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„Das ghört mir!“ – ein kleiner Satz, den sich jedes Kleinkind schon früh aneignet. Die westliche Gesellschaft ist vom Gedanken des Privateigentums geradezu „besessen“. Es scheint ein allgemein verbreitetes Hobby zu sein, beim Ausfüllen der Steuererklärung alle möglichen Tricks anzuwenden, um ja nicht ein Fränkli zuviel in die allgemeine Kasse legen zu müssen.

Dieser Gedanke macht auch vor dem westlichen Christentum nicht Halt.Manche Christen sehen im Gebot „Ddu sollst nicht stehlen wird als Plädoyer für das Privateigentum verstanden. Einige gehen so weit, dass sie den heutigen Sozialstaat als etwas Unchristliches sehen – ein Dieb, der unser verdientes Privateigentum stehlen will. So fordern auch nicht wenige Christen einen „schlanken Staat“.

Nun, was die biblischen Geschichten angeht, finden wir tatsächlich viele Bespiele für Privateigentum. Doch sollten wir vorsichtig sein, dies quasi als einzig richtiges Gesellschaftssystem zu deklarieren. Und das Gebot, „du sollst nicht stehlen“, beschränkt sich nun wirklich nicht auf die private Ebene.

Tatsächlich finden wir bereits im Aalten Judentum einige Institutionen, die dem heutigen Sozialstaat sehr ähnlich sind. Es gab verschiedenetliche Steuern (wie etwa „der Zehnte“) sowie weitere Abgaben in Form von Geld und Naturalien. Alle 50 Jahre wurde zudem das ganze Land umverteilt und alle Sklaven freigelassen (Erlassjahr). Es erstaunt daher, wenn heutzutage gläubige Christen staats- und steuerfeindlich eingestellt sind.

Ein völlig radikales Bild vermittelt uns die Apostelgeschichte. In Jerusalem wurde in der Gemeinde alles Geld zusammengelegt. Vermögende Leute verkauften ihr Grundstück und schenkten das Geld der Gemeinde. Das Geld wurde dann erneut auf alle Bedürftigen verteilt (Apg. 4,32-37).

„Du solllst nicht stehlen“ wurde vielmehr im Kontext des Kollektiveigentums verstanden; d.h. ein Diebstahl bestand darin, zu mogeln und ein Teil seines Geldes der Gemeinschaft vorzuenthalten (Apg. 5,1-11).

Wie unvorstellbar sich dies auch anhört – die erste christliche Gemeinde lebte freiwillig in einer Kollektivgesellschaft. Später wurden in den Gemeinden, die Paulus bereiste, solidarisch Geld für die Muttergemeinde in Jerusalem gesammelt (in Jerusalem lebten überdurchschnittlich viele arme Pilger, was während der grossen Hungersnot zu einem Notstand führte). Internationale Solidarität und Umverteilungen gab es also bereits damals.

Eine vereinfachte Aufstellung der innerbiblischen Entwicklung:

 

Zeit der Patriarchen mosaisches Gesetz erste Christengemeinde Christentum heute
ca. 2000 v. Chr. ab 1200 v. Chr. ca. 30 n. Chr. 2001 n. Chr.
Privateigentum / Patriarchen, Sippen Privateigentum, Einführung von Steuern; Menschen als „Verwalter“ von Grundstücken“ Verkauf von Privateigentum, leben Kollektivgesellschaft, Unterstützung anderer Gemeinden ?

Das sehr vereinfachte Schema zeigt eine Entwicklung innerhalb des biblischen Verständnisses von Privat- und Kollektiveigentum auf. Es ist mir bewusst, dass sich das Modell der Kollektivgesellschaft nicht einfach 1 zu 1 übertragen lässt. Schon gar nicht sollten wir eine Kollektivgesellschaft diktatorisch herbei zwingen, wie dies etwa in den Sowjetstaaten der Fall war. Es sollte uns aber trotzdem zu denken geben. Könnte es sein, dass der Heilige Geist uns Christen erfüllen möchte, damit wir unsere westlichen Individualgesellschaft überwinden können? Könnte es sein, dass wir beispielsweise unsere Einstellung den Steuern gegenüber revidieren sollten? Über die Höhe und Verwendung von Steuergeldern kann man/frau sicher diskutieren. Grundsätzlich sind aber Steuern und Umverteilungen biblisch breit verankert, so dass auch Paulus dieses Thema im Römerbrief Kapitel 13 anschneidet:: “ .. denn deshalb entrichtet ihr auch Steuern; denn die staatlichen Mächte sind Gottes Diener, die eben hierzu fortwährend beschäftigt sind. Gebt allen, was ihnen gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Ehrfurcht, dem die Ehrfurcht, die Ehre, dem die Ehre gebührt (Römerbrief 13, Vers 6+7).


Photo by Tierra Mallorca on Unsplash

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