Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Auf der Suche nach Sündenböcken statt Jesus-Nachfolge

Dieser Artikel ist die Fortsetzung von «Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz?» vom 24. September 2025. Diesmal werden drei im christlichen Raum der Schweiz verbreitete Gedankenkreise dargestellt und kritisch beleuchtet.

Nicht nur Christinnen und Christen in den USA stehen in der Gefahr, rechtsgerichteten Heilsversprechen aufzusitzen. Auch Schweizer Christen pflegen geschichtliche Mythen, die nichts mit biblischer Jesus-Nachfolge zu tun haben. Hier drei solcher Thesen, die unter Schweizer Christinnen und Christen verbreitet sind:

„Die Schweiz ist einzigartig und von Gott privilegiert. Deshalb ist die Volkssouveränität ein Garant für Freiheit und Wohlstand.“

Bis Ende des 20. Jahrhunderts galt die Meinung fast unumschränkt, dass die schweizerische direkte Demokratie die beste Hüterin der Menschenrechte sei, weil die Bürgerinnen und Bürger ihre Rechtsordnung bestimmen. Deshalb sei sie auch der beste Schutz gegen Machtmissbrauch und Korruption, denn einzelne Politikerinnen und Politiker könnten sich das nicht unbemerkt erlauben.

Die direkte Demokratie ist ein Allerheilmittel gegen menschliche Bosheit und das «Volk» wird hochstilisiert zum transzendentalen Garanten für Wahrheit und Recht. Diese Sicht wird auch von Christen vertreten. Denn Gott habe in zwei Weltkriegen unser Land beschützt und seine Bedeutung ergäbe sich aus ihrer Entstehung, ihrer Lage in der Mitte Europas, ihrer Flagge mit dem Kreuz, ihrer politischen Gestalt, ihrer nationalen Werte und Kultur, ihres Wohlstandes und ihrer weltweiten humanitären Wirkung. Deshalb habe die Schweiz eine Bestimmung und einzigartige Berufung.

Für diese völkisch-nationale Berufungsdefinition gibt es keine biblische Begründung. Die neutestamentliche Gemeinde hat jede nationale Identität hinter sich gelassen und versteht sich als «Reich Gottes», in dem alle Grenzziehungen aufgehoben sind (Eph2,11–22).

Dieses fatale Nationenverständnis ist ebenso zu hinterfragen wie die Parole der Aufklärung «Volkes Stimme – Gottes Stimme». Sie hat sich seit ihrer Proklamation 1789 oft als tragische Illusion erwiesen.

Zudem wissen wir doch längst, dass auch der Schweizer Herz kein Heiligtum und deshalb auch manipulierbar ist. Längst wird über die Grenzen der direkten Demokratie diskutiert,

(a) weil uns der gemeinsame Wertekodex abhandenkommt.
(b) weil das Instrument der Referenden und Volksinitiativen missbraucht werden kann.
(c) weil die Meinungsbildung der medialen Verführung und Stimulation fast schutzlos ausgeliefert ist. Wie lassen sich da noch Lüge und Wahrheit unterscheiden?

Christen sind keine Nationalisten und Ideologen, sondern Nachfolger Jesu. Deshalb warnen sie als kritische Bürger und Realisten immer wieder vor einer verblendeten Idealisierung der «Volksherrschaft». Sie gehorchen Gott immer mehr als dem Mehrheitswillen! Die Anbetung Gottes verhindert die Anbetung der von Menschen geschaffenen politischen Strukturen oder Staatsformen!

Nachfolger Jesu Christi werden Absolutheitsansprüche egomanischer Meinungsmacher, erkenntnisleitende Interessen gewisser Leute und lobbyierende Machtbesessene äusserst kritisch beobachten und gerade dann ablehnen, wenn sie ihren Wolfscharakter im Schafspelz verstecken.

„Kräfte von ausserhalb und innerhalb bedrohen die Schweiz und planen den nationalen Zerfall!“

Die Macht von Verschwörungstheorien

Gefahrenszenarien und Verschwörungstheorien tummeln sich nicht nur im säkularen Netz, sondern werden auch in der christlichen Szene kolportiert und weitergeflüstert. Mit ihnen bearbeiten nationalistische Rechtspopulisten den nationalen und sozialen Egoismus. Wer die zentralen, universalen Verschwörungen kennt, steht immer auf der richtigen Seite.

Populär sind augenblicklich:

  • Der Islam setzt Flüchtlingsströme bewusst zur Eroberung Europas ein
  • Migranten, Ausländer, Fremde unterwandern die Leitkultur der Schweiz
  • Links-grüne Politik fördert immer eine radikal säkulare Kulturrevolution
  • Der Vatikan, der Papst und der Katholizismus wollen universal herrschen
  • Die Medien verbreiten Fake-News und manipulieren die Öffentlichkeit
  • Die «Eliten» (Bundesrat, Bundesrichter, Politiker) regieren am Volk vorbei
  • Die säkulare EU-Bürokratie will die Schweiz unterwerfen
  • Die Lüge von der menschenverursachten Klimaveränderung dient der globalen Wirtschaft und Finanz
  • Reiche Juden, Freimaurer und Geheimbünde streben die Weltherrschaft an

Anfragen:

  • Warum werden Unterschiede, Vielfalt und Andersartigkeit zum Problem?
  • Warum neigen Christen in der Schweiz immer noch zu einem versteckten Apartheiddenken des «Wir-sind-besser-und-alle-anderen-sind-minderwertiger»?
  • Warum sind Fremde immer schon per se «schlechter und böser» als wir?
  • Warum sind differenziertes Denken, gründliches Recherchieren und aufwendige Analysen bei gewissen Christen so wenig ausgebildet und vorhanden?
  • Warum werden oft nur Ängste, negative Gefühle und Feindbilder geschürt?

Notwendig wäre aufzuzeigen

  • dass der Dualismus (Schwarz-Weiss-Malerei) als Lebensstil zum spekulativen Heidentum gehört [orientalisch-hellenistische Gnosis].
  • dass der Begriff «Nation» in der Bibel nicht vorkommt, dafür der Begriff «Volk» bzw. «Völker – Ethnien».
  • dass die Wesensmerkmale der Christinnen und Christen Demut, Liebe und Toleranz gerade deswegen sind, weil unser Erkennen noch nicht vollkommen ist!
  • dass es den Nationalstaat in Europa erst seit dem 19. Jahrhundert gibt und die Schweiz erst seit 1815/1848 eine Willensnation von Angehörigen verschiedener Ethnien/Völkern ist. 1291 wurde keine Nation Schweiz gegründet, sondern ein Bund, wie andernorts damals auch (z.B. die «Hanse»).
  • dass der «Mythos Schweiz» und die damit verbundenen oft klischeehaften Attribute zu entmythologisieren sind – nicht nur von Historikern, sondern auch von Christinnen und Christen in ihren Gemeinden.
    dass «niemand schon immer da war» (Holenstein André u.a., Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Baden 2018).

Für gesellschaftliche, kulturelle und soziale Probleme gibt es Sündenböcke

Immer wieder wird kolportiert, «minderwertige» Menschen – Ausländer, Fremde, Migranten, Asylsuchende, Sozialhilfeempfänger, IV-Bezüger – seien in der Regel in gewisser Weise mitverantwortlich dafür, wenn es Probleme gibt, der Wohlstand bröckelt, das kulturelle Niveau sinkt, es sozial unruhig wird, der innere Friede im Land gefährdet ist, die Kriminalität hoch bleibt, der Wohnraum zunehmend knapp und unbezahlbar wird usw.

Es gibt sie tatsächlich immer und überall, die mehr oder weniger «schwarzen Schafe». Deswegen muss sich die Sozialpolitik mit diesen Herausforderungen, also den Folgen der Globalisierung, des Neokapitalismus und der zunehmenden kriegerischen Konflikte beschäftigen. Denn es ist die fehlende allgemeine Teilungsgerechtigkeit, die viele Probleme auch hierzulande generiert!

Besonders fragwürdig ist jedoch die pauschalisierende und generalisierende Sicht der Populisten, die «alle diese und jene da» für schuldig erklärt. Stigmatisierung der Schwachen, Remigrationspläne für Ausländer, Diskriminierung von Hilfsbedürftigen, Kürzungen von Hilfsmassnahmen mit dem Etikett «Selber schuld! Sie sollen sich selbst helfen!» – all das mit einer würdelosen Abwertung bestimmter Menschen zu begründen, ist skandalös. Wer das aber politisch fordert, gewinnt gegenwärtig leider Wahlen, bekommt Macht über Menschen, verliebt sich in seine Popularität und spielt dann den «pseudogöttlichen Retter».

Kritische Anmerkungen

  • Wer für seine Politik Sündenböcke und Feindbilder braucht, ist einer Projektionsstrategie erlegen und disqualifiziert sich selbst. Der politische Diskurs ist mit diesen Menschen nicht leicht. Auf keinen Fall dürfen solche Thesen und Behauptungen medial zitiert werden.
  • Dem populistischen Schwarz-Weiss-Denken ist unbedingt kritisch zu begegnen: Nicht mit vorschneller Verurteilung von Menschen, aber doch mit kritischem Widerspruch in der Sache. Einspruch im Dialog und Gespräch zu erheben, geht nicht ohne näheres Hinsehen, Verstehen-Wollen und Hinterfragen. Wenn das gegenseitig möglich ist, ist schon viel gewonnen.
  • Dass ein rechtspopulistischer weisser national-konservativer Evangelikalismus die gegenwärtige disruptive Weltpolitik mitverantwortet, ist bereits zu einer kostenintensiven Hypothek geworden. Trotzdem hat er hierzulande eine Anhängerschaft.
  • Der politische Rechtspopulismus lässt sich kaum noch durch Fakten, Argumente und logische Begründungen überwinden. Die weltweite Zunahme von Irrationalität, situativer Egozentrik und subjektiver Spontaneität in der Politik verängstigt. Politologen konstatieren den Übergang von der regelbasierten unipolaren hin zur regellosen multipolaren Weltordnung. Die Schweiz muss sich in einer zerfallenden Weltordnung zurechtfinden.
  • Die Botschaft Jesu setzt einen Kontrapunkt, wenn sie den Dienst der Versöhnung dem Machtgebaren der Stärkeren und Reichen gegenüberstellt. Damit ist gesagt, was zu tun ist (siehe die Proklamation amerikanischer Christen 2018, „Reclaiming Jesus“).
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Auch unter Christinnen und Christen gewinnt autokratisches Gedankengut an Boden. Wie sieht es damit in der Schweiz aus?

Seit dem 19. Jahrhundert haben unzählige Christen auf biblischer Grundlage und aus dem Glauben an Christus heraus weltweit ein spezifisches, vorher so nicht vorhandenes christliches Denken und Handeln in gesellschaftlicher Weltverantwortung entfaltet.

Christen sind auch Welt- und Staatsbürger und dürfen sich politisch und vor allem sozialpolitisch zu Wort melden. Denn: wer die Bibel gründlich studiert, muss sich von der Botschaft der alttestamentlichen Propheten, Jesu und der Apostel herausfordern, ja geradezu verpflichten lassen, für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten.
Das allerdings nicht mit dem Ziel, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft christlich im Sinne einer Theokratie zu domestizieren, sondern als normaler Ausdruck konkreter Nachfolge Jesu, um mit Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Respekt und Frieden zu dienen.

Christen sind vermehrt rechtsnationalistisch aktiv

In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Demokratien sind keine automatischen Selbstläufer mehr. Sie werden gerade in illiberale Demokratien transformiert durch eine subtile Schwächung der Gewaltenteilung, der Justiz und der Parlamente. Autokratisch-nationalistische Kräfte setzen ihre Agenda durch und lassen demokratische Strukturen schleichend absterben. Wie schnell Demokratie demontiert und an die Grenzen ihrer Wehrhaftigkeit kommt, zeigen jüngste Entwicklungen in den USA und Europa.

Die vielfältigen Ursachen dieser Entwicklung werden landauf landab kontrovers diskutiert, bewertet und eingeordnet. Genannt werden Migration, Verlust nationaler Identität, politische Verdrossenheit, Sozialabbau, Unzufriedenheit mit den Eliten in Politik und Wissenschaft. Manche Sorgen sind zweifellos berechtigt. Aber was geschieht, wenn der offensichtliche Vertrauensverlust zur Machtgewinnung bewirtschaftet wird? Wenn Patrioten ihr Land zu fest lieben und ihr Nationalismus ungeniessbar wird? Wenn die Demokratie, die Wissenschaften und die Politiker pauschal diskreditiert werden und demagogisch mit Unwahrheiten zur Abwahl der Herrschenden aufgerufen werden?

Die politischen Polarisierungen sind längst in der christlichen Szene angekommen. Dafür steht die jüngste Publikation von Peter Hahne «Ist das euer Ernst? Aufstand gegen Idiotie und Ideologie» (2024). Seit Jahren versteht er sich als prominente Stimme enttäuschter Wutbürger und bedient unentwegt sowohl medial, publizistisch und öffentlich auftretend diese Unmutsbewegung. Zu ihr gehören viele wertvolle Christen aus Kirchen und Freikirchen, die gläubig und treu in ihren Gemeinden mitarbeiten, fleissig und begeistert die Gottesdienste besuchen, sich an kirchlicher Gemeinschaft erfreuen, Nächstenliebe praktizieren und speziell das Gebet für die Schweiz pflegen. Sie verstehen sich als wertkonservativ und nationalgesinnt und wählen eher mitte-rechts/rechts als mitte-links/links.

Dass sie jedoch rechtspopulistischen Anliegen so unkritisch folgen, liegt an ihrem Wertekonservativismus, dem ja durchaus eine gewisse Berechtigung zukommt. Hinzu kommt aber, dass viele «bibeltreue Rechtgläubige» genau zu wissen meinen, was in der Bibel zur Lösung aktueller Herausforderungen steht. Viele argumentieren mit einer fragwürdigen, selektiven «Belegstellentheologie», die ihr geistliches Empfinden und Gefühl ebenso bestätigt wie ihr subjektives Interesse und ihre fromme Überzeugung. Die biblische Gesamtgeschichte wird in handliche Einzelteile zerlegt, von denen man sich nimmt, was gerade passt. Da werden Verheissungen und Zusagen auf die Schweiz übertragen, die vom Kontext her nur dem Volk Israel damals galten bzw. gelten.

So wird die Bibel in mundgerechte Häppchen und ideologische Versatzstücke fragmentiert und «Lieblingsthemen» stimmungsvoll propagiert.

Diese selektive Art von Bibellektüre ist dem nicht neu, der die Entwicklung der Hermeneutik, also die Auslegungsgeschichte der Bibel kennt. Das erkenntnisleitende Interesse ist jeweils so stark, dass viele, ja sehr viele Aussagen im Alten und Neuen Testament systematisch ausgeblendet werden. Gerade deshalb wächst momentan die Sorge, ob nicht gerade dieses aus biblischer Engführung resultierende rechtslastige Denken und Handeln das Potential hat, wieder einmal Christen ideologisch zu verführen. Wer die jüngere deutsche Geschichte kennt, bekommt Angst vor einer fatalen Wiederholung. In Europa – angeheizt vom Negativ-Vorbild Donald Trump – zeichnet sich für die nächsten Jahre ein transnationaler Rechtspopulismus ab.

Es zeigt sich dabei ein Paradox: Während z. B. der Soziologe Hartmut Rosa gemeinsam mit dem linken Politiker Gregor Gysi überzeugt sind1 , dass nur Religion die Demokratie noch retten könne – «Ich glaube zwar nicht an den da oben, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft», so Gysi –, gibt es seit Corona inzwischen zu viele Christen, die sich gegen die augenblickliche demokratisch begründete Rechtsstaatlichkeit wenden. Das darf doch nicht sein!

Wer die Bibel gründlich, systematisch und kontextual studiert, wird zu einem kritisch differenzierenden, kreativen und weitherzigen Denken im Horizont des Reiches Gottes angeleitet! Gottes Wort und Gottes Geist überwinden die bequeme Leichtgläubigkeit, die jedem frommen Wanderprediger in die Arme fällt!

Konsequenter Schutz der Meinungsfreiheit

Lange Zeit schien die Schweiz politisch immer rechter zu agieren. Doch mittlerweile haben Länder wie Ungarn, Frankreich, Deutschland und Polen sowie besonders die USA uns rechts überholt.
Die populistischen Paukenschläge sind in unserem Land hingegen etwas leiser geworden. Dank einer Kultur der Bescheidenheit, der Dialoge und Kompromisse wirkt unsere Konsensdemokratie noch als Populismus-Schutz. Das Schweizer System lässt schillernde Autokraten oder einzelne politische Führerfiguren, die ganze Massen in ihren Bann ziehen können, nicht zu. Wenn sich der Chefredaktor der Weltwoche mit Autokraten und Nationalisten Europas von Georgien bis nach Grossbritannien vernetzt, bleibt das vorderhand politisch noch bedeutungslos, könnte aber längerfristig stimulierend wirken.
Denn die Schweiz hütet die Meinungsfreiheit konsequent. Deshalb können sich einzelne Personen rechtspopulistisch oft sogar grenzwertig äussern und agieren. Innerparteilich kann es dann durchaus Kritik geben, aber deren Mandate stehen nicht zur Debatte.

Erst wenn rechtspopulistische Parteien im Parlament die Mehrheit hätten, würde es problematisch. Wo der rechtsnationale Populismus zur politischen Macht avanciert, schliesst er Andersdenkende und Minderheiten systematisch aus und greift Institutionen wie Medien oder Gerichte an. Im Moment (August 2025) geschieht das in den USA in einem beispiellosen Tempo, das an Nazideutschland 1933/34 erinnert.

Von Ungarn, der Slowakei und Serbien ist die Schweiz noch weit entfernt. Allerdings verwirrt es, wenn rechtskonservative Parteien anderer Länder wie die deutsche AfD vom «Vorbild Schweiz» schwärmen und «volksnah» politisieren wollen. Sie sind von der Volkssouveränität in einer «direkten Demokratie» deshalb so fasziniert, weil sich damit ein starkes populistischen Mobilisierungspotenzial aktivieren liesse. Tatsächlich sind viele hierzulande stolz auf die Volkssouveränität. Allein sie würde Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz schützen und verteidigen. Und wer den politischen Monopolanspruch erhebt, das alles zu garantieren, provoziert und polarisiert regelmässig. Aber daran haben wir uns irgendwie schon gewöhnt, weil sich die politischen Kräfte noch die Waage halten.


1. Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion. Kösel 2023

Die Fortsetzung des Themas folgt in einem weiteren Artikel.

Foto von engin akyurt auf Unsplash

Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Seit der Einführung von ChatGPT im November 2022 hat die generative künstliche Intelligenz einen rasanten Aufschwung erlebt. Diese technologische Revolution lässt niemanden unberührt, nicht einmal christliche Gemeinschaften, die nach und nach das Potenzial und die Gefahren dieser neuen Werkzeuge entdecken.

Der Global Missional AI Summit1 hat es sich sogar zur Aufgabe gemacht, zu zeigen, wie Künstliche Intelligenz (KI) für spirituelles Wachstum und die Übersetzung der Bibel genutzt werden kann. Angesichts dieses Wandels stellt sich eine grundlegende Frage: Wie sollen wir mit dieser Technologie umgehen, die unser Verhältnis zu Wissen, Wahrheit und menschlichen Beziehungen grundlegend verändert?

Grundlegende Ambivalenz

Im Gegensatz zu binären Ansätzen, die Technologie je nach ihrer Verwendung als grundsätzlich gut oder schlecht darstellen, ist die Realität komplexer. KI ist grundsätzlich ambivalent: Sie hat gleichzeitig und untrennbar voneinander positive und negative Auswirkungen. Diese Ambivalenz zwingt uns, uns den vielfältigen Herausforderungen dieser Innovation und ihren Risiken zu stellen, die die Fundamente unserer Menschlichkeit und unserer Gesellschaft in Frage stellen.

Die generative KI stellt in erster Linie unser Verhältnis zur Wahrheit in Frage. ChatGPT ist trotz seiner aussergewöhnlichen Leistungsfähigkeit ein probabilistisches System, das einen Teil der Informationen mit beunruhigender Sicherheit falsch wiedergibt. Dass diese Quellen für zuverlässig gehalten werden können, stellt unsere kollektive Fähigkeit in Frage, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, was in einer Zeit, in der Desinformation weit verbreitet ist, besonders besorgniserregend ist.

Technologische Versprechen – menschliche Herausforderungen

KI kann uns zwar von bestimmten repetitiven Aufgaben befreien, benötigt aber gleichzeitig eine Armee von „Klickarbeiterinnen und -arbeitern”, um Inhalte zu überprüfen und zu filtern. Diese versteckte Wirtschaft offenbart die Widersprüche eines Systems, das vorgibt, die Menschen von der Arbeit zu befreien, gleichzeitig aber neue Formen der Ausbeutung schafft. Hinter der scheinbaren Entmaterialisierung der KI verbirgt sich eine beachtliche physische Realität. Der CO2-Fußabdruck von ChatGPT und anderen generativen KI-Systemen ist gigantisch und wächst exponentiell.

Die geopolitische Herausforderung ist nicht weniger besorgniserregend: KI kristallisiert die Machtverhältnisse vor allem zwischen Amerikanern und Chinesen heraus. Diese Konzentration der technologischen Macht in wenigen Händen wirft wichtige demokratische Fragen auf.

Eine weitere Herausforderung: Wie kann man kritisches Denken und die Fähigkeit zum Nachdenken förden, wenn KI gerade unsere Fähigkeit zum kritischen Denken beeinträchtigt? Diese Frage wird umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass junge Menschen, die an Bildschirme und ständige Reize gewöhnt sind, nach und nach ihre Konzentrationsfähigkeit und ihre Fähigkeit zum vertieften Lesen von Texten verlieren. Der sofortige Zugriff auf die Zusammenfassung eines beliebigen Artikels erspart uns sogar die Notwendigkeit zu lernen. Wie die Forscherin Maryanne Wolf2 betont, bedeutet Lesen Verstehen, es ist eine kognitive und emotionale Erfahrung, die uns innerlich verändert und Empathie fördert. Der Verlust dieser Fähigkeit trägt zur zunehmenden Polarisierung unserer Gesellschaften bei und schwächt die Grundlagen des kritischen und komplexen Denkens.

Den christlichen Glauben in Zeiten der Algorithmen vermitteln

Für Christen stellt die KI besondere Herausforderungen dar und wirft eine grundlegende theologische Frage hinsichtlich der Vermittlung des Wortes auf. Eine KI, die mit allen „vertrauenswürdigen” christlichen Texten gefüttert wird, würde zweifellos fundiertere Antworten liefern als jede Pfarrerin bzw. jeder Pfarrer. Aber wäre das dann noch ein authentischer Dienst am Wort? Der christliche Glaube basiert auf einem Wort, das nicht nur eine einfache Information ist, sondern ein Ereignis, eine Begegnung, eine Inkarnation. Dieses göttliche Wort ist in Jesus Fleisch geworden und kann nur von Mensch zu Mensch in einer lebendigen Beziehung weitergegeben werden. Die Verkündigung des Evangeliums auf eine Wahrscheinlichkeitsberechnung zu reduzieren, wäre eine reine Farce.

Der Weg der Machtlosigkeit

Angesichts des Dilemmas zwischen Akzeptanz und Ablehnung der KI schlägt der Theologe Jacques Ellul3 einen dritten Weg vor, der vom Beispiel Christi inspiriert ist: die Machtlosigkeit. Der Ellul-Spezialist Frédéric Rognon definiert diesen Ansatz als „die Fähigkeit, etwas zu tun, und die Entscheidung, es nicht zu tun”. „Als Jünger von Christus sind Christen aufgefordert, ihm auf einem Weg der Ohnmacht zu folgen: nicht alles zu tun, was in ihrer Macht steht, sondern unter allen Möglichkeiten das zu erkennen, was mit dem Leben und der Liebe verbunden ist.”4
Dieser Ansatz bedeutet nicht eine systematische Ablehnung der Technologie, sondern lädt dazu ein, eine klare Prioritätenhierarchie aufzustellen, statt immer nur auf technologische Effizienz zu setzen. Im Mittelpunkt steht die Qualität der Beziehung, die Wahrhaftigkeit des Dialogs, die Tiefe der Begegnung – Dimensionen, die sich keiner algorithmischen Optimierung unterwerfen lassen. Es geht darum, einen kritischen Blick zu entwickeln, ohne in Technophobie zu verfallen, diese Werkzeuge zu nutzen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Ein solcher Ansatz erfordert Bildung, die Schulung des kritischen Denkens und vor allem die Bewahrung dessen, was das Wesen unserer Menschlichkeit ausmacht: die Fähigkeit zu authentischen Beziehungen, zu echter Kreativität, zu verkörpertem Wort. In einer Welt, in der Maschinen sich darin auszeichnen, das „bereits Gesagte” zu reproduzieren, liegt unsere einzigartige Stärke in unserer Fähigkeit, Neues, noch nie Gesagtes, wirklich Unabhängiges zu produzieren.


1. https://missional.ai/
2. Weitere Informationen darüber in zwei Artikeln über Maryanne Wolf: https://www.philomag.com/articles/maryanne-wolf-il-est-possible-que-lexperience-de-lecture-profonde-satrophie-ou-se-perde und https://www.letemps.ch/culture/livres/maryanne-wolf-le-numerique-a-deja-change-notre-facon-de-lire?
3. Jacques Ellul, über den im November 2024 mit Unterstützung von ChristNet eine Tagung in St. Légier VD (Link: «Ohne Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung» – ChristNet) stattfand, befasste sich vor mehr als 30 Jahren mit den Frühformen der künstlichen Intelligenz.
4. www.eks-eers.ch/fr/blogpost/jacques-ellul-et-lintelligence-artificielle/

Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch in Christ Seul veröffentlicht.

Das Titelbild stammt vom AI-Bilderdienst Lummi.

Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Zum Titelbild: Genossenschaft Dreieck in Zürich-Wiedikon1 : Die ziemlich baufälligen Häuser hätten in den 90ern abgerissen werden sollen, die Bewohnenden haben sich erfolgreich dagegen gewehrt und die Häuser und Freiräume in Eigenregie umgestaltet und modernisiert.

Städte haben heute ein schlechtes Image. Sie werden als zu gross, zu dicht bevölkert, zu teuer und zu lärmig empfunden. Heutige Stadtplaner wissen das. Und stellen sich den Herausforderungen mit kreativen Ansätzen. Wie Samuel Leder. Er hat ein Anliegen: Platz für gute Prozesse schaffen, insbesondere auch in den Agglomerationen.

Joëlle Zimmerli2 : Herr Leder, wer sind Sie? Und was ist «Placemaking»?

Mein Name ist Samuel Leder, und ich leite an der Universität Zürich verschiedene Weiterbildungskurse, darunter das «CAS Urban Management» und den Kompaktkurs zu «Placemaking». Beim Urban Management geht es darum, in partnerschaftlichen Prozessen gemeinsam gute Siedlungsräume und mehr Wohnraum zu schaffen. In vielen Fällen liegt der Fokus dabei auf den Akteuren der öffentlichen Hand, der Immobilienwirtschaft und den planenden Disziplinen wie Architektur und Verkehrsplanung.

Das «Placemaking» bringt ergänzend dazu einen neuen, frischen Ansatz, welcher für die Entstehung lebendiger und identitätsstarker Orte von grosser Bedeutung sein kann – nämlich den Einbezug von lokal engagierten «Laien». Mein erster Kontakt mit diesem Konzept war in den Niederlanden, wo solche Konzepte bereits seit einiger Zeit etabliert sind.

In der Fachwelt ist das «Placemaking» im Moment in aller Munde, und man verspricht sich viel davon. Können Sie uns das Konzept etwas näherbringen?

Kurz gesagt geht es um «Community-basierte Nachbarschaftsentwicklung». Das heisst, dass physische Räume und soziale Gemeinschaften in einem möglichst ergebnisoffenen, iterativen3 Prozess gemeinsam weiterentwickelt werden und dadurch Orte entstehen, die langfristig attraktiv, integrativ und lebenswert sind. Das erachte ich auch als eines der zentralen Elemente der sozialen Nachhaltigkeit.

Der Begriff «Placemaking» versammelt im Grunde verschiedene Methoden, mit denen lokale Akteure auf eine zielführende Art und Weise in die Nachbarschaftsentwicklung eingebunden werden können. Das ist etwas, das man schon lange als wichtig empfunden hat, aber oft fehlt dafür die passende Sprache und die systematischen Ansätze für die Umsetzung. Das Vokabular und die Erfahrungen aus der Placemaking-Bewegung, welche in den 90er-Jahren in den USA unter diesem Begriff entstanden ist, können hier sehr hilfreich sein.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein typischer Fall sind Anwohnende, die sich stärker in ihrer eigenen Nachbarschaft engagieren möchten; oder zum Beispiel Kirchgemeinden oder ähnliche Organisationen, welche über ihre eigenen Mitglieder hinaus in einem Quartier wirken möchten. Sie möchten zum Beispiel soziale Treffpunkte aufbauen, brachliegende Freiflächen bepflanzen oder generationenübergreifende Kontakte stärken. Ihre Spielräume sind aber oft limitiert aufgrund von rechtlichen, räumlichen, finanziellen oder anderen Rahmenbedingungen. Umgekehrt sieht man gerade bei Neubauprojekten oft eine gewisse Ratlosigkeit der Immobilien-Eigentümerschaft, wie sich Erdgeschosse oder Aussenräume aktivieren und im Sinne einer lebendigen Nachbarschaft optimal nutzen lassen. Placemaking-Methoden können helfen, diese Lücke zu schliessen.

Somit bedeutet Placemaking schlicht mehr Partizipation?

Unter «Partizipation» wird heute oft etwas anderes verstanden, nämlich, dass Laien an einem Prozess partizipieren dürfen, der aber primär von Experten gesteuert wird. Es gibt also eine klare Hierarchie. In der Regel ist es dann so, dass die öffentliche Hand oder ein Immobilienentwicklungsunternehmen ein konkretes Projekt plant und lokale Betroffene an einem bestimmten Punkt im Prozess einlädt, dazu Stellung zu nehmen oder eigene Wünsche zu äussern.

Placemaking dagegen beschreibt einen ergebnisoffenen Prozess, wonach sowohl Eigentümerschaft, Planende wie auch zivilgesellschaftliche Akteure jeweils etwas beitragen, was die anderen Parteien nicht beitragen können. Es ist also nicht ein «Partizipieren», sondern ein «Co-Kreieren» der lokal Betroffenen. Langfristig lebendige Orte brauchen ja kontinuierliche Pflege und Weiterentwicklung durch Leute, die täglich vor Ort sind und sich mit ihrem Umfeld identifizieren.

SSREI misst die Nachhaltigkeit von Immobilienportfolios, dazu zählen auch gesellschaftliche Kriterien. Können Sie uns erklären, wie sich dieses Konzept in nachhaltige Immobilien, Areale oder Quartiere einordnet?

Placemaking fördert die soziale Interaktion im Alltagsumfeld und ermächtigt Leute dazu, ihr eigenes Umfeld mitzugestalten und sich zu engagieren. Dadurch entstehen soziale Netze und integrative Strukturen, welche besonders für Leute wertvoll sein können, die sonst sozial isoliert sind, etwa ältere Personen oder Leute, die finanziell einen beschränkten Spielraum haben. Manche gewachsenen Nachbarschaften sind bereits «Places» in diesem Sinne und weisen ein starkes soziales Netz auf. In anderen Fällen fehlt dieses Netz komplett. Für Immobilieneigentümer gilt: Ein Gemeinschaftsraum allein schafft noch keine Interaktion – dazu braucht es eben die entsprechenden gemeinschaftsbildenden Prozesse.

Können Sie uns erklären, wie diese Prozesse ablaufen und wer für das Placemaking verantwortlich ist?

Ein Schlüsselfaktor im Placemaking-Prozess sind die sogenannten «Local Heroes», d.h. Personen, die sich innerlich motiviert im Quartier engagieren wollen. Das können Anwohnerinnen und Anwohner sein, Hauseigentümerinnen und -eigentümer mit einem starken Anliegen für das Quartier, Social Entrepreneurs oder auch Vertreterinnen und Vertreter von lokalen Stiftungen, Vereinen, Schulen oder Kirchgemeinden, welche sich für nachbarschaftliche Belange einsetzen. Local Heroes sind Idealisten, die sich für den Ort interessieren, Potenziale sehen und sich dafür engagieren, dass diese realisiert werden.

Damit dieses Engagement aber auch effektiv und langfristig wirkungsvoll sein kann, braucht es zugleich die bereitwillige Unterstützung der «Top-Down-Akteure» – je nach Situation also von Immobilien-Eigentümern, der öffentlichen Hand oder weiteren wichtigen Institutionen vor Ort.

Wie unterscheidet sich der Placemaking-Prozess vom klassischen Planungsprozess?

Der klassische Planungsprozess verläuft linear und versucht, Schnittstellen zu minimieren. Die community-basierte Nachbarschaftsentwicklung ist im Gegensatz dazu viel eher ein Hochschaukeln. Das bedeutet, dass man eine Vision entwickelt, Allianzen bildet, bauliche Prototypen erstellt, Nutzungsprototypen entwickelt und Events umsetzt. Funktioniert ein Ansatz, wird er ausgebaut und weiterentwickelt. Dadurch entsteht ein Momentum und gegenseitiges Vertrauen unter allen Beteiligten, was grösseren Handlungsspielraum für die nächsten Schritte schafft.

In diesem Sinne ist der co-kreative Prozess der Logik einer «agilen Startup-Entwicklung» näher als dem klassischen Immobilien-Investment. Wer Placemaking macht, geht ein Risiko ein, denn das Endresultat ist nicht von vornherein bekannt.

Im Gegenzug ist das potenzielle Resultat aber sehr viel besser als der anfängliche Spielraum erlaubt hätte. Gerade in der Innenentwicklung im bestehenden Siedlungsraum ist ein solch ergebnisoffener Prozess oft die einzige Alternative zum Totalstillstand oder zu isolierten Einzelprojekten, welche lediglich dem «kleinsten gemeinsamen Nenner» entsprechen und dadurch keinen Mehrwert für das Umfeld und die Gemeinschaft bieten.

Welchen Anreiz haben Eigentümerinnen und Entwickler, einen solchen Ansatz zu verfolgen?

Es geht darum, Netzwerke zu bilden, Akzeptanz zu schaffen und damit auch politische Risiken zu reduzieren. Placemaking schafft attraktive Orte und trägt zur langfristigen Wertstabilität bei, es erleichtert die Positionierung und kann natürlich auch für die Kommunikation und Vermarktung genutzt werden. Und: Wer einen guten «Place», eine gute Adresse schafft, kann auch etwas stolz auf sich sein.

Was ist der Unterschied von Placemaking zur klassischen Quartiersarbeit, also dem, was die öffentliche Hand, Quartiervereine oder soziale Institutionen schon seit langem in Quartieren machen?

Das Placemaking bezieht Akteursgruppen mit ein, die sich sonst in der Regel nicht persönlich begegnen – Immobilien-Eigentümerinnen, die öffentliche Hand, «Local Heroes» verschiedenster Art – und begrenzt sich nicht auf die soziale Vernetzung, sondern entwickelt den Ort räumlich und baulich weiter. Was durch einen solchen Prozess entstehen kann, geht in vielen Fällen weit über das hinaus, was man mit reiner Quartierarbeit anstossen kann – auch im Hinblick auf die Attraktivität eines Standorts, und damit logischerweise auch auf die Immobilienwerte. Dieser Aspekt ist natürlich jeweils auch frühzeitig mitzudenken, um unerwünschte Verdrängungseffekte zu vermeiden.

Und wo gibt es aus Ihrer Sicht den grössten Handlungsbedarf?

Die Prinzipien sind grundsätzlich überall anwendbar. Allerdings sehe ich das grösste Potenzial heute im suburbanen Raum: Die Agglomeration ist häufig austauschbar und anonym, und es fehlen belebte Räume, an denen man sich gerne trifft und aufhält. Dabei gäbe es auch an vermeintlich anonymen, suburbanen Orten potenziell identitätsstiftende Gebäude, Geschichten und ungestillte Bedürfnisse, die als Ausgangspunkt für die Entstehung eines guten «Place» dienen können.

Wie lange dauert ein solcher Prozess?

Das ist von Situation zu Situation unterschiedlich. Am besten beginnt man schon im Rahmen einer Ideen- und Visionsbildung damit, Kontakte unter konstruktiv engagierten «Local Heroes» aufzubauen. Man kann aber auch noch im Verlauf eines konkreten Planungs- und Bauprozesses gewisse Elemente des Placemaking integrieren und selbstverständlich auch jederzeit bei bestehenden Gebäuden. Zum Beispiel durch das aktive Kuratieren von Aussenräumen, oder indem man günstige Voraussetzungen für niederschwelliges Engagement bietet.

Wenn sich eine Eigentümerin oder ein Entwickler für das Thema interessiert: Wie geht man am besten vor?

Zuerst braucht es ein Umdenken, was die eigene Rolle angeht. Und dann gibt es drei parallele Entwicklungsdimensionen: Erstens das gemeinsame Entwickeln einer Vision zusammen mit lokalen Akteuren, zweitens das konstante Testen und Weiterentwickeln von baulichen und räumlichen Prototypen und drittens das Aufbauen und Stärken der lokalen Community. Diese Dimensionen kommen nicht nacheinander, sondern laufen parallel und iterativ.

Der SSREI berücksichtigt neben ökologischen und ökonomischen Faktoren auch diverse gesellschaftlich-soziale Aspekte. Findet dieses Thema Ihres Erachtens ausreichend Berücksichtigung?

Im SSREI erhält man Punkte, wenn bei einer Arealüberbauung ein Gemeinschaftsraum und bei einem normalen Mehrfamilienhaus vergleichbare Gemeinschaftsstrukturen im Quartier vorhanden sind. Sofern diese Strukturen an den realen Bedürfnissen ausgerichtet sind und auch entsprechend gut bewirtschaftet werden, schaffen sie gute Voraussetzungen für eine lebendige und integrative Nachbarschaft. Ohne ein zusätzliches Engagement lokaler Akteure sind aber solche baulichen Strukturen noch nicht ausreichend. Es bleibt abzuwarten, ob der Placemaking-Ansatz hier einen Beitrag leisten kann, die Bewertungsmöglichkeiten im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit noch aussagekräftiger zu machen.


1. Mehr dazu hier: https://genossenschaftdreieck.ch/genossenschaft/geschichte/

2. Das von Joëlle Zimmerli geführte Interview wurde im SSREI-Newsletter vom Juni 2023 veröffentlicht und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. SSREI ist ein Standard für nachhaltige Immobilienbestandsbewertung.

3. Laut Definition ist der iterative Prozess ein Ansatz, bei dem ein Projekt, Produkt oder Vorhaben erstellt, weiterentwickelt und verbessert wird. Teams, bei denen ein iterativer Prozess zum Einsatz kommt, erstellen, testen und überarbeiten einen Ablauf so lange, bis sie mit dem Endergebnis zufrieden sind. (Quelle: Internet)


Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

Samuel Leder (MSc. Architektur ETH) ist Programmleiter Urban Management und Initiator des Placemaking-Kompaktkurses am Center for Urban and Real Estate Management (CUREM) der Universität Zürich. Ausserdem engagiert er sich als Co-Präsident im 2023 gegründeten Verein «Placemaking Switzerland», einer Art Branchenverband und Netzwerkplattform für Placemaking in der Schweiz.

Kommende Placemaking-Kurse