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1. Definition und Bedeutung

Die heute weltweit anerkannte Definition für die nachhaltige Entwicklung ist im Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter Leitung von Gro Harlem Brundtland enthalten. Dieser Bericht verlangt eine «Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.»1Der Begriff der «Bedürfnisse», bei dem es um die ärmsten Erdbewohner geht, und derjenige der «Begrenztheit» bei der Bedürfnisbefriedigung sind im Zentrum des Nachhaltigkeitskonzepts.2 Die Beschränktheit der natürlichen Ressourcen, die gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnisse zu befriedigen, ist auf den hohen Stand der Technologie und der sozialen Organisation zurück zu führen.

Bei der nachhaltigen Entwicklung wird versucht, wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung in Einklang zu bringen. Sie hat den Anspruch, Interessen zu versöhnen, die bislang als widersprüchlich galten. So beachtet sie alle bestehenden materiellen und nicht-materiellen gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnisse und bezieht die Natur und die anderen Lebewesen ein, ohne die der Mensch gar nicht leben könnte. Sicht und Handeln der Nachhaltigkeit sind immer global, räumlich und zeitlich ausgerichtet. Auch wenn sie in der Gegenwart aktiv ist und sich um die Menschen der Gegenwart und ihre sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedürfnisse kümmert, stellt die nachhaltige Entwicklung einen langfristigen Ansatz dar, der die Interessen der künftigen Generationen wahrnimmt und versucht, die negativen Umweltfolgen, die sich aus gewissen menschlichen Tätigkeiten ergeben können, zu verhindern. Doch stellt die globale Dimension kein Hinderungsgrund dar, sich spezifisch für die verschiedenen Aktionen auf lokaler Ebene zu interessieren. So sind denn auch sowohl Produktion als auch Konsum im Norden und Süden dieser neuen Sicht der Entwicklung unterworfen. Einzelaktionen sind unabdingbar, damit nachhaltig ausgerichtete Initiativen zum Erfolg kommen.

2. Geschichtlicher Abriss

Wie kommt es, dass wir heute über nachhaltige Entwicklung sprechen und wo hat dieser Begriff seinen Ursprung?

–         In den 1960er Jahren wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch ein Recht auf einen gerechten Anteil an den Ressourcen hat. Die zugrundeliegende Idee ist Entwicklung um jeden Preis.

–         In den 1970er Jahren wächst das Bewusstsein, dass das Ökosystem Erde begrenzt ist und unseren Schutz braucht. Dieser Gedanke wird besonders an der Stockholm-Konferenz, der ersten UNO-Umweltkonferenz, unterstrichen. Hier wird der Umweltschutz zum unumgänglichen Begriff geprägt.

–         In den 1980er Jahren entsteht das Bewusstsein, dass eine nachhaltige Entwicklung nur dann möglich ist, wenn nicht nur der Umweltschutz, sondern auch der soziale und wirtschaftliche Aspekt berücksichtigt wird. So entwirft die Brundtland-Kommission 1987 die erste Definition der Nachhaltigkeit, die später dann an der Konferenz von Rio übernommen wird.3

 

1987 geht die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, die als Brundtland-Kommission bekannt wurde, von der Feststellung aus, dass die natürlichen Ressourcen so rasch aufgezehrt werden, dass dadurch das menschliche Leben in Frage gestellt wird. 1992 berufen die Vereinten Nationen ein Gipfeltreffen in Rio de Janeiro ein, an dem über 180 Länder teilnehmen. An dieser Konferenz, die auch «Erdgipfel» bezeichnet wird, wurde die «Agenda 21» von Rio ausgearbeitet, die von den 180 anwesenden Ländern verabschiedet wurde. Die Agenda von Rio schlägt Massnahmen vor, die im Laufe des 20. Jahrhunderts weltweit getroffen werden sollen, damit «wirtschaftliche Leistungsfähigkeit»«gesellschaftliche Solidarität» und «ökologische Verantwortung» in Einklang gebracht und ein Gleichgewicht hergestellt werden kann. An ebendiesem Gipfel wurden die Prinzipien entwickelt, welche den Staaten und Behörden als Richtlinie für ihre Aktionen zur Ausarbeitung und Umsetzung der nachhaltigen Entwicklung dienen sollten. 2002 wurde ein zweites Gipfeltreffen in Südafrika organisiert, um Bilanz zu ziehen und weitere Perspektiven der nachhaltigen Entwicklung zu entwerfen.

3. Die drei Zieldimensionen

Um die menschlichen Bedürfnisse umfassend zu decken, besteht der Ansatz der nachhaltigen Entwicklung darin, den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Aspekt nicht mehr getrennt zu sehen. Aufgrund ihrer äusserst starken Vernetzung können diese Aspekte nur dann vollumfänglich zum Wohlergehen der Allgemeinheit beitragen, wenn sie auf dieselbe Ebene gestellt werden. So wird die nachhaltige Entwicklung zu einer soliden Grundlage für die Lösung der Probleme dar, mit denen sich eine Gesellschaft bei ihrem Kampf gegen Fehlentwicklungen konfrontiert sieht. Zu diesem Zweck können drei Kernbegriffe festgehalten werden, welche die Grundaspekte des täglichen Lebens aller Menschen umfassen und die Zieldimensionen der nachhaltigen Entwicklung darstellen:

 

Quelle: www.are.admin.ch (2008)

·        Umwelt: die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen;

·        Wirtschaft: die Bewahrung der materiellen Lebensgrundlagen;

·        Gesellschaft: die Bewahrung der nicht-materiellen Lebensgrundlagen.4

a. Wirtschaft

Man könnte versucht sein, den wirtschaftlichen Aspekt beiseite zu schieben, da er uns in einer globalisierten Welt oft an grosse Multis und börsenkotierte Unternehmen erinnert. Doch aus Sicht der Nachhaltigkeit betrifft die Wirtschaft uns alle: Gross und Klein, Reich und weniger Reich ? in unterschiedlichem Grad. Natürlich kommt dabei den produzierenden Wirtschaftsakteuren oberste Priorität zu. Sie müssen alles daran setzen und ihre Innovationskraft spielen lassen, um zu einer immer energie- und umweltschonenderen Produktion zu finden und nicht nur an die Kapitalvermehrung und Gewinnmaximierung der Aktionäre zu denken. Die Entwicklung neuer Technologien soll dabei insbesondere zu einer verschmutzungs- und abfallärmeren Produktion führen.

Am anderen Ende der Produktkette wird von uns allen erwartet, dass wir «gute» Konsumenten sind, d. h. weniger Abfall erzeugen. Damit die Wirtschaftsmaschine weiterläuft muss ja auch konsumiert werden. So befindet sich der Konsum im Zentrum der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse. Manchmal wird der Konsum sogar als Indikator für das Wohlbefinden der Bevölkerung verwendet, ganz nach dem Motto: «Grosse Kauffreude: Alles steht zum Besten!» Doch kommt es oft vor, dass der Konsum bis auf ein Niveau zunimmt, das Michel Bosquet «opulenten Konsum» nennt. Laut diesem französischen Sozialphilosophen gewährleistet dieser Konsum «das Wachstum des Kapitals, nicht aber der Zufriedenheit» 5. In diesem Konsumrausch ruft uns ein Wort der Weisheit zur Besinnung: «Findest du Honig, so iss davon nur, soviel du bedarfst, dass du nicht zu satt wirst und speist ihn aus.» (Sprüche 25,16).

Es muss herausgestrichen werden, dass wir in einer konsumorientierten Gesellschaft als Konsumenten Macht ausüben können. Wie bei jeder Art der Macht gilt es auch hier, unsere Verantwortung wahrzunehmen, wie wir diese Macht intelligent einsetzen können. In diesem Zusammenhang sind folgende Überlegungen von Bedeutung:

–         Wir konsumieren ein Produkt, das aus der natürlichen Umwelt stammt (natürliches Kapital).

–         Das natürliche Kapital wird in Zeiträumen von geologischer Dauer regeneriert (nach menschlichem Massstab extrem langsam).

–         Das natürliche Kapital muss auch den künftigen Generationen noch zur Verfügung stehen.

b. Gesellschaft

«Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.» (Amos 5,24)

Wachsender Reichtum und wirtschaftliche Leistungskraft sollen allen zu Gute kommen. Darum ist es eine besondere Herausforderung für die nachhaltige Entwicklung, die Grundbedürfnisse der Ärmsten zu befriedigen. Daneben soll sie auch die Solidarität zwischen den Generationen und den armen und reichen Ländern fördern. Doch statt von Armut sollten wir von Elend sprechen, nämlich dort, wo nicht einmal das Existenzminimum gesichert ist. Die nachhaltige Entwicklung sollte auch dazu dienen, die Schwierigkeiten in den Bereichen des Gesundheitswesens, der Bildung und der Arbeit besser zu berücksichtigen und zu lösen, damit die Ungleichheiten in und zwischen den Ländern beseitigt werden können. Die Ausgrenzung soll unter Berücksichtigung der kulturellen Differenzen ausgemerzt werden. Dazu ist die Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen erforderlich.

c. Umwelt

«Euch aber will ich unter die Völker zerstreuen und mit gezücktem Schwert hinter euch her sein, dass euer Land soll wüst sein und eure Städte zerstört. Alsdann wird das Land seine Sabbate nachholen, solange es wüst liegt und ihr in der Feinde Land seid; ja, dann wird das Land ruhen und seine Sabbate nachholen. Solange es wüst liegt, wird es ruhen, weil es nicht ruhen konnte, als ihr es solltet ruhen lassen, während ihr darin wohntet.» (3. Mose 26,33-35)

Der Herr ist offenbar nicht zufrieden, wie Israel das Land bewirtschaftet, das Er gegeben hat. Interessant: Die Ruhezeit, die dem Menschen vorgeschrieben ist, gilt auch für die Natur. Dieser Abschnitt, wie übrigens auch die Noah-Geschichte als anderes alttestamentliches Beispiel, zeigt, dass sich der Schöpfer um die Natur sorgt. Doch lässt der Herr die Natur nicht soweit wachsen, dass Urwald und wilde Tiere dem Menschen seinen Lebensraum streitig machen. Gott weiss, dass der Mensch die Natur braucht, um ein harmonisches Leben zu führen. Aber der Schöpfer fordert auch vom Menschen, seine Verantwortung für die Schöpfung wahrzunehmen. Als Christen sind wir in doppelter Hinsicht gefordert:

–         Wir wissen, dass die Natur Gottes Werk ist und die Schöpfung auf Gottes Heil wartet. In diesem Sinne sollte unser Umgang mit der Natur von unserer Achtung für den Schöpfer gezeichnet sein.

–         Als «Mitarbeiter Gottes» sollte unser Verhalten der Schöpfung gegenüber vorbildhaft sein, sind wir Christen doch die Nachahmer Christi.

4. Indikatoren für die Entwicklung

Seit die nachhaltige Entwicklung in die Staats- und Unternehmenspolitik einfliesst, wurden verschiedene Arten von Indikatoren entwickelt. Wir berücksichtigen hier zwei Indikatoren, die eine breite Anwendung finden und für eine Gesamtbeurteilung der Umweltprobleme, sowie der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung erforderlich sind.

a. Der ökologische Fussabdruck

Der ökologische Fussabdruck ist ein ökologischer «synthetischer» Indikator, mit dem die Umweltbelastung einer Gesellschaft anhand ihres Ressourcenverbrauchs und ihrer Umweltverschmutzung gemessen wird. Die dabei verwendete Grösse ist die biologisch produktive Erdoberfläche in «globalen Hektaren»6. Mathis Wackernagel und William Rees beschreiben diese Methode wie folgt:

Wir müssen die Wirtschaft wie einen Verdauungsapparat sehen, wie z. B. eine Kuh auf der Weide. Die Wirtschaft frisst Ressourcen, deren Verzehr schliesslich zu Abfall wird und den Organismus, eben die Wirtschaft, verlassen muss. Dabei stellt sich die Frage, wie viel Boden es braucht, um den Lebensstandard einer bestimmten Gesellschaft erhalten zu können.7 Die so berechnete Gesamtfläche wird dann auf jeden Einwohner heruntergebrochen (ha pro Kopf).8



QuelleLiving Planet Report 2006. WWF International, Gland.

Dieser Indikator hat den Vorteil, dass er sowohl synthetisch als auch pädagogisch ist. Er teilt jedem Konsumenten mit, welcher sein persönlicher Umwelteinfluss ist, und gibt ihm so die Gelegenheit, über seinen Lebensstil nachzudenken.

b. Index der menschlichen Entwicklung (HDI)

Die Spezialisten des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) haben festgestellt, dass der in den 1990er Jahren verwendete Entwicklungsindikator, das Bruttoinlandprodukt (BIP), an seine Grenzen stösst. Darum haben sie einen neuen, qualitativen Indikator vorgeschlagen, den «Index der menschlichen Entwicklung» (Human Development Index ? HDI). Es handelt sich dabei um einen zusammengesetzten Indikator, der die Entwicklung eines Landes anhand von drei Grundkriterien der menschlichen Entwicklung misst:

–         Gesundheit und Sterblichkeit (gemessen als Lebenserwartung bei der Geburt);

–         Bildungsgrad (gemessen als Alphabetenquote der Erwachsenen und Brutto-Einschulungsrate auf Primar-, Sekundar- und Hochschulstufe);

–         angemessener Lebensstand (gemessen als BIP pro Kopf, kaufkraftbereinigt, in US-Dollar)9.



5. Grundsätze fürs Handeln

Nach dem Gipfel von Rio wurden von Behörden und Firmen allenthalben Prinzipien, Verpflichtungen und Verhaltenskodexe erarbeitet. Doch der Referenztext par excellence ist und bleibt, aufgrund seiner politischen Tragweite, die Rio-Deklaration von 1992. Hier wurden 27 Prinzipien erarbeitet, auf die sich die nachhaltige Entwicklung stützen soll:10

–         Das Solidaritätsprinzip: Dieser Grundsatz umfasst die Solidarität zwischen Generationen (zeitlich) und Völkern (räumlich), um das Erbe der Menschheit zu bewahren und den Graben zwischen Arm und Reich, Nord und Süd zu verringern (Prinzipien 3 und 5).

–         Das Partizipationsprinzip: Dieser Grundsatz bedeutet, dass sich alle gesellschaftlichen Akteure (Firmen, NGOs, Behörden, Private usw.) an den Entscheidungsprozessen beteiligen. Der Erfolg nachhaltiger Projekten hängt in erster Linie von diesem Grundsatz ab (Prinzipien 10 und 20).

–         Das Vorsorgeprinzip: Dieser Grundsatz treibt zur Vorsicht an, wenn die Umwelt aufgrund der menschlichen Tätigkeit bleibende Schäden davon tragen könnte (Prinzip 15).

Andere Grundsätze wie das Verursacherprinzip und das Gleichheitsprinzip können in der Rio-Deklaration nachgelesen werden.11

6. Die Akteure

Die UN-Konferenz hat verschiedene Gruppen betroffener Gesellschaftspartner festgehalten. Wir gehen hier auf die fünf Hauptakteure und ihre Rollen ein:

a. Die Staaten

–         schaffen einen Gesetzesrahmen, der die Einrichtung nationaler und lokaler Agendas fördert;

–         richten eine Entwicklungspolitik ein, die den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung entspricht;

–         schaffen eine gute Koordination zwischen den verschiedenen Ministerien bzw. Departementen;

–         richten in der Verwaltung vorbildliche Handlungsweisen ein.

b. Die Zivilgesellschaft

–         bringt sich aktiv zu sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Themen ein;

–         unterstützt die öffentliche Hand und hinterfragt sie bei Entscheiden, die nicht mit der nachhaltigen Entwicklung kompatibel sind;

–         sensibilisiert die öffentliche Meinung und regt die Debatte zur nachhaltigen Entwicklung an.

c. Die Unternehmen

–         fördern eine saubere und energiesparende Produktion;

–         nehmen ihre soziale Verantwortung wahr;

–         ermutigen ihre Mitarbeiter zu einem nachhaltigen Verhalten (z. B. Mobilität).

d. Die Gemeinden

–         handeln für ihre Bevölkerung beispielhaft;

–         informieren und sensibilisieren ihre Mitarbeiter und die Bevölkerung zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung;

–         stellen den Konsumenten Informationen zur Verfügung, die ein verantwortungsvolles Handeln ermöglichen;

–         arbeiten eine lokale Agenda 21 aus;

–         fördern die nachhaltige Entwicklung, indem sie im öffentlichen Beschaffungswesen und bei der Subventionierung von Projekten ökologische Kriterien einführen.

e. Der Einzelne

–         ehrt den Schöpfer;

–         nimmt eine verantwortungsvolle Haltung ein (bewusstes Konsumverhalten, Verschmutzung und Verschwendung der natürlichen Ressourcen vermeiden);

–         teilt mit seinem Umfeld sein Glück und seinen Glauben;

–         übt u. a. Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität.

7. Nachhaltige Entwicklung: Ein neuer Wert?

Wegen der Mediatisierung der nachhaltigen Entwicklung meinen gewisse Leute, es sei eine neue Religion entstanden. In einer Gesellschaft, die dauernd nach Neuheiten und neuen Bezügen sucht, scheint alles möglich. Doch kann das Konzept der nachhaltigen Entwicklung, auch wenn es innovativ und interessant ist, nie den Anspruch erheben, einen bisherigen Mangel in der Kirche zu ersetzen oder zu ergänzen. Die christliche Gemeinschaft besitzt seit ihrer Gründung unveränderliche Werte und Grundsätze, die den Aspekten Solidarität und Bewahrung der Natur, die Gottes Schöpfung ist, einen grossen Platz einräumt. «Gewisse biblische Empfehlungen werden vorgeschrieben, um die Bedürfnisse des gemeinschaftlichen Lebens zu befriedigen.»12 Unter Ethik verstehen wir «die Berücksichtigung beim Handeln von sozialen, moralischen und geistlichen Grundwerten, die einer Gesellschaft eigen sind»13. In diesem Sinn gibt uns das Evangelium wesentliche Elemente, damit wir Menschen unseren Aufenthalt auf der Erde in Harmonie mit uns selbst, unserem Nächsten, unserer Umwelt und vor allem unserem Schöpfer gestalten können.

Jean Hategekimana, Spezialist Umwelt & Entwicklung



1. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Volker Hauff (Hsg.), 1987.

2. Nach Christian Brodhag (französischer Minister für Umwelt und nachhaltige Entwicklung).

3. a. a. O.

4. Häberli et al.: Vision Lebensqualität Nachhaltige Entwicklung: ökologisch notwendig, wirtschaftlich klug, gesellschaftlich möglich. (eigene Übersetzung).

5. Ecologie et liberté. S. 44 (Eigene Übersetzung).

6. Eine globale Hektare ist eine Hektare Boden, dessen Ertrag dem weltweiten Mittel entspricht.

7. Nach: Wackernagel, Mathis und Rees, William: Unser ökologischer Fussabdruck. Birkhäuser, Basel, Boston, Berlin: 1997

8. Brodhag, C. et al, Développement durable : leçons et perspectives, In «Actes du colloque scientifique de Ouagadougou». S. 113-120.

11. a. a. O.

12. Jakubec JoelLe développement durable, approche scientifique, sociale et éthique, S. 32 (eigene Übersetzung).

13. a. a. O., S. 31.

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1. Weltweiter Anstieg der durchschnittlichen Temperatur

Zahlreiche Messungen in allen Weltgegenden über die letzten hundert Jahre ergeben das Bild einer immer wärmer werdenden Erde. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist die durchschnittliche Temperatur um 0,74°C [0,56°C ? 0,92°C][1] angestiegen. Ausserdem hat sich die Geschwindigkeit der Temperaturzunahme über die letzten fünfzig Jahre (0,13°C [0,10°C ? 0,16°C] pro Jahrzehnt) im Vergleich mit den vorangehenden hundert Jahren praktisch verdoppelt. Dabei ist der Anstieg auf der nördlichen Halbkugel ausgeprägter als auf der südlichen. Dabei gilt zu beachten, dass sich die Naturwissenschaftern auf die «globale Durchschnittstemperatur» stützen, was bedeuten kann, dass die festgestellten Temperaturänderungen in gewissen Gegenden unter und in anderen über dem globalen Durchschnitt liegen. Ebenso ist es normal, dass die Änderungen in gewissen Regionen äusserst gross sind. So ergaben Messungen in der Schweiz einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 1,5°C seit 1970, was anderthalbmal über dem Durchschnittswert des nördlichen Festlandes liegt.[2] Auch überrascht es nicht, wenn die Durchschnittstemperaturen in gewissen Gegenden gesunken sind.

In verschiedenen Weltgegenden wurden unterschiedliche Auswirkungen der Klimaerwärmung festgestellt.[3] Der Klimawandel ist in den Berggebieten besonders sichtbar, weil hier die Temperaturen je nach Zone stark schwanken. Es lohnt sich, die älteren Leute danach zu fragen, wie sie die Schneedecke und die Temperaturen «aus ihrer Zeit» in Erinnerung haben.

–         Weltweit, mit einzelnen Ausnahmen wie der Antarktis, wird ein rasches und generelles Abschmelzen der Gletscher beobachtet. So wurden z. B. in zahlreichen Berggebieten, in Alaska, in Grönland, im Himalaja und auch bei Polareisbohrungen (Sondierungen) grosse Veränderungen festgestellt. Für die Bergwanderer unter den Lesern ist es augenfällig, dass beinahe alle Alpengletscher in den letzten Jahren stark zurückgegangen sind.[4]

–         Der Winter ist kürzer und wärmer und die Schneedecke in verschiedenen Weltgegenden dünner geworden.

–         Die Vegetation in den Alpen hat sich verändert und sich der höheren Temperatur angepasst.

–         Es werden vermehrt extreme Wetterphänomene beobachtet, was aber auch dadurch beeinflusst sein kann, dass wir solche Ereignisse heute durch deren grosse Medienwirksamkeit stärker wahrnehmen.

Nun ist es aber ein schwieriges Unterfangen, eine globale Durchschnittstemperatur zu definieren, und noch mehr, sie konstant über hundert Jahre zu erfassen. So können z. B. Messungen an Orten, deren Landschaft sich wesentlich verändert hat, nicht ohne Weiteres als Vergleichswerte herbeigezogen werden. Es muss entschieden werden, inwiefern die erlangten Daten zuverlässig sind. Trotz dieser Schwierigkeiten sind die naturwissenschaftlichen Spezialisten für solche Fragen, deren Meinung im Bericht der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change ? «Weltklimarat»), wiedergegeben ist, zum Schluss gekommen, dass die beobachteten Temperaturveränderungen real und viel grösser sind als diejenigen der letzten paar Tausend Jahre.

2. Die Erdatmosphäre: ein Treibhaus

Die Sonne überträgt mit ihrer Einstrahlung oder einfacher: mit ihrem Licht Wärme an die Erde und schafft so die Grundlage für das Leben. Doch wird ein Grossteil dieser Einstrahlung von der Erdoberfläche zurückgeworfen (reflektiert). Wenn es dabei bleiben würde, betrüge die Durchschnittstemperatur an der Erdoberfläche kaum 255 Kelvin (K) bzw. -18°C. Zum Glück für uns beträgt nun die Durchschnittstemperatur 288 K (+15°C). Dieser Unterschied geht auf gewisse Gase in der Erdatmosphäre zurück. Zu den wichtigsten dieser sog. «Treibhausgase» gehören: Wasserdampf (Wolken), Kohlendioxid (CO2) und Methan (CH4). Die Treibhausgase lassen das sichtbare Sonnenlicht durch, fangen aber die Infrarotstrahlen, in die das Sonnenlicht durch die Reflexion an der Erdoberfläche verwandelt wird, ein und tragen so zur Erwärmung der Erde bei. Mit der Zeit pendeln sich Lichtreflexion und ‑absorption ein, womit eine globale Durchschnittstemperatur resultiert, die für das Leben förderlich ist. Das ist der berühmt-berüchtigte Treibhauseffekt, dank dem die Temperatur an der Erdoberfläche ca. 33°C höher zu liegen kommt als wenn er nicht zum Tragen käme.[5]

 

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Treibhauseffekt(2008)

Logischerweise besteht also eine Korrelation[6] zwischen den Treibhausgasen und der Durchschnittstemperatur. Eine Erhöhung an CO2 müsste demnach zu einer Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur führen. Solche Korrelationen konnten u. a. anhand der Analyse von Polareisbohrungen in der Antarktis und in Grönland für einen Zeitraum von mehreren Tausend Jahren nachgewiesen werden.[7]

3. Gibt der Klimawandel Anlass zur Sorge?

Die Wissenschafter haben schon lange festgestellt, dass das Erdklima seit mehreren Millionen Jahren abwechslungsweise Eiszeiten und Wärmeperioden durchlaufen hat. Solche Veränderungen erfolgen aber äusserst langsam im Laufe von mehreren Tausend Jahren. Diese natürlichen Klimaveränderungen beruhen auf zahlreichen Faktoren. So scheinen gewisse Effekte in Korrelation mit wiederkehrenden Veränderungen der Erdumlaufbahn in einem Rhythmus von ca. 50 000 Jahren zu stehen. Die Temperaturveränderungen, die sich auf diesen Effekt zurückführen lassen, betragen schätzungsweise 5°C. Die stärksten Temperaturschwankungen, die in Zusammenhang diesem Phänomen beobachtet werden können, betragen 0,15°C bis 0,2°C pro Jahrhundert. Dieser Wert liegt unter der beobachteten Entwicklung der letzten 50 Jahre von über +0,5°C.[8]

Überdies hat sich die Temperaturerwärmung in den letzten zwei Jahrzehnten beschleunigt. «Elf der letzten zwölf Jahre (1995 ? 2006) gehören zu den zwölf wärmsten Jahren seit der instrumentellen Messung der globalen Erdoberflächentemperatur (seit 1850).»[9] Die Untersuchung von Baumringen und die Analyse von Eisbohrkernen ergeben, dass eine so rasche Klimaveränderung seit Tausenden von Jahren nicht vorgekommen ist. Viele erinnern sich noch gut an die aussergewöhnliche Hitzewelle im Sommer 2003 in Zentraleuropa, die manch Einen von der Realität des Klimawandels überzeugt hat.

Die aktuellen Klimamodelle berücksichtigen solche Effekte. Fast alle Klimamodelle sind heute in der Lage, unter Berücksichtigung zahlreicher Parameter den heute beobachteten Temperaturwandel zu beschreiben. Grundsätzlich wird bei der Entwicklung aller Modelle ein ähnliches Vorgehen gewählt: So werden z. B. die Parameter auf die Messwerte des Zeitraums von 1900 bis 1980 geeicht. Auf dieser Grundlage werden dann Voraussagen für die Jahre 1980 bis 2000 gemacht, die dann mit den tatsächlich gemessenen Werten verglichen werden, womit sich die Zuverlässigkeit des Modells testen lässt. Bei diesen Modellen können verschiedene Parameter verändert werden, um natürliche und CO2-bedingte Schwankungen zu berücksichtigen. So gelangt man unweigerlich zum Schluss, dass der beobachtete Temperaturanstieg einzig und allein durch den Anstieg der CO2-Konzentration erklärt werden kann. Mit diesen Klimamodellen können die physikalischen Aspekte des Klimawandels sowie einzelne regionale Phänomene wie die Niederschläge erklärt werden. Doch gibt es in der gesamten wissenschaftlichen Welt niemand, der behaupten würde, mit diesen Modellen könnten alle regionalen klimatischen Auswirkungen erklären.[10]

4. Weshalb nimmt das CO2 zu?

Grosse Mengen an Kohlenstoff sind in den Pflanzen (Biomasse) und in den fossilen Brennstoffen (Erdöl, Erdgas und Kohle) gebunden. Die fossilen Brennstoffe bestehen zum grössten Teil aus Biomassefossilien, die im Laufe von Hunderten von Millionen Jahren entstanden sind und konserviert wurden. Heute werden diese fossilen Brennstoffe sehr rasch verbrannt, was zur Freisetzung von CO2-Emissionen und thermischer Energie führt. Ein Bruchteil dieser thermischen Energie wird in mechanische und elektrische Energie umgewandelt, die in den Industrieländern gedankenlos verbraucht wird. Dieser Verbrauch der fossilen Brennstoffe geschah besonders in den letzten fünfzig Jahren, was zum Schwinden von etwa der Hälfte der bekannten Erdölreserven geführt hat.[11]

Es gilt zu bedenken, dass die Lebensweise in den Industrieländern direkt von der Nutzung der fossilen Brennstoffe, und insbesondere vom Erdöl abhängig ist. In Anbetracht der Tatsache, dass in den letzten fünfzig Jahren etwa die Hälfte der bekannten Erdölreserven aufgezehrt wurde, drängt sich die Frage auf, wie viele neue Vorkommen noch zu finden sind. Eine eindeutige Antwort darauf ist nicht einfach. Zahlreiche Geologen gehen aber davon aus, dass es nicht mehr viele ungenutzte Erdöllager gibt. Das stichhaltigste Argument lautet, dass die grössten Entdeckungen zwischen 1960 und 1970 gemacht worden sind und die Zahl der neuentdeckten Vorkommen seither trotz immer neuerer Technik und weltweit systematisch vorangetrieben Suche stetig abgenommen hat.[12]

Überdies gibt es heute klare Zeichen, dass die weltweite Erdölproduktion in etwa ihren Höchstpunkt erreicht hat und vielleicht bereits im nächsten Jahrzehnt abnehmen wird. Dabei würde auch die Entdeckung neuer unverhoffter Ölfelder, wie z. B. diejenigen in Saudi-Arabien, einzig zum Aufschub dieses Zeitpunkts um einige Jahre beitragen. Der Niedergang der weltweiten Erdölproduktion könnte in gewissem Sinn eine Spiegelung des Produktionsaufschwungs der letzten dreissig Jahre sein.[13] In der Fachliteratur werden bereits zahlreiche Warnungen zu diesem neuen Ölschock und seiner möglichen Folgen abgegeben.[14]

5. Wer sind die Verursacher?

Die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre, die von 280 ppm (part per million: «millionster Teil») vor hundert Jahren auf heute ca. 379 ppm angestiegen ist, steht in enger Korrelation mit dem Verbrauch der fossilen Energien in den Industrieländern. So halten die Experten der IPCC fest:

«Andauernd gleich hohe oder höhere Treibhausgasemissionen als heute würden eine weitere Erwärmung verursachen und im 21. Jahrhundert viele Änderungen im globalen Klimasystem bewirken, die sehr wahrscheinlich grösser wären als die im 20. Jahrhundert beobachteten.»[15]

Doch sind gewisse Naturwissenschafter der Ansicht, dass die fossilen Brennstoffe nie zu einer CO2-Konzentration von 600 ppm führen werden, weil wir unseren «westlichen Lebensstil» aufgrund des zu Ende gehenden Erdölzeitalters radikal werden ändern müssen.[16]

Im Jahr 2004 lebten beinahe 6,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Fossile Brennstoffe und Biomasse haben ca. 29 000 Millionen Tonnen CO2 verursacht[17]. Dies entspricht ca. 4,5 Tonnen CO2 pro Person und Jahr. Die Industrieländer, oder vielmehr die reichen OECD-Länder, d. h. etwa 20 % der Weltbevölkerung, sind für die Hälfte dieser Emissionen (etwa 11,5 Tonnen pro Person) verantwortlich. Unter diesen Ländern beträgt der Anteil der USA 6 000 Millionen Tonnen pro Jahr, was etwa 20,6 Tonnen pro Einwohner entspricht. Im Vergleich dazu beträgt der CO2-Ausstoss pro Person und Jahr in Kanada 20 Tonnen, in Deutschland 9,8 Tonnen und in der Schweiz 5,4 Tonnen. Diese Zahlen müssen im Vergleich mit weniger industrialisierten Ländern gesehen werden, deren CO2-Ausstoss pro Person deutlich tiefer liegt: 3,8 Tonnen in China, 1,8 Tonnen in Brasilien, 1,2 Tonnen in Indien und 0,8 Tonnen in Pakistan. Eine vollständige Liste des CO2-Ausstosses pro Land und Kopf kann beim Link in Fussnote 12 eingesehen werden. Diese Statistiken weisen klar aus, wer für den festgestellten Klimawandel verantwortlich ist. Neben diesen erschreckenden Emissionswerten gilt zu bedenken, dass das heute ausgestossene CO2 während über hundert Jahren in der Atmosphäre verbleibt. Darum muss davon ausgegangen werden, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auch bei konstantem Verbrauch fossiler Brennstoffe in den nächsten Jahrzehnten mindestens 450 ppm erreichen wird.

Werden die Projektionen der zukünftigen CO2-Emissionen als Grundlage genommen, kann anhand der Klimamodelle die künftige globale Durchschnittstemperatur prognostiziert werden. Sie steigt demnach bis 2100 je nach Modell um 1,8°C bis 4°C an (wobei der Unsicherheitsbereich von +1,1°C bis +6,4°C reicht). Zur Veranschaulichung dieser Veränderung denken wir an die Sommerhitze 2003 in Zentraleuropa, als die Temperaturen ca. 2°C bis 3°C über dem langjährigen Mittel für diese Jahreszeit lagen.[18]

6. Wie lauten die Prognosen?

Zuallererst muss darauf hingewiesen werden, dass niemand weiss, was auf uns zukommt, und dass die Modelle grossen Fehlerquoten unterworfen sind. Es ist sogar möglich, dass die oft zitierten 5°C Erwärmung der harten Realität noch nicht einmal entsprechen und gewisse Katastrophenszenarien nicht auszuschliessen sind. So würde ein Temperaturanstieg von ca. 8°C zum Abschmelzen der Eiskappe am Südpol und damit zum Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter führen. Dies würde Milliarden von Menschen zur Flucht unter unvorstellbaren Umständen treiben. Solche Erwärmungen könnten auch zum Auftauen des Permafrosts auf der nördlichen Halbkugel führen. Unter der gefrorenen Erdoberfläche sind dort riesige Mengen des starken Treibhausgases Methan gebunden. Dieses Methan würde dadurch in die Atmosphäre freigesetzt, was zu einem noch stärkeren Anstieg der Temperatur führen würde. Dies könnte dazu führen, dass gewisse Weltgegenden nicht mehr bewohnbar wären.

7. Wie sollten wir reagieren?

Auf die Frage, welche Reaktion angemessen sei, können wir hier nur gewisse Gedankenanstösse geben. Doch haben wir angesichts der beschriebenen Beobachtungen, der extremen Folgen, die der Klimawandel nach sich ziehen könnte, und der Unsicherheit der verwendeten Modelle nicht mehr viel Zeit, um den vom Menschen verursachten Klimawandel weltweit zu bekämpfen.

Vielleicht sollten die Menschen ähnliche Normen einführen, wie sie in anderen Gesellschaftsbereichen gang und gäbe sind. So wird z. B. kein neues Medikament auf den Markt gebracht, ohne zuvor streng getestet und auf Nebenwirkungen kontrolliert zu werden. Wird dieselbe Idee auf die fossilen Brennstoffe angewendet, könnte ihre Verwendung einem Zulassungsverfahren unterworfen werden, bei dem nachgewiesen werden muss, dass sie sich nicht schädigend auf das Klima auswirken.

Oder noch radikaler ausgedrückt: Die Menschheit sollte nicht mit dem Klima herumspielen dürfen, solange sie die Folgen ihrer Taten nicht abschätzen kann. So wie die Eltern, die ihrem Kind «Nicht anfassen!» sagen, wenn es auf die Steckdose zusteuert.

8. Das Kyoto-Protokoll (1997)

Das Kyoto-Protokoll[19] ist ein internationales Abkommen, das den CO2-Ausstoss in den Industrieländern auf den Stand von 1990 verringern will. Doch obwohl es auf weitreichende Zustimmung stösst, ist bereits heute klar, dass es sich nur am Rande auf den weltweiten Kohlendioxid-Ausstoss auswirken wird. Denn auch wenn das Protokoll sein Ziel erfüllen würde, so stiege die CO2-Konzentration dennoch bis auf den doppelten Wert seit Beginn des Industriezeitalters an. Der Symbolwert eines solchen Abkommens ist trotzdem äusserst gross, stellt doch seine Annahme und die Durchsetzung einer weltweiten Verhaltensänderung in der Geschichte der Menschheit ein Erstfall dar. In der Folge könnten dann drastischere Massnahmen eingeführt werden.

Das Abkommen wurde 1997 verabschiedet und trat mit der Ratifizierung durch Russland (2004) im Jahre 2005 in Kraft. Doch wurden bislang kaum effiziente Massnahmen zur CO2-Reduktion eingeführt. Nur wenige Länder sind bereit, die notwendigen Anstrengungen zu erbringen, um ihren Verbrauch an fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Dies hängt damit zusammen, dass die dringlichsten gesellschaftlichen Probleme der Industrieländer, wie z. B. Arbeitslosigkeit, mit mangelndem Wirtschaftswachstum zusammen hängen und dass eine wachsende Wirtschaft üblicherweise mit einem Verbrauchsanstieg fossiler Brennstoffe einhergeht.[20]

9. Was soll oder kann man tun?

Mit dieser Frage betreten wir den Bereich der Phantasie, der Träume oder der Alpträume. Bevor wir darauf eingehen, wollen wir kurz die voranstehenden Erläuterungen zusammenfassen:

1.              Das Klima erwärmt sich weltweit.

2.              Die Klimamodelle zeigen, dass dieser Wandel auf die Verwendung von Erdöl, Erdgas und Kohle in den Industrieländern zurückgeführt werden kann.

3.              Die Prognosen für die kommenden Jahre sind äusserst besorgniserregend. Es sind regionale Katastrophen zu befürchten.

4.              Unsere Haltung heute wird sich langfristig auf die gesamte Biosphäre auswirken und die Lebensverhältnisse zahlreicher kommender Generationen beeinflussen.

Nur eine kleine Minderheit denkt überhaupt daran, dem Klimawandel mit einer radikalen Lösung zu begegnen. Diese Leute verlangen kurz gesagt, dass die Industrieländer ihren Verbrauch an fossilen Brennstoffen sosehr verringern, dass die weltweiten CO2-Emissionen möglichst rasch reduziert werden können. Eine «gemässigt radikale» Lösung wäre z. B., eine Halbierung der CO2-Emissionen bis 2025 zu erzwingen. Dieses Ziel könnte erreicht werden, indem die jährliche CO2-Erzeugung um 2 % reduziert würde. Doch ist dies realistisch, wo die Weltbevölkerung jährlich um ca. 70 bis 80 Millionen Personen zunimmt?

Ein wissenschaftlicher (!) Lösungsansatz wäre die Forderung, dass der CO2-Verbrauch in den Industrieländern während den nächsten 25 Jahren auf den Pro-Kopf-Verbrauch von Ländern wie z. B. Indien gedrückt wird. Gleichzeitig müssten die Entwicklungsländer ihren Verbrauch stabilisieren. Dieses Szenario bedeutet, dass die USA und die anderen Industrieländer ihre Emissionen während den nächsten 25 Jahren um jährlich 10 % reduzieren müssten?

Man muss sich bewusst sein, dass ein solcher Entscheid gezwungenermassen, und nicht nur in den Industrieländern, zu einem Verlust an materiellem Komfort führen würde. Doch könnte ein Teil dieser CO2-Reduktion auch durch die Verwendung erneuerbarer Energien erreicht werden. Doch auch im optimistischsten Falle wäre ein drastischer Verzicht auf den Konsum von materiellen Gütern unumgänglich. Eine solche Massnahme könnte auf dem «Verursacherprinzip» beruhen: die grössten Energieverbraucher müssten demnach ihren Verbrauch am stärksten reduzieren.

Heute nehmen viele Leute vielmehr eine abwartende Haltung ein: «Wir werden dann sehen?» Sie hoffen, dass die wissenschaftlichen Beobachtungen und Prognosen nicht stimmen. Andere Leute blasen in dasselbe Horn mit der Begründung: «Wir können sowieso nichts tun, denn der Mensch ist einfach schlecht.» Wieder andere, hauptsächlich Bewohner der reichen Länder, hoffen sogar naiv, dass der Klimawandel positive Auswirkungen auf ihre Region und ihr Leben haben wird.

Doch sollten wir nicht vergessen, dass der Grossteil der Weltbevölkerung bereits heute mit riesigen Alltagsproblemen konfrontiert ist. Leider verschwinden die Klimaprobleme nicht, wenn wir die Augen verschliessen. Und ob wir wollen oder nicht, werden die fossilen Brennstoffe, die wir heute verbrennen, der Menschheit in Zukunft grosse Probleme aufgeben.

Können wir angesichts der grossen Auswirkungen des Klimawandels eine Vogel-Strauss-Politik betreiben? Wenn wir uns ohnmächtig fühlen, denken wir daran: «Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.»

Michael Dittmar, Anne-Sylvie Giolo, Physiker



1. Die hier dargestellten Fakten werden im Bericht der Arbeitsgruppe I des Weltklimarats IPCC vertieft: Wissenschaftliche Grundlagen. Der Gesamtbericht 2007 kann an folgender Adresse heruntergeladen werden: www.ipcc.ch/ipccreports/translations.htm  à «German/Deutsch».

2. Das Bundesamt für Umwelt BAFU hat eine detaillierte Analyse der Klimaerwärmung in der Schweiz veröffentlicht: Klimaänderung in der Schweiz. Indikatoren zu Ursachen, Auswirkungen, Massnahmen. Sie kann an folgender Adresse heruntergeladen werden: www.bafu.admin.ch/publikationen/index.html?lang=de&action=show_publ&id_thema=16&series=UZ&nr_publ=0728

3. Ein detaillierter Bericht über die Klimaerwärmung kann z. B. auf der Webpage der Zeitschrift New Scientist gelesen werden: www.newscientist.com/hottopics/climate (englisch).

4. Siehe Klimaänderung in der Schweiz. Kapitel 3. BAFU, a. a. O.

5. An folgenden Webseiten wird der Treibhauseffekt detailliert vorgestellt: www.treibhauseffekt.comhttp://de.wikipedia.org/wiki/Treibhauseffekt

6. «Die Korrelation ist eine Beziehung zwischen zwei oder mehr statistischen Variablen. Wenn sie besteht, ist noch nicht gesagt, ob eine Grösse die andere kausal beeinflusst, ob beide von einer dritten Grösse kausal abhängen oder ob sich überhaupt ein Kausalzusammenhang folgern lässt.» (http://de.wikipedia.org/wiki/Korrelation, Oktober 2008)

7. Siehe z. B. das Kapitel «Eine paläoklimatische Perspektive» in Wissenschaftliche Grundlagen. Beitrag der Arbeitsgruppe 1, S. 9 (zum Herunterladen s. Fussnote 1), in dem die Korrelation zwischen CO2-Konzentration und Temperatur nachgewiesen wird.

8. Die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels werden im Bericht Auswirkungen, Anpassung, Verwundbarkeiten. Beitrag der Arbeitsgruppe II dargelegt (s. o. Fussnote 1).

9. Wissenschaftliche Grundlagen. Beitrag der Arbeitsgruppe I. IPCC-Bericht (s. o. Fussnote 1).

10. Deshalb ist es natürlich falsch, ein Modell auf eine Region anzuwenden, für welche die Autoren das Modell ausdrücklich als ungültig deklarieren! Wenn dies mit dem Ziel getan wird, die grundsätzliche Gültigkeit des Modells in Frage zu stellen, gelangen wir in den Bereich des Betrugs und in Widerspruch mit dem Prinzip der wissenschaftlichen Integrität. Der Geltungsrahmen gewisser Klimamodelle wird im Kapitel «Projektionen zukünftiger Änderungen des Klimas» in Wissenschaftliche Grundlagen. Beitrag der Arbeitsgruppe I der IPCC dargelegt (Internetadresse s. o. Fussnote 1).

11. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem aktuellen Stand der Erdölreserven ist an folgender Adresse zu finden: www.hubbertpeak.com/index.asp (englisch). Erläuterungen und weitere Links zum Thema finden sich auf www.aspo.ch.

12. Eine detaillierte Analyse der Herkunft des Erdöls und der Erdölsuche findet sich an der Adresse www.hubbertpeak.com/campbell

13. Die Hubbert-Kurve und ihre möglichen Folgen werden an folgender Adresse vertieft analysiert: www.oilcrisis.com/midpoint.htm (englisch).

14.  Da die tatsächliche Bedeutung des Erdöls für die Industrieländer nur äusserst schwer beurteilt werden kann, sind auch die katastrophalsten Szenarien zulässig: www.dieoff.org

15. «Projektionen zukünftiger Änderungen des Klimas» in Wissenschaftliche Grundlagen. Beitrag der Arbeitsgruppe I. IPCC-Bericht, S. 13 (s. o. Fussnote 1). Hier werden auch die verschiedenen Modelle und Projektionen der IPCC dargelegt.

16. Eine solche Studie wurde in der Zeitschrift New Scientist vorgestellt:
www.newscientist.com/news/news.jsp?id=ns99994216

17. Der Bericht der UNO, Human Development Indicators 2007/2008, gibt zahlreiche Daten zu den weltweiten CO2-Emissionen (und zu vielen anderen Themen) pro Land und Einwohner. Er kann an folgender Adresse eingesehen werden: http://hdr.undp.org/en/reports/global/hdr2007-2008 (englisch u. a.).

18. Die Prognosen zum durchschnittlichen, CO2-bedingten Temperaturanstieg wird im IPCC-Bericht mit mehreren Szenarien dargestellt. Siehe Kapitel «Projektionen zukünftiger Änderungen des Klimas» in Wissenschaftliche Grundlagen. Beitrag der Arbeitsgruppe I. S. 12; Internetadresse unter Fussnote 1.

19. Der Wortlaut des Kyoto-Protokolls kann an folgender Adresse heruntergeladen werden: http://www.bafu.admin.ch/klima/00470/00488/index.html?lang=de

20. Ein grosser Teil der fossilen Brennstoffe dient dem Transport und besonders dem Automobilverkehr. Die verkehrsbedingten Emissionen in der Europäischen Union haben zwischen 1990 und 2004 um 32 % zugenommen (http://en.wikipedia.org/wiki/Kyoto_protocol; englisch). So berichtet ein 2003 erschienener Artikel der BBC News darüber, dass die europäischen Länder wegen dem wachsenden Automobilverkehr ihre Zielvorgaben aus dem Kyoto-Protokoll nicht erreichen werden: http://news.bbc.co.uk/1/hi/sci/tech/3253476.stm (englisch).

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Ein theologischer und ethischer Gesichtspunkt

Wenn die Umweltzerstörung einzig oder in erster Linie ein Problem wäre, das sich mit wissenschaftlichen und technischen Mitteln lösen liesse, dann wäre es heute wohl gelöst. Nun ist es aber so, dass die aktuelle Krise, die Umweltverschmutzung und der Rohstoffraubbau mit den Grundlagen unseres Wertesystems zu tun hat. Darum fordert sie uns heraus, diese Grundsätze neu auf ihre Eignung zu prüfen und im Bedarfsfall einen neuen Rahmen zu finden, mit dem ethisches Verhalten und individuelle Tugend beschrieben werden können.?1
Zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts sehen wir uns mit einer Umweltkrise ohne Gleichen konfrontiert. Unaufhaltsam wird die Erde wärmer, die Umweltverschmutzung schlimmer, die natürlichen Ressourcen wie Trinkwasser und Erdöl rarer und die Abfallberge grösser. Für alle diese Probleme sieht die Umweltethikerin Shrader eine Lösung in der Errichtung eines neuen Wertesystems.
Darum ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, wie sich die Umweltfragen in ein christliches Wertesystem integrieren lassen und wie wir sie beantworten können. Dazu wollen wir auf die Bibel zurückzugreifen, in der Gott die Beziehung zwischen Natur und Mensch definiert.

1. Gottes Beziehung mit der Natur

Der Gott der Christen ist ein Schöpfergott; dies ist eine Seiner herausragendsten Eigenschaften. Darum ist es nur logisch, dass die Bibel mit dem Schöpfungsbericht beginnt. Gott zeichnet sich also dadurch aus, dass er schöpferisch tätig ist und Leben spendet. Beim Lesen der ersten Verse der Bibel sehen wir, dass Gott daran Freude hat und dass er alles vollkommen macht. Gott liebt seine Schöpfung. Sie lässt Ihn überhaupt nicht gleichgültig. Er hat sie schön und gut gemacht: «Und Gott der HERR liess aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen.» (1. Mose 2,9a2). So heisst es auch nach jedem Schöpfungsabschnitt: «Und Gott sah, dass es gut war.» Der Schöpfungsakt kann als ein Akt der Grenzsetzung und Strukturierung gesehen werden, bei dem Gott das Chaos verdrängt und Regeln schafft: Er schafft den Tag und die Nacht, die Jahreszeiten und die Jahre. Jedes Geschöpf erhält einen bestimmten Platz, damit eine gewisse Stabilität gewährleistet ist.
Gott verbindet jeden Schöpfungsabschnitt mit Segensworten und verleiht jedem Geschöpf seine besondere Aufgabe, wie z. B.: «Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.» (1,22).Gott sieht mit Wohlwollen auf alle Seine Geschöpfe. Dies wird auch in der Noah-Geschichte geäussert:
Siehe, ich richte mit euch einen Bund auf und mit euren Nachkommen und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren des Feldes bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden.? (1. Mose 9,9-10)
Gott schliesst nicht nur einen Bund mit den Menschen, sondern auch mit der gesamten Schöpfung! Dies bedeutet, dass für Gott bei der Sintflut auch das Überleben der Tiere grundlegend war. Interessant ist in diesem Sinne auch, dass der Mensch als Letztes geschaffen wird. Dies bedeutet, dass wir von allem, was vor uns geschaffen wurde, abhängig sind und nicht ohne es leben können. Eine weitere wichtige Beobachtung ist, dass die Schöpfung kein einmaliger Akt war, sondern dass Gott seine Schöpfungstat täglich erneuert, wie dies z. B. in Psalm 104 zum Ausdruck kommt.
Du sendest aus deinen Odem, so werden [die Geschöpfe] geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde.? (Vers 30)
Die Natur ihrerseits lobt ihren Schöpfer:
Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt?s dem andern, und eine Nacht tut?s kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte; unhörbar ist ihre Stimme. Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt. Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht; sie geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn. Sie geht auf an einem Ende des Himmels und läuft um bis wieder an sein Ende, und nichts bleibt vor ihrer Glut verborgen.? (1. Mose 9,2-7)
Die Natur wurde geschaffen, um Gott Ehre zu geben. Zahlreiche Psalmen (8, 104, 148 usw.) drücken diesen Gedanken aus. Sie besingen auch den Menschen, der die Natur betrachtet und Gott für die Vollkommenheit Seiner Schöpfung lobt. So wird die Natur als Teil des Lobpreises angesehen:
Halleluja! Lobet den HERRN! Denn unsern Gott loben, das ist ein köstlich Ding, ihn loben ist lieblich und schön. Der HERR baut Jerusalem auf und bringt zusammen die Verstreuten Israels. Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden. Er zählt die Sterne und nennt sie alle mit Namen. Unser Herr ist gross und von grosser Kraft, und unbegreiflich ist, wie er regiert. Der HERR richtet die Elenden auf und stösst die Gottlosen zu Boden. Singt dem HERRN ein Danklied und lobt unsern Gott mit Harfen, der den Himmel mit Wolken bedeckt und Regen gibt auf Erden; der Gras auf den Bergen wachsen lässt, der dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die zu ihm rufen.? (Psalm 147,1-9)
Schliesslich nähert sich Gott in der Natur auch dem Menschen. Wenn wir die Vollkommenheit der Schöpfung betrachten und studieren, lernen wir den Schöpfer besser kennen und lernen Ihn für Seine Wohltaten loben. Wir sind aufgefordert, von der Natur zu lernen, wie es Hiob sagt:
Frage doch das Vieh, das wird dich?s lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir?s sagen, oder die Sträucher der Erde, die werden dich?s lehren, und die Fische im Meer werden dir?s erzählen. Wer erkennte nicht an dem allen, dass des HERRN Hand das gemacht hat, dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, und der Lebensodem aller Menschen?? (12,7-10)
Die Schöpfung ist ein kostenloses Geschenk Gottes, zu dem Gott nicht verpflichtet ist. Sie ist auch ein Ausdruck von Gottes Liebe zu den Menschen. Dieses Geschenk kann als Ausdruck unserer Beziehung zum Herrn gesehen werden: Gott schenkt uns die Natur als Anlass für unser Lob, damit wir unsere Beziehung mit Ihm pflegen können. Wenn wir aus dieser Beziehung ausbrechen, dann ist das Geschenk gefährdet.

2. Gott bestimmt die Beziehung zwischen Mensch und Natur

Seit dem 19. Jahrhundert geistert die Theorie umher, der christliche Glaube fördere die Umweltzerstörung und das Auftreten von Umweltkrisen. Diese Behauptung steht oft in Zusammenhang mit der Idee, Gott habe die Natur dem Menschen gegeben und dieser könne damit tun, was er will, und sie nach Belieben ausbeuten. In dieser Logik werden oft östliche Religionen dem Christentum entgegengehalten, die auf der Annahme beruhen, der Mensch sei Teil des Ganzen. Stimmt doch: 1. Mose spricht von vermehren und untertan machen, oder etwa nicht? Diese Sicht scheint zu einfach. Eine Antwort darauf finden wir in 1. Mose:
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.? (1,28)
Mit «Untertan machen» ist nicht eine despotische und ungerechte Herrschaft gemeint. Gott verleiht dem Menschen nicht das Recht, die Erde ohne Rücksicht auf andere Kulturen, Geschöpfe und die begrenzten Rohstoffe auszubeuten. Der Ausdruck «Untertan machen» ist vielmehr im Sinne einer Autorität zu verstehen, die Gott die Ehre gibt. Im hebräischen Urtext bedeutet die Wurzel radah («Untertan machen») ein Vermögen in Besitz nehmen wie ein Hirte seine Herde in Besitz nimmt: führend und fürsorglich.
Dieser Gedanke wird im 2. Kapitel aufgenommen: «Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.» (2,15). Das Verb «bewahren» (heb. samar) bedeutet einen Wert schützen, bewahren, mit etwas verantwortungsvoll umgehen, so wie Gott uns auffordert, Sein Gesetz in unserem Herzen zu hüten (vgl. 1. Mose 4,9). Ausserdem gibt Gott Anweisungen, wie die Vegetation zwischen den Menschen und den anderen Geschöpfen aufgeteilt werden soll:
?Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben?? (1. Mose 1,29-30)
Gott gibt also Seine Schöpfung dem Menschen so wie ein Meister seine Güter dem Verwalter anvertraut. Gott lässt uns die Freiheit, die Schöpfung zu zerstören oder ihr Fortbestehen zu gewähren. Wir sind vor Gott für die Natur verantwortlich. Einerseits haben die Menschen in der Schöpfung zwar einen besonderen Platz und eine besondere Aufgabe, doch gehören sie selber auch zur Schöpfung und stehen unter Gottes Herrschaft.
Die Autorität, die Gott dem Menschen über die Natur verleiht, ist also bei weitem nicht absolut: Dazu gehört die Pflicht zu teilen, weitsichtig zu haushalten und dem Nächsten sowie den künftigen Generationen eine gute Lebensqualität zu ermöglichen. Damit ist auch gemeint, dass die unbelebte, pflanzliche, tierische und menschliche Schöpfung unversehrt bleibt. Die Menschen können die Schöpfung also untertan machen, sofern sie selber Gott untertan sind.

3. Gottes Sicht für den Umgang mit der Natur

Nach dem Auszug aus Ägypten schreibt Gott den Israeliten eine Reihe von Bestimmungen vor, die das gemeinsame Leben regeln. Neben verschiedenen gesellschaftlichen Regeln spricht Gott auch von der Art, wie sie mit der Natur umgehen sollen. Anhand dieser Beispiele können wir herausfinden, wie Gott unsere Beziehung mit der Umwelt definiert:
?Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, so soll das Land dem HERRN einen Sabbat feiern. Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln, aber im siebenten Jahr soll das Land dem HERRN einen feierlichen Sabbat halten; da sollst du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden. Was von selber nach deiner Ernte wächst, sollst du nicht ernten, und die Trauben, die ohne deine Arbeit wachsen, sollst du nicht lesen; ein Sabbatjahr des Landes soll es sein.? (3. Mose 25,2-5)
Gott errichtet hier den Grundsatz des Brachlandes, ohne den die Erde ausgelaugt und schliesslich unfruchtbar wird. Dies stellt eine Grundlage der nachhaltigen Entwicklung dar, bei der die Grenzen der Natur geachtet werden. Dies steht im Gegensatz zur ausbeuterischen, kurzsichtigen Haltung zahlreicher Unternehmen heute.
Im selben Sinne ruft Gott die Juden auf, die Tiere zu achten:
Wenn du unterwegs ein Vogelnest findest auf einem Baum oder auf der Erde mit Jungen oder mit Eiern und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen nehmen, sondern du darfst die Jungen nehmen, aber die Mutter sollst du fliegen lassen, auf dass dir?s wohlgehe und du lange lebest.? (5. Mose 22,6-7)
Gewiss ruft der Psalmist aus: «Der Himmel ist der Himmel des HERRN; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben.» (115,16) Doch ist uns die Erde nur als Haushalter anvertraut. Gott gibt uns in Seinem gesamten Wort Aufschluss darüber, wie wir weise und nachhaltig mit ihr umgehen können.

4. Der Sündenfall verändert die Beziehungen

Wir haben festgehalten, dass Gott die Natur geschaffen hat, damit sie Ihn ehrt. In einem zweiten Schritt vertraut Gott die Schöpfung dem Menschen an, damit dieser sie nutzen und pflegen kann. Darum stellt sich heute die Frage, weshalb sich Umweltkrisen gerade in Gesellschaften mit christlichem Hintergrund entwickeln konnten. Ist es nicht stossend, dass die industrielle Revolution ihre Anfänge in reformierten Ländern genommen hat? Eine Erklärung dafür liegt im Sündenfall des Menschen.
Weil der Mensch vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen isst, verliert er seine harmonische Beziehung zu Gott, aber auch zur Natur.
?Und zum Mann sprach [Gott]: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.? (1. Mose 3,17-19)
Das Böse schlägt auf alle Lebensbereiche des Menschen durch. Von der ursprünglichen Idee, dass die Schöpfung haushalterisch geführt und geteilt werden soll, gelangen wir zu einer Beziehung zwischen Mensch und Natur, die von Unterdrückung und Ausbeutung geprägt ist. Im gleichen Sinne hat der Mensch grosse Mühe damit, seinen Nächsten zu lieben und zu achten. Diese parallele Entwicklung wird bei Jesaja mit starken Worten aufgenommen:
?Siehe, der HERR macht die Erde leer und wüst und wirft um, was auf ihr ist, und zerstreut ihre Bewohner. Und es geht dem Priester wie dem Volk, dem Herrn wie dem Knecht, der Frau wie der Magd, dem Verkäufer wie dem Käufer, dem Verleiher wie dem Borger, dem Gläubiger wie dem Schuldner. Die Erde wird leer und beraubt sein; denn der HERR hat solches geredet. Das Land verdorrt und verwelkt, der Erdkreis verschmachtet und verwelkt, die Höchsten des Volks auf Erden verschmachten. Die Erde ist entweiht von ihren Bewohnern; denn sie übertreten das Gesetz und ändern die Gebote und brechen den ewigen Bund. Darum frisst der Fluch die Erde, und büssen müssen?s, die darauf wohnen. Darum nehmen die Bewohner der Erde ab, sodass wenig Leute übrig bleiben.? (24,1-6)
Die Herrschaft des Menschen über die Natur wird zum Machtkampf. Der Mensch sündigt nicht nur gegen den Nächsten sondern auch gegen die Natur, was die entsprechenden Folgen nach sich zieht. Trotzdem bleibt er der Verwalter der Schöpfung, der Gott gegenüber Rechenschaft schuldig ist. Henri Blocher fasst diesen Gedanken in seinem Kommentar der Schöpfungsgeschichte, Révélations des origines, wie folgt zusammen:
?Wenn der Mensch seinem Gott gehorchen würde, wäre er ein Segen für die Erde. Doch in seiner unersättlichen Gier, in seiner Missachtung des schöpfungsgemässen Gleichgewichts und in seiner kurzsichtigen Ichbezogenheit verschmutzt und zerstört er sie, er macht aus einem Garten eine Wüstenei. Dies ist im Wesentlichen der Fluch von 1. Mose 3.?3
Doch die gute Nachricht lautet, dass Gott Seinen Sohn geschickt hat, um uns zu vergeben und unsere Beziehung mit Ihm wieder herzustellen. Nun können wir als Wiedergeborene unsere Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zur Natur ganz neu aufnehmen. Dieses Werk Jesu beschreibt Paulus im Kolosserbrief wunderbar:
?Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei. Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte und er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.? (1,15-20)
Weiterhin schreibt Paulus an die Römer:
?Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit ? ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat ?, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.? (8,19-21)
Auch die Natur wartet also auf die Erlösung durch den Gottessohn.
Es fällt auf, dass nicht nur Gott der Vater an der Schöpfung beteiligt ist, sondern auch der Sohn eine wichtige Rolle spielt. Die Erde wurde insofern «in Ihm» geschaffen, als Jesus den sichtbaren Aspekt des Vaters verkörpert. Ausserdem stellen wir fest, dass Jesus den Menschen mit seinem Opfertod am Kreuz auch mit der Natur versöhnt. Der Friede, den Gott durch das Opfer von Jesus bringt, gilt also auch für die Erde.
Darum sind wir als Christen aufgerufen, eine neue Ethik vorzuleben. Gleich wie wir als vergebene Sünder unsere Haltung dem Nächsten gegenüber ändern sollen, müssen wir auch der Natur mit einer neuen Achtung begegnen. Gott fordert uns auf, uns jeden Tag neu zu bekehren, damit unsere neue Stellung als gesühnte Sünder sichtbar wird. Unserem Glauben müssen Taten folgen. Sind wir bereit, aus Achtung vor Gott und der Schöpfung einen einfacheren Lebensstil zu entwickeln? Technik, Geschwindigkeit und Leistung vermitteln uns ein Gefühl der Allmacht, das uns aber allmählich von Gott entfremdet und sich folgeschwer auf die Umwelt auswirkt. Unser Leben umkehren bedeutet anerkennen, dass unseren Wünschen, unseren Ansprüchen und unserer Ungeduld Grenzen gesetzt sind. Es bedeutet, demütiger zu werden und auf Überflüssiges und Nützliches (!) zu verzichten.

5. Gott gehört in die Mitte!

Beim christlichen Glauben steht unsere Beziehung zum Schöpfergott ein für alle Mal in der Mitte. Gott ist die Mitte von allem, er ist das Ziel, auf das wir uns ausrichten. Er hat die Schöpfung in einem Akt der Liebe geschaffen und den Menschen die Freiheit übertragen, mit Ihm in Beziehung zu treten. Wir sind Menschen und Bewohner der Welt (aber nicht deren Nabel!) und als solche sind wir Zeugen für Gottes Liebe. Darum sind wir aufgefordert, die Schöpfung als Geschenk Gottes anzunehmen und zu achten. Interessant: Die Krone der Schöpfung ist nicht der Mensch, sondern die Ruhezeit, die sich Gott nimmt, um Seine Schöpfung zu betrachten (der Sabbat).4
In 1. Mose 1-2 kommt klar zum Ausdruck, dass der Glaube nicht pantheistisch ist, weil Gott über der Schöpfung steht und alles Lob Ihm und Ihm alleine zusteht. Gott hat alle Dinge geschaffen und die Beziehungen zwischen ihnen festgelegt. Er hat uns die Natur zur Bewirtschaftung anvertraut, damit wir für sie sorgen. Doch hat die Sünde diesen ursprünglichen Plan zunichte gemacht. Als gesühnte Sünder und wiedergeborene Christen sind wir berufen, der Sünde abzusagen und den Willen Gottes zu suchen, uns jeden Tag neu zu bekehren, um Gott die Ehre zu geben und gleichzeitig die Natur zu bewahren.
?In der Nächstenliebe eifern wir der göttlichen Liebe nach, die uns selbst und unsere Artgenossen geschaffen hat. In der weltgemässen Liebe eifern wir der göttlichen Liebe nach, die diese Welt geliebt hat, zu der wir gehören.? (Simone Weil: Das Unglück und die Gottesliebe, 1953. Eigene Übersetzung.)
Anne-Sylvie Giolo, Physikerin


[^1 ]: Shrader-Frechette K. S.: Environmental Ethics, Pacific Grove, CA, The Boxwood Press, 1981. (Eigene Übersetzung).

2. Alle Bibelzitate sind der Lutherbibel 1984 entnommen.

3. Eigene Übersetzung.

4. Damit distanzieren wir uns von einem in der grünen Bewegung ziemlich häufigen Ansatz, der die Natur als Gaia ins Zentrum der Welt stellt. Andererseits werden wir so bewahrt, wie Lynn White es dem Christentum vorwirft, zu menschzentriert zu sein. Oder in den Worten von Lamarck, dem französischen Botaniker und Zoologen: «Man dachte, die Natur sei Gott? Man verwechselte den Uhrmacher mit der Uhr, den Autor mit seinem Werk. (Introduction à l’histoire des animaux sans vertèbres, 1815. S. 322. Eigene Übersetzung.)