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Podcast: Warum «christlicher Nationalismus» ein Widerspruch in sich ist

Dossier: Informationsmacht, Gesellschaft, Nationalismus, Politik
Lesezeit / Temps de lecture ~ < 1 min

Die meisten Kirchen halten «christlichen Nationalismus» für paradox. Er entstelle und gefährde das Christentum, warnt etwa Washingtons Bischöfin Mariann Budde.

Anti-demokratische Bewegungen geben vor, «christliche Werte» zu schützen, auch in Europa. Auch EVP-Nationalrat Marc Jost warnt vor diesem Missbrauch der christlichen Werte, «um eine unmenschliche Machtpolitik zu legitimieren».

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20. August 2026/0 Kommentare/von Perspektiven Podcast
https://christnet.ch/wp-content/uploads/1900/07/podcast_symbol-CN-238103.jpg 1333 2000 Perspektiven Podcast https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Perspektiven Podcast2026-08-20 13:00:512026-08-20 23:43:02Podcast: Warum «christlicher Nationalismus» ein Widerspruch in sich ist

Podcast: Wie Social Media unsere Meinung lenkt

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gesellschaft, Podcasts, Soziales, Technologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ < 1 min

Wie stark beeinflussen soziale Medien unsere Meinungen wirklich? Verändern Filterblasen gerade unsere Demokratie? Diesen Fragen geht das Interview mit Simon Mayer, Professor an der Universität St. Gallen (HSG) und Experte für digitale Informationssysteme nach.

Es liefert Antworten, wie Empfehlungsalgorithmen funktionieren, weshalb emotionale Inhalte bevorzugt werden und warum extreme Positionen im digitalen Raum oft mehr Aufmerksamkeit erhalten als differenzierte Meinungen.

Ein herzliches Dankeschön geht an den Podcast-Host, Pascal Aeschimann, der uns freundlicherweise die Erlaubnis erteilt hat, diese Episode auf unserer Website zu teilen.

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4. August 2026/0 Kommentare/von Spannungsfelder Podcast
https://christnet.ch/wp-content/uploads/1900/07/podcast_symbol-CN-238103.jpg 1333 2000 Spannungsfelder Podcast https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Spannungsfelder Podcast2026-08-04 10:17:342026-08-18 19:51:57Podcast: Wie Social Media unsere Meinung lenkt

Warum sich streiten nicht lohnt

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gesellschaft, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

In meinem vorangegangenen Artikel habe ich mich dafür ausgesprochen, starke Überzeugungen zu entwickeln und auch dafür zu streiten, denn sie haben motivierende Kraft und helfen uns etwas zu erreichen. Wenn aber eigene Überzeugungen mit der Wahrheit gleichgesetzt werden, lehne ich ihn ab.

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30. Juli 2026/0 Kommentare/von Martin Benz
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/07/pexels-tima-miroshnichenko-5711025-scaled.jpg 1707 2560 Martin Benz https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Benz2026-07-30 13:00:222026-07-30 18:18:52Warum sich streiten nicht lohnt

Warum sich streiten lohnt

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gesellschaft, Nächstenliebe, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Vor einigen Monaten wurde in einem christlichen Podcast Vertretern einer bestimmten theologischen Richtung, zu der ich mich auch zähle, die persönliche Jesusbeziehung und das Heil abgesprochen und eine direkte Verführung durch den Satan unterstellt. Ich erlebe hier eine Streitkultur, die mir unheimlich ist.

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23. Juli 2026/0 Kommentare/von Martin Benz
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/07/pexels-tima-miroshnichenko-5711383-scaled.jpg 1707 2560 Martin Benz https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Benz2026-07-23 17:39:272026-07-30 18:19:15Warum sich streiten lohnt

Wahrheit und Wahn in der postfaktischen Ära – und wir Christen da drin? [Aktualisiert]

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossier: Informationsmacht, Politik
Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

«Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten» (2. Mose 20,16)

«Prüfet alles, das Gute aber behaltet» (1. Thess. 5.21)

Seit jeher sind Wort und Bild Mittel der Verführung gewesen. Doch haben uns die elektronischen Medien und die Politik in der jüngeren Vergangenheit in neue Dimensionen der Halbwahrheiten und Lüge katapultiert, beispielsweise mit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016, als in diversen Analysen den Reden von Donald Trump nur noch 7 bis 11 % Wahrheitsgehalt bescheinigt wurden, oder im Rahmen der Abstimmung zum Brexit. Bezeichnenderweise hat Donald Trump sein eigenes Social Media-Netzwerk «Truth Social» genannt. Damit wird der Wahrheitsbegriff ausgehöhlt und vernichtet.

Verschiedene Analysten stellten fest, dass wir uns seither in einer sogenannten «postfaktischen Ära» befinden – ein Begriff, der im Jahr 2016 zum Wort des Jahres der Gesellschaft für deutsche Sprache wurde. Als einer der ersten hat Donald Trump in diesem Ausmass ausgenutzt, dass die Menschen einfach glauben, was sie glauben wollen und dass er behaupten kann, was er will, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Und die Christen da drin? Es scheint erstaunlich, dass sich die Christen zu dieser Frage kaum zu Wort melden, obwohl es hier um das 9. Gebot geht: «Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten» (2. Mose 20,16). Kümmert uns die Wahrheit noch? Glauben auch wir, was wir glauben wollen und was unserer vorgefassten Meinung entspricht? 81 % der evangelikalen Christen in den USA haben 2016 trotz allem für Trump gestimmt, und dieser Anteil hat bei der Wahl 2024 kaum abgenommen.
Und in der Schweiz? Auch hierzulande wird in der Politik gelogen. Als ich im Vorfeld der Abstimmung vom 28. November 2010 eine gläubige Parteisekretärin zur Steuergerechtigkeits-Initiative auf die angstmachende, klar unwahre Aussage «Bei einer Annahme müssten alle Kantone die Steuern erhöhen» ansprach, meinte sie, das stimme irgendwie in dieser Richtung schon. Dehnen wir den Begriff der Wahrheit zu stark? Christinnen und Christen schaden der Sache Christi und dem Ansehen der Kirchen, wenn ihre Lügen in der Öffentlichkeit in Frage gestellt werden?

Wie die Unwahrheit Raum greift

a) Wir glauben in Feindbildern – und die Algorithmen füttern uns damit

Die Welt ist komplexer geworden, viele Menschen verstehen sie nicht mehr. Die kleinen Leute haben das Gefühl, es werde «immer schlimmer», fühlen sich aber machtlos. Das schürt das Misstrauen und Hass gegen «diejenigen, die bestimmen», «die Eliten», wer auch immer das ist. Viele Menschen verstehen das Wirken von Strukturen nicht und meinen, es seien einzelne oder mehrere Übeltäter, die verantwortlich sind. Dies nährt den Glauben an Verschwörungstheorien. Wenn die Medien diese Theorien nicht teilen, dann werden sie der Unterdrückung der Wahrheit und als Teil der Elite bezichtigt. Das generalisierte Misstrauen kann in Verfolgungswahn umschlagen.

Menschen suchen nach Halt. Die eigene Welterklärung aufrecht zu erhalten, gibt Sicherheit. Unsere selektive Wahrnehmung sucht nach Bestätigung unseres Weltbildes. Eine bestätigende Information wird nicht hinterfragt, eine widersprechende schon. Und im Zeitalter des Internets finden wir so viele bestätigende Infos, wie wir wollen, selbst die Google-Algorithmen bieten uns vor allem «mehr desselben». Je mehr wir davon überzeugt sind, wer die Guten und wer die Bösen sind, desto weniger interessiert es uns, ob eine Meldung wahr ist oder nicht. Wir haben die Tendenz, das zu glauben, was wir glauben wollen und das auszublenden, was wir nicht glauben wollen. Die Christen sind davon nicht ausgenommen: Es besteht in der evangelikalen Welt eine gewisse Angst vor der nichtchristlichen Welt, man fühlt sich bedrängt, verfolgt und zeigt bisweilen Minoritätsreflexe.

Das Aufkommen des Internets und der Social Media hat diesem Problem eine neue Dimension gegeben. Für alle Verschwörungstheorien findet sich jetzt eine «kritische Masse». Für die von Privaten angebotenen Informationen muss keine Rechenschaft mehr gegeben werden. Wer nicht einverstanden ist, wendet sich dann anderen Quellen zu. Über die Social Media verbreiten sich jegliche Informationen unkontrolliert und in Windeseile. Oft werden sie gar von Bots generiert. Wenn eine falsche, aber erschreckende Information die gewünschten Emotionen bei den Adressaten generiert hat, ist es zu spät: Eine Richtigstellung in der Öffentlichkeit erreicht meist nicht die gleichen Adressaten. Ist echte Aufklärung überhaupt noch möglich?

b) Warum wir selbst lügen

Die schnellen gesellschaftlichen und technischen Veränderungen generieren Haltlosigkeit, Weltangst und Angst vor den Nächsten. Wir suchen «das Böse» ausserhalb von uns, unsere politischen Gegner sind «die Bösen». Um uns zu retten, müssen wir also gegen diese kämpfen. Der Kampf «auf den Mann» hat in der Politik in den letzten 25 Jahren zugenommen, bis zur Verteufelung der Gegner, wie z.B. in einer in alle Haushalte verteilten Zeitung zur Unternehmenssteuerreform (siehe Bild).

Angst verleitet uns zum Lügen, denn die «gute Sache» muss um jeden Preis gewinnen, da sonst der Abgrund droht. Gewisse Menschen wähnen sich in einem gigantischen Kampf, in dem alle Mittel erlaubt sind. Es geht also nicht um die Wahrheit, sondern um den Sieg und die Herrschaft «der Guten».

Meist aber glauben wir unsere Unwahrheiten «irgendwie» selbst: Wir dehnen dann den Wahrheitsbegriff sehr stark und vermischen die Realität mit dem eigenen Weltbild. Wir sagen oder hören manchmal: «Ich glaube halt an…» So biegen wir die Wirklichkeit zurecht, damit sie ins eigene Weltbild passt.

In der Politik scheuen auch Christen nicht davor zurück, ungeprüfte Gerüchte und Vorurteile, Halbwahrheiten und Lügen zu verbreiten. Wähnen auch wir uns in einem gigantischen Kampf, in dem alle Mittel erlaubt sind, weil wir ja «das Gute» verteidigen – so quasi im Kampf der Endzeit?

Hat aber Gott gesagt, das neunte Gebot sei irrelevant, wenn wir meinen, dass wir die Guten sind oder die Sache o.k. ist? Ist es nicht Selbstüberhöhung zu denken, dass wir über den Geboten stehen können? Dürfen wir so sicher sein, dass wir die Guten und die Gegner die Bösen seien? Hat Gott gesagt, die Christen seien besser oder hätten automatisch die besseren Ziele in der Politik? Aber es ist so verlockend, zu glauben, unsere Ziele seien besser, weil wir Christinnen und Christen sind! Eigentlich ist das übermässiger Stolz!
Genügt ein gutes Gewissen, um auch unwahres Zeugnis zu geben? Nein, denn kaum jemand hat schlechtes Gewissen, da immer Rechtfertigungsideologien für die eigenen Ideen zur Verfügung stehen oder manche sich gar in einem Sendungsbewusstsein wähnen.

Sicher ist die Wahrheit komplex, und wir können uns oft ihr nur annähern, ohne sie je greifen zu können. Aber kann man sagen, dass alles sowieso nur Meinung ist und man die Wahrheit nicht kennen kann? Nein, sonst würde das neunte Gebot obsolet. Aber eine solche Meinung ist verlockend, da sie uns vor unbequemen Fragen befreit.

Wir sehen, dass der Postmodernismus die Gesellschaft mit seiner ganzen Wucht erreicht hat. Im Jahr 1979 beschrieb Jean-François Lyotard als erster den Postmodernismus, also die Ablehnung der Möglichkeit, dass es eine Wahrheit gibt: Er warnte aber auch, dass in Zukunft nur noch die Macht des Stärkeren gilt, wenn die Gesellschaft sich nicht mehr an Fakten als Leitlinien orientieren kann. In der Demokratie heisst das nun: Wer am besten mit Emotionen spielen kann und wer das grösste Megafon hat, der gewinnt! Dies wird «postfacts politics» genannt: Hauptsache man gewinnt, die Wahrheit ist nicht wichtig. Die Leute glauben sowieso das, was sie glauben wollen, also werden sie entsprechend bedient.1

Warum ist die Aufgabe des Wahrheitsbegriffs überhaupt ein Problem?

Sicher ist die Wahrheitsfindung immer ein ganzer Prozess, und niemand kann abschliessend die Wahrheit besitzen. Denn es gibt immer verschiedene Perspektiven auf dieselbe Sache. Aber wichtig ist die Verlässlichkeit. Wahrheit ist nicht bloss ein Detail im Kampf, denn die Unwahrheit wirkt zersetzend auf die Gesellschaft: Wo die Wahrheit fehlt, wird Vertrauen zerstört und nimmt das gegenseitige Misstrauen zu. Misstrauen aber zerstört die Nächstenliebe. Nicht umsonst kommt das Wort Teufel von Diabolos, dem Verdreher. Die Umkehrung der Wahrheit ist also teuflisch. Jesus nennt den Teufel «Vater der Lüge». Unwahrheit über die Nächsten zu verbreiten, ist Hetze und schafft noch mehr Vorurteile. Daraus entsteht Entzweiung und damit die Grundlage von Bürgerkriegen.

Wahrheit heisst also Ehrlichkeit, Faktentreue, Verlässlichkeit. Bei der Suche nach Lösungenin Gesetzgebung und bei Abstimmungen brauchen wir verlässliche Informationen, um uns für das Gute zu entscheiden. Wir müssen aber auch danach suchen und nicht bei der Ideologie stehen bleiben. Und vom Gesetzgeber erwarte ich anderes als Aussagen wie z.B.: «Ich glaube halt an die Freiheit». Es braucht die sachliche Auseinandersetzung mit einem konkreten Problem und eine Lösungsfindung dazu. Alles andere ist schlechte Politik!

Die Idee, aufgrund einzelner Erfahrungen alles wissen zu können und wissenschaftliche Erkenntnisse deshalb zu ignorieren, ist Überschätzung der eigenen Wahrnehmung. Und auch massives Misstrauen gegenüber «den Eliten».

Verschwörungstheorien sind wiederum deshalb gefährlich, weil sie auf falsche Fährten führen und systeminhärente Ursachen von Problemen überdecken. So können wir bestehende Probleme gar nicht mehr lösen!

Wie können wir Wahrheit finden?

Wir fragen uns, wem man noch trauen kann. Doch die Frage könnte auch anders lauten: Wie können wir prüfen, was wahr ist und was nicht? Dazu gibt es sicher viele Wege. Aber grundsätzlich gibt es zwei Achsen:

  • Uns selber prüfen und die eigene Wahrnehmung reflektieren
  • Fakten prüfen: Zum Beispiel Quellen verfolgen, die Transparenz von Websites prüfen, etc.

Wie können wir von der Politik und den Medien, vor allem von den sozialen Medien und Autoren im Internet Rechenschaft verlangen? Erheben wir unsere Stimme, konfrontieren wir die Absender persönlich!

Hat die Wahrheit noch eine Chance?

Sind wir auf verlorenem Posten, wenn Lügen attraktiver sind als Wahrheit? Nein, wir können und müssen die Wahrheit zum Thema machen! Und nicht nur bei den politischen Gegnern, sondern auch in unseren eigenen Kreisen! Die Diskussion muss geführt werden. Wir brauchen vielleicht auch ein Übereinkommen, was wir unter Wahrheit verstehen.

Ein paar Wege dazu:

  • Wahrheit zum Thema machen und die Menschen wieder dafür begeistern
  • Wahrheit aufzeigen: Faktencheck wie bei Organisation wie www.politifact.com.
  • Investigativ-Journalistinnen und -Journalisten, die News, Gerüchten und Verschwörungstheorien auf den Grund gehen
  • Einen Werkzeugkasten zum Reality Check erarbeiten
  • Unabhängige Medien stützen und nicht zum Spielball von Investoren werden lassen
  • Vertrauen in die Wissenschaft fördern
  • Die Weltangst bekämpfen
  • Wahrheit vermitteln, ohne unter Druck zu setzen

Wahrheit darf nicht zur Unterwerfung missbraucht werden. Die richtige Darstellung von Facts in einer politischen Diskussion ist nur ein Element für die Entscheidungsfindung. Darauf aufbauend muss ein Konsens gefunden werden, was wir nun damit machen wollen und was das Beste für alle ist.

ChristNet ist überzeugt, dass Christinnen und Christen das Zeug haben, Werte wie Aufrichtigkeit, Wahrheit und Verlässlichkeit wieder ins Zentrum zu rücken, ja zu verkörpern, und dies ohne Machtanspruch. Dazu müssen wir selber verlässlich sein. Wie, wenn uns die Zeit für den Faktencheck beim Textschreiben fehlt? Gar nicht so einfach!


1. «Without facts, you can’t have truth. Without truth, you can’t have trust. Without trust, we have no shared reality, no democracy, and it becomes impossible to deal with our world’s existential problems.» Maria Ressa in her Nobel Peace Prize lecture, delivered in Oslo on 10 December 2021.

Weiterführender Artikel zur Wahrheit in der Bibel

Im Zusammenhang mit dem ChristNet-Forum 2017 mit dem Titel «Alles fake!? – Wahrheit in Medien und Politik» hat sich der Wirtschaftstheologe und Dekan der Haute École de Théologie in St-Légier, Michaël Gonin, damit auseinandergesetzt, was in der Bibel als Wahrheit beschrieben wird.

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Foto von pexels / fauxels

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 31. Oktober 2020. Wir haben ihn komplett überarbeitet, veraltete Informationen entfernt und auf den neuesten Stand für 2026 gebracht.

20. Juli 2026/2 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2020/10/pexels-fauxels-3228837-scaled.jpg 1707 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-07-20 14:00:502026-07-24 11:29:51Wahrheit und Wahn in der postfaktischen Ära – und wir Christen da drin? [Aktualisiert]

Information und Desinformation: die aktuellen Herausforderungen

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gesellschaft, Politik, Technologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Fake News, Misstrauenskultur und der Kampf um die Informationsmacht prägen unsere Zeit. Die Wahrheit hat einen schweren Stand – nicht nur in autoritären Staaten, sondern zunehmend auch in westlichen Demokratien und selbst in der Schweiz.

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7. Juli 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/06/ChristNet_KeyVisual_Collage_2026_gross-1.jpg 1013 1800 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-07-07 17:24:192026-07-07 17:25:34Information und Desinformation: die aktuellen Herausforderungen

«Speaking Truth to Power» – Den Mächtigen die Wahrheit sagen

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

In den letzten Wochen konnten wir auf der Weltbühne erleben, wie Papst Leo XIV sich gegen die Kriegsrhetorik der US-amerikanischen Regierung stemmte. Wütende Antworten des Präsidenten und seines Verteidigungsministers waren die Folge1 .

Zeitgleich hörte ich ein Interview 2 mit dem ehemaligen Direktor des US-amerikanischen Geheimdienstes (CIA), Bill Burns (2021-2025), der davon sprach, wie wichtig eine Atmosphäre sei, in der Menschen auch unbequeme Erkenntnisse kommunizieren können.

«Speaking Truth to Power» 3 , wie er dies nannte, sei ein zentraler Grundsatz der CIA, der es ermögliche, dass die entsprechende Regierung geheimdienstliche Erkenntnisse ungefiltert zu hören bekomme, selbst dann, wenn Nachrichten unbequem seien. Laut Burns ist das ein wesentlicher Vorteil gegenüber autoritär geführten Staaten, in denen das Aussprechen unerwünschter Dinge gefährlich sein kann. Allerdings, so gestand Burns ein, schwinde dieser Vorteil momentan, da sich auch bei der CIA zunehmend eine Kultur der Vorsicht und Angst ausbreite.

Eine Kultur des «Speaking Truth to Power» hat wesentlich zwei Herausforderungen. Zum einen die Frage, ob jemand sich etwas sagen lässt. Zum anderen, ob jemand bereit ist, etwas Kritisches anzusprechen. Beides braucht Mut. Und: Beides braucht eine Kultur, in der dies nicht nur möglich ist, sondern geradezu als eine wichtige Pflicht angesehen wird.

Papst Leo als Vorreiter

Papst Leo sieht es als seine Pflicht, einen klaren Standpunkt einzunehmen, nämlich als Anwalt für den Frieden einzustehen und den Mächtigen dieser Welt entgegenzutreten. Das war in der Geschichte der katholischen Kirche nicht immer so. Lange Zeit war sie, zum Beispiel in Lateinamerika, dafür bekannt, auf Seiten der Machthaber zu stehen.

Das änderte sich signifikant Mitte des letzten Jahrhunderts. Die katholische Kirche sah sich an die Seite der Armen und Unterdrückten berufen. Dieser Wandel kostete vielen Priestern, Diakonen und Ordensleuten das Leben. Eines der bekanntesten Opfer war Oscar Romero, der 1980 in El Salvador während einer Messe im Auftrag des dortigen Militärs ermordet wurde. Romero hatte sich unermüdlich gegen die Unterdrückung der Armen, gegen Folter und Ermordungen durch die Regierung zu Wort gemeldet. Diese Kultur kostete etwas. In dieser Zeit spielte übrigens auch die CIA in Lateinamerika eine mehr als unrühmliche Rolle 4

Die Kultur in unseren Kirchen

Während die internationale Situation grosse Sorge bereitet, frage ich mich, welche Kultur wir in unseren Kirchen und Institutionen pflegen. Halten wir es aus, uns etwas sagen zu lassen? Pflegen wir in unserem Umfeld eine Atmosphäre, in der man unterschiedliche Perspektiven besprechen kann, ohne einander zu «verteufeln»?

Letztlich besteht die Frage darin, wie wir mit Komplexität und Verunsicherung umgehen. Wenn etwas zu komplex ist, versuchen wir, Dinge zu vereinfachen. Wenn wir verunsichert sind, versuchen wir, Sicherheit zu gewinnen. Das ist nur verständlich. Die Gefahr könnte dann aber sein, in unzulässiger Weise zu vereinfachen und in den vereinfachten Dingen Halt zu suchen.

Brücken zwischen Gruppen

Ich beobachte, dass die Brücken zwischen unterschiedlichen (Echo-)Gruppen, den so genannten «Bubbles», schmaler werden. Wir begnügen uns damit, uns innerhalb unserer Gruppe zu vergewissern, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Während meines Studiums begegneten mir immer wieder Aussagen von einzelnen Professoren, die von der «Opinio Communis» sprachen, der «vorherrschenden Meinung». Gemeint war damit: «Ich und alle ernstzunehmenden Theologen denken so. Wer das nicht tut, ist nicht ernst zu nehmen.»

Es fühlt sich warm und gemütlich an, wenn man sich zur «Opinio Communis» rechnet, und sehr unbehaglich, wenn man Fragen hat. Dabei sehen wir in der Rückschau, dass auch die grossen Wissenschaftler der Geschichte nur Teile der ganzen Wahrheit erkannten. Ich bin überzeugt, dass wir auch heute noch nicht ans Ende aller Erkenntnis gelangt sind, und schliesse mich dabei Paulus an, dass wir nur Teile des Ganzen erkennen. 5

Grössere Räume

Als Jesus mit seinen Jüngern umherzog, stellte er die Welt auf den Kopf: Er deckte blinde Flecken auf und kümmerte sich um die, die unter die Räder gekommen waren. Die «gute Nachricht» war anders als erwartet: Sie war ein Projekt, das zum Frieden führen sollte – zwischen Gott und Mensch, unter den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Dort, wo Menschen sich darauf einliessen, dass Gott grösser ist, als das, was sie bisher wussten, öffneten sich neue Welten.

Ein Aufruf zur Demut

«Speaking Truth to Power» interpretiere ich als einen Aufruf zur Demut. «Truth» steht dabei für die Wahrheit, für eine Sichtweise oder Meinung. Diese Demut ist nicht nur für Regierungen und Führungspersonen, sondern grundsätzlich für unser gesellschaftliches Miteinander wichtig. Wenn ich weiss, dass ich nicht alles weiss, werde ich besser zuhören. Ich erweitere meine Möglichkeiten, Weisheit zu entdecken, wo ich sie nicht vermute. Das bedeutet nicht, dass ich keine Überzeugungen mehr habe. Ich vertrete mutig meine Meinung, bleibe mir aber bewusst, dass das, was ich als Überzeugung vertrete, nicht alles ist, was darüber gesagt werden kann.

Ich wünsche mir, dass wir insbesondere in unseren Kirchen eine Kultur prägen, in der Menschen demütig einander zuhören. Paulus schreibt: «… in Demut achte einer den andern höher als sich selbst» 6 . Das ist mit einiger Mühe verbunden, weil wir mit Unsicherheiten umgehen müssen. Letztlich ist das aber ein tiefer Ausdruck von Liebe. Und sei es sogar Feindesliebe. Dazu will uns die Liebe Gottes befähigen.


1. https://www.srf.ch/news/international/nach-kritik-des-papstes-trump-postet-ki-bild-von-sich-als-jesus-die-reaktionen. Zugriff am 15.04.2026.
2. https://www.foreignaffairs.com/podcasts/america-world-upheaval. Zugriff am 15.04.2026.
3. «Wahrheit» ist hier im Sinn von Erkenntnissen zu verstehen, die bei Analysen gewonnen wurden.
4. Ein Beispiel neben anderen ist die «Operation Condor» (vgl. https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-01/us-aussenpolitik-lateinamerika-kommunismus-drogen-diktatoren. Zugriff am 15.04.2026.)
5. 1. Korinther 13,12
6. Philipper 2,3

Dieser Artikel ist bereits bei Insist und im Bienenberg Magazin erschienen.
Foto von Mikhail Nilov, pexels

4. Juli 2026/0 Kommentare/von Marcus Weiand
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/07/pexels-mikhail-nilov-8846007-scaled.jpg 1440 2560 Marcus Weiand https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Marcus Weiand2026-07-04 10:37:352026-07-04 10:39:10«Speaking Truth to Power» – Den Mächtigen die Wahrheit sagen

Was macht KI mit der Menschheit?

Dossier: Informationsmacht, Dossiers
Lesezeit / Temps de lecture ~ 17 min

Mitte Mai 2026 hat der neue Papst Leo XIV seine erste Enzyklika herausgebracht. Diese trägt den aktuellen Titel «über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz». Jörg Dechert, Stratege, Blogger, Podcaster und langjähriger Mitarbeiter und Vorstandsmitglied beim ERF Deutschland, bringt uns dieses päpstliche Rundschreiben näher.

Bin ich froh, dass es einen Papst gibt! Jedenfalls so einen Papst. Nicht, dass ich katholisch wäre. Und ich habe als Protestant auch meine Anfragen an einen «Stellvertreter Christi», um es vorsichtig zu formulieren und nur einen Aspekt zu nennen. Aber ich bin froh, dass es einen gibt, der sich traut, mit seiner ersten Enzyklika Magnifica Humanitas das ganz große Bild aufzumachen und die ganz großen Fragen anzusprechen: Was macht KI mit der Menschheit?

Ich bin überzeugt, dass die heute bereits existierenden Systeme für Künstliche Intelligenz und die weltweite Dynamik ihrer Weiterentwicklung tatsächlich Fragen aufwerfen, deren Dimension man tatsächlich gar nicht überschätzen kann: Die Bedeutung von Arbeit. Krieg und Frieden. Globale Gerechtigkeit. Die Identität des Menschen. Von daher gut, dass Papst Leo XIV gleich seine erste Enzyklika, der oft der Charakter einer Regierungserklärung für ein Pontifikat zugemessen wird, diesen grossen Fragen widmet.

Was mich noch mehr beeindruckt, ist wie er das tut. Jetzt sagt nicht «auch noch der Papst was zu KI». Nein, er tut das auf eine Art und Weise, wie es irgendwie nur der Papst kann: In Ableitung von der Menschheitsgeschichte und der Identität des Menschen als Ebenbild Gottes. In Anerkennung von Ausbeutung, Machtmissbrauch und Verbrechen, zu denen wir alle grundsätzlich fähig sind.

Und vor allem in einer Weiterentwicklung der katholischen Soziallehre, die einer der Amtsvorgänger des heutigen Papstes, Papst Leo XIII mit seiner wegweisenden Enzyklika Rerum Novarum im Jahr 1891 ins Leben rief. Damals war es die zunehmend weltweite Industrialisierung, die die grossen Fragen nach der Würde des Menschen und den Werten unseres weltweiten Zusammenlebens aufwarf. Damals veränderte sich für das Leben viele Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend, vom Arbeitsalltag bis zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Ich bin überzeugt, KI wird die Welt erneut und nicht weniger umfassend und tiefgreifend umwälzen.

Deshalb ist höchste Zeit für einen grossen Wurf im Nachdenken darüber, was KI mit der Menschheit macht. Und gut, dass den scheinbar überlebensgrossen CEOs der Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley und den Potentaten, die ihrem eigenen Machtbereich das grösste Stück vom KI-Kuchen sichern wollen, einer wie Papst Leo entgegentritt. Einer, der ausser Konkurrenz antritt. Einer, der antritt mit dem Mandat von 1,5 Milliarden Katholiken und im Bewusstsein einer Verantwortung gegenüber einem, der grösser ist als er selbst.

Mit ihrer Vorstellung vor wenigen Tagen ist Magnificas Humanitas auf der Website des Vatikans auf Deutsch verfügbar. Und so habe ich mir einen Abend lang die Mühe gemacht, alle 63 Seiten zu lesen. Ich habe nicht Kommentare über die Enzyklika auf Social Media konsumiert. Ich habe sie nicht von einer KI zusammenfassen lassen. Ich habe sie wirklich gelesen. Ich habe den weiten geistigen und geistlichen Horizont ihrer Gedankenführung genossen. Die gleichzeitig differenzierte und anschlussfähige Sprache. Die Bezüge zu Philosophie, Theologie und Geschichte. Die Perspektive, die die ganze Welt und viele Jahrhunderte zu umfassen versucht.

Für alle, die Magnifica Humanitas nicht in voller Länge selbst lesen wollen, aber mit mehr Anspruch an das Thema herangehen als nur eine Antwort auf die Frage «War er jetzt für oder gegen KI?» zu bekommen, stelle ich im Folgenden die für mich relevantesten Passagen zusammen (immer noch ein langer Text, aber deutlich kürzer als 63 Seiten…).


Christen und der Zeitgeist

Jede Generation erbt die Aufgabe, die eigene Zeit zu gestalten, damit die Geschichte zu einem Ort reifen kann, an dem die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird. Doch jeder Epoche droht die Gefahr, dass die Welt unmenschlich und ungerechter wird. Wo die Menschheit riskiert, ihr wahres Gesicht zu verlieren, da erheben wir Christen unseren Blick zu dem Gott, der Mensch geworden ist, in dem Wissen, dass sich «nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft» aufklärt.

Kirche in der Welt

Auf Christus, den lebendigen Stein, gegründet, erfahren wir das mächtige und geheimnisvolle Wirken des Heiligen Geistes, und wir glauben, dass jedes echte menschliche Bemühen, mit ihm zum Guten zusammenzuarbeiten, von unserem himmlischen Vater, auf den wir unsere Hoffnung setzen, gesegnet ist. Deshalb können wir uns engagiert an all den Initiativen beteiligen, die eine gerechtere Welt aufbauen, und können wir auch andere dazu aufrufen, bei der Förderung der ganzheitlichen Entwicklung jedes Menschen mit uns zusammenzuarbeiten. Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen.

Christen und technischer Fortschritt

Die Technik ist an sich nicht als eine menschenfeindliche Kraft zu betrachten; im Gegenteil, sie ist von Anfang an in unserer Geschichte verwurzelt, als «eine zutiefst menschliche Erscheinung, die an die Autonomie und Freiheit des Menschen geknüpft ist». Die technische Entwicklung hat im Laufe der Jahrhunderte zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit beigetragen; zugleich hat jede Phase des Fortschritts auch die Ambivalenz von Werkzeugen offenbart, die in der Lage sind, Schaden anzurichten, wenn sie nicht auf das Gute ausgerichtet sind … «Nie hatte die Menschheit so viel Macht über sich selbst».

Strukturelle Verantwortung in der Gesellschaft

In der Vergangenheit waren es in erster Linie die Staaten, die Innovationen lenkten und steuerten. Heute sind die Haupttriebkräfte der Entwicklung hingegen private, oft transnationale Akteure, die über Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen, die denen vieler Regierungen überlegen sind. Die technologische Macht nimmt somit eine beispiellose, vorwiegend «private» Gestalt an und ist aus diesem Grund noch schwieriger zu erkennen, zu steuern und auf das Gemeinwohl auszurichten.

Zwei biblische Bilder: Der Turm zu Babel und der Wiederaufbau Jerusalems

Das Unterfangen erscheint beeindruckend: eine einzige Sprache, eine einzige Technologie, eine einzige Richtung. Doch das Projekt verbirgt eine tiefgreifende Gefahr: Es ist ein Werk, das ohne Bezug zu Gott konzipiert worden ist, gestützt auf eine Einheitlichkeit, die Vielfalt ausschliesst und sich statt für Gemeinschaft für Vereinheitlichung entscheidet. Wenn die Stadt auf dem Fundament des Stolzes und anmassender Selbstgenügsamkeit erbaut wird, bricht die Kommunikation zusammen, die Sprachen vermischen sich und die Menschen verstehen einander nicht mehr. Das Ergebnis ist nicht Einheit, sondern Zerstreuung.

Die Erzählung zeigt, wie die Stadt nicht durch die Initiative eines Einzelnen wiedergeboren wird, sondern durch die gemeinsame Verantwortung des ganzen Volkes: Priester, Handwerker, Familienoberhäupter, Frauen und junge Menschen. Es ist ein Werk, bei dem Gott im Mittelpunkt steht und das Beziehungen wiederherstellt, noch bevor die Steine wiederaufgeschichtet werden. Das alte Jerusalem findet so wieder zu einer gemeinsamen Sprache, aber nicht zur Sprache der Gleichförmigkeit, sondern zu jener der Gemeinschaft.

Technologie als Werkzeug zum Guten oder Schlechten

Die wissenschaftlichen Entdeckungen sind ein Talent, das der Menschheit anvertraut wurde, damit sie es fruchtbar macht. Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen, aber sie kann auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Abstrakt betrachtet ist sie per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen.

Aufbau zum Guten

Gott hat eine Sehnsucht nach Glück in unsere Herzen eingeschrieben, die alle Dimensionen des Lebens umfasst. Und die Kirche wird sich im Dialog mit den Männern und Frauen unserer Zeit der Dringlichkeit bewusst, dieses Streben zu bewahren und auf seine tiefste Wahrheit hin auszurichten.

Zweitens bedeutet im Guten aufzubauen, die Begrenztheit und Schwäche des Menschen zu akzeptieren, ohne sie als einen Fehler zu betrachten, der korrigiert werden müsste…Die Kirche erinnert mit demütiger, aber fester Stimme daran, dass wahre Erfüllung nicht aus der Beseitigung von Schwäche entsteht, sondern aus harmonischem Wachstum, wenn Freiheit und Verantwortung mit gegenseitiger Fürsorge und echter Solidarität einhergehen

Der Aufbau einer Welt, in der alle «zur Blüte gelangen» können, erfordert drittens mutige gemeinsame Verantwortung…Einem jeden seinen Mauerabschnitt: den Wissenschaftlern und Forschern, den Unternehmern und Arbeitnehmern, den Pädagogen und Gesetzgebern, der Zivilgesellschaft, den Volksbewegungen und den Glaubensgemeinschaften.

Menschlich bleiben

In der Zeit der Künstlichen Intelligenz, in der die Menschenwürde aufgrund neuer Formen von Entmenschlichung in den Hintergrund zu treten droht, haben wir die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes grossartige Menschsein zu bewahren, das uns geschenkt ist und das in Christus in seiner ganzen Fülle offenbar wurde, und das keine Maschine in seiner Pracht jemals ersetzen kann. Wahrer Fortschritt entspringt stets einem Herzen, das für andere offen ist; einer Intelligenz, die bereit ist zuzuhören; einem Willen, der mehr das sucht, was verbindet, als das, was trennt.

An alle Christen, an alle Männer und Frauen guten Willens richte ich einen eindringlichen Appell: Scheuen wir uns nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen…Dies ist der Segen, den wir von Gott erbitten und die Aufgabe, die uns erwartet: Baumeister der Gemeinschaft zu sein, keine Architekten von Babel; Diener des kommenden Reiches, keine Herren von Türmen, die einzustürzen bestimmt sind. Und mit dem Herzen eines Hirten und eines Vaters bitte ich alle, den Bau eines weiteren Turms zu Babel zu stoppen und sich stattdessen zusammenzuschliessen, um im Guten aufzubauen, damit die Menschheit niemals ihre Schönheit verliert und die Welt im menschlichen Herzen erneut den Ort erkennen kann, an dem Gott wohnen möchte.

Herleitung aus der Soziallehre

Die Kirche, die in der Welt ein Zeichen der Einheit für die gesamte Menschheitsfamilie ist, erkennt in den Fragen und Herausforderungen der gegenwärtigen Zeit den Ort, an dem sie ihre Berufung zum Hören, zum Dialog und zum Dienst ausüben kann, wobei sie allem Beachtung schenkt, was das Leben der Männer und Frauen von heute betrifft. Diese lebendige Verbindung mit den Völkern lässt sie immer mehr erkennen, dass ihre Mission historische Tragweite hat und eine Verantwortung dafür beinhaltet, wie soziale Beziehungen gestaltet werden. Deshalb kann sie sich hinsichtlich der Dynamiken, die das Gesicht der Gesellschaft prägen, nicht als aussenstehend ansehen.

Die Soziallehre der Kirche ist ein lebendiges Gebilde, das im Dialog mit der Geschichte, den Kulturen und den Wissenschaften steht und zugleich einen unvergänglichen Kern von Wahrheiten bewahrt… Die Grundlagen und Prinzipien der Soziallehre… helfen, die «Neuerungen» unserer Zeit im Lichte der grundlegenden Würde des Menschen zu deuten. Um den Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zu bewahren, müssen wir meines Erachtens heute erneut über das Gemeinwohl, die allgemeine Bestimmung der Güter, Subsidiarität, Solidarität und soziale Gerechtigkeit nachdenken.

Menschenwürde und Menschenrechte

Die grundlegende Würde jedes Menschen kann … weder erworben noch verdient werden und muss auch nicht erst bewiesen werden … «Eine unendliche Würde, die unveräusserlich in ihrem Wesen begründet ist, kommt jeder menschlichen Person zu, unabhängig von allen Umständen und in welchem Zustand oder in welcher Situation sie sich auch immer befinden mag», das heisst immer und unhintergehbar. Diese Würde eines jeden Menschen kann … aus zwei Gründen als unendlich bezeichnet werden: weil die Liebe Gottes, die ihn zur Freundschaft mit ihm ruft, unendlich ist, und weil sie absolut bedingungslos ist, in dem Sinne, dass man, selbst wenn man unendlich lange suchte, niemals etwas finden wird, das sie aufheben oder leugnen könnte.

Die Menschenrechte sind unantastbar, denn «diese wohnen der menschlichen Person und ihrer Würde inne»… Es wäre vergeblich, die Menschenrechte zu proklamieren, wenn man nicht gleichzeitig alles Notwendige dafür täte, um die Pflicht zu ihrer Achtung durch alle, überall und für alle zu garantieren» 

Wenn wir auf unsere Zeit blicken, können wir nicht übersehen, dass der Schutz der Menschenrechte heute zwei besonders ernsten Gefahren ausgesetzt ist. Die erste besteht darin, dass man sich nur rein formal zu ihnen bekennt, während zusammen mit dem technologischen Fortschritt versteckte oder offensichtliche Verletzungen der Menschenwürde weiter zunehmen.

Die zweite … besteht darin, dass man die Grundlage ihrer universalen Geltung nicht mehr erkennen kann, weil man auf die «Suche nach den stabilsten Grundlagen für unsere Entscheidungen und auch für unsere Gesetze» verzichtet hat … Würde diese Suche aufgegeben, könnte es geschehen, dass Rechte, die heute als unantastbar gelten, in Zukunft von denen in Frage gestellt oder verweigert werden, die die Macht dazu haben, vielleicht nachdem sie eine nur scheinbare Zustimmung von Seiten einer eingeschüchterten oder manipulierten Bevölkerung erhalten haben.

Gemeinwohl

Es entspricht weder der Summe der Vorteile der Einzelnen noch der Schnittmenge ihrer Partikularinteressen; es ist ein größeres Gut, das allen gehört und das nur gemeinsam aufgebaut, vermehrt und bewahrt werden kann… In diesem Sinne können wir sagen, dass »das Ganze ist mehr als der Teil« und dass gerade deshalb »die bloße Summe von Einzelinteressen […] nicht in der Lage [ist], eine bessere Welt für die gesamte Menschheit zu schaffen«. Es ist eine Illusion zu glauben, dass es ausreiche, nach dem eigenen Fortschritt zu streben, um zum Wohl aller beizutragen, ohne sich wirklich um andere kümmern zu müssen.

Allgemeine Bestimmung der Güter

Dieses Prinzip erinnert uns vor allem daran, dass Gott die Güter der Erde – Boden, Wasser, Luft, natürliche Ressourcen – der gesamten Menschheitsfamilie geschenkt hat, damit sie allen heute und in Zukunft zum Leben gereichen, und dass alle ein ursprüngliches Recht auf die Nutzung dieser Güter haben…Folglich «entspricht es nicht Gottes Plan, mit dieser Gabe so umzugehen, dass nur einige wenige von ihren Vorteilen profitieren»… Zu den Gütern, die universal für alle bestimmt sind, müssen wir heute auch die neuen Formen des Eigentums zählen: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten. In einem Kontext, in dem der Reichtum der Nationen immer mehr von Wissen und Technologien abhängt, entsteht ein neues Ungleichgewicht, wenn diese Güter ohne angemessene Teilhabe und Zugangsmöglichkeiten in den Händen weniger konzentriert bleiben.

Subsidiarität

Wenn jede Frau und jeder Mann dazu berufen ist, das eigene Leben selbst zu gestalten und am Aufbau der Gesellschaft mitzuwirken, dann muss auch die Organisationsform der Gesellschaft diese Verantwortung achten und fördern. Die Soziallehre der Kirche bezeichnet das Prinzip, wonach das, was Einzelpersonen, Familien, lokale Gemeinschaften und intermediäre Körperschaften leisten können, nicht von übergeordneten Instanzen an sich gezogen werden darf, als «Subsidiarität». Die übergeordneten Institutionen müssen die Freiheit und Kreativität der unteren Ebenen anerkennen, schützen und fördern sowie deren Beiträge koordinieren, damit sie wirksam dem Gemeinwohl dienen.

Das Subsidiaritätsprinzip gilt in besonderem Masse im Kontext der digitalen Revolution. Hier ist die übergeordnete Ebene nicht der Staat, sondern jeder grosse wirtschaftliche und technologische Akteur, der faktische Macht über die Bedingungen des gemeinsamen Lebens ausübt. Die Ebene, die Kompetenzen, Daten und Entscheidungsbefugnisse an sich zieht, besteht aus Unternehmen und Plattformen, die Zugangsbedingungen, Sichtbarkeitsregeln, Beziehungsformen und sogar wirtschaftliche Chancen festlegen. Subsidiarität verlangt, dass solche Prozesse nicht von oben auf undurchsichtige und einseitige Weise aufoktroyiert werden, sondern durch Transparenz, Verantwortlichkeit und echte Formen der Teilhabe (unabhängige Überprüfungen, Transparenz bei Algorithmen, gerechten Zugang zu Daten, Rechtsbehelfsmöglichkeiten) auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind.

Solidarität

Jeder Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen und ist Teil eines Beziehungsgeflechts, das ihn mit seinen Mitmenschen, mit den Völkern und mit der Schöpfung verbindet. … Solche Brüderlichkeit ist nicht nur ein inneres Streben des Gläubigen, sondern eine gesellschaftliche und politische Form, die in gemeinsamen Entscheidungen und Wegen Gestalt annehmen muss. Solidarität ist also die konkrete Erkenntnis, dass das Schicksal eines jeden mit dem Schicksal aller verbunden ist: Tatsächlich ist es so, «dass keiner sich allein retten kann»

In vielen Bereichen erleben wir bereits eine Art «faktische Solidarität»: Unsere Leben sind miteinander verflochten, die globale Wirtschaft und Kommunikation sorgen dafür, dass das, was an einem Ort geschieht, weitreichende Auswirkungen hat, und digitale Netzwerke verbinden Menschen und Gemeinschaften aus allen Teilen der Welt in Echtzeit. Dieses Beziehungsgeflecht ist jedoch noch keine Solidarität im vollen Sinne, wenn es nicht zu einer bewussten Entscheidung wird. Der Glaube lädt uns ein, diese Wirklichkeit als einen Aufruf zu verstehen: Wir sind einander nicht einfach nahe, sondern einander anvertraut, damit ein jeder, soweit er kann, Verantwortung für das Leben und die Wunden des Bruders und der Schwester übernimmt.

Solidarität verlangt, dass Entscheidungen in Bezug auf Daten, Algorithmen, Plattformen und Künstliche Intelligenz nicht nur den unmittelbaren Vorteil einiger weniger berücksichtigen, sondern auch die Auswirkungen auf die Gesamtheit der Völker und auf künftige Generationen.

Soziale Gerechtigkeit

Der Begriff der «sozialen Gerechtigkeit» hilft zu erkennen, dass Ungerechtigkeit nicht nur aus falschen Entscheidungen einzelner Menschen entsteht, sondern auch aus Strukturen, Mechanismen sowie wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten, die fast automatisch Ungleichheit hervorbringen. [Johannes Paul II. hat] von Strukturen der Sünde gesprochen, die dem Willen Gottes entgegenstehen und einen persönlichen und gesellschaftlichen Umkehrprozess erfordern.

In der heutigen Zeit muss sich die soziale Gerechtigkeit auch mit dem durch digitale Technologien geschaffenen Umfeld befassen. Die Verbreitung globaler Netzwerke, Plattformen und Systeme Künstlicher Intelligenz verändert die Art, wie wir uns informieren, kommunizieren und auf Dienstleistungen zugreifen. Gerechtigkeit verlangt, dass die Entstehung neuer Formen der Ausgrenzung und Freiheitsberaubung verhindert wird: Menschen und Völker, denen der Zugang zu grundlegenden Technologien verwehrt oder erschwert wird, Gemeinschaften, die einer invasiven Überwachung ausgesetzt sind, soziale Gruppen, welche durch undurchsichtige Algorithmen benachteiligt werden, die Vorurteile und Diskriminierungen reproduzieren. Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der blosse Profit zum Massstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker.

Technik und Herrschaft

In der Enzyklika Laudato si hat Papst Franziskus die zunehmende Durchsetzung eines technokratischen Paradigmas in der globalisierten Welt angeprangert, also die Tendenz, persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen allein der Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits zu unterwerfen. …Damit wird die Schöpfung zu einem Objekt der Ausbeutung und werden die Menschen zu Rädchen in einem System erniedrigt, das immer effizienter werden muss. Dieses Paradigma hat sich in den letzten Jahren rasch verbreitet, auch aufgrund der Verbreitung von Künstlicher Intelligenz, von Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie. An sich können diese Innovationen zu einer grossen Hilfe für die ganzheitliche menschliche Entwicklung und die Bewahrung unseres gemeinsamen Hauses werden. Doch gerade wegen ihrer Leistungsfähigkeit können sie als Beschleuniger des technokratischen Paradigmas wirken und bedürfen daher einer neuen geistlichen, ethischen und politischen Einordnung … «Es zeigt sich, dass der moderne Mensch nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen wird.»

Die aussergewöhnlichsten wissenschaftlichen Fortschritte, die erstaunlichsten technischen Errungenschaften und das beeindruckendste Wirtschaftswachstum werden sich auf lange Sicht gegen den Menschen richten, wenn sie nicht von echtem moralischem und sozialem Fortschritt begleitet werden… Das führt zu einem «Mehr-Haben», aber nicht zu einem «Mehr-Sein», und der Mensch läuft Gefahr, in erster Linie aufgrund der Leistungen bewertet zu werden, die er erbringt.

Im digitalen Bereich liegt die Kontrolle über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung in vielen Fällen nicht in der Hand der Staaten, sondern von grossen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren, die de facto die Zugangsbedingungen, die Regeln der Sichtbarkeit und die Möglichkeiten der Teilhabe selbst festlegen. Wenn sich solche Macht in wenigen Händen konzentriert, besteht die Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Das erhöht das Risiko einer schiefen Entwicklung, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt. Angesichts dieser Machtkonzentration in der digitalen Welt werden die grossen Prinzipien der Soziallehre zu Massstäben für die Beurteilung und Einordnung dieser neuen Situation: die unveräusserliche Würde des Menschen, das Gemeinwohl, die allgemeine Bestimmung der Güter, die Subsidiarität, die Solidarität und die soziale Gerechtigkeit. Diese Prinzipien rufen zur Prüfung auf, ob die Macht digitaler Infrastrukturen und Algorithmen tatsächlich Teilhabe und Verantwortung fördert, die Schwachen schützt, Chancengleichheit gewährleistet und auf das Wohl aller ausgerichtet bleibt.

KI

Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. … Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie erkennen nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich… Sie können Sprache, Verhalten und Beurteilungen imitieren, sie können Empathie oder Verständnis simulieren, aber sie verstehen nicht, was sie damit bewirken… ihre Art des Lernens [unterscheidet sich] von der einer menschlichen Person. Es handelt sich nicht um die Erfahrung eines Menschen, der sich vom Leben formen lässt und im Laufe der Zeit durch Entscheidungen, Fehler, Vergebung und Treue wächst; vielmehr ist es eine statistische Anpassung auf der Grundlage von Daten und Rückmeldungen, die zwar sehr effektiv sein kann, aber kein inneres Wachstum impliziert.

Der Einsatz von KI ist niemals eine rein technische Angelegenheit: Wenn sie in Prozesse eingebunden wird, die das Leben der Menschen beeinflussen, kommt sie mit Rechten, Chancen, gutem Ruf und Freiheit in Berührung… Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. In Wirklichkeit bringt jedes technische Artefakt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft. Wenn ein System so konzipiert oder eingesetzt wird, dass es bestimmte Formen von Leben als weniger wertvoll behandelt oder sie ohne Einspruchsmöglichkeit ausschliesst, dann ist es nicht ein einfaches Werkzeug, das «gut genutzt» werden kann: Es führt bereit ein Kriterium ein, das der unveräusserlichen Würde des Menschen entgegensteht. Aus diesem Grund darf sich ethische Urteilskraft nicht darauf beschränken, zu fragen, ob wir ein bestimmtes System für einen guten oder schlechten Zweck nutzen., sondern muss sich auch fragen, wie es konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist, die es leiten.

KI, Macht und Verantwortung

Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, zu fordern, dass Maschinen moralisch handeln, also die sogenannte «Ausrichtung» von KI auf menschliche Werte. Wir müssen mutig eine weitere Bedingung stellen, nämlich die Möglichkeit, den anzuwendenden Ethikkodex zu diskutieren und ihn mit Kriterien sozialer Gerechtigkeit abzugleichen, die wir teilen. Andernfalls setzen diejenigen, die KI kontrollieren ihre eigene moralische Auffassung durch, und diese wird zur unsichtbaren Infrastruktur der Systeme. Eine moralischere KI nützt nichts, wenn diese Moral von wenigen bestimmt wird.

Wie es bei jeder grossen technologischen Wende der Fall ist, so neigt auch die KI dazu, vor allem die Macht derjenigen zu stärken, die bereits über wirtschaftliche Ressourcen, Kompetenzen und Zugang zu Daten verfügen. Unter dem Gesichtspunkt des Gemeinwohls und der allgemeinen Bestimmung der Güter wirft dieses Phänomen ernsthafte Bedenken auf: Kleine, sehr einflussreiche Gruppen können Informationen und Konsum lenken, demokratische Prozesse konditionieren und die wirtschaftliche Dynamik zu ihrem eigenen Vorteil beeinflussen. Dies steht im Widerspruch zur sozialen Gerechtigkeit und Solidarität unter den Völkern.

Technologische Innovation kann in gewisser Weise eine menschliche Form der Teilnahme am göttlichen Schöpfungsakt sein. Die Entwickler tragen daher eine besondere ethische und geistige Verantwortung, denn jede Wahl eines Designs bringt ein bestimmtes Menschenbild zum Ausdruck. So wie der Schöpfer eines künstlerischen oder literarischen Werks die Werte bedenken muss, die es zum Ausdruck bringt, so sind auch sie gehalten, die Werte, die sie in ihre Projekte einfliessen lassen, mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu behandeln: mit Transparenz, mit Verantwortung gegenüber den betroffenen Gemeinschaften und mit Achtsamkeit, um sicherzustellen, dass das, was da entsteht, tatsächlich ein Gut ist.

Was wir nicht verlieren dürfen

Die Gefahr besteht nicht nur darin, dass bestimmte Technologien missbraucht werden, sondern dass das technokratische Paradigma, von dem wir umgeben sind und das durch die digitale Revolution und KI noch verstärkt wird, eine menschenfeindliche Anschauung als richtig und normal erscheinen lässt – eine Anschauung, nach der die Fülle des Lebens darin besteht, mehr zu besitzen, Schwächen zu reduzieren, Unvorhergesehenes auszuschliessen und alles unter Kontrolle zu haben. Wenn Effizienz zum Wertmassstab wird, ist der Mensch versucht, sich selbst als ein zu optimierendes Projekt zu betrachten und nicht als ein Geschöpf, das zu Beziehung und Gemeinschaft berufen ist.

In Wirklichkeit ist es immer falsch, eine einzige Dimension des Menschen zu verabsolutieren. Tatsächlich ist es nicht bloss der Mangel, der Unordnung hervorruft. Auch das, was masslos wächst, kann zu einer Form der Armut werden. In einem Ökosystem wird das Gleichgewicht gestört, wenn sich eine einzige Art auf Kosten der anderen ausbreitet. Beim Menschen geschieht dasselbe, wenn eine einzige Fähigkeit für sich beansprucht, der Massstab für alles zu sein. Wenn daher die Intelligenz verabsolutiert wird, geraten andere wesentliche Dimensionen des Lebens in den Hintergrund: die Gefühle, der Wille, die Hingabe und die Beziehung.

Technologische Heilsversprechen und menschliche Begrenztheit

Unser Verhältnis zum Leben scheint heute in einer Krise zu stecken. Alles, was als «Begrenztheit» erscheint – Unfähigkeit, Krankheit, Alter, Leiden, Verletzlichkeit –, wird normalerweise erst einmal als ein zu behebender Mangel angesehen und nicht als ein Umstand, durch den der Mensch reift und sich für Beziehungen öffnet. Doch wir müssen daran denken, dass der Mensch nicht trotz seiner Begrenztheit, sondern oft gerade durch seine Begrenztheit zur Entfaltung gelangt… Gerade durch unsere Begrenztheit gibt es Raum für Mitgefühl, für aufrichtige Sorge um die Bedürfnisse der anderen, für eine Grossherzigkeit, die selbst inmitten von Dunkelheit und Versagen überrascht, für geistliche Erfahrungen und für die Anbetung Gottes. … Auch wenn die Begrenztheit als innerer Schmerz erfahren wird, sagt uns die menschliche Weisheit, ihn nicht zu beseitigen oder zu unterdrücken, sondern ihn zu integrieren. Um den Schmerz vollständig zu unterdrücken, müsste man letztendlich auch die Liebe und die Sehnsucht auszulöschen.

Wenn der Mensch als Material behandelt wird, das man vervollkommnen oder überwinden muss, dann wird es leichter akzeptabel, dass einige Menschen als weniger nützlich, weniger liebenswert, weniger würdig angesehen werden. Im Namen des Fortschritts kann man «notwendige Opfer» in Betracht ziehen und so die Schwächsten den Preis für eine vermeintliche Optimierung der Spezies zahlen lassen…Es ist eine Sache, Technologien in eine menschliche und beziehungsorientierte Sicht zu integrieren; etwas ganz anderes ist es, sich von einer Vorstellungswelt leiten zu lassen, die Begrenztheit herabwürdigt und ein rein technisches «Heil» verheisst.

Wenn die Endlichkeit in Wahrheit angenommen wird, macht sie den Menschen nicht arm, sondern öffnet ihn für die Erkenntnis des Antlitzes Gottes und des Nächsten. Gerade weil er Begrenztheit erfährt – Verletzlichkeit, Schmerz und Versagen –, kann er die eigene Würde und die der Mitmenschen als unantastbar anerkennen.

Aus diesem Grund darf die – grossartige und verwundete – Menschheit weder ersetzt noch überwunden werden. Sie kann die technischen Fortschritte begrüssen, um Leiden zu lindern und neue Möglichkeiten zu eröffnen, aber nur, wenn sie dabei nicht verleugnet, was sie menschlich macht, nämlich die Fähigkeit zu Beziehung und Liebe.

Seit Jahrhunderten macht die christliche Tradition geltend, dass der Mensch nicht auf die Grenzen seiner Natur beschränkt ist, sondern dazu berufen, sich selbst zu übersteigen: nicht um der Wirklichkeit zu entfliehen oder um Begrenzungen zu missachten, sondern um in der Liebe vollendet zu werden. Der Glaube weiss um ein «Darüber-Hinaus», das aus der Gnade Gottes kommt. Diese Verwandlung ist das Werk des Heiligen Geistes…. Was den Menschen rettet, ist nicht gesteigerte Selbstständigkeit, sondern eine Beziehung, die befreit, eine Gemeinschaft, die verwandelt. Vor diesem Hintergrund kann eine Technologie, die das bereits Vorhandene klassifiziert und optimiert, unbeabsichtigt zu einem Hindernis für Wandel und Wachstum werden. Für einen Algorithmus ist ein Fehler etwas, das korrigiert werden muss; für einen Menschen kann er der Beginn einer tiefgreifenden Veränderung sein. Die Zukunft eines Menschen ist nicht berechenbar. Sie ist seiner Freiheit anvertraut, die durch die unerschöpfliche Gnade Gottes erhoben wird.


An dieser Stelle überspringe ich einige Abschnitte, in denen es um die Konsequenzen aus diesem Gedankengang für aktuelleHerausforderungen geht: Demokratie, Freiheit, Bildung, Arbeit, Krieg & Frieden… Am Schluss steht für Papst Leo die Frage nach der Liebe – und die Perspektive von Christus.


Eine Frage der Liebe

Macht KI «das menschliche Leben auf dieser Erde wirklich in jeder Hinsicht «menschlicher»? Macht [sie] das Leben «menschenwürdiger»?» Wenn die Antwort «Ja» lautet, dann können wir darin eine gute Möglichkeit erkennen, die verantwortungsvoll auf einem Weg des geduldigen und gemeinsamen Wiederaufbaus genutzt werden sollte, nach dem Vorbild der Neuentstehung der Stadt Jerusalem, die im Buch Nehemia beschrieben wird. Wenn die Macht jedoch wächst, während das Herz verkümmert und Bindungen zerbrechen, dann stehen wir vor einer neuen Form von Babel: einem grandiosen, aber unmenschlichen Bauwerk.

Uns selbst zu fragen, wie wir diese zwei Arten des Fortschritts interpretieren und leben, bedeutet letztlich, auch unser eigenes Herz zu hinterfragen. Die Art und Weise, wie wir unsere Beziehungen, unsere Arbeit und unsere Institutionen verstehen und gestalten, offenbart nämlich unsere grundlegenden Werte und ergibt sich letztlich aus dem, was uns am meisten am Herzen liegt. Es ist eine Liebe, die uns leitet: Das, was wir wirklich lieben, als Einzelne wie als Gesellschaft, bestimmt unser Leben und Handeln.

Das Zeitalter der KI bildet keine Ausnahme von dieser Regel: Die Errichtung von Babel oder jene von Jerusalem beginnt in einem jedem von uns.

Christus

In Christus verstehen wir, dass der Mensch dazu berufen ist, am Werk der Schöpfung mitzuwirken, statt resigniert den technologischen Entwicklungen zuzusehen, die unsere Freiheit und Verantwortung einschränken. Die Würde, die der Heilige Geist jedem von uns verleiht, zeigt sich auch in der Fähigkeit, kritisch zu reflektieren, frei zu wählen, selbstlos zu lieben und echte Beziehungen einzugehen. Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem erschafft ein Herz, das sich hingibt, oder ein Gewissen, das das Gute erkennt. Auch wenn die Maschinen in ihrer Effizienz überragend sind, bleibt das Zentrum der Geschichte ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, angesehen zu werden.

Dieses menschliche Antlitz ist die Fülle, auf die die Geschichte zuläuft. Es ist das Geheimnis der Rekapitulation, die Gewissheit, dass der Vater beschlossen hat, alles im Himmel und auf Erden zu Christus zu führen, zu ihm, dem einen Haupt (vgl. Eph 1,10).

In diesem Plan wird nichts, was wahrhaft menschlich ist, verloren gehen, sondern alles wird gereinigt und wiedervereint werden in ihm, der jedes Bruchstück des Lebens, jede Träne und jede wahre menschliche Errungenschaft aufnimmt, um sie vor dem Nichts zu bewahren und erlöst dem Vater zu übergeben.


Wenn du neugierig geworden bist, einen Abend Zeit und ein Glas Rotwein hast, kannst du die Enzyklika hier auf der Website des Vatikans in voller Länge lesen: Magnificas Humanitas (63 Seiten).


Dieser Artikel erschien zuerst bei pixelpastor.

Titelbild von pexels

23. Juni 2026/0 Kommentare/von Jörg Dechert
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/06/pexels-shubhamdhage-37911407-scaled-e1782211468690.jpg 1365 2048 Jörg Dechert https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Jörg Dechert2026-06-23 12:57:572026-06-23 20:44:25Was macht KI mit der Menschheit?

Glaube, Liebe, Hoffnung – Von alten Tugenden und neuen Krisen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gesellschaft, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 12 min

Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges ist klar: Die Brandherde in dieser Welt sind nicht gelöscht, sondern neu aufgeflammt, und stürzen uns von einer Krise in die nächste. Was ist die Aufgabe der Christinnen und Christen darin? Und: wo bleibt die Hoffnung in dieser Situation?

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15. Mai 2026/1 Kommentar/von Prof. Dr. Christine Schliesser
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/pexels-cottonbro-7243778-scaled.jpg 1440 2560 Prof. Dr. Christine Schliesser https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Prof. Dr. Christine Schliesser2026-05-15 12:03:552026-05-15 12:19:55Glaube, Liebe, Hoffnung – Von alten Tugenden und neuen Krisen

Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Entwicklung, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Die Demokratie ist keine Selbstläuferin. Sie ist ein Garten, der tägliche Pflege benötigt. Dies war das Fazit der Forumsveranstaltung «Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?» vom 2. Mai, die ChristNet zusammen mit der HF TDS, dem Bienenberg, der Evangelischen Allianz (SEA), der Insist Consulting und der VBG in Aarau durchführte.

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4. Mai 2026/0 Kommentare/von Roman Sohrmann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/024-IMG_4438-KnutBurmeister-scaled.jpg 1707 2560 Roman Sohrmann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Roman Sohrmann2026-05-04 12:34:522026-05-04 17:56:03Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»
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