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Welche Herrschaftsform wird in der Bibel favorisiert? Pfarrer Simon Grebasch lädt die Lesenden in seinem Artikel zu einer Tour d’Horizon durch die Bibel ein und skizziert dabei seine Antworten.

Grundsätzliches zur Bibelauslegung
Bei der Bibelauslegung muss zwischen Beschreibung und Beurteilung unterschieden werden. In der Bibel wird viel öfter beschrieben als beurteilt. So wird nicht klar, ob Jakobs Betrügereien an seinem Bruder Esau an sich als okay oder nicht okay eingestuft werden. Vielmehr wird einfach beschrieben, dass Jakob so gehandelt hat. Manchmal kann man aus der Art und Weise der Beschreibung (mit Vorsicht und Vorbehalt) auch auf eine mögliche Bewertungstendenz schliessen. So zum Beispiel bei der Missachtung Esaus von seinem Erstgeburtsrecht (Gen 25,34). Weitgehend äussert sich das Genesisbuch zum Bruder Jakobs jedoch bloss beschreibend. Der Schreiber des Hebräerbriefs im NT ist in seinem (negativen) Urteil dann unzweideutig (Hebr 12,16).
Am einfachsten für die Bewertung ist es natürlich, wenn ausdrücklich die gegensätzlichen Prädikate «gut» oder «schlecht» vorkommen, oder ihre Synonyme. Ein weiteres Problem stellt sich bei der Frage, wer hinter dem Text stand und beurteilt (hat). Moses wäre bezüglich der «richtigen» Herrschaftsform vielleicht ja nicht der gleichen Meinung gewesen wie Paulus. Und bezüglich der Inspiration der Bibel durch Gottes Geist (vgl. 2Ti 3,16) könnte es sich als schwierig herausstellen zu differenzieren zwischen der Meinung es Autors und dem Reden Gottes. Nur einmal deklariert ein biblischer Autor klar, was von ihm stammt und was der «Herr» selbst gesagt habe (1Ko 7,10–12).

Ich kann im Rahmen dieses Artikels nur selektiv vorgehen, versuche dies aber exemplarisch zu machen. Beginnen wir beim biblischen ersten Menschenpaar im paradiesischen Schöpfungsgarten. Der Zustand vor dem Fall gilt von manchen Interpreten als Ideal-Zustand und soll im künftigen Reich Gottes wiederhergestellt werden. Welche Herrschaftsform(en) können wir von Genesis 1–3 ableiten? Ein Staat existierte noch nicht. Auf das Kleine angewendet können wir sagen, dass eine theokratische Form vorliegt: Gott gebietet ein Grundgebot und erteilt Aufträge. Der Mensch ist Gott rechenschaftspflichtig. Innerhalb dieses Rahmens ist der Mensch sehr frei und darf selbst bestimmen. Bis auf einen einzigen Baum darf er von allen Pflanzen konsumieren. Die Ordnung innerhalb dieser Theokratie ist also gleichzeitig auch liberal-demokratisch. Eine Herrschaft des Mannes über die Frau ist nicht auszumachen.

In Genesis 10 findet sich mit Nimrod zum ersten Mal eine Autokratie, eine menschliche Alleinherrschaft. Dass er «der erste Gewaltherrscher auf Erden» war, wird nicht direkt bewertet, evtl. suggeriert die Verwendung des Begriffs «Gewalt» eine Tendenz. Auch aufgrund der Verortung zwischen der Sintflut und dem Turmbau zu Babel – einem weiteren Strafgericht Gottes – kann eine negative Bewertungstendenz abgeleitet werden. Auch sonst kommt autokratisches (selbstmächtiges) Herrschen im weiteren Verlauf der Bibel durchs Band schlecht weg.

Bei der Konstituierung des Volkes Israel gab es die Herrschaft des Presbyteriums – der Rat der 70 Ältesten, die auch als Richter fungierten – plus Moses an der Spitze (Nu 11). In der Zeit nach der Ausbildung der 12 Stämme in Israel werden herrschaftslose, anarchische Zustände beschrieben. Vereinzelt werden Richter einberufen, um Ordnung zu schaffen (Kritarchie).

Weil sich die Situation mit den Richtern nicht wesentlich bessert, verlangt das Volk nach einem König. Dieser Wunsch stösst ausdrücklich auf den Unwillen Gottes, wird aber gemäss Autorschaft des 1. Samuelbuches dennoch von Gott selbst akzeptiert, so dass die Monarchie schliesslich eingeführt wird (1Sa 8+9). Ein exemplarisches Beispiel dafür, wie die Herrschaft Gottes im AT nicht als diktatorisch, sondern dialogisch und demokratisch beschrieben wird. Die Monarchen selbst waren relativ frei, das mosaische Gesetz anzuwenden, das als Gottes Gesetz verstanden wurde. Wer gottlos und eigenmächtig herrschte, kam in der Beurteilung schlecht weg (Vgl. 1Kö 16,30: «Und Ahab tat, was dem Herrn missfiel»). Umgekehrt wurde positiv bewertet, wer nach Gottes Massstäben regierte (1Kö 15,11: «Und Asa tat, was dem Herrn wohlgefiel»). Die «guten» Könige wurden zu Vorbildern des verheissenen Weltenkönigs, des Messias. Kritische Machtgegengewichte zum Königtum formten sich in Priestertum und Prophetenamt, die allerdings dem König untergeordnet waren.

Nach der assyrischen und babylonischen Herrschaft und der Zeit des Exils ist von einem Königtum in Israel nicht mehr die Rede. Stattdessen wird durch die Priester (Hierokratie bzw. hierokratische Theokratie) ein religiöser Staat etabliert.

Neues Testament

Wenn wir in das NT springen, finden wir – bedingt durch die römische Fremdherrschaft, die unerwünscht war –, eine relativ komplizierte Situation vor: Der römische Präfekt war als Statthalter für den Kaiser Roms höchste Aufsichtsperson in Judäa, wo zugleich Tetrarch Herodes Antipas über die dort ansässigen Juden regierte. Die religiöse (priesterliche) und richterliche Gewalt – dem römischen Statthalter und (halbjüdischen) Tetrarchen unterstellt – ging vom Sanhedrin aus, einem 71-köpfigen jüdischen Rat, bestehend aus Priestern, Schriftgelehrten und Ältesten. Das Volk hatte keine Mitbestimmungsrechte, ausser es wurde von den Herrschenden befragt.

Von Jesus ist bekannt, dass er die Steuern für König Herodes (Mt 17,27) und den römischen Kaiser akzeptierte, gleichzeitig aber auch das bestehende System relativierte, wenn er postulierte, dass nicht nur dem Kaiser Seins zu geben ist, sondern auch «Gott, was Gottes ist» (Mt 22,21). Den Titel «Kyrios» bezog er auf sich selbst. Auch mit weiteren politischen Ehrentiteln wie Messias, Sohn Gottes oder König (der Juden) liess er sich widerspruchslos betiteln. Gehen wir auch weiter vom synchronen Textverständnis aus, dann beanspruchte Jesus sogar die Weltherrschaft (Mt 26,63f).

Systematische Aussagen zu politischen Herrschaftsformen suchen wir bei ihm jedoch vergeblich. Ihm ging es nicht um eine bestimmte Staatsform, sondern dass sich das Reich Gottes mit dem Ethos der Liebe im Zentrum realisiert. Das Ethos aber hatte eine Demokratisierung zur Folge: Seine Gefolgschaft folgte Jesus zwanglos mittels Zustimmung – nicht durch Erbfolge, Geld oder Status. In ihr finden wir weitere demokratische Züge wie Egalität, individuelle Rechte, Mitsprache und Empowerment. Jesu Selbstverständnis ist «servant leadership» (vgl. Joh. 13). Das schliesst hierarchische Ordnungen nicht per se aus. Jesus selbst ging als Leader voran und wird als der Messias und König erwartet, der Gottes Reich aufrichten wird.

Bei den Aposteln werden Jesu Demokratisierungstendenzen weitergeführt. Stichworte und Anschauungsbeispiele sind:

  • Die Gütergemeinschaft (Apg 2,42ff)
  • «Koinonia» (= Gemeinschaft und Partizipation der Vielfältigen versus gleichgeschaltete Einheit)
  • «Ekklesia», die Selbstbezeichnung der Kirche, die auf die griechisch-demokratische Volksversammlung verweist – mit dem Unterschied, dass bei den Christen alle Gläubigen, auch die Frauen, Sklaven, Ausländer und sogar Kinder dazuzählten, was in der damaligen Zeit revolutionär war.
  • das Bild vom «Leib Christi», wo Christus als das Haupt sich mit seinen Gliedern verbindet und alle einander brauchen
  • das Wirken und Regieren des Geistes Gottes in allen Gläubigen (Rö 8,14, 1Ko 12,4–7).

Letzteres kann als eine Art «innerliche Theokratie» bezeichnet werden. Damit ist keine Unterwürfigkeit gemeint. Historisch gesehen tendierten und tendieren Theokratien zwar zur Diktatur. Nicht so die biblische Gottesherrschaft: Die Vorstellung Gottes als «pluripersonal» bzw. dreieinig (vgl. Gen 1,26; 18; Mt 28,19; 2Ko 13,13) erinnert an ein in der Gottheit selbst inhärentes, demokratisches Prinzip. Und die Vorstellung des Endzustands im vollendeten Reich Gottes kann als «demokratische Monarchie bzw. Theokratie» – mit Gott bzw. dem Christuskönig an der Spitze – bezeichnet werden (vgl. Phil 2,9–11; Off 21+22).

Schlussfolgerung

Obwohl kein bestimmtes politisches System, das zu bevorzugen wäre, auf das Alte oder Neue Testament gelegt werden kann, so kann aus meiner Sicht trotzdem die Folgerung gewagt werden, dass von den Anfangskapiteln der Bibel bis zum Schluss durchs Band sozial-demokratische Formen des Zusammenlebens und Regierens bevorzugt werden, unter gleichzeitiger Aufsicht des guten Gottes und seines Messias bzw. Christus (christuszentrische Theokratie). Autokratische Formen kommen schlecht weg. Nicht jedoch hierarchische Ordnungen, wenn sie kompetenzorientiert aufgebaut sind und dem Ethos der Liebe und der Berücksichtigung der gleichen Würde aller Menschen (vgl. Gen 1,27; 9,6) verpflichtet sind, so «dass es allen zugute kommt» (1Kor 12,7).

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Reihum in jedem Kanton darf das Volk über Steuersenkungen abstimmen. Die Vorlagen tönen jeweils verlockend und versprechen «dem Mittelstand» mehr Geld. Doch wer profitiert wirklich? Und wer leidet darunter am meisten? Wem sollte die Steuerpolitik eigentlich dienen?

Mit dem zunehmenden Gesamtwohlstand haben viele Menschen etwas zu verteidigen. Deshalb springen sie meist auf den Zug auf, wenn eine Abstimmungsvorlage eine Reduktion irgendeiner individuellen Steuer vorsieht: Einkommenssteuer, Autosteuer, Lotteriesteuer etc. Dabei ist keinerlei Konzept erkennbar, welches nun sinnvolle und gerechte Steuern sind. Hauptsache Abbau!

Weltweit – auch in der Schweiz – werden Steuersenkungen versprochen oder angeboten. Die Verlockung ist gross. Treiber dafür sind

  • unser Geiz: ich habe etwas zu verteidigen.
  • unser Stolz: es ist mein Vermögen, ich habe es durch meine eigene Leistung verdient. Genau in diese Kerbe schlägt die FDP, die uns einredet, Reichtum komme einzig durchs frühe Aufstehen und harte Arbeiten zustande, obwohl nachweislich Erbschaften und Marktfähigkeit der Begabungen genauso entscheidend sind.
  • die Rechtfertigungsideologien für das Nicht-Teilen:
    1.) Der Staat ist böse und zu mächtig und gibt zu viel aus (alle finden eine Ausgabe, die ihnen nicht passt …).
    2.) Diejenigen, die die Unterstützung des Staates benötigen, sind nur faul.

Hilfe für die Falschen

Die Mehrheit der Stimmenden stört sich auch nicht daran, dass bei der Reduktion der Einkommenssteuer in der Regel der grösste Teil denjenigen zugute kommt, die dieses Geschenk am wenigsten brauchen. Denn in der Regel werden die Einkommenssteuern prozentual gesenkt, was bei hohen Einkommen am meisten «einschenkt».

Wenn Steuersenkung, dann für diejenigen, die es am meisten brauchen!

Wenn eine Steuersenkung wirklich denjenigen mit tiefem Einkommen nützen soll, muss dies über einen für alle gleichen Abzug auf der Steuerrechnung geschehen. Dieser Betrag – zum Beispiel ein Kinderabzug – fiele dadurch bei Niedrigverdienenden viel stärker ins Gewicht als bei Hochverdienenden. Werden Abzüge hingegen vom steuerbaren Einkommen abgezogen, profitieren nur diejenigen voll davon, die ein steuerbares Einkommen in einer Höhe haben, die diese Abzüge auch tatsächlich erlaubt.

Wenn Steuersenkung, dann für diejenigen, die es am meisten brauchen!

Selbst die Mitte als «Familienpartei» will die Krankenkassenprämien für Kinder nur vom steuerbaren Einkommen abziehen und nicht von der Steuerrechnung. Damit hilft sie gerade nicht denjenigen Familien, die diese Abzüge am meisten bräuchten.

Welcher Schmerz, welche Belastung?

Schon Bundesrat Villiger meinte vor über 20 Jahren, dass diejenigen am stärksten über die hohe Steuerlast klagen, die die Steuern am besten bezahlen können. Warum glauben wir immer noch, dass Steuern in jedem Fall eine Belastung sind? Und wann sind sie es nicht mehr? Wir müssen damit beginnen, nicht den zu zahlenden Steuerbetrag zu betrachten, sondern wieviel den Menschen nach Abzug aller obligatorischen Ausgaben wie Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und Krankenkassenprämien zum Leben bleibt, also was ihr frei verfügbares Einkommen ist. Es gibt Kreise, die sagen, dass die Reichen ja schon den Löwenanteil an Steuern bezahlten. Doch dies ist eine falsche Sichtweise, denn diese Tatsache widerspiegelt einzig die riesigen Einkommensunterschiede und in der Folge davon die sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, Steuern zu zahlen. Und es geht dabei nicht um Einkommensgruppen, sondern um Einzelpersonen: Wie belastend ist es für einzelne, Steuern zu bezahlen?

«Den Leuten etwas zurückgeben» – und die Bedürftigen im Regen stehen lassen

Der Zürcher Kantonsrat beschloss auf das Jahr 2023 hin eine Reduktion des Steuerflusses, «um den Leuten nach der Corona-Pandemie etwas zurückzugeben», obwohl alle wissen, dass benachteiligte Gruppen mehr unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten haben als die andern. Genau sie sind durch die Sparmassnahmen, die in der Regel auf eine Steuersenkung folgen wiederum am meisten betroffen.

Bei diesen Steuersenkungen handelt es sich also nicht nur um ein sinnloses «Giesskannenprinzip», sondern eine gezielte Umverteilung zu den Falschen: Gemeinden haben weniger Geld für Sozialhilfe und Integrationsmassnahmen, bei den Schulen in der Schweiz wurden in den letzten 20 Jahren gespart. Letzteres führte oft zu grösseren Klassen und damit in vielen Fällen zur schlechteren Integration von Kindern ohneBildungshintergrund. Ergänzungsleistungen für mittellose Senioren und Krankenkassenprämienzuschüsse für Familien mit kleinem Einkommen wurden abgebaut. Zahlreiche Spitäler wurden geschlossen und der ÖV verteuert. Bei Steuersenkungen sparen die einzelnen Otto-Normalverbraucher einige Zehner-Nötli, während durch die Steuersenkungen Teile des Service public zerstört werden.

Race to the bottom

Gerade in der Schweiz führt die Steuerkonkurrenz unter den Kantonen zu einem «race to the bottom», einem zerstörerischen Steuersenkungs-Wettlauf: Bereits reiche Kantone senken ihre Steuern noch mehr, was bei Nachbarkantonen zur Abwanderung von reichen Personen und Firmen führt. Auch ärmere Kantone sind deshalb gezwungen, Steuern zu senken, was wiederum zu Sparrunden führt. Ein weiteres Problem ist, dass Steuern, die gesenkt wurden, nicht mehr erhöht werden können.

Nun senkt Zug wiederum seine Steuern, was für Nachbarn wie Luzern zu weiteren Schwierigkeiten führt und armen Menschen noch mehr schaden wird. Der Steuerausgleich zwischen den Kantonen ist dabei nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Das Grundproblem ist der Steuerwettbewerb, der aus dem Ruder läuft und zu dessen Beschränkung vor rund 15 Jahren eine Abstimmung über eine Steuergerechtigkeits-Initiative stattgefunden hat. Doch nach einer Mega-Angstkampagne der Gegner, in der fälschlicherweise behauptet wurde, bei Annahme gäbe es Steuererhöhungen für alle, wurde die Initiative abgelehnt. Deshalb geht das «race to the bottom» weiter! Durch diesen Abbau der individuellen Steuern, vor allem der Steuerprogression, dem Ausbau der Gebühren und der Abgaben für die Sozialversicherungen hat die Schweiz in der Realität bereits seit dem Jahr 2001 eine Flat Tax: Prozentual zahlen Arme und Reiche gleich viel Steuern und obligatorische Abgaben (z.B. Krankenkassenprämien).

Bei Steuerfragen wird immer wieder das Argument angeführt, man könne es nicht immer bei den Reichen holen. Die Realität zeigt eher das Gegenteil.

« L’argent, c’est le nerf de la guerre »

In den 70er-Jahren kam Ronald Reagan mit den Wirtschaftswissenschafter Milton Friedman zusammen. Sie überlegten, wie sie die Macht des Staates allgemein gegenüber der Macht der Wirtschaft und der Vermögenden sowie die Umverteilung zurückbinden könnten. Sie waren sich einig, dass es unmöglich war, den Menschen einen Abbau des Wohlfahrtsstaates und damit der Leistungen, von denen sie profitieren, schmackhaft zu machen. Das musste unter Zwang geschehen, also eher durch die Verknappung der finanziellen Mittel. So entwickelten sie die Strategie, den Menschen eine Steuerreduktion zu versprechen. Der Abbau des Staates würde automatisch folgen, da «plötzlich» nicht mehr genügend Mittel vorhanden wären. Nach der Wahl Reagans zum Präsidenten kam dieses Mittel dann weltweit zur Anwendung und wird heute als Teil der neoliberalen Revolution angesehen.

Oxfam hat nachgezeichnet, dass diese Steuerrevolution seit der neoliberalen Wende unter Reagan und Thatcher ein wichtiger Grund für die weltweite Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich ist. Diese sozialen Unterschiede wirken sich auch auf die Informationsmacht aus: Auch in der Schweiz werden immer mehr Medien von Milliardären geschaffen oder gekauft. Sie beanspruchen so die Deutungshoheit über die sozialen Verhältnisse und treiben die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen in ihre Richtung.

Wie sieht eine sinnvolle Steuerpolitik aus?

Wir müssen endlich ein echtes Konzept entwickeln, welche Steuern am sinnvollsten und gerechtesten sind, und eine Steuerpolitik verfolgen, die denjenigen dient, die auf Entlastung einerseits und/oder auf die öffentliche Hand wirklich angewiesen sind! Dieses Konzept muss

  1. genügend Ressourcen für die gemeinsamen, also öffentlichen Aufgaben sichern
  2. gerecht sein
  3. die riesigen Differenzen bezüglich Lebenschancen und sozialer Macht zwischen den Menschen vermindern

Was könnte das beinhalten?

  1. ​Genügend hohe Steuereinnahmen
    · Diversifizierte Steuern, damit das Gesamtsystem weniger krisenanfällig ist.
    · Verminderung der Steuerkonkurrenz, die Abwanderung bzw. ein «race to thebottom» auslöst.
  2. Je weniger das Einkommen bzw. der Reichtum durch Eigenleistung zustandegekommen ist, umso höher wird besteuert.
    · Erbschaftssteuer ausbauen.
    · Dem Mythos «Lohn = Leistung» entgegentreten: Der Lohn ist der Marktwert der Tätigkeit/Position, die z.B. auch durch angeborene Fähigkeiten erreicht wird. Sicher kann jede bzw. jeder selbst dazu beitragen, aber nur zum Teil.
  3. Für eine hohe Progression sorgen: Kriterium ist, was jemand bezahlen kann und dann immer noch reich ist. Wieviel hat jemand an frei verfügbarem Einkommen?

Links zum Weiterlesen:

Erbschaftssteuer: Die gerechteste Steuer – Argumente für die Erbschaftssteuerreform
Eine biblische Steuerpolitik: Eine biblische Steuerpolitik? – Grundlegende Gedanken

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In meinem Umfeld beobachte ich einen interessanten Wandel: Materieller Besitz wirkt zunehmend oberflächlich sowie nicht nachhaltig und ist deswegen verschrien. Minimalismus-Influencerinnen wie Marie Kondo stossen mit der Idee von radikaler Besitzreduzierung auf Begeisterung. Besitzverzicht wird zur Tugend.

Doch was tritt an seine Stelle? Nicht der Verzicht auf Konsum, sondern ein Wechsel der Form: Statt Dinge zu sammeln, jagen wir Erlebnissen hinterher – und glauben, damit weniger konsumorientiert zu sein. Doch der Konsumismus lebt weiter – einfach in einem neuen Gewand.

Waren Sie auch schon mal in der Wohnung einer älteren Person, die überquillt von Sächelchen, Andenken und Krimskrams? Die künstliche Riesenmuschel aus Mallorca, Geschenke der Grosskinder, das Halsband der lange verstorbenen Familienkatze, eine verstaubte Ausgabe der Zeitschrift «Schweizer Familie» von 2014. In früheren Generationen war das Sammeln und Behalten ein Ausdruck von Fürsorge, Erinnerung und Beständigkeit.

Vom Besitz-Konsum zum Erlebnis-Konsum

Oder kennen Sie die lächelnde Fitness-Bloggerin, die in jedem Video ein neues farblich abgestimmtes Outfit samt Sportuhr und Mätteli präsentiert und ein makelloses Image arrangiert? Die Inszenierung geht dabei einher mit plattem Materialismus – einem durch das US-amerikanische Influencertumangeschraubten Ideal.

In meinem eher bodenständigen, alternativ geprägten Umfeld scheint man diesen Formen des Konsums entwachsen zu sein. Die Oberflächlichkeit des Materialismus hinter sich zu lassen, das klingt fortschrittlich. Materieller Besitz und dessen Zurschaustellung gelten hingegen als unauthentisch, angeberisch, verschwenderisch und sogar egozentrisch, was insbesondere im Zusammenhang mit der gerne hochgehaltenen Bescheidenheit eines Teils der Gesellschaft absolut verachtet wird.

Doch an die Stelle von Dingen tritt etwas Anderes: Im Sinne von «Ich bin, was ich erlebe», rasen wir von einem Highlight zum nächsten. In Sachen Unternehmungsfreudigkeit sind wir nämlich Champions, so beobachte ich das zumindest in meinem Umfeld.

Ein neuer Ausdruck desselben Geistes?

Doch ist der Konsum von Erlebnissen wirklich die bessere, nachhaltigere Alternative? Ist der dahinter stehende Konsumgeist nicht in beiden Fällen ähnlich? Denn auch Erlebnisse sind käuflich und werden inszeniert. Das «neue Haben» zeigt sich in Momenten, Fotos, Erfahrungen, Reisen und Zertifikaten. Der Konsumdruck bleibt.

Im Sinne von «Ich bin, was ich erlebe», rasen wir von einem Highlight zum nächsten.

Das Problem liegt nicht im Erleben an sich – sondern im starken Druck dahinter, etwas Bestimmtes gemacht haben zu müssen oder überhaupt etwas machen zu müssen. Denn damit einher geht der Drang, die Zeit bestmöglich auszukosten. Und nicht selten dienen die Erlebnisse doch auch ein wenig der Selbstverwirklichung und der Kuratierung der eigenen Identität. Gemäss dem antiken griechischen Geschichtsschreiber Antisthenes ist eine allgemeine Konsequenz, dass das, was ich besitze, mich auch zurückbesitzt1. Wenn ich mich also über meine Erlebnisse definiere, dann beginnen diese, auch mich gewissermassen zu besitzen.

Ressourcenintensive Erlebnisse

Die Freizeitindustrie ist Teil des Wirtschaftssystems – Konsum bleibt ihr Motor. Laut Statista stieg der Umsatz in der Schweizer Freizeitbranche 2022 auf ein Rekordhoch von über 20 Milliarden Franken. Im Durchschnitt verbringen in der Schweiz lebende Personen 2,7 Stunden täglich mit Freizeitaktivitäten2. Und oft konsumieren wir dabei Erlebnisse: Reisen, Festivals, Wintersportgebiete, Wellnessanlagen. Erlebniskonsum fühlt sich sauberer an, weil nichts mit nach Hause genommen wird, doch alle diese Dinge verbrauchen Energie, Raum und Ressourcen. Der Wunsch des Zurücklassens eines konsumbetonten Lebensstils kann also durch eine blosse Abwendung vom Materialismus nicht erreicht werden. Er muss sich auf den Erlebnisbereich ausweiten.

Glücksgefühle mit Ablaufdatum – Zerstreuung statt Tiefe

Kennen Sie das Gefühl: Ein Ausflug war schön und trotzdem bleibt eine Leere zurück? Viele Erlebnisse sind flach, flüchtig, überreizt – konsumiert, aber nicht verarbeitet. Es entsteht Unruhe, das Bedürfnis nach Ablenkung, der Drang zur nächsten Aktivität. Wir überladen unsere Zeit, doch Tiefe entsteht kaum. Was nicht besonders, neu oder intensiv ist, erfüllt uns nicht. Das Alltägliche wird entwertet.

Die Theorie der hedonistischen Tretmühle beschreibt, wie sich das individuelle Glücksgefühl von Menschen aufgrund eines positiven oder negativen Erlebnisses zwar kurzfristig ändert, dann jedoch schnell wieder auf dem vorherigen Niveau einpendelt. Das bedeutet, dass auch das schönste Erlebnis unsere Grundstimmung nur kurzfristig heben kann.

Wäre es da nicht sinnvoller, anstatt von einem Highlight zum nächsten zu jagen, am sogenannten «Set Point» zu arbeiten, also sich mit dem Alltagszustand zu beschäftigen? «Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?» meinte Erich Fromm3. Wer bin ich, wenn ich bin, was ich erlebe und dann das Erlebnis vorüber ist?

Was macht uns wirklich Freude?

Erlebnisse sind nicht schlecht – genauso wenig wie materielle Güter per se. Jedoch stapeln wir in der Hoffnung auf Erfüllung oder Zerstreuung unsere Aktivitäten häufig so stark wie die Beige der ungelesenen Zeitungen und Magazine und lassen sie unverarbeitet auf diesem Ablagestapel weilen. Wie früher Dinge dienen nun Aktivitäten einem Zweck, den sie nicht erfüllen können. Vielleicht brauchen wir auch im Erlebnisbereich eine Marie Kondo mit ihrem «Keep only what sparks joy» – «Behalte nur, was in dir Freude entfacht», die uns beim Reduzieren und Raumschaffen für Wesentliches hilft!

Denn was wir eigentlich suchen, ist innere Resonanz und nicht der blosse Reiz, Dankbarkeit statt Leere, Tiefe durch Entschleunigung statt Oberflächlichkeit. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht Resonanz (und nicht Verlangsamung) als Antwort auf den «Steigerungszwang» des modernen Kapitalismus, zu dem meiner Meinung nach auch der ständige Run nach Erlebnissen gehört. Resonanz entstehe, wo wechselseitige Verbindung stattfinde, zum Beispiel zwischen Mensch und Umwelt oder auch zwischen Körper und Psyche4. In diesem Sinne sollten statt dem reinen Konsum von Erlebnissen, diese mit Sinn gefüllt werden, um Resonanz zu erzeugen. Konkret kann das bedeuten, Gemeinschaft über Events zu stellen, Beziehungsräume statt Erlebnisräume zu schaffen oder Nachbarschaft nicht durch Mega-Events, sondern durch alltägliche Begegnungen zu fördern.

Verweilen im Sein anstatt im Tun oder im Haben

Wer ständig auf Erlebnissuche ist, wird unruhig, sobald einmal nichts passiert – auch in der Beziehung zu Gott. Die biblische Sabbatkultur greift genau dieses Thema auf: Sie betont nicht nur den Zweck der Ruhe und Erholung, dem bewussten Ausüben von oder dem Verzicht auf spezifische Aktivitäten, der Sabbat verbindet dies auch mit dem sich Befassen mit den eigenen Wurzeln und der Identität5. Es geht also beim Sabbat um ein Sein und nicht um ein Tun oder Haben. Wir wissen, dass unsere Erfüllung von Gott und nicht von Erlebnissen kommt. Das «Leben in Fülle», das Jesus in Johannes 10,10 verheisst, finden wir in der Beziehung mit ihm. Doch gerade dafür schaffen wir wenig Raum.

Eine neue Minimalismus-Bewegung?

Gleichzeitig sollen wir uns nicht der schönen Dinge berauben lassen, die Gott uns schenkt oder ermöglicht. Entsprechend tritt Paulus in seinem Brief an Timotheus der Tendenz zur Askese entgegen, indem er schreibt: «Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird»6. Der Schlüssel liegt hier im Dank und dieser kann, so bin ich überzeugt, nur aufrichtig sein, wenn ein Bewusstsein für das Empfangene vorhanden ist. Damit kehren wir zurück zu einem Grundprinzip gesunden Konsums: zum bewussten Konsumieren, auch im Bereich von Erlebniskonsum.

Ich denke, wir sollten die Prinzipien des Minimalismus – Nachhaltigkeit, Genügsamkeit, Reduktion, Befreiung, Verzicht und Raum für das Wesentliche – auch auf unsere Freizeitkultur anwenden. Eine Konsumreduktion im Aktivitäten-Bereich tut nicht nur den globalen Ressourcen gut, sondern auch unserer eigenen Psychohygiene. Auch wenn die Antwort auf die Frage «Was machst du am Wochenende?» – «Einfach mal ruhig zu Hause bleiben» – (noch) nicht besonders attraktiv klingt: Vielleicht liegt genau darin ein Weg zu echter Tiefe, Resonanz und Verwurzelung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf INSIST.

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In den Evangelien der Bibel sind die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen die höchsten Gebote. Wenn wir von christlichen Werten sprechen, dann sind diese also zentral. In heutigen Ohren mag Nächstenliebe etwas verstaubt tönen, sie ist aber hochaktuell. Was könnte das für die heutige Gesellschaft und für unsere Demokratie bedeuten?

In Lukas 10.29–37 fragte ein Gesetzeslehrer nach, wer denn sein Nächster sei. Darauf antwortete ihm Jesus mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters. Die als korrekt religiös angesehenen Priester und Leviten gingen am Überfallenen vorbei, aber ein geächteter Samariter erbarmte sich ihm. Nur er lebte die Nächstenliebe aus.

Hierarchie der Nächstenliebe?

Wer sind heute unsere Nächsten? Für mich sind es all diejenigen, denen wir begegnen, mit denen wir zu tun haben. Aber auch all diejenigen, bezüglich denen wir eine Handlungsmöglichkeit haben. Denn in Matthäus 25 wird auch danach gerichtet, was wir nicht getan haben. Heute haben wir auch Handlungsmöglichkeiten gegenüber den «Ärmsten» der Welt.

Dies bedeutet auch, dass die Idee falsch ist, dass wir zuerst für uns resp. für die Schweiz schauen müssen. Jeder Mensch auf der Welt ist gleich viel wert. Zuerst für uns zu schauen oder gar eine Hierarchie der Nächstenliebe aufzustellen, ist Egoismus: Denn zuerst für «die Eigenen» zu schauen, bringt letztlich uns selber Vorteile. Zuerst für die eigene Nation zu schauen, ist Nationalismus. Wie wenn wir mehr Wert wären als andere! Gerade heute, mit zunehmender Not in der Welt, können die wohlhabenden Nationen nicht sagen, sie müssten zuerst für sich selbst schauen. Die Folge davon sind z.B. Hunger und Tod.

«Jeder Mensch auf der Welt ist gleich viel wert.»

Handlungsmöglichkeiten haben wir auch gegenüber der Generation unserer Kinder und Kindeskinder. Da auch sie intakte Lebensgrundlagen brauchen, sind wir aufgefordert, die Schöpfung zu bewahren.

Eine Werterevolution

Das Wohl des Nächsten gleichzeitig zu suchen wie das eigene Wohl, das war eine revolutionäre Botschaft. Es bedeutet auch heute noch die Abkehr von Egozentrik und Egoismus. Und es ist ein Stachel im Fleisch des Mainstreams und der Wirtschaft, die – frei nach dem Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith – behauptet, dass es für alle am besten sei, wenn jeder zuerst die eigenen Interessen verfolge.

Oft projizieren wir aber unsere eigenen Wünsche auf die Nächsten, obwohl diese vielleicht andere Prioritäten haben. Nächstenliebe heisst hier, genauer hinzuschauen, die Menschen und ihre Freuden und Nöte wirklich kennenzulernen. Oder wir denken in Gruppen und vorgefassten Meinungen. Dies können Vorurteile sein, geprägt von Misstrauen. Auch hier gilt es, genauer und vorurteilsfrei hinzuschauen, und, wo möglich, echte Beziehungen aufzubauen. Nächstenliebe heisst hier, auf den Nächsten wirklich einzugehen.

Dies heisst auch, die Frage nach dem Warum zu stellen: Woher kommen die Meinungen, Verhaltensweisen und Nöte der Nächsten? Letztere können auf ungleichen Voraussetzungen basieren oder strukturelle Ursachen haben, was ein genaueres Hinsehen unangenehm machen kann. Denn dies kann unsere eigene Stellung und unseren Wohlstand in Frage stellen. Sind wir bereit dazu? Das ist die Konsequenz des Verses: «Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst». Also nicht zuerst ich, und wenn’s reicht, dann auch noch den Nächsten. Deshalb fordert Gott uns auf, das Recht der Armen zu schützen und für sie zu sorgen Es gibt also kein Entweder-oder!

Wir sind aber Meister darin, Rechtfertigungsideologien aufzubauen, um nicht helfen oder teilen zu müssen: «Er ist faul», «Er ist selber schuld», «Es ist besser für ihn, wenn ich nicht helfe». All dies mag in gewissen Fällen zutreffend sein, aber wir wenden es seeeehr oft an. Denn Vorurteile sind angenehm, weil sie uns entlasten.

Wer braucht unsere Liebe besonders?

Wer braucht die Nächstenliebe besonders? Das Alte und das Neue Testament fordern mit Nachdruck immer wieder zum Schutz der Witwen, Waisen, Armen, Elenden, Geringen, Ausländer, etc. auf. Sie sind in Gottes Augen besonders schutzbedürftig. Im Alten Testament wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen durch Umstände in Schulden und damit in Schuldknechtschaft kommen. So sind sie den «Starken» ausgeliefert. Die Propheten klagten das Volk Israel an, dass die Starken versuchen, das Recht der Schwachen zu beugen, statt ihnen zum Recht zu verhelfen.

Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den Armen, zu deren Gunsten zahlreiche Aufrufe erfolgten (z.B. „Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein“ 15. Mose 15.4). Natürlich sagt Jesus im Neuen Testament, dass es immer Arme geben werde. Dies ist aber deskriptiv und nicht, was Gott sich wünscht. Deshalb wurde im alten Israel der Zehnte auch für die Armen gebraucht und diese hatten das Recht auf die Nachlese und alle sieben Jahre auf die Frucht eines Feldes. Auch strukturelle Anordnungen – wenn auch nur selten umgesetzt – sollten für Gerechtigkeit und Umverteilung sorgen, damit Familien ihre Schuldknechtschaft abschütteln und wieder für sich selber sorgen konnten. Hier geht es auch darum, Nachteile auszumerzen und gleiche Lebenschancen zu geben.

Die Stimme erheben

Nächstenliebe heisst auch, sich für Benachteiligte einzusetzen: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für den Rechtsanspruch aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht und schaffe Recht dem Elenden und Armen!“ (Sprüche 31.8–9)

Wer sind heute diejenigen, die unsere Stimme am meisten brauchen? Wer sind die Machtlosen, die Verletzlichsten, die Elenden, diejenigen, denen es am schlechtesten geht? Die Menschen in Armut? Die Kinder, die überdurchschnittlich oft von Armut betroffen sind, die in der Schule immer mehr Druck verspüren und herumgeschoben werden? Die Migranten, die als Gefahr angesehen werden? Menschen mit Behinderung? Weniger Gebildete, die kaum mehr mithalten können? Oder ganz einfach weniger Leistungsfähige? Es ist unsere Aufgabe, diesen Benachteiligten zu ihrem Recht und zu fairen Lebenschancen zu verhelfen. Das kann z.B. geschehen durch Umverteilung, durch Stärkung, durch gleichen Zugang zum Recht etc. Sie sind zwar nicht ganz stimmlos, aber sie werden in unserem System, wo die Grösse des Megafons und die Machtposition entscheidend für den Einfluss sind, einfach nicht mehr gehört. Denn wo sich ein Milliardär ein Medium kaufen kann, hat er viel mehr Einfluss als Zehntausende von Menschen.

Was könnte das konkret heissen?

Zum Beispiel im materiellen Bereich: Für Löhne und Kinderzulagen sorgen, die für eine Familie zum Leben reichen. In der Sozialhilfe nicht einfach blindlings den Betroffenen Geld zuschanzen, sondern genauer hinschauen und evaluieren, was die Person braucht, um wieder auf die eigenen Füsse zu kommen: Umschulung? Psychologische Unterstützung? Ein besseres Netz? In Winterthur und Lausanne wurden deshalb mehr Sozialhilfemitarbeitende eingestellt, damit diese Zeit haben, mit den Betroffenen Lösungen zu finden. Der Erfolg für die Betroffenen und die sinkenden Kosten geben dieser Sichtweise recht. Hier wird an der auch in der Bibel erwarteten Eigenverantwortung festgehalten, aber die Voraussetzungen geschaffen, damit diese überhaupt wahrgenommen werden kann.

Wir sollten auch einen besonderen Fokus auf die Kinder legen: «Jeder kann selber» gilt bei ihnen erst recht nicht. Schlechte Situationen behindern ihre gesunde Entwicklung. Hier muss in Früherkennung und Frühintervention investiert werden, für ihre Zukunft und letztendlich auch zur Verminderung der zukünftigen gesellschaftlichen Probleme und damit Kosten. Wir müssen für gute Voraussetzungen sorgen und sie besonders dort unterstützen, wo Eltern nicht (mehr) ihrer Verantwortung nachkommen können – zum Beispiel, wenn sie eine Suchterkrankung entwickeln.

«Der Staat soll nicht»

In den Kirchen hören wir manchmal, dass die Benachteiligten sich einfach an Gott wenden sollten und der Staat nicht Aufgaben von Gott übernehmen solle.

Und doch: die Politik ist ein Teil der Lösung. Denn Nächstenliebe bedeutet nicht nur Pflästerli und Almosen, sondern auch strukturelle Ursachen von Not und Elend anzusprechen und zu verändern, wie es auch im Alten Testament gefordert wurde. Wir selbst bestimmen die Politik mit, wir stellen die Regeln und gerechte Strukturen auf, die Auswirkungen auf das Wohlergehen der Nächsten haben. Wir sind also für die Umstände unserer Nächsten mitverantwortlich.

Ja, Barmherzigkeit darf nicht einfach an die Politik delegiert werden, aber Barmherzigkeit einzig durch die Christen und Kirchen genügt offensichtlich nicht. Wir werden auch danach gerichtet, was wir nichtgetan haben (Matthäus 25), und wenn wir wissen, dass durch eine Gesamtorganisation – also auch über Politik – den Nächsten viel mehr Gutes getan werden kann, dann sollten wir das tun. Es stimmt, dass viele Menschen die Barmherzigkeit leider an den Staat delegieren, aber gleichzeitig gibt es bei vielen Christen die Tendenz, sich nur um das eigene Seelenheil zu kümmern und das Wohl der Nächsten einfach an Gott zu delegieren.

Jeder Mensch ist von Gott geschaffen und hat den gleichen Wert

Nächstenliebe heisst auch anzuerkennen, dass jeder Mensch von Gott geschaffen und gleich geliebt ist. Dies erfordert, jedem Menschen den gleichen Wert und damit gleiche Aufmerksamkeit, gleichen Respekt und gleiche Lebenschancen zuzugestehen.

Im persönlichen Umgang bietet uns Matthäus 7,12 eine gute Richtschnur: «Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.» Im gesellschaftlichen Umgang heisst dies auch, andere Gruppen und Nationen so zu behandeln, wie wir es von ihnen erwarten, behandelt zu werden. Dies wird aber sehr oft von der Angst vor den «Anderen» und den «Fremden» überlagert. Deshalb sollten wir Acht geben, nicht gegen sie zu hetzen, indem wir ihnen böse Dinge unterstellen, von denen wir eigentlich keine Ahnung haben. Dies ist immer der Ursprung von Verfolgung. Deshalb redet Jesus auch von Feindesliebe. Genau davon scheinen wir uns aber heute mehr denn je zu entfernen: Wir bewegen uns in unseren Internet-Bubbles und werden immer stärker in unseren «Wahrheiten» und in unserem Gruppendenken bestärkt. Damit werden «die Anderen» für uns immer unverständlicher und zur Gefahr für uns.

Auf dem Weg zum Recht der Stärkeren?

Die Rechtfertigung des eigenen Vorrechts betrifft alle Gruppen der Gesellschaft. Die Stärksten haben aber die grösste Chance, sich dabei auch durchzusetzen. Gerade in den USA sehen wir heute unter Präsident Trump eine Entfesselung der «Starken». Viele Geld- oder Energie-Mächtige sind nicht mehr bereit, sich zu Gunsten der Nächsten beschränken zu lassen. Im Zuge der zunehmenden Machtungleichheiten scheinen ihnen die Opportunitätskosten zu hoch: Die (gesetzlichen) Einschränkungen hindern sie daran, ihre Ressourcen voll zur Entfaltung zu bringen. Libertäre Ideologien und die Aushebelung der Verhinderer wie der Staat und die Demokratie haben deshalb Aufwind. Zunehmend wird eineMeritokratie ohne Chancengleichheit propagiert und dies mit der Behauptung einer «moralischen Überlegenheit» begründet: Diejenigen, die früh aufstehen» stehen den «Profiteuren» gegenüber.

Verfechter dieser Tendenzen wie Elon Musk oder Donald Trump haben auch schon offen gesagt, sie hätten keine Empathie mit «Losern». Nächstenliebe, genaues Hinsehen und daraus Verständnis entwickeln sind keine Optionen. Der einzige Gradmesser für sie ist die Stärke. Dies dringt in allen Aussagen zu anderen Menschen durch. Elon Musk ist auch ein Verfechter der Züchtung vonSupermenschen, die eine zukünftige Herrscherkaste bilden soll.

So ist es nichts als logisch, dass in den USA alle Programme zum Ausgleich von Benachteiligungen geschwächt oder sogar abgeschafft werden. In ihrer Ideologie der Stärke ist dies den aktuellen Herrschern so wichtig, dass sie auch ausländischen Unternehmen, die in den USA arbeiten wollen, die Abschaffung solcher Programme vorschreiben und den Universitäten verbieten, zu Benachteiligungen zu forschen oder zu lehren. Die Logik des «survival of the fittest» ist mit ein Grund, warum sämtliche Hilfe an ärmere Länder, humanitäre Hilfe, Unterstützung von internationalen Organisationen und Impfprogramme von Musk und Trump abgeschafft wurden, was selbst den konservativen Aussenminister Rubio erzürnte, der bei diesen Entscheiden übergangen wurde. Durch die fehlenden Hilfen sind Hunderttausende von toten Kindern und Erwachsenen zu erwarten. Das Sterben hat bereits begonnen.

Die Stärksten sollen herrschen, eine Idee, die bereits in den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Bereits heute werden schwächere Menschen in der Gesellschaft in gewissen Kreisen entwertet und gar als Last angesehen. Bis zur Euthanasie ist es nicht mehr weit. Inzwischen werden in den USA Wahlrechte eingeschränkt, die Verbreitung von unliebsamen Ideen und Fakten durch Universitäten verboten, viele Politikerinnen und Politiker von Elon Musk gekauft und abhängig gemacht und die Medien gegängelt (wie die früher kritische Washington Post heute durch Jeff Bezos).

Sind wir Christen noch die Vertreter der Nächstenliebe?

In christlichen Kreisen werden benachteiligte oder schwächere Menschen oft einfach an Gott weiterverwiesen. Gott helfe ihnen schon, sie sollten einfach beten. Wie wenn sie das Elend verdient hätten, wenn sie nicht genug beten! Im Gegensatz dazu ruft uns die Bibel dazu auf, selber für Gerechtigkeit, Hilfe zu sorgen und unseren Reichtum zu teilen.

Vor Gott gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern der gleiche Wert jedes Menschen und das gleiche Recht, gehört zu werden, mitzubestimmen und teilzuhaben. Das Recht des Stärkeren ist also das Gegenteil der Nächstenliebe. Wie können wir diese beschreiben, damit sie in der Öffentlichkeit verstanden wird? Zum Beispiel mit darin enthaltenen Aspekten: Empathie, Mitgefühl, Barmherzigkeit, Respekt, Altruismus, etc. Sie ist für die Menschen und nicht gegen die Menschen. Sie ist gegen die Herrschaft des Stärkeren, der Interessen und des «Alles ist verkäuflich». Das ist die Bedeutung, Salz der Erde zu sein. Sind wir es noch?

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Hintergrundfoto der Collage von Marlis Trio Akbar auf Unsplash
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Abgewiesene Asylsuchende, die nicht in ihr Herkunftsland zurückzukehren können, werden in Rückkehrzentren sozusagen entsorgt. Damit ist ihr Schicksal vergleichbar mit den früheren Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die die Schweiz vor kurzem entschädigt hat.

Mehrere Tausend Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen leben noch heute in der Schweiz, am meisten im Kanton Bern. Es gab bis 1981 auf Grundlage des früheren Zivilrechts zwei Formen dieser Zwangsmassnahmen: Verdingkinder, die fremdplatziert wurden, und administrativ Versorgte, die ohne Gerichtsurteil in Anstalten, Arbeitsheime oder Gefängnisse eingewiesen wurden. Das Unrecht, das diese Menschen erfahren haben, ist staatlich anerkannt: Bis Ende 2023 hat das Bundesamt für Justiz über 10’600 Betroffenen eine Entschädigung ausbezahlt. Das ist erfreulich, aber ebenso wichtig ist es, dass die Schweiz aus diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte etwas lernt.

Doch das scheint nicht der Fall zu sein, denn in den Rückkehrzentren unseres Landes werden Menschen – Kinder, Frauen und Männer – über Monate und Jahre eingepfercht. Es handelt sich um weggewiesene Asylsuchende, die nicht gezwungen werden können, in ihr Herkunftsland zurückzukehren, weil die politischen Verhältnisse dort prekär sind. So verbleiben sie in den Rückkehrzentren und werden dort sozusagen entsorgt. Wiederholt sich hier die Geschichte?

Der mittlerweile verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman sagte bereits 2015 über die Flüchtlingslager, wie sie unsere Rückkehrzentren darstellen: «In ein solches eingewiesen zu werden heisst, aus der Welt und der Menschheit ausgewiesen zu werden … Die Wege zurück in die verlorene Heimat sind versperrt. Die Insassen der Lager werden aller Merkmale ihrer Identität beraubt, mit einer Ausnahme: der Tatsache, dass sie Flüchtlinge sind. Ohne Staat, ohne Zuhause, ohne Funktion, ohne Papiere. Sie sind dauerhaft ausgegrenzt und stehen auch ausserhalb des Gesetzes …»

«Wiederholt sich hier die Geschichte?»

Man kann es sich kaum vorstellen, aber es ist Realität: In der Schweiz leben ganze Familien über lange Zeit in Rückkehrzentren, eingesperrt auf engstem Raum. Sie leben in einer Form von Halbgefangenschaft: Machen sie einen Schritt aus dem Rückkehrzentrum hinaus, droht ihnen jederzeit eine Busse oder gar Inhaftierung wegen illegalen Aufenthalts. Sie leben in ständiger Angst vor behördlicher Repression.

Unsere kantonalen Asylbehörden sind dabei mit einer schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert, wenn es um weggewiesene Asylsuchende geht, die nicht unter Zwang zurückgeführt werden können, denn freiwillig kehrt im Moment niemand nach Eritrea, in den Iran oder nach Tibet zurück.

In politischen Kreisen ist diese menschenrechtlich verwerfliche Praxis bekannt, aber niemand will sich an der Asylpolitik die Finger verbrennen. Schliesslich ist eine restriktive Asylpolitik ein Garant für Wählerstimmen. Nicht einmal unsere Landeskirchen engagieren sich öffentlich und mutig in der Sache: Man will die Kirchensteuerzahler nicht vergrämen und agiert neuerdings politisch möglichst neutral. Es scheint, dass unsere Kirche bei brisanten menschenrechtlichen Themen ebenso handelt wie die politische Schweiz. Das Geld kommt vor der Moral. Die Brutalität, mit der mit diesen Menschen umgegangen wird, hinterlässt Spuren in unserer Gesellschaft. Es gilt, die Worte des deutschen Menschrechtsaktivisten Karl Kopp ernst zu nehmen: Die Menschenwürde und die Menschenrechte, die zivilisatorischen Antworten auf die Barbarei, müssen verteidigt werden.

Bilder: Rückkehrzentren | AAZZ