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Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt, wie zahlreiche Bibelstellen belegen. Es ist aber kein Geheimnis, dass Vorurteile, Misstrauen oder Angst diese biblische Tradition torpedieren. Aktuelle Forschungen zeigen jedoch, dass Interkulturelle Kompetenz ein Entwicklungsprozess ist, der durch die Bereitschaft zur Begegnung befördert wird.

Fremdes, vom eigenen Kultur- und Erfahrungskreis Abweichendes, nehmen Menschen seit jeher häufig als Herausforderung oder gar Bedrohung wahr. Solche Reaktionen sind grundsätzlich verständlich, können aber nicht zuletzt Unrecht gegenüber Mitmenschen begünstigen. Wir wissen heute ebenfalls, dass Menschen nicht nur durch die Andersartigkeit fremder Menschen, sondern auch durch eigene Persönlichkeitsanteile, die ihnen an sich fremd erscheinen, herausgefordert werden können. Wir können uns manchmal selbst fremd sein und eigene Wesenszüge, Haltungen oder Handlungen nicht gänzlich verstehen. Schliesslich fällt es manchen Menschen beispielsweise aufgrund ihrer extrovertierten Natur leichter, offen und unvoreingenommen auf Fremde zuzugehen, während andere aufgrund ihrer Persönlichkeit und Prägung generell zurückhaltender in sozialen Interaktionen sind. Kurz: Der Umgang mit den uns fremden Mitmenschen hat viel mit uns selbst zu tun.

Gastfreundschaft und Fürsorge in der christlichen Tradition

Die Forderung, anderen fürsorglich und gastfreundlich zu begegnen, hat insbesondere eine lange jüdisch-christliche Tradition. Schon im Alten Testament wird ein gerechter und freundlicher Umgang mit Menschen aus fremden Kulturen verlangt, zum Beispiel: «Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen» (Exodus 23,9, Einheitsübersetzung, 2017). Die eigene Geschichte von Flucht, Fremdheit und Abhängigkeit soll sensibel machen für die Situation anderer. Damit verbindet sich die Überzeugung, dass jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft eine besondere Würde zukommt.

Ähnliche Forderungen finden sich auch im Neuen Testament. Zum Beispiel werden die christlichen Gemeinden angehalten: «Seid untereinander gastfreundlich, ohne zu murren» (1. Petrusbrief 4,9, Einheitsübersetzung, 2017)! In einem Brief an Christen, die ihrerseits wegen ihrem Glauben stark unter Druck standen, wurde sogar gesagt beziehungsweise in einem Brief geschrieben: «Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt» (Hebräerbrief 13,2, Einheitsübersetzung, 2017)! Hier klingen nicht zuletzt alttestamentliche Geschichten an, die von eigenen Erfahrungen des Fremdseins oder Begegnungen von Menschen mit Engeln respektive Boten von Gott erzählen. Von Abraham wird beispielsweise berichtet, dass er drei solche Boten Gottes als Gäste empfing (Genesis 18). Einer der Boten wird traditionellerweise als Repräsentant von Gott selbst interpretiert. Die Boten versprachen Abraham die Geburt seines Sohnes Isaak. Die Offenheit gegenüber uns bekannten, aber auch unbekannten Menschen wird auf eine quasi übernatürliche, spirituelle Stufe gehoben. Fremde gastfreundlich aufzunehmen, ist nicht nur ethisch gefordert, sondern ermöglicht unter Umständen eine besondere Gotteserfahrung. Das Neue Testament vertieft diesen Zusammenhang und spitzt ihn zu. Ausgangspunkt ist die fürsorgliche Nächstenliebe gegenüber dem Fremden in Not, unabhängig von ethnischen oder religiösen Bindungen. Viele denken zunächst an das Gleichnis des barmherzigen Samariters (Lukasevangelium 10,25–37). Der fremde Andersgläubige hilft selbstlos einem Menschen in aussichtsloser Lage und dient dabei als Kontrast zu religiösen Zeitgenossen, die den Notleidenden im Stich lassen.

Andere erinnern sich vielleicht an den pointierten Text im Matthäusevangelium (25,31–46). Auch hier zieht Jesus die Fürsorge für die in Not Geratenen zum Vergleich heran. Gastfreundschaft und Fürsorge werden zu einer religiösen Verpflichtung, denn im Umgang mit dem Fremden entscheidet sich zugleich die Treue zu Gott. Die Behandlung von Hungrigen, Durstigen und Fremden wird zum Kriterium des Heils. Im Fremden ist Christus selbst gegenwärtig: «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen» (Vers 35). Wer sich seinen Mitmenschen wissentlich oder unwissentlich barmherzig zuwendet, wird in die ewige Gemeinschaft mit Gott eingeladen. Wer Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken gibt, Bedürftige mit Kleidern versieht, Fremde wohlwollend aufnimmt, Kranke und Gefangene besucht, bestätigt seinen aufrichtigen Glauben an Gott.

Gastfreundschaft und Nächstenhilfe gegenüber anderen sind somit als Barmherzigkeit gegenüber Gott selbst zu verstehen (Vers 40). Der barmherzige Umgang mit dem Nächsten gilt schliesslich als Folge der Barmherzigkeit Gottes.

Von Integration zu Inklusion und Teilhabe

Die biblischen Texte stammen aus Kulturen, in denen Gastfreundschaft, menschliche Begegnung und zwischenmenschliche Beziehungen bis heute einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen. Auch in westlichen Gesellschaften gilt der achtsame Umgang mit dem Nächsten und dem Fremden als zentraler Wert – insbesondere die karitative Unterstützung von Menschen in Not. Dass Gastfreundschaft und Nächstenliebe jedoch durch Vorurteile, Misstrauen oder die Angst vor Missbrauch eingeschränkt werden können, ist kein Geheimnis. Dass Kontakte, Begegnungen oder sogar Freundschaften zu Personen aus uns fremden (Sub-)Kulturen vorhandene Vorbehalte und Vorurteile abbauen können, ist aus der aktuellen Forschung ebenfalls bekannt. In der öffentlichen Diskussion wird das Thema Migration traditionell vor allem mit Integration verknüpft. Menschen aus anderen Kulturen sollen die Sprache des Aufnahmelandes lernen und sich umfassend anpassen. Inzwischen ist jedoch weithin anerkannt, dass echte Teilhabe «beide Seiten» erfordert: Auch die Mehrheitsgesellschaft muss sich öffnen, um Minderheiten Raum zu geben. Der Inklusionsbegriff betont diesen wechselseitigen Prozess und verweist im Sinne der Menschenrechte darauf, dass sich auch die Gesellschaft selbst zugänglich und veränderungsbereit zeigen sollte. Eine blosse Optimierung bestehender Angebote reicht dafür nicht aus – gefordert ist ein grundlegender Systemwechsel. Dass solche Veränderungen gesellschaftliche Spannungen nicht automatisch verringern, ist bekannt; ebenso, dass sie langfristig die Chancen für nachhaltige Teilhabe erhöhen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der Inklusionsgedanke zunehmend auch auf Fragen von Asyl und Migration angewendet wird. Diese Perspektive auf Inklusion und Teilhabe macht deutlich, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein durch strukturelle Reformen entsteht, sondern wesentlich von der inneren Haltung der Beteiligten getragen wird. Inklusion beginnt dort, wo Menschen bereit sind, ihre Wahrnehmung des anderen zu hinterfragen und die eigene Position im Gefüge von Nähe und Fremdheit reflektiert zu betrachten. Genau an dieser Schnittstelle setzt die interkulturelle Sensibilität an.

Interkulturelle Sensibilität nutzen

Die zeitgenössische kulturwissenschaftliche Forschung (u. a. Kumar Yogeeswaran; Hall) weist darauf hin, dass Menschen nicht einer einzigen Kultur angehören, sondern sich zugleich in mehreren kulturellen Bezugsrahmen verorten. Eine Person kann sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, Mitglied eines Sportvereins mit eigenen Normen und Werten und Teil einer Familie mit einer ausgeprägten kulturellen Identität sein. Gleichzeitig teilen Menschen umfassendere kulturelle Zugehörigkeiten wie nationale und sprachliche Kontexte. Diese sogenannte kulturelle Pluralität bildet eine zentrale Grundlage für das Verständnis von kultureller Selbstüberschätzung und der Gefahr vereinfachender Zuschreibungen. Nicht selten begegnen wir Menschen, die wir aufgrund eines einzelnen kulturellen Merkmals – etwa der ethnischen Herkunft – zunächst als «sehr anders» wahrnehmen, um später festzustellen, dass wir im selben Dorf leben, an denselben Feste dabei sind und dieselben Filme sehen. Was auf den ersten Blick fremd erscheint, erweist sich im Alltag oft als überraschend vertraut. «Fremd» mag mir ein Gegenüber aufgrund äusserlicher Merkmale erscheinen, Vertrautes finde ich jedoch in seinen Werten und Prinzipien. Erfahrungen zeigen zudem, dass die eigene Toleranz gegenüber Unterschieden wächst, wenn Menschen interkulturelle Begegnungen selbst initiieren oder diese unter Bedingungen stattfinden, die sie als sinnvoll und bereichernd erleben. Daraus wird deutlich: Kulturelle Sensibilität ist keine feste Eigenschaft, sondern ein situationsabhängiger Prozess. Die Entwicklung interkultureller Kompetenz setzt daher die bewusste Wahrnehmung jener Momente voraus, in denen die eigene Offenheit schwindet, ebenso wie die reflektierte Auseinandersetzung mit den Gründen dafür. In diesem Zusammenhang bietet das von Milton J. Bennett entwickelte Developmental Model of Intercultural Sensitivity (DMIS) einen tragfähigen theoretischen Bezugsrahmen, um zu verstehen, wie Menschen kulturelle Unterschiede wahrnehmen, deuten und mit ihnen umgehen. Das Modell beschreibt interkulturelle Kompetenz als einen Entwicklungsprozess, in dem sich Weltbilder schrittweise von ethnozentrischen hin zu zunehmend ethno-relativen Perspektiven entfalten. Durch die Verortung von Individuen und Gruppen entlang dieses Entwicklungsverlaufs ermöglicht das DMIS die Gestaltung gezielter, entwicklungsgerechter Lern- und Interventionsprozesse. In Bildung, Beratung und Organisationsentwicklung kann das Modell dazu beitragen, die Entfaltung differenzierter, anpassungsfähiger und inklusiver Formen interkultureller Begegnung systematisch zu fördern.

Wichtige Merkpunkte

Was lässt sich aus der christlichen Tradition und den geschichtlich gewachsenen interdisziplinären Errungenschaften für unseren persönlichen gesellschaftlichen Umgang mit Fremden lernen? Wir beschliessen den kurzen Streifzug mit wenigen Merkpunkten.

  1. Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt. Nächstenliebe ist damit eine Sache des Herzens, die sich allerdings in einer entsprechenden Handlungsweise äussert.
  2. Eine offene und verantwortungsvolle Haltung gegenüber Menschen aus fremden Kulturen ist Ausdruck einer lebendigen Spiritualität und barmherzigen religiösen Praxis – auch einer gemeinschaftlich gelebten. Die Kirche steht als Advokat der besonders Verletzlichen grundsätzlich auch auf der Seite der Fremden, besonders denen in existenzieller Not und ohne ausreichenden gesellschaftlichen Schutz.
  3. Bereits mit dem Verweis auf die biblischen Texte und christliche Tradition ist zu betonen, dass der Umgang mit Fremden strukturiert und verantwortungsvoll gestaltet werden muss. Alle Menschen sind in gewisser Weise Fremde. Versöhnung, Respekt sowie gerechte Bedingungen für das Leben in der Fremde sind eine universale gesellschaftliche Aufgabe.
  4. «Fremd» ist neu zu denken: Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Kultur macht einen Menschen fremd, sondern die Abwesenheit von Neugier, Respekt und der Bereitschaft zur Begegnung. Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen auf der Grundlage geteilter Lebenswirklichkeiten, gemeinsamer Praxis und einer offenen Haltung Verbindung aufbauen – nicht dort, wo sie in vereinfachenden kulturellen Zuschreibungen verharren. Unterschiede werden nicht zur Abgrenzung genutzt, sondern als Einladung verstanden, Gemeinsamkeit in wertschätzender Neugier zu suchen.
  5. Eine wertschätzende Gemeinschaft gründet auf der Anerkennung, dass Kulturen nicht statisch sind, sondern sich fortwährend wandeln und stets in Beziehung zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen entstehen und weiterentwickeln. Wer Verantwortung für das Miteinander übernehmen will, muss diese Dynamiken mitdenken und sich der eigenen Positionierung bewusst sein. Erst so wird kulturelle Vielfalt nicht zur Quelle neuer Ungleichheit, sondern zu einer Ressource für Gerechtigkeit, Teilhabe und gemeinsames Wachstum.

Dieser Artikel erschien zuerst auf institut inklusiv.

Mark Moser

Autor: Mark Moser

Mark Moser (*1973) ist Dozent für Kommunikation, Interkulturelle Kompetenzen und Konflikttransformation an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er lehrt zudem als externer Dozent an verschiedenen weiteren Hochschulen zu den Themen Gesundheit und Kultur, spirituelles Wohlbefinden in kulturell vielfältigen Kontexten sowie weiteren verwandten Bereichen.

Oliver Merz

Autor: Oliver Merz

Oliver Merz (*1971) ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie. Er ist Gründer und Leiter des „Institut Inklusiv“. Zudem wirkt er als Gastdozent, Referent, Berater, Supervisor, Gutachter und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft sowie Religion, Spiritualität und Gesundheit beziehungsweise Krankheit und Behinderung.

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In der Schweiz und in der westlichen Welt ist das Thema Migrationspolitik omnipräsent. Sie steht aktuell im Mittelpunkt der politischen Debatte. Der Autor hat in der Bibel nach Anhaltspunkten gesucht, wie sich Christinnen und Christen in diesen hochkontroversen Diskussionen zurechtfinden können.

Als ich vor Kurzem die SRF-Arena-Diskussion zum Thema Femizide verfolgte, entwickelte sich die Runde zunehmend zu einer Debatte über Migration. Egal ob in den Nachrichten, auf Social Media oder am Familientisch, bei kaum einem anderen Thema gehen die Meinungen so stark auseinander. Doch wie sollen sich Christinnen und Christen in dieser Debatte positionieren? Bzw. welche Anhaltspunkte können wir der Bibel über diese Thematik entnehmen? Diesen Fragen bin ich im Rahmen meiner Maturaarbeit nachgegangen. In diesem Artikel zeige ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit auf.

Da die Migrationspolitik eine sehr umfangreiche Thematik ist, fokussiere ich mich auf die Asylpolitik. Die Schweiz gewährt Menschen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben gefährdet sind, Schutz und Obdach. Sie erhalten Asyl und damit eine Aufenthaltsbewilligung. Über die konkrete Ausgestaltung der Asylpolitik wird intensiv diskutiert. Die zentralen Forderungen der restriktiven Seite beinhalten eine Beschränkung der Einwanderung von Geflüchteten und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Doch ist diese Position mit den Lehren des Evangeliums vereinbar?

Unverdiente Güte: Das Privileg, Schweizer zu sein

In Matthäus 27.46 tut Jesus seinen letzten Atemzug und stirbt am Kreuz. Dieser Moment symbolisiert nicht nur das Ende des Leidensweges Christi, sondern auch die Güte Gottes, die durch das Opfer von Jesus am Kreuz und die damit verbundene Erlösung von der Sünde Ausdruck findet. Diese Güte haben wir uns nicht verdient. Sie ist ein Geschenk. Ein von der Güte Gottes zeugendes Geschenk ist es auch, Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zu sein. Die Lebenslage der Schweizerinnen ist im Vergleich zu anderen Ländern wie ein Paradies. Dieser Umstand ist ein Privileg und absolut keine Selbstverständlichkeit. Nun stellt sich die Frage, was uns davon abhält, diese unverdiente Güte mit anderen in Gefahr stehenden Personen zu teilen. Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?

Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?

Aufruf zur Hilfeleistung in der Bibel: Der barmherzige Samariter

In Lukas 10 wird ein Gespräch zwischen Jesus und einem Gesetzeslehrer geschildert. Der Gesetzeslehrer fragt, wie man ewiges Leben erlangen könne. Jesus beantwortet die Frage mit dem Gebot der Liebe. Doch der Gesetzeslehrer will sich rechtfertigen und fragt: «Wer ist mein Nächster?» Darauf erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Samariter hilft dem verletzten jüdischen Mann, obwohl zwischen den beiden Völkern eine tiefe Feindschaft herrscht. Er geht ein Risiko ein, denn die Gefahr, überfallen und körperlich angegriffen zu werden, besteht. Der Samariter erkennt die Situation des Verletzten und zögert nicht, ihn zu verarzten. Noch mehr: Er führt ihn zu einer Herberge und bezahlt sämtliche Kosten für Unterbringung und Pflege. Jesus beendet das Gespräch mit der Aufforderung: «Geh und handle ebenso.» Aus dem Gleichnis lassen sich folgende Prinzipien für uns ableiten:

  • Hilf Personen – unabhängig von ihrer Herkunft
  • Sei hilfsbereit – auch unter Gefahr
  • Nimm eine dienende Haltung gegenüber Verletzten ein
  • Sei bereit zur finanziellen Unterstützung
  • Folge dem Beispiel des Samariters

Es ist plausibel, diese Prinzipien auf das Verhältnis zwischen Schweizerinnen und Schweizern und asylsuchenden Personen zu übertragen. Asylsuchende sind wie der jüdische Mann an Leib und Leben gefährdet und bedroht. Durch unser Eingreifen als Schweizer können wir wie in dem Gleichnis die Asylsuchenden aus der bedrohlichen Lage befreien und retten.

Was hält uns zurück, wie der barmherzige Samariter zu handeln?

Doch was hält uns trotz dieser klaren Worte Jesu zurück, dem Beispiel des Samariters furchtlos zu folgen? Einer unbegrenzten Hilfe gegenüber asylsuchenden Personen kann die Gefahr eigener finanzieller Sorgen entgegengesetzt werden. Doch ist dieses Argument im Licht der Evangelien haltbar? In Lukas 12 warnt Jesus vor Habgier: «Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.» Wie oben erwähnt, ist all unser Besitz ein Ausdruck der Güte Gottes. Warum also sollten wir diesen Besitz nicht teilen? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ruft uns explizit dazu auf. Im Hinblick auf das ewige Leben sind materielle Güter, Geld und Wohlstand vergänglich und belanglos gegenüber der Herrlichkeit, die uns der Himmel verspricht. Ist die Angst vor Geldsorgen nicht vielmehr ein Festhalten an weltlichen Massstäben? Die Bibel ist hierbei klar: Unsere Identität liegt in Christus. Im Philipperbrief 1.21 schreibt Paulus: «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.» Der Blick ist auf Christus gerichtet und Christus fordert uns auf, den unterdrückten, hilflosen und vulnerablen Menschen zu dienen.

Restriktiv oder barmherzig?

Wie erwähnt, sind die zentralen Forderungen der restriktiven Position eine Beschränkung der Einwanderung und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Vergleichen wir nun diese Position mit den oben erlangten Erkenntnissen: Beide Forderungen einer restriktiven Haltung zielen darauf ab, Mehrausgaben oder gesellschaftliche Probleme zu verhindern, indem weniger Hilfe geboten wird. In Anbetrachtder behandelten Bibelstellen, die sich an der Güte Gottes und dem Aufruf zur Hilfeleistung orientieren, sind die Forderungen nach restriktiven Massnahmen schwer mit den Evangelien zu vereinbaren. Ja, sie sind sogar problematisch. Sie stehen im Konflikt mit den Prinzipien, die uns die genannten Bibelstellen und viele weitere aus den Evangelien vermitteln. Somit scheint die restriktive Position im Lichte der Evangelien schwer vertretbar.

Die restriktive Position kann daher nicht auf die Evangelien zurückgeführt werden. Sie gründet sich vielmehr auf der Angst, Privilegien als Schweizerinnen zu verlieren. Die vier Evangelien fordern an vielen Stellen Menschen dazu auf, die Güte Gottes nicht nur in Anspruch zu nehmen, sondern auch gegenüber Hilfsbedürftigen weiterzutragen. Das heisst:Christen sollten aus Sicht der vier Evangelien keine restriktive Asylpolitik unterstützen.

Diesem Artikel liegt die Maturaarbeit von David Stettler zugrunde. Die Maturaarbeit lässt sich hier herunterladen.


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In der Schweiz sprechen wir von einer Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Neutralität des Staates ermöglichen soll. Kommt es aber zu einer Vermischung der jeweiligen Aufträge, kann dies schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen.

Wer die heutige Beziehung zwischen Kirche und Staat in der westlichen Welt verstehen möchte, muss tief in die Kirchengeschichte eintauchen. Denn mit der Papstrevolution im späten 11. Jahrhundert begann ein nicht enden wollender Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, der laut Klaus Roth die Entstehung des europäischen Staatssystems beschleunigte (2006: 79). Somit ist die Idee des Staates ein Resultat unerfüllter Erwartungen, dass durch ein harmonisches Mit- und Gegeneinander von Kaiser und Papst die gesamte Menschheit zum christlichen Glauben bekehrt und eine gottgefällige Ordnung errichtet werden könne (vgl. Schmitt 1950, 30, 96f.). Obwohl der christliche Glaube während der Reformation und Gegenreformation nochmals eine zentrale Bedeutung für die Staatenbildung erlangte (Roth 2006: 89f.), emanzipierte sich der Staat im Zuge der Französischen Revolution aus der religiösen Bevormundung des Christentums und wurde souverän. Die Trennung von Kirche und Staat war gemäss Ernst-Wolfgang Böckenförde (1982: 64) keine radikale, sondern eine balancierte. So vermochten beide ihren Auftrag unabhängig voneinander zu gestalten und aufeinander einzuwirken: Der Staat ist Vertreter von Recht und Ordnung und die Kirche Verkündigerin des Evangeliums.

Einfluss der Kirche auf den Staat

Die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gilt zwar generell als unpolitisch (Böckenförde 1982: 82). Aber sie kann durch die Wirkung des Evangeliums auf die Gesellschaft unbeabsichtigt politisch Einfluss nehmen. Dies trifft zum Beispiel dann ein, wenn es in Abstimmungen um Fragen der Moral und Sittlichkeit geht und Christen als Staatsbürger ihre Stimme gezielt zu diesen Themen einsetzen (1982: 83). Auch dank der Neutralität des Staates und der Religionsfreiheit kann sich das Christentum nach wie vor in das gesellschaftliche Leben einbringen und gelegentlich eine Rechtsordnung prägen (1982: 66). Denn die Werte des Christentums bilden in vielen westlichen Staaten immer noch das Fundament für die politische Ordnung (1982: 67f.). Die Kirche übermittelt die Werte, da der Staat dies nicht tun kann, ohne seine religiöse Neutralität aufzugeben. Eine pluralistische Gesellschaft hat aber den Anspruch an die Kirche, dass sie ihre Werte so übersetzt, dass auch Leute ohne Bezug zum Christentum diese übernehmen und in ihr eigenes Weltbild integrieren können. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern die Kirche die Funktion als Übermittlerin der Werte wahrnehmen soll. Ist es ihr möglich, dadurch ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen oder verfälscht sie diesen durch die Säkularisierung ihrer Werte? Für Böckenförde steht fest: „Es gehört nicht zur geistlichen Sendung der Kirche, zur Integration der pluralistischen Gesellschaft durch entsprechende Konsensbildung beizutragen. {…} Die Treue zu ihrem Auftrag kann sie zu desintegrierendem Sprechen und Handeln zwingen“ (1982: 71). Die Kirche darf ihm zufolge nicht für die Integration einer freiheitlichen und demokratischen Grundlage eintreten, die den christlichen Grundlagen widerspricht.

Aus der Geschichte lernen

In jüngster Zeit geriet die Demokratie als Regierungsform auch deshalb in die Kritik, weil säkulare Werte zunehmend Einfluss in der Gesellschaft gewonnen haben und damit öfter in Gesetzen verankert wurden (z.B. Ehe für alle). Dies führte bei vielen Christinnen und Christen zu Unmut und einer Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden. So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich einer politischen Führungsperson anschliessen, die sich für ihre Anliegen einsetzt oder zumindest so tut. Dies trifft zurzeit unter anderem auf die USA und El Salvador zu. Dort lässt sich die Vermischung der Aufträge von Kirche und Staat, die eine Abkehr von demokratischen Ordnungen hin zu totalitären Systemen zur Folge hat, sehr eindrücklich beobachten.

Eric Voegelin und Raymond Aron bezeichneten solche Gewaltregime als „politische Religionen“ (Maier 2006: 18). Sie erkennen ein Bemühen um eine quasi-religiöse Dimension politischer Ordnung und Parallelen zu den Modellen der antiken politisch-religiösen Einheitskultur. „Die modernen totalitären Regime sind aber zugleich auch die Fratze eines pervertierten Christentums, von dem nur äussere Ordnungen, Zwang und Disziplin übriggeblieben sind (2006: 18f.) Mit ihren sogenannten „reinen Lehren“ hätten sie problematische Entwicklungen in der Geschichte des Christentums nachgeahmt.

Es scheint folglich kein Zufall zu sein, dass die Auftritte moderner Gewaltregime Hand in Hand mit einem überdimensionalen Wiederaufleben von Personenkult, Vergöttlichung der Herrscher sowie von Märtyrern im Umkreis totalitärer Politik einhergehen (Maier 2006: 19). Aktuelle Geschehnisse in den USA illustrieren dies sehr deutlich. Was lediglich ein grosser Gedenkgottesdienst für den ermordeten Aktivisten und Evangelisten Charlie Kirk sein sollte, erlangte durch die Ansprache von Donald Trump, in der er auf Vergeltung gegen „die radikale Linke“ pochte, eine beunruhigende, politische Dimension. Seine Aussagen widersprachen zudem Erika Kirk, die dem Mörder ihres Ehemannes Vergebung zusprach (FOX 9 Minneapolis- St.Paul, 2025).

Im Angesicht dieser Ereignisse ist es umso wichtiger, sich daran zu erinnern, weshalb sich der Staat über die Jahrhunderte von der Kirche abgenabelt hat. Die Trennung der beiden Institutionen ist nach wie vor zwingend nötig: Erstens, für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, zweitens für eine Religionsfreiheit, die es uns Christen erlaubt, unseren Glauben öffentlich und privat ohne Verfolgung auszuleben, und drittens, damit Staat und Kirche je ihre Aufträge wahrnehmen können. Die Erfüllung ihrer Aufträge ist für Staat und Kirche in einer Demokratie möglich, doch in einem totalitären Herrschaftssystem lösen sie sich auf. Wie uns die Geschichte lehrt, sind totalitäre Regime oftmals pseudo-christlich und durchdrungen von Irrlehren zu Gunsten des jeweiligen Herrschers. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir die Warnung von Hermann Heller ernst: „Der Staat kann nur totalitär werden, wenn er wieder Staat und Kirche in einem wird, welche Rückkehr zur Antike aber nur möglich ist durch die radikale Absage an das Christentum“ (1929: 56).

Setzen wir uns also für eine gesunde, von christlichen Werten geprägte Demokratie in der Schweiz ein, um unserem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums weiter nachgehen zu dürfen!


Quellen

Böckenförde, E-W. (1982): Staat-Gesellschaft-Kirche. In: Böckle, F., Kaufmann, F-X., Rahner, K. und Welte, B. (Hrsg.) (1982): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 15. Herder Freiburg. Freiburg im Breisgau. pp. 64-83.

FOX 9 Minneapolis- St.Paul (2025): Charlie Kirk’s full memorial service. Youtube (Stand: 22.09.2025)

Heller, H. (1929): Europa und der Faschismus. de Gruyter. Berlin. pp. 56.

Maier, H (2006): Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders? In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.18 – 19.

Roth. K. (2006): Ordnungskrise von Kirche und Reich und die Genese des modernen Staates. In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.79-92.

Schmitt, C. (1950): Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publikum Europacup. Dunker & Humblot. Berlin. pp. 30, 96f.

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Die Initiative „Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert“ (Initiative für eine Zukunft), über die am 30. November 2025 abgestimmt wird, fordert die Einführung einer Erbschafts- und Schenkungssteuer auf Bundesebene. Wer mehr als 50 Millionen Franken erbt oder verschenkt, müsste auf den Betrag darüber 50 Prozent Steuern zahlen. Personen mit grossem Vermögen sollen so mehr zur Finanzierung des Klimaschutzes und zu einem sozial gerechten Umbau der Wirtschaft beitragen.

Seit der Annahme des Klimaschutzgesetzes im Juni 2023 stehen dem Bund jedes Jahr 2 Milliarden Franken für Massnahmen zum Klimaschutz zur Verfügung. Zu diesen Massnahmen zählen zum Beispiel der Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energiequellen. Das Initiativ-Komitee ist überzeugt, dass mit Geld aus einer Erbschafts- und Schenkungssteuer auf Bundesebene noch mehr finanzielle Mittel für den Klimaschutz zur Verfügung stehen könnten. Die Verfassungsänderung soll auch dabei helfen, die Gesamtwirtschaft sozial gerecht und ökologisch umzubauen, vor allem in den Bereichen Arbeit, Wohnen und öffentlichen Dienstleistungen. Der Ertrag der neuen Erbschafts- und Schenkungssteuer würde zu zwei Dritteln an den Bund und zu einem Drittel an die Kantone gehen.

Soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Wirtschaft

Für die Befürworter steht die Verknüpfung von Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit im Zentrum der Initiative. Wer sehr viel besitzt, hat die Möglichkeit, viel privat zu reisen, verfügt oftmals über mehrere Wohnsitze und verbraucht mehr Treibhausgase als der Schweizer Durchschnitt. Aus Sicht der Initianten sollten diese Personen deshalb mehr zum Schutz des Klimas beitragen müssen. Mit den zusätzlichen Einnahmen könnten Bund und Kantone mehr Massnahmen gegen die Klimakrise finanzieren, ohne dass Menschen mit geringem Einkommen stärker belastet werden.

Die Gegner der Initiative weisen darauf hin, dass die Steuerpflicht auf hohe Nachlässe und Schenkungen negative Auswirkungen auf die Standortattraktivität der Schweiz und Mindereinnahmen für Bund, Kantone und Gemeinden durch den Wegzug reicher Personen zur Folge haben könnte. Obwohl die Vorlage eine Verhinderung der Steuervermeidung durch Wegzug vorsieht, dauert es gemäss Initiative bis zu drei Jahre nach der Annahme, bis alle Bestimmungen zur Umsetzung in Kraft treten. Die gewünschten Mehreinnahmen dürften damit geringer ausfallen, als vom Initiativ-Komitee erhofft: statt 6 Milliarden lediglich 4.3 Milliarden.

Die Vorlage wirft somit einige Fragen auf: Ist die Erbschafts-und Schenkungssteuer auf Bundesebene wirklich der sozial gerechteste Weg für die Finanzierung des Klimaschutzes? Wie können die Massnahmen so umgesetzt werden, dass die Standortattraktivität der Schweiz bestehen bleibt? Wie lässt sich sicherstellen, dass die Einnahmen tatsächlich zielgenau eingesetzt werden, wenn schliesslich das Parlament über den Einsatz der Gelder entscheidet? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Erbschaftssteuer-Initiative 2015.

Erbschaftssteuer-Initiative 2015 als Vorbild

Vor zehn Jahren durfte das Stimmvolk schon einmal über eine Erbschaftssteuer-Initiative abstimmen. ChristNet engagierte sich damals stark für die Annahme der Initiative, da sie dem biblischen Prinzip folgte, Reichtum nicht anzuhäufen, sondern grosszügig an Bedürftige abzugeben (siehe Artikel Pressecommuniqué – Die Erbschaftssteuer: Eine biblische Steuer?). In der Vorlage ging es hauptsächlich um eine Besteuerung von 20 Prozent auf sehr grosse Nachlässe, um der Vergrösserung der Vermögensschere zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken. Damals sollte die Erbschafts- und Schenkungssteuer zu zwei Dritteln dem Ausgleichsfonds der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) zugutekommen und ein Drittel den Kantonen verbleiben. Die Vorlage sah zudem Ermässigungen vor, wenn Unternehmen oder Landwirtschaftsbetriebe zum Nachlass oder zur Schenkung dazugehörten und von den Erben bzw. Erbinnen mindestens zehn Jahre weitergeführt werden. So sollte der Weiterbestand des Betriebs und der Arbeitsplätze nicht gefährdet werden. Familienbetriebe durften mit einem Freibetrag von 50 Millionen rechnen, sodass KMU steuerfrei hätten vererbt werden können.

Die Erbschaftssteuer-Initiative von 2015 war insgesamt eine sehr sorgfältig ausgearbeitet Abstimmungsvorlage, die auf den Umstand hinwies, dass die Erbschaftssteuer als die sozial gerechteste Steuer zu betrachten ist (siehe Artikel Die gerechteste Steuer – Argumente für die Erbschaftssteuerreform). Leider erfuhr sie in der Bevölkerung keine Annahme. Die Abstimmung vom 30. November 2025 bietet also eine gute Gelegenheit, über den Weg zu entscheiden, wie grosse Erbschaften in Zukunft sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig verteilt und eingesetzt werden sollen, respektive dem Ja-Anteil des Abstimmungsresultats möglichst viel Gewicht zu verleihen, damit zu einem späteren Zeitpunkt eine ausgewogenere nationale Erbschaftssteuer doch noch zur Umsetzung kommt.


Quellen

Bundeskanzlei BK. Eidgenössische Volkinitiative ‚Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft). Link (Stand: 18.11.2025)

Der Bundesrat. Das Portal der Schweizer Regierung. Volksabstimmung vom 30. November 2025. Link (Stand: 18.11.2025)

Das Schweizer Parlament. Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft). Link (Stand: 18.11.2025)

Komitee für eine Zukunft. JungsozialistInnen Schweiz. JA zur Initiative für eine Zukunft. Link (Stand: 18.11.1015)

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Am 30. November 2025 stimmt die Schweiz über die Service-Citoyen-Initiative ab. Dabei geht es um eine Ausweitung des Militär- und Zivildienstes auf alle Schweizer Bürgerinnen und Bürger. ChristNet befürwortet diesen allgemeinen Bürgerdienst, weil er die Sicht für das Gemeinwohl stärkt.

Der Service Citoyen sorgt für Diskussionen. Kritiker warnen vor Zwang und Bürokratie, Befürworter sehen darin eine Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch jenseits der politischen Debatte geht es um eine tiefere Frage: Wie kann eine moderne Gesellschaft Verantwortung gerechter verteilen – und was würde das mit uns allen machen?

Ein neues Verständnis von Verantwortung

Die Schweiz lebt vom Engagement ihrer Menschen. Unzählige Aufgaben werden von Freiwilligen, von Angehörigen, von Kirchen, Vereinen und sozialen Organisationen getragen. Doch dieses Engagement ruht auf den Schultern weniger. Viele profitieren von einer Infrastruktur des Miteinanders, ohne selbst daran beteiligt zu sein. Der Service Citoyen würde diese Verantwortung gerechter verteilen und sichtbar machen, dass das Gemeinwohl keine Selbstverständlichkeit ist.

Kritikerinnen und Kritiker befürchten Zwang, Ineffizienz oder den Verlust echter Freiwilligkeit. Diese Bedenken verdienen Gehör. Doch sie greifen zu kurz. Ein gemeinsamer Dienst wäre kein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, sondern ein Bekenntnis zu ihrem Potenzial. Er würde junge Menschen nicht bevormunden, sondern ihnen zutrauen, dass sie Verantwortung übernehmen können. Freiheit wird nicht kleiner, wenn sie Verantwortung einschliesst – sie gewinnt an Tiefe.

Begegnung gegen Polarisierung

Ein solcher Dienst könnte gesellschaftlich heilsam wirken. Die jüngste Polarisierungsstudie von Pro Futuris zeigt, wie stark sich Lebenswelten in der Schweiz auseinanderentwickeln. Menschen begegnen sich seltener ausserhalb ihrer sozialen oder politischen Blase. Der Service Citoyen würde diesen Trend umkehren. Wenn junge Erwachsene aus unterschiedlichen Regionen und Hintergründen gemeinsam arbeiten, entstehen Erfahrungen, die verbinden. Gemeinsames Tun schafft Nähe, wo Distanz gewachsen ist, und Verständnis, wo Vorurteile herrschen. Das ist keine Romantik, sondern Sozialpsychologie: Vertrauen entsteht dort, wo Menschen sich gegenseitig kennenlernen, nicht in Kommentaren und Schlagzeilen.

Verantwortung als gelebter Glaube

Auch aus christlicher Sicht ist der Gedanke vertraut. Der Glaube spricht vom Menschen als Beziehungswesen – geschaffen, um füreinander einzustehen. „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2) beschreibt keine moralische Überforderung, sondern ein realistisches Verständnis von Gemeinschaft. Niemand kann oder soll alles allein tragen. Solidarität ist keine Schwäche, sondern Ausdruck gelebter Nächstenliebe. Der Service Citoyen könnte helfen, diese Haltung wieder stärker in die gesellschaftliche Kultur einzuschreiben.

Jesus hat immer wieder Nähe hergestellt – zu Armen, Ausgestossenen, Fremden. Seine Nächstenliebe war konkret. Sie überwand Grenzen, statt sie zu befestigen. Eine moderne Demokratie kann von dieser Haltung lernen. Wenn junge Menschen in einem gemeinsamen Dienst erfahren, was gegenseitige Hilfe bedeutet, entsteht Vertrauen – und Vertrauen heilt Gräben, die politische Debatten nicht schliessen können.

Erfahrungen, die prägen

Ein Bürgerdienst dieser Art hätte auch eine generationenverbindende Wirkung. Junge Menschen würden mit Älteren zusammenarbeiten, die auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Umgekehrt würden Ältere erleben, dass die nächste Generation bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Diese gegenseitige Erfahrung von Verlässlichkeit kann Gräben zwischen Jung und Alt überbrücken. Sie schafft Respekt in beide Richtungen – eine Haltung, die in der politischen und gesellschaftlichen Debatte zunehmend verloren geht.

Viele junge Menschen suchen heute Sinn, Zugehörigkeit und Orientierung. Ein Dienst an der Gemeinschaft kann solche Erfahrungen ermöglichen. Er konfrontiert mit anderen Lebensrealitäten, mit Grenzen, aber auch mit der Kraft, gemeinsam etwas zu bewegen. Menschen, die erfahren, dass ihr Einsatz zählt, nehmen ihr Land, ihre Mitmenschen und sich selbst anders wahr. Das kann langfristig eine neue Generation von Bürgerinnen und Bürgern prägen, die Gesellschaft als etwas versteht, das man nicht konsumiert, sondern gestaltet.

Realistische Erwartungen, langfristige Wirkung

Natürlich birgt der Service Citoyen Herausforderungen. Die Organisation wäre komplex, die Finanzierung anspruchsvoll. Es braucht faire Bedingungen, sinnvolle Aufgaben und gute Begleitung. Doch wer nur auf die Schwierigkeiten schaut, übersieht den eigentlichen Gewinn. Eine Gesellschaft, in der Menschen einander begegnen, einander dienen und Verantwortung teilen, ist weniger verletzlich. Sie hält Spannungen besser aus, weil sie weiss, was sie zusammenhält.

Im Kern geht es beim Service Citoyen um eine einfache, aber tiefgreifende Erkenntnis: Gemeinschaft entsteht nicht durch Worte, sondern durch Handeln. Christlich verstanden ist das kein politischer Luxus, sondern Ausdruck von Glauben im Alltag. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, dem eigenen Glauben Gestalt zu geben – in Pflegeheimen, auf Baustellen, in Schulen, in Wäldern. Es bedeutet, den Wert des anderen nicht theoretisch zu bejahen, sondern ihn praktisch sichtbar zu machen.

Ein solcher Dienst könnte langfristig auch die demokratische Kultur verändern. Wo Menschen gelernt haben, Verantwortung zu teilen, wächst die Bereitschaft, zuzuhören, zu verhandeln und Kompromisse zu finden. Das schützt vor Zynismus und Resignation – Haltungen, die Demokratien von innen aushöhlen. Wer erlebt, dass die Gesellschaft trägt, verliert das Vertrauen in sie weniger schnell.

Vertrauen als Zukunftswert

Der Service Citoyen wäre damit kein moralisches Projekt, sondern eine konkrete Form gelebter Solidarität. Er würde Menschen zusammenbringen, die sonst kaum miteinander zu tun haben, und ihnen zeigen, dass sie aufeinander angewiesen sind. In einer Zeit, in der Misstrauen wächst und viele sich zurückziehen, könnte genau das den Unterschied machen. Verantwortung zu teilen heisst, Hoffnung zu teilen – und vielleicht beginnt gesellschaftliche Heilung genau dort.

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«Schwerter zu Pflugscharen» lautet das Thema der diesjährigen StopArmut-Konferenz am 1. November in Winterthur. Eine der Fragen, die sich zu diesem Thema stellt: Welche Verbindung gibt es zwischen Armut, Gerechtigkeit und bewaffneten Konflikten? Der Prophet Micha gibt dazu in der Bibel eine interessante Antwort.

Als wir bei StopArmut das Thema «Schwerter zu Pflugscharen» zum Jahresthema wählten, erhielten wir einige überraschte Reaktionen: Warum plötzlich von Frieden sprechen? Was hat das mit Armut zu tun? Warum entfernen wir uns so weit von unserem zentralen Thema? Aber die Frage bewaffneter Konflikte ist seit Jahrtausenden eng mit Fragen zu Armut und Gerechtigkeit verbunden. Bereits vor mehr als 2500 Jahren wiesen die biblischen Propheten auf diesen Zusammenhang hin:

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Die StopArmut-Konferenz «Schwerter zu Pflugscharen» am 1. November 2025

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1 «Aber in den letzten Tagen wird der Tempelberg alle anderen Berge an Größe und Höhe überragen. Es werden dann Menschen aus allen Nationen zu ihm herbeiströmen. 2 Viele Völker werden sich auf den Weg machen und einander zurufen: ‘Kommt, wir wollen auf den Berg des HERRN steigen, zum Tempel des Gottes Israels. Dort wird er uns seine Wege lehren, damit wir so leben, wie er es möchte.’ Denn der HERR wird von Zion seine Weisungen ausgehen lassen und von Jerusalem sein Wort. 3 Dann wird er der Richter über viele Völker sein und wird mächtigen Nationen Recht sprechen, auch wenn sie noch so weit entfernt sind. Dann werden sie ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden und ihre Speere in Winzermesser. Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt. 4 Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss. So hat es der HERR, der Allmächtige, gesagt!»

Dieser kurze Abschnitt kommt sowohl im Buch Jesaja (2, 2-4) als auch im Buch Micha (4,1-5) vor. Die beiden Propheten waren fast Zeitgenossen und prophezeiten zur gleichen Zeit: während der assyrischen Invasionen (ca. 740 bis 690 v. Chr.). Sie hatten jedoch ein unterschiedliches Publikum. Während Jesaja ein Stadtbewohner war und seine Botschaft eher an den König und den Hof richtete, stammte Micha aus dem ländlichen Gebiet und sprach zu den Bürgern und dem Volk.1

Micha zeichnet das hoffnungsvolle Bild einer strahlenden Zukunft, in der alle Völker zum Berg des Herrn kommen, damit er sie lehre, was er von ihnen erwartet. Und wenn die Völker schliesslich nach Gottes Geboten leben, zeigen sich zwei Zeichen: Die Völker (auch die mächtigen) verwandeln ihre Kriegswaffen in landwirtschaftliche Arbeitsgeräte, und alle kultivieren in Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume.

Die zwei Nachweise von Frieden

Diese beiden Zeichen, des Weinbergs und des Feigenbaums, stehen für eine Vision des politischen, weltweiten Friedens: «Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.» Und für eine Vision des ganz persönlichen, alltäglichen Friedens: «Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss.» In Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume zu bebauen, das ist die grundlegendste Hoffnung Israels. Sie findet sich an mehreren Orten in der Bibel (1. Kön. 5,5; 2. Kön. 18,31; Sach. 3,10)

«Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.»

Dieser Text besagt, dass politischer Frieden und persönlicher Frieden voneinander abhängig sind. Es kann kein persönliches Wohlergehen geben, ohne eine Beendung der Militarisierung. Das Streben nach Sicherheit durch Krieg, die Suche nach (Energie-)ressourcen für Waffen – all dies kann nicht bestehen, wenn persönliche Träume von Frieden wahr werden sollen. Denn der Krieg ist gierig nach Ressourcen, Geld und Nahrung und kann nur weiterleben, indem er das persönliche Hab und Gut, das er zu schützen vorgibt, konfisziert. Umgekehrt brauchen Waffen Ungleichheit für ihre Legitimation: Sie dienen also in erster Linie dazu, eine ungerechte Ordnung aufrechtzuerhalten, diese Ordnung wieder zu kippen oder sich einfach das zu nehmen, was anderen gehört. Damit Waffen aufgeben werden können, muss eine gerechte Grundordnung bestehen. Das bedeutet auch, masslose Habgier aufzugeben.

Konsum hinterfragen

Abrüstung ist nicht der einzige Prozess, den es für Frieden braucht. Es ist auch notwendig, dass wir die Erwartungen an unsere ökonomische Situation runterschrauben. Der Text beschreibt eine einfache Lebensweise, in der jeder und jede das hat, was sie brauchen (aber nicht mehr), und die landwirtschaftliche Produktion seines Nachbarn und seiner Nachbarin respektiert. Das bedeutet, dass wir bereit sind, uns mit unseren Trauben und Feigen zufrieden zu geben, ohne zu versuchen, die Trauben und Feigen zu bekommen, die andere produziert haben. Der Prophet weiss, dass die Weinberge und Feigenbäume jedes und jeder Einzelnen nur dann in Sicherheit sind, wenn die Mächtigen sich mit den Trauben und Feigen begnügen, die sie selbst produziert haben. Die radikale Vision von Micha versteht, dass die Aufgabe unserer Militärsysteme zwangsläufig auch eine Neuausrichtung unseres Konsums sowie unserer Werte bezüglich Konsum erfordert.

Deshalb pendelt unser Plädoyer zwischen diesen drei Themen hin und her: unseren Konsum überdenken (sich mit dem eigenen Weinstock begnügen), die internationale Zusammenarbeit unterstützen (anderen das Anbauen ermöglichen) und dem falschen Versprechen der bewaffneten Sicherheit widerstehen (Schwerter zu Pflugscharen umschmieden).

Viele von uns träumen davon, in Frieden unter unseren Weinreben und Feigenbäumen zu leben. Und in unserer Gesellschaft gibt es viele, die versuchen, genau diesen Traum vom ruhigen Leben im Schatten der Feigenbäume mit dem Schutz durch ein kriegerisches System zu verbinden. Micha zeigt jedoch den tiefen und unüberwindbaren Widerspruch zwischen Schwertern und Speeren auf der einen Seite sowie Weinreben und Feigenbäumen auf der anderen Seite auf.

Ein Versprechen mit Doppelfunktion

Es stimmt, dieses poetische Versprechen Michas beschreibt eine Zukunft, die für uns schwer vorstellbar ist. Diejenigen, die es hören, haben keine Ahnung, wie sie zu der dargestellten Realität gelangen könnten. Genauso muss es übrigens wahrscheinlich den Übermittlern dieser Botschaften, also Micha und Jesaja gegangen sein. Es gibt keinen strategischen Plan dazu, keine konkrete Vorgehensweise. Das Versprechen kommt ohne Vorwarnung. Es kommt als Unterbrechung der Gegenwart. Und das Bild, das dieses Versprechen zeichnet, ist wunderschön. Es berührt die Herzen derer, die es hören, und entspricht den tiefsten Sehnsüchten nach der Gegenwart Gottes, Frieden, Ruhe.

Dieses poetische Versprechen erfüllt eine doppelte Funktion: Zum einen schafft es einen Raum der Freiheit. Es befreit uns von Kalkül, von den Erfahrungen darüber, was funktioniert oder nicht, was möglich ist oder nicht. Diese Befreiung ermöglicht es uns, über die unerklärlichen Zukunft nachzudenken, die Gott erschaffen kann. Eine Zukunft, die weit über das hinausgehen, was Menschen aufbauen können.

Die zweite Funktion des Versprechens besteht darin, die Gegenwart auf den Kopf zu stellen. Das Versprechen, das Bild davon, wie eine Zukunft sein kann, spricht davon, dass sich Dinge auch ändern können. Das aktuelle System ist nicht absolut. Für die Zeitgenossen und Zeitgenossinnen Michas waren die Invasion Assyriens, die Korruption der Richter Israels und die Gier der Mächtigen nicht absolut. Für uns heute sind Regierungen mit Expansions- und Herrschaftsgelüsten, Kriegsdrohungen und wachsende Ungleichheiten ebenfalls nicht absolut. Weder der König von Assyrien noch die korrupten Führer und Führerinnen Jerusalems noch die Präsidenten Russlands, der USA oder Chinas werden das letzte Wort haben, und ihre vereinten Kräfte werden niemals alle Macht kontrollieren können, die in der Welt am Werk ist.2

Möge dieses Versprechen uns Hoffnung für morgen und einen kritischen Blick auf das Heute geben.3

Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch auf www.stoppauvrete.ch veröffentlicht.


1. Hat der „grosse Prophet” Jesaja das Orakel des „kleinen Propheten” Micha übernommen? Hat der kleine Prophet den grossen kopiert? Oder haben beide aus einem älteren Lied geschöpft? Unter Bibelwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen herrscht keine Einigkeit darüber, und ich persönlich bevorzuge die letzte Option, eines gemeinsamen Ursprungs.

2. Die doppelte Funktion des poetischen Versprechens entlehne ich BRUEGGEMANN, WALTER. „Vine and Fig Tree: A Case Study in Imagination and Criticism.” The Catholic Biblical Quarterly 43, Nr. 2 (1981): 188–204..

3. Diese Überlegungen basieren teilweise auf meiner Arbeit zum Buch Micha in Kollaboration mit dem Podcast bibletunes fr. Derzeit nehmen wir in diesem Rahmen eine Reihe wöchentlicher 10-minütiger Podcasts über Micha auf. Der Prophet Micha war es, der das „Micha-Netzwerk” inspiriert hat, dem StopArmut angehört. Die erste Folge des Podcast erschien am 8. September 2025 auf allen geläufigen Podcast-Plattformen.

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Die Befürwortenden der Abschaffung des Eigenmietwerts behaupten, dass die Steuerverluste, die dadurch entstehen, kompensiert würden. Einmal mehr handelt es sich aber bei der Vorlage, über die wir Ende September abstimmen, um eine versteckte Steuersenkung, von der in erster Linie Vermögende profitieren. ChristNet spricht sich deshalb gegen die Abschaffung des Eigenmietwerts aus.

Am 28. September 2025 kommt eine Vorlage namens «Bundesbeschluss vom 20. Dezember 2024 über die kantonalen Liegenschaftssteuern auf Zweitliegenschaften» zur Abstimmung. Hierbei geht es aber nicht in erster Linie um die mögliche Einführung einer neuen Liegenschaftssteuer in den Kantonen, sondern um die Abschaffung des sogenannten Eigenmietwerts. Eine entsprechende Gesetzesvorlage ist mit dem erwähnten Bundesbeschluss verknüpft und tritt nur in Kraft, wenn auch der Bundesbeschluss von der Stimmbevölkerung angenommen wird.

Geworben für die Vorlage wird mit der Abschaffung einer «fiktiven» und damit ungerechtfertigten Steuer, einer Vereinfachung des Systems und mit Schuldzinsabzügen in den ersten Jahren nach dem Erwerb des Wohneigentums. Versprochen wird, dass der Steuerausfall, der durch die Abschaffung des Eigenmietwerts entsteht, mit der gleichzeitigen Streichung von Steuerabzügen für Schuldzinsen, Unterhalt und Renovation kompensiert werde. Nur stimmt dies nicht: Aktualisierte Schätzungen zufolge (Stand: Mai 2025) belaufen sich die erwarteten Steuerausfälle für Bund und Gemeinden auf ca. 2 Milliarden Franken jährlich bei einem Hypothekarzins 1.5%. 1 Je tiefer die Hypothekarzinsen sinken, je höher fällt dieser Verlust des Steuersubstrats aus. Kein Wunder, dass die Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) im Juni 2025 beschlossen hat, sich öffentlich gegen den Systemwechsel auszusprechen. Markus Heer, der Finanzdirektor des Kantons Glarus sagt dazu: «Das Geld wird bei der Finanzierung des Gesundheitswesens und der Bildung fehlen. Deshalb positionieren sich die Kantone klar gegen diesen unnötigen Systemwechsel.» 2

Ungerechtigkeit verstärkt sich

Innerhalb von 20 Jahren sind die Mieten in der Schweiz um fast 25% gestiegen, während die Hypothekarzinsen gesunken sind.3 Eigentümerinnen und Eigentümer profitieren von der Zinssituation, während die Mieterinnen und Mieter unter den hohen Mieten ächzen. Durch die Abschaffung des Eigenmietwerts und der Beibehaltung mehrerer – insbesondere kantonaler – Abzugsmöglichkeiten für Wohneigentümer, wird dieser Effekt verstärkt. Es kommt zu einer noch stärkeren Ungleichbehandlung zwischen den 2.3 Mio. Mieterhaushalten und den 1.4 Mio. Haushalten mit privatem Immobilienbesitz. 4

Steuersenkungsvorlage für die Vermögenden

Stossend an der Abschaffung des Eigenmietwerts ist insbesondere, dass es sich dabei um eine Umverteilungsvorlage von unten nach oben handelt. Gutbetuchte profitieren vom Systemwechsel bei den Liegenschaftssteuern, weil sie vorwiegend in ihren eigenen vier Wänden wohnen. Falls sie keinen Renovationsbedarf haben bzw. ihre Hypothek abbezahlt haben, umso mehr. Sie erhalten Steuergeschenke, während Menschen mit wenig Einkommen oft kein Wohneigentum haben und gleichzeitig von Sparpaketen der Öffentlichen Hand überdurchschnittlich betroffen sind. Werden gar Steuererhöhungen nötig, müssen nicht nur diejenigen mitzahlen, die von der Abschaffung des Eigenmietwerts profitieren, sondern auch alle andern.

Zwar ist die heutige Regelung des Eigenmietwerts nicht perfekt. Vor allem Rentnerinnen und Rentner mit Wohneigentum tragen wegen des Eigenmietwerts eine höhere Steuerlast. Der Systemwechsel, der jetzt zur Debatte steht, ist aber schlecht durchdacht und unausgegoren. Nicht nur die Linken und Grünen, sondern auch Bürgerliche aus der FDP, der SVP, der Mitte und der GLP sowie Immobilienfachpersonen lehnen die Vorlage ab. 5

Der Erwerb von Wohneigentum wird nicht einfacher

Wenn die Vorlage angenommen wird, befürchtet die UBS anhand einer Studie, dass die Immobilienpreise weiter steigen werden: Es wird attraktiver, das eigene Vermögen in Immobilien anzulegen, was wiederum zu steigenden Preisen führt. Gerade für junge Familien rückt der Traum vom Eigenheim damit noch weiter in die Ferne.
Auch der Bundesrat zeigt in einem Bericht auf, dass der Systemwechsel bei der Liegenschaftssteuer in erster Linie denjenigen zugutekommt, die bereits heute Wohneigentum erwerben könnten. 6

Eigenmietwert?

Wer ein Haus oder eine Wohnung vermietet, muss den Mietertrag als Einkommen versteuern. Doch auch, wer sein Wohneigentum selbst nutzt, muss darauf Einkommenssteuern entrichten, egal ob es sich um den Erstwohnsitz oder bloss um eine Ferienwohnung handelt. Die Steuer fällt auf den sogenannten Eigenmietwert an. Einfach ausgedrückt entspricht der Eigenmietwert der Miete, die Eigentümer verlangen könnten, wenn Sie ihr Haus oder ihre Wohnung nicht selbst bewohnen würden. Diesen Betrag müssen Sie als Einkommen versteuern. Im Gegenzug können Eigentümerinnen Investitionen und Hypothekarschulden von ihrem steuerbaren Einkommen abziehen.

Quelle: Postfinance Was bedeutet der Eigenmietwert für Ihre Steuern? | PostFinance

1. Aktualisierte Schätzung der ESTV

2. EMW_DE_250721.pdf

3. LIK, Mietpreisindex auf allen Indexbasen. [MPI MULTIBASIS] – 1.8.1939-31.7.2025 | Tabelle

4. Nein zum Bundesbeschluss über die kantonalen Liegenschaftssteuern auf Zweitliegenschaften – KdK – Konferenz der Kantonsregierungen

5. Eigenmietwert: Scheitert Abschaffung am Röstigraben?

6. BBl 2021 2076

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Reihum in jedem Kanton darf das Volk über Steuersenkungen abstimmen. Die Vorlagen tönen jeweils verlockend und versprechen «dem Mittelstand» mehr Geld. Doch wer profitiert wirklich? Und wer leidet darunter am meisten? Wem sollte die Steuerpolitik eigentlich dienen?

Mit dem zunehmenden Gesamtwohlstand haben viele Menschen etwas zu verteidigen. Deshalb springen sie meist auf den Zug auf, wenn eine Abstimmungsvorlage eine Reduktion irgendeiner individuellen Steuer vorsieht: Einkommenssteuer, Autosteuer, Lotteriesteuer etc. Dabei ist keinerlei Konzept erkennbar, welches nun sinnvolle und gerechte Steuern sind. Hauptsache Abbau!

Weltweit – auch in der Schweiz – werden Steuersenkungen versprochen oder angeboten. Die Verlockung ist gross. Treiber dafür sind

  • unser Geiz: ich habe etwas zu verteidigen.
  • unser Stolz: es ist mein Vermögen, ich habe es durch meine eigene Leistung verdient. Genau in diese Kerbe schlägt die FDP, die uns einredet, Reichtum komme einzig durchs frühe Aufstehen und harte Arbeiten zustande, obwohl nachweislich Erbschaften und Marktfähigkeit der Begabungen genauso entscheidend sind.
  • die Rechtfertigungsideologien für das Nicht-Teilen:
    1.) Der Staat ist böse und zu mächtig und gibt zu viel aus (alle finden eine Ausgabe, die ihnen nicht passt …).
    2.) Diejenigen, die die Unterstützung des Staates benötigen, sind nur faul.

Hilfe für die Falschen

Die Mehrheit der Stimmenden stört sich auch nicht daran, dass bei der Reduktion der Einkommenssteuer in der Regel der grösste Teil denjenigen zugute kommt, die dieses Geschenk am wenigsten brauchen. Denn in der Regel werden die Einkommenssteuern prozentual gesenkt, was bei hohen Einkommen am meisten «einschenkt».

Wenn Steuersenkung, dann für diejenigen, die es am meisten brauchen!

Wenn eine Steuersenkung wirklich denjenigen mit tiefem Einkommen nützen soll, muss dies über einen für alle gleichen Abzug auf der Steuerrechnung geschehen. Dieser Betrag – zum Beispiel ein Kinderabzug – fiele dadurch bei Niedrigverdienenden viel stärker ins Gewicht als bei Hochverdienenden. Werden Abzüge hingegen vom steuerbaren Einkommen abgezogen, profitieren nur diejenigen voll davon, die ein steuerbares Einkommen in einer Höhe haben, die diese Abzüge auch tatsächlich erlaubt.

Wenn Steuersenkung, dann für diejenigen, die es am meisten brauchen!

Selbst die Mitte als «Familienpartei» will die Krankenkassenprämien für Kinder nur vom steuerbaren Einkommen abziehen und nicht von der Steuerrechnung. Damit hilft sie gerade nicht denjenigen Familien, die diese Abzüge am meisten bräuchten.

Welcher Schmerz, welche Belastung?

Schon Bundesrat Villiger meinte vor über 20 Jahren, dass diejenigen am stärksten über die hohe Steuerlast klagen, die die Steuern am besten bezahlen können. Warum glauben wir immer noch, dass Steuern in jedem Fall eine Belastung sind? Und wann sind sie es nicht mehr? Wir müssen damit beginnen, nicht den zu zahlenden Steuerbetrag zu betrachten, sondern wieviel den Menschen nach Abzug aller obligatorischen Ausgaben wie Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und Krankenkassenprämien zum Leben bleibt, also was ihr frei verfügbares Einkommen ist. Es gibt Kreise, die sagen, dass die Reichen ja schon den Löwenanteil an Steuern bezahlten. Doch dies ist eine falsche Sichtweise, denn diese Tatsache widerspiegelt einzig die riesigen Einkommensunterschiede und in der Folge davon die sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, Steuern zu zahlen. Und es geht dabei nicht um Einkommensgruppen, sondern um Einzelpersonen: Wie belastend ist es für einzelne, Steuern zu bezahlen?

«Den Leuten etwas zurückgeben» – und die Bedürftigen im Regen stehen lassen

Der Zürcher Kantonsrat beschloss auf das Jahr 2023 hin eine Reduktion des Steuerflusses, «um den Leuten nach der Corona-Pandemie etwas zurückzugeben», obwohl alle wissen, dass benachteiligte Gruppen mehr unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten haben als die andern. Genau sie sind durch die Sparmassnahmen, die in der Regel auf eine Steuersenkung folgen wiederum am meisten betroffen.

Bei diesen Steuersenkungen handelt es sich also nicht nur um ein sinnloses «Giesskannenprinzip», sondern eine gezielte Umverteilung zu den Falschen: Gemeinden haben weniger Geld für Sozialhilfe und Integrationsmassnahmen, bei den Schulen in der Schweiz wurden in den letzten 20 Jahren gespart. Letzteres führte oft zu grösseren Klassen und damit in vielen Fällen zur schlechteren Integration von Kindern ohneBildungshintergrund. Ergänzungsleistungen für mittellose Senioren und Krankenkassenprämienzuschüsse für Familien mit kleinem Einkommen wurden abgebaut. Zahlreiche Spitäler wurden geschlossen und der ÖV verteuert. Bei Steuersenkungen sparen die einzelnen Otto-Normalverbraucher einige Zehner-Nötli, während durch die Steuersenkungen Teile des Service public zerstört werden.

Race to the bottom

Gerade in der Schweiz führt die Steuerkonkurrenz unter den Kantonen zu einem «race to the bottom», einem zerstörerischen Steuersenkungs-Wettlauf: Bereits reiche Kantone senken ihre Steuern noch mehr, was bei Nachbarkantonen zur Abwanderung von reichen Personen und Firmen führt. Auch ärmere Kantone sind deshalb gezwungen, Steuern zu senken, was wiederum zu Sparrunden führt. Ein weiteres Problem ist, dass Steuern, die gesenkt wurden, nicht mehr erhöht werden können.

Nun senkt Zug wiederum seine Steuern, was für Nachbarn wie Luzern zu weiteren Schwierigkeiten führt und armen Menschen noch mehr schaden wird. Der Steuerausgleich zwischen den Kantonen ist dabei nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Das Grundproblem ist der Steuerwettbewerb, der aus dem Ruder läuft und zu dessen Beschränkung vor rund 15 Jahren eine Abstimmung über eine Steuergerechtigkeits-Initiative stattgefunden hat. Doch nach einer Mega-Angstkampagne der Gegner, in der fälschlicherweise behauptet wurde, bei Annahme gäbe es Steuererhöhungen für alle, wurde die Initiative abgelehnt. Deshalb geht das «race to the bottom» weiter! Durch diesen Abbau der individuellen Steuern, vor allem der Steuerprogression, dem Ausbau der Gebühren und der Abgaben für die Sozialversicherungen hat die Schweiz in der Realität bereits seit dem Jahr 2001 eine Flat Tax: Prozentual zahlen Arme und Reiche gleich viel Steuern und obligatorische Abgaben (z.B. Krankenkassenprämien).

Bei Steuerfragen wird immer wieder das Argument angeführt, man könne es nicht immer bei den Reichen holen. Die Realität zeigt eher das Gegenteil.

« L’argent, c’est le nerf de la guerre »

In den 70er-Jahren kam Ronald Reagan mit den Wirtschaftswissenschafter Milton Friedman zusammen. Sie überlegten, wie sie die Macht des Staates allgemein gegenüber der Macht der Wirtschaft und der Vermögenden sowie die Umverteilung zurückbinden könnten. Sie waren sich einig, dass es unmöglich war, den Menschen einen Abbau des Wohlfahrtsstaates und damit der Leistungen, von denen sie profitieren, schmackhaft zu machen. Das musste unter Zwang geschehen, also eher durch die Verknappung der finanziellen Mittel. So entwickelten sie die Strategie, den Menschen eine Steuerreduktion zu versprechen. Der Abbau des Staates würde automatisch folgen, da «plötzlich» nicht mehr genügend Mittel vorhanden wären. Nach der Wahl Reagans zum Präsidenten kam dieses Mittel dann weltweit zur Anwendung und wird heute als Teil der neoliberalen Revolution angesehen.

Oxfam hat nachgezeichnet, dass diese Steuerrevolution seit der neoliberalen Wende unter Reagan und Thatcher ein wichtiger Grund für die weltweite Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich ist. Diese sozialen Unterschiede wirken sich auch auf die Informationsmacht aus: Auch in der Schweiz werden immer mehr Medien von Milliardären geschaffen oder gekauft. Sie beanspruchen so die Deutungshoheit über die sozialen Verhältnisse und treiben die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen in ihre Richtung.

Wie sieht eine sinnvolle Steuerpolitik aus?

Wir müssen endlich ein echtes Konzept entwickeln, welche Steuern am sinnvollsten und gerechtesten sind, und eine Steuerpolitik verfolgen, die denjenigen dient, die auf Entlastung einerseits und/oder auf die öffentliche Hand wirklich angewiesen sind! Dieses Konzept muss

  1. genügend Ressourcen für die gemeinsamen, also öffentlichen Aufgaben sichern
  2. gerecht sein
  3. die riesigen Differenzen bezüglich Lebenschancen und sozialer Macht zwischen den Menschen vermindern

Was könnte das beinhalten?

  1. ​Genügend hohe Steuereinnahmen
    · Diversifizierte Steuern, damit das Gesamtsystem weniger krisenanfällig ist.
    · Verminderung der Steuerkonkurrenz, die Abwanderung bzw. ein «race to thebottom» auslöst.
  2. Je weniger das Einkommen bzw. der Reichtum durch Eigenleistung zustandegekommen ist, umso höher wird besteuert.
    · Erbschaftssteuer ausbauen.
    · Dem Mythos «Lohn = Leistung» entgegentreten: Der Lohn ist der Marktwert der Tätigkeit/Position, die z.B. auch durch angeborene Fähigkeiten erreicht wird. Sicher kann jede bzw. jeder selbst dazu beitragen, aber nur zum Teil.
  3. Für eine hohe Progression sorgen: Kriterium ist, was jemand bezahlen kann und dann immer noch reich ist. Wieviel hat jemand an frei verfügbarem Einkommen?

Links zum Weiterlesen:

Erbschaftssteuer: Die gerechteste Steuer – Argumente für die Erbschaftssteuerreform
Eine biblische Steuerpolitik: Eine biblische Steuerpolitik? – Grundlegende Gedanken

Foto von Pawel Czerwinski auf Unsplash

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In den Evangelien der Bibel sind die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen die höchsten Gebote. Wenn wir von christlichen Werten sprechen, dann sind diese also zentral. In heutigen Ohren mag Nächstenliebe etwas verstaubt tönen, sie ist aber hochaktuell. Was könnte das für die heutige Gesellschaft und für unsere Demokratie bedeuten?

In Lukas 10.29–37 fragte ein Gesetzeslehrer nach, wer denn sein Nächster sei. Darauf antwortete ihm Jesus mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters. Die als korrekt religiös angesehenen Priester und Leviten gingen am Überfallenen vorbei, aber ein geächteter Samariter erbarmte sich ihm. Nur er lebte die Nächstenliebe aus.

Hierarchie der Nächstenliebe?

Wer sind heute unsere Nächsten? Für mich sind es all diejenigen, denen wir begegnen, mit denen wir zu tun haben. Aber auch all diejenigen, bezüglich denen wir eine Handlungsmöglichkeit haben. Denn in Matthäus 25 wird auch danach gerichtet, was wir nicht getan haben. Heute haben wir auch Handlungsmöglichkeiten gegenüber den «Ärmsten» der Welt.

Dies bedeutet auch, dass die Idee falsch ist, dass wir zuerst für uns resp. für die Schweiz schauen müssen. Jeder Mensch auf der Welt ist gleich viel wert. Zuerst für uns zu schauen oder gar eine Hierarchie der Nächstenliebe aufzustellen, ist Egoismus: Denn zuerst für «die Eigenen» zu schauen, bringt letztlich uns selber Vorteile. Zuerst für die eigene Nation zu schauen, ist Nationalismus. Wie wenn wir mehr Wert wären als andere! Gerade heute, mit zunehmender Not in der Welt, können die wohlhabenden Nationen nicht sagen, sie müssten zuerst für sich selbst schauen. Die Folge davon sind z.B. Hunger und Tod.

«Jeder Mensch auf der Welt ist gleich viel wert.»

Handlungsmöglichkeiten haben wir auch gegenüber der Generation unserer Kinder und Kindeskinder. Da auch sie intakte Lebensgrundlagen brauchen, sind wir aufgefordert, die Schöpfung zu bewahren.

Eine Werterevolution

Das Wohl des Nächsten gleichzeitig zu suchen wie das eigene Wohl, das war eine revolutionäre Botschaft. Es bedeutet auch heute noch die Abkehr von Egozentrik und Egoismus. Und es ist ein Stachel im Fleisch des Mainstreams und der Wirtschaft, die – frei nach dem Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith – behauptet, dass es für alle am besten sei, wenn jeder zuerst die eigenen Interessen verfolge.

Oft projizieren wir aber unsere eigenen Wünsche auf die Nächsten, obwohl diese vielleicht andere Prioritäten haben. Nächstenliebe heisst hier, genauer hinzuschauen, die Menschen und ihre Freuden und Nöte wirklich kennenzulernen. Oder wir denken in Gruppen und vorgefassten Meinungen. Dies können Vorurteile sein, geprägt von Misstrauen. Auch hier gilt es, genauer und vorurteilsfrei hinzuschauen, und, wo möglich, echte Beziehungen aufzubauen. Nächstenliebe heisst hier, auf den Nächsten wirklich einzugehen.

Dies heisst auch, die Frage nach dem Warum zu stellen: Woher kommen die Meinungen, Verhaltensweisen und Nöte der Nächsten? Letztere können auf ungleichen Voraussetzungen basieren oder strukturelle Ursachen haben, was ein genaueres Hinsehen unangenehm machen kann. Denn dies kann unsere eigene Stellung und unseren Wohlstand in Frage stellen. Sind wir bereit dazu? Das ist die Konsequenz des Verses: «Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst». Also nicht zuerst ich, und wenn’s reicht, dann auch noch den Nächsten. Deshalb fordert Gott uns auf, das Recht der Armen zu schützen und für sie zu sorgen Es gibt also kein Entweder-oder!

Wir sind aber Meister darin, Rechtfertigungsideologien aufzubauen, um nicht helfen oder teilen zu müssen: «Er ist faul», «Er ist selber schuld», «Es ist besser für ihn, wenn ich nicht helfe». All dies mag in gewissen Fällen zutreffend sein, aber wir wenden es seeeehr oft an. Denn Vorurteile sind angenehm, weil sie uns entlasten.

Wer braucht unsere Liebe besonders?

Wer braucht die Nächstenliebe besonders? Das Alte und das Neue Testament fordern mit Nachdruck immer wieder zum Schutz der Witwen, Waisen, Armen, Elenden, Geringen, Ausländer, etc. auf. Sie sind in Gottes Augen besonders schutzbedürftig. Im Alten Testament wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen durch Umstände in Schulden und damit in Schuldknechtschaft kommen. So sind sie den «Starken» ausgeliefert. Die Propheten klagten das Volk Israel an, dass die Starken versuchen, das Recht der Schwachen zu beugen, statt ihnen zum Recht zu verhelfen.

Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den Armen, zu deren Gunsten zahlreiche Aufrufe erfolgten (z.B. „Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein“ 15. Mose 15.4). Natürlich sagt Jesus im Neuen Testament, dass es immer Arme geben werde. Dies ist aber deskriptiv und nicht, was Gott sich wünscht. Deshalb wurde im alten Israel der Zehnte auch für die Armen gebraucht und diese hatten das Recht auf die Nachlese und alle sieben Jahre auf die Frucht eines Feldes. Auch strukturelle Anordnungen – wenn auch nur selten umgesetzt – sollten für Gerechtigkeit und Umverteilung sorgen, damit Familien ihre Schuldknechtschaft abschütteln und wieder für sich selber sorgen konnten. Hier geht es auch darum, Nachteile auszumerzen und gleiche Lebenschancen zu geben.

Die Stimme erheben

Nächstenliebe heisst auch, sich für Benachteiligte einzusetzen: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für den Rechtsanspruch aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht und schaffe Recht dem Elenden und Armen!“ (Sprüche 31.8–9)

Wer sind heute diejenigen, die unsere Stimme am meisten brauchen? Wer sind die Machtlosen, die Verletzlichsten, die Elenden, diejenigen, denen es am schlechtesten geht? Die Menschen in Armut? Die Kinder, die überdurchschnittlich oft von Armut betroffen sind, die in der Schule immer mehr Druck verspüren und herumgeschoben werden? Die Migranten, die als Gefahr angesehen werden? Menschen mit Behinderung? Weniger Gebildete, die kaum mehr mithalten können? Oder ganz einfach weniger Leistungsfähige? Es ist unsere Aufgabe, diesen Benachteiligten zu ihrem Recht und zu fairen Lebenschancen zu verhelfen. Das kann z.B. geschehen durch Umverteilung, durch Stärkung, durch gleichen Zugang zum Recht etc. Sie sind zwar nicht ganz stimmlos, aber sie werden in unserem System, wo die Grösse des Megafons und die Machtposition entscheidend für den Einfluss sind, einfach nicht mehr gehört. Denn wo sich ein Milliardär ein Medium kaufen kann, hat er viel mehr Einfluss als Zehntausende von Menschen.

Was könnte das konkret heissen?

Zum Beispiel im materiellen Bereich: Für Löhne und Kinderzulagen sorgen, die für eine Familie zum Leben reichen. In der Sozialhilfe nicht einfach blindlings den Betroffenen Geld zuschanzen, sondern genauer hinschauen und evaluieren, was die Person braucht, um wieder auf die eigenen Füsse zu kommen: Umschulung? Psychologische Unterstützung? Ein besseres Netz? In Winterthur und Lausanne wurden deshalb mehr Sozialhilfemitarbeitende eingestellt, damit diese Zeit haben, mit den Betroffenen Lösungen zu finden. Der Erfolg für die Betroffenen und die sinkenden Kosten geben dieser Sichtweise recht. Hier wird an der auch in der Bibel erwarteten Eigenverantwortung festgehalten, aber die Voraussetzungen geschaffen, damit diese überhaupt wahrgenommen werden kann.

Wir sollten auch einen besonderen Fokus auf die Kinder legen: «Jeder kann selber» gilt bei ihnen erst recht nicht. Schlechte Situationen behindern ihre gesunde Entwicklung. Hier muss in Früherkennung und Frühintervention investiert werden, für ihre Zukunft und letztendlich auch zur Verminderung der zukünftigen gesellschaftlichen Probleme und damit Kosten. Wir müssen für gute Voraussetzungen sorgen und sie besonders dort unterstützen, wo Eltern nicht (mehr) ihrer Verantwortung nachkommen können – zum Beispiel, wenn sie eine Suchterkrankung entwickeln.

«Der Staat soll nicht»

In den Kirchen hören wir manchmal, dass die Benachteiligten sich einfach an Gott wenden sollten und der Staat nicht Aufgaben von Gott übernehmen solle.

Und doch: die Politik ist ein Teil der Lösung. Denn Nächstenliebe bedeutet nicht nur Pflästerli und Almosen, sondern auch strukturelle Ursachen von Not und Elend anzusprechen und zu verändern, wie es auch im Alten Testament gefordert wurde. Wir selbst bestimmen die Politik mit, wir stellen die Regeln und gerechte Strukturen auf, die Auswirkungen auf das Wohlergehen der Nächsten haben. Wir sind also für die Umstände unserer Nächsten mitverantwortlich.

Ja, Barmherzigkeit darf nicht einfach an die Politik delegiert werden, aber Barmherzigkeit einzig durch die Christen und Kirchen genügt offensichtlich nicht. Wir werden auch danach gerichtet, was wir nichtgetan haben (Matthäus 25), und wenn wir wissen, dass durch eine Gesamtorganisation – also auch über Politik – den Nächsten viel mehr Gutes getan werden kann, dann sollten wir das tun. Es stimmt, dass viele Menschen die Barmherzigkeit leider an den Staat delegieren, aber gleichzeitig gibt es bei vielen Christen die Tendenz, sich nur um das eigene Seelenheil zu kümmern und das Wohl der Nächsten einfach an Gott zu delegieren.

Jeder Mensch ist von Gott geschaffen und hat den gleichen Wert

Nächstenliebe heisst auch anzuerkennen, dass jeder Mensch von Gott geschaffen und gleich geliebt ist. Dies erfordert, jedem Menschen den gleichen Wert und damit gleiche Aufmerksamkeit, gleichen Respekt und gleiche Lebenschancen zuzugestehen.

Im persönlichen Umgang bietet uns Matthäus 7,12 eine gute Richtschnur: «Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.» Im gesellschaftlichen Umgang heisst dies auch, andere Gruppen und Nationen so zu behandeln, wie wir es von ihnen erwarten, behandelt zu werden. Dies wird aber sehr oft von der Angst vor den «Anderen» und den «Fremden» überlagert. Deshalb sollten wir Acht geben, nicht gegen sie zu hetzen, indem wir ihnen böse Dinge unterstellen, von denen wir eigentlich keine Ahnung haben. Dies ist immer der Ursprung von Verfolgung. Deshalb redet Jesus auch von Feindesliebe. Genau davon scheinen wir uns aber heute mehr denn je zu entfernen: Wir bewegen uns in unseren Internet-Bubbles und werden immer stärker in unseren «Wahrheiten» und in unserem Gruppendenken bestärkt. Damit werden «die Anderen» für uns immer unverständlicher und zur Gefahr für uns.

Auf dem Weg zum Recht der Stärkeren?

Die Rechtfertigung des eigenen Vorrechts betrifft alle Gruppen der Gesellschaft. Die Stärksten haben aber die grösste Chance, sich dabei auch durchzusetzen. Gerade in den USA sehen wir heute unter Präsident Trump eine Entfesselung der «Starken». Viele Geld- oder Energie-Mächtige sind nicht mehr bereit, sich zu Gunsten der Nächsten beschränken zu lassen. Im Zuge der zunehmenden Machtungleichheiten scheinen ihnen die Opportunitätskosten zu hoch: Die (gesetzlichen) Einschränkungen hindern sie daran, ihre Ressourcen voll zur Entfaltung zu bringen. Libertäre Ideologien und die Aushebelung der Verhinderer wie der Staat und die Demokratie haben deshalb Aufwind. Zunehmend wird eineMeritokratie ohne Chancengleichheit propagiert und dies mit der Behauptung einer «moralischen Überlegenheit» begründet: Diejenigen, die früh aufstehen» stehen den «Profiteuren» gegenüber.

Verfechter dieser Tendenzen wie Elon Musk oder Donald Trump haben auch schon offen gesagt, sie hätten keine Empathie mit «Losern». Nächstenliebe, genaues Hinsehen und daraus Verständnis entwickeln sind keine Optionen. Der einzige Gradmesser für sie ist die Stärke. Dies dringt in allen Aussagen zu anderen Menschen durch. Elon Musk ist auch ein Verfechter der Züchtung vonSupermenschen, die eine zukünftige Herrscherkaste bilden soll.

So ist es nichts als logisch, dass in den USA alle Programme zum Ausgleich von Benachteiligungen geschwächt oder sogar abgeschafft werden. In ihrer Ideologie der Stärke ist dies den aktuellen Herrschern so wichtig, dass sie auch ausländischen Unternehmen, die in den USA arbeiten wollen, die Abschaffung solcher Programme vorschreiben und den Universitäten verbieten, zu Benachteiligungen zu forschen oder zu lehren. Die Logik des «survival of the fittest» ist mit ein Grund, warum sämtliche Hilfe an ärmere Länder, humanitäre Hilfe, Unterstützung von internationalen Organisationen und Impfprogramme von Musk und Trump abgeschafft wurden, was selbst den konservativen Aussenminister Rubio erzürnte, der bei diesen Entscheiden übergangen wurde. Durch die fehlenden Hilfen sind Hunderttausende von toten Kindern und Erwachsenen zu erwarten. Das Sterben hat bereits begonnen.

Die Stärksten sollen herrschen, eine Idee, die bereits in den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Bereits heute werden schwächere Menschen in der Gesellschaft in gewissen Kreisen entwertet und gar als Last angesehen. Bis zur Euthanasie ist es nicht mehr weit. Inzwischen werden in den USA Wahlrechte eingeschränkt, die Verbreitung von unliebsamen Ideen und Fakten durch Universitäten verboten, viele Politikerinnen und Politiker von Elon Musk gekauft und abhängig gemacht und die Medien gegängelt (wie die früher kritische Washington Post heute durch Jeff Bezos).

Sind wir Christen noch die Vertreter der Nächstenliebe?

In christlichen Kreisen werden benachteiligte oder schwächere Menschen oft einfach an Gott weiterverwiesen. Gott helfe ihnen schon, sie sollten einfach beten. Wie wenn sie das Elend verdient hätten, wenn sie nicht genug beten! Im Gegensatz dazu ruft uns die Bibel dazu auf, selber für Gerechtigkeit, Hilfe zu sorgen und unseren Reichtum zu teilen.

Vor Gott gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern der gleiche Wert jedes Menschen und das gleiche Recht, gehört zu werden, mitzubestimmen und teilzuhaben. Das Recht des Stärkeren ist also das Gegenteil der Nächstenliebe. Wie können wir diese beschreiben, damit sie in der Öffentlichkeit verstanden wird? Zum Beispiel mit darin enthaltenen Aspekten: Empathie, Mitgefühl, Barmherzigkeit, Respekt, Altruismus, etc. Sie ist für die Menschen und nicht gegen die Menschen. Sie ist gegen die Herrschaft des Stärkeren, der Interessen und des «Alles ist verkäuflich». Das ist die Bedeutung, Salz der Erde zu sein. Sind wir es noch?

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Hintergrundfoto der Collage von Marlis Trio Akbar auf Unsplash
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Abgewiesene Asylsuchende, die nicht in ihr Herkunftsland zurückzukehren können, werden in Rückkehrzentren sozusagen entsorgt. Damit ist ihr Schicksal vergleichbar mit den früheren Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die die Schweiz vor kurzem entschädigt hat.

Mehrere Tausend Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen leben noch heute in der Schweiz, am meisten im Kanton Bern. Es gab bis 1981 auf Grundlage des früheren Zivilrechts zwei Formen dieser Zwangsmassnahmen: Verdingkinder, die fremdplatziert wurden, und administrativ Versorgte, die ohne Gerichtsurteil in Anstalten, Arbeitsheime oder Gefängnisse eingewiesen wurden. Das Unrecht, das diese Menschen erfahren haben, ist staatlich anerkannt: Bis Ende 2023 hat das Bundesamt für Justiz über 10’600 Betroffenen eine Entschädigung ausbezahlt. Das ist erfreulich, aber ebenso wichtig ist es, dass die Schweiz aus diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte etwas lernt.

Doch das scheint nicht der Fall zu sein, denn in den Rückkehrzentren unseres Landes werden Menschen – Kinder, Frauen und Männer – über Monate und Jahre eingepfercht. Es handelt sich um weggewiesene Asylsuchende, die nicht gezwungen werden können, in ihr Herkunftsland zurückzukehren, weil die politischen Verhältnisse dort prekär sind. So verbleiben sie in den Rückkehrzentren und werden dort sozusagen entsorgt. Wiederholt sich hier die Geschichte?

Der mittlerweile verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman sagte bereits 2015 über die Flüchtlingslager, wie sie unsere Rückkehrzentren darstellen: «In ein solches eingewiesen zu werden heisst, aus der Welt und der Menschheit ausgewiesen zu werden … Die Wege zurück in die verlorene Heimat sind versperrt. Die Insassen der Lager werden aller Merkmale ihrer Identität beraubt, mit einer Ausnahme: der Tatsache, dass sie Flüchtlinge sind. Ohne Staat, ohne Zuhause, ohne Funktion, ohne Papiere. Sie sind dauerhaft ausgegrenzt und stehen auch ausserhalb des Gesetzes …»

«Wiederholt sich hier die Geschichte?»

Man kann es sich kaum vorstellen, aber es ist Realität: In der Schweiz leben ganze Familien über lange Zeit in Rückkehrzentren, eingesperrt auf engstem Raum. Sie leben in einer Form von Halbgefangenschaft: Machen sie einen Schritt aus dem Rückkehrzentrum hinaus, droht ihnen jederzeit eine Busse oder gar Inhaftierung wegen illegalen Aufenthalts. Sie leben in ständiger Angst vor behördlicher Repression.

Unsere kantonalen Asylbehörden sind dabei mit einer schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert, wenn es um weggewiesene Asylsuchende geht, die nicht unter Zwang zurückgeführt werden können, denn freiwillig kehrt im Moment niemand nach Eritrea, in den Iran oder nach Tibet zurück.

In politischen Kreisen ist diese menschenrechtlich verwerfliche Praxis bekannt, aber niemand will sich an der Asylpolitik die Finger verbrennen. Schliesslich ist eine restriktive Asylpolitik ein Garant für Wählerstimmen. Nicht einmal unsere Landeskirchen engagieren sich öffentlich und mutig in der Sache: Man will die Kirchensteuerzahler nicht vergrämen und agiert neuerdings politisch möglichst neutral. Es scheint, dass unsere Kirche bei brisanten menschenrechtlichen Themen ebenso handelt wie die politische Schweiz. Das Geld kommt vor der Moral. Die Brutalität, mit der mit diesen Menschen umgegangen wird, hinterlässt Spuren in unserer Gesellschaft. Es gilt, die Worte des deutschen Menschrechtsaktivisten Karl Kopp ernst zu nehmen: Die Menschenwürde und die Menschenrechte, die zivilisatorischen Antworten auf die Barbarei, müssen verteidigt werden.

Bilder: Rückkehrzentren | AAZZ