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In der Schweiz sprechen wir von einer Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Neutralität des Staates ermöglichen soll. Kommt es aber zu einer Vermischung der jeweiligen Aufträge, kann dies schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen.

Wer die heutige Beziehung zwischen Kirche und Staat in der westlichen Welt verstehen möchte, muss tief in die Kirchengeschichte eintauchen. Denn mit der Papstrevolution im späten 11. Jahrhundert begann ein nicht enden wollender Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, der laut Klaus Roth die Entstehung des europäischen Staatssystems beschleunigte (2006: 79). Somit ist die Idee des Staates ein Resultat unerfüllter Erwartungen, dass durch ein harmonisches Mit- und Gegeneinander von Kaiser und Papst die gesamte Menschheit zum christlichen Glauben bekehrt und eine gottgefällige Ordnung errichtet werden könne (vgl. Schmitt 1950, 30, 96f.). Obwohl der christliche Glaube während der Reformation und Gegenreformation nochmals eine zentrale Bedeutung für die Staatenbildung erlangte (Roth 2006: 89f.), emanzipierte sich der Staat im Zuge der Französischen Revolution aus der religiösen Bevormundung des Christentums und wurde souverän. Die Trennung von Kirche und Staat war gemäss Ernst-Wolfgang Böckenförde (1982: 64) keine radikale, sondern eine balancierte. So vermochten beide ihren Auftrag unabhängig voneinander zu gestalten und aufeinander einzuwirken: Der Staat ist Vertreter von Recht und Ordnung und die Kirche Verkündigerin des Evangeliums.

Einfluss der Kirche auf den Staat

Die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gilt zwar generell als unpolitisch (Böckenförde 1982: 82). Aber sie kann durch die Wirkung des Evangeliums auf die Gesellschaft unbeabsichtigt politisch Einfluss nehmen. Dies trifft zum Beispiel dann ein, wenn es in Abstimmungen um Fragen der Moral und Sittlichkeit geht und Christen als Staatsbürger ihre Stimme gezielt zu diesen Themen einsetzen (1982: 83). Auch dank der Neutralität des Staates und der Religionsfreiheit kann sich das Christentum nach wie vor in das gesellschaftliche Leben einbringen und gelegentlich eine Rechtsordnung prägen (1982: 66). Denn die Werte des Christentums bilden in vielen westlichen Staaten immer noch das Fundament für die politische Ordnung (1982: 67f.). Die Kirche übermittelt die Werte, da der Staat dies nicht tun kann, ohne seine religiöse Neutralität aufzugeben. Eine pluralistische Gesellschaft hat aber den Anspruch an die Kirche, dass sie ihre Werte so übersetzt, dass auch Leute ohne Bezug zum Christentum diese übernehmen und in ihr eigenes Weltbild integrieren können. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern die Kirche die Funktion als Übermittlerin der Werte wahrnehmen soll. Ist es ihr möglich, dadurch ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen oder verfälscht sie diesen durch die Säkularisierung ihrer Werte? Für Böckenförde steht fest: „Es gehört nicht zur geistlichen Sendung der Kirche, zur Integration der pluralistischen Gesellschaft durch entsprechende Konsensbildung beizutragen. {…} Die Treue zu ihrem Auftrag kann sie zu desintegrierendem Sprechen und Handeln zwingen“ (1982: 71). Die Kirche darf ihm zufolge nicht für die Integration einer freiheitlichen und demokratischen Grundlage eintreten, die den christlichen Grundlagen widerspricht.

Aus der Geschichte lernen

In jüngster Zeit geriet die Demokratie als Regierungsform auch deshalb in die Kritik, weil säkulare Werte zunehmend Einfluss in der Gesellschaft gewonnen haben und damit öfter in Gesetzen verankert wurden (z.B. Ehe für alle). Dies führte bei vielen Christinnen und Christen zu Unmut und einer Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden. So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich einer politischen Führungsperson anschliessen, die sich für ihre Anliegen einsetzt oder zumindest so tut. Dies trifft zurzeit unter anderem auf die USA und El Salvador zu. Dort lässt sich die Vermischung der Aufträge von Kirche und Staat, die eine Abkehr von demokratischen Ordnungen hin zu totalitären Systemen zur Folge hat, sehr eindrücklich beobachten.

Eric Voegelin und Raymond Aron bezeichneten solche Gewaltregime als „politische Religionen“ (Maier 2006: 18). Sie erkennen ein Bemühen um eine quasi-religiöse Dimension politischer Ordnung und Parallelen zu den Modellen der antiken politisch-religiösen Einheitskultur. „Die modernen totalitären Regime sind aber zugleich auch die Fratze eines pervertierten Christentums, von dem nur äussere Ordnungen, Zwang und Disziplin übriggeblieben sind (2006: 18f.) Mit ihren sogenannten „reinen Lehren“ hätten sie problematische Entwicklungen in der Geschichte des Christentums nachgeahmt.

Es scheint folglich kein Zufall zu sein, dass die Auftritte moderner Gewaltregime Hand in Hand mit einem überdimensionalen Wiederaufleben von Personenkult, Vergöttlichung der Herrscher sowie von Märtyrern im Umkreis totalitärer Politik einhergehen (Maier 2006: 19). Aktuelle Geschehnisse in den USA illustrieren dies sehr deutlich. Was lediglich ein grosser Gedenkgottesdienst für den ermordeten Aktivisten und Evangelisten Charlie Kirk sein sollte, erlangte durch die Ansprache von Donald Trump, in der er auf Vergeltung gegen „die radikale Linke“ pochte, eine beunruhigende, politische Dimension. Seine Aussagen widersprachen zudem Erika Kirk, die dem Mörder ihres Ehemannes Vergebung zusprach (FOX 9 Minneapolis- St.Paul, 2025).

Im Angesicht dieser Ereignisse ist es umso wichtiger, sich daran zu erinnern, weshalb sich der Staat über die Jahrhunderte von der Kirche abgenabelt hat. Die Trennung der beiden Institutionen ist nach wie vor zwingend nötig: Erstens, für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, zweitens für eine Religionsfreiheit, die es uns Christen erlaubt, unseren Glauben öffentlich und privat ohne Verfolgung auszuleben, und drittens, damit Staat und Kirche je ihre Aufträge wahrnehmen können. Die Erfüllung ihrer Aufträge ist für Staat und Kirche in einer Demokratie möglich, doch in einem totalitären Herrschaftssystem lösen sie sich auf. Wie uns die Geschichte lehrt, sind totalitäre Regime oftmals pseudo-christlich und durchdrungen von Irrlehren zu Gunsten des jeweiligen Herrschers. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir die Warnung von Hermann Heller ernst: „Der Staat kann nur totalitär werden, wenn er wieder Staat und Kirche in einem wird, welche Rückkehr zur Antike aber nur möglich ist durch die radikale Absage an das Christentum“ (1929: 56).

Setzen wir uns also für eine gesunde, von christlichen Werten geprägte Demokratie in der Schweiz ein, um unserem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums weiter nachgehen zu dürfen!


Quellen

Böckenförde, E-W. (1982): Staat-Gesellschaft-Kirche. In: Böckle, F., Kaufmann, F-X., Rahner, K. und Welte, B. (Hrsg.) (1982): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 15. Herder Freiburg. Freiburg im Breisgau. pp. 64-83.

FOX 9 Minneapolis- St.Paul (2025): Charlie Kirk’s full memorial service. Youtube (Stand: 22.09.2025)

Heller, H. (1929): Europa und der Faschismus. de Gruyter. Berlin. pp. 56.

Maier, H (2006): Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders? In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.18 – 19.

Roth. K. (2006): Ordnungskrise von Kirche und Reich und die Genese des modernen Staates. In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.79-92.

Schmitt, C. (1950): Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publikum Europacup. Dunker & Humblot. Berlin. pp. 30, 96f.

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Die Initiative „Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert“ (Initiative für eine Zukunft), über die am 30. November 2025 abgestimmt wird, fordert die Einführung einer Erbschafts- und Schenkungssteuer auf Bundesebene. Wer mehr als 50 Millionen Franken erbt oder verschenkt, müsste auf den Betrag darüber 50 Prozent Steuern zahlen. Personen mit grossem Vermögen sollen so mehr zur Finanzierung des Klimaschutzes und zu einem sozial gerechten Umbau der Wirtschaft beitragen.

Seit der Annahme des Klimaschutzgesetzes im Juni 2023 stehen dem Bund jedes Jahr 2 Milliarden Franken für Massnahmen zum Klimaschutz zur Verfügung. Zu diesen Massnahmen zählen zum Beispiel der Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energiequellen. Das Initiativ-Komitee ist überzeugt, dass mit Geld aus einer Erbschafts- und Schenkungssteuer auf Bundesebene noch mehr finanzielle Mittel für den Klimaschutz zur Verfügung stehen könnten. Die Verfassungsänderung soll auch dabei helfen, die Gesamtwirtschaft sozial gerecht und ökologisch umzubauen, vor allem in den Bereichen Arbeit, Wohnen und öffentlichen Dienstleistungen. Der Ertrag der neuen Erbschafts- und Schenkungssteuer würde zu zwei Dritteln an den Bund und zu einem Drittel an die Kantone gehen.

Soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Wirtschaft

Für die Befürworter steht die Verknüpfung von Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit im Zentrum der Initiative. Wer sehr viel besitzt, hat die Möglichkeit, viel privat zu reisen, verfügt oftmals über mehrere Wohnsitze und verbraucht mehr Treibhausgase als der Schweizer Durchschnitt. Aus Sicht der Initianten sollten diese Personen deshalb mehr zum Schutz des Klimas beitragen müssen. Mit den zusätzlichen Einnahmen könnten Bund und Kantone mehr Massnahmen gegen die Klimakrise finanzieren, ohne dass Menschen mit geringem Einkommen stärker belastet werden.

Die Gegner der Initiative weisen darauf hin, dass die Steuerpflicht auf hohe Nachlässe und Schenkungen negative Auswirkungen auf die Standortattraktivität der Schweiz und Mindereinnahmen für Bund, Kantone und Gemeinden durch den Wegzug reicher Personen zur Folge haben könnte. Obwohl die Vorlage eine Verhinderung der Steuervermeidung durch Wegzug vorsieht, dauert es gemäss Initiative bis zu drei Jahre nach der Annahme, bis alle Bestimmungen zur Umsetzung in Kraft treten. Die gewünschten Mehreinnahmen dürften damit geringer ausfallen, als vom Initiativ-Komitee erhofft: statt 6 Milliarden lediglich 4.3 Milliarden.

Die Vorlage wirft somit einige Fragen auf: Ist die Erbschafts-und Schenkungssteuer auf Bundesebene wirklich der sozial gerechteste Weg für die Finanzierung des Klimaschutzes? Wie können die Massnahmen so umgesetzt werden, dass die Standortattraktivität der Schweiz bestehen bleibt? Wie lässt sich sicherstellen, dass die Einnahmen tatsächlich zielgenau eingesetzt werden, wenn schliesslich das Parlament über den Einsatz der Gelder entscheidet? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Erbschaftssteuer-Initiative 2015.

Erbschaftssteuer-Initiative 2015 als Vorbild

Vor zehn Jahren durfte das Stimmvolk schon einmal über eine Erbschaftssteuer-Initiative abstimmen. ChristNet engagierte sich damals stark für die Annahme der Initiative, da sie dem biblischen Prinzip folgte, Reichtum nicht anzuhäufen, sondern grosszügig an Bedürftige abzugeben (siehe Artikel Pressecommuniqué – Die Erbschaftssteuer: Eine biblische Steuer?). In der Vorlage ging es hauptsächlich um eine Besteuerung von 20 Prozent auf sehr grosse Nachlässe, um der Vergrösserung der Vermögensschere zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken. Damals sollte die Erbschafts- und Schenkungssteuer zu zwei Dritteln dem Ausgleichsfonds der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) zugutekommen und ein Drittel den Kantonen verbleiben. Die Vorlage sah zudem Ermässigungen vor, wenn Unternehmen oder Landwirtschaftsbetriebe zum Nachlass oder zur Schenkung dazugehörten und von den Erben bzw. Erbinnen mindestens zehn Jahre weitergeführt werden. So sollte der Weiterbestand des Betriebs und der Arbeitsplätze nicht gefährdet werden. Familienbetriebe durften mit einem Freibetrag von 50 Millionen rechnen, sodass KMU steuerfrei hätten vererbt werden können.

Die Erbschaftssteuer-Initiative von 2015 war insgesamt eine sehr sorgfältig ausgearbeitet Abstimmungsvorlage, die auf den Umstand hinwies, dass die Erbschaftssteuer als die sozial gerechteste Steuer zu betrachten ist (siehe Artikel Die gerechteste Steuer – Argumente für die Erbschaftssteuerreform). Leider erfuhr sie in der Bevölkerung keine Annahme. Die Abstimmung vom 30. November 2025 bietet also eine gute Gelegenheit, über den Weg zu entscheiden, wie grosse Erbschaften in Zukunft sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig verteilt und eingesetzt werden sollen, respektive dem Ja-Anteil des Abstimmungsresultats möglichst viel Gewicht zu verleihen, damit zu einem späteren Zeitpunkt eine ausgewogenere nationale Erbschaftssteuer doch noch zur Umsetzung kommt.


Quellen

Bundeskanzlei BK. Eidgenössische Volkinitiative ‚Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft). Link (Stand: 18.11.2025)

Der Bundesrat. Das Portal der Schweizer Regierung. Volksabstimmung vom 30. November 2025. Link (Stand: 18.11.2025)

Das Schweizer Parlament. Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft). Link (Stand: 18.11.2025)

Komitee für eine Zukunft. JungsozialistInnen Schweiz. JA zur Initiative für eine Zukunft. Link (Stand: 18.11.1015)

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Am 30. November 2025 stimmt die Schweiz über die Service-Citoyen-Initiative ab. Dabei geht es um eine Ausweitung des Militär- und Zivildienstes auf alle Schweizer Bürgerinnen und Bürger. ChristNet befürwortet diesen allgemeinen Bürgerdienst, weil er die Sicht für das Gemeinwohl stärkt.

Der Service Citoyen sorgt für Diskussionen. Kritiker warnen vor Zwang und Bürokratie, Befürworter sehen darin eine Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch jenseits der politischen Debatte geht es um eine tiefere Frage: Wie kann eine moderne Gesellschaft Verantwortung gerechter verteilen – und was würde das mit uns allen machen?

Ein neues Verständnis von Verantwortung

Die Schweiz lebt vom Engagement ihrer Menschen. Unzählige Aufgaben werden von Freiwilligen, von Angehörigen, von Kirchen, Vereinen und sozialen Organisationen getragen. Doch dieses Engagement ruht auf den Schultern weniger. Viele profitieren von einer Infrastruktur des Miteinanders, ohne selbst daran beteiligt zu sein. Der Service Citoyen würde diese Verantwortung gerechter verteilen und sichtbar machen, dass das Gemeinwohl keine Selbstverständlichkeit ist.

Kritikerinnen und Kritiker befürchten Zwang, Ineffizienz oder den Verlust echter Freiwilligkeit. Diese Bedenken verdienen Gehör. Doch sie greifen zu kurz. Ein gemeinsamer Dienst wäre kein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, sondern ein Bekenntnis zu ihrem Potenzial. Er würde junge Menschen nicht bevormunden, sondern ihnen zutrauen, dass sie Verantwortung übernehmen können. Freiheit wird nicht kleiner, wenn sie Verantwortung einschliesst – sie gewinnt an Tiefe.

Begegnung gegen Polarisierung

Ein solcher Dienst könnte gesellschaftlich heilsam wirken. Die jüngste Polarisierungsstudie von Pro Futuris zeigt, wie stark sich Lebenswelten in der Schweiz auseinanderentwickeln. Menschen begegnen sich seltener ausserhalb ihrer sozialen oder politischen Blase. Der Service Citoyen würde diesen Trend umkehren. Wenn junge Erwachsene aus unterschiedlichen Regionen und Hintergründen gemeinsam arbeiten, entstehen Erfahrungen, die verbinden. Gemeinsames Tun schafft Nähe, wo Distanz gewachsen ist, und Verständnis, wo Vorurteile herrschen. Das ist keine Romantik, sondern Sozialpsychologie: Vertrauen entsteht dort, wo Menschen sich gegenseitig kennenlernen, nicht in Kommentaren und Schlagzeilen.

Verantwortung als gelebter Glaube

Auch aus christlicher Sicht ist der Gedanke vertraut. Der Glaube spricht vom Menschen als Beziehungswesen – geschaffen, um füreinander einzustehen. „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2) beschreibt keine moralische Überforderung, sondern ein realistisches Verständnis von Gemeinschaft. Niemand kann oder soll alles allein tragen. Solidarität ist keine Schwäche, sondern Ausdruck gelebter Nächstenliebe. Der Service Citoyen könnte helfen, diese Haltung wieder stärker in die gesellschaftliche Kultur einzuschreiben.

Jesus hat immer wieder Nähe hergestellt – zu Armen, Ausgestossenen, Fremden. Seine Nächstenliebe war konkret. Sie überwand Grenzen, statt sie zu befestigen. Eine moderne Demokratie kann von dieser Haltung lernen. Wenn junge Menschen in einem gemeinsamen Dienst erfahren, was gegenseitige Hilfe bedeutet, entsteht Vertrauen – und Vertrauen heilt Gräben, die politische Debatten nicht schliessen können.

Erfahrungen, die prägen

Ein Bürgerdienst dieser Art hätte auch eine generationenverbindende Wirkung. Junge Menschen würden mit Älteren zusammenarbeiten, die auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Umgekehrt würden Ältere erleben, dass die nächste Generation bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Diese gegenseitige Erfahrung von Verlässlichkeit kann Gräben zwischen Jung und Alt überbrücken. Sie schafft Respekt in beide Richtungen – eine Haltung, die in der politischen und gesellschaftlichen Debatte zunehmend verloren geht.

Viele junge Menschen suchen heute Sinn, Zugehörigkeit und Orientierung. Ein Dienst an der Gemeinschaft kann solche Erfahrungen ermöglichen. Er konfrontiert mit anderen Lebensrealitäten, mit Grenzen, aber auch mit der Kraft, gemeinsam etwas zu bewegen. Menschen, die erfahren, dass ihr Einsatz zählt, nehmen ihr Land, ihre Mitmenschen und sich selbst anders wahr. Das kann langfristig eine neue Generation von Bürgerinnen und Bürgern prägen, die Gesellschaft als etwas versteht, das man nicht konsumiert, sondern gestaltet.

Realistische Erwartungen, langfristige Wirkung

Natürlich birgt der Service Citoyen Herausforderungen. Die Organisation wäre komplex, die Finanzierung anspruchsvoll. Es braucht faire Bedingungen, sinnvolle Aufgaben und gute Begleitung. Doch wer nur auf die Schwierigkeiten schaut, übersieht den eigentlichen Gewinn. Eine Gesellschaft, in der Menschen einander begegnen, einander dienen und Verantwortung teilen, ist weniger verletzlich. Sie hält Spannungen besser aus, weil sie weiss, was sie zusammenhält.

Im Kern geht es beim Service Citoyen um eine einfache, aber tiefgreifende Erkenntnis: Gemeinschaft entsteht nicht durch Worte, sondern durch Handeln. Christlich verstanden ist das kein politischer Luxus, sondern Ausdruck von Glauben im Alltag. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, dem eigenen Glauben Gestalt zu geben – in Pflegeheimen, auf Baustellen, in Schulen, in Wäldern. Es bedeutet, den Wert des anderen nicht theoretisch zu bejahen, sondern ihn praktisch sichtbar zu machen.

Ein solcher Dienst könnte langfristig auch die demokratische Kultur verändern. Wo Menschen gelernt haben, Verantwortung zu teilen, wächst die Bereitschaft, zuzuhören, zu verhandeln und Kompromisse zu finden. Das schützt vor Zynismus und Resignation – Haltungen, die Demokratien von innen aushöhlen. Wer erlebt, dass die Gesellschaft trägt, verliert das Vertrauen in sie weniger schnell.

Vertrauen als Zukunftswert

Der Service Citoyen wäre damit kein moralisches Projekt, sondern eine konkrete Form gelebter Solidarität. Er würde Menschen zusammenbringen, die sonst kaum miteinander zu tun haben, und ihnen zeigen, dass sie aufeinander angewiesen sind. In einer Zeit, in der Misstrauen wächst und viele sich zurückziehen, könnte genau das den Unterschied machen. Verantwortung zu teilen heisst, Hoffnung zu teilen – und vielleicht beginnt gesellschaftliche Heilung genau dort.