Nächstenliebe

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In den Evangelien der Bibel sind die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen die höchsten Gebote. Wenn wir von christlichen Werten sprechen, dann sind diese also zentral. In heutigen Ohren mag Nächstenliebe etwas verstaubt tönen, sie ist aber hochaktuell. Was könnte das für die heutige Gesellschaft und für unsere Demokratie bedeuten?

In Lukas 10.29–37 fragte ein Gesetzeslehrer nach, wer denn sein Nächster sei. Darauf antwortete ihm Jesus mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters. Die als korrekt religiös angesehenen Priester und Leviten gingen am Überfallenen vorbei, aber ein geächteter Samariter erbarmte sich ihm. Nur er lebte die Nächstenliebe aus.

Hierarchie der Nächstenliebe?

Wer sind heute unsere Nächsten? Für mich sind es all diejenigen, denen wir begegnen, mit denen wir zu tun haben. Aber auch all diejenigen, bezüglich denen wir eine Handlungsmöglichkeit haben. Denn in Matthäus 25 wird auch danach gerichtet, was wir nicht getan haben. Heute haben wir auch Handlungsmöglichkeiten gegenüber den «Ärmsten» der Welt.

Dies bedeutet auch, dass die Idee falsch ist, dass wir zuerst für uns resp. für die Schweiz schauen müssen. Jeder Mensch auf der Welt ist gleich viel wert. Zuerst für uns zu schauen oder gar eine Hierarchie der Nächstenliebe aufzustellen, ist Egoismus: Denn zuerst für «die Eigenen» zu schauen, bringt letztlich uns selber Vorteile. Zuerst für die eigene Nation zu schauen, ist Nationalismus. Wie wenn wir mehr Wert wären als andere! Gerade heute, mit zunehmender Not in der Welt, können die wohlhabenden Nationen nicht sagen, sie müssten zuerst für sich selbst schauen. Die Folge davon sind z.B. Hunger und Tod.

«Jeder Mensch auf der Welt ist gleich viel wert.»

Handlungsmöglichkeiten haben wir auch gegenüber der Generation unserer Kinder und Kindeskinder. Da auch sie intakte Lebensgrundlagen brauchen, sind wir aufgefordert, die Schöpfung zu bewahren.

Eine Werterevolution

Das Wohl des Nächsten gleichzeitig zu suchen wie das eigene Wohl, das war eine revolutionäre Botschaft. Es bedeutet auch heute noch die Abkehr von Egozentrik und Egoismus. Und es ist ein Stachel im Fleisch des Mainstreams und der Wirtschaft, die – frei nach dem Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith – behauptet, dass es für alle am besten sei, wenn jeder zuerst die eigenen Interessen verfolge.

Oft projizieren wir aber unsere eigenen Wünsche auf die Nächsten, obwohl diese vielleicht andere Prioritäten haben. Nächstenliebe heisst hier, genauer hinzuschauen, die Menschen und ihre Freuden und Nöte wirklich kennenzulernen. Oder wir denken in Gruppen und vorgefassten Meinungen. Dies können Vorurteile sein, geprägt von Misstrauen. Auch hier gilt es, genauer und vorurteilsfrei hinzuschauen, und, wo möglich, echte Beziehungen aufzubauen. Nächstenliebe heisst hier, auf den Nächsten wirklich einzugehen.

Dies heisst auch, die Frage nach dem Warum zu stellen: Woher kommen die Meinungen, Verhaltensweisen und Nöte der Nächsten? Letztere können auf ungleichen Voraussetzungen basieren oder strukturelle Ursachen haben, was ein genaueres Hinsehen unangenehm machen kann. Denn dies kann unsere eigene Stellung und unseren Wohlstand in Frage stellen. Sind wir bereit dazu? Das ist die Konsequenz des Verses: «Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst». Also nicht zuerst ich, und wenn’s reicht, dann auch noch den Nächsten. Deshalb fordert Gott uns auf, das Recht der Armen zu schützen und für sie zu sorgen Es gibt also kein Entweder-oder!

Wir sind aber Meister darin, Rechtfertigungsideologien aufzubauen, um nicht helfen oder teilen zu müssen: «Er ist faul», «Er ist selber schuld», «Es ist besser für ihn, wenn ich nicht helfe». All dies mag in gewissen Fällen zutreffend sein, aber wir wenden es seeeehr oft an. Denn Vorurteile sind angenehm, weil sie uns entlasten.

Wer braucht unsere Liebe besonders?

Wer braucht die Nächstenliebe besonders? Das Alte und das Neue Testament fordern mit Nachdruck immer wieder zum Schutz der Witwen, Waisen, Armen, Elenden, Geringen, Ausländer, etc. auf. Sie sind in Gottes Augen besonders schutzbedürftig. Im Alten Testament wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen durch Umstände in Schulden und damit in Schuldknechtschaft kommen. So sind sie den «Starken» ausgeliefert. Die Propheten klagten das Volk Israel an, dass die Starken versuchen, das Recht der Schwachen zu beugen, statt ihnen zum Recht zu verhelfen.

Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf den Armen, zu deren Gunsten zahlreiche Aufrufe erfolgten (z.B. „Es sollte überhaupt kein Armer unter euch sein“ 15. Mose 15.4). Natürlich sagt Jesus im Neuen Testament, dass es immer Arme geben werde. Dies ist aber deskriptiv und nicht, was Gott sich wünscht. Deshalb wurde im alten Israel der Zehnte auch für die Armen gebraucht und diese hatten das Recht auf die Nachlese und alle sieben Jahre auf die Frucht eines Feldes. Auch strukturelle Anordnungen – wenn auch nur selten umgesetzt – sollten für Gerechtigkeit und Umverteilung sorgen, damit Familien ihre Schuldknechtschaft abschütteln und wieder für sich selber sorgen konnten. Hier geht es auch darum, Nachteile auszumerzen und gleiche Lebenschancen zu geben.

Die Stimme erheben

Nächstenliebe heisst auch, sich für Benachteiligte einzusetzen: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für den Rechtsanspruch aller Schwachen! Öffne deinen Mund, richte gerecht und schaffe Recht dem Elenden und Armen!“ (Sprüche 31.8–9)

Wer sind heute diejenigen, die unsere Stimme am meisten brauchen? Wer sind die Machtlosen, die Verletzlichsten, die Elenden, diejenigen, denen es am schlechtesten geht? Die Menschen in Armut? Die Kinder, die überdurchschnittlich oft von Armut betroffen sind, die in der Schule immer mehr Druck verspüren und herumgeschoben werden? Die Migranten, die als Gefahr angesehen werden? Menschen mit Behinderung? Weniger Gebildete, die kaum mehr mithalten können? Oder ganz einfach weniger Leistungsfähige? Es ist unsere Aufgabe, diesen Benachteiligten zu ihrem Recht und zu fairen Lebenschancen zu verhelfen. Das kann z.B. geschehen durch Umverteilung, durch Stärkung, durch gleichen Zugang zum Recht etc. Sie sind zwar nicht ganz stimmlos, aber sie werden in unserem System, wo die Grösse des Megafons und die Machtposition entscheidend für den Einfluss sind, einfach nicht mehr gehört. Denn wo sich ein Milliardär ein Medium kaufen kann, hat er viel mehr Einfluss als Zehntausende von Menschen.

Was könnte das konkret heissen?

Zum Beispiel im materiellen Bereich: Für Löhne und Kinderzulagen sorgen, die für eine Familie zum Leben reichen. In der Sozialhilfe nicht einfach blindlings den Betroffenen Geld zuschanzen, sondern genauer hinschauen und evaluieren, was die Person braucht, um wieder auf die eigenen Füsse zu kommen: Umschulung? Psychologische Unterstützung? Ein besseres Netz? In Winterthur und Lausanne wurden deshalb mehr Sozialhilfemitarbeitende eingestellt, damit diese Zeit haben, mit den Betroffenen Lösungen zu finden. Der Erfolg für die Betroffenen und die sinkenden Kosten geben dieser Sichtweise recht. Hier wird an der auch in der Bibel erwarteten Eigenverantwortung festgehalten, aber die Voraussetzungen geschaffen, damit diese überhaupt wahrgenommen werden kann.

Wir sollten auch einen besonderen Fokus auf die Kinder legen: «Jeder kann selber» gilt bei ihnen erst recht nicht. Schlechte Situationen behindern ihre gesunde Entwicklung. Hier muss in Früherkennung und Frühintervention investiert werden, für ihre Zukunft und letztendlich auch zur Verminderung der zukünftigen gesellschaftlichen Probleme und damit Kosten. Wir müssen für gute Voraussetzungen sorgen und sie besonders dort unterstützen, wo Eltern nicht (mehr) ihrer Verantwortung nachkommen können – zum Beispiel, wenn sie eine Suchterkrankung entwickeln.

«Der Staat soll nicht»

In den Kirchen hören wir manchmal, dass die Benachteiligten sich einfach an Gott wenden sollten und der Staat nicht Aufgaben von Gott übernehmen solle.

Und doch: die Politik ist ein Teil der Lösung. Denn Nächstenliebe bedeutet nicht nur Pflästerli und Almosen, sondern auch strukturelle Ursachen von Not und Elend anzusprechen und zu verändern, wie es auch im Alten Testament gefordert wurde. Wir selbst bestimmen die Politik mit, wir stellen die Regeln und gerechte Strukturen auf, die Auswirkungen auf das Wohlergehen der Nächsten haben. Wir sind also für die Umstände unserer Nächsten mitverantwortlich.

Ja, Barmherzigkeit darf nicht einfach an die Politik delegiert werden, aber Barmherzigkeit einzig durch die Christen und Kirchen genügt offensichtlich nicht. Wir werden auch danach gerichtet, was wir nichtgetan haben (Matthäus 25), und wenn wir wissen, dass durch eine Gesamtorganisation – also auch über Politik – den Nächsten viel mehr Gutes getan werden kann, dann sollten wir das tun. Es stimmt, dass viele Menschen die Barmherzigkeit leider an den Staat delegieren, aber gleichzeitig gibt es bei vielen Christen die Tendenz, sich nur um das eigene Seelenheil zu kümmern und das Wohl der Nächsten einfach an Gott zu delegieren.

Jeder Mensch ist von Gott geschaffen und hat den gleichen Wert

Nächstenliebe heisst auch anzuerkennen, dass jeder Mensch von Gott geschaffen und gleich geliebt ist. Dies erfordert, jedem Menschen den gleichen Wert und damit gleiche Aufmerksamkeit, gleichen Respekt und gleiche Lebenschancen zuzugestehen.

Im persönlichen Umgang bietet uns Matthäus 7,12 eine gute Richtschnur: «Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.» Im gesellschaftlichen Umgang heisst dies auch, andere Gruppen und Nationen so zu behandeln, wie wir es von ihnen erwarten, behandelt zu werden. Dies wird aber sehr oft von der Angst vor den «Anderen» und den «Fremden» überlagert. Deshalb sollten wir Acht geben, nicht gegen sie zu hetzen, indem wir ihnen böse Dinge unterstellen, von denen wir eigentlich keine Ahnung haben. Dies ist immer der Ursprung von Verfolgung. Deshalb redet Jesus auch von Feindesliebe. Genau davon scheinen wir uns aber heute mehr denn je zu entfernen: Wir bewegen uns in unseren Internet-Bubbles und werden immer stärker in unseren «Wahrheiten» und in unserem Gruppendenken bestärkt. Damit werden «die Anderen» für uns immer unverständlicher und zur Gefahr für uns.

Auf dem Weg zum Recht der Stärkeren?

Die Rechtfertigung des eigenen Vorrechts betrifft alle Gruppen der Gesellschaft. Die Stärksten haben aber die grösste Chance, sich dabei auch durchzusetzen. Gerade in den USA sehen wir heute unter Präsident Trump eine Entfesselung der «Starken». Viele Geld- oder Energie-Mächtige sind nicht mehr bereit, sich zu Gunsten der Nächsten beschränken zu lassen. Im Zuge der zunehmenden Machtungleichheiten scheinen ihnen die Opportunitätskosten zu hoch: Die (gesetzlichen) Einschränkungen hindern sie daran, ihre Ressourcen voll zur Entfaltung zu bringen. Libertäre Ideologien und die Aushebelung der Verhinderer wie der Staat und die Demokratie haben deshalb Aufwind. Zunehmend wird eineMeritokratie ohne Chancengleichheit propagiert und dies mit der Behauptung einer «moralischen Überlegenheit» begründet: Diejenigen, die früh aufstehen» stehen den «Profiteuren» gegenüber.

Verfechter dieser Tendenzen wie Elon Musk oder Donald Trump haben auch schon offen gesagt, sie hätten keine Empathie mit «Losern». Nächstenliebe, genaues Hinsehen und daraus Verständnis entwickeln sind keine Optionen. Der einzige Gradmesser für sie ist die Stärke. Dies dringt in allen Aussagen zu anderen Menschen durch. Elon Musk ist auch ein Verfechter der Züchtung vonSupermenschen, die eine zukünftige Herrscherkaste bilden soll.

So ist es nichts als logisch, dass in den USA alle Programme zum Ausgleich von Benachteiligungen geschwächt oder sogar abgeschafft werden. In ihrer Ideologie der Stärke ist dies den aktuellen Herrschern so wichtig, dass sie auch ausländischen Unternehmen, die in den USA arbeiten wollen, die Abschaffung solcher Programme vorschreiben und den Universitäten verbieten, zu Benachteiligungen zu forschen oder zu lehren. Die Logik des «survival of the fittest» ist mit ein Grund, warum sämtliche Hilfe an ärmere Länder, humanitäre Hilfe, Unterstützung von internationalen Organisationen und Impfprogramme von Musk und Trump abgeschafft wurden, was selbst den konservativen Aussenminister Rubio erzürnte, der bei diesen Entscheiden übergangen wurde. Durch die fehlenden Hilfen sind Hunderttausende von toten Kindern und Erwachsenen zu erwarten. Das Sterben hat bereits begonnen.

Die Stärksten sollen herrschen, eine Idee, die bereits in den Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Bereits heute werden schwächere Menschen in der Gesellschaft in gewissen Kreisen entwertet und gar als Last angesehen. Bis zur Euthanasie ist es nicht mehr weit. Inzwischen werden in den USA Wahlrechte eingeschränkt, die Verbreitung von unliebsamen Ideen und Fakten durch Universitäten verboten, viele Politikerinnen und Politiker von Elon Musk gekauft und abhängig gemacht und die Medien gegängelt (wie die früher kritische Washington Post heute durch Jeff Bezos).

Sind wir Christen noch die Vertreter der Nächstenliebe?

In christlichen Kreisen werden benachteiligte oder schwächere Menschen oft einfach an Gott weiterverwiesen. Gott helfe ihnen schon, sie sollten einfach beten. Wie wenn sie das Elend verdient hätten, wenn sie nicht genug beten! Im Gegensatz dazu ruft uns die Bibel dazu auf, selber für Gerechtigkeit, Hilfe zu sorgen und unseren Reichtum zu teilen.

Vor Gott gilt nicht das Recht des Stärkeren, sondern der gleiche Wert jedes Menschen und das gleiche Recht, gehört zu werden, mitzubestimmen und teilzuhaben. Das Recht des Stärkeren ist also das Gegenteil der Nächstenliebe. Wie können wir diese beschreiben, damit sie in der Öffentlichkeit verstanden wird? Zum Beispiel mit darin enthaltenen Aspekten: Empathie, Mitgefühl, Barmherzigkeit, Respekt, Altruismus, etc. Sie ist für die Menschen und nicht gegen die Menschen. Sie ist gegen die Herrschaft des Stärkeren, der Interessen und des «Alles ist verkäuflich». Das ist die Bedeutung, Salz der Erde zu sein. Sind wir es noch?

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Hintergrundfoto der Collage von Marlis Trio Akbar auf Unsplash
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«Ich wünschte, er würde einfach sterben», sagte mein Kollege erbittert – gemeint war der Aggressor eines grauenhaften Krieges. Diese Aussage mag zunächst schockierend wirken, denn man «darf» doch niemandem den Tod wünschen. Zudem würde der Tod eines Einzelnen kaum das Ende eines Konflikts bedeuten. Doch die Aussage bringt eine innere Spannung zum Ausdruck, mit der wir derzeit wohl alle ringen.

Auf der einen Seite steht das christliche Gebot der Feindesliebe (vgl. Mt 5-7), das uns davon abhalten sollte, andern Schlechtes zu wünschen oder ihnen Gewalt anzutun. Auf der anderen Seite steht das Wissen um das Unrecht, das geschieht – und unser ebenso christlicher Auftrag, gegen Unrecht aufzustehen und die Schwachen zu schützen (vgl. Spr 31,8-9). In manchen Fällen scheint das Nichthandeln schwerwiegendere Folgen zu haben als das Handeln.

Christliche Friedensbotschaft unabhängig von den Umständen

Laut dem Global Peace Index gibt es derzeit 56 bewaffnete Konflikte, an denen 92 Staaten ausserhalb ihrer Landesgrenzen beteiligt sind – der höchste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg.1 Für den evangelischen Friedensbeauftragten und Pazifisten Friedrich Kramer ist klar: Kriege lassen sich durch nichts rechtfertigen, und jede militärische Unterstützung einer Kriegspartei hält diese Konflikte nur aufrecht. Er sagt: «Die christliche Friedensbotschaft hängt nicht davon ab, ob es blutrünstige Kaiser oder machtbesessene Oligarchen gibt. Die Idee der Gewaltlosigkeit Jesu überdauert all diese, auch das römische Imperium. Im Krieg sterben nicht die Mächtigen, sondern der einfache Mann. Kriege sind mörderisch und durch nichts zu rechtfertigen. All das spricht für den Pazifismus.»2

Eine radikal pazifistische Sichtweise ist geprägt vom fundamentalen Antimilitarismus.3 Sie betont die kompromisslose Gewaltlosigkeit als christliches Ideal, besonders basierend auf der Bergpredigt Jesu. Sie geht davon aus, dass Gewalt immer Gegengewalt erzeugt, das Leben heilig und Töten grundsätzlich falsch ist. Allerdings ist «der Pazifismus» kein einheitliches Konzept – unter diesem Begriff versammeln sich unterschiedliche Ansätze.

Rechtfertigt unser Auftrag, gegen Unrecht aufzustehen, auch (gewaltsame) Verteidigung?

Doch so einfach ist es nicht. Wofür sind wir als Christinnen und Christen verantwortlich? Nach Ambrosius von Mailand sind wir nicht nur für unser Handeln, sondern auch für unser Nicht-Handeln verantwortlich.4 D.h. wenn ich etwas Schlechtes verhindern könnte und das nicht tue, dann bin ich genauso verantwortlich, wie wenn ich es tue: «Denn wer nicht von seinem Mitmenschen Unrecht abwehrt, wenn er kann, ist ebenso schuldbar wie jener, der es begeht.»5 Ambrosius bezieht sich hier auf die rechtliche Ausnahmeregelung der Notwehrhilfe. Interessant ist, dass sowohl er als auch Augustinus von Hippo die Notwehr auf individueller Ebene zurückweisen, da diese bedeuten würde, das eigene Leben über das Leben des Angreifers zu stellen. Hingegen sei es etwas anderes, wenn ich in eine Situation komme und Notwehrhilfe leisten kann, denn dann stelle ich das Leben der bedrohten Person über das Leben des Angreifers, und werte somit in diesem Moment das Gebot der Nächstenliebe höher als das Gebot der Feindesliebe. Aus diesem Gedanken heraus befürworten Ambrosius und Augustinus schliesslich die Notwehr, also die (gewaltvolle) Verteidigung, auf kollektiver Ebene, abgeleitet nicht aus der Notwehr auf individueller Ebene, sondern der Notwehrhilfe.6

Wie viel wissen wir über die Folgen unseres Handelns – oder Nichthandelns?

Laut dem Philosophen Olaf Müller vertreten verantwortungsethische Pazifistinnen und Pazifisten die Haltung, dass es in den meisten Fällen deutlich schlimmer ist, auf Gewaltmittel zu setzen als auf friedliche Lösungen. Doch, so Müller, überschätzen sie sich oft: Wer kann schon zuverlässig vorhersagen, welche Massnahmen zu welchen Konsequenzen führen? Wie viele Tote es geben wird – je nach Entscheidung?

Verantwortungsethiker, die militärische Mittel befürworten, verfügen über genauso wenig Vorhersagekraft wie Pazifistinnen. An diesem Punkt tritt unser Menschenbild in den Vordergrund: Menschen mit einem eher optimistischen Menschenbild neigen eher zu pazifistischen Lösungen. Wer dagegen glaubt, dass der Mensch grundsätzlich nicht gut ist, wird dazu tendieren, Gewalt (oder deren Androhung) für notwendig zu halten, um Vernunft und Frieden zu erzwingen.

Der Streit ums Menschenbild lässt sich wissenschaftlich nicht entscheiden. Ein positives Menschenbild ist schön – doch hilft es uns durch die Härten der Realität? Ist es naiv, auf das Gute zu vertrauen, wenn rundherum aufgerüstet wird und Dialogbereitschaft fehlt?7

Relativer politischer vs. absoluter persönlicher Pazifismus?

Hier treffen zwei Prinzipien aufeinander: das Gebot absoluter Gewaltfreiheit und das Gebot absoluter Liebe. Es ist ehrenwert, wenn Christinnen und Christen auf jede Form von Gegengewalt verzichten und dabei sogar Gefahren für ihr eigenes Leben in Kauf nehmen. Aber können sie diese Entscheidung auch für andere – oder für eine ganze Gesellschaft – treffen?

Sollte man nicht im Einzelfall prüfen, ob etwa defensive Waffen (und nur defensive!) dazu beitragen können, Leid in einem Kriegsgebiet zu begrenzen und zu einem raschen, dauerhaften Ende der Kampfhandlungen beizutragen?8 Jedoch erst, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft, es keine nicht-militärische Handlungsoptionen mehr gibt und parallel noch immer diplomatische Verhandlungen geführt werden?

Für mich bleibt das ein schwieriger Gedanke. Ausserdem würde ich gerne, obwohl das vielleicht naiv ist, mein optimistisches Menschenbild aufrechterhalten. Doch hilft diese Einstellung in der aktuellen Lage?

Christliche Hoffnung in den Spannungen dieser Welt

Kant sagte einst, der Friede sei nie gegeben – man müsse ihn aktiv schaffen.9

Die Spannungen, die uns heute beschäftigen, werden uns vermutlich weiterhin begleiten. Und doch haben wir Hoffnung und eine Verheissung: «Er wird richten unter vielen Völkern und zurechtweisen mächtige Nationen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das Schwert gegen ein anderes erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.» (Micha 4,3)


1. Vision of Humanity. (2024). Highest number of countries engaged in conflict since World War II.
https://www.visionofhumanity.org/highest-number-of-countries-engaged-in-conflict-since-world-war-ii/. Abgerufen am 18.05.2025.

2. pro Medienmagazin. (2022). Friedrich Kramer: „Waffen schaffen keine Gerechtigkeit“.
https://www.pro-medienmagazin.de/friedrich-kramer-waffen-schaffen-keine-gerechtigkeit/. Abgerufen am 18.05.2025.

3. Evangelische Aspekte. (o. J.). Pazifismus – verschiedene Konzepte.
https://www.evangelische-aspekte.de/pazifismus-konzepte/. Abgerufen am 18.05.2025.

4. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 34:20].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.

5. Ambrosius von Mailand. De Officiis Ministrorum. Erstes Buch: Vom Sittlichguten, Kapitel XXXVY (179).

6. Bewegung Plus Bern. (2025). Spannungsfeld: Krieg und Frieden – Gottesdienst vom 18.05.2025 mit Patrik Hofstetter. [YouTube-Video, ab Minute 36:05]. https://www.youtube.com/watch?v=ktuLfnLv4CM Abgerufen am 18.05.2025.

7. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 8:45].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.

8. https://www.evangelische-aspekte.de/pazifismus-konzepte/

9. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 27:00].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.


Dieser Artikel erschien zuerst im Gerechtigkeitslab bei StopArmut. ChristNet ist Mitglied des Trägerkreises der StopArmut-Konferenz, die am 1. November 2025 stattfindet.

Titelbild von lummi.ai

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Welche Rolle spielen Werte in unserem Leben? Was bedeuten sie für Christinnen und Christen? Wie sind christliche Werte erkennbar? Diese und andere Fragen in diesem Zusammenhang beantwortet dieser Artikel.


In Kürze

  • Werte verändern sich im Laufe der Geschichte und richten sich sowohl nach gesellschaftlichen Umständen als auch nach den individuellen Bedürfnissen. Dadurch entstehen unterschiedliche Werte-Hierarchien.
  • Die Quelle von Werten ist vielfältig: kulturell, psychologisch, philosophisch und für Christen besonders durch Bibel, Tradition und das Wirken des Heiligen Geistes geprägt.
  • Im christlichen Glauben dienen Werte nicht nur der moralischen Orientierung, sondern haben wichtige Aufgaben: sie sollen Gottes Wesen widerspiegeln, Gemeinschaft fördern, zur Nachfolge motivieren und als Zeugnis für die Welt wirken.
  • Die Liebe – zu Gott und zum Nächsten – sollte als höchster und zentraler Wert verstanden werden, aus dem alle anderen Werte hervorgehen und durch den sie ihren Sinn erhalten. Christliche Gemeinschaften sollten sich vor allem durch ihre gelebte Liebe auszeichnen und immer wieder reflektieren, wie dieser Leitwert in der heutigen Zeit konkret Ausdruck finden kann.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte, aber auch im Laufe der Religionsgeschichte haben sich Werte ständig weiterentwickelt und verändert. In der frühen Menschheitsgeschichte waren Zusammenhalt, Loyalität, Teilen und eine enge Verbindung mit der Natur hohe Werte, was dem unmittelbaren Anliegen des Überlebens geschuldet war. In den antiken Hochkulturen waren es eher Werte wie Ordnung, Gesetz, Weisheit und Tugend. Und in unserer heutigen Gesellschaft dominieren Werte wie Individualismus, Freiheit, Toleranz, Gesundheit oder Leistung. Aber Werte unterliegen nicht nur einer Veränderung durch wechselnde Epochen der Menschheitsgeschichte, sondern auch durch die unterschiedlichen Bedürfnisse des Individuums. Wer viele Jahre auf einer einsamen Insel verschollen war, für den wird Gemeinschaft, Miteinander und Kommunikation zu etwas ungeheuer Wertvollen. Und wer lange Zeit in einem Kriegsgebiet leben musste, für den werden Sicherheit, Frieden und Gewaltlosigkeit – oder auch der Wunsch nach Rache zu essenziellen Werten. Und wer als Sklave geboren wurde oder viele Jahre Zwangsarbeit leisten musste, für den wird Freiheit, Mitbestimmung und Würde zu zentralen Werten. Ein Wertesystem ist damit immer abhängig vom Zustand einer Gesellschaft und den Bedürfnissen eines Individuums.

So kommt es auch, dass je nach Kontext unterschiedliche Werte-Hierarchien entstehen. Für den Schiffbrüchigen auf der einsamen Insel sind Freiheit und Mündigkeit kostbar, aber Gemeinschaft und Miteinander rangieren für ihn wahrscheinlich deutlich weiter oben.Dadurch erfahren die Werte an der Spitze dieser Hierarchie besondere Beachtung, wohingegen Werte, die deutlich weiter unten rangieren, schneller in Vergessenheit geraten können.

Aber was sind eigentlich Werte?

Werte sind grundlegende Überzeugungen, Prinzipien oder Qualitäten, die für eine Person, eine Gruppe oder eine Gesellschaft als wichtig, wünschenswert oder erstrebenswert gelten. Sie dienen als Massstäbe und Orientierungspunkte für unser Verhalten, unsere Ziele, unsere Motivation, unsere Urteile und unsere Identität. Wenn Werte uns prägen, verinnerlichen wir diese Massstäbe und Orientierungspunkte. Und je stärker diese Prägung ist, desto schwerer fällt es uns gegen diese Werte zu verstossen oder sie zu verändern.

Im christlichen Glauben – wie in allen Religionen – spielen Werte eine ganz besondere Rolle.Sie sind nicht nur abstrakte Ideale, sondern sollen das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft bewusst prägen. Sie erfüllen damit unterschiedliche Aufgaben:

  1. Ethik und moralischer Kompass
    Christliche Werte dienen als Richtschnur für das Denken, Fühlen und Handeln. Sie helfen Gläubigen zu unterscheiden, was im Sinne Gottes gut, richtig und erstrebenswert ist. Sie bieten einen Massstab, um Entscheidungen im Alltag, in ethischen Dilemmata und in Bezug auf Lebensziele zu treffen. Sie begründen, warum bestimmte Handlungen geboten oder verboten sind. Werte helfen dabei, persönliche Prioritäten, gesellschaftliche Strömungen, kulturelle Normen und sogar religiöse Lehren kritisch zu prüfen und zu beurteilen. Sie ermöglichen eine «Unterscheidung der Geister“ – also zu erkennen, was mit Gottes Willen übereinstimmt und was nicht.
  2. Ausdruck von Gottes Wesen:
    Für Christen reflektieren diese Werte etwas vom Wesen Gottes. Ein von diesen Werten bestimmtes Handeln und Leben spiegelt den Willen und die Absichten Gottes wider.
    Indem Christen versuchen, nach Gottes Werten zu leben oder sie zu verkündigen, wollen sie etwas vom Wesen und Charakter Gottes in der Welt sichtbar machen.
  3. Zieldefinition und Motivation (Nachfolge Christi):
    Christliche Werte beschreiben das Ziel des christlichen Lebens: Gott zu ehren, ihm ähnlicher zu werden (Heiligung, imitatio Christi), Frucht des Geistes hervorzubringen (Galater 5,22-23) und am Kommen des Reiches Gottes mitzuwirken. Sie motivieren Gläubige, über egoistische Interessen hinauszugehen. Werte werden zum wichtigen Orientierungspunkt der persönlichen Transformation.
  4. Formung der Gemeinschaft:
    Gemeinsam gelebte Werte stiften Identität, Einheit und Zusammenhalt innerhalb der christlichen Gemeinschaft (Kirche, Gemeinde). Sie können dadurch auch der Abgrenzung dienen dem Gegenüber, was diesen Werten widerspricht oder sich ihnen in den Weg stellt.
  5. Zeugnis für die Welt (Missionale Dimension):
    Ein Leben, das sichtbar von christlichen Werten wie Liebe, Vergebung, Gerechtigkeit und Hoffnung geprägt ist, kann ein kraftvolles Zeugnis für andere Menschen sein und auf die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft hinweisen.

Die Quelle unserer Werte

Die spannende Frage ist, woher sich eigentlich Werte speisen? Wie begründen sie sich oder was veranlasst sie?

Hier gibt es soziale und kulturelle Quellen wie das Elternhaus oder die Erziehung, vorgegebene gesellschaftliche Normen, unsere Peer-Group, soziale Medien, das religiöse Umfeld, in dem wir aufwachsen, oder unser Bildungssystem, das ebenfalls Werte vermittelt.

Es gibt aber auch psychologische Quellen wie unsere persönlichen Bedürfnisse, unsere Erfahrungen, Erfolge und Scheitern. Dabei spielen unser Temperament und unsere kognitive Reife eine wichtige Rolle.

Des Weiteren war auch immer wieder die Philosophie eine Quelle von Werten. Menschen denken über Werte nach, reflektieren die Realität, versuchen Widersprüche aufzulösen und begründen Werte durch ethische Theorien (Utilitarismus, die Pflichtethik Kants oder die Tugendethik des Aristoteles).

Für Christen ist die Quelle ihrer Werte in aller erster Linie die Bibel mit ihren Geboten, Erzähl- und Lehrtexten. Daneben orientieren sich Christen für ihre Werte am Charakter Gottes, der am deutlichsten in Jesus Christus und damit in den Evangelien sichtbar wird. Aber auch das unmittelbare Wirken des Heiligen Geistes, der uns in alle Wahrheit führen möchte, kann zur Quelle moralischer Urteile und damit zentraler Werte werden. Ausserdem spielen für Christen auch ihre Tradition und die Verwurzelung in ihrer religiösen Gemeinschaft eine wichtige Rolle, um zentrale Werte auszubilden.

Wertewandel

Viele Christen beklagen gegenwärtig einen deutlichen Wertewandel. Manche sprechen sogar von einer Erosion oder dem gänzlichen Verlust entscheidender christliche Werte. Für sie sollte jeder Bereich der Gesellschaft durchdrungen sein von biblischen Werten. Wo diese Werte aufgeweicht oder sogar abgelehnt werden, sieht man eine Gesellschaft moralisch und in ihrem Zusammenhalt gefährdet. Kann Gott solch eine Gesellschaft noch segnen oder trifft sie sein Gericht? Manchmal fühlt sich die Missachtung christlicher Werte wie eine persönliche Kränkung an. Wie könnt ihr in den Dreck ziehen, was für mich so zentral und kostbar ist?

Gleichzeitig scheint in weiten Teilen der westlichen Welt alles neu verhandelt zu werden. Der Bereich der Normalität, wo Werte scheinbar geklärt und vorgegeben waren, scheint immer kleiner zu werden. Was darf man noch sagen? Muss ich gendern? Was ist kulturelle Aneignung? Darf mein Kind noch als Indianer verkleidet in den Kindergarten gehen? Müssen Produkte oder Strassennamen aus politischer Korrektheit umbenannt werden? In Deutschland gibt es seit neuestem den Strafsachverhalt der Gehsteigbelästigung. Dabei dürfen vor Schwangerschaftskliniken oder Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbruch Personal oder Schwangere nicht länger von Abtreibungsgegnern angesprochen werden. Und so mancher Christ wird sich fragen, ob denn alles, was ihm bisher heilig und kostbar war, abgeschafftwird?

Dabei fokussiert sich die christliche Empörung auf ganz spezielle Werte und moralische Themen. Meist geht es um Themen wie Sexualmoral, Sex vor der Ehe, Pornografie, Homosexualität, Gender oder Transsexualität. In der Werte-Hierarchie stehen diese Themen ganz weit oben, sodass andere christliche Werte oftmals das Nachsehen haben oder gar nicht mehr im Blick sind. Und natürlich stellt sich gleichzeitig die Frage, ob die „alte Normalität“ wirklich so wertvoll und lebensfördernd war, wie sie manchen den Eindruck erweckt oder ob die Beharrungstendenzen vor allem die eigene vorteilhafte Sicht- und Lebensweise sichern sollen.

Um die wichtigsten Werte zu schützen, werden immer wieder Regeln und Gebote aufgestellt.Gebote sollen das schützen, was uns wertvoll ist. So schützen die zehn Gebote die monotheistische Gottesverehrung, aber auch das Leben, das Eigentum, die Ehe oder die Wahrhaftigkeit. Aber Regeln und Gebote haben ein ernstes Problem. Sie stützen Werte nur von aussen. Sie haben keine wirklich prägende Kraft, sondern halten Werte durch die Androhung von Strafe und Konsequenzen aufrecht. Im Judentum haben sich dadurch 613 Gebote und Verbote in der Tora entwickelt. Daneben gab es irgendwann hunderte von Sabbatvorschriften, unzählige Satzungen zu Reinheit und Unreinheit und endlose Speisegebote. Aber eigentlich war es schon immer Gottes Idee, uns seine Werte ins Herz zu schreiben und nicht auf steinerne Tafeln. Nicht Angst soll Gottes Kinder zum wertvollen Handeln veranlassen, sondern die tiefe Überzeugung, dass es nichts Besseres gibt und wirgerade dann zu unsrer Bestimmung finden, wenn wir die Werte des Himmels auf dieser Welt durch unser Leben widerspiegeln. Die alttestamentlichen Propheten werden nicht müde auf diese notwendige Verinnerlichung von Werten hinzuweisen.

Gibt es einen höchsten Wert?

Auch Jesus wurde einmal von einem verzweifelten Schriftgelehrten gefragt, auf was es im Gesetz wirklich ankommt. Gibt es bei all den Geboten etwas, das am wichtigsten, am bedeutsamsten, am wertvollsten ist? Etwas, das in gewisser Weise als Grundwert das gesamte Gesetz zusammenfasst? Gibt es etwas, das an der Spitze der Werte-Hierarchie steht?

Das Markusevangelium schreibt: «Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: «Welches ist das wichtigste von allen Geboten?» Jesus antwortete: «Das wichtigste Gebot ist: ‹Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!› An zweiter Stelle steht das Gebot: ‹Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!› Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.» (Mk.12,28-31 NGÜ)

Für Jesus steht also die Liebe zu Gott und die Liebe zum Mitmenschen an der Spitze aller Werte.

In der Bergpredigt umschreibt Jesus diesen Wert der Liebe durch den bekannten Satz: «Geht so mit anderen um, wie die anderen mit euch umgehen sollen. In diesem Satz sind das Gesetz und die Propheten zusammengefasst.» (Matthäus 7,12 NL).
Aber nicht nur Jesus macht die Liebe zum Massstab und Kriterium eines echten Glaubens und wahrhaftiger Nachfolge, sondern auch andere Autoren des neuen Testaments betonen die Bedeutung der Liebe als Grundlage aller Werte und aller christlichen Existenz.

Der Apostel Paulus schreibt:

  • Röm.13,8 Bleibt niemandem etwas schuldig, abgesehen von der Liebe, die ihr einander immer schuldig seid. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz Gottes erfüllt
  • «Ihr kennt die Gebote: ‚Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.‘ Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‘ Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.»(Römer 13,9f GNB).
  • Ihr seid zur Freiheit berufen, liebe Geschwister! Nur benutzt die Freiheit nicht als Freibrief für das eigene Ich, sondern dient einander in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ihr das eine Gebot haltet: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!»  (Gal.5,13-15)
  • Doch das Wichtigste von allem ist die Liebe, die wie ein Band alles umschliesst und vollkommen macht. (Kol.3,14)

Und der Apostel Jakobus schreibt: «Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift‚‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘, so tut ihr recht.» (Jakobus 2,8 LUT 2017).
Es gibt also ein königliches Gesetz, ein wichtigstes Gesetz, ein Leitgesetz, aus dem alle anderen Gebote herausfliessen: die Nächstenliebe. Sie ist der eine Wert, der allen anderen Werten ihre Berechtigung erteilt!

Der Kirchenvater Augustinus hat diese Überlegung auf die Spitze getrieben, indem er sagte: «Liebe und tue was du willst.» Augustinus fordert seine Hörer mit diesem Wort dazu auf, sich in allem Tun von göttlicher Liebe leiten zu lassen, in allem Tun den Vorrang der uneigennützigen, wohlwollenden Liebe anzuerkennen. In letzter Konsequenz geht er davon aus, dass Menschen, die Liebe zu ihrem allerhöchsten Wert und Leitprinzip gemacht haben, sich keine weiteren Gedanken um alltägliche Gebote, Regeln und Werte machen müssen, weil die Liebe in ihrem Herzen alles weitere regelt.

Liebe verleiht allem anderen seinen Wert

Für Jesus ist die Liebe kein nettes Anhängsel oder eine weitere Zutat aus dem Gewürzregal des Glaubens. Der Wert der Liebe ist die entscheidende Zutat, die allen anderen Werten ihre Richtung verleiht. Paulus drückt das so aus: «Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel. Wenn ich prophetische Eingebungen habe und alle himmlischen Geheimnisse weiss und alle Erkenntnis besitze, wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts. Und wenn ich all meinen Besitz verteile und den Tod in den Flammen auf mich nehme, aber ich habe keine Liebe – dann nützt es mir nichts.» (1.Kor.12,1-3 GNB). Es ist beeindruckend, wie sehr Paulus die Nutzlosigkeit und Wertlosigkeit von Geistesgaben, Hingabe und aufopferungsvoller Frömmigkeit betont, falls die innere Haltung der Liebe fehlt. Die Logik des Neuen Testaments ist bestechend: Alles – auch jeder andere Wert – verliert seinen Wert, wenn es nicht durchdrungen ist von der Liebe.

Mit Liebe sind nicht gute Gefühle oder Willkür gemeint, sondern die göttliche Agape. Es geht um eine ganz bestimmte Qualität der Liebe, die ganz und gar dem Wesen Gottes entspricht, denn Gott ist die Liebe. Mit der Liebe macht man es sich auch nicht leicht, denn es gibt kaum etwas Anspruchsvolleres als ein Leben, eine Haltung und ein Verhalten, dass die Liebe zum Nächsten als höchsten Wert hat. Das Hohelied der Liebe im Korintherbrief (1.Kor.13,4-8) beschreibt die Wesenszüge der Liebe in eindrücklicher Weise. An der Spitze aller Werte, aller Leitprinzipien, all dessen, was uns zutiefst prägen soll, steht die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Damit das Ganze nicht zu abgedroschen klingt, versuche ich einmal eine moderne Definition dessen, was den Wert der Nächstenliebe eigentlich meint. Nächstenliebe ist im Grunde nichts anderes wie der Wunsch, das Leben des anderen zum Blühen zu bringen. Durch welche Worte, durch welche Handlung, durch welches Verhalten, durch welche Unterstützung, durch welche Haltung, durch welche Motivation kann ich mithelfen, das Leben des anderen zum Blühen zu bringen? Aus dieser Überlegung herausfliessen dann alle anderen Werte wie Ehrlichkeit, Treue, Aufrichtigkeit, Hingabe, Rücksicht, Wertschätzung Barmherzigkeit, Mitleid, Zivilcourage, Freiheit, Gewaltlosigkeit, und vieles mehr.

Für welche Werte wollen wir bekannt sein?

Wollen Christen wirklich für ihre strenge Sexualmoral, ihre Heiligkeit, ihre Absonderungoder ihre moralische Überlegenheit bekannt sein? Als weltweite Christenheit hätten wir in der Liebe eine entscheidende Grundlage für unser Miteinander, für unser Auskommen, für unsere Solidarität, für unsere Schnittmenge und für unser Zeugnis. Hatte Jesus nicht gesagt: «An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.» (Johannes 13,35 NGÜ). Aber leider spielt die Liebe in unserem christlichen Miteinander oft eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger für unser Miteinander sind dogmatische, theologische, eschatologische oder moralische Fragen. Und wenn das alles passt, dann darf gern auch noch die Liebe dazukommen. Damit stellen wir die Logik des Paulus auf den Kopf: Liebe ist wichtig, aber ohne das richtige Bibelverständnis, ohne die richtige Moral, ohne die richtige Sicht des Kreuzes, ohne die Betonung von Gerechtigkeit und Gericht ist die Liebe nutzlos. Bei Paulus dagegen ist ohne Liebe alles andere nutzlos. Ich sage es ganz deutlich: Unsere Religion ist die Liebe, weil Gott die Liebe ist! Und deshalb ist unsere zentrale Frage an das Leben nicht: Ist das biblisch, ist das richtig, ist das rechtgläubig? Sondern die zentrale Frage lautet: Ist das liebevoll? Damit stellen wir die Liebe wieder ganz nach oben in unserer Werte-Hierarchie und sie kann von dort aus unsere Herzen lenken und regieren. Es bleibt unsere Aufgabe als Kirche und als Kinder Gottes die Umsetzung und Verwirklichung dieser Liebe als unseren Leitwert immer wieder zu betonen, zu verhandeln und in unserer Zeit zu übersetzen.

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Seit dem ChristNet-Forum im Januar 2025 ist Demokratie zum Fokusthema des Vereins geworden. An der Generalversammlung vom 8. März 2025 griff ChristNet dieses Thema im Workshop «Demokratie – wie können wir sie stärken?» nochmals auf.

Seit den US-Wahlen im November 2024 bewegt das Thema Demokratie den Verein ChristNet stark. Während beim ChristNet-Forum vom 18. Januar 2025 noch die Frage «Demokratie – gefährdet oder gefährlich?» im Raum stand, lag der Fokus an der Generalversammlung anfangs März 2025 beim individuellen Einsatz für die Stärkung der Demokratie in der Schweiz. Während eines kurzen Workshops setzten sich die Teilnehmenden mit fünf Fragen auseinander. Diese Fragen und die Antworten der Teilnehmenden möchten wir im Folgenden mit dir teilen.

Was können wir persönlich zur Stärkung der Demokratie beitragen?

Politische Rechte, wie z.B. die Möglichkeit zum Abstimmen, sollen aus Sicht der Teilnehmenden wahrgenommen nehmen. Um sich eine politische Meinung bilden zu können, braucht es nebst Informationen auch ein Grundverständnis von politischen Prozessen und Strukturen. Ist diese politische Bildung vorhanden, kann differenziert über bestimmte Themen nachgedacht und diktatorische Tendenzen innerhalb der Politik erkannt sowie aufgezeigt werden. Eine Person schlug das Kennenlernen von Politikern als Strategie vor, um Vertrauen in die Politik zu gewinnen. Das Gebet für Amtsträger betrachteten dieTeilnehmenden als sehr wichtig für die Stärkung der Demokratie. Jemand nannte zudem das Abschliessen eines Medienabonnements, um sachliche Berichterstattungen zu unterstützen. Politische Themen polarisieren stark, weshalb die Teilnehmenden es als wichtig erachteten, dass Christinnen und Christen die Rolle von Vermittlern einnehmen, anstatt die Polarisierung weiter zu verstärken.

Was macht mir Angst in Bezug auf die weltweite Schwächung der Demokratie?

Besonders besorgniserregend empfinden einige Teilnehmende die Passivität der Mehrheit der Bevölkerungvor allem der jüngeren Generation in Bezug auf die globale Schwächung der Demokratie. Sie beobachten, dass christliche Werte zusehends an den Rand gedrängt werden und die sozial Schwachen unter die Räder geraten bzw. eine Entwertung erleben. Zwei Teilnehmende sind der Meinung, dass die Schwächung der Demokratie auf globaler Ebene zu einer erhöhten Kriegsgefahr führt.

Was macht mir Mut in Bezug auf die Demokratie?

Für die Teilnehmenden gehörten gewaltloser Widerstand und die Stärke der christlichen Werte zu den Ermutigungen angesichts der weltweiten Schwächung der Demokratie. Als konkrete Beispiele nannten siepositive Entwicklungen in Ländern wie Südkorea, Senegal und Serbien, sowie die Sojourners, die in den USA mutig ihre Stimme gegen Donald Trumps Anhänger erheben.

Was möchte ich an der direkten Demokratie in der Schweiz nicht missen?

Die direkte Demokratie der Schweiz hat aus Sicht der Teilnehmenden sehr viele Vorteile. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung haben das Stimmrecht, Politiker sind Teil des Volkes und in der Kommunalpolitik kann viel bewegt werden. Die Teilnehmenden schätzen die Möglichkeit zur Meinungsbildung, die Offenlegung der Abstimmungsfinanzierung, die Vielfalt der Abstimmungsthemen sowie das Referendumsrecht und Petitionen sehr. Sie betrachten die direkte Demokratie in der Schweiz als klar antidiktatorisch.

Wie setze ich meine politische Stimme am liebsten ein?

Für die Teilnehmenden ist die Mitgliedschaft bei ChristNet eine wertvolle Möglichkeit, ihre politische Stimme aktiv für Nächstenliebe in Politik und Gesellschaft einzusetzen. Während ein Mitglied gerne Leserbriefe schreibt, publiziert ein anderes Mitglied Beiträge im Forum integriertes Christsein. Die Beteiligung an Gemeindeabstimmungen- und Gemeindeversammlungen sowie nationalen Abstimmungen und Wahlen erwähnten die Teilnehmenden ebenfalls als wichtiges Mittel, die politischen Stimmeeinzusetzen. Wer sich konkret in die Politik einbringen möchte, könnte zum Beispiel einer Partei beitreten, für den Gemeinderat kandidieren oder Unterschriften sammeln. Hierbei empfinden die Teilnehmenden die Bereitschaft zur Diskussion und das Aufarbeiten von Themen wie Nächstenliebe und sozialer Gerechtigkeit als wichtig. Als Christinnen und Christen dürfen wir uns auch auf den Heiligen Geist verlassen, der uns die richtigen Worte schenkt und den Willen Gottes offenbart.

Einsatz für christliche Werte

Der Workshop zeigte auf, dass Christinnen und Christen im Angesicht einer weltweiten Schwächung der Demokratie eine zentrale Rolle in der Bewahrung christlicher Werte einnehmen dürfen. Lasst uns mutig unsere politische Stimme für christliche Werte in der Schweizer Politik und Gesellschaft einsetzen!

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Wenn wir uns in den nächsten vier Jahren nützlich machen wollen, müssen wir der Versuchung widerstehen, in Angst, Isolation, Erschöpfung und ständiger Orientierungslosigkeit zu verharren. Als ich den Aufstieg des Rechtspopulismus weltweit wahrnahm, begann ich, Szenarien zu planen und darüber zu schreiben, was passieren könnte, wenn Donald Trump gewinnt.

Ich spielte Strategien durch, wie die Menschen sinnvoll reagieren könnten. Doch als Trump gewann, war ich immer noch tief schockiert und traurig. In den Tagen danach wandte ich mich an meine Gemeinschaft, um zu versuchen, die Lage einzuschätzen und wieder Boden unter die Füsse zu bekommen.

Es ist schwierig, den Boden unter den Füssen zu behalten, wenn die Zukunft unbekannt und voller Ängste ist. Trump hat angedeutet, was für ein Präsident er sein wird: rachsüchtig, unkontrolliert und unbelastet von den Normen der Vergangenheit und den geltenden Gesetzen. Wenn du wie ich sind, sind du bereits müde. Die Aussicht auf noch mehr Drama ist entmutigend.

Als Trainer für Gewaltfreiheit, die mit sozialen Bewegungen auf der ganzen Welt zusammenarbeitet, habe ich das Glück, mit Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten, die unter autokratischen Regimen leben, um widerstandsfähige Aktivistengruppen aufzubauen. Meine Kollegen erinnern mich immer wieder daran, dass gute Psychologie guten sozialen Wandel bedeutet. Wenn wir in einer Welt unter Trump von Nutzen sein wollen, müssen wir auf unsere innere Verfassung achten, damit wir die Ziele der Autokraten – Angst, Isolation, Erschöpfung und ständige Orientierungslosigkeit – nicht unterstützen.

In diesem Sinne biete ich einige Möglichkeiten an, um uns für die kommenden Zeiten zu erden.

1. Vertraue dir selbst

Trump kommt in einer Zeit des grossen gesellschaftlichen Misstrauens: Das Misstrauen gegenüber den Medien, medizinischen Fachleuten, Experten, Politikern, Gemeinschaftseinrichtungen und Mitgliedergruppen ist gewachsen. Es gibt Risse im Freundes- und Familienkreis. Sogar unser Vertrauen in vorhersehbares Wetter ist geschwunden. Misstrauen schürt die Flamme der Autokratie, denn es macht es leichter, Menschen zu spalten.

Der Aufbau von Vertrauen beginnt damit, dass man seinen eigenen Augen und seinem Bauchgefühl traut. Das bedeutet, vertrauenswürdig zu sein – nicht nur mit Informationen, sondern auch mit Gefühlen. Wenn du müde bist, ruhe dich aus. Wenn du Angst hast, schliesse Frieden mit deinen Ängsten. Wenn du aufhören willst, zwanghaft auf dein Handy zu schauen, tu’ es. Wenn du diesen Artikel jetzt nicht lesen willst und lieber einen schönen Spaziergang machen möchtest, tu’ es. Beginne damit, deiner inneren Stimme zu vertrauen. Vertrauen in sich selbst ist die Grundlage für ein gesundes Bewegungsleben. Auf FindingSteadyGround.com habe ich einige Ressourcen zusammengestellt, die du vielleicht hilfreich findest.

2. Finde andere, denen du vertraust

In einer destabilisierten Gesellschaft brauchst du Menschen, die dir Halt geben. Hannah Arendt, Autorin von «The Origins of Totalitarianism», verwendet das Wort Verlassenheit – oft mit Einsamkeit übersetzt – um eine Art soziale Isolation des Geistes zu beschreiben. Die ständigen Angriffe auf die sozialen Systeme führen dazu, dass wir uns nicht mehr aneinander anlehnen, sondern ideologisch einfache Antworten suchen, die die Isolation verstärken.

Im Chile der 1970er und 80er Jahre war die Diktatur bestrebt, die Menschen in so winzigen Knotenpunkten des Vertrauens zu halten, dass jeder eine Insel für sich war. Auf Partys stellten sich die Leute in der Regel nicht mit Namen vor, aus Angst, zu sehr involviert zu werden. Furcht erzeugt Distanz. Wir müssen diese Distanz bewusst überwinden.

Finde Menschen, mit denen du regelmässig in Kontakt treten kannst. Nutze dieses Vertrauen, um dein eigenes Denken zu erforschen und euch gegenseitig zu unterstützen, damit du auf dem Boden der Tatsachen bleibst. In den letzten Monaten habe ich regelmässig eine Gruppe bei mir zu Hause eingeladen, um zu erkunden, was in diesen Zeiten los ist. Unsere Gruppe denkt unterschiedlich, investiert aber in das Vertrauen. Wir bewegen uns, weinen, singen, lachen, sitzen in der Stille und denken zusammen. Wir alle werden von aktiv organisierten Knotenpunkten profitieren, die uns helfen, uns zu stabilisieren.

3. Gib der Trauer Raum

Menschlich ist, um einen Verlust zu trauern. Wir Menschen sind auch gut darin, uns abzuschotten, zu rationalisieren, zu intellektualisieren und zu ignorieren – der Schaden, den dies unserem Körper und unserer Psyche zufügt, ist gut dokumentiert. Aber die Unfähigkeit zu trauern ist ein strategischer Fehler. Nach dem Sieg von Trump im Jahr 2016 haben wir Kollegen gesehen, die nie getrauert haben. Sie standen weiterhin unter Schock. Jahrelang sagten sie immer wieder: «Ich kann nicht glauben, dass er das tut.»

Als Trump das erste Mal gewann, blieb ich mit einer Kollegin bis 4 Uhr morgens auf, um in einer tränenreichen Nacht die Dinge zu benennen, die wir verloren hatten. Das half uns, die Traurigkeit, die Wut, die Betäubung, den Schock, die Verwirrung und die Angst in uns zu finden. Wir trauerten. Wir weinten. Wir hielten uns gegenseitig. Wir haben geatmet. Wir tauchten wieder ein, um zu benennen, was wir verloren hatten und was wir wahrscheinlich noch verlieren würden. Es ging nicht darum, Strategien zu entwickeln oder zu planen. Letztendlich half uns das, daran zu glauben – so dass wir nicht jahrelang wie benommen sagten: «Ich kann nicht glauben, dass das in diesem Land passiert.» Glauben Du es. Glauben Du es jetzt. Trauer ist ein Weg zur Akzeptanz.

4. Lass das los, was du nicht ändern kannst

An der Wand ihres Schlafzimmers hatte meine Mutter eine Kopie des Gelassenheitsgebets: «Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, den Unterschied zu erkennen.» Der Theologe Reinhold Niebuhr schrieb es während des Aufstiegs von Nazi-Deutschland.

Trump hat verkündet, dass sein erster Tag alles beinhalten wird, von der Begnadigung der Aufständischen vom 6. Januar über die Umwidmung von Geldern für den Bau der Mauer bis hin zum Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen und der Entlassung von mehr als 50’000 Regierungsangestellten, um sie durch loyale Mitarbeiter zu ersetzen. Es ist zweifelhaft, dass der zweite Tag viel ruhiger sein wird. Inmitten dieses Chaos’ wird es schwer zu akzeptieren sein, dass wir nicht alles schaffen können.

Ein Kollege in der Türkei sagte mir, dass jeden Tag etwas Schlimmes passiert, und wenn er auf alles reagieren würde, hätte er keine Zeit mehr zum Essen. Ein anderes Mal sah eine ältere Person, wie ich versuchte, alles auf einmal zu tun, und nahm mich zur Seite. «Das ist keine gesunde Strategie für das ganze Leben», sagte sie. Sie war in Deutschland von Holocaust-Überlebenden aufgezogen worden, die ihr sagten: «Nie wieder.» Sie hatte das Gefühl, jedes Unrecht verhindern zu müssen. Das quälte sie und trug zu mehreren längeren Krankheiten bei.

Ich habe eine Übung fürs Tagebuchschreiben entwickelt. Darin werde ich gefragt, für welche Themen ich mich in den kommenden Jahren «voll und ganz einsetzen, viel tun, wenig tun oder – obwohl sie mir am Herzen liegen – gar nichts tun würde». Die letzte Frage kann sich für viele von uns wie eine Folter anfühlen, aber der Wunsch, alles zu tun, führt zu einer schlechten Strategie.

5. Finde deinen Weg

Letzten Frühling habe ich das Buch «What Will You Do if Trump Wins» geschrieben, ein Buch im Stil eines Selbstfindungsabenteuers. Es werden sich verschiedene Wege des Widerstands abzeichnen, und es wird viele Möglichkeiten geben, sich der Sache anzuschliessen. Vielleicht fühlst du dich von einigen Wegen mehr angezogen als von anderen. Vielleicht ist dein Weg im Moment noch nicht klar. Das ist in Ordnung. Im Folgenden sind nur einige Beispiele aufgeführt. Weitere findest du unter WhatIfTrumpWins.org.

Schutz anbieten. Menschen bieten anderen Schutz an, vor allem solchen, die bedroht sind. Das könnte bedeuten, dass wir uns ausserhalb der bestehenden Systeme für die Gesundheitsversorgung engagieren und uns gegenseitige Hilfe organisieren oder Ressourcen Gemeinschaften zukommen lassen, die ins Visier geraten sind.

Zivilgesellschaftliche Institutionen verteidigen. Diese Gruppe mag sich bewusst sein oder auch nicht, dass die derzeitigen Institutionen nicht allen von uns dienen, aber sie sind sich einig, dass Trump sie zerstören will, damit er mehr Kontrolle über unser Leben ausüben kann. Die leitenden Personen in diesen Institutionen wissen, dass eine Präsidentschaft von Trump für diese eine grosse Bedrohung darstellt. Diese Insider brauchen Unterstützung von aussen, z. B. Mitgefühl dafür, dass einige unserer besten Verbündeten drinnen sind und stillen Widerstand leisten. Feiere Menschen, die gefeuert werden, weil sie das Richtige tun, und biete ihnen dann praktische Hilfe für die nächsten Schritte im Leben an.

Unterbrechen und nicht gehorchen. Um während des Zweiten Weltkriegs eine Kultur des Widerstands zu schaffen, trugen die Menschen in Norwegen harmlose Büroklammern als Zeichen dafür, dass sie nicht gehorchen würden. In Serbien begannen die Proteste gegen den Diktator mit Studentenstreiks, bevor sie zu Streiks von Rentnern und schliesslich zu dem bahnbrechenden Streik der Bergarbeiter eskalierten. Letztlich geht es darum, den Weg für eine massenhafte Verweigerung der Zusammenarbeit zu ebnen: Steuerverweigerung, landesweite Streiks, Arbeitsniederlegungen und andere gewaltfreie Taktiken des massenhaften Ungehorsams sind die wirksamsten Strategien, um autoritäre Kräfte zu verdrängen.

Alternativen aufbauen. Wir können nicht nur reagieren. Wir brauchen eine Vision, um Alternativen aufzubauen, die demokratischer, liebevoller und freundlicher sind. Dies könnte Erdungs- und Heilungsarbeit, reichhaltige Kulturarbeit, andere Formen des Nahrungsmittelanbaus und der Kinderbetreuung, partizipative Haushaltsführung oder die Einberufung von Versammlungen umfassen, um eine mehrheitsfähige Alternative zu dem Schlamassel unseres aktuellen Wahlsystems mit den Wahlmännern aufzubauen.

6. Gehorche nicht im Vornherein; zensiere dich nicht selbst

Wenn uns die Autokraten eine wertvolle Lektion erteilen, dann ist es diese: Politischen Raum, den man nicht nutzt, verliert man. Dies gilt für alle Ebenen der Gesellschaft – für Anwälte, die gemeinnützige Organisationen beraten, für Führungskräfte, die um ihre Finanzierungsbasis besorgt sind, und für Leute, die Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Damit rate ich dir nicht, dich keinesfalls selbst zu schützen. Du kannst selbst entscheiden, wann du deine Meinung äusserst. Aber wir müssen die Gefahr bekämpfen, zu früh aufzugeben. In Timothy Snyders hilfreichem Buch und seiner Videoreihe «On Tyranny» nennt er das Abtreten von Macht als erstes Problem: «Der grösste Teil der Macht des Autoritarismus wird freiwillig abgegeben. … Der Einzelne denkt im Voraus darüber nach, was eine repressivere Regierung wollen wird, und bietet sich dann ungefragt an. Ein Bürger, der sich auf diese Weise anpasst, zeigt der Macht, welche Grenzen sie überschreiten kann.»

Einfach ausgedrückt: Nutze den politischen Raum und die Stimme, die du hast.

7. Richte deine politische Landkarte neu aus

Vor ein paar Monaten sass ich in einem Raum mit pensionierten Generälen, Republikanern wie Michael Steele, ehemaligen Gouverneuren und Kongressabgeordneten. Wir planten Szenarien, wie wir Trumps Missbrauch des Insurrection Act zur Bekämpfung ziviler Demonstranten verhindern könnten. Für einen engagierten Antikriegsaktivisten beschreibt der Ausdruck «seltsame Bettgenossen» nicht annähernd die bizarre Erfahrung, die ich machte.

Eine Trump-Präsidentschaft verändert Ausrichtungen und Möglichkeiten. Es kommt darauf an, wie wir uns positionieren: Sind wir nur daran interessiert, ideologische Reinheit zu bewahren und zu unserem eigenen Chor zu predigen? Selbst wenn Du sich nicht engagieren wollen, müssen wir alle denjenigen Raum geben, die mit einer neuen Sprache experimentieren, um andere anzusprechen, die unsere Weltanschauung nicht teilen.

Einfühlungsvermögen wird hilfreich sein: Am Ende dieses Planungstages sah ich viel Schmerz bei Menschen mit grosser Macht, die eine Art Niederlage eingestehen mussten. Die Generäle sagten: «Das Militär kann Trump nicht davon abhalten, diese Befehle zu erteilen.» Die Politiker sagten: «Der Kongress kann es nicht verhindern.» Die Anwälte sagten: «Wir können es nicht verhindern.» Ich empfand Mitgefühl, das mich überraschte. Nur die linken Aktivisten sagten: «Wir haben einen Ansatz der massenhaften Nichtkooperation, der dies stoppen kann. Aber wir brauchen Ihre Hilfe.» Ich bin mir nicht sicher, ob diese projizierte Zuversicht gut ankam. Aber wenn wir diesen Ansatz umsetzen wollen (und ich bin mir keineswegs sicher, dass wir das können), müssen wir pragmatisch mit der Macht umgehen.

8. Schätze seine Macht realistisch ein

Die psychologische Erschöpfung und Verzweiflung sind gross. Wir werden Trump nicht davon überzeugen, keine Normen und Gesetze zu brechen, die ihm im Weg stehen. Märsche und symbolische Proteste werden ihn nicht umstimmen. Wir müssen erkennen, dass seine Macht instabil ist, wie ein auf dem Kopf stehendes Dreieck. Ohne Unterstützung kippt sie um. Die Macht stützt sich auf Säulen, die sie aufrecht halten. Der Stratege der Gewaltlosigkeit «Gene Sharp» beschrieb diese Säulen wie folgt:

„Allein können Herrscher keine Steuern eintreiben, repressive Gesetze und Vorschriften durchsetzen, Züge pünktlich fahren lassen, Staatshaushalte aufstellen, den Verkehr leiten, Häfen verwalten, Geld drucken, Strassen reparieren, die Märkte mit Lebensmitteln versorgen, Stahl herstellen, Raketen bauen, die Polizei und die Armee ausbilden, Briefmarken herausgeben oder auch nur eine Kuh melken. … Wenn die Menschen diese Fähigkeiten nicht mehr zur Verfügung stellen würden, könnte der Herrscher nicht mehr regieren.»

Die Beseitigung eines Stützpfeilers kann zu grossen, lebensrettenden Zugeständnissen führen. Die Beseitigung vieler Säulen wird zu einem systemweiten Wandel führen. Der katholische Aktivist Dick Taylor beschrieb, wie er und eine kleine Gruppe die Aussenpolitik der USA veränderten, indem sie Waffenlieferungen zur Unterstützung des pakistanischen Diktators Yahya Khan blockierten. Sie schickten wiederholt Kanus aus, um Militärlieferungen zu blockieren, die die Häfen der Ostküste verliessen, bis die «International Longshoremen’s Association» überzeugt werden konnte, sich zu weigern, sie zu verladen. Dies brach der nationalen Politik das Genick.

9. Blicke der Angst ins Gesicht

OTPOR, eine serbische Studentenorganisation, reagierte sarkastisch auf die regelmässigen Schläge der Polizei und scherzte: «Es tut nur weh, wenn man Angst hat.» Ihre Haltung war nicht leichtsinnig – sie war taktisch. Sie weigerten sich, Angst zu entwickeln. Als an einem einzigen Tag Hunderte von Menschen verprügelt wurden, war ihre Reaktion: Diese Unterdrückung wird den Widerstand nur noch verstärken. Beim Umgang mit der Angst geht es nicht darum, sie zu unterdrücken – es geht darum, sie neu zu lenken.

Der Aktivist und Intellektuelle Hardy Merriman veröffentlichte eine Studie über politische Gewalt, die mich überraschte: Physische politische Gewalt ist in den USA nach wie vor relativ selten, Gewaltandrohungen nehmen jedoch zu. CNN berichtete: «Politisch motivierte Drohungen gegen Amtsträger haben während Trumps Präsidentschaft um 178 Prozent zugenommen», vor allem von der Rechten. Er stellte fest, dass die Einschüchterung eine Schlüsselkomponente politischer Gewalt ist. Wir können uns in eine Kakophonie des «Das ist nicht fair» zurückziehen, was die Angst vor Unterdrückung schürt. Oder wir können uns ein Beispiel an dem grossen Bewegungsstrategen Bayard Rustin nehmen: Während des Busboykotts in den 1950er Jahren wurden schwarze Bürgerrechtsführer von der Regierung in Montgomery, Alabama, ins Visier genommen. Einige von ihnen wie Martin Luther King Jr. tauchten damals unter, um sich vor einer Verhaftung zu schützen. Andere taten auf Initiative von Rustin das Gegenteil: Sie gingen zum Polizeiposten und verlangten, verhaftet zu werden, da sie Anführer der Bürgerrechtsbewegung seien. Die Betroffenen hielten ihre Verhaftungspapiere inmitten einer jubelnden Menge hoch in die Luft und machten die Unterdrückung auf positive Art offensichtlich. Aus Angst wurde Tapferkeit.

10. Stelle dir eine positive Zukunft vor

Wir alle haben uns ausgemalt, wie schlimm es werden könnte. Wir würden uns selbst einen Gefallen tun, wenn wir uns eine positive Zukunft vorstellen würden. Wie die Schriftstellerin Walidah Imarisha sagt: «Das Ziel der visionären Fiktion ist es, die Welt zu verändern». Wir könnten eine gerechte Empörung hervorrufen, die zu einer massenhaften Nichtkooperation führt, die unsere Erwartungen weit übersteigt. Glaubensgemeinschaften könnten eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, moralisch aufgeladene Streiks, Steuerverweigerung und die Weigerung, ungerechte Befehle zu befolgen, anzuführen. Aufgedeckte politische Schwächen könnten viele innerhalb von Trumps Organisation schnell gegen ihn aufbringen. Das scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Aber die Möglichkeiten bleiben.

Wenn ich mich darin übe, in die Zukunft zu denken, habe ich Hoffnung und ein gewisses strategisches Gespür. An den Tagen, an denen ich mir keine guten politischen Möglichkeiten vorstellen kann, zoome ich auf die Lebensspanne von Bäumen und Felsen, um mich daran zu erinnern, dass nichts ewig währt. Die ganze Zukunft ist ungewiss. Aber eine hoffnungsvollere Zukunft ist wahrscheinlicher, wenn wir weiterhin an kreative Lösungen arbeiten.

Dieser Artikel wurde mit Genehmigung von wagingnonviolence.org in der verkürzten Form auf der Website der Sojourners übernommen, auf Deutsch übersetzt und leicht bearbeitet.

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Unsere Migrationspolitik ist unverhältnismässig restriktiv. Es wäre Zeit für eine Allianz des Anstands.

Der Wahlsieg Donald Trumps folgt einem Muster, das in immer mehr westlichen Demokratien Erfolge feiert: der gezielten Bewirtschaftung von Ängsten. Zum einen ist da die Angst vor dem Wohlstandsverlust, die viele Menschen umtreibt, und zum anderen das Übermass an gesellschaftlichen und weltweiten Krisen, die überfordern. Diese Ängste werden heute nicht verantwortungsbewusst begleitet, sondern verstärkt und instrumentalisiert.

In biblischen Zeiten gab es mit dem Sündenbock ein Ritual, um Ängste zu beruhigen. Ein Ziegenbock wurde in die Wüste geschickt, um symbolisch alles Böse, die Schuld und die Angst vor dem Zorn der Gottheit wegzutragen und so das Volk zu befreien. Stellvertretend übernehmen heute Flüchtlinge diese Rolle. Sie eignen sich ideal als Projektionsfläche für eigene Ängste und Wut. Der inzwischen verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman äusserte sich dazu wie folgt: «Asylbewerber nehmen heute die Rolle ein, die ehemals den Hexen, Kobolden und Gespenstern der Sagen zukam.»

Trump schürt Ängste gegenüber Migranten, bezeichnet sie als Ungeziefer oder Müll und macht sie für fast jedes Unheil verantwortlich. Auch die SVP als wählerstärkste Partei der Schweiz und mit ihr neuerdings die FDP folgen dieser miserablen Strategie: Mit Flüchtlingen als Sündenböcken gewinnen Parteien Wählerstimmen und erringen damit politische Macht. Der moralische Preis dafür ist jedoch hoch, denn ein solch polemischer Diskurs vergiftet eine Gesellschaft.

Isolation, Perspektivlosigkeit und Ohnmacht schaden ihrer psychosozialen Entwicklung und ihrer psychischen Gesundheit.

Als Konsequenz dieser Sündenbock-Strategie haben wir eine mittlerweile sehr restriktive Migrationspolitik. Wer die Zahlen der Asylmigration sorgfältig analysiert – und sie nicht mit der Arbeitsmigration vermischt –, stellt fest, dass relativ wenige Flüchtlinge die Schweiz erreichen. Deshalb ist die Rede von einer angeblichen «Überflutung» reines Geschwätz, ganz nach dem Motto: «Lerne, zu klagen, ohne zu leiden.»

Eine weitere Konsequenz davon ist, dass in der Schweiz abgewiesene Asylsuchende über Monate und Jahre hinweg in Rückkehrzentren untergebracht werden, in denen ganze Familien in einzelnen Zimmern leben. Häufig handelt es sich um Personen, die aus autokratisch regierten Ländern kommen und nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen in ihr Herkunftsland zurückkehren können. Eine Studie des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind hat gezeigt, dass die in Rückkehrzentren befindlichen Kinder und Jugendlichen – rund 700 an der Zahl – in einem schlechten psychischen Zustand sind. Sie sind traumatischen Erlebnissen ausgesetzt. Isolation, Perspektivlosigkeit und Ohnmacht schaden ihrer psychosozialen Entwicklung und ihrer psychischen Gesundheit. Rückkehrzentren dürfen keine Menschendeponien werden.

Es braucht in der politischen Schweiz eine Allianz des Anstands, die sich von machiavellistischem Streben verabschiedet und anerkennt, dass Geflüchtete zunächst einmal Menschen sind, die unsere Zuwendung verdienen. Es ist eine Binsenwahrheit, dass es in jeder Bevölkerungsgruppe anständige und unanständige Menschen gibt, und die Proportionen sind überall ähnlich. Gleichzeitig muss anerkannt werden, dass nicht alle Migranten hier in der Schweiz bleiben können. Es sei denn, es handelt sich um Oligarchen oder Milliardäre. Ihnen stehen bei uns alle Türen offen.

Dieser Artikel erschien im Dezember 2024 als Gastkommentar im «Tagesanzeiger», im «Bund» und im «Berner Landboten».

Foto von ‪Salah Darwish auf Unsplash

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Am 18. Januar 2025 findet das nächste ChristNet-Forum unter dem Thema «Demokratie – gefährdet oder gefährlich» statt. ChristNet-Präsident Markus Meury erklärt, was es mit dem Thema auf sich hat.

Mit dem 2. Weltkrieg wurde endgültig klar, welche Katastrophen der Nationalismus und Diktaturen anrichten können. Danach wurden in vielen Staaten die demokratischen Strukturen ausgebaut. Mit dem «Fall der Mauer» schien es, dass die Demokratie gesiegt hätte und dass sie und die Menschenrechte sich dank der Zunahme der Bildung und des Wohlstandes automatisch ausbreiten würde. Bis zum Jahr 2015 war dies tatsächlich der Fall, seither hat aber eine Trendwende eingesetzt. Der Demokratieindex 1 zeigt seither nach unten, und zwar in allen Regionen der Welt.

Zunehmend Machterhaltung – auch wegen der Polarisierung im Internet

In Ungarn, Polen, Israel oder El Salvador versuchen Regierungen vermehrt, ihre Macht zu zementieren, indem sie Kritik übertönen oder unterdrücken und die Kontrolle durch Gerichte abschaffen. Mexiko und Indien versuchen, demokratische Wahlen «besser zu kontrollieren». In Südkorea wurde eben ein «Putsch von oben» versucht. Auch der Sturm aufs Capitol in den USA von 2021 kann in dieser Kategorie genannt werden. Wird die Demokratie nur noch toleriert, solange das Resultat den Mächtigen dient?

Ein wichtiger Faktor hierin ist sicher die zunehmende Polarisierung der Meinungen, die durch die allgemeine Verunsicherung und die ungebremste Hetze und Verleumdung gegen die politischen Gegner in den sozialen Netzwerken (auch bewusst) gefördert wird. Durch die Algorithmen im Internet, die unsere Interessen und Meinungen spiegeln, finden wir uns in Meinungs-Bubbles wieder und werden zunehmend einseitig informiert. Wenn der politische Gegner nur noch Feind ist, wird dessen Unterdrückung zur Priorität, da sonst «das Böse überhandnimmt». Machterhaltung ist die Devise, Konsens und damit die Suche nach dem Guten für alle ist nicht mehr Ziel. Im Kampf der Guten – wir – gegen die Bösen – die anderen –, wird die Aufhebung von demokratischen Regeln gerechtfertigt.

Der Soziologe Anthony Giddens hat bereits in 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der autoritären Regierungen werde, da mehr Menschen wegen den schnellen technischen und kulturellen Veränderungen2 wieder nach Sicherheit versprechenden Führern rufen. Nur so ist es zu erklären, dass in den USA mit Donald Trump von einer Mehrheit des Volkes wiedergewählt wurde. Dies mit Elon Musk als rechte Hand, der vor einem von ihm angestrebten Sturz des bolivianischen Präsidenten meinte: «We coup against whoever we want».

«… in der heutigen, polarisierten und von Ängsten vor den Feinden erfüllten Gesellschaft ist die Suche nach Bestätigung der eigenen Welt- und Feindbilder stärker.»

Erosion der Wahrheit

Das Internet mit seinem grossen Angebot an Rechtfertigungsideologien hilft uns, das zu glauben, was wir glauben wollen. Wir passen die Realität an unsere Weltsicht an. Hier ist die Frage der Wahrheit zentral: Kümmern wir uns nicht mehr um die Suche nach Wahrheit? Oder nehmen wir einfach an, was wir glauben, ist die Wahrheit. Wenn wir Facts statt Unterstellungen den Vorzug geben, entstehen weniger Feindbilder. Aber in der heutigen, polarisierten und von Ängsten vor den Feinden erfüllten Gesellschaft ist die Suche nach Bestätigung der eigenen Welt- und Feindbilder stärker.

Menschenrechte, Demokratie und Nächstenliebe bedingen sich gegenseitig

In diesem Zusammenhang geraten weltweit auch die Menschenrechte unter Druck. Menschenrechte sind die Grundpfeiler der Menschenwürde: gleicher Wert jedes Menschen vor Gott heisst auch, jedem Menschen gleiche Rechte und Lebenschancen zuzugestehen. Das ist die Grundlage der Nächstenliebe. Diese bedingt die Menschenrechte und ist nur durch eine vollständige Demokratie gewährleistet. Denn nur dort, wo die Stimme der Benachteiligte hörbar ist und ihr politischer Einfluss gleichwertig ist, wo vertrauenswürdige Informationen im Vordergrund stehen und wo Mächtige abgewählt werden können, kann das Gute für alle gedeihen. Denn: wo die Mächtigen Rechenschaft abgeben müssen, wird das Wohl für alle respektiert. Umgekehrt hat die Konzentration und Zementierung von Macht in der Geschichte meist Unheil gebracht. Unterdrückung, Kriege, Tod und Zerstörung sind die Folge.

Und in der Schweiz?

Die Schweiz hat unter den Demokratien eine besondere Stellung und wird wegen seiner direktdemokratischen Instrumente als die Demokratie schlechthin angesehen. Doch auch bei uns gibt es demokratische Grundregeln, die noch mangelhaft sind. Demokratie heisst nicht einfach, «man kann ja wählen und abstimmen, wenn man will». Im Folgenden einige wichtige Voraussetzungen, die in der Schweiz unseres Erachtens im Vergleich zum Ausland Verbesserungen benötigen:

  • Zuverlässige und korrekte Information in klassischen und sozialen Medien
  • Gleich lange Spiesse im politischen Konkurrenzkampf durch Offenlegung der Politikfinanzierung
  • Unterbindung von undurchsichtigen Lobbying-Aktivitäten im Parlament
  • Die Einführung eines Verfassungsgerichts, das die Übereinstimmung von neuen Gesetzen mit der Verfassung überwacht

Zudem sind Einschränkungen von demokratischen Prozessen auch hierzulande wahrnehmbar:

  • Bei der Abstimmung zur Konzernverantwortungsinitiative waren die Wirtschaftsverbände erstaunt, dass die Zivilgesellschaft plötzlich gewichtigen Einfluss auf die Meinungsbildung hatte. Dieser Entwicklung begegneten sie mit einem Verbot der politischen Arbeit von subventionierten NGO und von Schulbesuchen durch Entwicklungshilfeorganisationen.
  • Das Parlament beschloss – trotz hängiger gegnerischer Volksinitiative – die sofortige Bestellung der FA-35-Kampfflugzeuge und begründete dies mit der zunehmenden Bedrohung durch Russland. Nun werden wir ein überteuertes und lärmiges Angriffsflugzeug haben. Dies ohne Koordination mit den umliegenden und ebenfalls bedrohten Ländern.
  • Gerade im Zuge der Nichtumsetzung der Initiative «Kinder ohne Tabak» wird einmal mehr klar, dass das Parlament sich zu weigern kann, Volksinitiativen korrekt umzusetzen. Zwar ist das Gesetz noch nicht fertig beraten, aber die vorberatenden Kommissionen setzen alles daran, dehnbare Formulierungen zu schmieden.
  • Im Kanton Schaffhausen haben sich das Parlament und die Regierung offen geweigert, die vom Volk angenommene Initiative zur Offenlegung der Parteispenden umzusetzen. Im Nachhinein wollten sie einen verwässerten Gegenvorschlag vors Volk bringen und gleichzeitig über eine Durchsetzungsinitiative der ursprünglichen Volksinitiative nicht abstimmen lassen. Das Bundesgericht hat inzwischen entschieden, dass auch über Letztere abzustimmen sei.

Wir müssen also auch hierzulande gegenüber der Erosion demokratischer Prozesse wachsam sein – auch wenn sich unsere politische Identität stark auf die Demokratie bezieht und nicht unmittelbar die Gefahr einer Diktatur droht.


1. https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratieindex_(The_Economist)

2. s. auch Rosa, Hartmut: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main 2005

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In diesem Jahr feiern wir das 75-jährige Jubiläum der Genfer Konventionen, die das Fundament des humanitären Völkerrechts bilden. Die Schweiz, stolz auf ihre Rolle als Hüterin dieser Konventionen, trägt eine besondere Verantwortung für den Schutz und die Förderung des humanitären Völkerrechts.

Doch wie vereinbart sich diese Verantwortung mit der Weigerung der Schweiz, dem Atomwaffenverbotsvertrag (Wikipedia) beizutreten? Ein Vertrag, der die unmenschlichen Folgen von Atomwaffen klar benennt und deren Einsatz sowie Androhung verbietet.

Atomwaffen widersprechen den Grundprinzipien des humanitären Völkerrechts: Sie töten wahllos, verletzen das Gebot der Verhältnismässigkeit, verursachen unsägliches Leid und nehmen Menschen das grundlegendste Recht auf Leben und Sicherheit. Kein Land der Welt wäre vor den katastrophalen humanitären Folgen eines Atomwaffeneinsatzes gefeit.

Auch aus christlicher Sicht ist der Einsatz von Atomwaffen schwer zu rechtfertigen. Diese Form der massiven Zerstörung steht im Widerspruch zu grundlegenden christlichen Prinzipien wie Nächstenliebe, Menschenwürde, Gerechtigkeit, Friedensförderung und Gewaltlosigkeit. Deshalb unterstützen viele Kirchen und internationale christliche Verbände den Atomwaffenverbotsvertrag, darunter der Ökumenische Rat der Kirchen und die katholische Kirche. Papst Franziskus hat dazu klar Stellung bezogen und spricht von einer „falschen Logik der Angst“, die dem Besitz solcher Waffen zugrunde liege. Für ihn ist nicht nur der Einsatz von Atomwaffen ein „Verbrechen“, sondern bereits ihr Besitz „unmoralisch“ 1 . Auch die Weltweite Evangelische Allianz befürwortet die Nichtverbreitung von Atomwaffen, doch herrscht keine Einigkeit über ein vollständiges Verbot.

Die Argumente der Befürworter von Atomwaffen basieren vor allem auf der Abschreckungstheorie: Der Besitz von Atomwaffen soll potenzielle Angreifer davon abhalten, einen Angriff zu starten. Ein genanntes Beispiel ist die Ukraine, die nach Ansicht einiger Analysten wohl nicht unter russischen Angriff geraten wäre, hätte sie Nukleararsenal 1994 nicht abgegeben. Diese militärische Strategie ist als Mutual Assured Destruction (MAD) bekannt und war auch ein Grund, warum es während des Kalten Krieges zu keiner direkten Konfrontation zwischen den Supermächten USA und UdSSR kam. In diesem Szenario würden Atomwaffen niemals eingesetzt werden müssen, weil niemand es wagen würde, einen Atomstaat anzugreifen.

Doch die Vorstellung, dass der Weltfrieden allein durch Abschreckung – also durch die Angst vor gegenseitiger Zerstörung – gesichert werden kann, halte ich für fragwürdig und instabil. Diese Strategie ist extrem riskant, da sie keinen Raum für Fehler lässt, deren Folgen katastrophal wären. Ich wünsche mir daher einen Frieden, der auf einer anderen Vision basiert: auf das Völkerrecht und auf gegenseitigem Respekt zwischen allen Völkern und Mitgliedern der menschlichen Familie – oder aus christlicher Perspektive: auf Nächstenliebe.

Doch die Vorstellung, dass der Weltfrieden allein durch Abschreckung – also durch die Angst vor gegenseitiger Zerstörung – gesichert werden kann, halte ich für fragwürdig und instabil.

Dass die Schweiz dem Atomwaffenverbotsvertrag nicht beigetreten ist, obwohl sie sich an den vorbereitenden Verhandlungen aktiv beteiligt hat, liegt wohl weniger daran, dass sie viel auf die Abschreckungstheorie gibt. Vielmehr sieht sie den Nutzen des Vertrags für die nukleare Abrüstung als ungewiss an. Ein Beitritt würde keinen konkreten Nutzen bringen und hätte aussen- und sicherheitspolitische Nachteile (siehe Bericht des Bundesrats). Diese Entscheidung ist reines realpolitisches Kalkül: Man möchte seine Verbündeten nicht unnötig verärgern.

Zwar ist es grundsätzlich sinnvoll, Bündnispartner nicht zu verärgern, doch sollte dies nicht gelten, wenn es um so grundlegende Fragen wie die nukleare Abrüstung geht. Es sollte uns egal sein, ob unsere Forderungen auf Zustimmung stossen oder nicht – wir sollten meiner Meinung nach Teil der globalen Bemühungen um ein Atomwaffenverbot sein. Gerade weil die Schweiz eine starke humanitäre Tradition hat, sollte sie hier als Vorbild vorangehen.

Die Entscheidung, dem Atomwaffenverbotsvertrag nicht beizutreten, stellt einen Bruch mit der humanitären Tradition der Schweiz dar und beschädigt unsere Glaubwürdigkeit als humanitäre Akteurin. Diese Tradition ist stark von christlichem Gedankengut geprägt. Ein herausragendes Beispiel dafür ist Henri Dunant, der Gründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (1863) und erster Sekretär der Genfer Sektion der Evangelischen Allianz. Dunant, ein tiefgläubiger Christ, war erschüttert vom Leid der Verwundeten nach der Schlacht von Solferino (1859). Seine religiösen Überzeugungen motivierten ihn, sich für humanitäre Hilfe einzusetzen und eine Organisation zu gründen, die in Konflikten neutral und unabhängig agiert, um allen Verwundeten Hilfe zu leisten. Diese Tradition prägt bis heute das humanitäre Engagement der Schweiz und sollte uns – und besonders auch die Christinnen und Christen – weiterhin inspirieren. Ein Beitritt zum Vertrag wäre ein klares Bekenntnis zu unserer humanitären Verantwortung und eine Fortsetzung unseres langjährigen Engagements für nukleare Abrüstung.

Ich fordere mit der Allianz für ein Atomwaffenverbot die Schweiz auf, ihrer humanitären Verantwortung gerecht zu werden. Denn wer, wenn nicht die Schweiz, sollte für die Einhaltung des humanitären Völkerrechts einstehen?

1. https://www.swissinfo.ch/ger/papst-nennt-atomwaffen-anschlag-auf-menschheit/45388980

Photo: Flickr Commons, Public Domain (Link)

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Wie kann ich als Christin oder Christ aktiv werden?

Der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden ist tief in der christlichen Tradition verankert. Doch schauen wir heute um uns und auf die Welt, ist diese von sozialen Konflikten, Armut bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. Wie kann ich als Christin oder Christ dazu beitragen, dem Shalom, Gottes grossem Friedensprojekt für uns Menschen, näherzukommen?

Der Prophet Micha rief bereits vor über 2500 Jahren zum sozialen Engagement zugunsten der Gerechtigkeit auf: «Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was Gott von dir erwartet: Gerechtigkeit üben, Gemeinschaftssinn lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.» (Micha 6,8) Diese Worte haben bis heute nichts an ihrer Bedeutung verloren, denn wo wir auch hinschauen, ist unsere Gesellschaften von tiefen Kluften zwischen den Menschen geprägt. Oft spielen dabei Merkmale wie soziale Herkunft, Kultur, Geschlecht, Religion, politische Überzeugung oder Eigentum eine Rolle. Diese Kluften und das Macht- und Profitstreben einzelner Gruppen führen nicht selten zu bewaffneten Konflikten, die mit unbeschreiblichem Leid für Millionen von Menschen verbunden sind. Denken wir zum Beispiel an die Sahelzone, Israel/Palästina, Syrien, die Ukraine, Haiti oder Afghanistan, um nur einige der aktuellen Krisen zu nennen.

Gleiche Chancen für alle

Im christlichen Verständnis hat Gott allen Menschen die gleiche Würde mit auf den Weg gegeben. Daraus leitet sich das Prinzip der Chancengerechtigkeit ab. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beginnt mit folgendem Artikel: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.» (AEMR, 1. Artikel) Die Staaten verpflichten sich dadurch, allen Menschen die gleichen Chancen und Möglichkeitenzu bieten. Und auf individueller Ebene ist uns geboten, unseren Mitmenschen gleichberechtigt und mit Respekt gegenüberzutreten. Jesu Prinzip der Nächstenliebe stellt genauso respektvolle Beziehungen zwischen den Menschen ins Zentrum sowie das sich gegenseitige Unterstützen.

Sich für die «anderen» interessieren

Doch was kann ich als Christin oder Christ konkret gegen Ungerechtigkeit um mich herum und weltweit unternehmen? Gott sieht für jede und jeden von uns eine spezifische Rolle im Leben vor. Indem wir in uns gehen und Gott zu uns sprechen lassen, können wir herausfinden, was diese Aufgabe ist und welche Bedeutung sie für das friedliche Zusammenleben in der Gemeinschaft hat. Wenn ich mich für mein Gegenüber interessiere, hilft mir das, Vorurteile bezüglich jenen, die «anders» sind, abzubauen. Zum Beispiel kann ich mit einer Frau,die aus einem Konfliktgebiet flüchten musste, ins Gespräch kommen und so beginnen, mich mit globaler Gerechtigkeit zu befassen. Indem ich Empathie gegenüber diskriminierten Menschen zeige, beginne ich mich für eine Gesellschaft zu öffnen, in der Respekt und Liebe gelebt werden sollen und in der der Glaube und die Hoffnung nach Shalom unter den Menschen weiter gedeihen können.


Gott sieht für jede und jeden von uns eine spezifische Rolle im Leben vor. Indem wir in uns gehen und Gott zu uns sprechen lassen, können wir herausfinden, was diese Aufgabe ist und welche Bedeutung sie für das friedliche Zusammenleben in der Gemeinschaft hat.


Was haben Krisen in anderen Ländern mit mir zu tun?

Um global einen Beitrag zu leisten, hilft es sicherlich, neugierig zu sein und Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen, sich über das politische Geschehen anderswo zu informieren und sich zu fragen, was Krisen in anderen Ländern mit mir zu tun haben. Denn es reicht nicht, dass es uns persönlich gut geht, wir sollten uns als Christinnen und Christenauch international solidarisch zeigen. Denken wir zum Beispiel an Grosskonzerne, die ihren Sitz in derSchweiz haben und Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden aufgrund ihrer Aktivitäten im Ausland tragen. Die Koalition für Konzernverantwortung, der die Kampagne StopArmut angehört, setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass der Staat solche Konzerne für die Einhaltung der Menschenrechte und den Umweltschutz in die Pflicht nimmt. Die globale Vernetzung ist dabei eine Chance, sich gemeinsam mit anderen zu engagieren und Brücken zu bauen.

Auch ich kann Brückenbauerin oder -bauer sein

In der «Ge-Na Studie» zu Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit (www.glaubeklimahoffnung.net), an der rund 2500 Christinnen und Christen aus der Schweiz und Deutschland mitgemacht haben, stimmten über 90 Prozent der Befragten zu, dass sie der christliche Glaube motiviere, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Dieses Ergebnis ist ermutigend und fordert uns auf, diesen Weg weiterzugehen. Persönlich kann ich als Brückenbauerin oder -bauer für das friedliche Zusammenleben dienen, indem ich respektvolle Beziehungen mit meinen Nächsten pflege und wenn nötig auch für sie einstehe, egal welche Kultur sie haben oder ob sie arm oder reich sind. Der nächste Schritt ist nicht weit entfernt: sich auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene für die Menschenrechte und den Frieden auszusprechen. Denn um dem Shalom als Frucht der Gerechtigkeit näherzukommen, braucht es das gemeinsame Engagement von uns allen.


Dieser Artikel wurde von Katia Aeby, Verantwortliche für Kommunikation & Marketing bei Interaction, verfasst und stammt aus dem ERF Medien Magazin September 2024, dem monatlich erscheinenden Printmagazin von ERF Medien. www.erf-medien.ch

Foto von Azzedine Rouichi auf Unsplash

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Vor etwas mehr als 50 Jahren brachte die Banane, oder besser gesagt ihr Preis, eine Handvoll Frauen in Bewegung. Die sogenannten Bananenfrauen haben darüber sinniert, weshalb die Banane in der Schweiz trotz ihres langen Transportweges derartig günstig ist. Das Engagement dieser Frauen hat sogar die Geschäftsleitung des Detailhandels der Migros provoziert. Dies alles begann mit einer entscheidenden Frage, die bis heute nicht an Aktualität verloren hat.

Die Banane gehört – wie kaum eine andere Frucht – zum Repertoire unserer Beschimpfungen. So ist es kein Kompliment, wenn jemand als eine totale Banane bezeichnet wird. Oder wenn eine Politikerin oder ein Politiker das Wort Bananenrepublik benützt, dann ist kaum eine attraktive Urlaubsdestination in der Ferne gemeint. Über die Banane wird gelegentlich auch gewitzelt: «Warum ist deine Banane krumm?» fragt die kecke 8-Jährige ihren Schulkameraden, der gerade herzhaft in die Frucht beisst. «Damit sie in die Schale passt», erwidert sie gleich selbst und grinst.

Wenn Pfarrfrauen die richtige Frage stellen

Nicht selten leiten einfache Warum-Fragen Veränderungen ein. So hat auch diese eine Frage das Schicksal der «Bananenfrauen» rund um Ursula Brunner bestimmt. Sie war durch den Film «Bananera Libertad» von Peter von Gunten ausgelöst worden1 . Das in den frühen 1970er-Jahren noch eher unbekannte Bananengeschäft wurde von Pfarrfrauen in ihren regelmässigen Frauentreffen in Frauenfeld diskutiert. Es blieb aber nicht nur beim Reden. Die Frauen schritten zur Tat: Sie schrieben auf unorthodoxe Weise den Migros-Genossenschafts-Bund an. Dieser konnte es nicht auf sich sitzen lassen, dass Frauen eine derartige Frage stellten.

Die Geschichte der «Bananenfrauen» ist spannend. Sie gleicht einem Abenteuer, das sie nicht selbst gewählt haben. Der Detailhandelsriese Migros liess sich damals zwar auf ein Gespräch ein, war jedoch nicht gewillt, den Bananenproduzenten einen höheren Ankaufspreis zu bezahlen. Daraufhin suchten die Frauen das Gespräch mit den Konsumentinnen und Konsumenten auf der Strasse. Sie machten so in vielen Schweizer Städten auf die erdrückende Situation bei der Produktion von Bananen aufmerksam. Diese Aktionen lösten ein breites Echo aus und brachte viele Menschen zum Nachdenken.

Hören und dem Ruf nachgehen – alles Weitere ist Zugabe

Was diese Frauen damals nicht wussten: Sie legten mit ihren Aktionen einen Grundstein für das Anliegen «Faire Produkte». Die Erklärung von Bern (heute Public Eye) war fast zeitgleich die treibende Kraft bei der Kaffee-Aktion Ujamaa – sie sprach sich für einen limitierten fairen Kaffee aus –, sowie bei der Jute-statt-Plastik-Aktion Mitte der 1970er-Jahre. Hier wurde ein Jutebeutel mit der Aufschrift «Jute statt Plastic»2 lanciert. Die Aktion wurde zum Symbol der Sensibilisierung für einen sorgfältigeren Konsumstil3 .
Ende der 1970er-Jahre gründeten dann mehrere Schweizer NGOs eine Importgesellschaft namens OS3, heute Claro Fair Trade, um Fair Trade-Produkte in der Schweiz zu verkaufen. In den 1990er-Jahren wurden schliesslich verschiedene Fair Trade-Labels eingeführt: das Bekannteste unter ihnen war 1992 das Label «Max Havelaar». Es zeichnet heute eine grosse Anzahl von Produkten im Detailhandel aus, die unter fairen Bedingungen produziert worden sind – unter anderen auch die Banane.

Als die Fair Trade-Bewegung in den 1980er-Jahren von einer breiteren Zivilbevölkerung aufgenommen wurde – allen voran von NGOs –, war der Interpretationsrahmen stets der Kalte Krieg. So argumentiert etwa der Kulturanthropologe Konrad Kuhn, dass der starke Gegenwind gegen den Verkauf von Fair-Trade-Produkten zu Teilen in der Strukturveränderung lag, welche die Bewegung beabsichtigte4 . In Zeiten des Kalten Krieges wurden Strukturveränderungen sofort politisch interpretiert, völlig unabhängig vom eigentlichen Problemfeld. Dieser hochpolitische Deutungsrahmen legte sich nach dem Ende des Kalten Krieges. Nun wurde nicht mehr jedes Wort politisch gedeutet. Ab 1991 gewannen vordergründig dann Aspekte der Wirtschaft ein höheres Gewicht.

Der Weg der «Bananenfrauen» war ähnlich mit dem, wie die Jungfrau zu ihrem Kinde kam: Der Ruf ihrer Zeit hatte diese Frauen und diese hatten ihre Berufung gefunden. Sie betrieben keine Parteipolitik, was jedoch nicht heisst, dass sie nicht politisch waren. Die fair produzierte Banane wurde 1992 von Max Havelaar übernommen. Die «Bananenfrauen» hatten aber schon zwei Jahrzehnte vorher entscheidende Impulse für den fairen Handel gegeben.

Die Warum-Frage bleibt auch heute aktuell

Heute die «Bananenfrauen» nachahmen zu wollen, würde heissen, in der Vergangenheit zu schwelgen. Der Konsum von Fair Trade-Produkten ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Rückblickend ist das Engagement der «Bananenfrauen» zweifellos beeindruckend.

Trotz und gerade wegen ihres Engagements sollten wir uns auch heute fragen, welche Probleme denn heute vorhanden sind. Wie heissen heute die brennenden Themen rund um den Konsum – und darüber hinaus? Und vor allem: Haben wir gegenwärtig überhaupt noch Orte, an denen wir diese Warum-Fragen stellen können? Oder stehen vor allem die Konzepte, durch die wir Menschen für unsere Ideen und Programme erreichen möchten, im Vordergrund?

Inspiriert von den «Bananenfrauen» möchte ich an dieser Stelle eine der heutigen Warum-Fragen aufwerfen, in der Hoffnung, dass andere in diese Frage einsteigen und die Frage weiterdenken. Meine Frage lautet: Warum sind eigentlich Kirchgemeinden und Organisationen, ja selbst unsere persönliche Karriere so stark auf Wachstum und Wirksamkeit ausgerichtet? Eine Ausrichtung nach Wachstumsindikatoren ist ja direkt oder indirekt immer mit Produzieren und Konsumieren verbunden, auch dann, wenn das äussere Erscheinungsbild unserer Aktionen trendig als «authentisch» bezeichnet wird. Warum spielen wir eigentlich dieses unauthentische Spiel in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft, inklusive Kirchen und Organisationen, mit?

Zum Beispiel Hamburg

Ein Beispiel soll Anregungen geben, wie heute Menschen statt Konsum und Programme im Vordergrund stehen können, ohne Strukturen und Planung zu diskreditieren.

Am Hamburger Bahnhof kommen auf engem Raum täglich 550‘000 Reisende an. Konflikte sind keine Seltenheit. Beispielsweise haben während der Flüchtlingskrise 2016 viele Geflüchtete u.a. vor den Einkaufsgeschäften ihre wenigen Habseligkeiten ausgebreitet, um zu schlafen, was wiederum das Einkaufen für Passanten verunmöglichte und so die Umsatzzahlen der Läden tangierte. Wie geht die Bahnhofsmission damit um?

Bei einem Besuch beim Leiter der Bahnhofsmission Hamburg, Axel Mangad, werden keine Mission Statements oder Alleinstellungsmerkmale der 140-jährigen Organisation zitiert. Man könnte beinahe den Eindruck gewinnen, da gebe es keine genauen Ziele, die verfolgt werden, was sicherlich den einen oder anderen Geschäftsführer beunruhigen würde.

Wenn Axel Mangad erzählt, dann fällt auf, dass die Menschen im Vordergrund stehen. Er erzählt, dass die Bahnhofsmission flexibel sein will, um auf schnelle Veränderungen wie zum Beispiel eine Flüchtlingskrise reagieren zu können.

Das sind keine eingeübten Floskeln, das neu eingeweihte Gebäude bestätigt seine Erklärungen: Mitten im Raum steht eine Empfangstheke, damit die Mitarbeitenden sofort bei den Hilfesuchenden sind. Mit einer Falttür könnte der kleine Raum zum Beispiel sofort in ein kleines Café umgewandelt werden, falls nötig. Der Sanitätsraum nebenan, der mit ausgebildeten Pflegefachkräften besetzt ist, dient Menschen mit medizinischen Beschwerden, die etwa aus Scham über gewohnte Wege keinen Arzt aufsuchen würden. Ebenso können Menschen ihr mobiles Telefon zum Aufladen abgeben. Klingt banal, aber welcher fremden Person würde man heute das Telefon mit persönlichen Daten geben? Das geht nur, wenn ein hohes Grundvertrauen vorhanden ist. Das neugebaute Gebäude ist natürlich sorgfältig geplant worden. Aber das Konzept ist so ausgearbeitet worden, damit nicht der Konsum, sondern Menschen mit ihrer Not im Vordergrund stehen.

Wie wäre es, wenn wir lernen würden, zuallererst an die Menschen zu denken und erst dann an Strukturen und Zahlen? Der Inhalt kann dann völlig unterschiedlich sein, wie bei den «Bananenfrauen» vor 50 Jahren oder aktuell in der Bahnhofsmission in Hamburg. Der entscheidende Punkt liegt darin, die Fragen richtig zu stellen.


1. vgl. Brunner, Ursula: Bananenfrauen. Frauenfeld, 1999, insbesondere die Seiten 16-38

2. Der Slogan «Jute statt Plastic» steht mit Jute für die die natürlichen Materialien, «Plastic» mit einem c statt k symbolisierte das Fremde.

3. vgl. Strahm: Der aktionserprobte Achtundsechziger im Team der EvB 1974-1978, (2008), Seiten 139-140; in: Holenstein, Anne-Marie; Renschler, Regula; Strahm, Rudolf: Entwicklung heisst Befreiung. Erinnerungen an die Pionierzeit der Erklärung von Bern (1968-1985), Zürich, 2008 (Seiten 113-166).

4. vgl. Kuhn, Konrad J.: Fairer Handel und Kalter Krieg. Selbstwahrnehmung und Positionierung der Fair-Trade-Bewegung in der Schweiz 1972-1990. Bern, 2005, Seiten 115-117

Dieser Artikel erschien erstmals am 01. Juni 2024 auf Forum Integriertes Christsein.

Foto von Rodrigo dos Reis auf Unsplash