Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»
Die Demokratie ist keine Selbstläuferin. Sie ist ein Garten, der tägliche Pflege benötigt. Dies war das Fazit der Forumsveranstaltung «Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?» vom 2. Mai, die ChristNet zusammen mit der HF TDS, dem Bienenberg, der Evangelischen Allianz (SEA), der Insist Consulting und der VBG in Aarau durchführte.
Markus Meury, Soziologe und Vorstandsmitglied von ChristNet eröffnete die Veranstaltung mit einer grundlegenden Analyse des Spannungsfeldes zwischen Macht und Mitbestimmung. Er hielt fest, dass eine lebendige Demokratie die zwingende Voraussetzung für den Schutz der Menschenrechte und die Gleichheit aller Menschen vor Gott ist. Eine Erosion demokratischer Werte sei kein Zufallsprodukt, sondern finde oft dann statt, wenn die bisherigen Machthaber beginnen, sich ihrer Position nicht mehr sicher zu sein. In diesen Momenten gerate die Demokratie unter Druck, da Partikularinteressen über das Gemeinwohl gestellt würden.
«Es braucht ein hörendes Herz»
Lukas Amstutz, Leiter des Mennonitischen Bildungszentrums Bienenberg, beleuchtete die tiefen christlichen und historischen Wurzeln demokratischer Teilhabe.
Er betonte, dass Demokratie Werte wie Freiheit, Menschenwürde, Gerechtigkeit und sogar die Liebe zum Gegner verkörpere. Historisch gesehen seien es oft christliche Randbewegungen wie die Täufer gewesen, die Demokratie innerhalb der Glaubensgemeinschaft pflegten und diese auch gegenüber der staatlichen Obrigkeit einforderten. Für den christlichen Glauben seidie Demokratie ein Resonanzraum: Als Ebenbild Gottes sei der Mensch frei, was in der Durchsetzung von Recht und Gleichheit sowie im Wohlwollen füreinander zum Ausdruck kommen müsse.
«Es braucht ein hörendes Herz»
«Ein grosses Hindernis für die Demokratie ist heute die Polarisierung im Internet», sagte Amstutz weiter. Algorithmen führten dazu, «dass wir nur noch in unserer eigenen Meinung bestätigt werden und Andersdenkende zunehmend als ‘böse’ oder als ‘Gefahr’ wahrnehmen». Wenn das Ziel nur noch darin bestehe, den «Feind» zu besiegen und zu beherrschen, gehe die Suche nach der Wahrheit verloren. Amstutz plädierte – angelehnt an Hartmut Rosa – für ein «hörendes Herz». Es gelte zu fragen: Was braucht mein Nächster und was meint er mit seiner Meinung? Wahre Demokratie erfordere die Demut, auf absolute Herrschaftsansprüche zu verzichten und andere Perspektiven zuzulassen.
Stärkung der Demokratie muss vor Ort passieren
Hanspeter Schmutz, Leiter der Insist Consulting, legte dar, dass die Stärkung der Demokratie an der Basis, also vor Ort in den Gemeinden, beginnen muss.
Gründe für den Rückzug demokratischer Strukturen seien oft im Populismus – das «einfache Volk» gegen die «korrupte Elite» –, dem Autokratismus und dem strukturellen Wandel zu suchen, der zu Perspektivlosigkeit führe – etwa, wenn Läden schlössen, Ärzte fehlten und der Staat nicht mehr zu funktionieren scheine.
Am Beispiel von Steinbach an der Steyr in Österreich und der Übertragung auf seinen Wohnort Oberdiessbach BE zeigte Schmutz auf, wie der «Dorfkollaps» durch Mobilisierung der Bevölkerung verhindert werden kann. Mittels Analyse, «World-Cafés» und Spurgruppen werden Betroffene zu Beteiligten gemacht. Ob in der kommunalen Alterspolitik oder der Ortsplanung: Wenn Werte wie Gemeinschaft, Freiheit und Gerechtigkeit die Grundlage bildeten, werde Demokratie wieder erlebbar. Da Christen zur Nächstenliebe angehalten sind, sei gerade die Kirche ein ideales Labor, um demokratische Prozesse und Konfliktlösungen einzuüben.
Wenn Werte wie Gemeinschaft, Freiheit und Gerechtigkeit die Grundlage bildeten, werde Demokratie wieder erlebbar.
Zusammenspiel zwischen Glauben, Politik und Kirche Ein interaktiver Workshop unter der Leitung des Co-Generalsekretärs der SEA, Andi Bachmann-Roth, stellte die Frage: «Was hat Demokratie in meinem christlichen Alltag verloren?». Die Teilnehmenden diskutierten in dynamisch zusammengesetzten Gruppen im Rahmen eines World-Cafés. Im Zentrum standen diverse Fragen rund um das Zusammenspiel von Kirche, Politik und Glauben. Dazu gehörten zum Beispiel die Frage, welches Ziel die Demokratie in der Kirchgemeinde verfolgen sollte oder was Christinnen und Christen tun können, wenn in der eigenen Kirche Gräben durch unterschiedliche Demokratieverhältnisse entstehen. Es wurden Ideen gesammelt, wie demokratische Prinzipien innerhalb kirchlicher Strukturen und im persönlichen Umfeld gestärkt werden können. Das Gebet, das Zuhören und Reden sowie das Stärken und Pflegen von Beziehungen zeichneten sich als wichtige Ansätze für gelebte Demokratie im christlichen Alltag ab.
«Trump berufen – trotz seiner Verfehlungen»
Dr. Vanessa Kopplin, Religionswissenschaftlerin an der Universität Zürich, verglich unter dem Titel «God’s Chosen Nation?» die Verhältnisse zwischen Religion und Politik in den USA und der Schweiz.
In den USA herrsche eine grosse Diskrepanz zwischen Verfassungswirklichkeit und der Wahrnehmung als «God’s Chosen Nation», beschrieb Kopplin. Auffallend sei der «König-David-Pakt»: Religiöse Wähler tolerierten moralische Verfehlungen eines Anführers, solange dieser als «der Auserwählte» gilt. Interessanterweise scheine der regelmässige Kirchgang jedoch ein Resilienzfaktor gegen Verschwörungserzählungen zu sein.
Interessanterweise scheine der regelmässige Kirchgang jedoch ein Resilienzfaktor gegen Verschwörungserzählungen zu sein.
«Die Schweiz gilt als eines der polarisiertesten Länder Europas, wobei die erodierte Mitte eine grosse Rolle spielt», betonte die Forscherin. Zwar gelte Religion hierzulande oft als Privatsache, doch in der Realität fällten viele Politikerinnen und Politiker Entscheide aufgrund ihrer religiösen Überzeugung, ohne dies offen zu kommunizieren. Da der Staat die Werte für seinen Zusammenhalt nicht selbst erzwingen könne, seien christliche Grundwerte für die Stabilität der Gesellschaft wichtiger denn je.Kopplin zitierte dazu das Böckenförde-Diktum: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Sie schloss daraus: «Es wäre hilfreich, wenn religiöse Motivationen in der Schweiz im politischen Diskurs transparenter gemacht würden.»
Demokratie pflegen statt nur bewundern
Marc Jost, EVP-Nationalrat, schloss mit praktischen Thesen zur Stärkung der Schweizer Demokratie die Veranstaltung ab.
Demokratie sei kein Museum, sondern ein Garten, der täglich bebaut und gepflegt werden wolle. Dies erfordere die Demut des Kompromisses. Wer den Kompromiss verachte, schadet laut Jost nicht nur der Demokratie, sondern letztlich auch dem Reich Gottes. Moralische Keulen wie «Gott will, dass…» töteten den demokratischen Diskurs.
«… kein Museum, sondern ein Garten»
Ein zentraler Auftrag für Christinnen und Christen in der Politik sei es, den «Lobbylosen»eine Stimme zu geben. Indem man sich etwa für die Interessen von Kindern einsetze, stärkt man die Repräsentation und damit das gesamte System. Josts Fazit: Wir stärken die Demokratie am besten nicht durch den Versuch einer «Christianisierung» des politischen Systems, sondern «indem wir die besten Demokraten sind und Politik als Liebesdienst am Nächsten begreifen».



















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