Vor einigen Monaten wurde in einem christlichen Podcast Vertretern einer bestimmten theologischen Richtung, zu der ich mich auch zähle, die persönliche Jesusbeziehung und das Heil abgesprochen und eine direkte Verführung durch den Satan unterstellt. Ich erlebe hier eine Streitkultur, die mir unheimlich ist.
National- und Ständerat haben im Juni 2026 beschlossen, kantonale Mindestlöhne dort zu verbieten, wo nationale Gesamtarbeitsverträge bestehen. Dies führt zu Lohnsenkungen in den betroffenen Branchen und Kantonen. ChristNet unterstützt das Referendum dagegen.
Gott möchte, dass alle Menschen ein Auskommen haben. In 5. Mose 15,4 heisst es gar: «Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein». Das Ziel einer Wirtschaftspolitik nach der Bibel ist es also, diesen Zustand herzustellen, zumindest für alle Menschen guten Willens.
In fünf Kantonen hat die Bevölkerung in den vergangenen Jahren konkrete Mindestlöhne beschlossen: Neuenburg, Jura, Tessin, Genf und Basel-Stadt. Auch im Kanton Waadt wurde das Prinzip in der Verfassung festgeschrieben. Umgekehrt wurden entsprechende Initiativen in den Kantonen Basel-Land, Solothurn und Fribourg knapp abgelehnt. Nun hat das Bundesparlament dort kantonale Mindestlöhne verboten, wo nationale Gesamtarbeitsverträge (GAV) bestehen. Dies führt dazu, dass ausgerechnet in Branchen mit niedrigen Löhnen nun die noch niedrigen GAV-Saläre statt der bisherigen kantonalen Mindestlöhne zum Zuge kommen. Dagegen haben Gewerkschaften und Parteien das Referendum ergriffen. ChristNet ruft zur Unterstützung des Referendums auf.
Armut trotz Arbeit in der reichen Schweiz? Das darf nicht sein!
Ein Lohn sollte für eine Familie zum Leben reichen, müsste man meinen. Doch für viele in der Schweiz ist dies heute nicht der Fall. Nach den Zahlen des Bundesamtes für Statistik1 lebten im Jahr 2024 rund 175’000 Erwachsene trotz entlöhnter Arbeit in Armut. In diesen Haushalten lebten auch rund 80’000 dieser Armut betroffene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Im Jahr 2024 betrug die Armutsgrenze durchschnittlich 4159 Franken pro Monat für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern. Heute wachsen rund 5 % der Kinder in Armut auf, ein Anteil, der sich seit 2014 nicht verbessert hat. Jedes sechste Kind ist zudem armutsgefährdet.
Neues Gesetz trifft besonders die Ärmsten
Besonders viele der bereits armutsbetroffenen Menschen arbeiten in Bereichen, in denen nun durch die Aushebelung der kantonalen Mindestlöhne Lohnsenkungen drohen, zum Beispiel 15’000 Menschen in der Gastronomie. Im teuren Kanton Genf beträgt der Mindestlohn heute 4475 Franken im Monat, in Neuenburg 3886, in Basel-Stadt 4040 Franken. Mit der Annahme der Gesetzesänderung würden in den Kantonen Basel-Stadt und Jura tausende von Angestellten eine Lohnsenkung auf den GAV-Mindestlohn von 3713 Franken und damit ein Abgleiten in die Armut erleiden, während der Lohn in den Kantonen Genf und Neuenburg trotz Teuerung eingefroren würde. Bei den Coiffeuren bzw. Coiffeusen und dem Putzpersonal sieht es sehr ähnlich aus.
Durchsichtiges Argument «Private Abmachung»
Die Parlamentsmehrheit argumentierte, dass kantonale Mindestlöhne ein Eingriff in private Abmachungen von Sozialpartnern seien. Diese Argumentation ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass im Grunde die gesamte Gesetzgebung auf nationaler und kantonaler Ebene den Rahmen für private Abmachungen setzt. Was ist wichtiger: Das Wohlergehen der Armen oder die Ideologie des Nichteingriffs in die Privatwirtschaft? Die Befürworter betonten die Stärkung der Sozialpartnerschaft durch die neue Regelung. Ein Schelm, wer Böses denkt, in einer Zeit, wo aufgrund ihres abnehmenden Organisationsgrades die Gewerkschaften in dieser Partnerschaft regelmässig den Kürzeren ziehen. Es könnte durch die Annahme des neuen Gesetzes durchaus zu einer Zunahme der Arbeitskämpfe kommen.
Nicht weniger, sondern mehr Arbeitsplätze durch Mindestlohn!
Der Gewerbeverband meinte, dass sich viele Betriebe die Mindestlöhne nicht leisten könnten und dass dadurch Arbeitsplätze verloren gingen. Doch die Wirtschaftswissenschaft hat dies schon längst widerlegt: In Grossbritannien wurde 1999 ein gesetzlicher Mindestlohn eingeführt, der auch jährlich erhöht wurde. Wissenschaftliche Untersuchungen2 zeigen, dass dadurch insgesamt keine Arbeitsplätze vernichtet, sondern tendenziell eher mehr geschaffen werden. Dies deshalb, weil wenig Verdienende das zusätzliche Geld nicht sparen können, sondern meist wieder vor Ort ausgeben, was neue Arbeitsplätze schafft. Auch in den USA3 wurden ähnliche Erfahrungen gemacht und in Genf sind ebenfalls keine negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt auszumachen.
Kantone sind grossmehrheitlich gegen das Mindestlohn-Verbot
Während der Vernehmlassung zum Gesetzesentwurf haben sich abgesehen von Obwalden alle Kantone gegen das neue Gesetz ausgesprochen. Denn es bedeutet einen verfassungswidrigen Eingriff in die kantonale Hoheit. Auch der Bundesrat sprach sich mit der Begründung dagegen aus, dass GAV eben gerade privatrechtliche Verträge seien und deshalb rechtshierarchisch nicht über Volksentscheiden stehen könnten.
Wirtschaftspolitik für diejenigen, die es am meisten brauchen
Wirtschaftspolitik muss denjenigen zugutekommen, die es am meisten brauchen. Wenn das nicht erreicht wird oder wenn, wie im vorliegenden Fall, den Ärmsten das Wenige, das sie haben, gar weggenommen wird, darf das als Totalversagen der Politik gewertet werden. Dann ist es Zeit, über die Bücher zu gehen und die Wirtschaftspolitik neu auszurichten, die Ziele wieder neu zu definieren und den Akteuren verständlich zu machen. Wirtschaftspolitik muss auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse und nicht auf Ideologie basieren. Und sie muss die Gesamtanzahl der Arbeitsplätze im Auge haben. Da schneiden die Mindestlöhne gut ab. Deshalb empfiehlt ChristNet, das Referendum gegen das neue Gesetz bis spätestens Anfang September zu unterschreiben
Hier unterschreiben: Referendum «Hände weg von den Mindestlöhnen!»
1. https://www.bsv.admin.ch/de/newnsb/VgZS118i99Abu0uAkYqUA?utm_source=chatgpt.com
2. https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-grossbritannien-loehne-und-jobs-stabilisiert-10342.htm
3. https://www.letemps.ch/economie/six-enseignements-salaire-minimum
«Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten» (2. Mose 20,16)
«Prüfet alles, das Gute aber behaltet» (1. Thess. 5.21)
Seit jeher sind Wort und Bild Mittel der Verführung gewesen. Doch haben uns die elektronischen Medien und die Politik in der jüngeren Vergangenheit in neue Dimensionen der Halbwahrheiten und Lüge katapultiert, beispielsweise mit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016, als in diversen Analysen den Reden von Donald Trump nur noch 7 bis 11 % Wahrheitsgehalt bescheinigt wurden, oder im Rahmen der Abstimmung zum Brexit. Bezeichnenderweise hat Donald Trump sein eigenes Social Media-Netzwerk «Truth Social» genannt. Damit wird der Wahrheitsbegriff ausgehöhlt und vernichtet.
Verschiedene Analysten stellten fest, dass wir uns seither in einer sogenannten «postfaktischen Ära» befinden – ein Begriff, der im Jahr 2016 zum Wort des Jahres der Gesellschaft für deutsche Sprache wurde. Als einer der ersten hat Donald Trump in diesem Ausmass ausgenutzt, dass die Menschen einfach glauben, was sie glauben wollen und dass er behaupten kann, was er will, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Und die Christen da drin? Es scheint erstaunlich, dass sich die Christen zu dieser Frage kaum zu Wort melden, obwohl es hier um das 9. Gebot geht: «Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten» (2. Mose 20,16). Kümmert uns die Wahrheit noch? Glauben auch wir, was wir glauben wollen und was unserer vorgefassten Meinung entspricht? 81 % der evangelikalen Christen in den USA haben 2016 trotz allem für Trump gestimmt, und dieser Anteil hat bei der Wahl 2024 kaum abgenommen.
Und in der Schweiz? Auch hierzulande wird in der Politik gelogen. Als ich im Vorfeld der Abstimmung vom 28. November 2010 eine gläubige Parteisekretärin zur Steuergerechtigkeits-Initiative auf die angstmachende, klar unwahre Aussage «Bei einer Annahme müssten alle Kantone die Steuern erhöhen» ansprach, meinte sie, das stimme irgendwie in dieser Richtung schon. Dehnen wir den Begriff der Wahrheit zu stark? Christinnen und Christen schaden der Sache Christi und dem Ansehen der Kirchen, wenn ihre Lügen in der Öffentlichkeit in Frage gestellt werden?
Wie die Unwahrheit Raum greift
a) Wir glauben in Feindbildern – und die Algorithmen füttern uns damit
Die Welt ist komplexer geworden, viele Menschen verstehen sie nicht mehr. Die kleinen Leute haben das Gefühl, es werde «immer schlimmer», fühlen sich aber machtlos. Das schürt das Misstrauen und Hass gegen «diejenigen, die bestimmen», «die Eliten», wer auch immer das ist. Viele Menschen verstehen das Wirken von Strukturen nicht und meinen, es seien einzelne oder mehrere Übeltäter, die verantwortlich sind. Dies nährt den Glauben an Verschwörungstheorien. Wenn die Medien diese Theorien nicht teilen, dann werden sie der Unterdrückung der Wahrheit und als Teil der Elite bezichtigt. Das generalisierte Misstrauen kann in Verfolgungswahn umschlagen.
Menschen suchen nach Halt. Die eigene Welterklärung aufrecht zu erhalten, gibt Sicherheit. Unsere selektive Wahrnehmung sucht nach Bestätigung unseres Weltbildes. Eine bestätigende Information wird nicht hinterfragt, eine widersprechende schon. Und im Zeitalter des Internets finden wir so viele bestätigende Infos, wie wir wollen, selbst die Google-Algorithmen bieten uns vor allem «mehr desselben». Je mehr wir davon überzeugt sind, wer die Guten und wer die Bösen sind, desto weniger interessiert es uns, ob eine Meldung wahr ist oder nicht. Wir haben die Tendenz, das zu glauben, was wir glauben wollen und das auszublenden, was wir nicht glauben wollen. Die Christen sind davon nicht ausgenommen: Es besteht in der evangelikalen Welt eine gewisse Angst vor der nichtchristlichen Welt, man fühlt sich bedrängt, verfolgt und zeigt bisweilen Minoritätsreflexe.
Das Aufkommen des Internets und der Social Media hat diesem Problem eine neue Dimension gegeben. Für alle Verschwörungstheorien findet sich jetzt eine «kritische Masse». Für die von Privaten angebotenen Informationen muss keine Rechenschaft mehr gegeben werden. Wer nicht einverstanden ist, wendet sich dann anderen Quellen zu. Über die Social Media verbreiten sich jegliche Informationen unkontrolliert und in Windeseile. Oft werden sie gar von Bots generiert. Wenn eine falsche, aber erschreckende Information die gewünschten Emotionen bei den Adressaten generiert hat, ist es zu spät: Eine Richtigstellung in der Öffentlichkeit erreicht meist nicht die gleichen Adressaten. Ist echte Aufklärung überhaupt noch möglich?
b) Warum wir selbst lügen
Die schnellen gesellschaftlichen und technischen Veränderungen generieren Haltlosigkeit, Weltangst und Angst vor den Nächsten. Wir suchen «das Böse» ausserhalb von uns, unsere politischen Gegner sind «die Bösen». Um uns zu retten, müssen wir also gegen diese kämpfen. Der Kampf «auf den Mann» hat in der Politik in den letzten 25 Jahren zugenommen, bis zur Verteufelung der Gegner, wie z.B. in einer in alle Haushalte verteilten Zeitung zur Unternehmenssteuerreform (siehe Bild).
Angst verleitet uns zum Lügen, denn die «gute Sache» muss um jeden Preis gewinnen, da sonst der Abgrund droht. Gewisse Menschen wähnen sich in einem gigantischen Kampf, in dem alle Mittel erlaubt sind. Es geht also nicht um die Wahrheit, sondern um den Sieg und die Herrschaft «der Guten».
Meist aber glauben wir unsere Unwahrheiten «irgendwie» selbst: Wir dehnen dann den Wahrheitsbegriff sehr stark und vermischen die Realität mit dem eigenen Weltbild. Wir sagen oder hören manchmal: «Ich glaube halt an…» So biegen wir die Wirklichkeit zurecht, damit sie ins eigene Weltbild passt.
In der Politik scheuen auch Christen nicht davor zurück, ungeprüfte Gerüchte und Vorurteile, Halbwahrheiten und Lügen zu verbreiten. Wähnen auch wir uns in einem gigantischen Kampf, in dem alle Mittel erlaubt sind, weil wir ja «das Gute» verteidigen – so quasi im Kampf der Endzeit?
Hat aber Gott gesagt, das neunte Gebot sei irrelevant, wenn wir meinen, dass wir die Guten sind oder die Sache o.k. ist? Ist es nicht Selbstüberhöhung zu denken, dass wir über den Geboten stehen können? Dürfen wir so sicher sein, dass wir die Guten und die Gegner die Bösen seien? Hat Gott gesagt, die Christen seien besser oder hätten automatisch die besseren Ziele in der Politik? Aber es ist so verlockend, zu glauben, unsere Ziele seien besser, weil wir Christinnen und Christen sind! Eigentlich ist das übermässiger Stolz!
Genügt ein gutes Gewissen, um auch unwahres Zeugnis zu geben? Nein, denn kaum jemand hat schlechtes Gewissen, da immer Rechtfertigungsideologien für die eigenen Ideen zur Verfügung stehen oder manche sich gar in einem Sendungsbewusstsein wähnen.
Sicher ist die Wahrheit komplex, und wir können uns oft ihr nur annähern, ohne sie je greifen zu können. Aber kann man sagen, dass alles sowieso nur Meinung ist und man die Wahrheit nicht kennen kann? Nein, sonst würde das neunte Gebot obsolet. Aber eine solche Meinung ist verlockend, da sie uns vor unbequemen Fragen befreit.
Wir sehen, dass der Postmodernismus die Gesellschaft mit seiner ganzen Wucht erreicht hat. Im Jahr 1979 beschrieb Jean-François Lyotard als erster den Postmodernismus, also die Ablehnung der Möglichkeit, dass es eine Wahrheit gibt: Er warnte aber auch, dass in Zukunft nur noch die Macht des Stärkeren gilt, wenn die Gesellschaft sich nicht mehr an Fakten als Leitlinien orientieren kann. In der Demokratie heisst das nun: Wer am besten mit Emotionen spielen kann und wer das grösste Megafon hat, der gewinnt! Dies wird «postfacts politics» genannt: Hauptsache man gewinnt, die Wahrheit ist nicht wichtig. Die Leute glauben sowieso das, was sie glauben wollen, also werden sie entsprechend bedient.1
Warum ist die Aufgabe des Wahrheitsbegriffs überhaupt ein Problem?
Sicher ist die Wahrheitsfindung immer ein ganzer Prozess, und niemand kann abschliessend die Wahrheit besitzen. Denn es gibt immer verschiedene Perspektiven auf dieselbe Sache. Aber wichtig ist die Verlässlichkeit. Wahrheit ist nicht bloss ein Detail im Kampf, denn die Unwahrheit wirkt zersetzend auf die Gesellschaft: Wo die Wahrheit fehlt, wird Vertrauen zerstört und nimmt das gegenseitige Misstrauen zu. Misstrauen aber zerstört die Nächstenliebe. Nicht umsonst kommt das Wort Teufel von Diabolos, dem Verdreher. Die Umkehrung der Wahrheit ist also teuflisch. Jesus nennt den Teufel «Vater der Lüge». Unwahrheit über die Nächsten zu verbreiten, ist Hetze und schafft noch mehr Vorurteile. Daraus entsteht Entzweiung und damit die Grundlage von Bürgerkriegen.
Wahrheit heisst also Ehrlichkeit, Faktentreue, Verlässlichkeit. Bei der Suche nach Lösungenin Gesetzgebung und bei Abstimmungen brauchen wir verlässliche Informationen, um uns für das Gute zu entscheiden. Wir müssen aber auch danach suchen und nicht bei der Ideologie stehen bleiben. Und vom Gesetzgeber erwarte ich anderes als Aussagen wie z.B.: «Ich glaube halt an die Freiheit». Es braucht die sachliche Auseinandersetzung mit einem konkreten Problem und eine Lösungsfindung dazu. Alles andere ist schlechte Politik!
Die Idee, aufgrund einzelner Erfahrungen alles wissen zu können und wissenschaftliche Erkenntnisse deshalb zu ignorieren, ist Überschätzung der eigenen Wahrnehmung. Und auch massives Misstrauen gegenüber «den Eliten».
Verschwörungstheorien sind wiederum deshalb gefährlich, weil sie auf falsche Fährten führen und systeminhärente Ursachen von Problemen überdecken. So können wir bestehende Probleme gar nicht mehr lösen!
Wie können wir Wahrheit finden?
Wir fragen uns, wem man noch trauen kann. Doch die Frage könnte auch anders lauten: Wie können wir prüfen, was wahr ist und was nicht? Dazu gibt es sicher viele Wege. Aber grundsätzlich gibt es zwei Achsen:
- Uns selber prüfen und die eigene Wahrnehmung reflektieren
- Fakten prüfen: Zum Beispiel Quellen verfolgen, die Transparenz von Websites prüfen, etc.
Wie können wir von der Politik und den Medien, vor allem von den sozialen Medien und Autoren im Internet Rechenschaft verlangen? Erheben wir unsere Stimme, konfrontieren wir die Absender persönlich!
Hat die Wahrheit noch eine Chance?
Sind wir auf verlorenem Posten, wenn Lügen attraktiver sind als Wahrheit? Nein, wir können und müssen die Wahrheit zum Thema machen! Und nicht nur bei den politischen Gegnern, sondern auch in unseren eigenen Kreisen! Die Diskussion muss geführt werden. Wir brauchen vielleicht auch ein Übereinkommen, was wir unter Wahrheit verstehen.
Ein paar Wege dazu:
- Wahrheit zum Thema machen und die Menschen wieder dafür begeistern
- Wahrheit aufzeigen: Faktencheck wie bei Organisation wie www.politifact.com.
- Investigativ-Journalistinnen und -Journalisten, die News, Gerüchten und Verschwörungstheorien auf den Grund gehen
- Einen Werkzeugkasten zum Reality Check erarbeiten
- Unabhängige Medien stützen und nicht zum Spielball von Investoren werden lassen
- Vertrauen in die Wissenschaft fördern
- Die Weltangst bekämpfen
- Wahrheit vermitteln, ohne unter Druck zu setzen
Wahrheit darf nicht zur Unterwerfung missbraucht werden. Die richtige Darstellung von Facts in einer politischen Diskussion ist nur ein Element für die Entscheidungsfindung. Darauf aufbauend muss ein Konsens gefunden werden, was wir nun damit machen wollen und was das Beste für alle ist.
ChristNet ist überzeugt, dass Christinnen und Christen das Zeug haben, Werte wie Aufrichtigkeit, Wahrheit und Verlässlichkeit wieder ins Zentrum zu rücken, ja zu verkörpern, und dies ohne Machtanspruch. Dazu müssen wir selber verlässlich sein. Wie, wenn uns die Zeit für den Faktencheck beim Textschreiben fehlt? Gar nicht so einfach!
1. «Without facts, you can’t have truth. Without truth, you can’t have trust. Without trust, we have no shared reality, no democracy, and it becomes impossible to deal with our world’s existential problems.» Maria Ressa in her Nobel Peace Prize lecture, delivered in Oslo on 10 December 2021.
Weiterführender Artikel zur Wahrheit in der Bibel
Im Zusammenhang mit dem ChristNet-Forum 2017 mit dem Titel «Alles fake!? – Wahrheit in Medien und Politik» hat sich der Wirtschaftstheologe und Dekan der Haute École de Théologie in St-Légier, Michaël Gonin, damit auseinandergesetzt, was in der Bibel als Wahrheit beschrieben wird.
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Dieser Artikel erschien ursprünglich am 31. Oktober 2020. Wir haben ihn komplett überarbeitet, veraltete Informationen entfernt und auf den neuesten Stand für 2026 gebracht.
Fake News, Misstrauenskultur und der Kampf um die Informationsmacht prägen unsere Zeit. Die Wahrheit hat einen schweren Stand – nicht nur in autoritären Staaten, sondern zunehmend auch in westlichen Demokratien und selbst in der Schweiz.
In den letzten Wochen konnten wir auf der Weltbühne erleben, wie Papst Leo XIV sich gegen die Kriegsrhetorik der US-amerikanischen Regierung stemmte. Wütende Antworten des Präsidenten und seines Verteidigungsministers waren die Folge1 .
Zeitgleich hörte ich ein Interview 2 mit dem ehemaligen Direktor des US-amerikanischen Geheimdienstes (CIA), Bill Burns (2021-2025), der davon sprach, wie wichtig eine Atmosphäre sei, in der Menschen auch unbequeme Erkenntnisse kommunizieren können.
«Speaking Truth to Power» 3 , wie er dies nannte, sei ein zentraler Grundsatz der CIA, der es ermögliche, dass die entsprechende Regierung geheimdienstliche Erkenntnisse ungefiltert zu hören bekomme, selbst dann, wenn Nachrichten unbequem seien. Laut Burns ist das ein wesentlicher Vorteil gegenüber autoritär geführten Staaten, in denen das Aussprechen unerwünschter Dinge gefährlich sein kann. Allerdings, so gestand Burns ein, schwinde dieser Vorteil momentan, da sich auch bei der CIA zunehmend eine Kultur der Vorsicht und Angst ausbreite.
Eine Kultur des «Speaking Truth to Power» hat wesentlich zwei Herausforderungen. Zum einen die Frage, ob jemand sich etwas sagen lässt. Zum anderen, ob jemand bereit ist, etwas Kritisches anzusprechen. Beides braucht Mut. Und: Beides braucht eine Kultur, in der dies nicht nur möglich ist, sondern geradezu als eine wichtige Pflicht angesehen wird.
Papst Leo als Vorreiter
Papst Leo sieht es als seine Pflicht, einen klaren Standpunkt einzunehmen, nämlich als Anwalt für den Frieden einzustehen und den Mächtigen dieser Welt entgegenzutreten. Das war in der Geschichte der katholischen Kirche nicht immer so. Lange Zeit war sie, zum Beispiel in Lateinamerika, dafür bekannt, auf Seiten der Machthaber zu stehen.
Das änderte sich signifikant Mitte des letzten Jahrhunderts. Die katholische Kirche sah sich an die Seite der Armen und Unterdrückten berufen. Dieser Wandel kostete vielen Priestern, Diakonen und Ordensleuten das Leben. Eines der bekanntesten Opfer war Oscar Romero, der 1980 in El Salvador während einer Messe im Auftrag des dortigen Militärs ermordet wurde. Romero hatte sich unermüdlich gegen die Unterdrückung der Armen, gegen Folter und Ermordungen durch die Regierung zu Wort gemeldet. Diese Kultur kostete etwas. In dieser Zeit spielte übrigens auch die CIA in Lateinamerika eine mehr als unrühmliche Rolle 4
Die Kultur in unseren Kirchen
Während die internationale Situation grosse Sorge bereitet, frage ich mich, welche Kultur wir in unseren Kirchen und Institutionen pflegen. Halten wir es aus, uns etwas sagen zu lassen? Pflegen wir in unserem Umfeld eine Atmosphäre, in der man unterschiedliche Perspektiven besprechen kann, ohne einander zu «verteufeln»?
Letztlich besteht die Frage darin, wie wir mit Komplexität und Verunsicherung umgehen. Wenn etwas zu komplex ist, versuchen wir, Dinge zu vereinfachen. Wenn wir verunsichert sind, versuchen wir, Sicherheit zu gewinnen. Das ist nur verständlich. Die Gefahr könnte dann aber sein, in unzulässiger Weise zu vereinfachen und in den vereinfachten Dingen Halt zu suchen.
Brücken zwischen Gruppen
Ich beobachte, dass die Brücken zwischen unterschiedlichen (Echo-)Gruppen, den so genannten «Bubbles», schmaler werden. Wir begnügen uns damit, uns innerhalb unserer Gruppe zu vergewissern, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Während meines Studiums begegneten mir immer wieder Aussagen von einzelnen Professoren, die von der «Opinio Communis» sprachen, der «vorherrschenden Meinung». Gemeint war damit: «Ich und alle ernstzunehmenden Theologen denken so. Wer das nicht tut, ist nicht ernst zu nehmen.»
Es fühlt sich warm und gemütlich an, wenn man sich zur «Opinio Communis» rechnet, und sehr unbehaglich, wenn man Fragen hat. Dabei sehen wir in der Rückschau, dass auch die grossen Wissenschaftler der Geschichte nur Teile der ganzen Wahrheit erkannten. Ich bin überzeugt, dass wir auch heute noch nicht ans Ende aller Erkenntnis gelangt sind, und schliesse mich dabei Paulus an, dass wir nur Teile des Ganzen erkennen. 5
Grössere Räume
Als Jesus mit seinen Jüngern umherzog, stellte er die Welt auf den Kopf: Er deckte blinde Flecken auf und kümmerte sich um die, die unter die Räder gekommen waren. Die «gute Nachricht» war anders als erwartet: Sie war ein Projekt, das zum Frieden führen sollte – zwischen Gott und Mensch, unter den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Dort, wo Menschen sich darauf einliessen, dass Gott grösser ist, als das, was sie bisher wussten, öffneten sich neue Welten.
Ein Aufruf zur Demut
«Speaking Truth to Power» interpretiere ich als einen Aufruf zur Demut. «Truth» steht dabei für die Wahrheit, für eine Sichtweise oder Meinung. Diese Demut ist nicht nur für Regierungen und Führungspersonen, sondern grundsätzlich für unser gesellschaftliches Miteinander wichtig. Wenn ich weiss, dass ich nicht alles weiss, werde ich besser zuhören. Ich erweitere meine Möglichkeiten, Weisheit zu entdecken, wo ich sie nicht vermute. Das bedeutet nicht, dass ich keine Überzeugungen mehr habe. Ich vertrete mutig meine Meinung, bleibe mir aber bewusst, dass das, was ich als Überzeugung vertrete, nicht alles ist, was darüber gesagt werden kann.
Ich wünsche mir, dass wir insbesondere in unseren Kirchen eine Kultur prägen, in der Menschen demütig einander zuhören. Paulus schreibt: «… in Demut achte einer den andern höher als sich selbst» 6 . Das ist mit einiger Mühe verbunden, weil wir mit Unsicherheiten umgehen müssen. Letztlich ist das aber ein tiefer Ausdruck von Liebe. Und sei es sogar Feindesliebe. Dazu will uns die Liebe Gottes befähigen.
1. https://www.srf.ch/news/international/nach-kritik-des-papstes-trump-postet-ki-bild-von-sich-als-jesus-die-reaktionen. Zugriff am 15.04.2026.
2. https://www.foreignaffairs.com/podcasts/america-world-upheaval. Zugriff am 15.04.2026.
3. «Wahrheit» ist hier im Sinn von Erkenntnissen zu verstehen, die bei Analysen gewonnen wurden.
4. Ein Beispiel neben anderen ist die «Operation Condor» (vgl. https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-01/us-aussenpolitik-lateinamerika-kommunismus-drogen-diktatoren. Zugriff am 15.04.2026.)
5. 1. Korinther 13,12
6. Philipper 2,3
Dieser Artikel ist bereits bei Insist und im Bienenberg Magazin erschienen.
Foto von Mikhail Nilov, pexels
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