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SVP als Öko-Partei: Echt jetzt?

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Nächstenliebe, Politik, Soziales, Theologie, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» bzw. über die Nachhaltigkeitsinitiative ab. Dass diese alles andere als zukunftsfähig ist, sondern einfach Probleme bewirtschaftet, zeigt der folgende Artikel.

Verkehrschaos, Kulturlandverlust, gar Klimaerwärmung – die SVP klingt neuerdings «wie ein radikaler Öko-Verband», wie die NZZ am Sonntag feststellt.1 Sogar der alte SVP-Haudegen Christoph Mörgeli entdeckt seine öko-romantische Seite: «Die Natur, die Landschaft, und das, was wir Heimat nennen, leiden …» Und: «Wenn ein überbauter Boden seine Durchlässigkeit verliert, trägt das zu Klimaerwärmung ebenso bei wie zum Verlust der Artenvielfalt (…).»2 Dabei kämpft die Partei ebenfalls verbissen gegen das wohl griffigste Instrument gegen die Zersiedelung des Landes und den Erhalt von schützenswerter Natur, nämlich das Raumplanungsgesetz. Das revidierte Gesetz wurde zwar letztlich von allen Parteien gutgeheissen und ist erst dieses Jahr in Kraft getreten, doch die Verordnung zur Umsetzung wird von der SVP mit einer Unzahl von Einwänden bekämpft.

Egal ob Greenwashing oder ein anderes Framing: Letztlich ist auch die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» eine Anti-Asyl-Initiative, das geben die SVPler sogar zu.3 Sie verfolgt also das gleiche Ziel wie die Masseneinwanderungsinitiative, die Ausschaffungsinitiative und die Durchsetzungsinitiative – und wie schon die extreme Überfremdungsinitiative, 1968 noch von der Nationalen Aktion unter James Schwarzenbach eingereicht.

Es ist unbestritten, dass das starke Bevölkerungswachstum der Schweiz – 75 % davon aus den EU- und EFTA-Staaten – Probleme verursacht. Erschwingliche Wohnungen sind mancherorts kaum zu finden, fünf Tage Pendeln ist kein Zuckerschlecken. Aber weder sind die Asylsuchenden die Ursache dafür – oder nur zu einem ganz kleinen Teil – noch ist es die Lösung, den Asylbereich erneut ins Kreuzfeuer zu nehmen.

Der Kontext

Bevölkerungswachstum

Die Schweiz ist in den letzten Jahren viel stärker gewachsen als etwa Deutschland. Das stimmt! Vor allem die Zuwanderung aus der EU war hoch: Kein anderes europäisches Land – abgesehen von den Kleinstaaten Malta, Luxemburg und Island – verzeichnete im Verhältnis einen so starken Zuwachs aus der EU. Jedoch gibt es grosse regionale Unterschiede. Gewachsen sind vor allem die Agglomerationen, die Städte selbst nur leicht, während in Berggebieten eine Abwanderung stattfindet. Ein Teil des Wachstums im Mittelland ist auch auf Binnenmigration etwa aus den Kantonen Graubünden und Tessin zurückzuführen.4 Überdies befindet sich die Schweiz auf einer europäischen «Wachstumsinsel», wie der Demograf Matthias Lerch sagt.5 Eigentlich ist es mehr als eine Insel: Ein riesiges Gebiet mit wirtschaftlich dynamischen Zentren, das von London über die Benelux-Staaten und das deutsche Rheinland, Süddeutschland und die Schweiz bis Norditalien reicht, auch bekannt unter dem Begriff «blaue Banane».6 Die Prognose des Bundesamtes für Statistik erwartet, dass im normalen Szenario – und ohne die Massnahmen der Initiative – die Bevölkerung 2055 10,5 Mio. erreicht, beim tiefen Szenario beginnt die Zahl nach einem Höchststand von 9,3 Mio. ab 2043 wieder leicht zu sinken und nur beim «hohen Szenario» werden 2055 11,5 Mio. erreicht.7

Reale Probleme ohne nachhaltige Lösungen

Die SVP spricht einige real existierende Probleme der Zuwanderung an. Doch die Initiative ist kein nachhaltiger Lösungsweg. Wäre sie eine Matheprüfung, müsste man sie wohl mit einer Drei bewerten: Überhastet geschrieben und weitgehend ohne innere Logik. Nehmen wir nur den Asylbereich: Vielleicht würde es mit einigen unethischen Kniffen gelingen, die Asylgesuche zu reduzieren und vorläufig Aufgenommene aus dem Land zu werfen. Sollte das «hohe Szenario» eintreffen, wird das aber bei weitem nicht ausreichen. Die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens wird unumgänglich sein. Damit wird die Schweiz auch aus dem Schengen/Dublin-System mit der EU-weiten Datenbank zur Identifikation ausgeschlossen werden. Zu erwarten ist ab diesem Zeitpunkt ein starker Anstieg der Asylgesuche bei gleichzeitigem «Exodus» von EU-Bürgerinnen. Warum?

Blick nach Grossbritannien

Nachdem die Britischen Inseln im Zuge des Brexits die Verträge mit der EU gekündigt hatten, bekamen vor allem die nicht-wohlhabenden Bevölkerungsschichten wirtschaftliche Probleme. Ladendiebstähle aus Not häuften sich. Die Migration nahm nicht ab, sondern im Gegenteil stark zu. Und sie verschob sich: Während viele EU-Bürger die Insel aufgrund der durch den Brexit verursachten Unsicherheiten verliessen, kamen mehr Menschen von ausserhalb Europas, aus Indien, Pakistan oder Nigeria, und deutlich mehr Asylsuchende, mit einem Rekord von 104’000 Asylanträgen im Jahr 2024.8 Während es vor 2018 kaum Anlandungen über den Ärmelkanal in kleinen Booten gab, nutzten diesen Weg zwischen 2018 und 2025 193’000 Personen plus Dunkelziffer.9 Davon profitiert heute wiederum der Rechtspopulist Nigel Farage, der der Brexit-Kampagne mit vollmundigen Versprechungen zum Sieg verholfen hatte. Warum sollte es der Schweiz anders ergehen, zumal sie an vier EU-Länder grenzt?

Demographische Verschiebung

Die Menschen werden immer älter, gleichzeitig werden immer weniger Kinder geboren. Dieser Trend ist in ganz Europa zu beobachten und kaum umkehrbar. Damit steigt der finanzielle Druck auf die junge arbeitende Bevölkerung in Form von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Gleichzeitig wären die arbeitskräfteintensiven Branchen Alterspflege und das Gesundheitswesen allgemein mit tiefer Zuwanderung kaum noch funktionsfähig. Stand heute wurden 40 % der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz und 25 % des Pflegepersonals im Ausland ausgebildet – auch keine faire Situation.10

Des Pudels Kern der Initiative

1970 hielt James Schwarzenbach in Sempach, dem Ort der legendären Schlacht von 1386, eine Rede: Nicht mehr Habsburger Ritter, sondern fremde Arbeiter seien es nun, die den knappen Raum der Schweiz bedrängten.11 Der Sohn eines reichen Textilfabrikanten, Bewunderer von Franco und Mussolini12 und Nationalrat der Nationalen Aktion war das Gesicht der Überfremdungsinitiative gewesen und hatte die Abstimmung kurz vor seiner Rede in Sempach nur knapp verloren. Er verstand es, die Leute zu spalten und ihre Emotionen zu wecken mit «wir gegen sie» und «wir gegen die da oben».

«Bevölkerungspolitik hierarchisiert Leben, stellt sie in eine Rangfolge. Das der hiesigen Menschen über das der Fremden, das der heutigen über das der ungeborenen, das der Reichen über das der Armen», schreibt Matthias Daum in der «Zeit».13 Mir scheint, hier liegt des Pudels ethischer Kern.

Denn genau dies wollen uns Rechtspopulisten die ganze Zeit glauben machen: Ausländer, vor allem «Asylmigranten», sind anders.

Denn genau dies wollen uns Rechtspopulisten die ganze Zeit glauben machen: Ausländer, vor allem «Asylmigranten», sind anders. Sie seien kulturell inkompatibel mit der Schweiz, eine Belastung für die Gesellschaft, viel krimineller und daher eine Gefahr für uns alle. Fazit: Wir müssten ihre Zahl begrenzen und sie rechtlich so stark von den «richtigen» Schweizern abgrenzen, wie es nur geht. Von dort ist es dann nur noch ein kurzer Weg bis zur Entmenschlichungsrhetorik des Faschismus, die Begriffe wie «Virus», «Ungeziefer» oder «artfremdes Gewächs» im Zusammenhang mit Migration salonfähig macht.14 Vielmehr sind aber Immigrantinnen und Immigranten Arbeitnehmende – so sie denn dürfen –, die ihren Arbeitgeber zufriedenstellen wollen; Mütter und Väter, die sich wünschen, dass ihre Kinder unbeschwert und mit guter Schulbildung aufwachsen; Menschen mit Ängsten und Träumen – wie wir alle. Erstaunlicherweise setzt eine sehr alte Ethik, nämlich die der jüdischen Thora, die fünf Bücher Mose in der Bibel, hier an. Wiederholt werden die Israeliten angehalten, die Ausländer gleich zu behandeln wie das eigene Volk.15 Sie sollten nicht ausgebeutet werden und durften z.B. in den Genuss der Sabbatruhe kommen – wie alle Israeliten. Die Israeliten sollten sie sogar lieben.16 Die Begründung dafür ist sehr interessant – gleiche Erfahrungen führen zu Empathie und Gleichbehandlung: «Beutet die Fremden nicht aus, die bei euch leben. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist, weil ihr selbst in Ägypten als Fremde gelebt habt.»17 Ob das nicht auch für die Schweiz gilt – heute ein Einwanderungsland, aber bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein Land der Emigration aus wirtschaftlichen Gründen?

Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, als Christ bzw. Christin hinter dieser Initiative zu stehen, die Asylsuchenden und anerkannten Flüchtlingen den Familiennachzug verwehren will18 und vorläufig Aufgenommenen jede Perspektive raubt.

Dass Ausländer mit kurzfristigen Arbeitsverträgen von der Deckelung ausgenommen und daher für Arbeitgeber attraktiv sind, lässt eine Rückkehr zum Saisonnier-Statut befürchten. Die Schweiz profitierte bis 2002 von den südeuropäischen Saisonniers – eine «fundamentale Unmenschlichkeit. Man wollte die Arbeit, nicht die Menschen. Die Hände, nicht die Seelen. Die Produktivität, nicht die Gemeinschaft.»19

Wenn nicht dies, was dann?

Wie können wir die negativen Folgen der Zuwanderung lindern, vielleicht auch die Zahl der Zuwanderer selbst abschwächen, ohne zu den problematischen Holzhammermethoden der «Nachhaltigkeitsinitiative» zu greifen?

Das ist wohl die schwierigste Frage. Ich bin kein Spezialist in Immobilienmarkt, Raumplanung oder dem Vertragswerk mit der EU. Aber mir scheint, da müsste es doch bestehende Instrumente geben, die uns dabei helfen, die Probleme menschenwürdiger zu lösen. Etwa das revidierte Raumplanungsgesetz, eine intelligente und koordinierte Planung des Infrastrukturausbaus, allenfalls die Schutzklausel des Freizügigkeitsabkommens, verbesserte Arbeitsmarktintegration von älteren Arbeitnehmenden, Langzeitarbeitslosen und Menschen aus dem Asylbereich. Das wäre doch eine lohnenswerte Challenge für all die Arbeitsgruppen und Think Tanks, die sich in der Schweiz betätigen!


1. „Märchenstunde im Heidiland“, NZZ am Sonntag vom 29.03.2026

2. „Massenzuwanderung heisst Wohlstandsverlust“, Die Weltwoche, 09.04.2026

3. So sagt Thomas Matter, das FZA sei «ein Druckmittel, damit sich wirklich etwas ändert.» Die Initiative ziele primär auf die Sozialmigration.

4. „Die Schweiz wächst stärker als Europa“. Tagesanzeiger, 28.04.2026

5. «Die Schweiz, die die Initianten im Kopf haben, gibt es nicht mehr». Watson.ch, 19.04.2026
 https://www.watson.ch/wissen/wirtschaft/469181907-initiative-zur-10-millionen-schweiz-so-entwickelt-sich-die-bevoelkerung

6. Folgende Karte zeigt gut, dass das Schweizer Mittelland bei weitem nicht der einzige dicht besiedelt Grossraum in Westeuropa ist: https://human-settlement.emergency.copernicus.eu/visualisation.php#lnlt=@50.40152,7.12353,6z&v=301&ln=0&gr=ds&lv=10000000000000000000000000000000000000011111&lo=aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa&pg=V (12.05.2026)

7. https://bevoelkerungsszenarien.bfs.admin.ch/ (12.05.2026)

8. «Nach dem Brexit verlor Grossbritannien die Kontrolle über die Migration.» Tagesanzeiger, 30.03.2026

9. Asylum statistics. https://commonslibrary.parliament.uk/research-briefings/sn01403/ (12.05.2026).

10. „Europa und die Schweiz ist abhängig von der Migration“; Watson.ch, 18.04.2026

11. «Als Bewegungsfreiheit zur Ausnahme wurde.» https://www.infosperber.ch/gesellschaft/migration/wie-viele-menschen-duerfen-kommen/ (11.05.2026)

12. «Die Schwarzenbach-Initiative» in: Eidg. Migrationskommission: «Diskurse über das Fremde», 2020

13. «Ist da noch Platz?» Zeit Nr. 18/2026 vom 03.05.2026

14. So bezeichnete James Schwarzenbach die «Fremdarbeiter» 1971 in einer Publikation. «Die Schwarzenbach-Initiative» in: Eidg. Migrationskommission: «Diskurse über das Fremde», 2020

15. 2Mo 12,49; 4Mo 15,15-16

16. 5Mo 10,19; 3Mo 19,34

17. 2Mo 23,9

18. Europäische Menschenrechtskonvention, https://www.coe.int/de/web/impact-convention-human-rights/right-to-family-life; 
UN-Kinderrechtskonvention, https://www.unicef.ch/de/wer-wir-sind/kinderrechtskonvention; Genfer Flüchtlingskonvention

19. «Ist da noch Platz?» Zeit Nr. 18/2026 vom 03.05.2026

22. Mai 2026/0 Kommentare/von Martin Züllig
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/1298301293.jpg 956 1700 Martin Züllig https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Züllig2026-05-22 12:09:322026-05-22 14:56:24SVP als Öko-Partei: Echt jetzt?

Nein zur Schwächung des Zivildienstes

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gesundheit, Politik, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

Am 14. Juni 2026 stimmen wir über eine Änderung des Zivildienstgesetzes ab. Die bürgerlichen Parteien haben eine Gesetzesänderung genehmigt, die den Zivildienst schwächen will. Gegen diese ist nun das Referendum ergriffen worden.

Der Zivildienst ist ein Erfolgsmodell. Nach langem Kampf erst 1996 eingeführt, gab er tausenden von jungen Männern die Möglichkeit, einen zivilen Dienst an der Gemeinschaft statt Militärdienst zu leisten. Zudem gibt er zahlreichen Einsatzbetrieben die Möglichkeit, notwendige Leistungen erbringen zu können.

EVP, Grüne, SP und glp lehnen die Revision ab, über die das Schweizer Volk am 14. Juni abstimmt. Verschiedenste Organisationen wie der Zivildienstverband CIVIVA waren massgeblich bei der Unterschriftensammlung für das Referendum dabei.

Die Gesetzesänderung umfasst sechs Massnahmen:

  • Mindestzahl von 150 Diensttagen, auch nach Absolvierung eines Teils des Militärdienstes.
  • Faktor 1,5 Zivildiensttage pro Militärdiensttag gilt auch für Unteroffiziere und Offiziere.
  • Keine Einsätze, die ein Human-, Zahn- oder Veterinärmedizinstudium erfordern.
  • Keine Zulassung von Armeeangehörigen mit 0 Restdiensttagen. Es ist also keine Umgehung der Schiesspflicht mehr möglich.
  • Jährliche Einsatzpflicht ab Zulassung, womit der Dienstleistungsrhythmus demjenigen von Militär- und Zivildienst angeglichen wird.
  • Pflicht, den langen Einsatz spätestens im Kalenderjahr nach der rechtskräftigen Zulassung abzuschliessen, wenn das Gesuch während der RS gestellt wurde. In der bisherigen Gesetzgebung konnte er auch später erfolgen.

Diese Massnahmen haben unterschiedliche Auswirkungen, doch in der Gesamtheit sind sie einschneidend. Bundesrat und Parlamentsmehrheit rechnen damit, dass es mit diesen Massnahmen 40 Prozent weniger Zivildiensttage geben wird. Sollte dieses Ziel nur annähernd erreicht werden, wäre damit auch der Armee selbst nicht gedient. Vielmehr würde das Risiko bestehen, dass viele auf den „blauen Weg“ ausweichen würden. Die Rechnung des Bundes wird also nicht aufgehen.

Entscheidend ist allerdings, dass es heute und in Zukunft mehr als genügend Armeeangehörige gibt und geben wird. Die Zahlen des Bundes zeigen dies klar auf. Der Effektivbestand der Armee ist bei rund 146‘700, während der Bestand, der gesetzlich festgelegt ist, bei 140‘000 liegt. Somit kann die Gesetzesrevision nur so verstanden werden, dass man die Bedingungen für den Zivildienst bewusst verschlechtern will.

Unser Land braucht eine Armee, sie braucht einen Zivilschutz für Männer, die militärdienstuntauglich sind, aber ganz besonders auch einen Zivildienst, der den betroffenen jungen Männern dient und den Einsatzbetrieben vor allem im Sozial- und Gesundheitswesen, im Umweltbereich, im Schulbereich die nötige personelle Unterstützung bringt.

Die heutige Lösung ist gut. Das Gewissen lässt sich nach wie vor nicht ernsthaft prüfen. Wer einen im Vergleich zum Militärdienst um 50 Prozent längeren Zivildienst leistet, belegt dass die Motivation für den Zivildienst ernsthaft ist.

19. Mai 2026/0 Kommentare/von Heiner Studer
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/zivildienst_pexels_293819023_DE.jpg 956 1700 Heiner Studer https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Heiner Studer2026-05-19 12:02:282026-05-19 12:05:35Nein zur Schwächung des Zivildienstes

Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Entwicklung, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Die Demokratie ist keine Selbstläuferin. Sie ist ein Garten, der tägliche Pflege benötigt. Dies war das Fazit der Forumsveranstaltung «Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?» vom 2. Mai, die ChristNet zusammen mit der HF TDS, dem Bienenberg, der Evangelischen Allianz (SEA), der Insist Consulting und der VBG in Aarau durchführte.

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4. Mai 2026/0 Kommentare/von Roman Sohrmann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/024-IMG_4438-KnutBurmeister-scaled.jpg 1707 2560 Roman Sohrmann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Roman Sohrmann2026-05-04 12:34:522026-05-04 17:56:03Demokratie erfordert «Liebe zum Gegner»

Demokratiedefizite: auch die Schweiz ist betroffen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales, Technologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Die Schweiz gilt international oft als Musterbeispiel einer funktionierenden Demokratie. Mit ihren Instrumenten der direkten Demokratie wie der Volksinitiative und dem Referendum scheint die politische Macht besonders nahe beim Volk zu liegen. Dennoch zeigt ein genauerer Blick, dass auch in der Schweiz verschiedene Demokratiedefizite bestehen.

Aus diesen Demokratiedefiziten heraus ist zu erklären, warum sich oft die wirtschaftlichen Interessen gegenüber dem Volkswillen durchsetzen.

Intransparente Politikfinanzierung

Ein zentrales Problem liegt in der Finanzierung der Politik. In der Schweiz verfügen finanzkräftige Kreise wie Unternehmen, Verbände oder wohlhabende Einzelpersonen über deutlich mehr Möglichkeiten, politische Prozesse zu beeinflussen. Sie können Wahl- und Abstimmungskampagnen mit grossen Summen unterstützen und damit die öffentliche Meinung stärker prägen als andere Akteure. Dies führt zu ungleichen Voraussetzungen im politischen Wettbewerb und verzerrt den Volkswillen. Das demokratische Prinzip „one man, one vote“ wird dadurch untergraben, da finanzielle Mittel faktisch zu mehr Einfluss führen. Besonders problematisch ist, dass wirtschaftliche Brancheninteressen so ein übermässiges Gewicht erhalten, obwohl in einer Demokratie eigentlich die Interessen der Bevölkerung im Zentrum stehen sollten.

Hinzu kommt die Abhängigkeit vieler Politikerinnen und Parteien von Geldgebern. Wer einmal grosse finanzielle Unterstützung erhalten hat oder darauf angewiesen ist, um wiedergewählt zu werden, gerät leicht in eine gewisse Verpflichtung gegenüber den Geldgebern. Dies kann dazu führen, dass politische Entscheidungen nicht mehr allein im Interesse der Allgemeinheit getroffen werden, sondern auch die Erwartungen der Unterstützer berücksichtigen. Solche Abhängigkeiten sind zwar oft schwer nachzuweisen, aber sie stellen ein strukturelles Risiko für die Unabhängigkeit der Politik dar. Neben mir persönlich bekannten Politikern, die mir ihre Abhängigkeiten geschildert haben, ist ein öffentlich bekanntes Beispiel die plötzliche Änderung der Haltung der CVP zur Bonussteuer im Jahr 2012, nachdem sie eine grössere Spende der UBS erhalten hatte.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Transparenz der Politikfinanzierung. Seit Herbst 2022 müssen die Parteien auf Bundesebene Spenden von über 15’000 Franken offenlegen, bei Kampagnen betrifft dies Budgets ab 50’000 Franken. Doch der Widerstand gegen umfassende Transparenz bleibt gross. Insbesondere Parteien, die stark von grossen Geldgebern profitieren, haben wenig Interesse daran, ihre Finanzierung vollständig offenzulegen. Im Kanton Schaffhausen weigerte sich die Parlaments- und Regierungsmehrheit jahrelang, eine Volksinitiative zur Transparenz umzusetzen. Gleichzeitig zeigt das Schaffhauser Beispiel jedoch, dass die Bevölkerung in solchen Fällen durchaus eingreifen und ihren Willen durchsetzen kann, was wiederum ein Zeichen für die Funktionsfähigkeit der demokratischen Mechanismen ist.

Durchlässigkeit des Systems für Lobbys

Neben der Politikfinanzierung stellt auch die starke Durchlässigkeit des politischen Systems für Lobbygruppen ein Problem dar. Besonders auf Parlamentsebene haben finanzkräftige Interessenvertretungen im Vergleich zum Ausland einen besonders einfachen Zugang zu Entscheidungsträgern. Ein häufig genanntes Beispiel ist der Einfluss der Tabakindustrie, bei dem die Schweiz im internationalen Vergleich weltweit am zweitschlechtesten abschneidet. Solche Einflüsse können dazu führen, dass gesundheitspolitische oder gesellschaftliche Anliegen hinter wirtschaftlichen Interessen zurückstehen.

Ein weiteres Demokratiedefizit ergibt sich aus dem Einfluss grosser wirtschaftlicher Akteure, insbesondere aus der Finanzindustrie und multinationalen Konzernen. Die Abhängigkeit der Schweiz von einzelnen Grossunternehmen ermöglicht einen erheblichen politischen Druck durch diese Unternehmen und führt regelmässig zu Entscheiden von Bundesrat und Parlament, die ihnen genehm sind. Wenn ein Unternehmen als „too big to fail“ oder sogar „too big to be saved“ gilt, entsteht ein Erpressungspotenzial.

Mangelhafte Gewaltenteilung

Auch die institutionelle Struktur der Schweizer Demokratie wirft Fragen auf. Die Gewaltenteilung ist nicht vollständig umgesetzt, da das Parlament sowohl den Bundesrat als auch das Bundesgericht wählt.

Zudem fehlt auf Bundesebene ein Verfassungsgericht, das Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit der Verfassung überprüft. Dies führt dazu, dass das Parlament eine sehr starke Stellung einnimmt. In der Vergangenheit kam es mehrfach vor, dass vom Volk angenommene Initiativen nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden. Beispiele hierfür sind die Rothenthurm-Initiative, die Alpeninitiative, die Initiative gegen Tabakwerbung, auf der anderen Seite aber auch die Masseneinwanderungsinitiative der SVP. Diese Praxis wirft die Frage auf, inwieweit die direkte Demokratie tatsächlich das letzte Wort hat oder ob das Parlament den Volkswillen letztlich interpretiert und relativiert. Im Rahmen der Initiative «Kinder ohne Tabak» hat die Gesundheitskommission des Nationalrates ganz offen gesagt, dass das Parlament die höchste Instanz sei und nicht das Volk. Im gleichen Sinne hat das Parlament im Jahr 2022 den Kauf der F-35-Kampfflugzeuge beschlossen, obwohl eine Volksinitiative dagegen zur Abstimmung bereitstand und massive Zweifel bezüglich Kosten und Tauglichkeit bestanden, die sich später bestätigten.

Behinderung und Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen

Ein weiteres Problem ist der teilweise unzureichende Stand der politischen Bildung. Viele Menschen verfügen nicht über genügend Wissen, um komplexe politische Zusammenhänge zu verstehen. Dies macht sie anfällig für einfache Botschaften, Manipulation oder sogar Verschwörungstheorien. Eine funktionierende Demokratie ist jedoch auf informierte Bürgerinnen und Bürger angewiesen, die sich kritisch mit Informationen auseinandersetzen können.

Darüber hinaus sind bestimmte Bevölkerungsgruppen von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen, insbesondere Ausländerinnen und Ausländer sowie Jugendliche unter 18 Jahren. Obwohl sie teilweise stark von politischen Entscheidungen betroffen sind, haben sie kein Stimmrecht auf nationaler Ebene. Dies stellt eine Einschränkung des demokratischen Prinzips dar, wonach alle Betroffenen auch mitentscheiden können sollten.

Auch aktuelle Tendenzen geben Anlass zur Sorge

Neben diesen strukturellen Defiziten lassen sich auch neuere Tendenzen beobachten, die Anlass zur Sorge geben. Ähnlich wie in anderen Ländern gibt es auch in der Schweiz Entwicklungen, bei denen mächtige Akteure versuchen, kritische Stimmen einzuschränken.

So wurden im Jahr 2015 beispielsweise Gesetze verschärft, die die Veröffentlichung von Informationen im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis unter Strafe von bis zu drei Jahren Haft stellen, gleich viel wie bei fahrlässiger Tötung. Dies verunmöglicht investigative Recherchen in der Schweiz und behindert die Aufdeckung von Missständen. Dieser Druck auf die Medien wird auch aktiv angewendet, so z.B. mit einer Klage gegen den Tagesanzeiger wegen seines Berichts zur Geldwäscherei einer Genfer Bank oder mit einer erfolgten Durchsuchung von «Inside Paradeplatz».

Möglichkeiten zur Zensur wurden ausgeweitet, etwa durch erleichterte superprovisorische Verfügungen bei «schützenswertem Interesse» statt nur bei «besonders schützenswertem Interesse». Dadurch können Informationen schneller unterdrückt werden, noch bevor eine öffentliche Diskussion darüber stattfinden kann. In bestimmten Fällen hat dies zur Folge, dass politisch relevante Informationen gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangen, wie im Falle der Affären um den Genfer Regierungsrat Pierre Maudet.

Behinderung der Zivilgesellschaft

Ein weiteres Beispiel betrifft den Umgang mit Nichtregierungsorganisationen (NGO). Nach der Abstimmung zur Konzernverantwortungsinitiative, bei denen zivilgesellschaftliche Akteure erstaunlich erfolgreich mobilisieren konnten, ergriffen wirtschaftsnahe Behörden im Aussendepartement von Bundesrat Cassis Massnahmen, die den Handlungsspielraum der NGO einschränken. Dazu gehören etwa der Subventionsstopp für Sensibilisierungsarbeit zu politischen Ursachen von Unterentwicklung oder das Verbot von Sensibilisierung durch NGOs in Schulen. Davon waren Organisationen wie StopArmut betroffen.

Aktuell ist im Parlament ein Gesetz in Diskussion, das die politische Arbeit von NGOs von der Steuerbefreiung ausnehmen will. Dies hätte hohen administrativen Aufwand und zusätzliche Kosten zur Folge, was die entsprechende Arbeit behindert.

Überwachung und Verbot von politischen Diskussionen

Trotz des Auffliegens der Fichenaffäre Ende der 1980er-Jahre und der entsprechenden strengeren Gesetze überwachte der Nachrichtendienst des Bundes weiterhin oppositionelle Organisationen – z.B. Public Eye oder die Grünen – dies unter anderem wegen «Radikalisierungsgefahr». Ausweitungen der Überwachung sind im Gang.

Im Kanton Waadt verbot Regierungsrat Borloz politische Podiumsdiskussionen mit Teilnehmenden aller Parteien an den Schulen vor den eidgenössischen Wahlen 2023. Zwei Jahre später hat das Kantonsgericht einer Klage gegen dieses Verbot stattgegeben. Das Verbot war gesetzeswidrig.

Medienkonzentration und Informationsmacht

Ein Schlüsselthema ist die Entwicklung der Medienlandschaft.

  • Die zunehmende Konzentration von klassischen Medien und «Social Media» in den Händen weniger Eigentümer kann die Meinungsbildung in Richtung der Ideologie und der Interessen der Eigentümer drängen und damit die Demokratie verzerren. Dieser Trend ist in Frankreich und in den USA bereits weit fortgeschritten: https://christnet.ch/de/nein-zur-srg-halbierungsinitiative/
  • Die Social Media, wo kein Faktencheck mehr stattfindet und unbegrenzte Möglichkeiten für die Besitzer – z.B. Elon Musk, für finanzkräftige Industrien und nationalistische Interessen – z.B. russische Bots – bieten, sind eine Gefahr für die Demokratie, da sie Irreführung und Verhetzung stark begünstigen.
  • Der künstlichen Intelligenz wird in Zukunft eine Schlüsselrolle bei der Information der Bevölkerung zukommen. Der Aufbau von Unternehmen der künstlichen Intelligenz braucht Milliardensummen, die nur Superreiche aufbringen können. Diese bestimmen dann, welche Informationen die künstliche Intelligenz bei einer Abfrage zur Verfügung stellt.
  • Gleichzeitig stehen unabhängige Medien unter politischem und wirtschaftlichem Druck, was ihre Rolle als kritische Kontrollinstanz schwächen kann.

Akkumulation von Reichtum – und damit von Macht

Schliesslich stellt auch die zunehmende Konzentration von Reichtum eine grundlegende Herausforderung für die Demokratie dar. Wenn immer mehr Vermögen in den Händen weniger Personen liegt, wächst deren Einfluss auf Politik, Wirtschaft, Medien und Information dieser vermögenden Minderheit.

Jetzt Weichen für die Demokratie stellen!

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Schweiz trotz ihrer starken demokratischen Tradition mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert ist. Diese betreffen sowohl strukturelle Aspekte wie die Politikfinanzierung und die Gewaltenteilung als auch neuere Entwicklungen im Bereich der Medien und der globalen Wirtschaft. Eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit diesen Demokratiedefiziten ist notwendig, um die Qualität und Glaubwürdigkeit der Demokratie langfristig zu sichern.

29. April 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/04/pexels-will-chen-246349093-36074718.jpg 1013 1800 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-04-29 19:19:052026-04-30 08:37:00Demokratiedefizite: auch die Schweiz ist betroffen

Demokratie ist mehr als Abstimmen und Wählen

Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Eine Demokratie ist eine Staatsform, in der die Macht vom Volk ausgeht. Das bedeutet, dass die Menschen in einem Land darüber entscheiden können, wie sie regiert werden wollen. So lernt man es in der Staatskunde. Dass aber noch viel mehr dazugehört, zeigt dieser Artikel.

Bekanntlich gibt es unterschiedliche Formen der Demokratie, zum Beispiel die repräsentative Demokratie, in der gewählte Vertreter Entscheidungen treffen, oder die direkte Demokratie, in der das Volk zusätzlich selbst über Sachfragen abstimmt. Doch die blosse Existenz von Wahlen oder Abstimmungen genügt nicht, um von einer echten Demokratie zu sprechen. Vielmehr braucht es eine Reihe von grundlegenden Voraussetzungen und Rahmenbedingungen.

Zugang

Eine zentrale Voraussetzung ist der gleiche Zugang aller Menschen zur politischen Mitbestimmung. Das bedeutet zunächst, dass alle Bürgerinnen und Bürger die gleichen politischen Rechte haben müssen. Historisch gesehen war dies nicht immer der Fall, etwa durch das fehlende Frauenstimmrecht. Das Wahlrecht darf auch nicht gezielt eingeschränkt werden – dass z.B. nur diejenigen wählen dürfen, die gewisse teure Ausweise erworben haben. Auch strukturelle Verzerrungen wie etwa manipulierte Wahlkreiseinteilungen – sogenanntes Gerrymandering – dürfen nicht vorkommen, da sie die Repräsentation verfälschen.
Neben den formalen Rechten braucht es jedoch auch reale Möglichkeiten zur Teilnahme. Bildung spielt hier eine entscheidende Rolle: Nur wer ausreichend informiert ist und Zusammenhänge versteht, kann sich sinnvoll an politischen Prozessen beteiligen.

Meinungsäusserung

In einer Demokratie müssen alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Meinung frei zu äussern und zu verbreiten. Das Internet könnte theoretisch zu mehr Meinungsfreiheit beitragen, doch in der Praxis zeigt sich, dass finanzielle Mittel oft eine grosse Rolle spielen: Wer mehr Geld investiert, kann seine Botschaften stärker verbreiten.

Besonders problematisch ist dies bei Abstimmungs- und Wahlkampagnen. Wenn eine Seite deutlich mehr finanzielle Ressourcen hat, kann sie die öffentliche Meinung stark beeinflussen. Es kommt in der Schweiz oft vor, dass Vorlagen, die in Umfragen lange Zeit breite Unterstützung geniessen, am Ende abgelehnt werden, weil eine finanzstarke Gegenseite intensive Kampagnen führt. Auch der Besitz von Medien ist entscheidend: Wenn wenige Akteure einen grossen Teil der Medien kontrollieren, kann dies die Reichweite von gegenteiligen Meinungen einschränken. Deshalb sind ein ausgewogen finanzierte Medienlandschaft und journalistische Freiheit zentrale Elemente einer funktionierenden Demokratie.

Wahrheit

Eng damit verbunden ist die Notwendigkeit korrekter Information. Bürgerinnen und Bürger müssen verlässliche und überprüfbare Informationen erhalten, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Professionelle Instanzen wie unabhängige Medien, wissenschaftliche Einrichtungen oder Fact-Checking-Organisationen spielen dabei eine wichtige Rolle. In der heutigen Zeit besteht jedoch die Gefahr, dass solche Stimmen von einer Flut an Informationen – oder sogar von gezielter Desinformation – übertönt oder behindert werden.

Politikfinanzierung: Gleich lange Spiesse

Ein weiteres Element ist die faire Finanzierung von Parteien und politischer Arbeit. Wenn einzelne Parteien oder Interessengruppen deutlich mehr finanzielle Mittel haben, entsteht ein Ungleichgewicht. Gleich lange Spiesse sind notwendig, damit alle politischen Akteure eine reale Chance haben, gehört zu werden. Auch Lobbying muss transparent und ausgewogen gestaltet sein, damit nicht einzelne Interessen überproportionalen Einfluss ausüben.

Gleich grosser Einfluss – kein Erpressungspotenzial

Ebenso wichtig ist der Schutz vor Drohungen und Zwängen. Politische Entscheidungen dürfen nicht unter dem Druck von mächtigen Einzelpersonen oder Unternehmen getroffen werden. Wenn beispielsweise Firmen drohen, ein Land zu verlassen oder wirtschaftlichen Schaden anzurichten, um politische Entscheidungen zu beeinflussen, werden die demokratischen Prozesse untergraben. In diesem Zusammenhang spielt auch die materielle Ungleichheit eine Rolle: Grosse wirtschaftliche Unterschiede können dazu führen, dass einzelne Akteure unverhältnismässig viel Einfluss haben. Das Prinzip „one man, one vote“ verliert dann an Bedeutung.

Gewaltenteilung gegen die Machtkonzentration

Ein grundlegendes Prinzip jeder Demokratie ist die Gewaltenteilung. Die staatliche Macht wird auf verschiedene Institutionen verteilt, typischerweise auf die Exekutive (Regierung), die Legislative (Parlament) und die Judikative (Gerichte). Diese Aufteilung verhindert eine Machtkonzentration und sorgt dafür, dass sich die einzelnen Gewalten gegenseitig kontrollieren. Selbst in der Schweiz ist diese Gewaltenteilung nicht vollständig durchgezogen, da beispielsweise das Parlament den Bundesrat und das Bundesgericht wählt.

Verfassungsgericht – gerade für Volksinitiativen wichtig

Schliesslich spielt auch ein Verfassungsgericht eine wichtige Rolle. Die Verfassung ist die Grundlage des Zusammenlebens, die sich ein Volk gegeben hat, und es braucht eine Instanz, die darüber wacht, dass alle Gesetze und anderen Erlasse mit ihr vereinbar sind. Ein Verfassungsgericht kann Gesetze aufheben, die gegen die Verfassung verstossen. In der Schweiz gibt es ein solches Gericht auf Bundesebene nicht, was eine Schwäche im demokratischen System darstellt. Aktuell werden angenommene Volksinitiativen vom Parlament auf Gesetzesebene einfach nicht umgesetzt.

Demut – Niemand hat das Recht, über andere zu herrschen

Neben diesen strukturellen Voraussetzungen braucht eine Demokratie auch eine gewisse Haltung der Beteiligten, insbesondere Demut. Niemand besitzt die absolute Wahrheit oder das Recht, sich über demokratische Regeln hinwegzusetzen, auch wenn man überzeugt ist, im Interesse des Landes zu handeln. Demokratie lebt vom Respekt gegenüber anderen Meinungen und von Kompromissen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Demokratie weit mehr ist als nur Wahlen und Abstimmungen. Sie erfordert faire Bedingungen, informierte Bürgerinnen und Bürger, unabhängige Institutionen und eine politische Kultur des Respekts und der Verantwortung. Nur wenn all diese Elemente zusammenspielen, kann von einer echten und funktionierenden Demokratie gesprochen werden.

Foto von Louis bei pexels.

26. April 2026/1 Kommentar/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/04/pexels-suissounet-19920845-scaled.jpg 1707 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-04-26 20:10:512026-04-29 13:16:18Demokratie ist mehr als Abstimmen und Wählen

Wenn Waffen unkontrolliert exportiert werden, leidet der Frieden

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Das Bundesparlament hat Ende 2025 beschlossen, die Regeln für den Export von Schweizer Kriegsmaterial drastisch zu lockern. Eine breite Allianz aus Parteien, NGOs und Friedensorganisationen hat das Referendum dagegen ergriffen, für das die Frist noch bis 17. April läuft.

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1. April 2026/0 Kommentare/von Marc Jost
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/04/jay-rembert-xnK_o6OdTew-unsplash.jpg 787 1400 Marc Jost https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Marc Jost2026-04-01 23:05:272026-04-02 22:38:16Wenn Waffen unkontrolliert exportiert werden, leidet der Frieden

Arbeit: Ein neuer Angriff auf den Sonntag unter dem Deckmantel der «Modernisierung»

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gesundheit, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Spätestens seit «Corona» ist Homeoffice-Arbeit weit verbreitet. Im Nationalrat haben die Arbeitgeberverbände dies für eine Reform zur Aufweichung des Arbeitsrahmens und der Sonntagsruhe genutzt und verkaufen ihre Idee als Fortschritt für die Arbeitnehmenden.

Doch die Realität sieht anders aus: Der Druck zu mehr Flexibilisierung und zur Vermischung zwischen Arbeit und Familienleben würde bei einer Umsetzung zunehmen, und der Sonntag massiv erodieren. Wie viel ist der Sonntag den Kirchen wert? Weiterlesen

19. März 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/vitaly-gariev-bl7h_R-PKpU-unsplash-scaled.jpg 1440 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-03-19 12:02:082026-03-19 12:12:06Arbeit: Ein neuer Angriff auf den Sonntag unter dem Deckmantel der «Modernisierung»

Nächstenliebe auch für einkommensschwache Länder!?

Entwicklung, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

Die Entwicklungszusammenarbeit ist im Norden ein politisches Dauerthema. Seit Trump in diesem Bereich radikale Kürzungen vorgenommen hat, umso mehr. Aber eigentlich fliesst mehr Geld vom Süden nach Norden als umgekehrt.

Nächstenliebe in der Politik – was bedeutet dies für das Thema «Entwicklungszusammenarbeit» oder die Unterstützung für die Länder des Südens1 ? Dazu einige allgemeine Zahlen zu den Geldflüssen, bevor wir auf die Folgen der Auflösung der Entwicklungshilfe-Agentur USAID durch die Trump-Administration eingehen.

Das Geld, das Regierungen zur Verfügung steht


Um globale Ungleichheiten zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die finanzielle Situation von Staaten zu werfen. Den Regierungen der Länder des Südens steht nur wenig Geld pro Kopf der Einwohner zur Verfügung (staatliche Mittel pro Kopf):

  • Ghana: 509 USD
  • Philippinen: 888 USD
  • Deutschland: 26’464 USD
  • Schweiz: 30’844 USD2

Das bedeutet: Der Schweizer Regierung steht pro Einwohner rund 60-mal mehr Geld zur Verfügung als der ghanaischen Regierung. Hinzu kommt eine weitere Belastung: In Ghana fließen etwa 40 Prozent des Staatshaushalts in den Schuldendienst3 .

Entwicklungszusammenarbeit: Versprechen der Länder des Nordens und aktuelle Zahlen

Seit Jahrzehnten ist es die Absicht und das erklärte Ziel der einkommensstarken Länder («Länder des Nordens»), mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts (BIP4 ) für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben. Es haben jedoch nur vier Länder dieses Ziel erreicht: Luxemburg, Norwegen, Schweden und Dänemark (Daten für das Jahr 2024; bis vor kurzem war auch Deutschland bei mindestens 0,7 %). Für die USA waren es 0.22 % und für die Schweiz 0.51 %. Ein wichtiger Punkt zur Einordnung der Schweizer Zahlen: Ausgaben für das Asylwesen im Inland werden zur offiziellen Entwicklungszusammenarbeit gezählt5 : im Jahr 2023 flossen rund 28 % der Schweizer Entwicklungsgelder – ca. 1,3 Milliarden Franken – ins Asylwesen innerhalb der Schweiz – insbesondere für Geflüchtete aus der Ukraine.

Internationale Geldflüsse und Schulden

Die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer hatten Ende 2024 rekordhohe Auslandsschulden von insgesamt 8.9 Billionen Dollar – mehr als doppelt so viel wie noch im Jahr 20106 . Im Jahr 2023 erreichte der gesamte Schuldendienst (Zinszahlungen und Schuldentilgung) der Entwicklungsländer einen Rekordwert von 1,4 Billionen US-Dollar. 406 Milliarden entfielen dabei allein auf Zinszahlungen7 .

Besonders betroffen: die ärmsten Länder

  • Die 78 ärmsten Länder8 sind am stärksten belastet:
  • Ihre Schuldendienstkosten haben sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht.
  • Die reinen Zinszahlungen haben sich sogar vervierfacht.
  • Insgesamt zahlten sie schätzungsweise 36 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023.

In den Jahren 2022 und 2023 haben externe Gläubiger zudem 535 Milliarden US-Dollar mehr an Schuldenzahlungen erhalten, als sie neue Kredite vergeben haben. Das bedeutet: Es fliesst mehr Geld aus diesen Ländern heraus, als neues hineinkommt9 . ChatGPT fasst die Situation folgendermassen zusammen:

  • Geldfluss der Länder des Nordens für die Länder des Südens pro Jahr: 200 bis 220 Milliarden USD10
  • Geldfluss vom Süden in den Norden: 400 bis 600 Milliarden USD.

Warum steigen die Schulden so stark?

Ein wichtiger Grund ist die weltweite Zinspolitik. Um die Inflation zu bekämpfen, haben grosse Zentralbanken ihre Leitzinsen deutlich erhöht. Dadurch wurden Kredite teurer – besonders für Länder mit hoher Auslandsverschuldung.

Die Geldpolitik der US-Notenbank spielt dabei eine zentrale Rolle. Viele ärmere Länder haben Schulden in US-Dollar aufgenommen. Steigen die Zinsen in den USA, erhöht das direkt ihre finanzielle Belastung11 .

Das Beispiel der Philippinen

Vom nationalen Budget 2025der Regierung in den Philippinen waren 13.8 Prozent für den Schuldendienst (Ausland- und Inlandschulden) bestimmt, nur 4.7 Prozent für den Gesundheitsdienst (öffentliche Spitäler, Gesundheitszentren und Gesundheitsaktivitäten, wie Impfungen, Familienplanung) und 15.4 Prozent für die öffentlichen Schulen und den eher wenigen öffentlichen Universitäten – die meisten «Colleges» und Universitäten sind privat, d.h. teuer und so für viele Familien unerschwinglich.

Diese 13.8 Prozent, die für den Schuldendienst verwendet werden, entsprechen 877 Milliarden Pesos. Es ist die Zahl, die die Regierung offiziell meldet. Es beinhaltet NICHT die Zurückzahlung von alten Schulden (Schuldentilgung). In Wirklichkeit betrug im Jar 2025 der Schuldendienst 2051 Milliarden Pesos12 . Die Schuldentilgung wird v.a. durch das Aufnehmen von neuen Schulden bewerkstelligt. Schrecklich!

Die Schuldentilgung wird v.a. durch das Aufnehmen von neuen Schulden bewerkstelligt.

Einige Kredite von früher sind zum Segen für die Bevölkerung geworden, andere aber zum Fluch. Ein Beispiel: Das Atomkraftwerk Bataan wurde in erster Linie durch eine Auslandsverschuldung in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar finanziert, die während des Marcos-Regimes in den 1970iger Jahren aufgenommen wurde. Ein Teil des Geldes gelangte in private Taschen (Korruption). Das Atomkraftwerk wurde nie in Betrieb genommen, v.a. darum, weil es sich in der Nähe eines ruhenden Vulkans und seismischer Verwerfungslinien befindet. Die Schulden waren erst im Jahr 2007 vollständig zurückbezahlt und auch heute noch werden pro Jahr rund eine Million US-Dollar ausgegeben für die Instandhaltung des nutzlosen Gebäudes13 .

Folgen für die Bevölkerung

Rund 3,3 Milliarden Menschen leben in Ländern, die für den Schuldendienst mehr ausgeben als für die öffentlichen Schulen oder für das Gesundheitswesen14 . Besonders dramatisch ist die Situation in den 22 am höchsten verschuldeten Ländern, deren Auslandsverschuldung 200 Prozent der Exporteinnahmen übersteigt. In diesen Ländern kann sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung – 56 Prozent im Durchschnitt – keine Ernährung leisten, die eine langfristige Gesundheit gewährleistet15 .

Rückgang der Gelder für den Süden

Im Jahr 2024 sank die Unterstützung der Länder des Nordens für den Süden um 7 Prozent und wird voraussichtlich noch weiter zurückgehen, da mehr als neun Geberländer, darunter die USA, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, für die kommenden Jahre erhebliche Kürzungen angekündigt haben.

Auswirkungen des verminderten Geldflusses für die Entwicklungszusammenarbeit

Eine wissenschaftliche Analyse zeigt: In den vergangenen 20 Jahren konnte Entwicklungszusammenarbeit Millionen von Todesfällen verhindern. Die Studie kommt zum Schluss, dass ein erhöhter Mitteleinsatz die Sterblichkeitsrate um 23 Prozent senken könnte. Die aktuelle Entwicklung geht jedoch in die entgegengesetzte Richtung: weniger Geld wird zur Verfügung stehen. Sollte sich die jüngsten Kürzungen der Mittel fortsetzen, schätzt die Studie, dass zusätzlich zwischen 6,2 und 12,6 Millionen Menschen im Zeitraum von 2025 bis 2030 sterben. Bei einer starken Reduktion der Gelder wären die Folgen noch gravierender: Dann rechnen die Forschenden mit 16 bis 29 Millionen zusätzlichen Todesfällen zwischen 2025 und 203016 .

Besonders deutlich zeigen sich die Folgen am Beispiel der United States Agency for International Development (USAID). Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass durch USAID-finanzierte Programme zwischen 2001 und 2021 rund 92 Millionen Todesfälle verhindert wurden. Im Hinblick auf den kürzlich erfolgten abrupten Stopp von USAID-Geldern wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2030 zwischen 8,5 und 19,7 Millionen Menschen zusätzlich sterben könnten17 .

Die Christoffel Blindenmission berichtet Folgendes18 :

  • Die plötzliche Einstellung fast aller Finanzmittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe durch die USAID hat weltweit schwerwiegende Auswirkungen. Mindestens 120 Millionen Menschen in mehr als 100 Ländern sind direkt von der Einstellung der Finanzmittel betroffen, die im vergangenen Jahr 42 Prozent der weltweiten humanitären Finanzmittel ausmachten.
  • Ein Mitarbeiter der Blindenmission stellt entsetzt fest: “Ein ganzes System, das das Überleben von Menschen in Krisen- und Katastrophengebieten sicherstellt, kommt zum Erliegen.”
  • Im Sudan mussten Gemeinschaftsküchen, die Hunderttausende Menschen in Kriegsgebieten mit Lebensmitteln versorgten, schließen.
  • In der Ukraine stehen die Gemeinden an der Front ohne Brennholz da.

Das Tropeninstitut, wo ich arbeite, hatte von USAID ein Mandat erhalten, zusammen mit einer US-Organisation die Gesundheitsversorgung in der Ukraine zu stärken. Im Februar 2025 erzählte mir eine Arbeitskollegin, dass sie eben einen Telefonanruf aus den USA erhalten habe: das Geld für das Gesundheitsprojekt in der Ukraine würde sofort gestoppt. Ich erfuhr auch, dass ein von USAID finanziertes tansanisches HIV-Projekt des Tropeninstituts gestoppt werden musste.

Mangel an Geld ist nicht das einzige Problem

Dennoch ist Geldmangel nicht in allen Ländern der Hauptgrund für die minderwertige Gesundheitsversorgung. So berichtete ein Leiter des Gesundheitsdepartements der Philippinen, dass im Allgemeinen nur 60 bis 70 Prozent des bewilligten Gesundheitsbudgets eingesetzt, d.h. verbraucht werden19 . Nichtfinanzielle Engpässe – z.B. ein Mangel an Ärzten oder Misswirtschaft – können das gewichtigere Hindernis darstellen.

Reaktionen der Länder des Südens

Die Länder des Südens sind daran, sich auf die vermindernde Unterstützung von den Ländern des Nordens einzustellen. So sind in einigen Ländern Steuern auf Tabakprodukte und zuckerhaltige Getränke erhoben worden, was Geldzufluss bewirkt und den Gesundheitszustand der Bevölkerung verbessern kann.

Kürzlich unterhielt ich mich mit zwei erfahrenen Professoren des Tropeninstituts. Beide vertraten die Ansicht, dass der Rückgang der Mittel aus dem Norden nicht nur negative Folgen haben müsse. Sie beobachten in mehreren Ländern des Südens eine wachsende Bereitschaft, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen und die für eine gute Entwicklung notwendigen finanziellen Mittel vermehrt im eigenen Land zu mobilisieren.

Eine meines Erachtens dringende ergänzende Massnahme wäre ein weitreichender Schuldenerlass für hoch verschuldete Länder. Bereits im Jahr 2000 gab es – unter anderem mit Bezug auf Levitikus 25 (3. Mose 25) – einen internationalen Aufruf zum Schuldenerlass für ärmere Staaten. Im Jahr 2025 griff Papst Franziskus diese Forderung erneut auf. In seiner Jubiläumsbulle Spes Non Confundit („Die Hoffnung enttäuscht nicht“) rief er die wohlhabenden Nationen dazu auf, die „ungerechten und unbezahlbaren“ Schulden ärmerer Länder zu erlassen. Er bezeichnete einen solchen Schuldenerlass als notwendigen Schritt hin zu sozialer, wirtschaftlicher und wiedergutmachender Gerechtigkeit.

Zusammenfassung und Fazit

  • Regierungen der Länder des Südens stehen pro Kopf ihrer Bevölkerung zigmal weniger Geld zur Verfügung als Regierungen der Länder des Nordens
  • Die Schulden der Länder des Südens, zum Teil durch zwielichtige Projekte entstanden, sind über Jahrzehnte gewachsen auf zurzeit rund 9 Billionen Dollar. Der Schuldendienst – Zinsen und Schuldentilgung – bewirkt, dass viele Länder des Südens mehr Geld in den Norden schicken, als sie vom Norden empfangen.
  • Wir gehören zu einem Gott der Gerechtigkeit. Sollte sich der Leib Christi nicht mehr Gedanken zur Problematik machen und aktiver werden, was diese und andere Bereiche von Armut und Ungerechtigkeit betrifft?

1. Wir benutzen hier meist den Ausdruck “Länder des Südens”. Andere Ausdrücke dafür sind “Entwicklungsländer” (mehr Länder sind dabei, wenn man von Entwicklungs- und Schwellenländern spricht) und „Zwei-Drittel-Welt”. Die Weltbank benutzt den Ausdruck “Low- and middle-income countries”.

2. Berechnungen vom Autor. Hauptquellen: (i) https://www.imf.org/external/datamapper/rev@FPP; (ii) https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD

3. Link: https://www.myjoyonline.com/ghana-spent-nearly-half-of-revenue-on-debt-servicing-in-5-years

4. Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft produziert werden

5. Andere Länder des Nordens machen dies ebenfalls – ein buchhalterischen Trick, um besser dazustehen.

6. World Bank. International Debt Report 2025. https://openknowledge.worldbank.org/server/api/core/bitstreams/b097dece-76e1-4f68-a74b-79f0a9f0e8e9/content

7. World Bank. International Debt Report 2024. https://openknowledge.worldbank.org/bitstreams/9b3d960c-5f6e-4100-82bc-46d72d4602ad/download

8. 78 der ärmsten Länder der Welt haben Anspruch auf Mittel der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA). Die IDA ist der konzessionäre Kreditgeber der Weltbank, der finanzielle Unterstützung in Form von zinslosen oder sehr niedrig verzinslichen Darlehen (sogenannten „Krediten“) oder in Form von Zuschüssen (“Geschenken” – rund 20% des Geldes der IDA) gewährt. Im Geschäftsjahr, das am 30. Juni 2025 endete, beliefen sich die Verpflichtungen der IDA auf insgesamt 33,8 Milliarden US-Dollar (https://ida.worldbank.org/en/ida-financing).

9. Link: https://www.undp.org/press-releases/ballooning-debt-service-payments-poorest-countries-reach-alarming-levels-undp-warns

10. Man sollte beachten, dass nicht die ganzen 200-220 Milliarden in den Süden fliessen: ein Teil dieses Geldes bleibt in den Ländern des Nordens: v.a. Geld fürs Asylwesen (oben erwähnt), Schuldenerlasse, und Löhne sowie Unkosten für “Experten” des Nordens, welche Regierungen oder staatliche Organisationen, z.B. das Gesundheitswesen, beraten (was oft von fraglichem Wert ist).

11. Link: https://www.srf.ch/news/wirtschaft/rekordsumme-viele-entwicklungslaender-leiden-unter-hoher-schuldenlast

12. Link: https://hronlineph.com/2024/12/19/statement-pmcj-on-the-2025-philippine-national-budget

13. Hauptquelle: https://debtjustice.org.uk/countries/philippines

14. Link: https://data.one.org/analysis/net-financing-flows-remain-low

15. Link: https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2025/12/03/developing-countries-debt-outflows-hit-50-year-high-during-2022-2024

16. Andrea Ferreira da Silva et al. Lancet Global Health 2026: https://doi.org/10.1016/S2214-109X(26)00008-2

17. Daniella Medeiros Cavancalti et al, Lancet 2025: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(25)01186-9

18. Link: https://www.cbm.org/news/news-articles/2025/usaid-aid-cuts.html

19. Link: https://ahpsr.who.int/newsroom/news/item/26-05-2025-navigating-health-financing-cliffs-charting-a-path-forward

Foto von Naveed Ahmed auf Unsplash

5. März 2026/0 Kommentare/von Christian Auer
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/naveed-ahmed-x8S8CuYs5Yw-unsplash-scaled-e1772740341359.jpg 1694 1694 Christian Auer https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Christian Auer2026-03-05 20:55:022026-05-22 12:34:55Nächstenliebe auch für einkommensschwache Länder!?

Nein zur SRG-Halbierungsinitiative

Dossier: Informationsmacht, Dossiers, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Am 8. März gelangt die SRG-Initiative zur Abstimmung. Statt der heutigen 335 soll die SRG für die Nutzerinnen und Nutzer nur noch 200 Franken kosten. Diese Beschneidung der Gebühren heisst, die Informationsmacht den Milliardären und deren Medienkonzernen zu überlassen.

Der Rückgang der Demokratie in allen Weltregionen hat auch mit der Polarisierung der Information durch Medienkonzentrationen und den Algorithmen des Internets zu tun. In diesem Zusammenhang ist die Aufrechterhaltung einer zuverlässigen Informationsquelle mit grosser Reichweite wie der SRG entscheidend. Denn die Demokratie braucht Wahrheit und ausgewogene Information.

Nehmen Geld und Ideologien von Reichen in den Medien überhand?

  • In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl vor allem regionaler Zeitungen in der Schweiz gesunken, grösstenteils durch Fusionen und Aufkäufe. Die verbleibenden konzentrieren sich in immer weniger Besitzerhänden und werden teilweise von Milliardären aufgekauft und zusammengelegt.
  • Tamedia besitzt fast 50 Prozent am Schweizer Zeitungsmarkt
  • AZ/NZZ halten fast 20 Prozent in der Deutschschweiz
  • Ringier und mit ihm der Axel Springer-Verlag konzentrieren ebenfalls einen grossen Teil
  • Als erster Milliardär hat Tito Tettamanti im Jahr 2001 den Jean Frey-Verlag gekauft und dessen Weltwoche umgepolt. Darauf folgte im Jahr 2010 die Basler Zeitung (BaZ), die trotz Christoph Blochers Dementi in dessen Hände gelegt worden ist. Im Jahr 2018 verkaufte Blocher die BaZ an Tamedia, erhielt aber dafür eine ganze Reihe von Gratis-Wochenblättern, die nun wöchentlich über eine halbe Million Haushalte erreichen und weitgehend SVP-Propaganda transportieren.

Unter diesen Bedingungen ist die Medienlandschaft in den letzten Jahrzehnten weiter nach rechts gerückt. Davon sind auch christliche Medien betroffen. Auch sie sind von grossen Spendern und deren Meinung abhängig. Einzelne Stimmen meinen, dies sei gut so, denn die Medien seien ja meist links gewesen. Der von verschiedenen Kreisen gerne gepflegte Mythos, dass die Medien links seien, hält wissenschaftlichen Analysen nicht stand: Eine Untersuchung der Uni Zürich zwischen 2018 und 2023 zeigt einen Pik um die Mitte herum mit Ausreissern nach links und nach rechts. Auch SRF ist offenbar nicht links. Zudem zeigt die regelmässige Auswertung der Uni Zürich zur Berichterstattung zu Initiativen und sonstigen Abstimmungen, dass linke Anliegen in der Regel nicht besser wegkommen. Aber ist nicht die Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten «links»? Eine Umfrage der ZHAW scheint dem Recht zu geben. Doch offenbar entscheiden die Verleger und nicht die Journalisten, in welche Richtung es geht. Der Richtung der Medien ist offenbar eher liberal als konservativ, aber genauso rechtsliberal wie linksliberal.

Ein Blick ins Ausland, wo das hinführen kann

Andere Länder sind diesbezüglich bereits einen Schritt weiter:

  • In Grossbritannien haben Rupert Murdoch und andere Rechtskonservative bereits in den 70-er-Jahren zahlreiche Medien aufgekauft und mit ihrer Propaganda erfolgreich für die Wahl von Margaret Thatcher und ihrer Desolidarisierungsideologie Propaganda gemacht.
  • In Frankreich hat Vincent Bolloré in den letzten 20 Jahren eine ähnliche Stellung wie Murdoch aufgebaut, dazu die Familien Dassault und Pierre-Edouard Stérin. Es gibt mehrere Studien, die die Medienkonzentration in Frankreich untersuchen. Libération fasst die Situation wie folgt zusammen: Im Februar 2022 entfielen 81 Prozent der nationalen Tageszeitungsverkäufe, 95 Prozent der Wochenzeitungen mit allgemeinem Interesse, 47 Prozent der Radiohöreranteile und 57 Prozent der Fernsehzuschaueranteile auf 11 Milliardäre. Unter den Milliardären, die den Medienmarkt dominieren, sticht Vincent Bolloré besonders hervor. Diese Konzentration hat zu einem noch stärkeren Aufschwung der rechtskonservativen Bewegungen als sonst in Westeuropa geführt.
  • In den USA ist der Prozess der Medien-Fusionen und der Ausdünnung der lokalen Berichterstattung schon länger im Gange. Heute können sich nur noch Milliardäre Medien leisten. Diese üben heute ihren Einfluss auch stärker aus: So hat Jeff Bezos von Amazon die früher eher linke Washington Post aufgekauft und 2025 verstärkt kritische Berichterstattungen blockiert. In den letzten Jahren sind Persönlichkeiten dazu übergegangen, bei missliebigen Artikeln Millionenklagen gegen das entsprechende Medium (Weaponized Lawsuit) anzustreben, was einen sogenannten «Chilling Effect», also eine Selbstzensur, zur Folge haben kann. Präsident Trump hat diesen Druck durch zahlreiche Milliardenklagen, Drohungen und gesetzliche Massnahmen noch massiv erhöht. Dadurch musste CBS an einen seiner Freunde verkauft werden. Dessen höchst erfolgreiche Satiresendung mit Trump-Kritiker Stephen Colbert wird im Mai 2026 eingestellt werden.

Im Rahmen des Ziels, die Gegner zum Schweigen zu bringen, wurde auch die Finanzierung der öffentlichen Fernsehsender in den USA eingestellt. Dies zeigt eine Parallele zur Schweiz, wo die SRG-Initiative auch aus der Partei kommt, die Trump am nächsten steht (und deren Überväter Blocher und Köppel Trump-Sympathisanten sind).

Es braucht unabhängige Medien gegen Propaganda

Gleichzeitig informieren sich mehr Menschen im Internet und treffen dort oft auf die Informationen und Algorithmen, die im Besitz von Milliardären wie Mark Zuckerberg und Elon Musk mit ihren teilweise rechtsextremen Propaganda-Absichten sind. Sie lassen auch ganz offen Falschinformationen, Verleumdungen und Hasspropaganda freien Lauf. Wir sind aus einem Informations- in einem Desinformationszeitalter angekommen.

In dieser Zeit mit wachsenden Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung braucht es Medien, die noch genügend Zeit für gut recherchierte und nicht von Interessen gesteuerte Berichte haben, die wie die SRG in Wahlkämpfen eine ausgeglichene Präsenzzeit aller Parteien einhalten müssen und die Faktenchecks korrekt durchführen. Denn wenn nur noch bestimmte Interessen verfolgt werden, dann herrscht Propaganda und nicht Wahrheit. Dies muss uns Christinnen und Christen, die wir die Wahrheit hochhalten, dazu motivieren, nein zu dieser Initiative zu sagen.

Dabei wird manchmal gesagt, die SRG sei «vom Staat gesteuert» und mache Staatspropaganda. Solche Vorwürfe entstehen aus Verschwörungstheorien und der Angst vor einem allmächtigen Staat, was auch von den an grösseren Freiheiten interessierten Wirtschaftskreisen gefördert wird, die an grösserer Freiheit interessiert sind. Denn «der Staat» ist in der Schweiz nicht links, wie das die Mehrheiten im Bundesrat und der Bundesversammlung zeigen. Zudem hat er viel weniger Macht als in anderen Ländern und erst recht kaum Einfluss auf die Inhalte des Fernsehprogramms. Dies ganz im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen der Medien, die von Milliardären finanziert werden. Genau darum geht es bei der Abstimmung am 8. März 2026. Lassen wir uns durch die Reduktion der Fernsehgebühr um 135 Franken ködern?

Foto von Ajeet Mestry auf Unsplash

2. Februar 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/02/ajeet-mestry-UBhpOIHnazM-scaled.jpg 1440 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-02-02 14:32:042026-06-01 16:03:15Nein zur SRG-Halbierungsinitiative

Hoffnung ja, aber welche?

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Vor einem Jahr entstand das Thema des neuen Fastenbegleiters „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“. Damals war nur in Umrissen erkennbar, dass das Vakuum einer „guten“ Zukunft nach dem Schwinden der Klimabewegung von religiösen Bewegungen gefüllt würde. Dabei wird behauptet, dass die „neue“ Hoffnung unpolitisch daherkomme, jedoch hochpolitisch sei. Ungewollt setzt der neue Fastenbegleiter einen Kontrapunkt – und wird als ökumenisches Projekt selbst zur stillen Antwort auf das vermeintlich Machbare.

Für manche gibt es neue Hoffnungszeichen: So hört man etwa aus Frankreich, dass die Zahl der Erwachsenentaufen in der katholischen Kirche steigt.1 In England ist sogar von einer stillen Erweckung die Rede.2 Das mag durchaus erfreulich sein. Doch Hand aufs Herz: Warum freuen sich die einen über solche Nachrichten – und weshalb beängstigen sie andere, wie z.B. Menschen, die mit dem Glauben wenig anfangen können?

Ich betrachte diese Kunde zwiespältig. Seit einigen Jahren wird der Begriff „Hoffnung“ inflationär gebraucht, etwa als Konferenztitel. In den jüngeren Entwicklungen zeichnen sich grob zwei Stossrichtungen ab: Die pragmatische Seite freut sich, dass sich fast wie von selbst eine „Erweckung“ auszubreiten scheint. Manchmal entsteht der Eindruck, sie löse Probleme, die mit dem Menschsein verbunden sind, wie Armut automatisch. Die intellektuellere Richtung richtet sich gegen Säkularismus und Atheismus, mitunter verbunden mit leiser Genugtuung über das Scheitern des „gottlosen“ Projekts.

Beide Strömungen vereint der Wunsch nach einer guten Zukunft, in der Wohlstand durchaus eine Rolle spielt. Die gute Zukunft würde jene dunklen Zeiten überwinden, in denen wir uns im Moment im Hier und Jetzt befinden.

Mich beängstigt weder die Glaubensferne vieler noch die plötzliche Hinwendung anderer. Sorge macht mir vielmehr, dass diese „neue“ Hoffnung wohl eine Realitätsflucht ist, sich indirekt auf die eigene Stärke konzentriert und am Ende uns nicht trägt. In der Vergangenheit – ob von säkularer oder kirchlicher Seite – wurden angestrebte Ziele oft nicht realisiert, obwohl die Konzepte atemberaubend waren.

Hoffen oder machen?

Diese „neue“ Hoffnung erwartet die Stadt kaum vom Himmel (Offb 21,2), auch wenn Parallelen locken. Die Stadt in der Offenbarung, die vom Himmel kommt, ist ein Bild für Hoffnung. Es ist keine Hoffnung, die gemacht werden kann, sondern eine, die auf uns zukommt. Sie hebt uns nicht in den Himmel, sondern trägt unseren oft mühseligen Alltag. Dagegen wirkt die neue Hoffnung wie ein baldiger Siegeszug. Sie träumt kaum von einem Tierfrieden (Jes 11,6-8), eher von Erneuerung, Fortschritt, Reformation.

Die Frage bleibt: Geht es wirklich um Vertrauen auf Gott – oder darum, selbst das Reich Gottes aufzurichten, um eine gute Zukunft zu erreichen?

Neue Aktivistinnen und Aktivisten

Die neue Hoffnung ist hochpolitisch, auch wenn sie „unpolitisch“ wirkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubte man, die Welt könne friedlich sein, in der genug für alle ist. Die Angst vor Atomkrieg verschwand fast über Nacht. Doch dieser Traum entpuppte sich als trügerisch: Klimakrise, Artensterben und geopolitische Spannungen nahmen zu.

Dynamische Plattformen wie Facebook, die Menschen weltweit vernetzen sollten, haben sich zu einem starren Machtklumpen verwandelt. Gleichzeitig formen ehemalige Geheimdienstler autokratische Staaten und schalten kritische Stimmen aus – während andere Mächte zusehen. Das nährt Angst um die eigene Sicherheit.

Vertreterinnen und Vertreter dieser neuen Hoffnung haben einen Hang zu aktivistischer Ausrichtung.3 Dabei sind ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, etwa die Klimabewegung, nicht mehr en vogue. Das Vakuum der Zukunftshoffnung wird von diesen neuen Aktivistinnen und Aktivisten gefüllt. Die Parallelen sind dabei verblüffend ähnlich: Schon ihre Vorgänger träumten von einer guten Zukunft, in der die Enkelkinder genug vorfinden.

Geht es doch um Politik?

Auf die Bevölkerung gesehen, tangiert diese Hoffnung nur einen kleinen Teil. Viele wollen sich nicht mit geopolitischen Fragen befassen, andere fragen sich, wohin wir steuern. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es auf westlichem Boden, mit Ausnahme der Balkankriege, weitgehend friedlich geblieben. Das Völkerrecht und andere Abkommen schufen Stabilität. Zwar wurden sie oft aufgrund von Eigeninteressen gewieft ausgetrickst, dennoch dienten sie als Leitlinie.

Doch die Ordnung, auf der diese Stabilität beruhte, war von Beginn an ambivalent. Sogenannte Hilfe für andere Staaten diente oft den Interessen des eigenen Staates, etwa um langfristig Märkte zu erschließen. Obwohl schon immer das Gesetz des Starken galt, haben sich Staaten dennoch Regeln gegeben – Regeln, die nun zunehmend unterlaufen werden. Heute sind „Hilfe“ und „nationale Sicherheit“ zu völlig entleerten, beinahe absurden Begriffen geworden – Zynismus kann ein Mittel sein, um mit einer solchen Politik klarzukommen.4 Kein Wunder also, dass manche keine Geduld mehr für politische Prozesse aufbringen und auch nicht länger mühsam gemeinsame Ziele aushandeln wollen. Hoffnung jenseits der Politik ist indirekt aber genauso politisch.

Gemeinsam Ohnmacht aushalten

Eine bessere Option ist für mich aber die Freundschaft: den Anderen auszuhalten, auch bei völlig divergierenden Vorstellungen vom Leben. Was verbindet, ist der gemeinsame Weg, nicht der Sieg oder die Optimierung von Ressourcen. Freundschaft erlaubt es, nicht die Macht, sondern die „Ohnmacht“ zu wählen – z.B. gemeinsam für die Schöpfung einzustehen, auch wenn andere weiterhin von Termin zu Termin fliegen.

Ein Beispiel für ein derartiges Projekt ist der neue Fastenbegleiter Ohnmacht, die Hoffnung entfacht.5 Menschen, die bisher kaum zusammenfanden, haben dieses Projekt gemeinsam gestaltet. So kommen römisch-katholische, reformierte, freikirchliche bis hin zu pfingstlichen Traditionen zusammen und schrieben an diesem Gefühl und vielleicht auch an der faktischen Erfahrung des Nicht-Machbaren. Dieses Erproben dieser gemeinsamen Idee entspricht ganz dem Ansatz von Ivan Illich:6

„Die einzige Möglichkeit liegt jetzt darin, dass wir diese Berufung als die des Freundes begreifen. Auf diese Weise kann sich die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft ausbreiten. Dies kann nicht eigentlich mit Worten geschehen, sondern durch kleine Handlungen närrischer Entsagung.“

Wo lassen sich heute Freunde finden, die vor allem ihre Berufung im Freundsein sehen und sich gemeinsam auf den Weg begeben und ganz im Moment leben, statt sich von der Zukunft treiben lassen?


1. NZZ, Eine Sehnsucht nach Transtendenz und Tradition: Warum immer mehr junge Franzosen in die katholische Kirche eintreten, o.S, online unter: https://www.nzz.ch/international/warum-immer-mehr-junge-franzosen-sich-der-katholischen-kirche-zuwenden-ld.1916592, abgerufen am 21. Januar 2026.

2. Das war die Grundbotschaft von Dan Blythe, Leiter Youth Alpha aus England, im Referat an der Explo 2025.

3. Auf die Spitze getrieben und als kollektive Erinnerung bleibt Charlie Kirk. Zwar ist dieses Extrembeispiel nicht repräsentativ für die beschriebene Atmosphäre dieser „neuen“ Hoffnung, wie sie etwa Dan Blythe in seinem Referat implizierte, doch es verdeutlicht, wie breit und facettenreich diese „neue“ Hoffnung aufgegriffen wird.

4. Das endgültige Fanal der „neuen“ Politik ist die Gefangennahme von Nicolás Maduro. Es steht zu befürchten, dass der Damm des Völkerrechts nun unaufhaltsam Risse bekommt und ins Wanken gerät. Kaum jemand weint Maduro eine Träne nach, der Menschenrechte grob verletzt und viele eingesperrt und gefoltert hat. Aber den USA geht es sicher nicht um das venezolanische Volk, sondern um das Öl. Exemplarisch sind die Äusserungen der USA zu nennen: «Dieses Öl wird zu seinem Marktpreis verkauft, und das Geld wird von mir als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kontrolliert, um sicherzustellen, dass es zum Wohl des venezolanischen Volkes und der Vereinigten Staaten verwendet wird», vgl. SWI, Trump sichert sich Zugriff auf Venezuelas Öl-Milliarden, o.S., online unter: https://www.swissinfo.ch/ger/trump-sichert-sich-zugriff-auf-venezuelas-%C3%96l-milliarden/90734940, abgerufen am 21. Januar 2026.

5. Exemplarisch könnte auch die Explo genannt werden, die ein ganz anderer Kreis von unterschiedlichen Menschen zusammenbringt, die sonst kaum miteinander reden würden.

6. Ivan Illich, In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley. 2006, 196.

Dieser Artikel erschien zuerst auf StopArmut.

Der Fastenbegleiter 2026 von StopArmut „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“ kann entweder digital oder als Heft hier bestellt werden.

31. Januar 2026/0 Kommentare/von Lukas Gerber
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/01/Fastenbegleiter-Blog.png 783 1500 Lukas Gerber https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Lukas Gerber2026-01-31 11:22:282026-01-31 14:00:29Hoffnung ja, aber welche?
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