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Welche Rolle spielen Werte in unserem Leben? Was bedeuten sie für Christinnen und Christen? Wie sind christliche Werte erkennbar? Diese und andere Fragen in diesem Zusammenhang beantwortet dieser Artikel.


In Kürze

  • Werte verändern sich im Laufe der Geschichte und richten sich sowohl nach gesellschaftlichen Umständen als auch nach den individuellen Bedürfnissen. Dadurch entstehen unterschiedliche Werte-Hierarchien.
  • Die Quelle von Werten ist vielfältig: kulturell, psychologisch, philosophisch und für Christen besonders durch Bibel, Tradition und das Wirken des Heiligen Geistes geprägt.
  • Im christlichen Glauben dienen Werte nicht nur der moralischen Orientierung, sondern haben wichtige Aufgaben: sie sollen Gottes Wesen widerspiegeln, Gemeinschaft fördern, zur Nachfolge motivieren und als Zeugnis für die Welt wirken.
  • Die Liebe – zu Gott und zum Nächsten – sollte als höchster und zentraler Wert verstanden werden, aus dem alle anderen Werte hervorgehen und durch den sie ihren Sinn erhalten. Christliche Gemeinschaften sollten sich vor allem durch ihre gelebte Liebe auszeichnen und immer wieder reflektieren, wie dieser Leitwert in der heutigen Zeit konkret Ausdruck finden kann.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte, aber auch im Laufe der Religionsgeschichte haben sich Werte ständig weiterentwickelt und verändert. In der frühen Menschheitsgeschichte waren Zusammenhalt, Loyalität, Teilen und eine enge Verbindung mit der Natur hohe Werte, was dem unmittelbaren Anliegen des Überlebens geschuldet war. In den antiken Hochkulturen waren es eher Werte wie Ordnung, Gesetz, Weisheit und Tugend. Und in unserer heutigen Gesellschaft dominieren Werte wie Individualismus, Freiheit, Toleranz, Gesundheit oder Leistung. Aber Werte unterliegen nicht nur einer Veränderung durch wechselnde Epochen der Menschheitsgeschichte, sondern auch durch die unterschiedlichen Bedürfnisse des Individuums. Wer viele Jahre auf einer einsamen Insel verschollen war, für den wird Gemeinschaft, Miteinander und Kommunikation zu etwas ungeheuer Wertvollen. Und wer lange Zeit in einem Kriegsgebiet leben musste, für den werden Sicherheit, Frieden und Gewaltlosigkeit – oder auch der Wunsch nach Rache zu essenziellen Werten. Und wer als Sklave geboren wurde oder viele Jahre Zwangsarbeit leisten musste, für den wird Freiheit, Mitbestimmung und Würde zu zentralen Werten. Ein Wertesystem ist damit immer abhängig vom Zustand einer Gesellschaft und den Bedürfnissen eines Individuums.

So kommt es auch, dass je nach Kontext unterschiedliche Werte-Hierarchien entstehen. Für den Schiffbrüchigen auf der einsamen Insel sind Freiheit und Mündigkeit kostbar, aber Gemeinschaft und Miteinander rangieren für ihn wahrscheinlich deutlich weiter oben.Dadurch erfahren die Werte an der Spitze dieser Hierarchie besondere Beachtung, wohingegen Werte, die deutlich weiter unten rangieren, schneller in Vergessenheit geraten können.

Aber was sind eigentlich Werte?

Werte sind grundlegende Überzeugungen, Prinzipien oder Qualitäten, die für eine Person, eine Gruppe oder eine Gesellschaft als wichtig, wünschenswert oder erstrebenswert gelten. Sie dienen als Massstäbe und Orientierungspunkte für unser Verhalten, unsere Ziele, unsere Motivation, unsere Urteile und unsere Identität. Wenn Werte uns prägen, verinnerlichen wir diese Massstäbe und Orientierungspunkte. Und je stärker diese Prägung ist, desto schwerer fällt es uns gegen diese Werte zu verstossen oder sie zu verändern.

Im christlichen Glauben – wie in allen Religionen – spielen Werte eine ganz besondere Rolle.Sie sind nicht nur abstrakte Ideale, sondern sollen das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft bewusst prägen. Sie erfüllen damit unterschiedliche Aufgaben:

  1. Ethik und moralischer Kompass
    Christliche Werte dienen als Richtschnur für das Denken, Fühlen und Handeln. Sie helfen Gläubigen zu unterscheiden, was im Sinne Gottes gut, richtig und erstrebenswert ist. Sie bieten einen Massstab, um Entscheidungen im Alltag, in ethischen Dilemmata und in Bezug auf Lebensziele zu treffen. Sie begründen, warum bestimmte Handlungen geboten oder verboten sind. Werte helfen dabei, persönliche Prioritäten, gesellschaftliche Strömungen, kulturelle Normen und sogar religiöse Lehren kritisch zu prüfen und zu beurteilen. Sie ermöglichen eine «Unterscheidung der Geister“ – also zu erkennen, was mit Gottes Willen übereinstimmt und was nicht.
  2. Ausdruck von Gottes Wesen:
    Für Christen reflektieren diese Werte etwas vom Wesen Gottes. Ein von diesen Werten bestimmtes Handeln und Leben spiegelt den Willen und die Absichten Gottes wider.
    Indem Christen versuchen, nach Gottes Werten zu leben oder sie zu verkündigen, wollen sie etwas vom Wesen und Charakter Gottes in der Welt sichtbar machen.
  3. Zieldefinition und Motivation (Nachfolge Christi):
    Christliche Werte beschreiben das Ziel des christlichen Lebens: Gott zu ehren, ihm ähnlicher zu werden (Heiligung, imitatio Christi), Frucht des Geistes hervorzubringen (Galater 5,22-23) und am Kommen des Reiches Gottes mitzuwirken. Sie motivieren Gläubige, über egoistische Interessen hinauszugehen. Werte werden zum wichtigen Orientierungspunkt der persönlichen Transformation.
  4. Formung der Gemeinschaft:
    Gemeinsam gelebte Werte stiften Identität, Einheit und Zusammenhalt innerhalb der christlichen Gemeinschaft (Kirche, Gemeinde). Sie können dadurch auch der Abgrenzung dienen dem Gegenüber, was diesen Werten widerspricht oder sich ihnen in den Weg stellt.
  5. Zeugnis für die Welt (Missionale Dimension):
    Ein Leben, das sichtbar von christlichen Werten wie Liebe, Vergebung, Gerechtigkeit und Hoffnung geprägt ist, kann ein kraftvolles Zeugnis für andere Menschen sein und auf die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft hinweisen.

Die Quelle unserer Werte

Die spannende Frage ist, woher sich eigentlich Werte speisen? Wie begründen sie sich oder was veranlasst sie?

Hier gibt es soziale und kulturelle Quellen wie das Elternhaus oder die Erziehung, vorgegebene gesellschaftliche Normen, unsere Peer-Group, soziale Medien, das religiöse Umfeld, in dem wir aufwachsen, oder unser Bildungssystem, das ebenfalls Werte vermittelt.

Es gibt aber auch psychologische Quellen wie unsere persönlichen Bedürfnisse, unsere Erfahrungen, Erfolge und Scheitern. Dabei spielen unser Temperament und unsere kognitive Reife eine wichtige Rolle.

Des Weiteren war auch immer wieder die Philosophie eine Quelle von Werten. Menschen denken über Werte nach, reflektieren die Realität, versuchen Widersprüche aufzulösen und begründen Werte durch ethische Theorien (Utilitarismus, die Pflichtethik Kants oder die Tugendethik des Aristoteles).

Für Christen ist die Quelle ihrer Werte in aller erster Linie die Bibel mit ihren Geboten, Erzähl- und Lehrtexten. Daneben orientieren sich Christen für ihre Werte am Charakter Gottes, der am deutlichsten in Jesus Christus und damit in den Evangelien sichtbar wird. Aber auch das unmittelbare Wirken des Heiligen Geistes, der uns in alle Wahrheit führen möchte, kann zur Quelle moralischer Urteile und damit zentraler Werte werden. Ausserdem spielen für Christen auch ihre Tradition und die Verwurzelung in ihrer religiösen Gemeinschaft eine wichtige Rolle, um zentrale Werte auszubilden.

Wertewandel

Viele Christen beklagen gegenwärtig einen deutlichen Wertewandel. Manche sprechen sogar von einer Erosion oder dem gänzlichen Verlust entscheidender christliche Werte. Für sie sollte jeder Bereich der Gesellschaft durchdrungen sein von biblischen Werten. Wo diese Werte aufgeweicht oder sogar abgelehnt werden, sieht man eine Gesellschaft moralisch und in ihrem Zusammenhalt gefährdet. Kann Gott solch eine Gesellschaft noch segnen oder trifft sie sein Gericht? Manchmal fühlt sich die Missachtung christlicher Werte wie eine persönliche Kränkung an. Wie könnt ihr in den Dreck ziehen, was für mich so zentral und kostbar ist?

Gleichzeitig scheint in weiten Teilen der westlichen Welt alles neu verhandelt zu werden. Der Bereich der Normalität, wo Werte scheinbar geklärt und vorgegeben waren, scheint immer kleiner zu werden. Was darf man noch sagen? Muss ich gendern? Was ist kulturelle Aneignung? Darf mein Kind noch als Indianer verkleidet in den Kindergarten gehen? Müssen Produkte oder Strassennamen aus politischer Korrektheit umbenannt werden? In Deutschland gibt es seit neuestem den Strafsachverhalt der Gehsteigbelästigung. Dabei dürfen vor Schwangerschaftskliniken oder Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbruch Personal oder Schwangere nicht länger von Abtreibungsgegnern angesprochen werden. Und so mancher Christ wird sich fragen, ob denn alles, was ihm bisher heilig und kostbar war, abgeschafftwird?

Dabei fokussiert sich die christliche Empörung auf ganz spezielle Werte und moralische Themen. Meist geht es um Themen wie Sexualmoral, Sex vor der Ehe, Pornografie, Homosexualität, Gender oder Transsexualität. In der Werte-Hierarchie stehen diese Themen ganz weit oben, sodass andere christliche Werte oftmals das Nachsehen haben oder gar nicht mehr im Blick sind. Und natürlich stellt sich gleichzeitig die Frage, ob die „alte Normalität“ wirklich so wertvoll und lebensfördernd war, wie sie manchen den Eindruck erweckt oder ob die Beharrungstendenzen vor allem die eigene vorteilhafte Sicht- und Lebensweise sichern sollen.

Um die wichtigsten Werte zu schützen, werden immer wieder Regeln und Gebote aufgestellt.Gebote sollen das schützen, was uns wertvoll ist. So schützen die zehn Gebote die monotheistische Gottesverehrung, aber auch das Leben, das Eigentum, die Ehe oder die Wahrhaftigkeit. Aber Regeln und Gebote haben ein ernstes Problem. Sie stützen Werte nur von aussen. Sie haben keine wirklich prägende Kraft, sondern halten Werte durch die Androhung von Strafe und Konsequenzen aufrecht. Im Judentum haben sich dadurch 613 Gebote und Verbote in der Tora entwickelt. Daneben gab es irgendwann hunderte von Sabbatvorschriften, unzählige Satzungen zu Reinheit und Unreinheit und endlose Speisegebote. Aber eigentlich war es schon immer Gottes Idee, uns seine Werte ins Herz zu schreiben und nicht auf steinerne Tafeln. Nicht Angst soll Gottes Kinder zum wertvollen Handeln veranlassen, sondern die tiefe Überzeugung, dass es nichts Besseres gibt und wirgerade dann zu unsrer Bestimmung finden, wenn wir die Werte des Himmels auf dieser Welt durch unser Leben widerspiegeln. Die alttestamentlichen Propheten werden nicht müde auf diese notwendige Verinnerlichung von Werten hinzuweisen.

Gibt es einen höchsten Wert?

Auch Jesus wurde einmal von einem verzweifelten Schriftgelehrten gefragt, auf was es im Gesetz wirklich ankommt. Gibt es bei all den Geboten etwas, das am wichtigsten, am bedeutsamsten, am wertvollsten ist? Etwas, das in gewisser Weise als Grundwert das gesamte Gesetz zusammenfasst? Gibt es etwas, das an der Spitze der Werte-Hierarchie steht?

Das Markusevangelium schreibt: «Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: «Welches ist das wichtigste von allen Geboten?» Jesus antwortete: «Das wichtigste Gebot ist: ‹Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!› An zweiter Stelle steht das Gebot: ‹Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!› Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.» (Mk.12,28-31 NGÜ)

Für Jesus steht also die Liebe zu Gott und die Liebe zum Mitmenschen an der Spitze aller Werte.

In der Bergpredigt umschreibt Jesus diesen Wert der Liebe durch den bekannten Satz: «Geht so mit anderen um, wie die anderen mit euch umgehen sollen. In diesem Satz sind das Gesetz und die Propheten zusammengefasst.» (Matthäus 7,12 NL).
Aber nicht nur Jesus macht die Liebe zum Massstab und Kriterium eines echten Glaubens und wahrhaftiger Nachfolge, sondern auch andere Autoren des neuen Testaments betonen die Bedeutung der Liebe als Grundlage aller Werte und aller christlichen Existenz.

Der Apostel Paulus schreibt:

  • Röm.13,8 Bleibt niemandem etwas schuldig, abgesehen von der Liebe, die ihr einander immer schuldig seid. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz Gottes erfüllt
  • «Ihr kennt die Gebote: ‚Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.‘ Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‘ Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.»(Römer 13,9f GNB).
  • Ihr seid zur Freiheit berufen, liebe Geschwister! Nur benutzt die Freiheit nicht als Freibrief für das eigene Ich, sondern dient einander in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ihr das eine Gebot haltet: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!»  (Gal.5,13-15)
  • Doch das Wichtigste von allem ist die Liebe, die wie ein Band alles umschliesst und vollkommen macht. (Kol.3,14)

Und der Apostel Jakobus schreibt: «Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift‚‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘, so tut ihr recht.» (Jakobus 2,8 LUT 2017).
Es gibt also ein königliches Gesetz, ein wichtigstes Gesetz, ein Leitgesetz, aus dem alle anderen Gebote herausfliessen: die Nächstenliebe. Sie ist der eine Wert, der allen anderen Werten ihre Berechtigung erteilt!

Der Kirchenvater Augustinus hat diese Überlegung auf die Spitze getrieben, indem er sagte: «Liebe und tue was du willst.» Augustinus fordert seine Hörer mit diesem Wort dazu auf, sich in allem Tun von göttlicher Liebe leiten zu lassen, in allem Tun den Vorrang der uneigennützigen, wohlwollenden Liebe anzuerkennen. In letzter Konsequenz geht er davon aus, dass Menschen, die Liebe zu ihrem allerhöchsten Wert und Leitprinzip gemacht haben, sich keine weiteren Gedanken um alltägliche Gebote, Regeln und Werte machen müssen, weil die Liebe in ihrem Herzen alles weitere regelt.

Liebe verleiht allem anderen seinen Wert

Für Jesus ist die Liebe kein nettes Anhängsel oder eine weitere Zutat aus dem Gewürzregal des Glaubens. Der Wert der Liebe ist die entscheidende Zutat, die allen anderen Werten ihre Richtung verleiht. Paulus drückt das so aus: «Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel. Wenn ich prophetische Eingebungen habe und alle himmlischen Geheimnisse weiss und alle Erkenntnis besitze, wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts. Und wenn ich all meinen Besitz verteile und den Tod in den Flammen auf mich nehme, aber ich habe keine Liebe – dann nützt es mir nichts.» (1.Kor.12,1-3 GNB). Es ist beeindruckend, wie sehr Paulus die Nutzlosigkeit und Wertlosigkeit von Geistesgaben, Hingabe und aufopferungsvoller Frömmigkeit betont, falls die innere Haltung der Liebe fehlt. Die Logik des Neuen Testaments ist bestechend: Alles – auch jeder andere Wert – verliert seinen Wert, wenn es nicht durchdrungen ist von der Liebe.

Mit Liebe sind nicht gute Gefühle oder Willkür gemeint, sondern die göttliche Agape. Es geht um eine ganz bestimmte Qualität der Liebe, die ganz und gar dem Wesen Gottes entspricht, denn Gott ist die Liebe. Mit der Liebe macht man es sich auch nicht leicht, denn es gibt kaum etwas Anspruchsvolleres als ein Leben, eine Haltung und ein Verhalten, dass die Liebe zum Nächsten als höchsten Wert hat. Das Hohelied der Liebe im Korintherbrief (1.Kor.13,4-8) beschreibt die Wesenszüge der Liebe in eindrücklicher Weise. An der Spitze aller Werte, aller Leitprinzipien, all dessen, was uns zutiefst prägen soll, steht die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Damit das Ganze nicht zu abgedroschen klingt, versuche ich einmal eine moderne Definition dessen, was den Wert der Nächstenliebe eigentlich meint. Nächstenliebe ist im Grunde nichts anderes wie der Wunsch, das Leben des anderen zum Blühen zu bringen. Durch welche Worte, durch welche Handlung, durch welches Verhalten, durch welche Unterstützung, durch welche Haltung, durch welche Motivation kann ich mithelfen, das Leben des anderen zum Blühen zu bringen? Aus dieser Überlegung herausfliessen dann alle anderen Werte wie Ehrlichkeit, Treue, Aufrichtigkeit, Hingabe, Rücksicht, Wertschätzung Barmherzigkeit, Mitleid, Zivilcourage, Freiheit, Gewaltlosigkeit, und vieles mehr.

Für welche Werte wollen wir bekannt sein?

Wollen Christen wirklich für ihre strenge Sexualmoral, ihre Heiligkeit, ihre Absonderungoder ihre moralische Überlegenheit bekannt sein? Als weltweite Christenheit hätten wir in der Liebe eine entscheidende Grundlage für unser Miteinander, für unser Auskommen, für unsere Solidarität, für unsere Schnittmenge und für unser Zeugnis. Hatte Jesus nicht gesagt: «An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.» (Johannes 13,35 NGÜ). Aber leider spielt die Liebe in unserem christlichen Miteinander oft eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger für unser Miteinander sind dogmatische, theologische, eschatologische oder moralische Fragen. Und wenn das alles passt, dann darf gern auch noch die Liebe dazukommen. Damit stellen wir die Logik des Paulus auf den Kopf: Liebe ist wichtig, aber ohne das richtige Bibelverständnis, ohne die richtige Moral, ohne die richtige Sicht des Kreuzes, ohne die Betonung von Gerechtigkeit und Gericht ist die Liebe nutzlos. Bei Paulus dagegen ist ohne Liebe alles andere nutzlos. Ich sage es ganz deutlich: Unsere Religion ist die Liebe, weil Gott die Liebe ist! Und deshalb ist unsere zentrale Frage an das Leben nicht: Ist das biblisch, ist das richtig, ist das rechtgläubig? Sondern die zentrale Frage lautet: Ist das liebevoll? Damit stellen wir die Liebe wieder ganz nach oben in unserer Werte-Hierarchie und sie kann von dort aus unsere Herzen lenken und regieren. Es bleibt unsere Aufgabe als Kirche und als Kinder Gottes die Umsetzung und Verwirklichung dieser Liebe als unseren Leitwert immer wieder zu betonen, zu verhandeln und in unserer Zeit zu übersetzen.

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Dynamische Strompreise schwanken je nachdem, wieviel Strom gerade produziert und konsumiert wird. Sie sind in der Schweiz noch kaum verbreitet, könnten jedoch einen Beitrag zur Energiewende leisten. Denn momentan besteht kein ökonomischer Anreiz für Konsumenten, den Strom dann zubrauchen, wenn er in Fülle verfügbar ist.

Handeln aus ökonomischer Überzeugung

In der Politik dreht sich alles um die Frage, wie wir unser gesellschaftliches Zusammenleben organisieren wollen. Adam Smith prägte das Konzept des Marktes als unsichtbare Hand, welche dafür sorgt, dass die Nutzenmaximierung des Individuums oder einer Firma automatisch den Gesamtnutzen der Gemeinschaft maximiert.

Dass das nicht uneingeschränkt gilt, ist offensichtlich: der Klimawandel, die Finanzkrisen oder die Ausbeutung von Menschen sind kaum optimale Ergebnisse unseres Wirtschaftens. Es braucht also gewisse Regeln in einer Gesellschaft. Und dann – so die Hoffnung – führt egoistisches Handeln im besten Fall dazu, dass es allen besser geht.

Handeln aus christlicher Überzeugung

Aus christlicher Sicht ist egoistisches Handeln jedoch ziemlich das Gegenteil von dem, was die Welt braucht. Nächstenliebe, Demut, Gerechtigkeit, Menschenwürde, Gottesfurcht und Schöpfungsverantwortung sind zentrale Prinzipien, an denen sich Christen – und alle anderen Menschen guten Willens – orientieren. Und die Hoffnung ist, dass, wenn jeder sich so verhält, ein Stück Himmel schon hier auf Erden möglich ist.

Wertfrei wirtschaften geht nicht

Genauso wie man nicht «nicht kommunizieren» kann, kann man auch nicht politisieren, ohne damit ein Menschen- und Weltbild zum Ausdruck zu bringen. Die Frage ist also nicht, ob Werte in unserem Wirtschaften zum Ausdruck kommen, sondern welchen Werten wir dabei folgen.  Ich würde daher argumentieren, dass die Abkehr von fossilen Energien und von Kernkraft Nächstenliebe und Schöpfungsverantwortung zum Ausdruck bringt und sich Christen deshalb für diese Themen stark machen sollten.

Was hat nun Vorrang?

Wenn jede wirtschaftliche Entscheidung auch eine moralische Dimension hat, ergibt sich ein Dilemma: Soll ich das wirtschaftlich (für mich) Optimale machen oder das moralisch Richtige? Das sollte kein Entweder-Oder sein: Wir sollten unser Wirtschaftssystem so organisieren, dass moralisches Verhalten von Firmen und Individuen auch ökonomisch sinnvoll ist. Anders gesagt: Es sollte ein wirtschaftlicher Anreiz bestehen, sich moralisch richtig zu verhalten.

Wo entsteht das Dilemma konkret?

Bis zu 40% unserer Stromproduktion sollen zukünftig aus Wind- oder Sonnenenergie stammen. Damit wird die Produktion dynamischer, denn das Wetter richtet sich nicht nach dem Verbrauch der Konsumenten. Moralisch geboten wäre, den Strom zunehmend dann zu verbrauchen, wenn viel Wind weht, die Sonne scheint, also typischerweise um die Mittagszeit. Natürlich lässt sich nicht der ganze Stromverbrauch eines Haushalts in diese Zeit verschieben, aber Schätzungen zufolge verbrauchen wir ca. 30% und mehr des Stroms unabhängig von der Tageszeit.

Wer jetzt einwendet, dass man kaum vom Endverbraucher erwarten kann, dass er täglich Wind- und Solarprognosen studiert, der sei beruhigt: Dank smarten Wärmepumpen, Boiler oder E-Auto Aufladesystemen funktioniert das Verschieben des Verbrauchs ganz ohne unser Zutun. Wir müssen also nur noch die entsprechenden Systeme installieren. Ein finanzieller Anreiz zu diesem Verhalten besteht jedoch nicht, da der Strom während des Tages immer gleich teuer ist.

Die Verbraucherseite ist jedoch nur die halbe Geschichte. Der zahlenmässig überwiegende Teil der Solaranlagen befindet sich in der Schweiz als Klein(st)anlanlagen auf Dächern von Privaten. Die Strom-Produktion wird ins lokale Netz eingespeist und mit einem Tarif vergütet, der ebenfalls nicht von der Tageszeit abhängt. Das kann zur paradoxen Situation führen, dass mit der Einspeisung von Solarstrom Geld verdient wird, während an der Strombörse der Preis im selben Moment negativ ist. Wenn Solarenergie ungebremst ins Netz eingespeist wird, kann es schlimmstenfalls zu einem Blackout kommen.

Moralisch ist der Fall daher klar: Sobald die Systemstabilität durch PV-Einspeisung bedroht ist, sollte niemand mehr einspeisen. Die einfachste technische Lösung zur Stutzung solcher Einspeise-Spitzen wäre es, die Einspeisung bei zum Beispiel 70% der Leistung der Anlage zu deckeln. Natürlich ginge es noch schlauer, etwa mit Heim-Batterien oder mit einer Steuerung der zulässigen Einspeiseleistung durch die Netzbetreiber.

Wege aus dem Dilemma

Aus ökonomischer Sicht können Angebot und Nachfrage am einfachsten in Einklang gebracht werden, wenn das Gut, in diesem Fall Strom, umso teurer ist, je weniger davon vorhanden ist. Minimal- und Maximalpreise für eingespeisten Strom könnten dem Konsumenten die Sicherheit geben, dass er nie den extremsten Schwankungen der Börse ausgesetzt wäre.

Um dynamische Strompreise zu ermöglichen, ist eine Messung und Abrechnung des Verbrauchs (und der Produktion) in hoher zeitlicher Auflösung nötig, d.h. viertelstündlich statt monatlich. Die dafür notwendigen Smart-Meter sind aber in der Schweiz noch nicht flächendeckend installiert. Selbst dort, wo sie installiert sind, haben Kunden kaum Möglichkeiten, auf dynamische Preismodelle umzusteigen, weil ihr Energieversorger diese Möglichkeit nicht anbietet.

Womit wir bei einem weiteren Anreizproblem wären: Der fehlende Anreiz von Energieversorgern, dynamische Preise anzubieten. Während jeder selber entscheiden kann, ob er bei Swisscom oder Salt ein Handy-Abo abschliessen will, gibt es in der Schweiz beim Strom keine Wahlfreiheit. Energieversorger wie die Elektrizitätswerke von Zürich oder Bern haben eine Monopolstellung in ihrem Einzugsgebiet und somit wenig Anreiz zur Innovation.

Im Zuge der Marktliberalisierung in der EU haben innovative Firmen wie Octopus Energy oder 1KOMMA5° gezeigt, dass dynamische Stromtarife kombiniert mit der intelligenten Steuerung von eigener Solaranlage, Wärmepumpe oder Elektroauto-Ladestation unter dem Strich zu deutlich tieferen oder sogar negativen Stromkosten für den Endkunden führen. Eine Marktliberalisierung in der Schweiz ist mit dem neuen Stromabkommen, welches die Schweiz mit der EU ausgehandelt hat, in Griffnähe. Jeder könnte aber selber entscheiden, ob er weiterhin in der Grundversorgung bleiben oder seinen Energieversorger wechseln will.

Wie Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, wechselt nur ein kleiner Teil der Kunden den Energieversorger nach einer Marktliberalisierung.  Man könnte daher wie in Deutschland die Energieversorger dazu zwingen, ein dynamisches Preismodell anzubieten, um dieser Lösung zum Durchbruch zu verhelfen.

Idealisten bleiben wichtig

In vielen Bereichen lässt sich mit dem moralisch Sinnvollen schon heute Geld sparen, etwa bei energieeffizienten Haushaltsgeräten, nicht-fossilen Heizsystemen, bei der Gebäudeisolation oder durch die Anschaffung eines Elektroautos.

Ein perfektes finanzielles Anreiz-System werden wir nie haben. Daher spielen Idealisten eine entscheidende Rolle bei Veränderungsprozessen wie der Energiewende, insbesondere am Anfang. Sie bringen sich in politische Prozesse ein und gehen auch in ihren eigenen Gestaltungsräumen mit gutem Beispiel voran.

Christen sollten ein Teil dieser Gruppe sein, indem sie sich den Auswirkungen ihres Handelns auf andere und die Schöpfung bewusst sind, auch mal auf den eigenen Vorteil verzichten und mutig vorwärtsgehen. Stemmen können Idealisten die Energiewende nicht alleine – den Weg dafür ebnen jedoch schon.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist. / Bild von lummi.ai