biblische Pflicht, und nicht nur vom Überfluss. Wer als Milliardär gnädigst eine Million spendet, hat nur von seinem Überfluss abgegeben (siehe auch Lukas 21 und Markus 12 zum Scherflein der armen Witwe). Wer Geld hat, der verweist auch in christlichen Kreisen schnell auf den eigenen Verdienst, obwohl es Gott ist, der uns versorgt, und der uns auch die Kraft und Dynamik zu Top-Leistungen in der Wirtschaft gibt. Oder sind Lohndifferenzen zwischen 2500 Franken und 200’000 Franken im Monat durch Eigenanstrengung gerechtfertigt? Geld macht nicht glücklich, aber wer keines hat, der ist in der heutigen Gesellschaft ausgeschlossen.


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~ 3 min

Ohne persönliche Reflexion und die Bereitschaft, bei sich selber
anzufangen, wird unser Glaube hohl, selbstgerecht und unbarmherzig
– und politische Aktionen verlieren an Glaubwürdigkeit

Deshalb:
130 Tipps für ein engagiertes und gesundes Christsein

Die Tipps sollen uns motivieren, herausfordern, provozieren …

Ich bete für Politiker
Ich fahre Velo, statt Auto
Ich bitte Gott um Weisheit
Ich liebe Ausländer
Ich spende mind. 10 % von meinen Einkommen
Ich mogle nicht bei der Steuererklärung
Ich übernehme eine Patenschaft in einem Drittweltland
Ich wähle keine Rechtspopulisten
Ich lade meine Nachbarn zum Essen ein
Ich teile mein Auto mit andern
Ich muss nicht immer alles haben
Ich muss nicht immer Recht haben
Ich bete für meine Nachbarn
Ich kaufe bewusst Fair Trade Produkte
Ich verzichte auf umweltbelastende Verpackungen
Ich lese Zeitung
Ich motiviere andere Menschen
Ich packe an
Ich gönne mir eine Pause zum Nachdenken
Ich bespreche wichtige Entscheidungen mit Gott
Ich lasse mich korrigieren
Ich glaube an Jesus Christus
Ich gehe auf Menschen zu
Ich überwinde meine Ängste
Ich bete für unseren Staat
Ich besuche Flüchtlinge
Ich orientiere mich an der Bibel
Ich will Gott von ganzem Herzen lieben
Ich nehme Schwache in Schutz
Ich ziehe nicht über Ausländer her
Ich engagiere mich bei ChristNet
Ich übernehme Verantwortung
Ich lese in der Bibel
Ich interessiere mich für meine Nachbarn
Ich helfe einer alten Frau über die Strasse
Ich starte ein Sozialprojekt in der Gemeinde
Ich treibe gesunden Sport
Ich besuche ein Drittweltland
Ich bete für Bush, statt über ihn zu lästern
Ich kaufe in der Brockenstube ein
Ich schlage nicht auf Kriegstrommel
Ich habe keine Angst vor der Welt
Ich unterstütze Greenpeace
Ich verschenke Dinge, die ich doppelt habe
Ich kaufe Biogemüse
Ich bekenne meine Sünden
Ich unterstütze Frauen in der Politik
Ich bete für mehr Ehrlichkeit und Transparenz in der Politik
Ich organisiere eine Party für unser Quartier
Ich lese auch unbequeme Passagen in der Bibel
Ich verzichte auf Gentechnahrungsmittel
Ich benütze die öffentlichen Verkehrsmittel
Ich engagiere mich in einer Partei
Ich sage nicht zu allem Ja
Ich lese genauer, was auf Verpackungen steht
Ich setze Prioritäten
Ich lebe mit anderen Leuten zusammen
Ich lästere nicht über andere Leute
Ich bete für Moslems
Ich (Mann) übernehme selbstverständlich Haushaltsarbeiten
Ich erzähle keine frauenfeindliche Witze
Ich mache Werbung für ChristNet
Ich halte mich von jeglicher Pornographie fern
Ich unterschreibe Briefe gegen Menschenrechtsverletzungen
Ich nehme Rücksicht auf zukünftige Generationen
Ich unterstütze den Quartierladen
Ich renne nicht jedem Modegag hinterher
Ich schaue einen Monat nicht fern
Ich schreibe Leserbriefe
Ich lade einen Randständigen zum Essen ein
Ich bin selbstkritisch
Ich gebe anderen den Vortritt
Ich nehme jeden Tag als Geschenk an
Ich produziere weniger Abfall
Ich stelle meine Heizung tiefer
Ich gebe ein grosszügiges Trinkgeld
Ich gehe an eine Demo
Ich will für Waren einen fairen Preis bezahlen
Ich denke nicht immer nur an mich
Ich nutze meine Versicherung nicht aus
Ich verschenke meinen Fernseher
Ich versuche mehr zuzuhören
Ich mache eine alkoholfreie Party
Ich hüte die Kinder meiner Nachbarn
Ich bete für meinen Pastor
Ich bewundere und achte Gottes Schöpfung
Ich fliege höchsten 1 mal pro Jahr
Ich teile Haushaltsgeräte mit anderen
Ich bete für die Kirche
Ich unterstütze Umweltorganisationen
Ich nehme mir Zeit für die Familie
Ich bringe Lebensmittel für Bedürftige in die Kirche
Ich spekuliere nicht an der Börse
Ich bete für Kinder in der 3. Welt
Ich freue mich an der Natur
Ich bringe Sachen in die Brockenstube
Ich vertraue nicht auf mein Geld
Ich distanziere mich vom „Prosperity Gospel“
Ich lerne eine Fremdsprache
Ich esse weniger Fleisch
Ich telefoniere einem einsamen Freund
Ich schreibe einen Artikel für ChristNet
Ich danke Gott für das Leben
Ich betrachte Tiere nicht als Ware
Ich überwinde den Röstigraben
Ich bete für den Irak
Ich sage meine Meinung
Ich kaufe mir nicht stets die neusten Markenartikel
Ich lasse mich von Gott verändern
Ich schaue nicht neidisch auf den Besitz anderer
Ich tue Busse
Ich vertraue nicht meinem Wohlstand
Ich stimme für die Schwachen
Ich zeige mich versöhnlich
Ich will keine Waren, die mit Kinderarbeit hergestellt wurden.
Ich verzichte auf Büchsenfood
Ich danke Gott für das, was ich habe
Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen
Ich schenke Zeit
Ich denke lösungsorientiert
Ich kaufe Energiesparlampen
Ich überlasse die Politik nicht anderen
Ich verzichte einen Tag lang auf Geld
Ich tue Busse für unser Land
Ich werfe keinen Sondermüll in den Kehricht
Ich nutze den Staat nicht aus
Ich suche meine Anerkennung nicht in Statussymbolen
Ich verzichte auf Gewalt
Ich verschliesse meine Augen nicht
Ich kann etwas tun
~ 7 min

Da kann man ja doch nichts machen… oder?

Die Diskussionen um die Globalisierung machen uns immer klarer, dass es die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern mehr den Interssen der reichen statt der armen Nationen entsprechen. Hiervon profitieren auch wir selber, selbst beim täglichen Einkauf. Auf unseren immer zahlreicheren Reisen sind wir mit Elend und Ungerechtigkeit in diesen Entwicklungsländern konfrontiert und fragen uns, was wir neben politischem Engagement denn im Alltag tun können: Beim Einkauf, beim Reisen, bei der Unterstützung von Hilfswerken. Oft ist es uns nicht ganz klar, was dem Nächsten nun wirklich hilft und was nicht.

Und warum das Ganze überhaupt? Soziale Gerechtigkeit ergibt sich zunächst aus dem Gebot der Nächstenliebe. Die Liebe zu Gott und zu den Nächsten ist nach Jesus das zentrale Gebot, das alle anderen Gebote und das ganze Gesetz zusammenfasst (Mat. 22, 34-40). In unserem Alltagsverhalten wird auch Philipper 2.3-4 wichtig: „Tut nichts aus Eigennutz oder aus eitler Ehre Willen, sondern in Demut achte einer den Andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem Andern dient.“ Unter den Nächsten brauchen vor allem die Schwachen unser besondere Aufmerksamkeit. Vor allem im Alten Testament weisen uns viele Stellen darauf hin. Und nirgens werden wir davor gewarnt, dass wir die Selbstverantwortung der Nächsten schwächen könnten, wenn wir ihnen helfen.

Die Bibel gebietet uns also, den Nächsten Bestes zu suchen und nicht auf den eigenen Vorteil zu schauen. Zu den Details der Umsetzung suchen wir oft vergebens Anweisungen in der Bibel. Hier müssen wir uns meist von der Liebe und der Wahrheit leiten lassen und bewusst erforschen, was dem Nächsten wirklich dient und wo unsere Eigeninteressen im Spiel sein könnten.

Sollten wir uns bei der Umsetzung einzig auf christliche Strukturen abstützen? Dies wäre ein zu einschränkender Weg und würde bedeuten, dass wir glauben, dass christliche Organisationen automatisch Gutes und nichtchristliche Organisationen automatisch Schlechtes tun. Hüten wir uns vor Selbstgerechtigkeit und Schwarzweiss-Denken. Christen sind zwar erlöst, aber nicht perfekt. Und Paulus hat klar gemacht, dass auch „Heiden ein Gewissen haben“ (Römer 2.14-16). Messen wir also die Werke, die wir unterstützen, an den Früchten, die sie hervorbringen! Und oft bleibt uns gar keine Wahl, denn es gibt bisher noch keine von christlichen Organisationen vertriebene „gerechte Bananen“…

Fairer Handel

Seit Jahrzehnten verschlechtern sich die „Terms of Trade“ für die Entwicklungsländer. Das heisst, dass sie immer weniger Geld für die von ihnen exportierten Produkte erhalten, dies im Vergleich zu den Produkten, die die Industrieländer ihnen liefern. Es ist also Zeit, diesen Trend zu stoppen und wieder gerechte Preise zu bezahlen. Dies auch deshalb, weil die Arbeiter auf den Bananenplantagen und in den Turnschuhfabriken hart arbeiten und deshalb auch Anrecht haben auf einen Lohn, der zu einem würdigen Leben reicht (5. Mose 25.4: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden; oder auch Jakobus 5.4, vom Lohn der Arbeiter). Dies ist bisher kaum der Fall. Durch Passivität und unbebedachten Konsum von „normalen“ Kolonialwaren unterstützen wir unweigerlich die weitere Ausbeutung der Arbeiter in den Entwicklungsländern. Hierbei handelt es sich um einen globalen Diebstahl, den wir mitunterstützen. Dieser Diebstahl widerspricht unweigerlich dem Gebot „Du sollst nicht stehlen“. Die sozialen Folgen sind noch wesentlich schlimmer als beispielsweise bei einem „normalen“ Ladendiebstahl.

Vom Preis, den wir hier berappen, erhalten die Arbeiter oft nur 2-5%. Der Rest sind Gewinne der Firmen, des Zwischenhandels und des Endvertriebs. Wenn der Lohn der Arbeiter verdoppelt wird, tut uns dies also kaum weh. Im heutigen Fair Trade-Bereich zahlen wir nur deshalb bis zu 25% mehr für ein Produkt, weil die Mengen des gerechten Handels noch nicht so gross sind und die Fair Trade-Unternehmen deshalb weniger grosse Skalenerträge erwirtschaften können. Gerade deshalb sollten wir umso mehr diese Produkte zu bevorzugen, damit sie für die Konsumenten noch attraktiver werden.

Gewisse neoliberale Wirtschaftsprofessoren wenden sich gegen diese Form des gerechten Handels, da sie schlechte Strukturen (nach ihnen die einzige Ursache für die Armut) zementieren. Diese Haltung ist jedoch extrem technokratisch, da die betroffenen Arbeiter gar keine Möglichkeit haben, in wertschöpfungsintensiveren Bereichen zu arbeiten. Ein Abbau des zu grossen Angebots an Landarbeitern ist zudem auch nur durch Landflucht und damit weiteres explosionsartiges Wachstum der grossstädtischen Slums möglich. Auch dies ist kaum eine Lösung, aber das wird von den genannten Theoretikern ignoriert.

Es ist auch nicht weiter schlimm, dass vorläufig nur ein Teil der Arbeitnehmer in den Entwicklungsländern in den Genuss von höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen durch gerechten Handel kommen. Der Nachbar des Max Havelaar-Kaffeebauern hat deshalb nicht mehr Schwierigkeiten, seine Produkte abzusetzen, denn der Gesamtkonsum bleibt derselbe. Durch verbesserte Arbeitsbedingungen an einem Teil der Orte hat gerechter Handel sogar eine positive Wirkung auf dem Arbeitsmarkt eines Landes, indem die anderen Arbeitgeber bessere Bedingungen anbieten müssen, um gute Arbeitskräfte zu halten.

Sozialstandards

Grundsätzlich ist ein Boykott von Produkten aus Ländern mit Kinderarbeit und schlechten sozialen Standards sinnvoll. Denn inzwischen gibt es genügend Möglichkeiten, Produkte mit gesicherten Sozialstandards (Lohn, Arbeitsbedingungen, Rechte, etc.) aus anderen Ländern zu kaufen. Somit wird nicht die Lebensgrundlage der Arbeiter in den Entwicklungsländern zerstört, denn so kaufen wir nicht nichts, sondern nur statt an dem einen halt am anderen Ort. Langfristig erhöht dies den Druck auf die ersteren Länder, die Sozialgesetze ebenfalls anzupassen. Schliesslich gibt es in diesen Ländern auch genügend Erwachsene, die einen Job brauchen.

Sollten für den internationalen Handel Sozialklauseln gesetzlich eingeführt werden? Diese Frage steht schon seit einigen Jahren im Raum. Dies ist auf jeden Fall sinnvoll. Gewisse liberale Theoretiker sagen, Sozialklauseln würden von den Industrieländern nur als Schutz vor billigen Importen verlangt. Aber im Gegensatz zu den Regierungen der Entwicklungsländer (die meist aus den Oberschichten und der Wirtschaft stammen) sind sämtliche Gewerkschaften der Entwicklungsländer für die Einführung von Sozialklauseln, da die Angestellten unter miserablen Arbeitsbedingungen leiden. Und sie wissen auch, dass die Verbesserung der Bedingungen auf den Endpreis des Produktes nicht viel ausmacht und deshalb kaum zu befürchten ist, dass sie ihre Produkte nicht mehr verkaufen könnten und dies zu Arbeitslosigkeit führen würde.

Problem der Freiwilligkeit

Der Kauf von Fair Trade Produkten basiert auf Freiwilligkeit; der Konsument kann auswählen. Diese Pionierarbeit ist zwar gut und nützlich, löst das Problem jedoch nur punktuell. Aufgrund unserer Tendenz zur Eigennützigkeit brauchen wir neben der Freiwilligkeit auch gewisse Regeln. Wohl kein vernünftig denkender Christ würde sagen: „Es braucht kein Gesetz gegen Ladendiebstähle, Vergewaltigungen oder gar Mord! Menschen sollen einfach freiwillig darauf verzichten!“

Nein, für fairen Handel müssen auch internationale Regeln aufstellt werden, um die Arbeitsbedindungen auch bei den „normalen“ Produkten nachhaltig zu verbessern. Die Sensibilität unserer Gesellschaft müsste so stark anwachsen, dass nicht mehr die „Fair Trade Produkte“ zu deklarieren wären – sondern Produkte aus unsozialer Produktion schliesslich als illegal gelten würden.

Ferien in Drittweltländern

Grundsätzlich könnte mit Tourismus in Drittweltländern viel Entwicklung angetrieben werden. Aber es ist die Frage, welche Art von Tourismus:

– Sanfter Tourismus ist ein Tourismus, der keine grosse und für die lokale Bevölkerung nicht sinnvolle Infrastruktur erfordert. Hotelkomplexe mit grossen Swimmingpools in Trockengebieten gehen meist auf Kosten der lokalen Bevölkerung!

– Pflegen wir Kontakt mit der lokalen Bevölkerung und lernen wir von ihnen. So kommt ein Austausch auf gleicher Ebene zustande.

– Sich den lokalen Sitten anpassen (soweit sie nicht der Bibel widersprechen) und lokale Produkte konsumieren.

– Keine wahllosen Geschenke an kleine Kinder in der Strasse, die meist gar nicht in Not sind. So werden sie vom Betteln bei den Touristen abhängig und vom Schulbesuch abgehalten. Dieses Geld können wir anderswo sinnvoller investieren.

 

Reisen oder Produktion in diktatorischen Staaten

– Reisen in Länder mit korrupten oder diktatorischen Regierungen: Hier streiten sich die Geister, ob wir diese Länder bereisen sollen oder nicht. Tatsächlich profitieren Diktaturen vom Tourismus, der sie finanziell über Wasser halten kann. Andererseits kann der Kontakt mit Touristen die einzige Möglichkeit der Bevölkerung sein, mit der Aussenwelt in Kontakt zu kommen und neue Ideen aufzunehmen. Hier also: eher meiden, und wenn schon Tourismus, dann den Kontakt zur lokalen Bevölkerung suchen und Austausch pflegen. Hier wäre es auch sinnvoll, das erworbene Wissen zu Hause wieder weiterzugeben und bei uns Druck auf unsere eigenen Behörden und Multis auszuüben, damit sie die entsprechenden Regimes boykottieren. Und wie mit Korruption in diesen Ländern umgehen? Wichtig ist es, auf Bestechungen zu verzichten, selbst wenn es manchmal die einzige Möglichkeit ist, zu gewissen Vorteilen zu kommen. Leider ist in Notsituationen oft kein anderer Ausweg offen. Dann wäre aber eine Aufnahme von Namen oder des Ortes der auf diese Weise erpressenden Person sinnvoll, um dann an die höheren Stellen im Lande mit Kopie an die Schweizer Regierung ein Protestschreiben zu verfassen, auch wenn dies meist nur gewissen moralischen Druck erzeugt.

– Produktionsstandort Diktatur: hier scheint es ganz klar, dass Produkte von Firmen, die solche Standorte wählen, zu boykottieren sind. Denn wirtschaftliches Wohlergehen stützt die Regimes und sichert den Machthabern die Pfründe. Zudem muss unseren Firmen zu verstehen gegeben werden, dass sie Standorte mit gerechten Strukturen bevorzugen sollen. Damit werden gerechte Strukturen für Regierungen auch lukrativ. Mit dem Kauf von Produkten, die in anderen Ländern hergestellt worden sind, sichern wir dort die Lebensgrundlagen. Boykott zerstört also nicht insgesamt Lebensgrundlagen, sondern schafft nur eine Verlagerung hin zu besseren Standorten.

Max Havelaar: fördert Selbstbestimmung und Demokratisierung von unten.

 

Kleidersammlung

Kleidersammlung ist nicht gleich Kleidersammlung: Das eine sind die Sammlungen für Notsituationen wie zum Beispiel für arme Familien, die sich tatsächlich keine Kleider kaufen könnten und im Winter frieren würden. Das andere sind Kleidersammlungen von Hilfswerken, die sich über den Wiederverkauf dieser Kleider finanzieren, sei es in Osteuropa oder in Entwicklungsländern. Diese Methode ist eher kontraproduktiv, da sie den dortigen Kleiderindustrien oder den lokalen Schneidern die Arbeit wegnehmen und sogar schon ganze Produktionszweige vernichtet haben. Also: Kleiderschränke lieber für Nothilfen ausmisten als für die allgemeine Kleidersammlung (ausser es wird klar deklariert, wofür diese Kleider eingesetzt werden).

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Sonntagsverkauf

Am 22. September 2002 wird im Kanton Basel-Stadt und im Kanton Solothurn, vielleicht auch im Kanton Aargau über die Aufhebung sämtlicher Ladenöffnungszeitregelungen abgestimmt. Die Läden könnten dann bis 23 Uhr abends offen halten. Zudem soll der Sonntag nicht mehr als öffentlicher Ruhetag gelten. Dank eines Bundesgerichtsentscheides dürften Läden mit Angestellten aber auch dann nicht mehr als ca. 3 Sonntage im Jahr offen halten, aber der Druck auf den Sonntag wächst und es wäre eine Frage der Zeit, bis auch der Sonntag fällt.

Auch der Abendverkauf

Aber auch der Abendverkauf ist höchst problematisch, denn mit verlängerten Ladenöffnungszeiten wird Zehntausenden von Familien das Zusammenleben massiv erschwert oder gar verunmöglicht. Die Erfahrung von Angestellten im Kanton Baselland und dem Kanton Zürich zeigt, dass in der Realität kaum darauf Rücksicht genommen wird, ob jemand eine Familie zu Hause hat und deshalb am Abend nicht arbeiten möchte. Wenn ein Familienmitglied abends arbeiten muss, wird diese Gemeinschaft auseinandergerissen. Viele Angestellte beklagen sich, dass ein geregeltes Familienleben sehr schwierig geworden ist. Von einem regelmässigen Mitmachen in der Kirchgemeinde (Hauskreise etc.) kann auch nicht mehr die Rede sein. Denn auch wer um 20.15 Uhr aus dem Geschäft kommt und den Heimweg antreten muss, für den ist dies zu spät. Die meisten der am Abendverkauf interessierten Geschäfte würden vorerst nur bis 20 Uhr offen halten, aber erfahrungsgemäss ist es für das Familien- und Gemeindeleben entscheidend, ob bis 19 Uhr oder 20 Uhr offen ist.

Tatsächlich zeigen alle Untersuchungen, sei es durch die Behörden, Universitäten oder Gewerkschaften, dass im Durchschnitt 80-90% der Angestellten im Verkauf gegen längere Üffnungszeiten sind. Die Meisten sind also tatsächlich negativ betroffen. Für sie bedeutet die Abendarbeit offensichtlich auch nicht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Mehrheit der im Verkauf beschäftigten Angestellten hat keine Berufslehre (und hat oft auch nicht die Fähigkeiten dazu). Ein Berufswechsel ist für sie schwierig realisierbar.

Die Familie ist um jeden Preis zu schützen

Natürlich arbeiten schon heute gewisse Berufszweige am Abend. Bei den Meisten handelt es sich aber um Basisdienstleistungen wie ÜV, Polizei und Krankendienst, oder aber die Gastwirtschaft, die nur am Abend stattfinden kann. Der Einkaufsbummel ist jedoch nicht unumgänglich, und deshalb sollten wir nicht noch mehr Familien dafür opfern. In der Schweiz sind etwa 250 bis 300’000 Personen im Verkauf tätig. Wenn nun die meisten Kantone die Üffnungszeiten liberalisieren und schon nur die Hälfte der Geschäfte (vor allem die Grossen) ihre Üffnungszeiten ausdehnen, dann sind also Zehntausende von Familien in der Schweiz betroffen. Wenn wir wirklich für den christlichen Auftrag der Familie einstehen wollen, dann müssen wir meines Erachtens genau diese Probleme zu Herzen nehmen.

Wir wissen auch alle, dass gestörte Familien eine der Ursachen für Verbrechen ist. Deshalb ist die Familie um jeden Preis zu schützen. Wir wollen eine Politik der Liebe, die Familie ermöglicht, statt eine Politik der Strafe im Nachhinein. Als Christen sind wir besorgt über die Entwicklung, dass unserer Gesellschaft sich zu einer überbeschäftigten Konsum- und Hochleistungsgesellschaft entwickelt. Gemäss Gottes sinnvoller Schöpfungsordnung wäre sowohl ein Feierabend wie als auch ein Ruhetag vorgesehen. Die Gelegenheit, wo wir Menschen zur Ruhe kommen, Beziehungen pflegen, uns erholen kauch „Psychohygiene“) und uns Gedanken über Sinn und Zweck unseres Leben machen können.


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