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Hoffnung ja, aber welche?

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Vor einem Jahr entstand das Thema des neuen Fastenbegleiters „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“. Damals war nur in Umrissen erkennbar, dass das Vakuum einer „guten“ Zukunft nach dem Schwinden der Klimabewegung von religiösen Bewegungen gefüllt würde. Dabei wird behauptet, dass die „neue“ Hoffnung unpolitisch daherkomme, jedoch hochpolitisch sei. Ungewollt setzt der neue Fastenbegleiter einen Kontrapunkt – und wird als ökumenisches Projekt selbst zur stillen Antwort auf das vermeintlich Machbare.

Für manche gibt es neue Hoffnungszeichen: So hört man etwa aus Frankreich, dass die Zahl der Erwachsenentaufen in der katholischen Kirche steigt.1 In England ist sogar von einer stillen Erweckung die Rede.2 Das mag durchaus erfreulich sein. Doch Hand aufs Herz: Warum freuen sich die einen über solche Nachrichten – und weshalb beängstigen sie andere, wie z.B. Menschen, die mit dem Glauben wenig anfangen können?

Ich betrachte diese Kunde zwiespältig. Seit einigen Jahren wird der Begriff „Hoffnung“ inflationär gebraucht, etwa als Konferenztitel. In den jüngeren Entwicklungen zeichnen sich grob zwei Stossrichtungen ab: Die pragmatische Seite freut sich, dass sich fast wie von selbst eine „Erweckung“ auszubreiten scheint. Manchmal entsteht der Eindruck, sie löse Probleme, die mit dem Menschsein verbunden sind, wie Armut automatisch. Die intellektuellere Richtung richtet sich gegen Säkularismus und Atheismus, mitunter verbunden mit leiser Genugtuung über das Scheitern des „gottlosen“ Projekts.

Beide Strömungen vereint der Wunsch nach einer guten Zukunft, in der Wohlstand durchaus eine Rolle spielt. Die gute Zukunft würde jene dunklen Zeiten überwinden, in denen wir uns im Moment im Hier und Jetzt befinden.

Mich beängstigt weder die Glaubensferne vieler noch die plötzliche Hinwendung anderer. Sorge macht mir vielmehr, dass diese „neue“ Hoffnung wohl eine Realitätsflucht ist, sich indirekt auf die eigene Stärke konzentriert und am Ende uns nicht trägt. In der Vergangenheit – ob von säkularer oder kirchlicher Seite – wurden angestrebte Ziele oft nicht realisiert, obwohl die Konzepte atemberaubend waren.

Hoffen oder machen?

Diese „neue“ Hoffnung erwartet die Stadt kaum vom Himmel (Offb 21,2), auch wenn Parallelen locken. Die Stadt in der Offenbarung, die vom Himmel kommt, ist ein Bild für Hoffnung. Es ist keine Hoffnung, die gemacht werden kann, sondern eine, die auf uns zukommt. Sie hebt uns nicht in den Himmel, sondern trägt unseren oft mühseligen Alltag. Dagegen wirkt die neue Hoffnung wie ein baldiger Siegeszug. Sie träumt kaum von einem Tierfrieden (Jes 11,6-8), eher von Erneuerung, Fortschritt, Reformation.

Die Frage bleibt: Geht es wirklich um Vertrauen auf Gott – oder darum, selbst das Reich Gottes aufzurichten, um eine gute Zukunft zu erreichen?

Neue Aktivistinnen und Aktivisten

Die neue Hoffnung ist hochpolitisch, auch wenn sie „unpolitisch“ wirkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubte man, die Welt könne friedlich sein, in der genug für alle ist. Die Angst vor Atomkrieg verschwand fast über Nacht. Doch dieser Traum entpuppte sich als trügerisch: Klimakrise, Artensterben und geopolitische Spannungen nahmen zu.

Dynamische Plattformen wie Facebook, die Menschen weltweit vernetzen sollten, haben sich zu einem starren Machtklumpen verwandelt. Gleichzeitig formen ehemalige Geheimdienstler autokratische Staaten und schalten kritische Stimmen aus – während andere Mächte zusehen. Das nährt Angst um die eigene Sicherheit.

Vertreterinnen und Vertreter dieser neuen Hoffnung haben einen Hang zu aktivistischer Ausrichtung.3 Dabei sind ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, etwa die Klimabewegung, nicht mehr en vogue. Das Vakuum der Zukunftshoffnung wird von diesen neuen Aktivistinnen und Aktivisten gefüllt. Die Parallelen sind dabei verblüffend ähnlich: Schon ihre Vorgänger träumten von einer guten Zukunft, in der die Enkelkinder genug vorfinden.

Geht es doch um Politik?

Auf die Bevölkerung gesehen, tangiert diese Hoffnung nur einen kleinen Teil. Viele wollen sich nicht mit geopolitischen Fragen befassen, andere fragen sich, wohin wir steuern. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es auf westlichem Boden, mit Ausnahme der Balkankriege, weitgehend friedlich geblieben. Das Völkerrecht und andere Abkommen schufen Stabilität. Zwar wurden sie oft aufgrund von Eigeninteressen gewieft ausgetrickst, dennoch dienten sie als Leitlinie.

Doch die Ordnung, auf der diese Stabilität beruhte, war von Beginn an ambivalent. Sogenannte Hilfe für andere Staaten diente oft den Interessen des eigenen Staates, etwa um langfristig Märkte zu erschließen. Obwohl schon immer das Gesetz des Starken galt, haben sich Staaten dennoch Regeln gegeben – Regeln, die nun zunehmend unterlaufen werden. Heute sind „Hilfe“ und „nationale Sicherheit“ zu völlig entleerten, beinahe absurden Begriffen geworden – Zynismus kann ein Mittel sein, um mit einer solchen Politik klarzukommen.4 Kein Wunder also, dass manche keine Geduld mehr für politische Prozesse aufbringen und auch nicht länger mühsam gemeinsame Ziele aushandeln wollen. Hoffnung jenseits der Politik ist indirekt aber genauso politisch.

Gemeinsam Ohnmacht aushalten

Eine bessere Option ist für mich aber die Freundschaft: den Anderen auszuhalten, auch bei völlig divergierenden Vorstellungen vom Leben. Was verbindet, ist der gemeinsame Weg, nicht der Sieg oder die Optimierung von Ressourcen. Freundschaft erlaubt es, nicht die Macht, sondern die „Ohnmacht“ zu wählen – z.B. gemeinsam für die Schöpfung einzustehen, auch wenn andere weiterhin von Termin zu Termin fliegen.

Ein Beispiel für ein derartiges Projekt ist der neue Fastenbegleiter Ohnmacht, die Hoffnung entfacht.5 Menschen, die bisher kaum zusammenfanden, haben dieses Projekt gemeinsam gestaltet. So kommen römisch-katholische, reformierte, freikirchliche bis hin zu pfingstlichen Traditionen zusammen und schrieben an diesem Gefühl und vielleicht auch an der faktischen Erfahrung des Nicht-Machbaren. Dieses Erproben dieser gemeinsamen Idee entspricht ganz dem Ansatz von Ivan Illich:6

„Die einzige Möglichkeit liegt jetzt darin, dass wir diese Berufung als die des Freundes begreifen. Auf diese Weise kann sich die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft ausbreiten. Dies kann nicht eigentlich mit Worten geschehen, sondern durch kleine Handlungen närrischer Entsagung.“

Wo lassen sich heute Freunde finden, die vor allem ihre Berufung im Freundsein sehen und sich gemeinsam auf den Weg begeben und ganz im Moment leben, statt sich von der Zukunft treiben lassen?


1. NZZ, Eine Sehnsucht nach Transtendenz und Tradition: Warum immer mehr junge Franzosen in die katholische Kirche eintreten, o.S, online unter: https://www.nzz.ch/international/warum-immer-mehr-junge-franzosen-sich-der-katholischen-kirche-zuwenden-ld.1916592, abgerufen am 21. Januar 2026.

2. Das war die Grundbotschaft von Dan Blythe, Leiter Youth Alpha aus England, im Referat an der Explo 2025.

3. Auf die Spitze getrieben und als kollektive Erinnerung bleibt Charlie Kirk. Zwar ist dieses Extrembeispiel nicht repräsentativ für die beschriebene Atmosphäre dieser „neuen“ Hoffnung, wie sie etwa Dan Blythe in seinem Referat implizierte, doch es verdeutlicht, wie breit und facettenreich diese „neue“ Hoffnung aufgegriffen wird.

4. Das endgültige Fanal der „neuen“ Politik ist die Gefangennahme von Nicolás Maduro. Es steht zu befürchten, dass der Damm des Völkerrechts nun unaufhaltsam Risse bekommt und ins Wanken gerät. Kaum jemand weint Maduro eine Träne nach, der Menschenrechte grob verletzt und viele eingesperrt und gefoltert hat. Aber den USA geht es sicher nicht um das venezolanische Volk, sondern um das Öl. Exemplarisch sind die Äusserungen der USA zu nennen: «Dieses Öl wird zu seinem Marktpreis verkauft, und das Geld wird von mir als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kontrolliert, um sicherzustellen, dass es zum Wohl des venezolanischen Volkes und der Vereinigten Staaten verwendet wird», vgl. SWI, Trump sichert sich Zugriff auf Venezuelas Öl-Milliarden, o.S., online unter: https://www.swissinfo.ch/ger/trump-sichert-sich-zugriff-auf-venezuelas-%C3%96l-milliarden/90734940, abgerufen am 21. Januar 2026.

5. Exemplarisch könnte auch die Explo genannt werden, die ein ganz anderer Kreis von unterschiedlichen Menschen zusammenbringt, die sonst kaum miteinander reden würden.

6. Ivan Illich, In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley. 2006, 196.

Dieser Artikel erschien zuerst auf StopArmut.

Der Fastenbegleiter 2026 von StopArmut „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“ kann entweder digital oder als Heft hier bestellt werden.

31. Januar 2026/0 Kommentare/von Lukas Gerber
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/01/Fastenbegleiter-Blog.png 783 1500 Lukas Gerber https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Lukas Gerber2026-01-31 11:22:282026-01-31 14:00:29Hoffnung ja, aber welche?

Begegnung jenseits der Unterschiede

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Nächstenliebe, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt, wie zahlreiche Bibelstellen belegen. Es ist aber kein Geheimnis, dass Vorurteile, Misstrauen oder Angst diese biblische Tradition torpedieren. Aktuelle Forschungen zeigen jedoch, dass Interkulturelle Kompetenz ein Entwicklungsprozess ist, der durch die Bereitschaft zur Begegnung befördert wird.

Fremdes, vom eigenen Kultur- und Erfahrungskreis Abweichendes, nehmen Menschen seit jeher häufig als Herausforderung oder gar Bedrohung wahr. Solche Reaktionen sind grundsätzlich verständlich, können aber nicht zuletzt Unrecht gegenüber Mitmenschen begünstigen. Wir wissen heute ebenfalls, dass Menschen nicht nur durch die Andersartigkeit fremder Menschen, sondern auch durch eigene Persönlichkeitsanteile, die ihnen an sich fremd erscheinen, herausgefordert werden können. Wir können uns manchmal selbst fremd sein und eigene Wesenszüge, Haltungen oder Handlungen nicht gänzlich verstehen. Schliesslich fällt es manchen Menschen beispielsweise aufgrund ihrer extrovertierten Natur leichter, offen und unvoreingenommen auf Fremde zuzugehen, während andere aufgrund ihrer Persönlichkeit und Prägung generell zurückhaltender in sozialen Interaktionen sind. Kurz: Der Umgang mit den uns fremden Mitmenschen hat viel mit uns selbst zu tun.

Gastfreundschaft und Fürsorge in der christlichen Tradition

Die Forderung, anderen fürsorglich und gastfreundlich zu begegnen, hat insbesondere eine lange jüdisch-christliche Tradition. Schon im Alten Testament wird ein gerechter und freundlicher Umgang mit Menschen aus fremden Kulturen verlangt, zum Beispiel: «Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen» (Exodus 23,9, Einheitsübersetzung, 2017). Die eigene Geschichte von Flucht, Fremdheit und Abhängigkeit soll sensibel machen für die Situation anderer. Damit verbindet sich die Überzeugung, dass jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft eine besondere Würde zukommt.

Ähnliche Forderungen finden sich auch im Neuen Testament. Zum Beispiel werden die christlichen Gemeinden angehalten: «Seid untereinander gastfreundlich, ohne zu murren» (1. Petrusbrief 4,9, Einheitsübersetzung, 2017)! In einem Brief an Christen, die ihrerseits wegen ihrem Glauben stark unter Druck standen, wurde sogar gesagt beziehungsweise in einem Brief geschrieben: «Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt» (Hebräerbrief 13,2, Einheitsübersetzung, 2017)! Hier klingen nicht zuletzt alttestamentliche Geschichten an, die von eigenen Erfahrungen des Fremdseins oder Begegnungen von Menschen mit Engeln respektive Boten von Gott erzählen. Von Abraham wird beispielsweise berichtet, dass er drei solche Boten Gottes als Gäste empfing (Genesis 18). Einer der Boten wird traditionellerweise als Repräsentant von Gott selbst interpretiert. Die Boten versprachen Abraham die Geburt seines Sohnes Isaak. Die Offenheit gegenüber uns bekannten, aber auch unbekannten Menschen wird auf eine quasi übernatürliche, spirituelle Stufe gehoben. Fremde gastfreundlich aufzunehmen, ist nicht nur ethisch gefordert, sondern ermöglicht unter Umständen eine besondere Gotteserfahrung. Das Neue Testament vertieft diesen Zusammenhang und spitzt ihn zu. Ausgangspunkt ist die fürsorgliche Nächstenliebe gegenüber dem Fremden in Not, unabhängig von ethnischen oder religiösen Bindungen. Viele denken zunächst an das Gleichnis des barmherzigen Samariters (Lukasevangelium 10,25–37). Der fremde Andersgläubige hilft selbstlos einem Menschen in aussichtsloser Lage und dient dabei als Kontrast zu religiösen Zeitgenossen, die den Notleidenden im Stich lassen.

Andere erinnern sich vielleicht an den pointierten Text im Matthäusevangelium (25,31–46). Auch hier zieht Jesus die Fürsorge für die in Not Geratenen zum Vergleich heran. Gastfreundschaft und Fürsorge werden zu einer religiösen Verpflichtung, denn im Umgang mit dem Fremden entscheidet sich zugleich die Treue zu Gott. Die Behandlung von Hungrigen, Durstigen und Fremden wird zum Kriterium des Heils. Im Fremden ist Christus selbst gegenwärtig: «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen» (Vers 35). Wer sich seinen Mitmenschen wissentlich oder unwissentlich barmherzig zuwendet, wird in die ewige Gemeinschaft mit Gott eingeladen. Wer Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken gibt, Bedürftige mit Kleidern versieht, Fremde wohlwollend aufnimmt, Kranke und Gefangene besucht, bestätigt seinen aufrichtigen Glauben an Gott.

Gastfreundschaft und Nächstenhilfe gegenüber anderen sind somit als Barmherzigkeit gegenüber Gott selbst zu verstehen (Vers 40). Der barmherzige Umgang mit dem Nächsten gilt schliesslich als Folge der Barmherzigkeit Gottes.

Von Integration zu Inklusion und Teilhabe

Die biblischen Texte stammen aus Kulturen, in denen Gastfreundschaft, menschliche Begegnung und zwischenmenschliche Beziehungen bis heute einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen. Auch in westlichen Gesellschaften gilt der achtsame Umgang mit dem Nächsten und dem Fremden als zentraler Wert – insbesondere die karitative Unterstützung von Menschen in Not. Dass Gastfreundschaft und Nächstenliebe jedoch durch Vorurteile, Misstrauen oder die Angst vor Missbrauch eingeschränkt werden können, ist kein Geheimnis. Dass Kontakte, Begegnungen oder sogar Freundschaften zu Personen aus uns fremden (Sub-)Kulturen vorhandene Vorbehalte und Vorurteile abbauen können, ist aus der aktuellen Forschung ebenfalls bekannt. In der öffentlichen Diskussion wird das Thema Migration traditionell vor allem mit Integration verknüpft. Menschen aus anderen Kulturen sollen die Sprache des Aufnahmelandes lernen und sich umfassend anpassen. Inzwischen ist jedoch weithin anerkannt, dass echte Teilhabe «beide Seiten» erfordert: Auch die Mehrheitsgesellschaft muss sich öffnen, um Minderheiten Raum zu geben. Der Inklusionsbegriff betont diesen wechselseitigen Prozess und verweist im Sinne der Menschenrechte darauf, dass sich auch die Gesellschaft selbst zugänglich und veränderungsbereit zeigen sollte. Eine blosse Optimierung bestehender Angebote reicht dafür nicht aus – gefordert ist ein grundlegender Systemwechsel. Dass solche Veränderungen gesellschaftliche Spannungen nicht automatisch verringern, ist bekannt; ebenso, dass sie langfristig die Chancen für nachhaltige Teilhabe erhöhen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der Inklusionsgedanke zunehmend auch auf Fragen von Asyl und Migration angewendet wird. Diese Perspektive auf Inklusion und Teilhabe macht deutlich, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein durch strukturelle Reformen entsteht, sondern wesentlich von der inneren Haltung der Beteiligten getragen wird. Inklusion beginnt dort, wo Menschen bereit sind, ihre Wahrnehmung des anderen zu hinterfragen und die eigene Position im Gefüge von Nähe und Fremdheit reflektiert zu betrachten. Genau an dieser Schnittstelle setzt die interkulturelle Sensibilität an.

Interkulturelle Sensibilität nutzen

Die zeitgenössische kulturwissenschaftliche Forschung (u. a. Kumar Yogeeswaran; Hall) weist darauf hin, dass Menschen nicht einer einzigen Kultur angehören, sondern sich zugleich in mehreren kulturellen Bezugsrahmen verorten. Eine Person kann sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, Mitglied eines Sportvereins mit eigenen Normen und Werten und Teil einer Familie mit einer ausgeprägten kulturellen Identität sein. Gleichzeitig teilen Menschen umfassendere kulturelle Zugehörigkeiten wie nationale und sprachliche Kontexte. Diese sogenannte kulturelle Pluralität bildet eine zentrale Grundlage für das Verständnis von kultureller Selbstüberschätzung und der Gefahr vereinfachender Zuschreibungen. Nicht selten begegnen wir Menschen, die wir aufgrund eines einzelnen kulturellen Merkmals – etwa der ethnischen Herkunft – zunächst als «sehr anders» wahrnehmen, um später festzustellen, dass wir im selben Dorf leben, an denselben Feste dabei sind und dieselben Filme sehen. Was auf den ersten Blick fremd erscheint, erweist sich im Alltag oft als überraschend vertraut. «Fremd» mag mir ein Gegenüber aufgrund äusserlicher Merkmale erscheinen, Vertrautes finde ich jedoch in seinen Werten und Prinzipien. Erfahrungen zeigen zudem, dass die eigene Toleranz gegenüber Unterschieden wächst, wenn Menschen interkulturelle Begegnungen selbst initiieren oder diese unter Bedingungen stattfinden, die sie als sinnvoll und bereichernd erleben. Daraus wird deutlich: Kulturelle Sensibilität ist keine feste Eigenschaft, sondern ein situationsabhängiger Prozess. Die Entwicklung interkultureller Kompetenz setzt daher die bewusste Wahrnehmung jener Momente voraus, in denen die eigene Offenheit schwindet, ebenso wie die reflektierte Auseinandersetzung mit den Gründen dafür. In diesem Zusammenhang bietet das von Milton J. Bennett entwickelte Developmental Model of Intercultural Sensitivity (DMIS) einen tragfähigen theoretischen Bezugsrahmen, um zu verstehen, wie Menschen kulturelle Unterschiede wahrnehmen, deuten und mit ihnen umgehen. Das Modell beschreibt interkulturelle Kompetenz als einen Entwicklungsprozess, in dem sich Weltbilder schrittweise von ethnozentrischen hin zu zunehmend ethno-relativen Perspektiven entfalten. Durch die Verortung von Individuen und Gruppen entlang dieses Entwicklungsverlaufs ermöglicht das DMIS die Gestaltung gezielter, entwicklungsgerechter Lern- und Interventionsprozesse. In Bildung, Beratung und Organisationsentwicklung kann das Modell dazu beitragen, die Entfaltung differenzierter, anpassungsfähiger und inklusiver Formen interkultureller Begegnung systematisch zu fördern.

Wichtige Merkpunkte

Was lässt sich aus der christlichen Tradition und den geschichtlich gewachsenen interdisziplinären Errungenschaften für unseren persönlichen gesellschaftlichen Umgang mit Fremden lernen? Wir beschliessen den kurzen Streifzug mit wenigen Merkpunkten.

  1. Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt. Nächstenliebe ist damit eine Sache des Herzens, die sich allerdings in einer entsprechenden Handlungsweise äussert.
  2. Eine offene und verantwortungsvolle Haltung gegenüber Menschen aus fremden Kulturen ist Ausdruck einer lebendigen Spiritualität und barmherzigen religiösen Praxis – auch einer gemeinschaftlich gelebten. Die Kirche steht als Advokat der besonders Verletzlichen grundsätzlich auch auf der Seite der Fremden, besonders denen in existenzieller Not und ohne ausreichenden gesellschaftlichen Schutz.
  3. Bereits mit dem Verweis auf die biblischen Texte und christliche Tradition ist zu betonen, dass der Umgang mit Fremden strukturiert und verantwortungsvoll gestaltet werden muss. Alle Menschen sind in gewisser Weise Fremde. Versöhnung, Respekt sowie gerechte Bedingungen für das Leben in der Fremde sind eine universale gesellschaftliche Aufgabe.
  4. «Fremd» ist neu zu denken: Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Kultur macht einen Menschen fremd, sondern die Abwesenheit von Neugier, Respekt und der Bereitschaft zur Begegnung. Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen auf der Grundlage geteilter Lebenswirklichkeiten, gemeinsamer Praxis und einer offenen Haltung Verbindung aufbauen – nicht dort, wo sie in vereinfachenden kulturellen Zuschreibungen verharren. Unterschiede werden nicht zur Abgrenzung genutzt, sondern als Einladung verstanden, Gemeinsamkeit in wertschätzender Neugier zu suchen.
  5. Eine wertschätzende Gemeinschaft gründet auf der Anerkennung, dass Kulturen nicht statisch sind, sondern sich fortwährend wandeln und stets in Beziehung zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen entstehen und weiterentwickeln. Wer Verantwortung für das Miteinander übernehmen will, muss diese Dynamiken mitdenken und sich der eigenen Positionierung bewusst sein. Erst so wird kulturelle Vielfalt nicht zur Quelle neuer Ungleichheit, sondern zu einer Ressource für Gerechtigkeit, Teilhabe und gemeinsames Wachstum.

Dieser Artikel erschien zuerst auf institut inklusiv.

Mark Moser

Autor: Mark Moser

Mark Moser (*1973) ist Dozent für Kommunikation, Interkulturelle Kompetenzen und Konflikttransformation an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er lehrt zudem als externer Dozent an verschiedenen weiteren Hochschulen zu den Themen Gesundheit und Kultur, spirituelles Wohlbefinden in kulturell vielfältigen Kontexten sowie weiteren verwandten Bereichen.

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Oliver Merz

Autor: Oliver Merz

Oliver Merz (*1971) ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie. Er ist Gründer und Leiter des „Institut Inklusiv“. Zudem wirkt er als Gastdozent, Referent, Berater, Supervisor, Gutachter und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft sowie Religion, Spiritualität und Gesundheit beziehungsweise Krankheit und Behinderung.

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15. Januar 2026/0 Kommentare/von Mark Moser
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/01/alice-yamamura-iAVTikZXqR0-unsplash-scaled.jpg 1719 2560 Mark Moser https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Mark Moser2026-01-15 11:34:222026-01-15 18:54:33Begegnung jenseits der Unterschiede

Dialog statt stumme Angst vor Spaltungen

Gesellschaft, Nächstenliebe, Politik, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Während in den Social Media Polarisierung und Meinungsblasen gepflegt werden, scheuen sich die Kirchen aus Angst vor Spaltungen kontrovers diskutierte Themen anzusprechen. In diesem Artikel skizziert das langjährige ChristNet-Mitglied Jean-David Knüsel Ansätze für Christinnen und Christen, wie sie die Freude am Meinungsaustausch mit ihren Brüdern und Schwestern wiederfinden können.

Wir durchleben aktuell nicht nur politische Krisen, sondern auch eine Krise des Austauschs von Meinungen. Diese äussert sich einerseits in Meinungsblasen, also der Tatsache, dass wir hauptsächlich im Internet mit Inhalten oder Menschen in Kontakt kommen, die unsere Meinung teilen. Dadurch lernen wir viel weniger Standpunkte oder Erfahrungen kennen, die uns verunsichern und mit denen wir unsere Positionierung weiterentwickeln könnten. Auf der anderen Seite, was nur scheinbar widersprüchlich ist, nehmen wir eine Polarisierung mit scharfen, ausgrenzenden Standpunkten wahr, die Menschen nach ihren Meinungen in Gut und Böse unterteilt: woke bzw. antiwoke, vegan, impfkritisch, verschwörungstheoretisch, faschistisch … Dadurch erleben wir hauptsächlich einen unproduktiven oder sogar gewalttätigen Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Blasen, vor allem online, aber manchmal auch im direkten Gespräch. Wir verlieren also zunehmend die Lust und das Vertrauen in den Meinungsaustausch mit anderen Menschen, der doch eigentlich zu den schönsten Erfahrungen gehört, die wir in fruchtbare Beziehungen in unserem Leben bzw. in einer gesunden Demokratie erleben können.

Anlässlich der Tagung der «Plateforme du Christianisme Solidaire» 2024 in Chavannes-près-Renens (VD) hat sich eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel gebildet, den direkten menschlichen Meinungsaustausch zu fördern. Sie erstellte einen Flyer, der das Thema behandelt und einige Anregungen und Hilfsmittel vermittelt, um den Dialog wiederzubeleben, wo er bedroht ist. Er ist hier in französischer Sprache verfügbar.

Anstösse durch eine Fernsehsendung

Inspiriert wurde die Arbeitsgruppe der «Plateforme du Christianisme Solidaire» durch den mutigen und recht erfolgreichen Ansatz der Reality-TV-Serie „Week-end» bei RTS, dem Schweizer Fernsehsender in der Romandie. Zu dieser Sendung gehören die Gefässe «Weekend à la ferme» über Veganismus, «Guerre des sexes au chalet» über Feminismus und «Weekend entre ennemis» über Wokismus. Jedes Mal leben vier Personen aus unterschiedlichen Lagern und mit verschiedenen Profilen während eines Wochenendes zusammen, teilen Mahlzeiten und Aktivitäten und sind miteinander im Dialog. Dabei entdecken die Beteiligten und Zuschauenden nicht nur Argumente zu einem Thema, sondern vor allem ihre Gegenüber mit ihren Geschichten. Manchmal entwickelt sich während dieses Zusammenseins tiefer Respekt oder es entstehen unerwartete Verbindungen zwischen Kontrahentinnen und Kontrahenten.

Angst vor Spaltungen

Diese Bedrohung des Meinungsaustauschs in unserer Gesellschaft wirft auch die Frage auf, inwiefern innerhalb der Kirche Dialog zwischen unterschiedlich ausgerichteten Menschen stattfinden kann. Die meisten Kirchen vermeiden es, sensible Themen direkt anzusprechen, weil sie Spaltungen befürchten. Diese Angst ist zweifellos berechtigt. Aber ist es eine Lösung, nicht über solche Themen zu sprechen? Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass wichtige Themen, die die Gläubigen beschäftigen, nicht dem Licht des Evangeliums ausgesetzt werden? Führt uns diese Dialogvermeidung nicht zu einem abstrakten Glauben, indem wir uns auf Inhalte konzentrieren, deren Bedeutung von den wichtigsten aktuellen Themen losgelöst ist? Fördern wir dadurch nicht die Anfälligkeit der Gläubigen für Ideologien verschiedenster Herkunft?

Kirchen sind berufen, Einheit in der Vielfalt zu leben

Dabei haben die Kirchen ein echtes Potenzial, in einer Gesellschaft, die dies heute dringend braucht, einen fruchtbaren Meinungsaustausch zu fördern. Denn die Kirche ist dazu berufen, verschiedene Generationen, soziale Schichten und Kulturen um die Person von Jesus Christus herum zu versammeln. Jesus hat denen, die ihm nachfolgen, so schöne und solide Grundlagen gegeben, um Einheit in der Vielfalt zu leben. Indem er schon in der ersten Jüngergemeinschaft unterschiedliche Sensibilitäten zusammenbrachte, ruft Jesus seine Kirche dazu auf, eine Einheit zu erleben und zu bezeugen, die man als übernatürlich bezeichnen kann. Dazu lehrt er Demut, indem er verlangt, täglich um Vergebung zu bitten und Vergebung zu gewähren. Er stellt die Liebe, die sich frei in den Dienst des anderen stellt, über alle anderen Werte. Und vor allem verschenkt er sich selbst durch seinen Geist, um in inniger Gemeinschaft mit jedem bzw. jeder Gläubigen zu leben. So können wir in unseren Beziehungen – über Kulturen und Generationen hinweg – denselben Christus erfahren, der in den anderen wohnt und uns verbindet. Wir entdecken, dass wir Brüder und Schwestern sind, eins, indem wir denselben Christus auf unterschiedliche und doch ähnliche Weise kennenlernen und leben. Sollte uns angesichts all dessen eine andere Sichtweise auf den Wokismus Angst machen? Wagen wir es, uns in Demut mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben über sensible und wichtige Themen auszutauschen und versuchen wir so, in der Einheit in Christus an Relevanz zu gewinnen!

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10. Januar 2026/0 Kommentare/von Jean-David Knüsel
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/01/chris-sabor-qlaot0VrqTM-unsplash-scaled.jpg 1707 2560 Jean-David Knüsel https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Jean-David Knüsel2026-01-10 16:19:392026-02-09 16:01:26Dialog statt stumme Angst vor Spaltungen

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