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Genug

Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 20 min

Einleitung

Was ist besser: Reich sein oder arm sein? Viel haben oder wenig haben?

Die einen werden sich bei dieser Frage vor allem an sich selbst orientieren und zum Beispiel sagen, dass mehr Geld ja trivialerweise mehr Freiheit bedeute – wenn sie zuviel davon hätten, könnten sie das Geld ja notfalls immer noch verbrennen. Oder sie sagen, dass sie nicht reich sein wollen, weil sie ja dadurch gar nicht glücklich würden.

Andere orientieren sich bei dieser Frage nicht an sich selbst, sondern an den Mitmenschen und argumentieren: Wenn ich reich bin, dann kann man daraus ja einfach schliessen, dass ich noch nicht soviel geteilt habe wie ich gekonnt hätte. Also ist reich sein schlecht. Oder wie mal einer gesagt hat: Reich werden ist keine Sünde, reich sterben schon.

Die Ausgangsfrage stellt uns jedoch vor eine falsche Zweiteilung. Weder gilt: je reicher desto besser, noch gilt: je ärmer desto besser. Auf die Frage „wie reich soll ich sein?“ gibt es nämlich als Antwort einen Orientierungspunkt – ein Geländer, an dem wir uns festhalten können. Wir sollen weder reich noch arm sein, sondern wir sollen mit genug leben.

Genug

„Armut und Reichtum gib mir nicht; lass mich aber mein Teil Speise dahinnehmen, das du mir beschieden hast.“ Dieses Motto aus Sprüche 30,81  kann den Leitvers für den vorliegenden Text bilden.

Das Motto des Genug kommt auch in den Geschichten um das Manna in der Wüste sehr schön zum Ausdruck: „Das ist’s aber, was der Herr geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte. Und Mose sprach zu ihnen: Niemand lasse etwas davon übrig bis zum nächsten Morgen. Aber sie gehorchten Mose nicht. Und etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wurde es voller Würmer und stinkend.“ (2. Mose 16,16-20). Darin zeigt sich: Erstens, Gott wollte, dass sie nur genug für einen Tag sammeln. Zweitens, es war nicht vorgesehen, dass die einen mehr als genug und die anderen weniger als genug hatten.(Dabei ist nicht ganz klar, ob dieser Ausgleich durch ein Wunder stattfand oder ob die Israeliten einfach geteilt haben. Die Rabbis haben ersteres angenommen, seit Calvin ist eher die zweite Sicht vorherrschend.)

Diesen Manna-Lebensstil finden wir auch im Gebet wieder, das Jesus uns gelehrt hat. In diesem Gebet hat es ja eine explizit materielle Bitte. Diese Bitte lautet aber nicht: Gib uns Reichtum. Oder: Gib uns Brot. Sondern: Gib uns unser täglich Brot. Darin ist wieder die Idee enthalten, dass mehr als genug gar nicht wünschenswert ist.

Am Beispiel des Essens kann man die Idee des Genug sehr gut verdeutlichen. Wenn wir einen Teller vor uns haben, dann wissen wir sehr genau, dass wir nicht zuwenig essen wollen und dass wir nicht zuviel essen wollen. Beim Essen ist uns dies sehr einleuchtend. Ich bin der Meinung, dass dieses Ziel des Genug nicht nur aufs Essen, sondern auf allen irdischen Wohlstand angewendet werden sollte.

Auf eine Frage möchte ich nur sehr kurz eingehen, nämlich auf die Frage: Wieviel ist denn genau genug? Dazu nur soviel: Mit „genug“ ist sicher nicht gemeint „das Allernötigste“. Man hat genug, wenn man ein rechtes, anständiges, würdiges, blühendes Leben führen kann. Dazu gehört, dass man auch Feste feiern2 kann und die materiellen Voraussetzungen hat, um soziale Kontakte zu pflegen. Ich denke, das Genug ist rund um den Globus ziemlich gleich hoch. Womöglich ist es in der Schweiz ein bisschen höher, weil wir uns schon an gewisse Standards gewöhnt haben oder weil man bei uns Winterjacken kaufen muss, was anderswo nicht nötig ist usw. Aber: Man sollte diese kulturrelativen Elemente nicht überschätzen. Grundsätzlich ist die Höhe des Genug etwas universelles für die Menschheit. Ich nehme an, dass die allermeisten von uns zu denjenigen gehören, die über der Genug-Schwelle leben.

Ein zweites grosses Wort hängt sehr eng mit dem Wort genug zusammen. Wenn es nämlich so ist, dass wir weder mehr als genug noch weniger als genug haben wollen, dann können wir uns auf simple Weise in eine Win-Win-Situation befördern: Indem wir teilen.

Teilen

Wenn wir teilen, dann nähern sich sowohl diejenigen, die mehr als genug haben, als auch diejenigen, die weniger als genug haben, dem Genug an. Dies gereicht den Menschen beider Gruppen zum Wohl.

Als Leitvers kann für das Teilen kann ein Aufruf von Paulus anlässlich der Geldsammlung für die Jerusalemer Gemeinde dienen: „Jetzt helfe euer Überfluss ihrem Mangel ab.“ (2. Korinther 8,14). In diesem Vers kommt zwar das Wort „genug“ nicht vor, aber diese Idee liegt dem Vers zu Grunde. Wenn man es ganz wörtlich anschaut, dann sieht man, dass Paulus nicht sagt, dass der Reichtum der Armut abhelfen soll, sondern der Überfluss dem Mangel. Überfluss und Mangel setzen aber eine Messlatte voraus, womit die beiden voneinander unterschieden werden – diese Messlatte ist das Genug. Und die Idee des Genug führt sehr direkt zur Idee des Teilens.

Teilen ist aus zwei verschiedenen, völlig unabhängigen Gründen sinnvoll. Erstens ist es gut für diejenigen, die mehr als genug haben: Sie gewinnen Freiheit und bewahren sich vor Gefahren, wenn sie nicht mit mehr als genug leben. Zweitens ist es gut für diejenigen, die weniger als genug haben: Indem bei denen mit mehr als genug Ressourcen freigesetzt werden, die es denen mit weniger als genug ermöglichen, nicht mehr mit weniger als genug zu leben, gewinnen sie Freiheit und leiden weniger.

Im Folgenden will ich nun auf diese zwei Aspekte eingehen. Im nächsten Abschnitt auf den ersten, im übernächsten Abschnitt auf den zweiten.

Ich staune, wie oft Texte zum Thema Bibel und Geld sich nur auf einen dieser zwei Aspekte einschiessen. So tritt manchmal bei sozial engagierten Christen völlig in den Hintergrund, dass Teilen nicht nur dem Wohl der Armen dient, sondern auch dem Wohl des Teilenden. Dadurch wird unnötigerweise das Lustvolle am Teilen vergessen, das gleichberechtigt neben dem Pflichtgefühl steht. Gerade umgekehrt ist es zum Beispiel bei Earl Pitts3, der sehr stark betont wie wichtig ein guter Umgang mit Geld für unser persönliches Glaubensleben ist (d.h. der erste Aspekt). Dabei erhält manchmal etwas wenig Gewicht, dass jemand anders das Geld, das wir weitergeben, ja tatsächlich braucht. Insbesondere blendet Earl Pitts radikal aus, dass Teilen auch dem Wohl der Armen dient.

Eine Nachbemkerkung: Eigentlich gibt es noch einen dritten Grund, weshalb teilen schön ist. Es dient nicht nur dem Wohl derjenigen mit mehr als genug und dem Wohl derjenigen mit weniger als genug, sondern es verbindet die zwei Gruppen von Menschen auch. Indem wir teilen und damit miteinander in Kontakt kommen und Ausgleich schaffen, stellen wir zerbrochene Gemeinschaft wieder her.

Und auch einen vierten Grund gibt es, weshalb Teilen schön ist! Es bringt uns in Übereinstimmung mit dem Herzen Gottes – was Anlass zur Freude ist. So sagt z.B. 2. Korinther 8,9 über Gottes Art: „Ihr wisst ja, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe für euch getan hat. Er war reich und wurde für euch arm; denn er wollte euch durch seine Armut reich machen.“

 

Teilen ist gut für diejenigen, die mehr als genug haben

In diesem Abschnitt wollen wir nun fragen, weshalb diejenigen mit mehr als genug davon profitieren, wenn sie den Anteil ihres Besitzes, der mehr als genug ist, weggeben. Dabei wollen wir in diesem Kapitel noch völlig davon absehen, was mit dem weggegebenen Geld geschieht – egal ob wir es teilen oder verbrennen, wie das die Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss mit ihrem ersten Babysitter-Lohn gemacht hat.

Die Bibel und teilweise auch unsere alltagspsychologischen Beobachtungen lehren uns: Wohlstand lenkt ab. Wohlstand beansprucht unser Herz. Und zwar radikal: „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Matthäus 6,24; Mammon ist die Bezeichnung für den Geldgötzen). Fazit: Es ist sehr schwer, Geld zu haben ohne es zu lieben. Geld zu lieben aber bringt Unfreiheit: „Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen. Wer aber reich werden will, gerät in Versuchungen und Schlingen, er verfällt vielen sinnlosen und schädlichen Begierden, die den Menschen ins Verderben und in den Untergang stürzen. Denn die Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet.“ (1. Timotheus 6,8-10)

Frei von materiellem Überfluss zu sein ist aber nicht Selbstzweck. Die Frage ist nicht nur „frei wovon?“, sondern auch „frei wozu?“. Die Freiheit vom Geld hat das Ziel, Jesus nachfolgen zu können und glücklich zu werden: „Gewiss bringt es grossen Gewinn, Gott zu dienen, wenn man genügsam ist“ (1. Timotheus 6,6). Dass die Freiheit von der Geldsucht einen Zweck hat, das sehen wir noch an vielen anderen Beispielen:

Als Jesus zum berühmten „reichen Jüngling“ gesagt hat „Verkaufe alles was Du hast“ war der Satz noch nicht zu Ende. Jesus ging es nicht einfach darum, dass der Jüngling pleite machen sollte. Jesus ergänzte: „…und folge mir nach!“ Das heisst: Das Weggeben hatte einen Sinn – nämlich, dass er Jesus nachfolgen konnte. Jesus erkannte, dass bei diesem vermögenden Mann das Geld wie eine schwere Bleikugel an den Füssen hängt, die ihn daran hindert, ihm frei zu folgen. Er fährt dann sogar noch weiter und verspricht ihm einen Schatz im Himmel4. Fazit: Beim Loslassen von Überfluss geht es definitiv nicht darum sich selbst zu quälen.

Nicht mehr als genug zu haben, kann auch den Zweck haben, dass es uns an Gott bindet. Wir sind ihm viel näher, wenn wir ganz von ihm abhängig sind. Schon viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sie Gott besser vertrauen konnten, als sie gar nicht mehr auf sich selbst bauen konnten. Wenn wir also freiwillig darauf verzichten, mehr als genug zu haben, dann üben wir im selben Atemzug, Gott zu vertrauen, dass er uns das Genug, das wir brauchen, geben wird: „Der Wandel sei ohne Geldliebe; begnügt euch mit dem, was vorhanden ist! Denn er hat gesagt: ‚Ich will dich nicht aufgeben und dich nicht verlassen’“ (Hebräer 13,5).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Geld beansprucht unser Herz und macht uns unfrei. Frei davon zu werden hat ein Ziel: Gott nachzufolgen und Freude zu erleben.

Sehr spannend finde ich auch die Tatsache, dass es seit einigen Jahren in den Wirtschaftswissenschaften einen neuen Forschungszweig namens „Happiness Economics“ gibt. Ohne Vorurteile wird empirisch untersucht: Macht Geld glücklich? Das Fazit ist klar: Wirtschaftswachstum macht die Menschen nicht glücklicher5.

Kurz will ich noch auf einen Einwand eingehen: Manche Leute verweisen darauf, dass Gott uns überfliessend viel Gutes geben wolle, nicht bloss „genug“. So wurde den Israeliten ein Land versprochen, wo Milch und Honig fliesst. Salomo lebte in überreichlichem Luxus. Jesus versprach mehr als genug: „Ein überfließendes Maß wird man in euren Schoss geben6“. Ich persönlich bringe diese reichtumsbejahenden Stellen in der Bibel mit den reichtumskritischen Stellen so zusammen: Eigentlich wäre Wohlstand etwas Wunderbares. Das himmlische, neue Jerusalem ist aus Gold und Diamanten – Überfluss pur. Das Heil, das Gott uns geben will ist geistlich und materiell. Mehr als genug ist somit gut – aber: in unserer gefallenen Welt gefährlich. Wohlstand ist gut – aber: unsere sündige Schöpfung kann damit nicht umgehen.

Ohne zu übertreiben sehe ich eine sehr direkte Analogie zwischen Heroin und Geld. Heroin ist ja eigentlich nichts besonders schlechtes: es macht schliesslich glücklich. Das Problem ist bloss, dass es süchtig macht und kaum ist man in der Sucht drin, dreht das Heroin den Spiess um und zerstört einen. Ist es mit dem Geld nicht ähnlich: Es wäre eigentlich etwas Gutes – wir können einfach nicht damit umgehen7.

Es ist mir klar, dass die Antwort auf den Einwand nicht völlig befriedigend ist. Angesichts der grossen Zahl von reichtumskritischen, oft auch radikalen Bibelstellen sollten wir aber unseren Kampf gegen den Mammon, den Gott unseres Landes und unserer Zeit, mit grossem Schwung weiterführen. Ich staune, wie vorsichtig man oft sein muss, wenn man offen und relativ schwarz-weiss Überfluss als etwas Kritisches bezeichnet. Bei fast jeder Predigt, in der vor der Geldliebe gewarnt wird, wird im selben Atemzug eine Abschwächung nachgeschoben: natürlich sei Reichtum in sich nichts Schlechtes, oder: natürlich sei das sehr individuell und es gebe keine allgemeinen Regeln, usw. Weshalb wird dieser zentrale Aspekt biblischer Ethik immer sofort relativiert? Warum fehlt uns heute die Begeisterung der Gemeinde von Mazedonien, von denen Paulus sagt: „Ihr könnt es mir glauben: Sie spendeten, so viel sie konnten, ja noch mehr, und sie taten es ohne Aufforderung. Sie haben sich mir geradezu aufgedrängt und darum gebeten, sich an diesem Werk der Gnade Gottes beteiligen zu dürfen – an dieser Hilfeleistung, in der die Verbundenheit mit der Gemeinde in Jerusalem zum Ausdruck kommt.“ (2. Korinther 8,3-4). Weshalb beziehen da nicht all jene Christen, die es mit Gott und der Bibel besonders ernst meinen, nicht deutlicher Stellung – und zwar gegen den Überfluss? Ich merke auch, wie ich selbst, dem dies sehr am Herzen liegt, sehr viel Überwindung brauche, Mitgeschwister in dieser Frage persönlich zu kritisieren.
Natürlich gibt es Gründe, weshalb Gott diese oder jene Person überfliessend reich haben will, z.B. weil es wichtig ist, dass Christen Zugang zu allen gesellschaftlichen Gruppen, also auch zu den Top 10’000, finden (allerdings habe ich dieselbe Begründung noch selten gehört, wenn es darum ging, dass Christen Kiffer werden sollten, um zu den entsprechenden Gruppen Zugang zu finden). Kein Zweifel – schliesslich ist Gott so souverän, dass es tatsächlich äusserst schwierig ist, allgemeine Regeln aufzustellen. Aber weshalb diese Möglichkeit so hervorgehoben wird – das ist die Frage!
Und: Natürlich ist es nichts Schlechtes, viel Geld auf dem Konto zu haben. Die entscheidende Frage ist, ob dieses Geld auf dem Konto Gott gehört oder ob es für den persönlichen Konsum zur Verfügung steht. Earl Pitts zum Beispiel hat jeweils einen „The-Master-Has-Need-Of“-Fonds – das ist Geld, das sofort bereit steht, wenn Gott ihm zeigt, dass er es für dieses oder jenes einsetzen soll.

Der genau entgegengesetzte Einwand kommt von Leuten, die fragen, ob uns denn Gott nicht zur Armut berufen habe? Auf diesen Einwand würde ich folgendermassen antworten. Zuerst einmal ist zu unterscheiden zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Armut (beides im Sinne von weniger als genug haben, im Sinne von absoluter Armut). Letzteres liegt ganz sicher nicht in Gottes Sinn. Und dann würde ich einfach mit meinem gesunden Menschenverstand, den Gott hoffentlich auch brauchen kann, antworten, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass Gott ganz allgemein will, dass wir weniger als genug haben. Wenn dies für einen Propheten oder sonst eine spezielle Aufgabe einmal angebracht ist, dann gleicht dies eher anderen „special effects“ wie z.B. einer Fastenwoche oder freiwilliger Kinderlosigkeit. Dass man umgekehrt versucht mit dem Argument, dass Armut eine spezielle Aufgabe sei – meistens wird dabei auf eine einzige Bibelstelle verwiesen8 – ein Leben eines Mehr-als-Genüglers in Luxus zu verteidigen, ist natürlich absolut unangebracht. Genügsamkeit ist für uns alle ein Ideal.

Teilen ist gut für diejenigen, die weniger als genug haben

Nachdem wir uns nun etwas lange mit Einwänden gegen die Idee des Genug auseinandergesetzt haben, wollen wir nun zum zweiten Grund kommen, weshalb Teilen sinnvoll ist. Dieser zweite Grund ist unabhängig vom Ersten. Er besagt: Teilen dient dem Wohl derer, die weniger als genug haben – deshalb sollen wir teilen. Ein englischer Ausdruck sagt es sehr schön: „Living simply so that others may simply live“ (“Einfach leben, damit andere wenigstens leben können”).

Dass Mangel etwas Problematisches ist, braucht sicher weniger Begründung als dass Überfluss etwas Problematisches ist. Man aber kann die Motive, weshalb wir mit den Mangelleidenden teilen wollen, noch in zwei Kategorien auftrennen: „Gerechtigkeit“ und „Barmherzigkeit“.

Diese zwei Motive unseres Teilens haben eine je verschiedene Begründung:

Wenn wir aus Gerechtigkeit heraus teilen, dann geben wir Geld zurück, das uns in einem gewissen Sinn gar nicht gehört. Es steht zwar in meiner Verfügungsmacht, aber ich schulde es richtiggehend denjenigen, mit denen ich es teile. Es geht also um Wiedergutmachung – und „teilen“ ist beinahe ein falsches Wort dafür. Beispiele dafür sind:

  • Wiedergutmachungen für Diebstahl, Nachrichtenlose Vermögen auf Schweizer Banken, Kolonialismus und dessen Folgen
  • Teilen als Antwort auf unfaire Strukturen wie z.B. Bankgeheimnis, WTO, IWF[^9].
  • Progressive Steuern als Antwort auf Strukturen, die nicht direkt unfair sind, die aber systematisch gewisse Leute bevorteilen. Das Paradebeispiel ist der freie Markt.
  • Teilweise geschieht auch Entwicklungszusammenarbeit aus diesem Motiv

Wenn wir aus Gerechtigkeit teilen, dann tun wir es, weil wir aufgrund von Unrecht reich geworden sind. Das Wichtigste dabei ist natürlich, dass wir zuerst das Unrecht beseitigen und es nicht nur durch Reparationszahlungen aufwiegen.

Auch wenn wir nie vergessen sollten, wie stark wir Mitverursacher der globalen Armut sind, ist es ein Fehler zu meinen, jeder Arme sei arm, weil jemand anders reich ist. Die Ursache für Armut kann auch in einer Naturkatastrophe oder beim Verschulden des Armen selber liegen. Und deshalb braucht es das Teilen aus Barmherzigkeit. Beim Teilen aus Barmherzigkeit genügt – im Gegensatz zum Teilen aus Gerechtigkeit – die Feststellung: Jemand leidet Mangel. Punkt. Also teile ich. Dabei wird davon abgesehen, wer am Mangel schuld ist: ich, der Mangelleidende, eine Drittperson oder gar niemand. Beispiele für das Teilen aus Barmherzigkeit sind:

  • Ein Teil der Entwicklungszusammenarbeit
  • Katastrophenhilfe
  • „Compassionate Conservatism“10

Sowohl das Teilen aus Gerechtigkeit als auch aus Barmherzigkeit haben je ihre verschiedenen Vorteile wie auch Gefahren:

  • Wenn wir aus Gerechtigkeit teilen, so machen wir dies demütig und stehen in keiner Gefahr uns als grosszügig hinzustellen. Denn schliesslich stehen wir mit unserer Schuld ja in der Pflicht und geben nur zurück, was uns gar nie gehört hat.
  • Teilen aus Gerechtigkeit verhindert, dass wir die Empfänger von oben herab behandeln.
  • Teilen aus Gerechtigkeit hat die Gefahr, dass wir menschliche Wärme vermissen lassen: Es liegt uns mehr an abstrakter Gerechtigkeit als an den Menschen selbst.
  • Teilen aus Barmherzigkeit verhindert komplexe Schuldargumente. Meines Erachtens verpuffen Linke zuviel Energie, um in ideologischer Weise die Ursache und den Schuldigen der globalen Armut auszumachen. Für das Teilen aus Barmherzigkeit genügt hingegen die Feststellung, dass jemand leidet.
  • Beim Teilen aus Barmherzigkeit helfen wir unter anderem auch Leuten, die es nicht verdient haben – und das ist eine sehr jesusmässige Einstellung.
  • Das Teilen aus Barmherzigkeit verhindert, dass wir die Empfänger in eine Opferrolle drängen, wie das manchmal beim Teilen aus Gerechtigkeit der Fall ist. Diese Opferrolle entspricht zwar oft den Tatsachen – trotzdem sollte man sie nicht zu sehr betonen. Denn: Für die Armen selbst ist es alles andere als hilfreich, wenn sie sich diese Rolle dauernd vor Augen halten.

Beide Wurzeln des Teilens kommen in der Bibel in vielfältiger Weise vor:

Beispiele für das Teilen aus Gerechtigkeit:

  • „Halte dich an das Recht, sei menschlich zu deinen Mitmenschen und lebe in steter Verbindung mit deinem Gott! (…)Noch immer bleibt unrecht Gut in des Gottlosen Hause und das verfluchte falsche Mass.“ (Micha 6,8+10)
  • „Nun, ist es in Ordnung, dass der Mensch Gott beraubt? Ihr aber beraubt mich und fragt auch noch: Wo haben wir dich beraubt? Ihr habt mir den Zehnten von euren Ernteerträgen und den Priesteranteil der Opfer nicht ordnungsgemäß übergeben.“ (Maleachi 3,8; beachte, dass der Zehnte unter anderem auch den Armen zu Gute kam)
  • „Währenddessen stellte Zachäus sich vor den Herrn hin und sagte: ‚Herr, ich werde die Hälfte meines Reichtums den Armen geben, und wenn ich die Leute bei der Steuer betrogen habe, werde ich es ihnen vierfach erstatten!’“ (Lukas 19,8)

Beispiele für das Teilen aus Barmherzigkeit:

  • „Ich war ein Vater der Armen; des Unbekannten Rechtsstreit prüfte ich.“ (Hiob 29,16)
  • „Angenommen, jemand hat alles, was er in der Welt braucht. Nun sieht er seinen Bruder oder seine Schwester Not leiden, verschließt aber sein Herz vor ihnen. Wie kann da die Liebe Gottes in ihm bleiben und er in ihr?“ (1. Johannes 3,17)
  • „Währenddessen stellte Zachäus sich vor den Herrn hin und sagte: ‚Herr, ich werde die Hälfte meines Reichtums den Armen geben, und wenn ich die Leute bei der Steuer betrogen habe, werde ich es ihnen vierfach erstatten!’“ (Lukas 19,8)

Ganz wichtig finde ich, dass jemand, dem die Armen wirklich am Herzen liegen und der wirklich ein weites Herz hat, nicht viel Zeit damit verpuffen wird, im Alltag zwischen diesen zwei Motiven zu unterscheiden. Wirkliche Liebe wird nicht nur dann teilen, wenn es die Gerechtigkeit verlangt, noch wird sie jedes Teilen als ungeschuldete Grosszügigkeit auslegen.

Man kann fast nicht überbetonen, wie stark das Thema der Armen und das Thema des Teilens in der Bibel vertreten sind. Und es sind nicht einfach nur die Propheten, die darauf eingehen. Nein – quer durch die ganze Bibel taucht es auf. Es ist ein immer wieder kehrender Refrain: Im mosaischen Gesetz, bei Hiob, in den Psalmen, bei den Propheten, bei Jesus, bei der ersten Gemeinde, in den Paulusbriefen und den andern Briefen. Jim Wallis und seine Freunde haben einmal aus der Bibel sämtliche Stellen, die über die Armen sprechen, herausgeschnitten. Diese Bibel war voller Löcher und hat kaum mehr zusammengehalten. Ein Bouquet aus der Auswahl an solchen Versen ist im Anhang aufgelistet.

Interessant finde ich auch, dass in der Philosophie in den letzten zwei Jahrzehnten eine neue Position aufgekommen ist: Der Suffizientarismus. Nachdem Jahrzehnte lang über den Egalitarismus – d.h. die zentrale Wichtigkeit von Gleichheit – diskutiert wurde, weist die neue Position nun daraufhin, dass das Allerwichtigste ist, dass jeder genug hat. Solange alle genug hätten, würde eine zu starke Beschäftigung mit Gleichheit nur dazu verführen, dass man sich unnötig vergleiche und zu stark auf Vermehrung aus sei. Auch wenn ich Gleichheit weiterhin ein wichtiges Ideal finde (insbesondere Rechtsgleichheit, aber auch Chancengleichheit), so finde ich doch den Perspektivenwechsel überzeugend: Absolute Priorität hat, dass jeder genug hat.

Es wäre ja schliesslich widersprüchlich, wenn ich in Abschnitt 3 so vehement behaupte, dass es einem gar nicht zum Vorteil gereicht, wenn man mehr als genug hat – nun aber behaupten würde, dass es wichtig sei, dass alle Menschen gleich viel hätten, auch wenn dieses gleich viel in den Bereich des materialistischen „Mehr-Als-Genug“ gehörte. Ich kann deshalb auch nicht verstehen, weshalb sozial engagierte Menschen so oft die Millionenbezüge der Manager zum Hauptthema machen. Nützt oder schadet das Millionen-Gehalt der Lebensqualität dieser Manager überhaupt? Die Sorge jedes Menschen, der in der Schweiz 6’000 Franken pro Monat verdient und somit zu den Reichsten der Welt gehört sollte doch zuerst die Selbstkritik sein, ob er das im Angesicht globaler Armut verantworten kann, und nicht die (zwar sehr berechtigte!) Kritik an den paar ganz wenigen Leuten, die noch mehr verdienen als er selbst – und die sich damit womöglich sogar mehr Gefahr als Segen eingebrockt haben.

Was sagt die Bibel zur Frage, ob wir bei materiellen Gütern eher der Gleichheit oder eher dem Genug-für-alle Priorität geben sollten? Ich kann es nicht genau beantworten – doch mir scheint der Mangel der Armen werde in der Bibel als vordringlicheres Problem als die Ungleichheit gesehen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir haben für den Umgang mit Wohlstand die Leitidee des Genug als angebracht bestimmt. Diese Idee des Genug führt uns zum Teilen. Erstens wollen wir teilen, weil es für uns Menschen über der Genug-Schwelle gut ist, nicht mehr zu haben als das genug. Zweitens wollen wir teilen, weil es für die Menschen unterhalb der Genug-Schwelle gut ist, nicht weniger zu haben als genug. Diesen letzten Grund kann man noch aufteilen in Gründe der Gerechtigkeit und Gründe der Barmherzigkeit.

In den folgenden zwei Abschnitten will ich nun stichwortartig ein paar Umsetzungsvorschläge machen. Dabei finde ich es wichtig, dass wir sowohl unser persönliches Leben als auch die politischen Strukturen ändern.

Umsetzung persönlich

I. Ein erster Vorschlag besteht darin, dass wir lernen mit einem Genug-Kreis zu leben. Dieser Vorschlag stammt von Earl Pitts.

Ein Genug-Kreis kann offen oder geschlossen sein. Bei einem geschlossenen Kreis habe ich mit mir selbst und mit Gott abgemacht, wie viel für mich genug ist und das schriftlich festgehalten.

In einem Genug-Kreis sind Verpflichtungen (wie Steuern oder Schuldenrückzahlungen), Notwendigkeiten (wie Essen oder ein Dach über dem Kopf) und Wünsche (wie teure Ferien) drin.

Die Wünsche können gross oder klein sein – wichtig ist zuerst einmal, dass man sie definiert. Dadurch erreicht man folgendes: Alles Geld, das hereinkommt, scheidet sich: In Genug und in Überfluss. Und wenn man zuwenig hat, dann kann man Gott auch konkret bitten und ihm sagen: Du weißt doch, was ich brauche, um genug zu haben .

Wenn man den Genug-Kreis nicht schliesst, dann passen sich die Notwendigkeiten und vor allem die Wünsche einfach schön elastisch dem Einkommen an.

II. Im ersten Vorschlag habe ich gesagt, dass die Wünsche gross oder klein sein könnten – das Wichtige sei zuerst mal, dass man sie definiere. In einem zweiten Schritt können wir angesichts der zwei Vorteile des Teilens – und nur dann wenn wir es von Herzen und mit Freude tun – beginnen, die Wünsche herunter zu fahren. Wenn man eine langfristige radikale Vision hat und gleichzeitig sanft beginnt, dann wird man merken, dass es befreiend ist, die dauernd steigenden materiellen Wünsche zum Schweigen zu bringen. Wer weniger begehrt, braucht weniger um damit zufrieden zu sein – so einfach ist das.

III. In Bern haben wir eine Gruppe namens „cukup“ gegründet („cukup“ ist indonesisch und bedeutet „genug“). Dabei geht es einerseits darum, dass wir uns ein Jahr lang monatlich treffen und uns – jeweils nach einem gemeinsamen Znacht – auf das Thema Armut und Wohlstand einlassen. Andererseits geht es darum, dass wir als Gruppe gemäss den Ideen des Genug leben und bewusst teilen. Dass wir es als Gruppe tun und dass wir einen überschaubaren Zeithorizont haben, gibt dem Ganzen Spannkraft.

IV. Zentral ist, dass wir uns mit eigenen Augen auf Armut einlassen – dass wir die Konfrontation damit suchen. Dass wir den Menschen, die materiellen Mangel haben, in die Augen schauen und sie nicht mehr einfach zuerst mit der Eigenschaft „arm“ wahrnehmen, sondern zuerst schlicht und einfach als Geschwister. Uns mit allen Sinnen auf die Armut einlassen, können wir, indem wir den Armen persönlich begegnen. Aber auch indem wir die Bibel auf dieses Thema hin lesen oder indem wir Filme dazu schauen. Ich bin überzeugt, dass ein einziger Film mehr in uns auslöst als zehn solch reflektierende Texte wie dieser.

Umsetzung politisch

I. Wenn man davon überzeugt ist, dass es hier auf Erden für uns Menschenkinder das Ziel sein sollte, genug zu haben – nicht mehr, nicht weniger –, dann bekommt man eine andere Einstellung zu Wirtschaftswachstum. Wirtschaftswachstum hat dann als Selbstzweck absolut null Priorität – jedenfalls für Länder wie die Schweiz. Für Länder, wo noch viele Menschen unter dem Genug leben, wird ein qualitatives Wirtschaftswachstum aber sinnvoll sein.

Was ist es anderes als Verblendung, wenn der Bundesrat als erstes Ziel der Legislaturplanung 2003 – 2007 Wohlstandvermehrung nennt11? Wenn wir ein Problem in der Schweiz nicht haben, dann ein Mangel an Wohlstand. (Bemerkung: natürlich kann Wirtschaftswachstum manchmal als Mittel zum Zweck nötig sein – z.B. mag es einfacher sein, die Inflation und die Arbeitslosigkeit zu steuern, wenn die Wirtschaft etwas am Wachsen ist als wenn sie stillsteht. Aber in diesen Fällen wird Wirtschaftswachstum nicht als Selbstzweck zur Wohlstandsvermehrung gebraucht)

II. Eine wichtige Art, wie wir den Ländern des Südens zu mehr Lebensressourcen verhelfen können, ist dass wir ganz an der Wurzel ansetzen: Die südlichen Länder sollen mehr Macht bei der Gestaltung des internationalen Wirtschaftssystems bekommen. Dieses Teilen der Macht wird uns indirekt etwas kosten: Geld. Aber es ist eine der besten Arten, wie wir teilen können. (Dies wird nicht zuletzt auch von Experten so gesehen – wie z.B. Joseph Stiglitz, Wirtschaftsnobelpreisträger und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, oder Thomas Pogge, einem wichtigen zeitgenössischen Philosophen zum Thema Armut, oder auch Simonetta Sommaruga, Konsumentenschützerin und SP-Ständerätin).

III. Die Idee des Genug legt auch nahe, dass wir die Priorität bei der Bekämpfung absoluter Armut legen und nicht bei der Bekämpfung relativer Armut – auch wenn beides unser Engagement verdient. Relative Armut ist das, was vor allem in der Innenpolitik verhandelt wird: Relativ arm heisst, dass Leute in der Schweiz im Vergleich zum Durchschnitt so wenig haben, dass sie arm sind. Sie sind aber deswegen in einem absoluten Sinn meistens nicht arm – sie haben meistens „genug“. Die absolute Armut konzentriert sich zu einem Grossteil auf die Länder des Südens. In unserer globalisierten Welt ist es absolut zentral, dass wir unsere Politik genauso auf diejenigen Menschen ausrichten, die zwar weiter weg sind, aber die von unseren Entscheidungen genauso betroffen sind wie die nahen Mitbürger.

IV. Eine Idee, die in letzter Zeit herumzugeistern beginnt, ist die eines Grundeinkommens12: Jeder Bürger erhält ein bescheidenes, genügendes Grundeinkommen – egal ob arbeitend, arbeitslos, studierend, faulenzend, reich oder arm.

Ein Vorteil ist, dass damit garantiert ist, dass alle genug haben. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Sozialstaat massiv vereinfacht werden könnte. Der Staat muss nicht mehr auf komplizierte und für die Betroffenen unangenehme Weise prüfen, wer wirklich Sozialhilfe oder Arbeitslosengelder verdient. Auch würden durch die Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens viel bessere Anreize zum Arbeiten gesetzt. Natürlich ist genau diese Bedingungslosigkeit des Grundeinkommens auch fragwürdig. Deshalb will ich diesen Vorschlag hier nicht bewerben, sondern bloss vorstellen. Zum Nachdenken: Stehen hinter dem Jubeljahr (3. Mose 25) teilweise ähnliche Ideen wie hinter dem Grundeinkommen – nämlich, dass man unabhängig davon wie man wirtschaftet ein gewisses Kapital/Einkommen garantiert haben sollte?

Ausblick

Diese Umsetzungvorschläge waren bloss Beispiele. Ich bin sehr offen dafür, wenn wir weitere Vorschläge finden. Und das Wichtigste ist: Nicht nur über Umsetzungen reden – sondern sie auch Realität werden lassen! Die Vision ist eine neue Welt, von Gott geprägt, wo niemand mehr gefangen ist – weder von Überfluss noch von Mangel.

Dominic Roser, Ökonom, Bern

1. Der ganze Zusammenhang (Sprüche 30,7–9) lautet: „Zweierlei bitte ich von dir, das wollest du mir nicht verweigern, ehe denn ich sterbe: Falschheit und Lüge lass ferne von mir sein; Armut und Reichtum gib mir nicht; lass mich aber mein Teil Speise dahinnehmen, das du mir beschieden hast. Ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der HERR? Oder wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich an dem Namen meines Gottes vergreifen. Verleumde nicht den Knecht bei seinem Herrn, dass er dir nicht fluche und du es büßen musst.“
Dieser Vers dient auch als Titel für ein sehr empfehlenswertes Buch, das einen Überblick über das Thema Besitz in der Bibel gibt: Craig L. Blomberg „Neither Poverty nor Riches. A Biblical Theology of Possesions“, erschienen 1999 bei Apollos (Leicester) und Invervarsity Press (Downers Grove).

2. Hinweis: In 5. Mose 14,26 wird sogar gesagt, man solle einen Zehnten (!) des Jahreseinkommens dazu brauchen, um vor dem Herrn ein grosses Fest zu feiern mit Essen und Trinken und allem was das Herz begehre.

3. Zusammen mit Craig Hill hat er ein Buch zum biblischen Umgang mit Finanzen verfasst, das – auch im Zusammenhang mit seinen Vorträgen in der Deutschschweiz – zur Zeit sehr an Bekanntheit gewinnt. Das Buch „Mäuse, Motten & Mercedes“ ist bei Campus für Christus Schweiz erhältlich. Mein persönlicher Eindruck: Es ist radikal und gespickt voll von guten Punkten. Dass er aber – wie oben beschrieben – die Armut enorm ausblendet ist ein Problem. Er will die Bibel explizit sehr geistgeleitet auslegen, was manchmal etwas zu frei erscheinen mag. Ich finde es gute Lektüre und spreche bei Bedarf gerne weiter über das Buch (bei Interesse habe ich auch eine Liste der Stellen, wo meines Erachtens das Thema Armut unangebrachterweise ausgelassen wird).

4. Der ganze Vers lautet: „Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Markus 10,21)

5. Leider gibt es erst gute Studien für entwickelte Länder. Es wäre interessant zu wissen, ob unter einem bestimmten Schwellenwert (absolute Armut) mehr Geld doch glücklicher macht. Interessant ist auch, dass wenn man einen bestimmten Zeitpunkt herausnimmt, reiche Menschen glücklicher sind als Arme. Der Grund ist aber: Menschen sind glücklicher, wenn sie reicher als andere sind (oder wenn sie im Verhältnis zu ihren Ansprüchen und Erwartungen reich sind). Deshalb habe ich oben gesagt, dass Wirtschaftswachstum die Menschen nicht glücklicher mache. Denn bei Wirtschaftswachstum verschiebt sich grobgesagt die ganze Einkommensverteilung nach oben – und das macht niemanden glücklicher (siehe Easterlin, R. (Hrsg.): Happiness in Economics. Cheltenham 2002).

6. Der ganze Vers lautet: „Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden“ (Matthäus 6,38). Wenn diese Bejahung des überfliessenden Masses allerdings als Rechtfertigung für einen luxuriösen Lebensstil genommen wird, dann hat man wohl den ersten Teil des Verses nicht gelesen.

7. Ein interessanter Nebengedanke ist, dass in der Persönlichkeitstypologie des Enneagramms (Das „Enneagramm“ ist eine nicht besonders wissenschaftliche, aber tiefgründige und hilfreiche Einteilung verschiedener menschlicher Charaktere. Es wurde im deutschsprachigen christlichen Raum vor allem von Richard Rohr bekannt gemacht.) der Typus, dem der Geiz zugeordnet wird gleichzeitig auch der Askese zugeordnet wird. Eine Möglichkeit, weshalb geizige Menschen gleichzeitig asketisch veranlagt sind, ist, dass sie mehr als andere Angst vor der Geldsucht haben und die Gefahr klarer spüren. Instinktiv geben sie deshalb durch Askese Gegensteuer. Natürlich könnte es aber auch sein, dass ihre Askese einfach ein direkter Ausdruck ihres Geizes ist: sie schaffen es nicht, Geld auszugeben.

8. Römer 12,6-8: „Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig.“ Dass niemand anderes lehren, trösten und dienen solle als der, der dies als spezielle Gabe erhalten hat, wird ja schliesslich auch nicht aus diesem Abschnitt herausgelesen…

9. Die Welthandelsorganisation WTO und der internationale Währungsfonds IWF haben enormen Einfluss darauf, wer auf dieser Welt reich wird und wer arm wird. Sie bestimmen nämlich die Spielregeln. In diesen Organisationen aber haben die reichen Länder einen ungemein grösseren Einfluss als die armen Länder. Einerseits formell durch die Stimmen und Ämter, andererseits aber auch informell. Die USA können z.B. hundertköpfige Expertendelegationen schicken, die informell die ganzen Abkommen aufgleisen, während gewisse afrikanische Staaten gerade mal einen jungen Beamten schicken, der sich alleine mit den mehrtausendseitigen Dossiers beschäftigen muss und am Schluss bloss noch in der offiziellen Abstimmung ja oder nein sagen kann.

10. „Compassionate Conservatism“ wurde von Bush als Slogan aufgegriffen. Damit will er sagen, dass er konservativ sei und somit daran zweifle, dass Arme durch ungerechte Strukturen arm gemacht werden, aber dass er trotzdem ein Herz habe. Persönlich halte ich es für eine Heuchelei: Seine Taten sprechen eine andere Sprache als seine Worte!

11. http://www.admin.ch/ch/d/cf/rg/lp2003_2007/index.pdf

12. http://www.initiative-grundeinkommen.ch und http://www.bien-ch.ch

 

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2. Dezember 2006/0 Kommentare/von Dominic Roser
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