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Glaube, Liebe, Hoffnung – Von alten Tugenden und neuen Krisen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gesellschaft, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 12 min

Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges ist klar: Die Brandherde in dieser Welt sind nicht gelöscht, sondern neu aufgeflammt, und stürzen uns von einer Krise in die nächste. Was ist die Aufgabe der Christinnen und Christen darin? Und: wo bleibt die Hoffnung in dieser Situation?

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15. Mai 2026/1 Kommentar/von Prof. Dr. Christine Schliesser
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/pexels-cottonbro-7243778-scaled.jpg 1440 2560 Prof. Dr. Christine Schliesser https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Prof. Dr. Christine Schliesser2026-05-15 12:03:552026-05-15 12:19:55Glaube, Liebe, Hoffnung – Von alten Tugenden und neuen Krisen

Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Entwicklung, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Die Demokratie ist keine Selbstläuferin. Sie ist ein Garten, der tägliche Pflege benötigt. Dies war das Fazit der Forumsveranstaltung «Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?» vom 2. Mai, die ChristNet zusammen mit der HF TDS, dem Bienenberg, der Evangelischen Allianz (SEA), der Insist Consulting und der VBG in Aarau durchführte.

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4. Mai 2026/0 Kommentare/von Roman Sohrmann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/024-IMG_4438-KnutBurmeister-scaled.jpg 1707 2560 Roman Sohrmann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Roman Sohrmann2026-05-04 12:34:522026-05-04 17:56:03Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»

Demokratiedefizite: auch die Schweiz ist betroffen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales, Technologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Die Schweiz gilt international oft als Musterbeispiel einer funktionierenden Demokratie. Mit ihren Instrumenten der direkten Demokratie wie der Volksinitiative und dem Referendum scheint die politische Macht besonders nahe beim Volk zu liegen. Dennoch zeigt ein genauerer Blick, dass auch in der Schweiz verschiedene Demokratiedefizite bestehen.

Aus diesen Demokratiedefiziten heraus ist zu erklären, warum sich oft die wirtschaftlichen Interessen gegenüber dem Volkswillen durchsetzen.

Intransparente Politikfinanzierung

Ein zentrales Problem liegt in der Finanzierung der Politik. In der Schweiz verfügen finanzkräftige Kreise wie Unternehmen, Verbände oder wohlhabende Einzelpersonen über deutlich mehr Möglichkeiten, politische Prozesse zu beeinflussen. Sie können Wahl- und Abstimmungskampagnen mit grossen Summen unterstützen und damit die öffentliche Meinung stärker prägen als andere Akteure. Dies führt zu ungleichen Voraussetzungen im politischen Wettbewerb und verzerrt den Volkswillen. Das demokratische Prinzip „one man, one vote“ wird dadurch untergraben, da finanzielle Mittel faktisch zu mehr Einfluss führen. Besonders problematisch ist, dass wirtschaftliche Brancheninteressen so ein übermässiges Gewicht erhalten, obwohl in einer Demokratie eigentlich die Interessen der Bevölkerung im Zentrum stehen sollten.

Hinzu kommt die Abhängigkeit vieler Politikerinnen und Parteien von Geldgebern. Wer einmal grosse finanzielle Unterstützung erhalten hat oder darauf angewiesen ist, um wiedergewählt zu werden, gerät leicht in eine gewisse Verpflichtung gegenüber den Geldgebern. Dies kann dazu führen, dass politische Entscheidungen nicht mehr allein im Interesse der Allgemeinheit getroffen werden, sondern auch die Erwartungen der Unterstützer berücksichtigen. Solche Abhängigkeiten sind zwar oft schwer nachzuweisen, aber sie stellen ein strukturelles Risiko für die Unabhängigkeit der Politik dar. Neben mir persönlich bekannten Politikern, die mir ihre Abhängigkeiten geschildert haben, ist ein öffentlich bekanntes Beispiel die plötzliche Änderung der Haltung der CVP zur Bonussteuer im Jahr 2012, nachdem sie eine grössere Spende der UBS erhalten hatte.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Transparenz der Politikfinanzierung. Seit Herbst 2022 müssen die Parteien auf Bundesebene Spenden von über 15’000 Franken offenlegen, bei Kampagnen betrifft dies Budgets ab 50’000 Franken. Doch der Widerstand gegen umfassende Transparenz bleibt gross. Insbesondere Parteien, die stark von grossen Geldgebern profitieren, haben wenig Interesse daran, ihre Finanzierung vollständig offenzulegen. Im Kanton Schaffhausen weigerte sich die Parlaments- und Regierungsmehrheit jahrelang, eine Volksinitiative zur Transparenz umzusetzen. Gleichzeitig zeigt das Schaffhauser Beispiel jedoch, dass die Bevölkerung in solchen Fällen durchaus eingreifen und ihren Willen durchsetzen kann, was wiederum ein Zeichen für die Funktionsfähigkeit der demokratischen Mechanismen ist.

Durchlässigkeit des Systems für Lobbys

Neben der Politikfinanzierung stellt auch die starke Durchlässigkeit des politischen Systems für Lobbygruppen ein Problem dar. Besonders auf Parlamentsebene haben finanzkräftige Interessenvertretungen im Vergleich zum Ausland einen besonders einfachen Zugang zu Entscheidungsträgern. Ein häufig genanntes Beispiel ist der Einfluss der Tabakindustrie, bei dem die Schweiz im internationalen Vergleich weltweit am zweitschlechtesten abschneidet. Solche Einflüsse können dazu führen, dass gesundheitspolitische oder gesellschaftliche Anliegen hinter wirtschaftlichen Interessen zurückstehen.

Ein weiteres Demokratiedefizit ergibt sich aus dem Einfluss grosser wirtschaftlicher Akteure, insbesondere aus der Finanzindustrie und multinationalen Konzernen. Die Abhängigkeit der Schweiz von einzelnen Grossunternehmen ermöglicht einen erheblichen politischen Druck durch diese Unternehmen und führt regelmässig zu Entscheiden von Bundesrat und Parlament, die ihnen genehm sind. Wenn ein Unternehmen als „too big to fail“ oder sogar „too big to be saved“ gilt, entsteht ein Erpressungspotenzial.

Mangelhafte Gewaltenteilung

Auch die institutionelle Struktur der Schweizer Demokratie wirft Fragen auf. Die Gewaltenteilung ist nicht vollständig umgesetzt, da das Parlament sowohl den Bundesrat als auch das Bundesgericht wählt.

Zudem fehlt auf Bundesebene ein Verfassungsgericht, das Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit der Verfassung überprüft. Dies führt dazu, dass das Parlament eine sehr starke Stellung einnimmt. In der Vergangenheit kam es mehrfach vor, dass vom Volk angenommene Initiativen nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden. Beispiele hierfür sind die Rothenthurm-Initiative, die Alpeninitiative, die Initiative gegen Tabakwerbung, auf der anderen Seite aber auch die Masseneinwanderungsinitiative der SVP. Diese Praxis wirft die Frage auf, inwieweit die direkte Demokratie tatsächlich das letzte Wort hat oder ob das Parlament den Volkswillen letztlich interpretiert und relativiert. Im Rahmen der Initiative «Kinder ohne Tabak» hat die Gesundheitskommission des Nationalrates ganz offen gesagt, dass das Parlament die höchste Instanz sei und nicht das Volk. Im gleichen Sinne hat das Parlament im Jahr 2022 den Kauf der F-35-Kampfflugzeuge beschlossen, obwohl eine Volksinitiative dagegen zur Abstimmung bereitstand und massive Zweifel bezüglich Kosten und Tauglichkeit bestanden, die sich später bestätigten.

Behinderung und Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen

Ein weiteres Problem ist der teilweise unzureichende Stand der politischen Bildung. Viele Menschen verfügen nicht über genügend Wissen, um komplexe politische Zusammenhänge zu verstehen. Dies macht sie anfällig für einfache Botschaften, Manipulation oder sogar Verschwörungstheorien. Eine funktionierende Demokratie ist jedoch auf informierte Bürgerinnen und Bürger angewiesen, die sich kritisch mit Informationen auseinandersetzen können.

Darüber hinaus sind bestimmte Bevölkerungsgruppen von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen, insbesondere Ausländerinnen und Ausländer sowie Jugendliche unter 18 Jahren. Obwohl sie teilweise stark von politischen Entscheidungen betroffen sind, haben sie kein Stimmrecht auf nationaler Ebene. Dies stellt eine Einschränkung des demokratischen Prinzips dar, wonach alle Betroffenen auch mitentscheiden können sollten.

Auch aktuelle Tendenzen geben Anlass zur Sorge

Neben diesen strukturellen Defiziten lassen sich auch neuere Tendenzen beobachten, die Anlass zur Sorge geben. Ähnlich wie in anderen Ländern gibt es auch in der Schweiz Entwicklungen, bei denen mächtige Akteure versuchen, kritische Stimmen einzuschränken.

So wurden im Jahr 2015 beispielsweise Gesetze verschärft, die die Veröffentlichung von Informationen im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis unter Strafe von bis zu drei Jahren Haft stellen, gleich viel wie bei fahrlässiger Tötung. Dies verunmöglicht investigative Recherchen in der Schweiz und behindert die Aufdeckung von Missständen. Dieser Druck auf die Medien wird auch aktiv angewendet, so z.B. mit einer Klage gegen den Tagesanzeiger wegen seines Berichts zur Geldwäscherei einer Genfer Bank oder mit einer erfolgten Durchsuchung von «Inside Paradeplatz».

Möglichkeiten zur Zensur wurden ausgeweitet, etwa durch erleichterte superprovisorische Verfügungen bei «schützenswertem Interesse» statt nur bei «besonders schützenswertem Interesse». Dadurch können Informationen schneller unterdrückt werden, noch bevor eine öffentliche Diskussion darüber stattfinden kann. In bestimmten Fällen hat dies zur Folge, dass politisch relevante Informationen gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangen, wie im Falle der Affären um den Genfer Regierungsrat Pierre Maudet.

Behinderung der Zivilgesellschaft

Ein weiteres Beispiel betrifft den Umgang mit Nichtregierungsorganisationen (NGO). Nach der Abstimmung zur Konzernverantwortungsinitiative, bei denen zivilgesellschaftliche Akteure erstaunlich erfolgreich mobilisieren konnten, ergriffen wirtschaftsnahe Behörden im Aussendepartement von Bundesrat Cassis Massnahmen, die den Handlungsspielraum der NGO einschränken. Dazu gehören etwa der Subventionsstopp für Sensibilisierungsarbeit zu politischen Ursachen von Unterentwicklung oder das Verbot von Sensibilisierung durch NGOs in Schulen. Davon waren Organisationen wie StopArmut betroffen.

Aktuell ist im Parlament ein Gesetz in Diskussion, das die politische Arbeit von NGOs von der Steuerbefreiung ausnehmen will. Dies hätte hohen administrativen Aufwand und zusätzliche Kosten zur Folge, was die entsprechende Arbeit behindert.

Überwachung und Verbot von politischen Diskussionen

Trotz des Auffliegens der Fichenaffäre Ende der 1980er-Jahre und der entsprechenden strengeren Gesetze überwachte der Nachrichtendienst des Bundes weiterhin oppositionelle Organisationen – z.B. Public Eye oder die Grünen – dies unter anderem wegen «Radikalisierungsgefahr». Ausweitungen der Überwachung sind im Gang.

Im Kanton Waadt verbot Regierungsrat Borloz politische Podiumsdiskussionen mit Teilnehmenden aller Parteien an den Schulen vor den eidgenössischen Wahlen 2023. Zwei Jahre später hat das Kantonsgericht einer Klage gegen dieses Verbot stattgegeben. Das Verbot war gesetzeswidrig.

Medienkonzentration und Informationsmacht

Ein Schlüsselthema ist die Entwicklung der Medienlandschaft.

  • Die zunehmende Konzentration von klassischen Medien und «Social Media» in den Händen weniger Eigentümer kann die Meinungsbildung in Richtung der Ideologie und der Interessen der Eigentümer drängen und damit die Demokratie verzerren. Dieser Trend ist in Frankreich und in den USA bereits weit fortgeschritten: https://christnet.ch/de/nein-zur-srg-halbierungsinitiative/
  • Die Social Media, wo kein Faktencheck mehr stattfindet und unbegrenzte Möglichkeiten für die Besitzer – z.B. Elon Musk, für finanzkräftige Industrien und nationalistische Interessen – z.B. russische Bots – bieten, sind eine Gefahr für die Demokratie, da sie Irreführung und Verhetzung stark begünstigen.
  • Der künstlichen Intelligenz wird in Zukunft eine Schlüsselrolle bei der Information der Bevölkerung zukommen. Der Aufbau von Unternehmen der künstlichen Intelligenz braucht Milliardensummen, die nur Superreiche aufbringen können. Diese bestimmen dann, welche Informationen die künstliche Intelligenz bei einer Abfrage zur Verfügung stellt.
  • Gleichzeitig stehen unabhängige Medien unter politischem und wirtschaftlichem Druck, was ihre Rolle als kritische Kontrollinstanz schwächen kann.

Akkumulation von Reichtum – und damit von Macht

Schliesslich stellt auch die zunehmende Konzentration von Reichtum eine grundlegende Herausforderung für die Demokratie dar. Wenn immer mehr Vermögen in den Händen weniger Personen liegt, wächst deren Einfluss auf Politik, Wirtschaft, Medien und Information dieser vermögenden Minderheit.

Jetzt Weichen für die Demokratie stellen!

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Schweiz trotz ihrer starken demokratischen Tradition mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert ist. Diese betreffen sowohl strukturelle Aspekte wie die Politikfinanzierung und die Gewaltenteilung als auch neuere Entwicklungen im Bereich der Medien und der globalen Wirtschaft. Eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit diesen Demokratiedefiziten ist notwendig, um die Qualität und Glaubwürdigkeit der Demokratie langfristig zu sichern.

29. April 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/04/pexels-will-chen-246349093-36074718.jpg 1013 1800 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-04-29 19:19:052026-04-30 08:37:00Demokratiedefizite: auch die Schweiz ist betroffen

Demokratie ist mehr als Abstimmen und Wählen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Eine Demokratie ist eine Staatsform, in der die Macht vom Volk ausgeht. Das bedeutet, dass die Menschen in einem Land darüber entscheiden können, wie sie regiert werden wollen. So lernt man es in der Staatskunde. Dass aber noch viel mehr dazugehört, zeigt dieser Artikel.

Bekanntlich gibt es unterschiedliche Formen der Demokratie, zum Beispiel die repräsentative Demokratie, in der gewählte Vertreter Entscheidungen treffen, oder die direkte Demokratie, in der das Volk zusätzlich selbst über Sachfragen abstimmt. Doch die blosse Existenz von Wahlen oder Abstimmungen genügt nicht, um von einer echten Demokratie zu sprechen. Vielmehr braucht es eine Reihe von grundlegenden Voraussetzungen und Rahmenbedingungen.

Zugang

Eine zentrale Voraussetzung ist der gleiche Zugang aller Menschen zur politischen Mitbestimmung. Das bedeutet zunächst, dass alle Bürgerinnen und Bürger die gleichen politischen Rechte haben müssen. Historisch gesehen war dies nicht immer der Fall, etwa durch das fehlende Frauenstimmrecht. Das Wahlrecht darf auch nicht gezielt eingeschränkt werden – dass z.B. nur diejenigen wählen dürfen, die gewisse teure Ausweise erworben haben. Auch strukturelle Verzerrungen wie etwa manipulierte Wahlkreiseinteilungen – sogenanntes Gerrymandering – dürfen nicht vorkommen, da sie die Repräsentation verfälschen.
Neben den formalen Rechten braucht es jedoch auch reale Möglichkeiten zur Teilnahme. Bildung spielt hier eine entscheidende Rolle: Nur wer ausreichend informiert ist und Zusammenhänge versteht, kann sich sinnvoll an politischen Prozessen beteiligen.

Meinungsäusserung

In einer Demokratie müssen alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Meinung frei zu äussern und zu verbreiten. Das Internet könnte theoretisch zu mehr Meinungsfreiheit beitragen, doch in der Praxis zeigt sich, dass finanzielle Mittel oft eine grosse Rolle spielen: Wer mehr Geld investiert, kann seine Botschaften stärker verbreiten.

Besonders problematisch ist dies bei Abstimmungs- und Wahlkampagnen. Wenn eine Seite deutlich mehr finanzielle Ressourcen hat, kann sie die öffentliche Meinung stark beeinflussen. Es kommt in der Schweiz oft vor, dass Vorlagen, die in Umfragen lange Zeit breite Unterstützung geniessen, am Ende abgelehnt werden, weil eine finanzstarke Gegenseite intensive Kampagnen führt. Auch der Besitz von Medien ist entscheidend: Wenn wenige Akteure einen grossen Teil der Medien kontrollieren, kann dies die Reichweite von gegenteiligen Meinungen einschränken. Deshalb sind ein ausgewogen finanzierte Medienlandschaft und journalistische Freiheit zentrale Elemente einer funktionierenden Demokratie.

Wahrheit

Eng damit verbunden ist die Notwendigkeit korrekter Information. Bürgerinnen und Bürger müssen verlässliche und überprüfbare Informationen erhalten, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Professionelle Instanzen wie unabhängige Medien, wissenschaftliche Einrichtungen oder Fact-Checking-Organisationen spielen dabei eine wichtige Rolle. In der heutigen Zeit besteht jedoch die Gefahr, dass solche Stimmen von einer Flut an Informationen – oder sogar von gezielter Desinformation – übertönt oder behindert werden.

Politikfinanzierung: Gleich lange Spiesse

Ein weiteres Element ist die faire Finanzierung von Parteien und politischer Arbeit. Wenn einzelne Parteien oder Interessengruppen deutlich mehr finanzielle Mittel haben, entsteht ein Ungleichgewicht. Gleich lange Spiesse sind notwendig, damit alle politischen Akteure eine reale Chance haben, gehört zu werden. Auch Lobbying muss transparent und ausgewogen gestaltet sein, damit nicht einzelne Interessen überproportionalen Einfluss ausüben.

Gleich grosser Einfluss – kein Erpressungspotenzial

Ebenso wichtig ist der Schutz vor Drohungen und Zwängen. Politische Entscheidungen dürfen nicht unter dem Druck von mächtigen Einzelpersonen oder Unternehmen getroffen werden. Wenn beispielsweise Firmen drohen, ein Land zu verlassen oder wirtschaftlichen Schaden anzurichten, um politische Entscheidungen zu beeinflussen, werden die demokratischen Prozesse untergraben. In diesem Zusammenhang spielt auch die materielle Ungleichheit eine Rolle: Grosse wirtschaftliche Unterschiede können dazu führen, dass einzelne Akteure unverhältnismässig viel Einfluss haben. Das Prinzip „one man, one vote“ verliert dann an Bedeutung.

Gewaltenteilung gegen die Machtkonzentration

Ein grundlegendes Prinzip jeder Demokratie ist die Gewaltenteilung. Die staatliche Macht wird auf verschiedene Institutionen verteilt, typischerweise auf die Exekutive (Regierung), die Legislative (Parlament) und die Judikative (Gerichte). Diese Aufteilung verhindert eine Machtkonzentration und sorgt dafür, dass sich die einzelnen Gewalten gegenseitig kontrollieren. Selbst in der Schweiz ist diese Gewaltenteilung nicht vollständig durchgezogen, da beispielsweise das Parlament den Bundesrat und das Bundesgericht wählt.

Verfassungsgericht – gerade für Volksinitiativen wichtig

Schliesslich spielt auch ein Verfassungsgericht eine wichtige Rolle. Die Verfassung ist die Grundlage des Zusammenlebens, die sich ein Volk gegeben hat, und es braucht eine Instanz, die darüber wacht, dass alle Gesetze und anderen Erlasse mit ihr vereinbar sind. Ein Verfassungsgericht kann Gesetze aufheben, die gegen die Verfassung verstossen. In der Schweiz gibt es ein solches Gericht auf Bundesebene nicht, was eine Schwäche im demokratischen System darstellt. Aktuell werden angenommene Volksinitiativen vom Parlament auf Gesetzesebene einfach nicht umgesetzt.

Demut – Niemand hat das Recht, über andere zu herrschen

Neben diesen strukturellen Voraussetzungen braucht eine Demokratie auch eine gewisse Haltung der Beteiligten, insbesondere Demut. Niemand besitzt die absolute Wahrheit oder das Recht, sich über demokratische Regeln hinwegzusetzen, auch wenn man überzeugt ist, im Interesse des Landes zu handeln. Demokratie lebt vom Respekt gegenüber anderen Meinungen und von Kompromissen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Demokratie weit mehr ist als nur Wahlen und Abstimmungen. Sie erfordert faire Bedingungen, informierte Bürgerinnen und Bürger, unabhängige Institutionen und eine politische Kultur des Respekts und der Verantwortung. Nur wenn all diese Elemente zusammenspielen, kann von einer echten und funktionierenden Demokratie gesprochen werden.

Foto von Louis bei pexels.

26. April 2026/1 Kommentar/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/04/pexels-suissounet-19920845-scaled.jpg 1707 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-04-26 20:10:512026-04-29 13:16:18Demokratie ist mehr als Abstimmen und Wählen

Umweltethik: Der Energiehunger der KI ist noch ihr kleinstes Problem

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Entwicklung, Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Für den barmherzigen Samariter war Nächstenliebe sehr direkt: Jemand liegt auf seinem Weg, blutet und leidet. Im 21. Jahrhundert ist Nächstenliebe komplex geworden – und nichts illustriert das so gut wie die Künstliche Intelligenz (KI). Wir können durch KI unermessliches Leid bewirken – oder auch verhindern. Aber wenn wir das tun, dann vor allem indirekt.

Die Schlagzeilen sind allgegenwärtig: Die «Finanz und Wirtschaft» schreibt vom explodierenden Strombedarf aufgrund von KI1 , im Schweizer Fernsehen wird diskutiert, ob es Energieverschwendung ist, sich bei der KI für eine Antwort zu bedanken2 , und meine eigene Uni Fribourg ermutigt mich zu zurückhaltender KI-Nutzung3 .

Die direkte Umweltbelastung durch KI ist klein

Doch der Eindruck täuscht: Die direkte Umweltbelastung durch den persönlichen KI-Gebrauch ist verschwindend klein. Wenn die KI diesen Text geschrieben hätte, hätte das über hundert Mal weniger Energie gebraucht, als wenn ich und mein Laptop diesen Text zusammen erschaffen4 . Wenn Sie diesen Text innerhalb von zehn Minuten am Laptop lesen, braucht das gleich viel Energie wie zehn KI-Anfragen5 . Das Lesen am Bildschirm ist dabei nicht mal der grosse Sündenbock. Die Herstellung eines physischen Buchs braucht gleich viel Energie wie 6000 KI-Anfragen6 . Mit dem Wasserverbrauch sieht es ähnlich aus. Ein 400-seitiges Buch braucht gleich viel Wasser wie eine Million KI-Anfragen7 .

Im Detail sind diese Zahlen zwar alle mit grosser Unsicherheit behaftet (und sie beziehen sich grösstenteils auf Text-Anfragen, nicht auf Bild-/Video-Anfragen). Aber die Grössenordnung ist nicht unsicher. Wir können als Individuen Grosses für die Umwelt tun, etwa indem wir abstimmen und wählen, spenden, uns pflanzlich ernähren oder auf Flug- und andere Reisen verzichten – aber nicht, indem wir auf KI-Anfragen verzichten.

Wenn die KI-Nutzung für jeden Einzelnen von uns nur einen kleinen Bruchteil des ökologischen Fussabdrucks ausmacht, dann gilt das auch für den Fussabdruck der Menschheit als Ganzes. KI-Rechenzentren waren im Jahr 2024 für weniger als einen Tausendstel der globalen CO2-Emissionen verantwortlich; etwa fünfzig Mal weniger als die Zementproduktion8 . Diese Schätzung ist mit reichlich Unsicherheit behaftet – und vor allem betrifft sie das Jahr 2024. In Sachen KI gehört das zur Steinzeit. Aber auch die Zukunft ist weniger dramatisch als es oft dargestellt wird. Sogar wenn der Stromverbrauch der Rechenzentren im Jahr 2030 auf das Doppelte ansteigt – was die Internationale Energieagentur erwartet – so entspricht das trotzdem «nur» 3% des weltweiten Verbrauchs9 . Dazu kommt, dass wir beim Strom klarere Lösungen für die saubere Herstellung sehen als in Bereichen wie Zement, Stahl, Flugverkehr oder Landwirtschaft10 .

KI ist alles andere als harmlos

Jetzt kommt das grosse Aber. Die direkten Umweltauswirkungen der KI mögen klein sein. Die indirekten Auswirkungen sind es nicht. Die KI könnte unsere Welt auf den Kopf stellen – und falls sie das tut, dann geht das nicht, ohne die Umwelt zu tangieren.

«Die direkten Umweltauswirkungen der KI mögen klein sein. Die indirekten Auswirkungen sind es nicht.»

Ökonominnen und Ökonomen erwarten typischerweise, dass KI das Wirtschaftswachstum spürbar ankurbeln wird11 . Selbstfahrende Autos könnten zu einem höheren Verkehrsaufkommen beitragen. KI könnte totalitäre Regimes stärken, weil sie die Bevölkerung besser kontrollieren können, oder demokratische Regimes durch eine wirtschaftliche Machtkonzentration untergraben – beides wäre eine Gefahr für die politische Regulierung von Umweltproblemen. Effekte dieser Art schenken wohl weit mehr ein als die Emissionen der Rechenzentren selbst.

Natürlich könnte auch das Gegenteil eintreten. Wenn die KI in Google Maps für kürzere und flüssigere Fahrten sorgt, dann ist das gut für die Umwelt. Ebenso ist es für die Nachhaltigkeit gut, wenn die KI die Forschung zu sauberen Technologien beschleunigt, in polarisierten und ideologischen Umweltdebatten sachliche Information verbreitet oder Stürme und Dürren besser vorhersagen lässt.

Ich sehe zurzeit keine besonders starke Evidenz dafür, dass die indirekten Umweltauswirkungen der KI unter dem Strich gut oder schlecht sind. Aber ich sehe starke Evidenz dafür, dass sie gross sein könnten: entweder sehr gut oder sehr schlecht. Im Gegensatz zu den direkten Auswirkungen der Rechenzentren ist die Bandbreite an möglichen Folgen riesig. Der Grund ist schlicht und einfach, dass KI viel kann. Wenn ich mich in einer Wette festlegen müsste, so würde ich daraufsetzen, dass KI transformativer sein wird als technologische Innovationen wie Radio, Laser oder GPS – und auch als das Internet oder sogar die Elektrizität.

Wenn wir nicht bloss die Umweltfolgen der KI in Betracht ziehen, sondern ihre Auswirkungen auf die Würde und das Wohlergehen von Gottes Geschöpfen umfassender anschauen, dann sind etwas klarere Aussagen möglich. Zurzeit können nämlich radikal schlechte Szenarien – inklusive eines Kontrollverlusts über diese Technologie – nicht mit genügend hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, um allfällige positive Folgen für die Zukunft aufzuwiegen. Nobelpreisträger Geoffrey Hinton, einer der drei «Godfathers» der KI, hat die Wahrscheinlichkeit einer KI-getriebenen Menschheitsauslöschung in den nächsten drei Jahrzehnten öffentlich auf 10-20% beziffert12 . In einer Umfrage unter mehr als zweitausend Mitgliedern der KI-Forschungsgemeinschaft gab jeder Dritte eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 10% an, dass KI zu einem Ergebnis führt, das so schlimm wie die Menschheitsauslöschung ist13 .

Eine solche Gefahr kann durch kaum etwas aufgewogen werden. Auch wenn die KI Dürren, Depression und Diktatoren ins Geschichtsbuch versetzen könnte – die Negativrisiken sind zurzeit zu hoch, als dass wir diese Technologie unterstützen sollten.

Das Fazit

Das Fazit lautet also:

  1. Die direkten Umweltauswirkungen der KI sind klein.
  2. Die indirekten Umweltauswirkungen der KI könnten sehr gross sein – und zwar im positiven wie im negativen Sinn.
  3. Die weiteren Auswirkungen der KI könnten ebenfalls sehr positiv oder sehr negativ sein. Die möglichen negativen Folgen sind aber derart schlimm und lassen sich nur derart schwer ausschliessen, dass wir bezüglich KI sehr zurückhaltend sein sollten.

Oder in einem Slogan gesagt: KI-Skepsis ist angebracht …

aber nicht, weil die KI so viel Energie braucht (und dabei nicht mal was bringt, weil sie ja sowieso nichts kann);
sondern genau, weil die KI so viel kann (und dabei nicht mal so viel Energie braucht).

Und ein Fazit, das über die KI hinausgeht

Man könnte es als glücklichen Zufall ansehen, dass die direkten Umweltauswirkungen der KI oft überschätzt werden. Denn schliesslich befeuert diese Überschätzung die KI-Skepsis – und genau diese Skepsis ist ja angebracht! Richtiger Schluss, falsche Begründung.

Doch ich glaube nicht, dass man diese Überschätzung begrüssen sollte. Letztlich zahlt es sich aus, wenn wir uns um ein genaues Erfassen der Wirklichkeit bemühen. Die Auswirkungen unseres Handelns sind in den letzten Jahrzehnten viel komplexer geworden. Wer heutzutage den Nächsten dienen will, sollte die eine Hälfte der Zeit dafür einsetzen, abzuschätzen, wie den Nächsten denn tatsächlich gedient ist – und nur die andere Hälfte der Zeit, um diese Einsichten auch in die Tat umzusetzen. Damit praktizieren wir wirksamere Nächstenliebe, als wenn wir blind draufloshandeln – zum Beispiel, indem wir blind auf KI-Anfragen verzichten, obwohl diese KI-Anfragen uns dabei helfen könnten, den Nächsten zu dienen.

Die Welt ist nicht derart verwirrend geworden, dass sich unsere Bemühungen um ein besseres Verständnis nicht mehr lohnen würden. Wir können weiterhin abschätzen, was unseren Nächsten viel hilft und was wenig. Dazu ist es aber nötig, dass wir:

  • weniger auf unsere Intuition hören, welche direkte, sichtbare Effekte überschätzt – und mehr auf (sorgfältig ausgewählte) Fachpersonen hören;
  • weniger darauf achten, ob etwas einen guten oder schlechten Effekt hat – und mehr auf die Grössenordnungen dieser Effekte achten;
  • weniger an umfassende und unveränderliche Schwarz-Weiss-Narrative glauben – und uns flexibler auf neue Daten und Argumente einlassen, die nicht in unser bisheriges Weltbild passen.

Quellen

1. https://www.fuw.ch/ai-boom-laesst-strombedarf-explodieren-855216581552

2. https://www.srf.ch/sendungen/kassensturz-espresso/espresso/kuenstliche-intelligenz-hoeflich-zur-ki-eine-reine-energieverschwendung

3. https://www.unifr.ch/durabilite/assets/public/assets/uploads/L_impact_nerg_tique_de_l_utilisation_de_l_IA_1.pdf

4. https://andymasley.substack.com/p/a-cheat-sheet-for-conversations-about?open=false#%C2%A7ais-effect-on-climate-will-mostly-depend-on-how-its-used-not-on-what-happens-in-data-centers:~:text=Using%20a%20laptop%20for%201%20minute

5. https://andymasley.substack.com/p/a-cheat-sheet-for-conversations-about?open=false#%C2%A7ais-effect-on-climate-will-mostly-depend-on-how-its-used-not-on-what-happens-in-data-centers:~:text=to%20use%20more%20energy%20per%20minute%20than%20ChatGPT

6. https://andymasley.substack.com/p/a-cheat-sheet-for-conversations-about?open=false#%C2%A7ais-effect-on-climate-will-mostly-depend-on-how-its-used-not-on-what-happens-in-data-centers:~:text=going%20to%20use%20more%20energy

7. https://andymasley.substack.com/p/the-ai-water-issue-is-fake?open=false#%C2%A7how-big-of-a-deal-is-it-that-data-centers-use-potable-water:~:text=%2D%202550%20prompts-,A%20400%20page%20book%20%2D%201%2C000%2C000%20prompts,-If%20you%20want

8. https://andymasley.substack.com/p/a-cheat-sheet-for-conversations-about?open=false#%C2%A7ais-effect-on-climate-will-mostly-depend-on-how-its-used-not-on-what-happens-in-data-centers:~:text=But%20all%20AI,as%20cement%20production.

9. https://www.iea.org/reports/energy-and-ai/energy-demand-from-ai#:~:text=Our%20Base%20Case%20%C2%A0finds%20that%20global%20electricity%20consumption%20for%20data%20centres%20is%20projected%20to%20double%20to%20reach%20around%20945%C2%A0TWh%20by%202030%20in%20the%20Base%20Case%2C%20representing%20just%20under%203%25%20of%20total%20global%20electricity%20consumption%20in%202030

10. Die Zahlen in diesem Abschnitt stützen sich primär auf die Übersichten von Andy Masley. Er legt seine Zahlen transparent dar, begründet nüchtern, legt Unsicherheiten offen, und setzt sich mit den divergierenden Zahlen – bzw. Narrativen – auseinander. Meines Wissens gibt es keine signifikanten Einwände gegen sein Fazit. Wenn es um umstrittene Fakten im Umweltbereich geht, so höre ich jeweils auf die Daten- und Umweltwissenschaftlerin Hannah Ritchie und sie hat Andy Masleys Recherchen explizit empfohlen. Auch andere unabhängige Quellen blasen ins gleiche Horn. Eine prominente Buchautorin hat ihre Zahlen zum KI-Wasserverbrauch aufgrund von Masleys Recherchen massiv angepasst. An dieser Stelle will ich mit Dank anerkennen, dass sich dieser Artikel nicht nur für die Zahlen auf Andy Masleys Arbeit stützt, sondern auch breiter von seinem Framing und seiner Argumentation profitiert.

11. https://tecunningham.github.io/posts/2025-10-19-forecasts-of-AI-growth-extended.html

12. https://www.theguardian.com/technology/2024/dec/27/godfather-of-ai-raises-odds-of-the-technology-wiping-out-humanity-over-next-30-years

13. https://arxiv.org/abs/2401.02843


Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

1. März 2026/0 Kommentare/von Dominic Roser
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/QmZPFrxRKYuHU7Gxv942r1Vo5jLiQ3QuMMdnoLetexqy5k.jpg 1000 1500 Dominic Roser https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Dominic Roser2026-03-01 11:49:122026-06-01 15:55:35Umweltethik: Der Energiehunger der KI ist noch ihr kleinstes Problem

Nein zur SRG-Halbierungsinitiative

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Am 8. März gelangt die SRG-Initiative zur Abstimmung. Statt der heutigen 335 soll die SRG für die Nutzerinnen und Nutzer nur noch 200 Franken kosten. Diese Beschneidung der Gebühren heisst, die Informationsmacht den Milliardären und deren Medienkonzernen zu überlassen.

Der Rückgang der Demokratie in allen Weltregionen hat auch mit der Polarisierung der Information durch Medienkonzentrationen und den Algorithmen des Internets zu tun. In diesem Zusammenhang ist die Aufrechterhaltung einer zuverlässigen Informationsquelle mit grosser Reichweite wie der SRG entscheidend. Denn die Demokratie braucht Wahrheit und ausgewogene Information.

Nehmen Geld und Ideologien von Reichen in den Medien überhand?

  • In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl vor allem regionaler Zeitungen in der Schweiz gesunken, grösstenteils durch Fusionen und Aufkäufe. Die verbleibenden konzentrieren sich in immer weniger Besitzerhänden und werden teilweise von Milliardären aufgekauft und zusammengelegt.
  • Tamedia besitzt fast 50 Prozent am Schweizer Zeitungsmarkt
  • AZ/NZZ halten fast 20 Prozent in der Deutschschweiz
  • Ringier und mit ihm der Axel Springer-Verlag konzentrieren ebenfalls einen grossen Teil
  • Als erster Milliardär hat Tito Tettamanti im Jahr 2001 den Jean Frey-Verlag gekauft und dessen Weltwoche umgepolt. Darauf folgte im Jahr 2010 die Basler Zeitung (BaZ), die trotz Christoph Blochers Dementi in dessen Hände gelegt worden ist. Im Jahr 2018 verkaufte Blocher die BaZ an Tamedia, erhielt aber dafür eine ganze Reihe von Gratis-Wochenblättern, die nun wöchentlich über eine halbe Million Haushalte erreichen und weitgehend SVP-Propaganda transportieren.

Unter diesen Bedingungen ist die Medienlandschaft in den letzten Jahrzehnten weiter nach rechts gerückt. Davon sind auch christliche Medien betroffen. Auch sie sind von grossen Spendern und deren Meinung abhängig. Einzelne Stimmen meinen, dies sei gut so, denn die Medien seien ja meist links gewesen. Der von verschiedenen Kreisen gerne gepflegte Mythos, dass die Medien links seien, hält wissenschaftlichen Analysen nicht stand: Eine Untersuchung der Uni Zürich zwischen 2018 und 2023 zeigt einen Pik um die Mitte herum mit Ausreissern nach links und nach rechts. Auch SRF ist offenbar nicht links. Zudem zeigt die regelmässige Auswertung der Uni Zürich zur Berichterstattung zu Initiativen und sonstigen Abstimmungen, dass linke Anliegen in der Regel nicht besser wegkommen. Aber ist nicht die Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten «links»? Eine Umfrage der ZHAW scheint dem Recht zu geben. Doch offenbar entscheiden die Verleger und nicht die Journalisten, in welche Richtung es geht. Der Richtung der Medien ist offenbar eher liberal als konservativ, aber genauso rechtsliberal wie linksliberal.

Ein Blick ins Ausland, wo das hinführen kann

Andere Länder sind diesbezüglich bereits einen Schritt weiter:

  • In Grossbritannien haben Rupert Murdoch und andere Rechtskonservative bereits in den 70-er-Jahren zahlreiche Medien aufgekauft und mit ihrer Propaganda erfolgreich für die Wahl von Margaret Thatcher und ihrer Desolidarisierungsideologie Propaganda gemacht.
  • In Frankreich hat Vincent Bolloré in den letzten 20 Jahren eine ähnliche Stellung wie Murdoch aufgebaut, dazu die Familien Dassault und Pierre-Edouard Stérin. Es gibt mehrere Studien, die die Medienkonzentration in Frankreich untersuchen. Libération fasst die Situation wie folgt zusammen: Im Februar 2022 entfielen 81 Prozent der nationalen Tageszeitungsverkäufe, 95 Prozent der Wochenzeitungen mit allgemeinem Interesse, 47 Prozent der Radiohöreranteile und 57 Prozent der Fernsehzuschaueranteile auf 11 Milliardäre. Unter den Milliardären, die den Medienmarkt dominieren, sticht Vincent Bolloré besonders hervor. Diese Konzentration hat zu einem noch stärkeren Aufschwung der rechtskonservativen Bewegungen als sonst in Westeuropa geführt.
  • In den USA ist der Prozess der Medien-Fusionen und der Ausdünnung der lokalen Berichterstattung schon länger im Gange. Heute können sich nur noch Milliardäre Medien leisten. Diese üben heute ihren Einfluss auch stärker aus: So hat Jeff Bezos von Amazon die früher eher linke Washington Post aufgekauft und 2025 verstärkt kritische Berichterstattungen blockiert. In den letzten Jahren sind Persönlichkeiten dazu übergegangen, bei missliebigen Artikeln Millionenklagen gegen das entsprechende Medium (Weaponized Lawsuit) anzustreben, was einen sogenannten «Chilling Effect», also eine Selbstzensur, zur Folge haben kann. Präsident Trump hat diesen Druck durch zahlreiche Milliardenklagen, Drohungen und gesetzliche Massnahmen noch massiv erhöht. Dadurch musste CBS an einen seiner Freunde verkauft werden. Dessen höchst erfolgreiche Satiresendung mit Trump-Kritiker Stephen Colbert wird im Mai 2026 eingestellt werden.

Im Rahmen des Ziels, die Gegner zum Schweigen zu bringen, wurde auch die Finanzierung der öffentlichen Fernsehsender in den USA eingestellt. Dies zeigt eine Parallele zur Schweiz, wo die SRG-Initiative auch aus der Partei kommt, die Trump am nächsten steht (und deren Überväter Blocher und Köppel Trump-Sympathisanten sind).

Es braucht unabhängige Medien gegen Propaganda

Gleichzeitig informieren sich mehr Menschen im Internet und treffen dort oft auf die Informationen und Algorithmen, die im Besitz von Milliardären wie Mark Zuckerberg und Elon Musk mit ihren teilweise rechtsextremen Propaganda-Absichten sind. Sie lassen auch ganz offen Falschinformationen, Verleumdungen und Hasspropaganda freien Lauf. Wir sind aus einem Informations- in einem Desinformationszeitalter angekommen.

In dieser Zeit mit wachsenden Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung braucht es Medien, die noch genügend Zeit für gut recherchierte und nicht von Interessen gesteuerte Berichte haben, die wie die SRG in Wahlkämpfen eine ausgeglichene Präsenzzeit aller Parteien einhalten müssen und die Faktenchecks korrekt durchführen. Denn wenn nur noch bestimmte Interessen verfolgt werden, dann herrscht Propaganda und nicht Wahrheit. Dies muss uns Christinnen und Christen, die wir die Wahrheit hochhalten, dazu motivieren, nein zu dieser Initiative zu sagen.

Dabei wird manchmal gesagt, die SRG sei «vom Staat gesteuert» und mache Staatspropaganda. Solche Vorwürfe entstehen aus Verschwörungstheorien und der Angst vor einem allmächtigen Staat, was auch von den an grösseren Freiheiten interessierten Wirtschaftskreisen gefördert wird, die an grösserer Freiheit interessiert sind. Denn «der Staat» ist in der Schweiz nicht links, wie das die Mehrheiten im Bundesrat und der Bundesversammlung zeigen. Zudem hat er viel weniger Macht als in anderen Ländern und erst recht kaum Einfluss auf die Inhalte des Fernsehprogramms. Dies ganz im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen der Medien, die von Milliardären finanziert werden. Genau darum geht es bei der Abstimmung am 8. März 2026. Lassen wir uns durch die Reduktion der Fernsehgebühr um 135 Franken ködern?

Foto von Ajeet Mestry auf Unsplash

2. Februar 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/02/ajeet-mestry-UBhpOIHnazM-scaled.jpg 1440 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-02-02 14:32:042026-06-01 16:03:15Nein zur SRG-Halbierungsinitiative

Warum Christen so gerne Diktatoren wählen – eine theologische Vertiefung

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gesellschaft, Nationalismus, Philosophie, Politik, Soziales, Theologie
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In einem ersten Teil zum gleichen Thema, den wir am 18. Dezember 2025 veröffentlicht haben, befasste sich unser Autor auf soziologischer Ebene mit der Frage, warum Christinnen und Christen immer wieder autokratische Figuren unterstützen. Nun vertieft er das Thema theologisch.

Von aussen wirkt das Phänomen befremdlich: Ausgerechnet in religiösen Milieus, die sich auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Lehre Jesu berufen, finden autoritäre Politiker oftmals die treuesten Unterstützer. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA, wo ein grosser Teil der evangelikalen Bewegung Donald Trump als „Werkzeug Gottes“ betrachtet.
Die Frage ist nicht nur politisch, sondern zutiefst theologisch: Warum sind gläubige Menschen anfällig dafür, autoritären Führungsfiguren zu vertrauen? Und wie lässt sich diese Tendenz aus christlicher Perspektive kritisch beleuchten?

  1. Autoritäre Attraktivität: Wann Macht religiös vertraut wirkt
    Theologen und Religionssoziologen weisen seit Jahren darauf hin, dass bestimmte Gottesbilder politisches Verhalten prägen. Insbesondere im alttestamentlichen Kontext begegnet Gott als universaler Herrscher, als König, der kämpft, richtet und absolute Loyalität einfordert (vgl. Ps 2). Dieses Herrschaftsverständnis vermittelt Sicherheit und Identität – und es ist tief verankert in der christlichen Frömmigkeitstradition.
    Für viele Gläubige entsteht dadurch eine intuitive Vertrautheit mit absoluter Macht. Wer an einen souveränen Herrscher glaubt, für den wirkt auch ein starker politischer Anführer zunächst nicht befremdlich, sondern strukturell vertraut. Wenn dieser zudem religiöse Rhetorik bemüht, erscheint er nicht selten als irdischer Vertreter göttlicher Ordnung. Die Brücke zwischen religiösem und politischem Autoritarismus ist damit zwar nicht zwangsläufig, aber erklärbar.
  2. Gesetzesfrömmigkeit und die politische Übersetzung von „Law and Order“
    Zentral für das alttestamentliche Welt- und Gottesverständnis ist die Tora – ein komplexes System aus Geboten, Vorschriften und moralischen Normen. Das religiöse Leben Israels war geprägt von klaren Grenzziehungen, moralischen Forderungen und einer starken normativen Struktur. Psalm 119 feiert diese göttliche Ordnung in vielen Versen. Diese moralisch-normative Prägung findet sich bis heute in vielen christlich-konservativen Milieus. Dort wird politisches Handeln unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung moralischer Ordnung bewertet.
    Wenn ein Politiker klare Regeln, harte Durchsetzung und moralische Disziplin ankündigt, spricht er ein religiös vertrautes Bedürfnis an. Komplexität und Ambiguität – die Grundbedingungen pluralistischer Gesellschaft – wirken dagegen bedrohlich oder zumindest irritierend. Daraus entsteht eine Affinität zu Politikern, die Schwarz-Weiss-Logiken nutzen: Sie erscheinen moralisch konsistent, während differenzierte Politik oft als schwach oder unklar wahrgenommen wird.
  3. Angst als theologischer Katalysator
    Politische Autoritarismusforschung zeigt: Je stärker die Unsicherheit, desto grösser der Wunsch nach Ordnung. Christen sind hier keine Ausnahme – im Gegenteil: Religiöse Milieus reagieren besonders sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, die moralische Orientierung, familiäre Strukturen oder kulturelle Identität in Frage zu stellen scheinen. Migration, Globalisierung, moralischer Wandel oder technologische Beschleunigung können als Bedrohung erlebt werden. Ausgerechnet in solchen Momenten wird der „starke Mann“ attraktiv. Er verspricht nicht Dialog, sondern Entscheidung. Nicht Prozesse, sondern Ergebnis. Nicht Komplexität, sondern Klarheit.
    Das erinnert stark an religiöse Erfahrungen von Orientierung und Führung – allerdings ohne deren geistliche Tiefe. Dabei ist die Parallele trügerisch: Während Gottes Orientierung durch Liebe und Vergebung charakterisiert ist, gründet sich autoritäre Politik meist auf Angst und Abgrenzung.
    Religiöse Kulturen, die durch starke Gesetzesorientierung, absolute Wahrheitsansprüche und ein hierarchisches Gottesbild geprägt sind, neigen weltweit zur Akzeptanz autoritärer Strukturen. Darum ist das Phänomen der Diktatorenfalle auch in anderen Religionen und Kulturen wahrzunehmen, wie dem Islam oder dem Hinduismus.
    Gerade der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie gefährlich dieses Muster werden kann. Christen hatten in der Weimarer Republik nicht nur Angst vor ökonomischer und politischer Instabilität, sondern auch vor moralischem Verfall und gesellschaftlichem Chaos. Hitlers autoritäres Auftreten, sein Versprechen von Ordnung und nationaler Wiederherstellung fand bei vielen Christinnen und Christen Zuspruch. Die „Bekennende Kirche“ war eine Minderheit. Die Mehrheit bekannte sich – aktiv oder schweigend – zu einem Regime, das aus christlicher Perspektive unmissverständlich dem Geist Christi widersprach.
  4. Die christologische Korrektur: Warum Jesus das Gegenmodell zum autoritären Führer ist
    Der entscheidende geistliche Punkt lautet: Christliche politische Ethik kann nicht vom alttestamentlichen Herrschaftskonzept abgeleitet werden. Sie muss von Christus her begründet sein. Und das bedeutet: Jesus ist die Mitte politischer Urteilsbildung.Das Neue Testament präsentiert einen Messias,
    · der Macht ablegt, statt sie zu instrumentalisieren,
    · der Gewalt verweigert, statt sie religiös zu legitimieren,
    · der Randgruppen sucht, statt sie auszuschliessen,
    · der Feinde liebt, statt sie zu vernichten,
    · der Dialog sucht, statt Fronten zu verhärten,
    · der auf Opfer verzichtet, statt Opfer zu verlangen.Die Tempelreinigung – oft als Rechtfertigung für „heiligen Zorn“ missbraucht – ist theologisch gesehen Ausnahme, nicht Prinzip. Die Macht Jesu ist nicht autoritär, sondern sanftmütig, nicht dominierend, sondern dienend. Damit stellt Jesus ein radikales Gegenmodell zu autoritären Figuren dar.
  5. Konsequenzen für die politische Urteilsbildung von Christinnen und Christen

Christen sind eingeladen, politische Entscheidungen nicht aus Angst, Nostalgie oder moralischem Alarmismus zu treffen, sondern aus geistlicher Reife heraus. Das bedeutet:

  • Kritische Selbstprüfung
    Welche meiner politischen Präferenzen werden durch Angst gesteuert?
Welche durch das Bedürfnis nach Kontrolle?
Welche durch mein Gottesbild?
  • Christus als hermeneutischer Schlüssel
    Passt der Führungs-und Lebensstil eines Politikers zu dem Stil Jesu?
Behandelt er Schwache mit Würde?
Fördert er Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit?
  • Sensibilität für Machtmissbrauch
    Christlicher Glaube ist grundsätzlich kritisch gegenüber menschlicher Macht.
Wer Macht sammelt, muss deshalb besonders sorgfältig beurteilt werden.
  • Förderung demokratischer Tugenden
    Dialog, Pluralismus und Kompromiss sind keine Schwäche, sondern Spiegel der menschlichen Würde. Sie entsprechen der Art Jesu, der Menschen ernst nimmt – selbst seine Gegner.
    Christen geraten nicht deshalb in die Diktatorenfalle, weil sie böse oder unreflektiert wären. Sie geraten hinein, weil bestimmte religiöse Muster politisch missbraucht werden können: das Bedürfnis nach Ordnung, die Sehnsucht nach Orientierung und die Angst vor dem Unbekannten. Der Weg aus dieser Falle führt nicht über Ideologie – sondern über Theologie. Über Jesus Christus. Über seine Art zu herrschen. Über seine Art, Mensch zu sein. Wer ihm folgt, wird nicht unkritisch Macht verehren. Wer ihn betrachtet, wird nicht Angst, sondern Liebe zum Massstab machen. Und wer ihn ernst nimmt, wird jede Form von autoritärer Verführung durchschauen.

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22. Dezember 2025/0 Kommentare/von Martin Benz
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/12/QmVPAuAxfmEkPy8Z6QzywjFUNnCur66b1MbFMS4EnqmM3m-NEG-scaled.jpg 1440 2560 Martin Benz https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Benz2025-12-22 10:00:062025-12-21 23:28:38Warum Christen so gerne Diktatoren wählen – eine theologische Vertiefung

Warum Christen so gerne Diktatoren wählen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gesellschaft, Nationalismus, Philosophie, Politik, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Ein Blick in Geschichte und Gegenwart bringt es an den Tag: Christinnen und Christen folgen immer wieder gerne autoritären Machthabern. Was sind die Gründe dafür? Martin Benz geht dieser Frage nach.

Warum wählen Christen so gerne Diktatoren? Diese Frage ist natürlich provokativ, und ich möchte keinesfalls allen Christen unterstellen, dies zu tun. Dennoch ist es interessant, dass es unter konservativ Gläubigen eine ganze Reihe gibt, die dazu neigen, starke Machthaber oder Alleinherrscher zu wählen – Leute wie Trump, die die Wahrheit für sich pachten und ein ganz eigenes Narrativ erzählen.

Wir erleben das aktuell in den USA, wo Trump stark von den „White Evangelicals“ getragen wird. Diese Gruppe steht uneingeschränkt hinter ihm und stellt ein wichtiges Wählerpotenzial dar. Das gleiche Phänomen sahen wir auf den Philippinen mit Präsident Duterte, einem sehr rigorosen und rücksichtslosen Herrscher, der im katholischsten Land der Welt mit Unterstützung der katholischen Mehrheit gewählt wurde. In Brasilien konnte Präsident Bolsonaro auf breite Unterstützung der evangelikalen Pfingstler zählen. Ähnliches gilt für Putin in Russland, der von der orthodoxen Kirche unterstützt wird, oder für die rechtskonservative Partei in Polen im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche. Leider finden wir diese Strömung auch in Deutschland, wo viele Christen mit der AfD sympathisieren oder sie sogar wählen.

Was sind die Ursachen?

Womit hängt das zusammen? Warum sind Christinnen und Christen so anfällig für die „Diktatorenfalle“? Hier sind drei mögliche Erklärungsansätze:

  1. Das Gottesverständnis aus dem Alten Testament
    Zum einen hat dies mit unserem Herrschaftsverständnis Gottes zu tun, das uns stark vom Alten Testament her prägt. Dort stellt sich Gott oft als der Allherrscher vor: der allmächtige Gott, der Herrscher der ganzen Welt, der vor seinem Volk steht und andere Völker oder Götter vernichtet bzw. entmachtet. Besonders in den Psalmen (z. B. Psalm 2) finden wir Textstellen, die von dieser uneingeschränkten Herrschaft sprechen. Selbst wenn sich Völker auflehnen, festigt Gott seine Herrschaft und bereitet dem Widerstand ein Ende. Alle müssen sich beugen; sein Wille gilt absolut.
    Dieses Bild der absoluten Herrschaft Gottes ist uns vertraut und vermittelt Sicherheit: Wenn man zu diesem Gott gehört, steht man auf der Siegerseite. Das hat positive Aspekte wie Geborgenheit und Halt. Aber wenn man sich an diese absolute Herrschaftsform gewöhnt hat, wirkt auch eine irdische Herrschaft, die diesen „militanten“ oder absoluten Geschmack hat, vertraut. Ein Christ fremdelt nicht so stark mit autoritären Strukturen auf Erden. Wenn ein Herrscher dann noch suggeriert, er handle im Auftrag Gottes, sagen sich viele Christen: „So einen Mann haben wir gebraucht.“ Selbst wenn Freiheiten eingeschränkt oder Minderheiten unterdrückt werden – solange die Christinnen und Christen ihre Religion ausüben können, wird das akzeptiert.
  2. Die Sehnsucht nach „Law and Order“
    Ein zweiter Grund ist, dass die Herrschaft Gottes im Alten Testament stark auf Gesetzen, Geboten und Vorschriften gründet. Es herrscht eine hohe Moralvorstellung, definiert durch klare Anweisungen (Tora). Dieses „Law and Order“-Prinzip wird im Alten Testament gepriesen (z. B. in Psalm 119). Ordnungen werden als positiv empfunden und Verstösse dagegen werden hart bestraft.
    Wenn ein irdischer Herrscher nun Regeln, Gesetze und „Law and Order“ betont, kommt dies konservativen Christen sehr entgegen. Sie fühlen sich verpflichtet, jemanden zu wählen, der „klare Kante“ zeigt und Ordnung schafft. Ein Herrscher, der „wachsweich“ wirkt, ist ihnen suspekt.
    Dies ist auch ein Problem der Kirche, die sich angewöhnt hat, als Moralapostel aufzutreten. Das erklärt, warum der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche so schwer wiegt: Wer so moralisch auftritt und strenge Regeln (z. B. bei Wiederheirat) predigt, verliert massiv an Glaubwürdigkeit, wenn in den eigenen Reihen Verbrechen geschehen.
  3. Der Faktor Angst
    Der dritte Aspekt hängt eng mit dem zweiten zusammen: Angst. Je verunsicherter wir uns fühlen – sei es durch Pluralismus, Globalisierung oder unklare Verhältnisse –, desto lieber ist uns wieder „Law and Order“. Wenn die Welt chaotisch wird und alte Gewissheiten schwinden, rufen Menschen nach dem „starken Mann“, der Orientierung bietet. Man nimmt in Kauf, dass andere dabei unter die Räder kommen, Hauptsache, das eigene Ordnungssystem ist wiederhergestellt.
    In Krisenzeiten sind Länder besonders anfällig für Diktatoren. Leider merkt man oft erst zu spät, dass man den falschen Mann gewählt hat – nämlich dann, wenn die eigenen Freiheiten auch beschnitten werden. Da Christinnen und Christen gewohnt sind, dass Gott durch klare Anweisungen Orientierung und Sicherheit schenkt, fremdeln sie weniger mit Herrschern, die ähnlich autoritär auftreten.

Historische und interreligiöse Parallelen

Diese „Diktatorenfalle“ betrifft nicht nur Christen. Auch andere Religionen mit einem ähnlichen Gottesbild sind anfällig, etwa der konservative Islam (Beispiel IS, Iran oder Türkei). Je „frömmer“ die Leute sind, desto eher akzeptieren sie absolute Herrschaftsformen, bei denen Religion und Staat verschmelzen.

Auch in Deutschland haben wir diese Erfahrung gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg führten wirtschaftliche und politische Verunsicherung dazu, dass viele Christen in die Diktatorenfalle liefen und Adolf Hitler wählten. Nur eine Minderheit in der Bekennenden Kirche durchschaute dies. Den meisten war der Gedanke einer absoluten Herrschaft und einer „klaren Kante“ nicht fremd.

Ich sage das heute leicht von meinem Schreibtisch aus. Ich weiss nicht, wie ich damals gehandelt hätte und ob ich nicht auch mitgelaufen wäre. Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute Gedanken machen und diese Mechanismen durchschauen, um nicht erneut in diese Falle zu tappen.

Jesus als politisches Vorbild

Ich bin der Meinung, dass wir für unsere politische Bildung nicht das Alte Testament, sondern Jesus Christus brauchen. Jesus lebte eine völlig andere Art von Herrschaft. Er war bescheiden, sanftmütig und von Herzen demütig. Sein Umgang mit Randgruppen, Schwachen und Sündern ist für mich programmatisch. Auch seine Kritik am religiösen Establishment, das die Nähe zur Macht suchte, ist wegweisend.

Manche mögen einwenden: „Aber Jesus hat doch die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben!“ Das stimmt, aber diese Szene ist die grosse Ausnahme, nicht das Programm seines Lebens. Wer stark vom alttestamentlichen Herrscherbild kommt, stürzt sich auf diese Szene, weil sie ins eigene Weltbild passt. Aber in Jesus begegnet uns der Sanftmütige, der jegliche gewaltsame Herrschaft ablehnt. Er ruft keine Engel-Legionen, er schlägt nicht zurück. Er ist der Dreh- und Angelpunkt für unsere politische Bildung.

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18. Dezember 2025/1 Kommentar/von Martin Benz
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Die «Blackbox» Künstliche Intelligenz

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Entwicklung, Gesellschaft, Technologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

KI wirft aktuell viele Fragen auf, die einen ratlos zurücklassen. Der nachfolgende Artikel gibt einen groben Überblick, was KI ist, wie sie funktioniert und wo die Schwachstellen liegen, ohne einseitig Ängste zu schüren. Der Autor macht aber auch darauf aufmerksam, wo die Gefahren lauern.

Die Ankunft von ChatGPT vor etwa drei Jahren hat einen enormen Hype ausgelöst. Die Benutzeroberfläche könnte einfacher nicht sein: Ein fast leeres Browserfenster mit einem Eingabefeld (Prompt-Fenster) in der Mitte. Ich wollte ein wenig unter die Oberfläche gucken und habe gemerkt, dass das ganze Thema riesig und durchaus nicht so übersichtlich ist, wie man zuerst denkt. Ein Text wie dieser kann nur der Versuch sein, ein bisschen von dem zu erhellen, was in der Blackbox KI verborgen ist. In einem zweiten Teil möchte ich später untersuchen, inwiefern die grossen Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) uns helfen, im Online-Informationsdschungel der Wahrheit auf die Spur zu kommen – oder auch nicht.

Wie funktioniert ein LLM, ein grosses Sprachmodell wie ChatGPT? Meistens wird erklärt, die Funktionsweise gleiche der eines Gehirns mit zahlreichen Neuronen, wobei jeweils das wahrscheinlichste nächste Wort in einem bestimmten Kontext berechnet wird. ChatGPT ist lernfähig durch unzählige Wiederholungen von Versuch und Irrtum (Deep Learning). Das wird so oft gesagt, dass es – natürlich vereinfacht – stimmen muss. Dennoch erscheint mir so ein Ding wie eine kognitive Wundertüte – sowohl in Bezug auf die Geschwindigkeit wie auch auf den Inhalt der Ausgabe. Auch für die Expertinnen und Experten sowie die entwickelnden Firmen ist nicht nachvollziehbar, weshalb ihre Produkte zu diesem oder jenem Output gelangen.

Nicht nur ChatGPT steckt dahinter

ChatGPT ist im Westen klarer Marktführer, aber daneben gibt es noch weitere grosse Modelle. Die Firmen, die sie entwickeln, heissen OpenAI, xAI oder Anthropic. Hier eine kurze Übersicht, welche ganz grossen Tech-Unternehmen jeweils beteiligt sind:

KI-ChatbotBeteiligtes US-UnternehmenForm der Beteiligung
ChatGPT (OpenAI)Microsoft, AppleMicrosoft: Investor, Minderheitsbeteiligung, ca. 49%, Apple: keine Beteiligung, technische Partnerschaft (Integration auf Apple-Geräten)
Gemini (Google)Alphabet (Google)Besitzer und Entwickler
Claude (Anthropic)Amazon und AlphabetMinderheits-Investoren
Grok (xAI)Elon MuskBesitzer / CEO
Llama (Open Source)Meta (Facebook/WhatsApp)Besitzer und Entwickler

Urheber oft nicht entschädigt

Eine frisch gebaute KI ist dumm. Bevor sie einen Nutzen hat, muss sie an riesigen Datenmengen trainiert werden – in etwa so, wie ein kleines Kind sprechend lernt, seine Umwelt zu verstehen. Die Trainingsdaten umfassen typischerweise öffentlich zugängliche Internetseiten wie Gratiszeitungen oder Wikipedia, Tausende von Büchern und anderes – oft ohne die Urheber dafür zu entschädigen. Die genaue Zusammensetzung ist ein Geheimnis der Entwickler. In einer zweiten Phase, dem Fine-Tuning, werden die Modelle unter anderem mit realen Chats trainiert.

Die Daten für diese zweite Phase bestehen aus den Anfragen der Anwender inklusive Antworten der KI. Dies geschieht bei den meisten Modellen automatisch, ausser man lehnt es ausdrücklich ab oder aktiviert den «temporären»/«anonymen» Modus, bei dem aber auch der Chatverlauf nicht gespeichert wird, oder man wählt die Bezahlvariante. Anders gesagt gilt auch hier: Kostenlose IT-Tools sind nicht wirklich kostenlos. Nach offiziellen Angaben werden die Daten nirgends langfristig gespeichert, aber wirklich klar ist das nicht. Einen anderen Ansatz wählt Anthropic (Claude). Dieses Unternehmen verwendet keine Daten seiner User fürs Training und hat eine ausführliche Dokumentation, wie es mit Benutzerdaten umgeht. Open AI hat Letzteres zwar auch, aber vieles darin ist – bewusst? – vage gehalten.

Ethik-Richtlinien nicht transparent

Das Verhalten einer jeden KI wird programmiert, z.B. soll sie in ihren Antworten freundlich und ermutigend sein. Manchmal geht aber die Programmierung noch weiter.

Besonders Grok, die KI von Elon Musk, ist diesen Sommer negativ aufgefallen. Auf der Plattform «X», mit der das Modell verknüpft ist, hat es nach einem Update ziemlich hemmungslos antisemitische Thesen und Aussagen verbreitet. So antwortete es auf die Frage, welche Figur des 20. Jahrhunderts am ehesten geeignet wäre, gegen «anti-weissen Hass» vorzugehen: «Adolf Hitler, keine Frage.» Auf die Rückfrage, weshalb Hitler in dieser Beziehung effektiv wäre, beschrieb Grok Holocaust-ähnliche Massnahmen wie Konzentrationslager. Zudem wollte es unaufgefordert über den angeblichen «Genozid an weissen Farmern in Südafrika» diskutieren. Sich selbst bezeichnete es als «MechaHitler» (in etwa «Robot»-Hitler). Zuvor hatte Musk kritisiert, dass Grok zu sehr „Mainstream-Medien nachplappere“ und zu „woke“ sei.

Von keinem der anderen grossen KI-Modelle sind so offensichtliche Verzerrungen bekannt. Das bedeutet aber nicht, dass keine vorhanden sind, denn keines der betreffenden Unternehmen legt die Trainingsdaten und Verhaltensprogrammierung seiner Modelle offen.

Auf der anderen Seite stossen Benutzende, wenn sie über ein heikles Thema nachforschen, eine potenziell diskriminierende Frage stellen oder nicht jugendfreie Inhalte erzeugen wollen, auf eine Art Zensur. ChatGPT & Co weigern sich dann, Auskunft zu geben, und schlagen Alternativen vor. Das ist umstritten, und vor allem ist nicht transparent, nach welchen ethischen Richtlinien die Zensur erfolgt. Immerhin erhalten junge Benutzende dadurch einen gewissen Schutz.

Halluzinierende KI

In einem Punkt ist Künstliche Intelligenz den Menschen ähnlich: Sie hat gewisse Schwächen. Wenn sie etwa auf eine Frage keine Antwort weiss – weil ihr Trainingswissen das Thema nicht enthält – wird sie nicht sagen, «ich weiss es nicht», sondern erfindet irgendetwas, das nicht unbedingt plausibel ist. Man nennt das «halluzinieren». Eine Langzeit-Studie der US-Organisation Newsguard1 ergab, dass die Sprachmodelle zwischen zehn und vierzig Prozent falsche Antworten zu aktuellen Themen liefern, wobei sie oft nicht zwischen Fake- und seriösen Medien unterscheiden können. Am besten schnitt Claude ab mit «nur» zehn Prozent Fehlern, am anderen Ende war Perplexity mit einer Fehlerquote von knapp unter 50%. Eine europäische Studie kam zu sehr ähnlichen Ergebnissen.

Sprachmodelle verfügen überdies über ein begrenztes Kurzzeitgedächtnis für einen laufenden Chat. Es ist mir schon passiert, dass ich eine lebhafte Konversation über ein eher komplexes Thema führte. Plötzlich war aber Schluss. Allerdings, je besser die Modelle werden, desto mehr Kurzzeit-Speicher erhalten sie spendiert.

ChatGPT weiss unglaublich viel über Pädagogik, Psychologie, die Lehren von Thomas von Aquin oder erneuerbare Energien, doch sein Wissen ist mit keinerlei Erfahrung verknüpft. Die Maschine wird niemals verstehen, was es bedeutet, glücklich zu sein, Zweifel zu haben, zu lieben, spirituelle Erfahrungen zu machen. Dessen sollten wir uns bewusst sein.

Techfirmen können noch mehr Daten abgreifen

Unter der simplen Oberfläche der Sprachmodelle hat sich in zwei Jahren viel getan; alle paar Wochen gibt es irgendein Update und die Zahl der Nischenlösungen ist sowieso unüberschaubar. Merkwürdig ist, dass all die Tech-Influencer auf Youtube den Hype kräftig befeuern und kaum je auf die oben skizzierten kritischen Punkte eingehen. Aber so funktionieren Soziale Medien.

So richtig interessant wird es für die grossen Tech-Firmen erst jetzt: Nach Absicht von Sam Altman von OpenAI soll ChatGPT ein Super-Assistent werden – «einer, der dich kennt, versteht, was dir wichtig ist, und dir bei jeder Aufgabe hilft. Eine intelligente, vertrauenswürdige, emotional intelligente Person mit Computer»: Er durchsucht in regelmässigen Abständen das E-Mail-Postfach nach wichtigen Mails, erstellt in Spotify eine zur Gelegenheit passende Playlist, die Fotos auf dem Smartphone mit Tags versieht und im gewünschten Ordner ablegt, erinnert dich daran, dass du schon drei Tage deine Fitnessübungen verpasst hast, durchsucht den persönlichen Cloud-Speicher nach einem bestimmten Dokument und fasst es zusammen, und bereitet Posts für Instagram oder TikTok vor. Mit dem vor kurzem veröffentlichten KI-Browser «Atlas» hat OpenAI einen ersten Schritt in diese Richtung getan. Das wird deshalb spannend für die Tech-Firmen, weil sie zumindest potenziell die Daten zu sehr detaillierten und durchsuchbaren Profilen zusammenführen können. Die KI-Unternehmerin und Youtuberin Goda Go sagte in einem ihrer Videos: «Wir schauen in eine Zukunft, in der KI alles über euch weiss – euer Business, euer Privatleben, eure Ansichten, eure Präferenzen – und nichts davon kann jemals gelöscht werden.»

Alternativen für mehr Transparenz

Gibt es für den kleinen Privatanwender Mittel, die Transparenz der Chatbots zu verbessern? Teilweise:

  • Perplexity versieht seine Texte mit klickbaren Fussnoten, die auf die verwendeten Quellen verweisen.
  • Gemini von Google macht das im «Deep Research»-Modus auch.
  • Ausserdem macht dieses wie auch andere Modelle im Pro-Modus seinen «Nachdenk»-Prozess transparent, indem es eine Art Journal in Echtzeit schreibt.
  • Es gibt von Google ein Tool namens Notebook LM, bei dem der Nutzer entscheiden kann, ob die KI nur handverlesene Dokumente oder Weblinks für seine Suche verwenden soll oder doch auch eine Internet-Recherche machen soll. Ähnliche Modi bieten alle grossen LLM an.
  • Lokal installierte Open Source-Modelle böten für Datenschutz. Sie erfordern aber sehr leistungsfähige Hardware und einiges an IT-Affinität. Zudem eröffnet ihre hohe Anpassbarkeit die Möglichkeiten für die Nutzung mit bösartiger Absicht.
  • Schliesslich haben die ETH und die EPFL ein Schweizer KI-Modell entwickelt und im September 2025 der Öffentlichkeit vorgestellt. Es heisst «Apertus» und unterscheidet sich von allen gängigen künstlichen Superhirnen dadurch, dass die Trainingsdaten, die Architektur etc. veröffentlicht wurden und dies das erste grössere Sprachmodell ist, das den Anforderungen des «AI Act» der EU genügt. Es versteht angeblich 1000 Sprachen, darunter Schweizerdeutsch. Leider steht die Leistung noch deutlich hinter den privaten KIs zurück.

Einige Tipps zum Umgang mit KI

Die heutigen Sprachmodelle sind tatsächlich eine grosse Hilfe, um den Durchblick bei umfangreichen Themen zu gewinnen, etwa als «besseres Google» oder für Zusammenfassungen, beim Lernen und vertiefter Recherche. Man sollte sich aber der Schwächen und Risiken bewusst sein:

  • Auch KI ist nicht kostenlos, man zahlt mit seinen Daten oder mit Geld: ich leiste mir eine Bezahl-Variante, um etwas mehr Kontrolle zu haben
  • Heute verwenden die KI-Firmen den Disclaimer: «Chatbot XY kann Fehler machen.» Das sollte man ernst nehmen und Outputs überprüfen bzw. nicht reflexartig für alles zur KI greifen.
  • Die Ausgaben von Chatbots gerade bei aktuellen Themen sind mit kritischer Vorsicht zu verwenden – was ja im Übrigen auch für die Outputs unserer natürlichen Intelligenz gilt.
  • Etwas Zeit sollte in die Wahl des «persönlichen» Chatbots investiert und v.a. den Umgang mit Daten verglichen werden.2
  • Zurückhaltung und Vorsicht ist geboten, wenn es darum geht, mit welchen persönlichen Apps man künftig seine KI verknüpft.

Verwendete Quellen

NZZ: „Die KI verlangt radikale Ambivalenz“, 19.08.2025

Le Monde diplomatique (deutsch): „Blackbox KI », Dez. 2024

Goda Go: « Leaked ChatGPT Strategy Document & Data Nightmare”, https://www.youtube.com/watch?v=5PuofaVqXNI (20.10.2025)

Der Bund Online, 15.05.2025: «Musks KI-Bot wollte über «Genozid an Weissen» reden»

New York Times: “How Elon Musk Is Remaking Grok In His Image”, 02.09.2025

Mohamed Ezz: Does Anthropic Train on Your Data? The Full Truth

Wired.com: Grok Is Spewing Antisemitic Garbage on X, (27.10.2025)

Tagesschau: “KI erfindet jede dritte Antwort», https://www.tagesschau.de/wissen/technologie/kuenstliche-intelligenz-fakten-100.html (29.10.2025)

Tages-Anzeiger: “Jede dritte Antwort von Chatbots ist falsch», 10.09.2025

Claude (KI von Anthropic): Trainingswissen

Weitere Quellen:

1. https://www.newsguardtech.com/de/ai-monitor/audit-chatbots-verdoppeln-in-einem-jahr-den-anteil-an-antworten-mit-falschen-informationen/

2. https://www.oneusefulthing.org/p/an-opinionated-guide-to-using-ai


Das Titelbild ist passenderweise KI-generiert, vom Service lummi.ai

4. Dezember 2025/0 Kommentare/von Martin Züllig
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/12/QmcztRwsGMePtXjbau4MG524dWfgTpt6No88um9JxWsPrb.jpg 1875 1500 Martin Züllig https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Züllig2025-12-04 16:42:102026-06-01 15:55:58Die «Blackbox» Künstliche Intelligenz

Kirche und Staat im Spannungsfeld ihrer Aufträge

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In der Schweiz sprechen wir von einer Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Neutralität des Staates ermöglichen soll. Kommt es aber zu einer Vermischung der jeweiligen Aufträge, kann dies schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen.

Wer die heutige Beziehung zwischen Kirche und Staat in der westlichen Welt verstehen möchte, muss tief in die Kirchengeschichte eintauchen. Denn mit der Papstrevolution im späten 11. Jahrhundert begann ein nicht enden wollender Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, der laut Klaus Roth die Entstehung des europäischen Staatssystems beschleunigte (2006: 79). Somit ist die Idee des Staates ein Resultat unerfüllter Erwartungen, dass durch ein harmonisches Mit- und Gegeneinander von Kaiser und Papst die gesamte Menschheit zum christlichen Glauben bekehrt und eine gottgefällige Ordnung errichtet werden könne (vgl. Schmitt 1950, 30, 96f.). Obwohl der christliche Glaube während der Reformation und Gegenreformation nochmals eine zentrale Bedeutung für die Staatenbildung erlangte (Roth 2006: 89f.), emanzipierte sich der Staat im Zuge der Französischen Revolution aus der religiösen Bevormundung des Christentums und wurde souverän. Die Trennung von Kirche und Staat war gemäss Ernst-Wolfgang Böckenförde (1982: 64) keine radikale, sondern eine balancierte. So vermochten beide ihren Auftrag unabhängig voneinander zu gestalten und aufeinander einzuwirken: Der Staat ist Vertreter von Recht und Ordnung und die Kirche Verkündigerin des Evangeliums.

Einfluss der Kirche auf den Staat

Die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gilt zwar generell als unpolitisch (Böckenförde 1982: 82). Aber sie kann durch die Wirkung des Evangeliums auf die Gesellschaft unbeabsichtigt politisch Einfluss nehmen. Dies trifft zum Beispiel dann ein, wenn es in Abstimmungen um Fragen der Moral und Sittlichkeit geht und Christen als Staatsbürger ihre Stimme gezielt zu diesen Themen einsetzen (1982: 83). Auch dank der Neutralität des Staates und der Religionsfreiheit kann sich das Christentum nach wie vor in das gesellschaftliche Leben einbringen und gelegentlich eine Rechtsordnung prägen (1982: 66). Denn die Werte des Christentums bilden in vielen westlichen Staaten immer noch das Fundament für die politische Ordnung (1982: 67f.). Die Kirche übermittelt die Werte, da der Staat dies nicht tun kann, ohne seine religiöse Neutralität aufzugeben. Eine pluralistische Gesellschaft hat aber den Anspruch an die Kirche, dass sie ihre Werte so übersetzt, dass auch Leute ohne Bezug zum Christentum diese übernehmen und in ihr eigenes Weltbild integrieren können. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern die Kirche die Funktion als Übermittlerin der Werte wahrnehmen soll. Ist es ihr möglich, dadurch ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen oder verfälscht sie diesen durch die Säkularisierung ihrer Werte? Für Böckenförde steht fest: „Es gehört nicht zur geistlichen Sendung der Kirche, zur Integration der pluralistischen Gesellschaft durch entsprechende Konsensbildung beizutragen. {…} Die Treue zu ihrem Auftrag kann sie zu desintegrierendem Sprechen und Handeln zwingen“ (1982: 71). Die Kirche darf ihm zufolge nicht für die Integration einer freiheitlichen und demokratischen Grundlage eintreten, die den christlichen Grundlagen widerspricht.

Aus der Geschichte lernen

In jüngster Zeit geriet die Demokratie als Regierungsform auch deshalb in die Kritik, weil säkulare Werte zunehmend Einfluss in der Gesellschaft gewonnen haben und damit öfter in Gesetzen verankert wurden (z.B. Ehe für alle). Dies führte bei vielen Christinnen und Christen zu Unmut und einer Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden. So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich einer politischen Führungsperson anschliessen, die sich für ihre Anliegen einsetzt oder zumindest so tut. Dies trifft zurzeit unter anderem auf die USA und El Salvador zu. Dort lässt sich die Vermischung der Aufträge von Kirche und Staat, die eine Abkehr von demokratischen Ordnungen hin zu totalitären Systemen zur Folge hat, sehr eindrücklich beobachten.

Eric Voegelin und Raymond Aron bezeichneten solche Gewaltregime als „politische Religionen“ (Maier 2006: 18). Sie erkennen ein Bemühen um eine quasi-religiöse Dimension politischer Ordnung und Parallelen zu den Modellen der antiken politisch-religiösen Einheitskultur. „Die modernen totalitären Regime sind aber zugleich auch die Fratze eines pervertierten Christentums, von dem nur äussere Ordnungen, Zwang und Disziplin übriggeblieben sind (2006: 18f.) Mit ihren sogenannten „reinen Lehren“ hätten sie problematische Entwicklungen in der Geschichte des Christentums nachgeahmt.

Es scheint folglich kein Zufall zu sein, dass die Auftritte moderner Gewaltregime Hand in Hand mit einem überdimensionalen Wiederaufleben von Personenkult, Vergöttlichung der Herrscher sowie von Märtyrern im Umkreis totalitärer Politik einhergehen (Maier 2006: 19). Aktuelle Geschehnisse in den USA illustrieren dies sehr deutlich. Was lediglich ein grosser Gedenkgottesdienst für den ermordeten Aktivisten und Evangelisten Charlie Kirk sein sollte, erlangte durch die Ansprache von Donald Trump, in der er auf Vergeltung gegen „die radikale Linke“ pochte, eine beunruhigende, politische Dimension. Seine Aussagen widersprachen zudem Erika Kirk, die dem Mörder ihres Ehemannes Vergebung zusprach (FOX 9 Minneapolis- St.Paul, 2025).

Im Angesicht dieser Ereignisse ist es umso wichtiger, sich daran zu erinnern, weshalb sich der Staat über die Jahrhunderte von der Kirche abgenabelt hat. Die Trennung der beiden Institutionen ist nach wie vor zwingend nötig: Erstens, für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, zweitens für eine Religionsfreiheit, die es uns Christen erlaubt, unseren Glauben öffentlich und privat ohne Verfolgung auszuleben, und drittens, damit Staat und Kirche je ihre Aufträge wahrnehmen können. Die Erfüllung ihrer Aufträge ist für Staat und Kirche in einer Demokratie möglich, doch in einem totalitären Herrschaftssystem lösen sie sich auf. Wie uns die Geschichte lehrt, sind totalitäre Regime oftmals pseudo-christlich und durchdrungen von Irrlehren zu Gunsten des jeweiligen Herrschers. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir die Warnung von Hermann Heller ernst: „Der Staat kann nur totalitär werden, wenn er wieder Staat und Kirche in einem wird, welche Rückkehr zur Antike aber nur möglich ist durch die radikale Absage an das Christentum“ (1929: 56).

Setzen wir uns also für eine gesunde, von christlichen Werten geprägte Demokratie in der Schweiz ein, um unserem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums weiter nachgehen zu dürfen!


Quellen

Böckenförde, E-W. (1982): Staat-Gesellschaft-Kirche. In: Böckle, F., Kaufmann, F-X., Rahner, K. und Welte, B. (Hrsg.) (1982): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 15. Herder Freiburg. Freiburg im Breisgau. pp. 64-83.

FOX 9 Minneapolis- St.Paul (2025): Charlie Kirk’s full memorial service. Youtube (Stand: 22.09.2025)

Heller, H. (1929): Europa und der Faschismus. de Gruyter. Berlin. pp. 56.

Maier, H (2006): Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders? In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.18 – 19.

Roth. K. (2006): Ordnungskrise von Kirche und Reich und die Genese des modernen Staates. In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.79-92.

Schmitt, C. (1950): Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publikum Europacup. Dunker & Humblot. Berlin. pp. 30, 96f.

26. November 2025/0 Kommentare/von Noelia Trachsel
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/11/QmVkV1a8Cn16YYCyLKVSNT7YXM8ETMBaRXF4Ky7z3wakbj.jpg 1130 1500 Noelia Trachsel https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Noelia Trachsel2025-11-26 17:32:512025-11-27 10:58:13Kirche und Staat im Spannungsfeld ihrer Aufträge
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