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Glaube, Liebe, Hoffnung – Von alten Tugenden und neuen Krisen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gesellschaft, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 12 min

Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges ist klar: Die Brandherde in dieser Welt sind nicht gelöscht, sondern neu aufgeflammt, und stürzen uns von einer Krise in die nächste. Was ist die Aufgabe der Christinnen und Christen darin? Und: wo bleibt die Hoffnung in dieser Situation?

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15. Mai 2026/1 Kommentar/von Prof. Dr. Christine Schliesser
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/pexels-cottonbro-7243778-scaled.jpg 1440 2560 Prof. Dr. Christine Schliesser https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Prof. Dr. Christine Schliesser2026-05-15 12:03:552026-05-15 12:19:55Glaube, Liebe, Hoffnung – Von alten Tugenden und neuen Krisen

Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Entwicklung, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Die Demokratie ist keine Selbstläuferin. Sie ist ein Garten, der tägliche Pflege benötigt. Dies war das Fazit der Forumsveranstaltung «Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?» vom 2. Mai, die ChristNet zusammen mit der HF TDS, dem Bienenberg, der Evangelischen Allianz (SEA), der Insist Consulting und der VBG in Aarau durchführte.

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4. Mai 2026/0 Kommentare/von Roman Sohrmann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/024-IMG_4438-KnutBurmeister-scaled.jpg 1707 2560 Roman Sohrmann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Roman Sohrmann2026-05-04 12:34:522026-05-04 17:56:03Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»

Demokratiedefizite: auch die Schweiz ist betroffen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales, Technologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Die Schweiz gilt international oft als Musterbeispiel einer funktionierenden Demokratie. Mit ihren Instrumenten der direkten Demokratie wie der Volksinitiative und dem Referendum scheint die politische Macht besonders nahe beim Volk zu liegen. Dennoch zeigt ein genauerer Blick, dass auch in der Schweiz verschiedene Demokratiedefizite bestehen.

Aus diesen Demokratiedefiziten heraus ist zu erklären, warum sich oft die wirtschaftlichen Interessen gegenüber dem Volkswillen durchsetzen.

Intransparente Politikfinanzierung

Ein zentrales Problem liegt in der Finanzierung der Politik. In der Schweiz verfügen finanzkräftige Kreise wie Unternehmen, Verbände oder wohlhabende Einzelpersonen über deutlich mehr Möglichkeiten, politische Prozesse zu beeinflussen. Sie können Wahl- und Abstimmungskampagnen mit grossen Summen unterstützen und damit die öffentliche Meinung stärker prägen als andere Akteure. Dies führt zu ungleichen Voraussetzungen im politischen Wettbewerb und verzerrt den Volkswillen. Das demokratische Prinzip „one man, one vote“ wird dadurch untergraben, da finanzielle Mittel faktisch zu mehr Einfluss führen. Besonders problematisch ist, dass wirtschaftliche Brancheninteressen so ein übermässiges Gewicht erhalten, obwohl in einer Demokratie eigentlich die Interessen der Bevölkerung im Zentrum stehen sollten.

Hinzu kommt die Abhängigkeit vieler Politikerinnen und Parteien von Geldgebern. Wer einmal grosse finanzielle Unterstützung erhalten hat oder darauf angewiesen ist, um wiedergewählt zu werden, gerät leicht in eine gewisse Verpflichtung gegenüber den Geldgebern. Dies kann dazu führen, dass politische Entscheidungen nicht mehr allein im Interesse der Allgemeinheit getroffen werden, sondern auch die Erwartungen der Unterstützer berücksichtigen. Solche Abhängigkeiten sind zwar oft schwer nachzuweisen, aber sie stellen ein strukturelles Risiko für die Unabhängigkeit der Politik dar. Neben mir persönlich bekannten Politikern, die mir ihre Abhängigkeiten geschildert haben, ist ein öffentlich bekanntes Beispiel die plötzliche Änderung der Haltung der CVP zur Bonussteuer im Jahr 2012, nachdem sie eine grössere Spende der UBS erhalten hatte.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Transparenz der Politikfinanzierung. Seit Herbst 2022 müssen die Parteien auf Bundesebene Spenden von über 15’000 Franken offenlegen, bei Kampagnen betrifft dies Budgets ab 50’000 Franken. Doch der Widerstand gegen umfassende Transparenz bleibt gross. Insbesondere Parteien, die stark von grossen Geldgebern profitieren, haben wenig Interesse daran, ihre Finanzierung vollständig offenzulegen. Im Kanton Schaffhausen weigerte sich die Parlaments- und Regierungsmehrheit jahrelang, eine Volksinitiative zur Transparenz umzusetzen. Gleichzeitig zeigt das Schaffhauser Beispiel jedoch, dass die Bevölkerung in solchen Fällen durchaus eingreifen und ihren Willen durchsetzen kann, was wiederum ein Zeichen für die Funktionsfähigkeit der demokratischen Mechanismen ist.

Durchlässigkeit des Systems für Lobbys

Neben der Politikfinanzierung stellt auch die starke Durchlässigkeit des politischen Systems für Lobbygruppen ein Problem dar. Besonders auf Parlamentsebene haben finanzkräftige Interessenvertretungen im Vergleich zum Ausland einen besonders einfachen Zugang zu Entscheidungsträgern. Ein häufig genanntes Beispiel ist der Einfluss der Tabakindustrie, bei dem die Schweiz im internationalen Vergleich weltweit am zweitschlechtesten abschneidet. Solche Einflüsse können dazu führen, dass gesundheitspolitische oder gesellschaftliche Anliegen hinter wirtschaftlichen Interessen zurückstehen.

Ein weiteres Demokratiedefizit ergibt sich aus dem Einfluss grosser wirtschaftlicher Akteure, insbesondere aus der Finanzindustrie und multinationalen Konzernen. Die Abhängigkeit der Schweiz von einzelnen Grossunternehmen ermöglicht einen erheblichen politischen Druck durch diese Unternehmen und führt regelmässig zu Entscheiden von Bundesrat und Parlament, die ihnen genehm sind. Wenn ein Unternehmen als „too big to fail“ oder sogar „too big to be saved“ gilt, entsteht ein Erpressungspotenzial.

Mangelhafte Gewaltenteilung

Auch die institutionelle Struktur der Schweizer Demokratie wirft Fragen auf. Die Gewaltenteilung ist nicht vollständig umgesetzt, da das Parlament sowohl den Bundesrat als auch das Bundesgericht wählt.

Zudem fehlt auf Bundesebene ein Verfassungsgericht, das Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit der Verfassung überprüft. Dies führt dazu, dass das Parlament eine sehr starke Stellung einnimmt. In der Vergangenheit kam es mehrfach vor, dass vom Volk angenommene Initiativen nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden. Beispiele hierfür sind die Rothenthurm-Initiative, die Alpeninitiative, die Initiative gegen Tabakwerbung, auf der anderen Seite aber auch die Masseneinwanderungsinitiative der SVP. Diese Praxis wirft die Frage auf, inwieweit die direkte Demokratie tatsächlich das letzte Wort hat oder ob das Parlament den Volkswillen letztlich interpretiert und relativiert. Im Rahmen der Initiative «Kinder ohne Tabak» hat die Gesundheitskommission des Nationalrates ganz offen gesagt, dass das Parlament die höchste Instanz sei und nicht das Volk. Im gleichen Sinne hat das Parlament im Jahr 2022 den Kauf der F-35-Kampfflugzeuge beschlossen, obwohl eine Volksinitiative dagegen zur Abstimmung bereitstand und massive Zweifel bezüglich Kosten und Tauglichkeit bestanden, die sich später bestätigten.

Behinderung und Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen

Ein weiteres Problem ist der teilweise unzureichende Stand der politischen Bildung. Viele Menschen verfügen nicht über genügend Wissen, um komplexe politische Zusammenhänge zu verstehen. Dies macht sie anfällig für einfache Botschaften, Manipulation oder sogar Verschwörungstheorien. Eine funktionierende Demokratie ist jedoch auf informierte Bürgerinnen und Bürger angewiesen, die sich kritisch mit Informationen auseinandersetzen können.

Darüber hinaus sind bestimmte Bevölkerungsgruppen von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen, insbesondere Ausländerinnen und Ausländer sowie Jugendliche unter 18 Jahren. Obwohl sie teilweise stark von politischen Entscheidungen betroffen sind, haben sie kein Stimmrecht auf nationaler Ebene. Dies stellt eine Einschränkung des demokratischen Prinzips dar, wonach alle Betroffenen auch mitentscheiden können sollten.

Auch aktuelle Tendenzen geben Anlass zur Sorge

Neben diesen strukturellen Defiziten lassen sich auch neuere Tendenzen beobachten, die Anlass zur Sorge geben. Ähnlich wie in anderen Ländern gibt es auch in der Schweiz Entwicklungen, bei denen mächtige Akteure versuchen, kritische Stimmen einzuschränken.

So wurden im Jahr 2015 beispielsweise Gesetze verschärft, die die Veröffentlichung von Informationen im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis unter Strafe von bis zu drei Jahren Haft stellen, gleich viel wie bei fahrlässiger Tötung. Dies verunmöglicht investigative Recherchen in der Schweiz und behindert die Aufdeckung von Missständen. Dieser Druck auf die Medien wird auch aktiv angewendet, so z.B. mit einer Klage gegen den Tagesanzeiger wegen seines Berichts zur Geldwäscherei einer Genfer Bank oder mit einer erfolgten Durchsuchung von «Inside Paradeplatz».

Möglichkeiten zur Zensur wurden ausgeweitet, etwa durch erleichterte superprovisorische Verfügungen bei «schützenswertem Interesse» statt nur bei «besonders schützenswertem Interesse». Dadurch können Informationen schneller unterdrückt werden, noch bevor eine öffentliche Diskussion darüber stattfinden kann. In bestimmten Fällen hat dies zur Folge, dass politisch relevante Informationen gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangen, wie im Falle der Affären um den Genfer Regierungsrat Pierre Maudet.

Behinderung der Zivilgesellschaft

Ein weiteres Beispiel betrifft den Umgang mit Nichtregierungsorganisationen (NGO). Nach der Abstimmung zur Konzernverantwortungsinitiative, bei denen zivilgesellschaftliche Akteure erstaunlich erfolgreich mobilisieren konnten, ergriffen wirtschaftsnahe Behörden im Aussendepartement von Bundesrat Cassis Massnahmen, die den Handlungsspielraum der NGO einschränken. Dazu gehören etwa der Subventionsstopp für Sensibilisierungsarbeit zu politischen Ursachen von Unterentwicklung oder das Verbot von Sensibilisierung durch NGOs in Schulen. Davon waren Organisationen wie StopArmut betroffen.

Aktuell ist im Parlament ein Gesetz in Diskussion, das die politische Arbeit von NGOs von der Steuerbefreiung ausnehmen will. Dies hätte hohen administrativen Aufwand und zusätzliche Kosten zur Folge, was die entsprechende Arbeit behindert.

Überwachung und Verbot von politischen Diskussionen

Trotz des Auffliegens der Fichenaffäre Ende der 1980er-Jahre und der entsprechenden strengeren Gesetze überwachte der Nachrichtendienst des Bundes weiterhin oppositionelle Organisationen – z.B. Public Eye oder die Grünen – dies unter anderem wegen «Radikalisierungsgefahr». Ausweitungen der Überwachung sind im Gang.

Im Kanton Waadt verbot Regierungsrat Borloz politische Podiumsdiskussionen mit Teilnehmenden aller Parteien an den Schulen vor den eidgenössischen Wahlen 2023. Zwei Jahre später hat das Kantonsgericht einer Klage gegen dieses Verbot stattgegeben. Das Verbot war gesetzeswidrig.

Medienkonzentration und Informationsmacht

Ein Schlüsselthema ist die Entwicklung der Medienlandschaft.

  • Die zunehmende Konzentration von klassischen Medien und «Social Media» in den Händen weniger Eigentümer kann die Meinungsbildung in Richtung der Ideologie und der Interessen der Eigentümer drängen und damit die Demokratie verzerren. Dieser Trend ist in Frankreich und in den USA bereits weit fortgeschritten: https://christnet.ch/de/nein-zur-srg-halbierungsinitiative/
  • Die Social Media, wo kein Faktencheck mehr stattfindet und unbegrenzte Möglichkeiten für die Besitzer – z.B. Elon Musk, für finanzkräftige Industrien und nationalistische Interessen – z.B. russische Bots – bieten, sind eine Gefahr für die Demokratie, da sie Irreführung und Verhetzung stark begünstigen.
  • Der künstlichen Intelligenz wird in Zukunft eine Schlüsselrolle bei der Information der Bevölkerung zukommen. Der Aufbau von Unternehmen der künstlichen Intelligenz braucht Milliardensummen, die nur Superreiche aufbringen können. Diese bestimmen dann, welche Informationen die künstliche Intelligenz bei einer Abfrage zur Verfügung stellt.
  • Gleichzeitig stehen unabhängige Medien unter politischem und wirtschaftlichem Druck, was ihre Rolle als kritische Kontrollinstanz schwächen kann.

Akkumulation von Reichtum – und damit von Macht

Schliesslich stellt auch die zunehmende Konzentration von Reichtum eine grundlegende Herausforderung für die Demokratie dar. Wenn immer mehr Vermögen in den Händen weniger Personen liegt, wächst deren Einfluss auf Politik, Wirtschaft, Medien und Information dieser vermögenden Minderheit.

Jetzt Weichen für die Demokratie stellen!

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Schweiz trotz ihrer starken demokratischen Tradition mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert ist. Diese betreffen sowohl strukturelle Aspekte wie die Politikfinanzierung und die Gewaltenteilung als auch neuere Entwicklungen im Bereich der Medien und der globalen Wirtschaft. Eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit diesen Demokratiedefiziten ist notwendig, um die Qualität und Glaubwürdigkeit der Demokratie langfristig zu sichern.

29. April 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/04/pexels-will-chen-246349093-36074718.jpg 1013 1800 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-04-29 19:19:052026-04-30 08:37:00Demokratiedefizite: auch die Schweiz ist betroffen

Demokratie ist mehr als Abstimmen und Wählen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Eine Demokratie ist eine Staatsform, in der die Macht vom Volk ausgeht. Das bedeutet, dass die Menschen in einem Land darüber entscheiden können, wie sie regiert werden wollen. So lernt man es in der Staatskunde. Dass aber noch viel mehr dazugehört, zeigt dieser Artikel.

Bekanntlich gibt es unterschiedliche Formen der Demokratie, zum Beispiel die repräsentative Demokratie, in der gewählte Vertreter Entscheidungen treffen, oder die direkte Demokratie, in der das Volk zusätzlich selbst über Sachfragen abstimmt. Doch die blosse Existenz von Wahlen oder Abstimmungen genügt nicht, um von einer echten Demokratie zu sprechen. Vielmehr braucht es eine Reihe von grundlegenden Voraussetzungen und Rahmenbedingungen.

Zugang

Eine zentrale Voraussetzung ist der gleiche Zugang aller Menschen zur politischen Mitbestimmung. Das bedeutet zunächst, dass alle Bürgerinnen und Bürger die gleichen politischen Rechte haben müssen. Historisch gesehen war dies nicht immer der Fall, etwa durch das fehlende Frauenstimmrecht. Das Wahlrecht darf auch nicht gezielt eingeschränkt werden – dass z.B. nur diejenigen wählen dürfen, die gewisse teure Ausweise erworben haben. Auch strukturelle Verzerrungen wie etwa manipulierte Wahlkreiseinteilungen – sogenanntes Gerrymandering – dürfen nicht vorkommen, da sie die Repräsentation verfälschen.
Neben den formalen Rechten braucht es jedoch auch reale Möglichkeiten zur Teilnahme. Bildung spielt hier eine entscheidende Rolle: Nur wer ausreichend informiert ist und Zusammenhänge versteht, kann sich sinnvoll an politischen Prozessen beteiligen.

Meinungsäusserung

In einer Demokratie müssen alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Meinung frei zu äussern und zu verbreiten. Das Internet könnte theoretisch zu mehr Meinungsfreiheit beitragen, doch in der Praxis zeigt sich, dass finanzielle Mittel oft eine grosse Rolle spielen: Wer mehr Geld investiert, kann seine Botschaften stärker verbreiten.

Besonders problematisch ist dies bei Abstimmungs- und Wahlkampagnen. Wenn eine Seite deutlich mehr finanzielle Ressourcen hat, kann sie die öffentliche Meinung stark beeinflussen. Es kommt in der Schweiz oft vor, dass Vorlagen, die in Umfragen lange Zeit breite Unterstützung geniessen, am Ende abgelehnt werden, weil eine finanzstarke Gegenseite intensive Kampagnen führt. Auch der Besitz von Medien ist entscheidend: Wenn wenige Akteure einen grossen Teil der Medien kontrollieren, kann dies die Reichweite von gegenteiligen Meinungen einschränken. Deshalb sind ein ausgewogen finanzierte Medienlandschaft und journalistische Freiheit zentrale Elemente einer funktionierenden Demokratie.

Wahrheit

Eng damit verbunden ist die Notwendigkeit korrekter Information. Bürgerinnen und Bürger müssen verlässliche und überprüfbare Informationen erhalten, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Professionelle Instanzen wie unabhängige Medien, wissenschaftliche Einrichtungen oder Fact-Checking-Organisationen spielen dabei eine wichtige Rolle. In der heutigen Zeit besteht jedoch die Gefahr, dass solche Stimmen von einer Flut an Informationen – oder sogar von gezielter Desinformation – übertönt oder behindert werden.

Politikfinanzierung: Gleich lange Spiesse

Ein weiteres Element ist die faire Finanzierung von Parteien und politischer Arbeit. Wenn einzelne Parteien oder Interessengruppen deutlich mehr finanzielle Mittel haben, entsteht ein Ungleichgewicht. Gleich lange Spiesse sind notwendig, damit alle politischen Akteure eine reale Chance haben, gehört zu werden. Auch Lobbying muss transparent und ausgewogen gestaltet sein, damit nicht einzelne Interessen überproportionalen Einfluss ausüben.

Gleich grosser Einfluss – kein Erpressungspotenzial

Ebenso wichtig ist der Schutz vor Drohungen und Zwängen. Politische Entscheidungen dürfen nicht unter dem Druck von mächtigen Einzelpersonen oder Unternehmen getroffen werden. Wenn beispielsweise Firmen drohen, ein Land zu verlassen oder wirtschaftlichen Schaden anzurichten, um politische Entscheidungen zu beeinflussen, werden die demokratischen Prozesse untergraben. In diesem Zusammenhang spielt auch die materielle Ungleichheit eine Rolle: Grosse wirtschaftliche Unterschiede können dazu führen, dass einzelne Akteure unverhältnismässig viel Einfluss haben. Das Prinzip „one man, one vote“ verliert dann an Bedeutung.

Gewaltenteilung gegen die Machtkonzentration

Ein grundlegendes Prinzip jeder Demokratie ist die Gewaltenteilung. Die staatliche Macht wird auf verschiedene Institutionen verteilt, typischerweise auf die Exekutive (Regierung), die Legislative (Parlament) und die Judikative (Gerichte). Diese Aufteilung verhindert eine Machtkonzentration und sorgt dafür, dass sich die einzelnen Gewalten gegenseitig kontrollieren. Selbst in der Schweiz ist diese Gewaltenteilung nicht vollständig durchgezogen, da beispielsweise das Parlament den Bundesrat und das Bundesgericht wählt.

Verfassungsgericht – gerade für Volksinitiativen wichtig

Schliesslich spielt auch ein Verfassungsgericht eine wichtige Rolle. Die Verfassung ist die Grundlage des Zusammenlebens, die sich ein Volk gegeben hat, und es braucht eine Instanz, die darüber wacht, dass alle Gesetze und anderen Erlasse mit ihr vereinbar sind. Ein Verfassungsgericht kann Gesetze aufheben, die gegen die Verfassung verstossen. In der Schweiz gibt es ein solches Gericht auf Bundesebene nicht, was eine Schwäche im demokratischen System darstellt. Aktuell werden angenommene Volksinitiativen vom Parlament auf Gesetzesebene einfach nicht umgesetzt.

Demut – Niemand hat das Recht, über andere zu herrschen

Neben diesen strukturellen Voraussetzungen braucht eine Demokratie auch eine gewisse Haltung der Beteiligten, insbesondere Demut. Niemand besitzt die absolute Wahrheit oder das Recht, sich über demokratische Regeln hinwegzusetzen, auch wenn man überzeugt ist, im Interesse des Landes zu handeln. Demokratie lebt vom Respekt gegenüber anderen Meinungen und von Kompromissen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Demokratie weit mehr ist als nur Wahlen und Abstimmungen. Sie erfordert faire Bedingungen, informierte Bürgerinnen und Bürger, unabhängige Institutionen und eine politische Kultur des Respekts und der Verantwortung. Nur wenn all diese Elemente zusammenspielen, kann von einer echten und funktionierenden Demokratie gesprochen werden.

Foto von Louis bei pexels.

26. April 2026/1 Kommentar/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/04/pexels-suissounet-19920845-scaled.jpg 1707 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-04-26 20:10:512026-04-29 13:16:18Demokratie ist mehr als Abstimmen und Wählen

Warum Christen so gerne Diktatoren wählen – eine theologische Vertiefung

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gesellschaft, Nationalismus, Philosophie, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In einem ersten Teil zum gleichen Thema, den wir am 18. Dezember 2025 veröffentlicht haben, befasste sich unser Autor auf soziologischer Ebene mit der Frage, warum Christinnen und Christen immer wieder autokratische Figuren unterstützen. Nun vertieft er das Thema theologisch.

Von aussen wirkt das Phänomen befremdlich: Ausgerechnet in religiösen Milieus, die sich auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Lehre Jesu berufen, finden autoritäre Politiker oftmals die treuesten Unterstützer. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA, wo ein grosser Teil der evangelikalen Bewegung Donald Trump als „Werkzeug Gottes“ betrachtet.
Die Frage ist nicht nur politisch, sondern zutiefst theologisch: Warum sind gläubige Menschen anfällig dafür, autoritären Führungsfiguren zu vertrauen? Und wie lässt sich diese Tendenz aus christlicher Perspektive kritisch beleuchten?

  1. Autoritäre Attraktivität: Wann Macht religiös vertraut wirkt
    Theologen und Religionssoziologen weisen seit Jahren darauf hin, dass bestimmte Gottesbilder politisches Verhalten prägen. Insbesondere im alttestamentlichen Kontext begegnet Gott als universaler Herrscher, als König, der kämpft, richtet und absolute Loyalität einfordert (vgl. Ps 2). Dieses Herrschaftsverständnis vermittelt Sicherheit und Identität – und es ist tief verankert in der christlichen Frömmigkeitstradition.
    Für viele Gläubige entsteht dadurch eine intuitive Vertrautheit mit absoluter Macht. Wer an einen souveränen Herrscher glaubt, für den wirkt auch ein starker politischer Anführer zunächst nicht befremdlich, sondern strukturell vertraut. Wenn dieser zudem religiöse Rhetorik bemüht, erscheint er nicht selten als irdischer Vertreter göttlicher Ordnung. Die Brücke zwischen religiösem und politischem Autoritarismus ist damit zwar nicht zwangsläufig, aber erklärbar.
  2. Gesetzesfrömmigkeit und die politische Übersetzung von „Law and Order“
    Zentral für das alttestamentliche Welt- und Gottesverständnis ist die Tora – ein komplexes System aus Geboten, Vorschriften und moralischen Normen. Das religiöse Leben Israels war geprägt von klaren Grenzziehungen, moralischen Forderungen und einer starken normativen Struktur. Psalm 119 feiert diese göttliche Ordnung in vielen Versen. Diese moralisch-normative Prägung findet sich bis heute in vielen christlich-konservativen Milieus. Dort wird politisches Handeln unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung moralischer Ordnung bewertet.
    Wenn ein Politiker klare Regeln, harte Durchsetzung und moralische Disziplin ankündigt, spricht er ein religiös vertrautes Bedürfnis an. Komplexität und Ambiguität – die Grundbedingungen pluralistischer Gesellschaft – wirken dagegen bedrohlich oder zumindest irritierend. Daraus entsteht eine Affinität zu Politikern, die Schwarz-Weiss-Logiken nutzen: Sie erscheinen moralisch konsistent, während differenzierte Politik oft als schwach oder unklar wahrgenommen wird.
  3. Angst als theologischer Katalysator
    Politische Autoritarismusforschung zeigt: Je stärker die Unsicherheit, desto grösser der Wunsch nach Ordnung. Christen sind hier keine Ausnahme – im Gegenteil: Religiöse Milieus reagieren besonders sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, die moralische Orientierung, familiäre Strukturen oder kulturelle Identität in Frage zu stellen scheinen. Migration, Globalisierung, moralischer Wandel oder technologische Beschleunigung können als Bedrohung erlebt werden. Ausgerechnet in solchen Momenten wird der „starke Mann“ attraktiv. Er verspricht nicht Dialog, sondern Entscheidung. Nicht Prozesse, sondern Ergebnis. Nicht Komplexität, sondern Klarheit.
    Das erinnert stark an religiöse Erfahrungen von Orientierung und Führung – allerdings ohne deren geistliche Tiefe. Dabei ist die Parallele trügerisch: Während Gottes Orientierung durch Liebe und Vergebung charakterisiert ist, gründet sich autoritäre Politik meist auf Angst und Abgrenzung.
    Religiöse Kulturen, die durch starke Gesetzesorientierung, absolute Wahrheitsansprüche und ein hierarchisches Gottesbild geprägt sind, neigen weltweit zur Akzeptanz autoritärer Strukturen. Darum ist das Phänomen der Diktatorenfalle auch in anderen Religionen und Kulturen wahrzunehmen, wie dem Islam oder dem Hinduismus.
    Gerade der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie gefährlich dieses Muster werden kann. Christen hatten in der Weimarer Republik nicht nur Angst vor ökonomischer und politischer Instabilität, sondern auch vor moralischem Verfall und gesellschaftlichem Chaos. Hitlers autoritäres Auftreten, sein Versprechen von Ordnung und nationaler Wiederherstellung fand bei vielen Christinnen und Christen Zuspruch. Die „Bekennende Kirche“ war eine Minderheit. Die Mehrheit bekannte sich – aktiv oder schweigend – zu einem Regime, das aus christlicher Perspektive unmissverständlich dem Geist Christi widersprach.
  4. Die christologische Korrektur: Warum Jesus das Gegenmodell zum autoritären Führer ist
    Der entscheidende geistliche Punkt lautet: Christliche politische Ethik kann nicht vom alttestamentlichen Herrschaftskonzept abgeleitet werden. Sie muss von Christus her begründet sein. Und das bedeutet: Jesus ist die Mitte politischer Urteilsbildung.Das Neue Testament präsentiert einen Messias,
    · der Macht ablegt, statt sie zu instrumentalisieren,
    · der Gewalt verweigert, statt sie religiös zu legitimieren,
    · der Randgruppen sucht, statt sie auszuschliessen,
    · der Feinde liebt, statt sie zu vernichten,
    · der Dialog sucht, statt Fronten zu verhärten,
    · der auf Opfer verzichtet, statt Opfer zu verlangen.Die Tempelreinigung – oft als Rechtfertigung für „heiligen Zorn“ missbraucht – ist theologisch gesehen Ausnahme, nicht Prinzip. Die Macht Jesu ist nicht autoritär, sondern sanftmütig, nicht dominierend, sondern dienend. Damit stellt Jesus ein radikales Gegenmodell zu autoritären Figuren dar.
  5. Konsequenzen für die politische Urteilsbildung von Christinnen und Christen

Christen sind eingeladen, politische Entscheidungen nicht aus Angst, Nostalgie oder moralischem Alarmismus zu treffen, sondern aus geistlicher Reife heraus. Das bedeutet:

  • Kritische Selbstprüfung
    Welche meiner politischen Präferenzen werden durch Angst gesteuert?
Welche durch das Bedürfnis nach Kontrolle?
Welche durch mein Gottesbild?
  • Christus als hermeneutischer Schlüssel
    Passt der Führungs-und Lebensstil eines Politikers zu dem Stil Jesu?
Behandelt er Schwache mit Würde?
Fördert er Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit?
  • Sensibilität für Machtmissbrauch
    Christlicher Glaube ist grundsätzlich kritisch gegenüber menschlicher Macht.
Wer Macht sammelt, muss deshalb besonders sorgfältig beurteilt werden.
  • Förderung demokratischer Tugenden
    Dialog, Pluralismus und Kompromiss sind keine Schwäche, sondern Spiegel der menschlichen Würde. Sie entsprechen der Art Jesu, der Menschen ernst nimmt – selbst seine Gegner.
    Christen geraten nicht deshalb in die Diktatorenfalle, weil sie böse oder unreflektiert wären. Sie geraten hinein, weil bestimmte religiöse Muster politisch missbraucht werden können: das Bedürfnis nach Ordnung, die Sehnsucht nach Orientierung und die Angst vor dem Unbekannten. Der Weg aus dieser Falle führt nicht über Ideologie – sondern über Theologie. Über Jesus Christus. Über seine Art zu herrschen. Über seine Art, Mensch zu sein. Wer ihm folgt, wird nicht unkritisch Macht verehren. Wer ihn betrachtet, wird nicht Angst, sondern Liebe zum Massstab machen. Und wer ihn ernst nimmt, wird jede Form von autoritärer Verführung durchschauen.

Podcast

Dieser Artikel fusst auf einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2020.
Ganze Folge anhören auf movecast.de.

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22. Dezember 2025/0 Kommentare/von Martin Benz
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/12/QmVPAuAxfmEkPy8Z6QzywjFUNnCur66b1MbFMS4EnqmM3m-NEG-scaled.jpg 1440 2560 Martin Benz https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Benz2025-12-22 10:00:062025-12-21 23:28:38Warum Christen so gerne Diktatoren wählen – eine theologische Vertiefung

Warum Christen so gerne Diktatoren wählen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gesellschaft, Nationalismus, Philosophie, Politik, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Ein Blick in Geschichte und Gegenwart bringt es an den Tag: Christinnen und Christen folgen immer wieder gerne autoritären Machthabern. Was sind die Gründe dafür? Martin Benz geht dieser Frage nach.

Warum wählen Christen so gerne Diktatoren? Diese Frage ist natürlich provokativ, und ich möchte keinesfalls allen Christen unterstellen, dies zu tun. Dennoch ist es interessant, dass es unter konservativ Gläubigen eine ganze Reihe gibt, die dazu neigen, starke Machthaber oder Alleinherrscher zu wählen – Leute wie Trump, die die Wahrheit für sich pachten und ein ganz eigenes Narrativ erzählen.

Wir erleben das aktuell in den USA, wo Trump stark von den „White Evangelicals“ getragen wird. Diese Gruppe steht uneingeschränkt hinter ihm und stellt ein wichtiges Wählerpotenzial dar. Das gleiche Phänomen sahen wir auf den Philippinen mit Präsident Duterte, einem sehr rigorosen und rücksichtslosen Herrscher, der im katholischsten Land der Welt mit Unterstützung der katholischen Mehrheit gewählt wurde. In Brasilien konnte Präsident Bolsonaro auf breite Unterstützung der evangelikalen Pfingstler zählen. Ähnliches gilt für Putin in Russland, der von der orthodoxen Kirche unterstützt wird, oder für die rechtskonservative Partei in Polen im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche. Leider finden wir diese Strömung auch in Deutschland, wo viele Christen mit der AfD sympathisieren oder sie sogar wählen.

Was sind die Ursachen?

Womit hängt das zusammen? Warum sind Christinnen und Christen so anfällig für die „Diktatorenfalle“? Hier sind drei mögliche Erklärungsansätze:

  1. Das Gottesverständnis aus dem Alten Testament
    Zum einen hat dies mit unserem Herrschaftsverständnis Gottes zu tun, das uns stark vom Alten Testament her prägt. Dort stellt sich Gott oft als der Allherrscher vor: der allmächtige Gott, der Herrscher der ganzen Welt, der vor seinem Volk steht und andere Völker oder Götter vernichtet bzw. entmachtet. Besonders in den Psalmen (z. B. Psalm 2) finden wir Textstellen, die von dieser uneingeschränkten Herrschaft sprechen. Selbst wenn sich Völker auflehnen, festigt Gott seine Herrschaft und bereitet dem Widerstand ein Ende. Alle müssen sich beugen; sein Wille gilt absolut.
    Dieses Bild der absoluten Herrschaft Gottes ist uns vertraut und vermittelt Sicherheit: Wenn man zu diesem Gott gehört, steht man auf der Siegerseite. Das hat positive Aspekte wie Geborgenheit und Halt. Aber wenn man sich an diese absolute Herrschaftsform gewöhnt hat, wirkt auch eine irdische Herrschaft, die diesen „militanten“ oder absoluten Geschmack hat, vertraut. Ein Christ fremdelt nicht so stark mit autoritären Strukturen auf Erden. Wenn ein Herrscher dann noch suggeriert, er handle im Auftrag Gottes, sagen sich viele Christen: „So einen Mann haben wir gebraucht.“ Selbst wenn Freiheiten eingeschränkt oder Minderheiten unterdrückt werden – solange die Christinnen und Christen ihre Religion ausüben können, wird das akzeptiert.
  2. Die Sehnsucht nach „Law and Order“
    Ein zweiter Grund ist, dass die Herrschaft Gottes im Alten Testament stark auf Gesetzen, Geboten und Vorschriften gründet. Es herrscht eine hohe Moralvorstellung, definiert durch klare Anweisungen (Tora). Dieses „Law and Order“-Prinzip wird im Alten Testament gepriesen (z. B. in Psalm 119). Ordnungen werden als positiv empfunden und Verstösse dagegen werden hart bestraft.
    Wenn ein irdischer Herrscher nun Regeln, Gesetze und „Law and Order“ betont, kommt dies konservativen Christen sehr entgegen. Sie fühlen sich verpflichtet, jemanden zu wählen, der „klare Kante“ zeigt und Ordnung schafft. Ein Herrscher, der „wachsweich“ wirkt, ist ihnen suspekt.
    Dies ist auch ein Problem der Kirche, die sich angewöhnt hat, als Moralapostel aufzutreten. Das erklärt, warum der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche so schwer wiegt: Wer so moralisch auftritt und strenge Regeln (z. B. bei Wiederheirat) predigt, verliert massiv an Glaubwürdigkeit, wenn in den eigenen Reihen Verbrechen geschehen.
  3. Der Faktor Angst
    Der dritte Aspekt hängt eng mit dem zweiten zusammen: Angst. Je verunsicherter wir uns fühlen – sei es durch Pluralismus, Globalisierung oder unklare Verhältnisse –, desto lieber ist uns wieder „Law and Order“. Wenn die Welt chaotisch wird und alte Gewissheiten schwinden, rufen Menschen nach dem „starken Mann“, der Orientierung bietet. Man nimmt in Kauf, dass andere dabei unter die Räder kommen, Hauptsache, das eigene Ordnungssystem ist wiederhergestellt.
    In Krisenzeiten sind Länder besonders anfällig für Diktatoren. Leider merkt man oft erst zu spät, dass man den falschen Mann gewählt hat – nämlich dann, wenn die eigenen Freiheiten auch beschnitten werden. Da Christinnen und Christen gewohnt sind, dass Gott durch klare Anweisungen Orientierung und Sicherheit schenkt, fremdeln sie weniger mit Herrschern, die ähnlich autoritär auftreten.

Historische und interreligiöse Parallelen

Diese „Diktatorenfalle“ betrifft nicht nur Christen. Auch andere Religionen mit einem ähnlichen Gottesbild sind anfällig, etwa der konservative Islam (Beispiel IS, Iran oder Türkei). Je „frömmer“ die Leute sind, desto eher akzeptieren sie absolute Herrschaftsformen, bei denen Religion und Staat verschmelzen.

Auch in Deutschland haben wir diese Erfahrung gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg führten wirtschaftliche und politische Verunsicherung dazu, dass viele Christen in die Diktatorenfalle liefen und Adolf Hitler wählten. Nur eine Minderheit in der Bekennenden Kirche durchschaute dies. Den meisten war der Gedanke einer absoluten Herrschaft und einer „klaren Kante“ nicht fremd.

Ich sage das heute leicht von meinem Schreibtisch aus. Ich weiss nicht, wie ich damals gehandelt hätte und ob ich nicht auch mitgelaufen wäre. Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute Gedanken machen und diese Mechanismen durchschauen, um nicht erneut in diese Falle zu tappen.

Jesus als politisches Vorbild

Ich bin der Meinung, dass wir für unsere politische Bildung nicht das Alte Testament, sondern Jesus Christus brauchen. Jesus lebte eine völlig andere Art von Herrschaft. Er war bescheiden, sanftmütig und von Herzen demütig. Sein Umgang mit Randgruppen, Schwachen und Sündern ist für mich programmatisch. Auch seine Kritik am religiösen Establishment, das die Nähe zur Macht suchte, ist wegweisend.

Manche mögen einwenden: „Aber Jesus hat doch die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben!“ Das stimmt, aber diese Szene ist die grosse Ausnahme, nicht das Programm seines Lebens. Wer stark vom alttestamentlichen Herrscherbild kommt, stürzt sich auf diese Szene, weil sie ins eigene Weltbild passt. Aber in Jesus begegnet uns der Sanftmütige, der jegliche gewaltsame Herrschaft ablehnt. Er ruft keine Engel-Legionen, er schlägt nicht zurück. Er ist der Dreh- und Angelpunkt für unsere politische Bildung.

Podcast

Dieser Artikel fusst auf einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2020.
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18. Dezember 2025/1 Kommentar/von Martin Benz
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/12/QmVPAuAxfmEkPy8Z6QzywjFUNnCur66b1MbFMS4EnqmM3m-scaled.jpg 1440 2560 Martin Benz https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Benz2025-12-18 13:09:392025-12-21 23:21:42Warum Christen so gerne Diktatoren wählen

Kirche und Staat im Spannungsfeld ihrer Aufträge

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In der Schweiz sprechen wir von einer Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Neutralität des Staates ermöglichen soll. Kommt es aber zu einer Vermischung der jeweiligen Aufträge, kann dies schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen.

Wer die heutige Beziehung zwischen Kirche und Staat in der westlichen Welt verstehen möchte, muss tief in die Kirchengeschichte eintauchen. Denn mit der Papstrevolution im späten 11. Jahrhundert begann ein nicht enden wollender Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, der laut Klaus Roth die Entstehung des europäischen Staatssystems beschleunigte (2006: 79). Somit ist die Idee des Staates ein Resultat unerfüllter Erwartungen, dass durch ein harmonisches Mit- und Gegeneinander von Kaiser und Papst die gesamte Menschheit zum christlichen Glauben bekehrt und eine gottgefällige Ordnung errichtet werden könne (vgl. Schmitt 1950, 30, 96f.). Obwohl der christliche Glaube während der Reformation und Gegenreformation nochmals eine zentrale Bedeutung für die Staatenbildung erlangte (Roth 2006: 89f.), emanzipierte sich der Staat im Zuge der Französischen Revolution aus der religiösen Bevormundung des Christentums und wurde souverän. Die Trennung von Kirche und Staat war gemäss Ernst-Wolfgang Böckenförde (1982: 64) keine radikale, sondern eine balancierte. So vermochten beide ihren Auftrag unabhängig voneinander zu gestalten und aufeinander einzuwirken: Der Staat ist Vertreter von Recht und Ordnung und die Kirche Verkündigerin des Evangeliums.

Einfluss der Kirche auf den Staat

Die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gilt zwar generell als unpolitisch (Böckenförde 1982: 82). Aber sie kann durch die Wirkung des Evangeliums auf die Gesellschaft unbeabsichtigt politisch Einfluss nehmen. Dies trifft zum Beispiel dann ein, wenn es in Abstimmungen um Fragen der Moral und Sittlichkeit geht und Christen als Staatsbürger ihre Stimme gezielt zu diesen Themen einsetzen (1982: 83). Auch dank der Neutralität des Staates und der Religionsfreiheit kann sich das Christentum nach wie vor in das gesellschaftliche Leben einbringen und gelegentlich eine Rechtsordnung prägen (1982: 66). Denn die Werte des Christentums bilden in vielen westlichen Staaten immer noch das Fundament für die politische Ordnung (1982: 67f.). Die Kirche übermittelt die Werte, da der Staat dies nicht tun kann, ohne seine religiöse Neutralität aufzugeben. Eine pluralistische Gesellschaft hat aber den Anspruch an die Kirche, dass sie ihre Werte so übersetzt, dass auch Leute ohne Bezug zum Christentum diese übernehmen und in ihr eigenes Weltbild integrieren können. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern die Kirche die Funktion als Übermittlerin der Werte wahrnehmen soll. Ist es ihr möglich, dadurch ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen oder verfälscht sie diesen durch die Säkularisierung ihrer Werte? Für Böckenförde steht fest: „Es gehört nicht zur geistlichen Sendung der Kirche, zur Integration der pluralistischen Gesellschaft durch entsprechende Konsensbildung beizutragen. {…} Die Treue zu ihrem Auftrag kann sie zu desintegrierendem Sprechen und Handeln zwingen“ (1982: 71). Die Kirche darf ihm zufolge nicht für die Integration einer freiheitlichen und demokratischen Grundlage eintreten, die den christlichen Grundlagen widerspricht.

Aus der Geschichte lernen

In jüngster Zeit geriet die Demokratie als Regierungsform auch deshalb in die Kritik, weil säkulare Werte zunehmend Einfluss in der Gesellschaft gewonnen haben und damit öfter in Gesetzen verankert wurden (z.B. Ehe für alle). Dies führte bei vielen Christinnen und Christen zu Unmut und einer Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden. So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich einer politischen Führungsperson anschliessen, die sich für ihre Anliegen einsetzt oder zumindest so tut. Dies trifft zurzeit unter anderem auf die USA und El Salvador zu. Dort lässt sich die Vermischung der Aufträge von Kirche und Staat, die eine Abkehr von demokratischen Ordnungen hin zu totalitären Systemen zur Folge hat, sehr eindrücklich beobachten.

Eric Voegelin und Raymond Aron bezeichneten solche Gewaltregime als „politische Religionen“ (Maier 2006: 18). Sie erkennen ein Bemühen um eine quasi-religiöse Dimension politischer Ordnung und Parallelen zu den Modellen der antiken politisch-religiösen Einheitskultur. „Die modernen totalitären Regime sind aber zugleich auch die Fratze eines pervertierten Christentums, von dem nur äussere Ordnungen, Zwang und Disziplin übriggeblieben sind (2006: 18f.) Mit ihren sogenannten „reinen Lehren“ hätten sie problematische Entwicklungen in der Geschichte des Christentums nachgeahmt.

Es scheint folglich kein Zufall zu sein, dass die Auftritte moderner Gewaltregime Hand in Hand mit einem überdimensionalen Wiederaufleben von Personenkult, Vergöttlichung der Herrscher sowie von Märtyrern im Umkreis totalitärer Politik einhergehen (Maier 2006: 19). Aktuelle Geschehnisse in den USA illustrieren dies sehr deutlich. Was lediglich ein grosser Gedenkgottesdienst für den ermordeten Aktivisten und Evangelisten Charlie Kirk sein sollte, erlangte durch die Ansprache von Donald Trump, in der er auf Vergeltung gegen „die radikale Linke“ pochte, eine beunruhigende, politische Dimension. Seine Aussagen widersprachen zudem Erika Kirk, die dem Mörder ihres Ehemannes Vergebung zusprach (FOX 9 Minneapolis- St.Paul, 2025).

Im Angesicht dieser Ereignisse ist es umso wichtiger, sich daran zu erinnern, weshalb sich der Staat über die Jahrhunderte von der Kirche abgenabelt hat. Die Trennung der beiden Institutionen ist nach wie vor zwingend nötig: Erstens, für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, zweitens für eine Religionsfreiheit, die es uns Christen erlaubt, unseren Glauben öffentlich und privat ohne Verfolgung auszuleben, und drittens, damit Staat und Kirche je ihre Aufträge wahrnehmen können. Die Erfüllung ihrer Aufträge ist für Staat und Kirche in einer Demokratie möglich, doch in einem totalitären Herrschaftssystem lösen sie sich auf. Wie uns die Geschichte lehrt, sind totalitäre Regime oftmals pseudo-christlich und durchdrungen von Irrlehren zu Gunsten des jeweiligen Herrschers. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir die Warnung von Hermann Heller ernst: „Der Staat kann nur totalitär werden, wenn er wieder Staat und Kirche in einem wird, welche Rückkehr zur Antike aber nur möglich ist durch die radikale Absage an das Christentum“ (1929: 56).

Setzen wir uns also für eine gesunde, von christlichen Werten geprägte Demokratie in der Schweiz ein, um unserem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums weiter nachgehen zu dürfen!


Quellen

Böckenförde, E-W. (1982): Staat-Gesellschaft-Kirche. In: Böckle, F., Kaufmann, F-X., Rahner, K. und Welte, B. (Hrsg.) (1982): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 15. Herder Freiburg. Freiburg im Breisgau. pp. 64-83.

FOX 9 Minneapolis- St.Paul (2025): Charlie Kirk’s full memorial service. Youtube (Stand: 22.09.2025)

Heller, H. (1929): Europa und der Faschismus. de Gruyter. Berlin. pp. 56.

Maier, H (2006): Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders? In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.18 – 19.

Roth. K. (2006): Ordnungskrise von Kirche und Reich und die Genese des modernen Staates. In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.79-92.

Schmitt, C. (1950): Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publikum Europacup. Dunker & Humblot. Berlin. pp. 30, 96f.

26. November 2025/0 Kommentare/von Noelia Trachsel
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/11/QmVkV1a8Cn16YYCyLKVSNT7YXM8ETMBaRXF4Ky7z3wakbj.jpg 1130 1500 Noelia Trachsel https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Noelia Trachsel2025-11-26 17:32:512025-11-27 10:58:13Kirche und Staat im Spannungsfeld ihrer Aufträge

Philosophie: Über das Verhältnis von Politik und Religion

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gesellschaft, Philosophie, Politik
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Es gibt das Bonmot, jede Party liesse sich ruinieren, indem man anfängt, über Politik oder Religion zu debattieren. Eine Vermischung von beiden lässt man da wohl besser bleiben. Aber: Gilt das auch für unsere turbulente Zeit?

Wir leben in politisch verstörenden Zeiten. Und damit stellt sich die Frage, ob glaubwürdig Christ zu sein heute ein verstärktes politisches Bewusstsein und Engagement abverlangt. Das Bekenntnis zu einem Gott, der uns als Schöpferkraft der Welt entgegentritt, zwingt uns eigentlich zu einem bewussten Verhältnis zu dem, was in dieser Welt geschieht. Und auch das Gebot zur Nächstenliebe ist automatisch eine politische Frage. Denn wir leben nicht für uns, sondern sind eingewoben in eine Gesellschaft, deren Form stets politisch ausgehandelt wird.

Den politischen Rahmen aushandeln

Für Christen ist das Thema Glaube und Politik dennoch ein Minenfeld. Wir können nicht bestreiten, dass das Zusammenspiel von Kirche und politischer Macht Gewalt hervorgebracht und das Evangelium oft grotesk verzerrt hat. Und auch heute liesse sich mit der Frage «Was würde Jesus dazu sagen?» ohne Weiteres eine kritische Diskussion über die Rolle eines christlichen Nationalismus auf Präsidenten wie Putin oder Trump führen.

Der Raum des Politischen beschreibt die Vielfalt der Prozesse, mit der wir unser Zusammenleben als Menschen gestalten. Da Menschen nicht automatisch als absolut frei, gleich und in mündiger Einsicht in Erscheinung treten, sind Meinungsverschiedenheiten und ein Machtgefälle unvermeidlich. Das – nicht immer gewaltfreie – Aushandeln dieser Konflikte erzeugt ein politisches System, das die Machtverhältnisse institutionalisiert und zu bewahren sucht. Konflikte finden dann im Rahmen des politischen Prozesses statt. Scheitert dieser, kann es wieder zu Gewalt kommen.

Religion mit einer passgenauen Auslegung wurde oft als Machtinstrument eingesetzt, um mit dem Verweis auf eine «göttliche Ordnung» nicht nur die Quellen der Macht – «Von Gottes Gnaden» –, sondern auch die Gefügigkeit der Beherrschten zu garantieren. Erst die Säkularisierung trennte diese Sphären. Sofern politische Systeme Glaubens- und Gewissensfreiheit garantieren, sollten gläubige Menschen dies heute nicht nur respektieren, sondern geradezu schätzen. Der Botschaft des Evangeliums hat die Verflechtung mit politischer Macht nie gutgetan.

Was ist christliche Politik?

Doch durch das Abschieben des Glaubens ins rein Private entsteht eine Spannung. Der christliche Glaube ist kein individuelles Glücks- und Heilsversprechen. Er mündet in eine Sozialethik, die aus dem Aufruf zu einer liebevollen Beziehung zum Nächsten und damit auch zur Welt erwächst. Dass Menschen wie Martin Luther King Jr., Dietrich Bonhoeffer, Dorothy Day und viele andere sich vom Glauben getragen leidenschaftlich für eine Veränderung der Welt eingesetzt und dies zum Teil mit ihrem Leben bezahlt haben, macht sie zu Recht zum Vorbild. Doch auch der Glaube selbst ist oft Anlass zu politischen Konflikten und zur Gewalt.

Die Zahl der widerstreitenden Schriftauslegungen und theologischen Schwerpunkte machen es kaum möglich, eine eindeutig als «christlich» zu bezeichnende politische Haltung zu skizzieren. In Formen des sogenannten «Wohlstandsevangeliums» gilt persönlicher Reichtum als göttlicher Segen und die Armut anderer als Mangel an Segen. Andere orientieren sich an Matthäus 25,40: «Wahrlich, ich sage euch: Alles, was ihr einem dieser geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!»

Es gibt Christen, die fossile Rohstoffe als göttliches Geschenk sehen und ihr ungezügelter Verbrauch als Gottes Wunsch. Andere orientieren sich am Gebot zur Bewahrung der Schöpfung. Manche leiten eine «bedingungslose Israelsolidarität» aus der Bibel ab, andere wiederum ihren Einsatz für die Menschenrechte der Palästinenser.

Ohne über die jeweilige theologische Stichhaltigkeit urteilen zu wollen: Wir tendieren dazu, unser Welt- und Menschenbild, das oft auch bereits politisch gefärbt ist, an die Bibel heranzutragen und uns dann von ihr bestätigen zu lassen. Zur Begründung eines politischen Engagements nutzen wir dann selektiv jene Passagen, die uns behagen.

Sollte man es daher besser sein lassen mit der christlichen Politik und doch den vom Säkularismus vorgeschlagenen Weg eines rein privaten Glaubens wählen?

Die Politik Jesu fordert uns heraus

Nun, die Einladung zur Nachfolge Christi erschöpft sich nicht in einer Bekenntnisformel. Am Leben Jesu sollten wir nicht nur Gottes Wesenszüge, sondern an seinem Beispiel auch ableiten, wie wir unsere Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zur Welt gestalten wollen. Die altbekannte Frage «Was würde Jesus tun?» liefert uns im Alltag natürlich nicht für alle Situationen – und dazu gehören auch politische Fragen – konkrete Antworten. Doch so wie Christus selbst oft Gleichnisse verwendet und es uns bis heute überlässt, diese gemäss ihrem tieferen Sinn zu verstehen, so heisst ein ernst zu nehmender Glaube stets, sich von Christus herausfordern zu lassen.
Sich von Christus herausfordern zu lassen heisst, die eigenen Vorannahmen kritisch zu hinterfragen. Aus der Art, wie Jesus selbst lebte und mit seinen Mitmenschen umging, entnehmen wir eine Sozialethik, die zwangsläufig auch politisch wird. Je nach Situation wird es Menschen dazu bringen, bestimmte politische Positionen zu beziehen und sich entsprechend zu engagieren. Möglicherweise wird dies nicht immer deckungsgleich sein mit dem, was andere daraus ableiten.

Verhärtungen vermeiden

Dies mag man bedauern, doch vielleicht kommt in dieser Vielfalt etwas von der Freiheit und Lebendigkeit des Glaubens zum Ausdruck. Denn die Herausforderung bleibt, eine aus dem Glauben begründete politische Position nicht in eine politische Ideologie oder Programmatik verhärten zu lassen. Wann immer das Christentum dies zuliess, fiel ihm Christus irgendwann auf die Füsse. Christus kann nicht vereinnahmt werden: Wir sind es, die vereinnahmt werden sollen! Das heisst, egal wie sehr ich glaube, durch meinen Glauben zu einer definitiven politischen Haltung gelangt zu sein: Ich muss mich immer wieder neu dem in Christus offenbarten Wesen Gottes stellen. Es ist ein lebendiger Prozess, der nicht aufhört, – so wie in einer Ehe das «Ja» zueinander nicht nur einmal bei der Trauung gesprochen wird, sondern in der Praxis stets wiederholt werden muss.
Dies gilt umso mehr, weil wir ja aus der religiös motivierten Politik von anderen, die uns nicht behagt, ablesen können, dass es der Auslegungen viele gibt, und die Wahrscheinlichkeit, dass nur wir Recht haben, eher gering ist.

Christliche Politik ist nicht beliebig

Obwohl links wie rechts, Monarchie, Diktatur und auch Demokratien sich gelegentlich auf die Bibel beziehen können, folgt daraus kein politischer Relativismus. Mit der Demut, vielleicht nicht immer eindeutig die Wahrheit Gottes auf unserer Seite zu haben, stehen wir im Einklang mit Kernstellen unserer Überlieferung: Wir «ringen mit Gott» wie Jakob. Wir gestehen wie Hiob ein, dass uns vieles ratlos macht. Wir verzweifeln mit Christus in Gethsemane: «Dein Wille geschehe.» Und doch bleibt Gott kein unergründliches Geheimnis, wenn es um unsere Haltung zur Welt und zum Nächsten geht. Der Weg der Nachfolge Christi heisst, sich von seinem Handeln am Nächsten ebenso inspirieren zu lassen wie von seiner Lehre.

Ein ganzheitlich verstandenes Christentum kann sich politischen Fragestellungen nicht entziehen. Es kann aber auch nicht ignorieren, dass die Vermengung von Glaube und Politik in der Geschichte oft zu desaströsen Konsequenzen geführt hat, und wir auch heute dazu tendieren, unsere politischen Grundannahmen gemäss unserem Glauben auszuwählen. Wenn es jedoch eine Richtschnur gibt, die uns immer wieder korrigiert, dann ist es eine zentrale Person: Jesus Christus selbst.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

Titelbild von Lummi.ai

28. Oktober 2025/0 Kommentare/von Alexander Arndt
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/10/QmNN97EJUQ78mqyLWNtEBY1tKndDYnReM3AaR2jUWANjEN.jpg 818 1500 Alexander Arndt https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Alexander Arndt2025-10-28 13:33:322025-10-30 12:33:30Philosophie: Über das Verhältnis von Politik und Religion

Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz? (Teil II)

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Nationalismus, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Auf der Suche nach Sündenböcken statt Jesus-Nachfolge

Dieser Artikel ist die Fortsetzung von «Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz?» vom 24. September 2025. Diesmal werden drei im christlichen Raum der Schweiz verbreitete Gedankenkreise dargestellt und kritisch beleuchtet.

Nicht nur Christinnen und Christen in den USA stehen in der Gefahr, rechtsgerichteten Heilsversprechen aufzusitzen. Auch Schweizer Christen pflegen geschichtliche Mythen, die nichts mit biblischer Jesus-Nachfolge zu tun haben. Hier drei solcher Thesen, die unter Schweizer Christinnen und Christen verbreitet sind:

„Die Schweiz ist einzigartig und von Gott privilegiert. Deshalb ist die Volkssouveränität ein Garant für Freiheit und Wohlstand.“

Bis Ende des 20. Jahrhunderts galt die Meinung fast unumschränkt, dass die schweizerische direkte Demokratie die beste Hüterin der Menschenrechte sei, weil die Bürgerinnen und Bürger ihre Rechtsordnung bestimmen. Deshalb sei sie auch der beste Schutz gegen Machtmissbrauch und Korruption, denn einzelne Politikerinnen und Politiker könnten sich das nicht unbemerkt erlauben.

Die direkte Demokratie ist ein Allerheilmittel gegen menschliche Bosheit und das «Volk» wird hochstilisiert zum transzendentalen Garanten für Wahrheit und Recht. Diese Sicht wird auch von Christen vertreten. Denn Gott habe in zwei Weltkriegen unser Land beschützt und seine Bedeutung ergäbe sich aus ihrer Entstehung, ihrer Lage in der Mitte Europas, ihrer Flagge mit dem Kreuz, ihrer politischen Gestalt, ihrer nationalen Werte und Kultur, ihres Wohlstandes und ihrer weltweiten humanitären Wirkung. Deshalb habe die Schweiz eine Bestimmung und einzigartige Berufung.

Für diese völkisch-nationale Berufungsdefinition gibt es keine biblische Begründung. Die neutestamentliche Gemeinde hat jede nationale Identität hinter sich gelassen und versteht sich als «Reich Gottes», in dem alle Grenzziehungen aufgehoben sind (Eph2,11–22).

Dieses fatale Nationenverständnis ist ebenso zu hinterfragen wie die Parole der Aufklärung «Volkes Stimme – Gottes Stimme». Sie hat sich seit ihrer Proklamation 1789 oft als tragische Illusion erwiesen.

Zudem wissen wir doch längst, dass auch der Schweizer Herz kein Heiligtum und deshalb auch manipulierbar ist. Längst wird über die Grenzen der direkten Demokratie diskutiert,

(a) weil uns der gemeinsame Wertekodex abhandenkommt.
(b) weil das Instrument der Referenden und Volksinitiativen missbraucht werden kann.
(c) weil die Meinungsbildung der medialen Verführung und Stimulation fast schutzlos ausgeliefert ist. Wie lassen sich da noch Lüge und Wahrheit unterscheiden?

Christen sind keine Nationalisten und Ideologen, sondern Nachfolger Jesu. Deshalb warnen sie als kritische Bürger und Realisten immer wieder vor einer verblendeten Idealisierung der «Volksherrschaft». Sie gehorchen Gott immer mehr als dem Mehrheitswillen! Die Anbetung Gottes verhindert die Anbetung der von Menschen geschaffenen politischen Strukturen oder Staatsformen!

Nachfolger Jesu Christi werden Absolutheitsansprüche egomanischer Meinungsmacher, erkenntnisleitende Interessen gewisser Leute und lobbyierende Machtbesessene äusserst kritisch beobachten und gerade dann ablehnen, wenn sie ihren Wolfscharakter im Schafspelz verstecken.

„Kräfte von ausserhalb und innerhalb bedrohen die Schweiz und planen den nationalen Zerfall!“

Die Macht von Verschwörungstheorien

Gefahrenszenarien und Verschwörungstheorien tummeln sich nicht nur im säkularen Netz, sondern werden auch in der christlichen Szene kolportiert und weitergeflüstert. Mit ihnen bearbeiten nationalistische Rechtspopulisten den nationalen und sozialen Egoismus. Wer die zentralen, universalen Verschwörungen kennt, steht immer auf der richtigen Seite.

Populär sind augenblicklich:

  • Der Islam setzt Flüchtlingsströme bewusst zur Eroberung Europas ein
  • Migranten, Ausländer, Fremde unterwandern die Leitkultur der Schweiz
  • Links-grüne Politik fördert immer eine radikal säkulare Kulturrevolution
  • Der Vatikan, der Papst und der Katholizismus wollen universal herrschen
  • Die Medien verbreiten Fake-News und manipulieren die Öffentlichkeit
  • Die «Eliten» (Bundesrat, Bundesrichter, Politiker) regieren am Volk vorbei
  • Die säkulare EU-Bürokratie will die Schweiz unterwerfen
  • Die Lüge von der menschenverursachten Klimaveränderung dient der globalen Wirtschaft und Finanz
  • Reiche Juden, Freimaurer und Geheimbünde streben die Weltherrschaft an

Anfragen:

  • Warum werden Unterschiede, Vielfalt und Andersartigkeit zum Problem?
  • Warum neigen Christen in der Schweiz immer noch zu einem versteckten Apartheiddenken des «Wir-sind-besser-und-alle-anderen-sind-minderwertiger»?
  • Warum sind Fremde immer schon per se «schlechter und böser» als wir?
  • Warum sind differenziertes Denken, gründliches Recherchieren und aufwendige Analysen bei gewissen Christen so wenig ausgebildet und vorhanden?
  • Warum werden oft nur Ängste, negative Gefühle und Feindbilder geschürt?

Notwendig wäre aufzuzeigen

  • dass der Dualismus (Schwarz-Weiss-Malerei) als Lebensstil zum spekulativen Heidentum gehört [orientalisch-hellenistische Gnosis].
  • dass der Begriff «Nation» in der Bibel nicht vorkommt, dafür der Begriff «Volk» bzw. «Völker – Ethnien».
  • dass die Wesensmerkmale der Christinnen und Christen Demut, Liebe und Toleranz gerade deswegen sind, weil unser Erkennen noch nicht vollkommen ist!
  • dass es den Nationalstaat in Europa erst seit dem 19. Jahrhundert gibt und die Schweiz erst seit 1815/1848 eine Willensnation von Angehörigen verschiedener Ethnien/Völkern ist. 1291 wurde keine Nation Schweiz gegründet, sondern ein Bund, wie andernorts damals auch (z.B. die «Hanse»).
  • dass der «Mythos Schweiz» und die damit verbundenen oft klischeehaften Attribute zu entmythologisieren sind – nicht nur von Historikern, sondern auch von Christinnen und Christen in ihren Gemeinden.
    dass «niemand schon immer da war» (Holenstein André u.a., Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Baden 2018).

Für gesellschaftliche, kulturelle und soziale Probleme gibt es Sündenböcke

Immer wieder wird kolportiert, «minderwertige» Menschen – Ausländer, Fremde, Migranten, Asylsuchende, Sozialhilfeempfänger, IV-Bezüger – seien in der Regel in gewisser Weise mitverantwortlich dafür, wenn es Probleme gibt, der Wohlstand bröckelt, das kulturelle Niveau sinkt, es sozial unruhig wird, der innere Friede im Land gefährdet ist, die Kriminalität hoch bleibt, der Wohnraum zunehmend knapp und unbezahlbar wird usw.

Es gibt sie tatsächlich immer und überall, die mehr oder weniger «schwarzen Schafe». Deswegen muss sich die Sozialpolitik mit diesen Herausforderungen, also den Folgen der Globalisierung, des Neokapitalismus und der zunehmenden kriegerischen Konflikte beschäftigen. Denn es ist die fehlende allgemeine Teilungsgerechtigkeit, die viele Probleme auch hierzulande generiert!

Besonders fragwürdig ist jedoch die pauschalisierende und generalisierende Sicht der Populisten, die «alle diese und jene da» für schuldig erklärt. Stigmatisierung der Schwachen, Remigrationspläne für Ausländer, Diskriminierung von Hilfsbedürftigen, Kürzungen von Hilfsmassnahmen mit dem Etikett «Selber schuld! Sie sollen sich selbst helfen!» – all das mit einer würdelosen Abwertung bestimmter Menschen zu begründen, ist skandalös. Wer das aber politisch fordert, gewinnt gegenwärtig leider Wahlen, bekommt Macht über Menschen, verliebt sich in seine Popularität und spielt dann den «pseudogöttlichen Retter».

Kritische Anmerkungen

  • Wer für seine Politik Sündenböcke und Feindbilder braucht, ist einer Projektionsstrategie erlegen und disqualifiziert sich selbst. Der politische Diskurs ist mit diesen Menschen nicht leicht. Auf keinen Fall dürfen solche Thesen und Behauptungen medial zitiert werden.
  • Dem populistischen Schwarz-Weiss-Denken ist unbedingt kritisch zu begegnen: Nicht mit vorschneller Verurteilung von Menschen, aber doch mit kritischem Widerspruch in der Sache. Einspruch im Dialog und Gespräch zu erheben, geht nicht ohne näheres Hinsehen, Verstehen-Wollen und Hinterfragen. Wenn das gegenseitig möglich ist, ist schon viel gewonnen.
  • Dass ein rechtspopulistischer weisser national-konservativer Evangelikalismus die gegenwärtige disruptive Weltpolitik mitverantwortet, ist bereits zu einer kostenintensiven Hypothek geworden. Trotzdem hat er hierzulande eine Anhängerschaft.
  • Der politische Rechtspopulismus lässt sich kaum noch durch Fakten, Argumente und logische Begründungen überwinden. Die weltweite Zunahme von Irrationalität, situativer Egozentrik und subjektiver Spontaneität in der Politik verängstigt. Politologen konstatieren den Übergang von der regelbasierten unipolaren hin zur regellosen multipolaren Weltordnung. Die Schweiz muss sich in einer zerfallenden Weltordnung zurechtfinden.
  • Die Botschaft Jesu setzt einen Kontrapunkt, wenn sie den Dienst der Versöhnung dem Machtgebaren der Stärkeren und Reichen gegenüberstellt. Damit ist gesagt, was zu tun ist (siehe die Proklamation amerikanischer Christen 2018, „Reclaiming Jesus“).
30. September 2025/0 Kommentare/von Peter Henning
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/09/engin-akyurt-FAtBOjZOiBU-unsplash-1-scaled.jpg 1707 2560 Peter Henning https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Peter Henning2025-09-30 16:32:252025-09-30 16:35:23Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz? (Teil II)

Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz? (Teil I)

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Nationalismus, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Auch unter Christinnen und Christen gewinnt autokratisches Gedankengut an Boden. Wie sieht es damit in der Schweiz aus?

Seit dem 19. Jahrhundert haben unzählige Christen auf biblischer Grundlage und aus dem Glauben an Christus heraus weltweit ein spezifisches, vorher so nicht vorhandenes christliches Denken und Handeln in gesellschaftlicher Weltverantwortung entfaltet.

Christen sind auch Welt- und Staatsbürger und dürfen sich politisch und vor allem sozialpolitisch zu Wort melden. Denn: wer die Bibel gründlich studiert, muss sich von der Botschaft der alttestamentlichen Propheten, Jesu und der Apostel herausfordern, ja geradezu verpflichten lassen, für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten.
Das allerdings nicht mit dem Ziel, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft christlich im Sinne einer Theokratie zu domestizieren, sondern als normaler Ausdruck konkreter Nachfolge Jesu, um mit Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Respekt und Frieden zu dienen.

Christen sind vermehrt rechtsnationalistisch aktiv

In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Demokratien sind keine automatischen Selbstläufer mehr. Sie werden gerade in illiberale Demokratien transformiert durch eine subtile Schwächung der Gewaltenteilung, der Justiz und der Parlamente. Autokratisch-nationalistische Kräfte setzen ihre Agenda durch und lassen demokratische Strukturen schleichend absterben. Wie schnell Demokratie demontiert und an die Grenzen ihrer Wehrhaftigkeit kommt, zeigen jüngste Entwicklungen in den USA und Europa.

Die vielfältigen Ursachen dieser Entwicklung werden landauf landab kontrovers diskutiert, bewertet und eingeordnet. Genannt werden Migration, Verlust nationaler Identität, politische Verdrossenheit, Sozialabbau, Unzufriedenheit mit den Eliten in Politik und Wissenschaft. Manche Sorgen sind zweifellos berechtigt. Aber was geschieht, wenn der offensichtliche Vertrauensverlust zur Machtgewinnung bewirtschaftet wird? Wenn Patrioten ihr Land zu fest lieben und ihr Nationalismus ungeniessbar wird? Wenn die Demokratie, die Wissenschaften und die Politiker pauschal diskreditiert werden und demagogisch mit Unwahrheiten zur Abwahl der Herrschenden aufgerufen werden?

Die politischen Polarisierungen sind längst in der christlichen Szene angekommen. Dafür steht die jüngste Publikation von Peter Hahne «Ist das euer Ernst? Aufstand gegen Idiotie und Ideologie» (2024). Seit Jahren versteht er sich als prominente Stimme enttäuschter Wutbürger und bedient unentwegt sowohl medial, publizistisch und öffentlich auftretend diese Unmutsbewegung. Zu ihr gehören viele wertvolle Christen aus Kirchen und Freikirchen, die gläubig und treu in ihren Gemeinden mitarbeiten, fleissig und begeistert die Gottesdienste besuchen, sich an kirchlicher Gemeinschaft erfreuen, Nächstenliebe praktizieren und speziell das Gebet für die Schweiz pflegen. Sie verstehen sich als wertkonservativ und nationalgesinnt und wählen eher mitte-rechts/rechts als mitte-links/links.

Dass sie jedoch rechtspopulistischen Anliegen so unkritisch folgen, liegt an ihrem Wertekonservativismus, dem ja durchaus eine gewisse Berechtigung zukommt. Hinzu kommt aber, dass viele «bibeltreue Rechtgläubige» genau zu wissen meinen, was in der Bibel zur Lösung aktueller Herausforderungen steht. Viele argumentieren mit einer fragwürdigen, selektiven «Belegstellentheologie», die ihr geistliches Empfinden und Gefühl ebenso bestätigt wie ihr subjektives Interesse und ihre fromme Überzeugung. Die biblische Gesamtgeschichte wird in handliche Einzelteile zerlegt, von denen man sich nimmt, was gerade passt. Da werden Verheissungen und Zusagen auf die Schweiz übertragen, die vom Kontext her nur dem Volk Israel damals galten bzw. gelten.

So wird die Bibel in mundgerechte Häppchen und ideologische Versatzstücke fragmentiert und «Lieblingsthemen» stimmungsvoll propagiert.

Diese selektive Art von Bibellektüre ist dem nicht neu, der die Entwicklung der Hermeneutik, also die Auslegungsgeschichte der Bibel kennt. Das erkenntnisleitende Interesse ist jeweils so stark, dass viele, ja sehr viele Aussagen im Alten und Neuen Testament systematisch ausgeblendet werden. Gerade deshalb wächst momentan die Sorge, ob nicht gerade dieses aus biblischer Engführung resultierende rechtslastige Denken und Handeln das Potential hat, wieder einmal Christen ideologisch zu verführen. Wer die jüngere deutsche Geschichte kennt, bekommt Angst vor einer fatalen Wiederholung. In Europa – angeheizt vom Negativ-Vorbild Donald Trump – zeichnet sich für die nächsten Jahre ein transnationaler Rechtspopulismus ab.

Es zeigt sich dabei ein Paradox: Während z. B. der Soziologe Hartmut Rosa gemeinsam mit dem linken Politiker Gregor Gysi überzeugt sind1 , dass nur Religion die Demokratie noch retten könne – «Ich glaube zwar nicht an den da oben, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft», so Gysi –, gibt es seit Corona inzwischen zu viele Christen, die sich gegen die augenblickliche demokratisch begründete Rechtsstaatlichkeit wenden. Das darf doch nicht sein!

Wer die Bibel gründlich, systematisch und kontextual studiert, wird zu einem kritisch differenzierenden, kreativen und weitherzigen Denken im Horizont des Reiches Gottes angeleitet! Gottes Wort und Gottes Geist überwinden die bequeme Leichtgläubigkeit, die jedem frommen Wanderprediger in die Arme fällt!

Konsequenter Schutz der Meinungsfreiheit

Lange Zeit schien die Schweiz politisch immer rechter zu agieren. Doch mittlerweile haben Länder wie Ungarn, Frankreich, Deutschland und Polen sowie besonders die USA uns rechts überholt.
Die populistischen Paukenschläge sind in unserem Land hingegen etwas leiser geworden. Dank einer Kultur der Bescheidenheit, der Dialoge und Kompromisse wirkt unsere Konsensdemokratie noch als Populismus-Schutz. Das Schweizer System lässt schillernde Autokraten oder einzelne politische Führerfiguren, die ganze Massen in ihren Bann ziehen können, nicht zu. Wenn sich der Chefredaktor der Weltwoche mit Autokraten und Nationalisten Europas von Georgien bis nach Grossbritannien vernetzt, bleibt das vorderhand politisch noch bedeutungslos, könnte aber längerfristig stimulierend wirken.
Denn die Schweiz hütet die Meinungsfreiheit konsequent. Deshalb können sich einzelne Personen rechtspopulistisch oft sogar grenzwertig äussern und agieren. Innerparteilich kann es dann durchaus Kritik geben, aber deren Mandate stehen nicht zur Debatte.

Erst wenn rechtspopulistische Parteien im Parlament die Mehrheit hätten, würde es problematisch. Wo der rechtsnationale Populismus zur politischen Macht avanciert, schliesst er Andersdenkende und Minderheiten systematisch aus und greift Institutionen wie Medien oder Gerichte an. Im Moment (August 2025) geschieht das in den USA in einem beispiellosen Tempo, das an Nazideutschland 1933/34 erinnert.

Von Ungarn, der Slowakei und Serbien ist die Schweiz noch weit entfernt. Allerdings verwirrt es, wenn rechtskonservative Parteien anderer Länder wie die deutsche AfD vom «Vorbild Schweiz» schwärmen und «volksnah» politisieren wollen. Sie sind von der Volkssouveränität in einer «direkten Demokratie» deshalb so fasziniert, weil sich damit ein starkes populistischen Mobilisierungspotenzial aktivieren liesse. Tatsächlich sind viele hierzulande stolz auf die Volkssouveränität. Allein sie würde Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz schützen und verteidigen. Und wer den politischen Monopolanspruch erhebt, das alles zu garantieren, provoziert und polarisiert regelmässig. Aber daran haben wir uns irgendwie schon gewöhnt, weil sich die politischen Kräfte noch die Waage halten.


1. Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion. Kösel 2023

Die Fortsetzung des Themas folgt in einem weiteren Artikel.

Foto von engin akyurt auf Unsplash

24. September 2025/0 Kommentare/von Peter Henning
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