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In einem ersten Teil zum gleichen Thema, den wir am 18. Dezember 2025 veröffentlicht haben, befasste sich unser Autor auf soziologischer Ebene mit der Frage, warum Christinnen und Christen immer wieder autokratische Figuren unterstützen. Nun vertieft er das Thema theologisch.

Von aussen wirkt das Phänomen befremdlich: Ausgerechnet in religiösen Milieus, die sich auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Lehre Jesu berufen, finden autoritäre Politiker oftmals die treuesten Unterstützer. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA, wo ein grosser Teil der evangelikalen Bewegung Donald Trump als „Werkzeug Gottes“ betrachtet.
Die Frage ist nicht nur politisch, sondern zutiefst theologisch: Warum sind gläubige Menschen anfällig dafür, autoritären Führungsfiguren zu vertrauen? Und wie lässt sich diese Tendenz aus christlicher Perspektive kritisch beleuchten?

  1. Autoritäre Attraktivität: Wann Macht religiös vertraut wirkt
    Theologen und Religionssoziologen weisen seit Jahren darauf hin, dass bestimmte Gottesbilder politisches Verhalten prägen. Insbesondere im alttestamentlichen Kontext begegnet Gott als universaler Herrscher, als König, der kämpft, richtet und absolute Loyalität einfordert (vgl. Ps 2). Dieses Herrschaftsverständnis vermittelt Sicherheit und Identität – und es ist tief verankert in der christlichen Frömmigkeitstradition.
    Für viele Gläubige entsteht dadurch eine intuitive Vertrautheit mit absoluter Macht. Wer an einen souveränen Herrscher glaubt, für den wirkt auch ein starker politischer Anführer zunächst nicht befremdlich, sondern strukturell vertraut. Wenn dieser zudem religiöse Rhetorik bemüht, erscheint er nicht selten als irdischer Vertreter göttlicher Ordnung. Die Brücke zwischen religiösem und politischem Autoritarismus ist damit zwar nicht zwangsläufig, aber erklärbar.
  2. Gesetzesfrömmigkeit und die politische Übersetzung von „Law and Order“
    Zentral für das alttestamentliche Welt- und Gottesverständnis ist die Tora – ein komplexes System aus Geboten, Vorschriften und moralischen Normen. Das religiöse Leben Israels war geprägt von klaren Grenzziehungen, moralischen Forderungen und einer starken normativen Struktur. Psalm 119 feiert diese göttliche Ordnung in vielen Versen. Diese moralisch-normative Prägung findet sich bis heute in vielen christlich-konservativen Milieus. Dort wird politisches Handeln unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung moralischer Ordnung bewertet.
    Wenn ein Politiker klare Regeln, harte Durchsetzung und moralische Disziplin ankündigt, spricht er ein religiös vertrautes Bedürfnis an. Komplexität und Ambiguität – die Grundbedingungen pluralistischer Gesellschaft – wirken dagegen bedrohlich oder zumindest irritierend. Daraus entsteht eine Affinität zu Politikern, die Schwarz-Weiss-Logiken nutzen: Sie erscheinen moralisch konsistent, während differenzierte Politik oft als schwach oder unklar wahrgenommen wird.
  3. Angst als theologischer Katalysator
    Politische Autoritarismusforschung zeigt: Je stärker die Unsicherheit, desto grösser der Wunsch nach Ordnung. Christen sind hier keine Ausnahme – im Gegenteil: Religiöse Milieus reagieren besonders sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, die moralische Orientierung, familiäre Strukturen oder kulturelle Identität in Frage zu stellen scheinen. Migration, Globalisierung, moralischer Wandel oder technologische Beschleunigung können als Bedrohung erlebt werden. Ausgerechnet in solchen Momenten wird der „starke Mann“ attraktiv. Er verspricht nicht Dialog, sondern Entscheidung. Nicht Prozesse, sondern Ergebnis. Nicht Komplexität, sondern Klarheit.
    Das erinnert stark an religiöse Erfahrungen von Orientierung und Führung – allerdings ohne deren geistliche Tiefe. Dabei ist die Parallele trügerisch: Während Gottes Orientierung durch Liebe und Vergebung charakterisiert ist, gründet sich autoritäre Politik meist auf Angst und Abgrenzung.
    Religiöse Kulturen, die durch starke Gesetzesorientierung, absolute Wahrheitsansprüche und ein hierarchisches Gottesbild geprägt sind, neigen weltweit zur Akzeptanz autoritärer Strukturen. Darum ist das Phänomen der Diktatorenfalle auch in anderen Religionen und Kulturen wahrzunehmen, wie dem Islam oder dem Hinduismus.
    Gerade der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie gefährlich dieses Muster werden kann. Christen hatten in der Weimarer Republik nicht nur Angst vor ökonomischer und politischer Instabilität, sondern auch vor moralischem Verfall und gesellschaftlichem Chaos. Hitlers autoritäres Auftreten, sein Versprechen von Ordnung und nationaler Wiederherstellung fand bei vielen Christinnen und Christen Zuspruch. Die „Bekennende Kirche“ war eine Minderheit. Die Mehrheit bekannte sich – aktiv oder schweigend – zu einem Regime, das aus christlicher Perspektive unmissverständlich dem Geist Christi widersprach.
  4. Die christologische Korrektur: Warum Jesus das Gegenmodell zum autoritären Führer ist
    Der entscheidende geistliche Punkt lautet: Christliche politische Ethik kann nicht vom alttestamentlichen Herrschaftskonzept abgeleitet werden. Sie muss von Christus her begründet sein. Und das bedeutet: Jesus ist die Mitte politischer Urteilsbildung.Das Neue Testament präsentiert einen Messias,
    · der Macht ablegt, statt sie zu instrumentalisieren,
    · der Gewalt verweigert, statt sie religiös zu legitimieren,
    · der Randgruppen sucht, statt sie auszuschliessen,
    · der Feinde liebt, statt sie zu vernichten,
    · der Dialog sucht, statt Fronten zu verhärten,
    · der auf Opfer verzichtet, statt Opfer zu verlangen.Die Tempelreinigung – oft als Rechtfertigung für „heiligen Zorn“ missbraucht – ist theologisch gesehen Ausnahme, nicht Prinzip. Die Macht Jesu ist nicht autoritär, sondern sanftmütig, nicht dominierend, sondern dienend. Damit stellt Jesus ein radikales Gegenmodell zu autoritären Figuren dar.
  5. Konsequenzen für die politische Urteilsbildung von Christinnen und Christen

Christen sind eingeladen, politische Entscheidungen nicht aus Angst, Nostalgie oder moralischem Alarmismus zu treffen, sondern aus geistlicher Reife heraus. Das bedeutet:

  • Kritische Selbstprüfung
    Welche meiner politischen Präferenzen werden durch Angst gesteuert?
Welche durch das Bedürfnis nach Kontrolle?
Welche durch mein Gottesbild?
  • Christus als hermeneutischer Schlüssel
    Passt der Führungs-und Lebensstil eines Politikers zu dem Stil Jesu?
Behandelt er Schwache mit Würde?
Fördert er Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit?
  • Sensibilität für Machtmissbrauch
    Christlicher Glaube ist grundsätzlich kritisch gegenüber menschlicher Macht.
Wer Macht sammelt, muss deshalb besonders sorgfältig beurteilt werden.
  • Förderung demokratischer Tugenden
    Dialog, Pluralismus und Kompromiss sind keine Schwäche, sondern Spiegel der menschlichen Würde. Sie entsprechen der Art Jesu, der Menschen ernst nimmt – selbst seine Gegner.
    Christen geraten nicht deshalb in die Diktatorenfalle, weil sie böse oder unreflektiert wären. Sie geraten hinein, weil bestimmte religiöse Muster politisch missbraucht werden können: das Bedürfnis nach Ordnung, die Sehnsucht nach Orientierung und die Angst vor dem Unbekannten. Der Weg aus dieser Falle führt nicht über Ideologie – sondern über Theologie. Über Jesus Christus. Über seine Art zu herrschen. Über seine Art, Mensch zu sein. Wer ihm folgt, wird nicht unkritisch Macht verehren. Wer ihn betrachtet, wird nicht Angst, sondern Liebe zum Massstab machen. Und wer ihn ernst nimmt, wird jede Form von autoritärer Verführung durchschauen.

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Ein Blick in Geschichte und Gegenwart bringt es an den Tag: Christinnen und Christen folgen immer wieder gerne autoritären Machthabern. Was sind die Gründe dafür? Martin Benz geht dieser Frage nach.

Warum wählen Christen so gerne Diktatoren? Diese Frage ist natürlich provokativ, und ich möchte keinesfalls allen Christen unterstellen, dies zu tun. Dennoch ist es interessant, dass es unter konservativ Gläubigen eine ganze Reihe gibt, die dazu neigen, starke Machthaber oder Alleinherrscher zu wählen – Leute wie Trump, die die Wahrheit für sich pachten und ein ganz eigenes Narrativ erzählen.

Wir erleben das aktuell in den USA, wo Trump stark von den „White Evangelicals“ getragen wird. Diese Gruppe steht uneingeschränkt hinter ihm und stellt ein wichtiges Wählerpotenzial dar. Das gleiche Phänomen sahen wir auf den Philippinen mit Präsident Duterte, einem sehr rigorosen und rücksichtslosen Herrscher, der im katholischsten Land der Welt mit Unterstützung der katholischen Mehrheit gewählt wurde. In Brasilien konnte Präsident Bolsonaro auf breite Unterstützung der evangelikalen Pfingstler zählen. Ähnliches gilt für Putin in Russland, der von der orthodoxen Kirche unterstützt wird, oder für die rechtskonservative Partei in Polen im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche. Leider finden wir diese Strömung auch in Deutschland, wo viele Christen mit der AfD sympathisieren oder sie sogar wählen.

Was sind die Ursachen?

Womit hängt das zusammen? Warum sind Christinnen und Christen so anfällig für die „Diktatorenfalle“? Hier sind drei mögliche Erklärungsansätze:

  1. Das Gottesverständnis aus dem Alten Testament
    Zum einen hat dies mit unserem Herrschaftsverständnis Gottes zu tun, das uns stark vom Alten Testament her prägt. Dort stellt sich Gott oft als der Allherrscher vor: der allmächtige Gott, der Herrscher der ganzen Welt, der vor seinem Volk steht und andere Völker oder Götter vernichtet bzw. entmachtet. Besonders in den Psalmen (z. B. Psalm 2) finden wir Textstellen, die von dieser uneingeschränkten Herrschaft sprechen. Selbst wenn sich Völker auflehnen, festigt Gott seine Herrschaft und bereitet dem Widerstand ein Ende. Alle müssen sich beugen; sein Wille gilt absolut.
    Dieses Bild der absoluten Herrschaft Gottes ist uns vertraut und vermittelt Sicherheit: Wenn man zu diesem Gott gehört, steht man auf der Siegerseite. Das hat positive Aspekte wie Geborgenheit und Halt. Aber wenn man sich an diese absolute Herrschaftsform gewöhnt hat, wirkt auch eine irdische Herrschaft, die diesen „militanten“ oder absoluten Geschmack hat, vertraut. Ein Christ fremdelt nicht so stark mit autoritären Strukturen auf Erden. Wenn ein Herrscher dann noch suggeriert, er handle im Auftrag Gottes, sagen sich viele Christen: „So einen Mann haben wir gebraucht.“ Selbst wenn Freiheiten eingeschränkt oder Minderheiten unterdrückt werden – solange die Christinnen und Christen ihre Religion ausüben können, wird das akzeptiert.
  2. Die Sehnsucht nach „Law and Order“
    Ein zweiter Grund ist, dass die Herrschaft Gottes im Alten Testament stark auf Gesetzen, Geboten und Vorschriften gründet. Es herrscht eine hohe Moralvorstellung, definiert durch klare Anweisungen (Tora). Dieses „Law and Order“-Prinzip wird im Alten Testament gepriesen (z. B. in Psalm 119). Ordnungen werden als positiv empfunden und Verstösse dagegen werden hart bestraft.
    Wenn ein irdischer Herrscher nun Regeln, Gesetze und „Law and Order“ betont, kommt dies konservativen Christen sehr entgegen. Sie fühlen sich verpflichtet, jemanden zu wählen, der „klare Kante“ zeigt und Ordnung schafft. Ein Herrscher, der „wachsweich“ wirkt, ist ihnen suspekt.
    Dies ist auch ein Problem der Kirche, die sich angewöhnt hat, als Moralapostel aufzutreten. Das erklärt, warum der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche so schwer wiegt: Wer so moralisch auftritt und strenge Regeln (z. B. bei Wiederheirat) predigt, verliert massiv an Glaubwürdigkeit, wenn in den eigenen Reihen Verbrechen geschehen.
  3. Der Faktor Angst
    Der dritte Aspekt hängt eng mit dem zweiten zusammen: Angst. Je verunsicherter wir uns fühlen – sei es durch Pluralismus, Globalisierung oder unklare Verhältnisse –, desto lieber ist uns wieder „Law and Order“. Wenn die Welt chaotisch wird und alte Gewissheiten schwinden, rufen Menschen nach dem „starken Mann“, der Orientierung bietet. Man nimmt in Kauf, dass andere dabei unter die Räder kommen, Hauptsache, das eigene Ordnungssystem ist wiederhergestellt.
    In Krisenzeiten sind Länder besonders anfällig für Diktatoren. Leider merkt man oft erst zu spät, dass man den falschen Mann gewählt hat – nämlich dann, wenn die eigenen Freiheiten auch beschnitten werden. Da Christinnen und Christen gewohnt sind, dass Gott durch klare Anweisungen Orientierung und Sicherheit schenkt, fremdeln sie weniger mit Herrschern, die ähnlich autoritär auftreten.

Historische und interreligiöse Parallelen

Diese „Diktatorenfalle“ betrifft nicht nur Christen. Auch andere Religionen mit einem ähnlichen Gottesbild sind anfällig, etwa der konservative Islam (Beispiel IS, Iran oder Türkei). Je „frömmer“ die Leute sind, desto eher akzeptieren sie absolute Herrschaftsformen, bei denen Religion und Staat verschmelzen.

Auch in Deutschland haben wir diese Erfahrung gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg führten wirtschaftliche und politische Verunsicherung dazu, dass viele Christen in die Diktatorenfalle liefen und Adolf Hitler wählten. Nur eine Minderheit in der Bekennenden Kirche durchschaute dies. Den meisten war der Gedanke einer absoluten Herrschaft und einer „klaren Kante“ nicht fremd.

Ich sage das heute leicht von meinem Schreibtisch aus. Ich weiss nicht, wie ich damals gehandelt hätte und ob ich nicht auch mitgelaufen wäre. Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute Gedanken machen und diese Mechanismen durchschauen, um nicht erneut in diese Falle zu tappen.

Jesus als politisches Vorbild

Ich bin der Meinung, dass wir für unsere politische Bildung nicht das Alte Testament, sondern Jesus Christus brauchen. Jesus lebte eine völlig andere Art von Herrschaft. Er war bescheiden, sanftmütig und von Herzen demütig. Sein Umgang mit Randgruppen, Schwachen und Sündern ist für mich programmatisch. Auch seine Kritik am religiösen Establishment, das die Nähe zur Macht suchte, ist wegweisend.

Manche mögen einwenden: „Aber Jesus hat doch die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben!“ Das stimmt, aber diese Szene ist die grosse Ausnahme, nicht das Programm seines Lebens. Wer stark vom alttestamentlichen Herrscherbild kommt, stürzt sich auf diese Szene, weil sie ins eigene Weltbild passt. Aber in Jesus begegnet uns der Sanftmütige, der jegliche gewaltsame Herrschaft ablehnt. Er ruft keine Engel-Legionen, er schlägt nicht zurück. Er ist der Dreh- und Angelpunkt für unsere politische Bildung.

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Es gibt das Bonmot, jede Party liesse sich ruinieren, indem man anfängt, über Politik oder Religion zu debattieren. Eine Vermischung von beiden lässt man da wohl besser bleiben. Aber: Gilt das auch für unsere turbulente Zeit?

Wir leben in politisch verstörenden Zeiten. Und damit stellt sich die Frage, ob glaubwürdig Christ zu sein heute ein verstärktes politisches Bewusstsein und Engagement abverlangt. Das Bekenntnis zu einem Gott, der uns als Schöpferkraft der Welt entgegentritt, zwingt uns eigentlich zu einem bewussten Verhältnis zu dem, was in dieser Welt geschieht. Und auch das Gebot zur Nächstenliebe ist automatisch eine politische Frage. Denn wir leben nicht für uns, sondern sind eingewoben in eine Gesellschaft, deren Form stets politisch ausgehandelt wird.

Den politischen Rahmen aushandeln

Für Christen ist das Thema Glaube und Politik dennoch ein Minenfeld. Wir können nicht bestreiten, dass das Zusammenspiel von Kirche und politischer Macht Gewalt hervorgebracht und das Evangelium oft grotesk verzerrt hat. Und auch heute liesse sich mit der Frage «Was würde Jesus dazu sagen?» ohne Weiteres eine kritische Diskussion über die Rolle eines christlichen Nationalismus auf Präsidenten wie Putin oder Trump führen.

Der Raum des Politischen beschreibt die Vielfalt der Prozesse, mit der wir unser Zusammenleben als Menschen gestalten. Da Menschen nicht automatisch als absolut frei, gleich und in mündiger Einsicht in Erscheinung treten, sind Meinungsverschiedenheiten und ein Machtgefälle unvermeidlich. Das – nicht immer gewaltfreie – Aushandeln dieser Konflikte erzeugt ein politisches System, das die Machtverhältnisse institutionalisiert und zu bewahren sucht. Konflikte finden dann im Rahmen des politischen Prozesses statt. Scheitert dieser, kann es wieder zu Gewalt kommen.

Religion mit einer passgenauen Auslegung wurde oft als Machtinstrument eingesetzt, um mit dem Verweis auf eine «göttliche Ordnung» nicht nur die Quellen der Macht – «Von Gottes Gnaden» –, sondern auch die Gefügigkeit der Beherrschten zu garantieren. Erst die Säkularisierung trennte diese Sphären. Sofern politische Systeme Glaubens- und Gewissensfreiheit garantieren, sollten gläubige Menschen dies heute nicht nur respektieren, sondern geradezu schätzen. Der Botschaft des Evangeliums hat die Verflechtung mit politischer Macht nie gutgetan.

Was ist christliche Politik?

Doch durch das Abschieben des Glaubens ins rein Private entsteht eine Spannung. Der christliche Glaube ist kein individuelles Glücks- und Heilsversprechen. Er mündet in eine Sozialethik, die aus dem Aufruf zu einer liebevollen Beziehung zum Nächsten und damit auch zur Welt erwächst. Dass Menschen wie Martin Luther King Jr., Dietrich Bonhoeffer, Dorothy Day und viele andere sich vom Glauben getragen leidenschaftlich für eine Veränderung der Welt eingesetzt und dies zum Teil mit ihrem Leben bezahlt haben, macht sie zu Recht zum Vorbild. Doch auch der Glaube selbst ist oft Anlass zu politischen Konflikten und zur Gewalt.

Die Zahl der widerstreitenden Schriftauslegungen und theologischen Schwerpunkte machen es kaum möglich, eine eindeutig als «christlich» zu bezeichnende politische Haltung zu skizzieren. In Formen des sogenannten «Wohlstandsevangeliums» gilt persönlicher Reichtum als göttlicher Segen und die Armut anderer als Mangel an Segen. Andere orientieren sich an Matthäus 25,40: «Wahrlich, ich sage euch: Alles, was ihr einem dieser geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!»

Es gibt Christen, die fossile Rohstoffe als göttliches Geschenk sehen und ihr ungezügelter Verbrauch als Gottes Wunsch. Andere orientieren sich am Gebot zur Bewahrung der Schöpfung. Manche leiten eine «bedingungslose Israelsolidarität» aus der Bibel ab, andere wiederum ihren Einsatz für die Menschenrechte der Palästinenser.

Ohne über die jeweilige theologische Stichhaltigkeit urteilen zu wollen: Wir tendieren dazu, unser Welt- und Menschenbild, das oft auch bereits politisch gefärbt ist, an die Bibel heranzutragen und uns dann von ihr bestätigen zu lassen. Zur Begründung eines politischen Engagements nutzen wir dann selektiv jene Passagen, die uns behagen.

Sollte man es daher besser sein lassen mit der christlichen Politik und doch den vom Säkularismus vorgeschlagenen Weg eines rein privaten Glaubens wählen?

Die Politik Jesu fordert uns heraus

Nun, die Einladung zur Nachfolge Christi erschöpft sich nicht in einer Bekenntnisformel. Am Leben Jesu sollten wir nicht nur Gottes Wesenszüge, sondern an seinem Beispiel auch ableiten, wie wir unsere Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zur Welt gestalten wollen. Die altbekannte Frage «Was würde Jesus tun?» liefert uns im Alltag natürlich nicht für alle Situationen – und dazu gehören auch politische Fragen – konkrete Antworten. Doch so wie Christus selbst oft Gleichnisse verwendet und es uns bis heute überlässt, diese gemäss ihrem tieferen Sinn zu verstehen, so heisst ein ernst zu nehmender Glaube stets, sich von Christus herausfordern zu lassen.
Sich von Christus herausfordern zu lassen heisst, die eigenen Vorannahmen kritisch zu hinterfragen. Aus der Art, wie Jesus selbst lebte und mit seinen Mitmenschen umging, entnehmen wir eine Sozialethik, die zwangsläufig auch politisch wird. Je nach Situation wird es Menschen dazu bringen, bestimmte politische Positionen zu beziehen und sich entsprechend zu engagieren. Möglicherweise wird dies nicht immer deckungsgleich sein mit dem, was andere daraus ableiten.

Verhärtungen vermeiden

Dies mag man bedauern, doch vielleicht kommt in dieser Vielfalt etwas von der Freiheit und Lebendigkeit des Glaubens zum Ausdruck. Denn die Herausforderung bleibt, eine aus dem Glauben begründete politische Position nicht in eine politische Ideologie oder Programmatik verhärten zu lassen. Wann immer das Christentum dies zuliess, fiel ihm Christus irgendwann auf die Füsse. Christus kann nicht vereinnahmt werden: Wir sind es, die vereinnahmt werden sollen! Das heisst, egal wie sehr ich glaube, durch meinen Glauben zu einer definitiven politischen Haltung gelangt zu sein: Ich muss mich immer wieder neu dem in Christus offenbarten Wesen Gottes stellen. Es ist ein lebendiger Prozess, der nicht aufhört, – so wie in einer Ehe das «Ja» zueinander nicht nur einmal bei der Trauung gesprochen wird, sondern in der Praxis stets wiederholt werden muss.
Dies gilt umso mehr, weil wir ja aus der religiös motivierten Politik von anderen, die uns nicht behagt, ablesen können, dass es der Auslegungen viele gibt, und die Wahrscheinlichkeit, dass nur wir Recht haben, eher gering ist.

Christliche Politik ist nicht beliebig

Obwohl links wie rechts, Monarchie, Diktatur und auch Demokratien sich gelegentlich auf die Bibel beziehen können, folgt daraus kein politischer Relativismus. Mit der Demut, vielleicht nicht immer eindeutig die Wahrheit Gottes auf unserer Seite zu haben, stehen wir im Einklang mit Kernstellen unserer Überlieferung: Wir «ringen mit Gott» wie Jakob. Wir gestehen wie Hiob ein, dass uns vieles ratlos macht. Wir verzweifeln mit Christus in Gethsemane: «Dein Wille geschehe.» Und doch bleibt Gott kein unergründliches Geheimnis, wenn es um unsere Haltung zur Welt und zum Nächsten geht. Der Weg der Nachfolge Christi heisst, sich von seinem Handeln am Nächsten ebenso inspirieren zu lassen wie von seiner Lehre.

Ein ganzheitlich verstandenes Christentum kann sich politischen Fragestellungen nicht entziehen. Es kann aber auch nicht ignorieren, dass die Vermengung von Glaube und Politik in der Geschichte oft zu desaströsen Konsequenzen geführt hat, und wir auch heute dazu tendieren, unsere politischen Grundannahmen gemäss unserem Glauben auszuwählen. Wenn es jedoch eine Richtschnur gibt, die uns immer wieder korrigiert, dann ist es eine zentrale Person: Jesus Christus selbst.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

Titelbild von Lummi.ai

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«Schwerter zu Pflugscharen» lautet das Thema der diesjährigen StopArmut-Konferenz am 1. November in Winterthur. Eine der Fragen, die sich zu diesem Thema stellt: Welche Verbindung gibt es zwischen Armut, Gerechtigkeit und bewaffneten Konflikten? Der Prophet Micha gibt dazu in der Bibel eine interessante Antwort.

Als wir bei StopArmut das Thema «Schwerter zu Pflugscharen» zum Jahresthema wählten, erhielten wir einige überraschte Reaktionen: Warum plötzlich von Frieden sprechen? Was hat das mit Armut zu tun? Warum entfernen wir uns so weit von unserem zentralen Thema? Aber die Frage bewaffneter Konflikte ist seit Jahrtausenden eng mit Fragen zu Armut und Gerechtigkeit verbunden. Bereits vor mehr als 2500 Jahren wiesen die biblischen Propheten auf diesen Zusammenhang hin:

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Die StopArmut-Konferenz «Schwerter zu Pflugscharen» am 1. November 2025

Zur Anmeldung

1 «Aber in den letzten Tagen wird der Tempelberg alle anderen Berge an Größe und Höhe überragen. Es werden dann Menschen aus allen Nationen zu ihm herbeiströmen. 2 Viele Völker werden sich auf den Weg machen und einander zurufen: ‘Kommt, wir wollen auf den Berg des HERRN steigen, zum Tempel des Gottes Israels. Dort wird er uns seine Wege lehren, damit wir so leben, wie er es möchte.’ Denn der HERR wird von Zion seine Weisungen ausgehen lassen und von Jerusalem sein Wort. 3 Dann wird er der Richter über viele Völker sein und wird mächtigen Nationen Recht sprechen, auch wenn sie noch so weit entfernt sind. Dann werden sie ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden und ihre Speere in Winzermesser. Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt. 4 Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss. So hat es der HERR, der Allmächtige, gesagt!»

Dieser kurze Abschnitt kommt sowohl im Buch Jesaja (2, 2-4) als auch im Buch Micha (4,1-5) vor. Die beiden Propheten waren fast Zeitgenossen und prophezeiten zur gleichen Zeit: während der assyrischen Invasionen (ca. 740 bis 690 v. Chr.). Sie hatten jedoch ein unterschiedliches Publikum. Während Jesaja ein Stadtbewohner war und seine Botschaft eher an den König und den Hof richtete, stammte Micha aus dem ländlichen Gebiet und sprach zu den Bürgern und dem Volk.1

Micha zeichnet das hoffnungsvolle Bild einer strahlenden Zukunft, in der alle Völker zum Berg des Herrn kommen, damit er sie lehre, was er von ihnen erwartet. Und wenn die Völker schliesslich nach Gottes Geboten leben, zeigen sich zwei Zeichen: Die Völker (auch die mächtigen) verwandeln ihre Kriegswaffen in landwirtschaftliche Arbeitsgeräte, und alle kultivieren in Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume.

Die zwei Nachweise von Frieden

Diese beiden Zeichen, des Weinbergs und des Feigenbaums, stehen für eine Vision des politischen, weltweiten Friedens: «Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.» Und für eine Vision des ganz persönlichen, alltäglichen Friedens: «Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss.» In Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume zu bebauen, das ist die grundlegendste Hoffnung Israels. Sie findet sich an mehreren Orten in der Bibel (1. Kön. 5,5; 2. Kön. 18,31; Sach. 3,10)

«Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.»

Dieser Text besagt, dass politischer Frieden und persönlicher Frieden voneinander abhängig sind. Es kann kein persönliches Wohlergehen geben, ohne eine Beendung der Militarisierung. Das Streben nach Sicherheit durch Krieg, die Suche nach (Energie-)ressourcen für Waffen – all dies kann nicht bestehen, wenn persönliche Träume von Frieden wahr werden sollen. Denn der Krieg ist gierig nach Ressourcen, Geld und Nahrung und kann nur weiterleben, indem er das persönliche Hab und Gut, das er zu schützen vorgibt, konfisziert. Umgekehrt brauchen Waffen Ungleichheit für ihre Legitimation: Sie dienen also in erster Linie dazu, eine ungerechte Ordnung aufrechtzuerhalten, diese Ordnung wieder zu kippen oder sich einfach das zu nehmen, was anderen gehört. Damit Waffen aufgeben werden können, muss eine gerechte Grundordnung bestehen. Das bedeutet auch, masslose Habgier aufzugeben.

Konsum hinterfragen

Abrüstung ist nicht der einzige Prozess, den es für Frieden braucht. Es ist auch notwendig, dass wir die Erwartungen an unsere ökonomische Situation runterschrauben. Der Text beschreibt eine einfache Lebensweise, in der jeder und jede das hat, was sie brauchen (aber nicht mehr), und die landwirtschaftliche Produktion seines Nachbarn und seiner Nachbarin respektiert. Das bedeutet, dass wir bereit sind, uns mit unseren Trauben und Feigen zufrieden zu geben, ohne zu versuchen, die Trauben und Feigen zu bekommen, die andere produziert haben. Der Prophet weiss, dass die Weinberge und Feigenbäume jedes und jeder Einzelnen nur dann in Sicherheit sind, wenn die Mächtigen sich mit den Trauben und Feigen begnügen, die sie selbst produziert haben. Die radikale Vision von Micha versteht, dass die Aufgabe unserer Militärsysteme zwangsläufig auch eine Neuausrichtung unseres Konsums sowie unserer Werte bezüglich Konsum erfordert.

Deshalb pendelt unser Plädoyer zwischen diesen drei Themen hin und her: unseren Konsum überdenken (sich mit dem eigenen Weinstock begnügen), die internationale Zusammenarbeit unterstützen (anderen das Anbauen ermöglichen) und dem falschen Versprechen der bewaffneten Sicherheit widerstehen (Schwerter zu Pflugscharen umschmieden).

Viele von uns träumen davon, in Frieden unter unseren Weinreben und Feigenbäumen zu leben. Und in unserer Gesellschaft gibt es viele, die versuchen, genau diesen Traum vom ruhigen Leben im Schatten der Feigenbäume mit dem Schutz durch ein kriegerisches System zu verbinden. Micha zeigt jedoch den tiefen und unüberwindbaren Widerspruch zwischen Schwertern und Speeren auf der einen Seite sowie Weinreben und Feigenbäumen auf der anderen Seite auf.

Ein Versprechen mit Doppelfunktion

Es stimmt, dieses poetische Versprechen Michas beschreibt eine Zukunft, die für uns schwer vorstellbar ist. Diejenigen, die es hören, haben keine Ahnung, wie sie zu der dargestellten Realität gelangen könnten. Genauso muss es übrigens wahrscheinlich den Übermittlern dieser Botschaften, also Micha und Jesaja gegangen sein. Es gibt keinen strategischen Plan dazu, keine konkrete Vorgehensweise. Das Versprechen kommt ohne Vorwarnung. Es kommt als Unterbrechung der Gegenwart. Und das Bild, das dieses Versprechen zeichnet, ist wunderschön. Es berührt die Herzen derer, die es hören, und entspricht den tiefsten Sehnsüchten nach der Gegenwart Gottes, Frieden, Ruhe.

Dieses poetische Versprechen erfüllt eine doppelte Funktion: Zum einen schafft es einen Raum der Freiheit. Es befreit uns von Kalkül, von den Erfahrungen darüber, was funktioniert oder nicht, was möglich ist oder nicht. Diese Befreiung ermöglicht es uns, über die unerklärlichen Zukunft nachzudenken, die Gott erschaffen kann. Eine Zukunft, die weit über das hinausgehen, was Menschen aufbauen können.

Die zweite Funktion des Versprechens besteht darin, die Gegenwart auf den Kopf zu stellen. Das Versprechen, das Bild davon, wie eine Zukunft sein kann, spricht davon, dass sich Dinge auch ändern können. Das aktuelle System ist nicht absolut. Für die Zeitgenossen und Zeitgenossinnen Michas waren die Invasion Assyriens, die Korruption der Richter Israels und die Gier der Mächtigen nicht absolut. Für uns heute sind Regierungen mit Expansions- und Herrschaftsgelüsten, Kriegsdrohungen und wachsende Ungleichheiten ebenfalls nicht absolut. Weder der König von Assyrien noch die korrupten Führer und Führerinnen Jerusalems noch die Präsidenten Russlands, der USA oder Chinas werden das letzte Wort haben, und ihre vereinten Kräfte werden niemals alle Macht kontrollieren können, die in der Welt am Werk ist.2

Möge dieses Versprechen uns Hoffnung für morgen und einen kritischen Blick auf das Heute geben.3

Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch auf www.stoppauvrete.ch veröffentlicht.


1. Hat der „grosse Prophet” Jesaja das Orakel des „kleinen Propheten” Micha übernommen? Hat der kleine Prophet den grossen kopiert? Oder haben beide aus einem älteren Lied geschöpft? Unter Bibelwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen herrscht keine Einigkeit darüber, und ich persönlich bevorzuge die letzte Option, eines gemeinsamen Ursprungs.

2. Die doppelte Funktion des poetischen Versprechens entlehne ich BRUEGGEMANN, WALTER. „Vine and Fig Tree: A Case Study in Imagination and Criticism.” The Catholic Biblical Quarterly 43, Nr. 2 (1981): 188–204..

3. Diese Überlegungen basieren teilweise auf meiner Arbeit zum Buch Micha in Kollaboration mit dem Podcast bibletunes fr. Derzeit nehmen wir in diesem Rahmen eine Reihe wöchentlicher 10-minütiger Podcasts über Micha auf. Der Prophet Micha war es, der das „Micha-Netzwerk” inspiriert hat, dem StopArmut angehört. Die erste Folge des Podcast erschien am 8. September 2025 auf allen geläufigen Podcast-Plattformen.

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Seit der Einführung von ChatGPT im November 2022 hat die generative künstliche Intelligenz einen rasanten Aufschwung erlebt. Diese technologische Revolution lässt niemanden unberührt, nicht einmal christliche Gemeinschaften, die nach und nach das Potenzial und die Gefahren dieser neuen Werkzeuge entdecken.

Der Global Missional AI Summit1 hat es sich sogar zur Aufgabe gemacht, zu zeigen, wie Künstliche Intelligenz (KI) für spirituelles Wachstum und die Übersetzung der Bibel genutzt werden kann. Angesichts dieses Wandels stellt sich eine grundlegende Frage: Wie sollen wir mit dieser Technologie umgehen, die unser Verhältnis zu Wissen, Wahrheit und menschlichen Beziehungen grundlegend verändert?

Grundlegende Ambivalenz

Im Gegensatz zu binären Ansätzen, die Technologie je nach ihrer Verwendung als grundsätzlich gut oder schlecht darstellen, ist die Realität komplexer. KI ist grundsätzlich ambivalent: Sie hat gleichzeitig und untrennbar voneinander positive und negative Auswirkungen. Diese Ambivalenz zwingt uns, uns den vielfältigen Herausforderungen dieser Innovation und ihren Risiken zu stellen, die die Fundamente unserer Menschlichkeit und unserer Gesellschaft in Frage stellen.

Die generative KI stellt in erster Linie unser Verhältnis zur Wahrheit in Frage. ChatGPT ist trotz seiner aussergewöhnlichen Leistungsfähigkeit ein probabilistisches System, das einen Teil der Informationen mit beunruhigender Sicherheit falsch wiedergibt. Dass diese Quellen für zuverlässig gehalten werden können, stellt unsere kollektive Fähigkeit in Frage, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, was in einer Zeit, in der Desinformation weit verbreitet ist, besonders besorgniserregend ist.

Technologische Versprechen – menschliche Herausforderungen

KI kann uns zwar von bestimmten repetitiven Aufgaben befreien, benötigt aber gleichzeitig eine Armee von „Klickarbeiterinnen und -arbeitern”, um Inhalte zu überprüfen und zu filtern. Diese versteckte Wirtschaft offenbart die Widersprüche eines Systems, das vorgibt, die Menschen von der Arbeit zu befreien, gleichzeitig aber neue Formen der Ausbeutung schafft. Hinter der scheinbaren Entmaterialisierung der KI verbirgt sich eine beachtliche physische Realität. Der CO2-Fußabdruck von ChatGPT und anderen generativen KI-Systemen ist gigantisch und wächst exponentiell.

Die geopolitische Herausforderung ist nicht weniger besorgniserregend: KI kristallisiert die Machtverhältnisse vor allem zwischen Amerikanern und Chinesen heraus. Diese Konzentration der technologischen Macht in wenigen Händen wirft wichtige demokratische Fragen auf.

Eine weitere Herausforderung: Wie kann man kritisches Denken und die Fähigkeit zum Nachdenken förden, wenn KI gerade unsere Fähigkeit zum kritischen Denken beeinträchtigt? Diese Frage wird umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass junge Menschen, die an Bildschirme und ständige Reize gewöhnt sind, nach und nach ihre Konzentrationsfähigkeit und ihre Fähigkeit zum vertieften Lesen von Texten verlieren. Der sofortige Zugriff auf die Zusammenfassung eines beliebigen Artikels erspart uns sogar die Notwendigkeit zu lernen. Wie die Forscherin Maryanne Wolf2 betont, bedeutet Lesen Verstehen, es ist eine kognitive und emotionale Erfahrung, die uns innerlich verändert und Empathie fördert. Der Verlust dieser Fähigkeit trägt zur zunehmenden Polarisierung unserer Gesellschaften bei und schwächt die Grundlagen des kritischen und komplexen Denkens.

Den christlichen Glauben in Zeiten der Algorithmen vermitteln

Für Christen stellt die KI besondere Herausforderungen dar und wirft eine grundlegende theologische Frage hinsichtlich der Vermittlung des Wortes auf. Eine KI, die mit allen „vertrauenswürdigen” christlichen Texten gefüttert wird, würde zweifellos fundiertere Antworten liefern als jede Pfarrerin bzw. jeder Pfarrer. Aber wäre das dann noch ein authentischer Dienst am Wort? Der christliche Glaube basiert auf einem Wort, das nicht nur eine einfache Information ist, sondern ein Ereignis, eine Begegnung, eine Inkarnation. Dieses göttliche Wort ist in Jesus Fleisch geworden und kann nur von Mensch zu Mensch in einer lebendigen Beziehung weitergegeben werden. Die Verkündigung des Evangeliums auf eine Wahrscheinlichkeitsberechnung zu reduzieren, wäre eine reine Farce.

Der Weg der Machtlosigkeit

Angesichts des Dilemmas zwischen Akzeptanz und Ablehnung der KI schlägt der Theologe Jacques Ellul3 einen dritten Weg vor, der vom Beispiel Christi inspiriert ist: die Machtlosigkeit. Der Ellul-Spezialist Frédéric Rognon definiert diesen Ansatz als „die Fähigkeit, etwas zu tun, und die Entscheidung, es nicht zu tun”. „Als Jünger von Christus sind Christen aufgefordert, ihm auf einem Weg der Ohnmacht zu folgen: nicht alles zu tun, was in ihrer Macht steht, sondern unter allen Möglichkeiten das zu erkennen, was mit dem Leben und der Liebe verbunden ist.”4
Dieser Ansatz bedeutet nicht eine systematische Ablehnung der Technologie, sondern lädt dazu ein, eine klare Prioritätenhierarchie aufzustellen, statt immer nur auf technologische Effizienz zu setzen. Im Mittelpunkt steht die Qualität der Beziehung, die Wahrhaftigkeit des Dialogs, die Tiefe der Begegnung – Dimensionen, die sich keiner algorithmischen Optimierung unterwerfen lassen. Es geht darum, einen kritischen Blick zu entwickeln, ohne in Technophobie zu verfallen, diese Werkzeuge zu nutzen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Ein solcher Ansatz erfordert Bildung, die Schulung des kritischen Denkens und vor allem die Bewahrung dessen, was das Wesen unserer Menschlichkeit ausmacht: die Fähigkeit zu authentischen Beziehungen, zu echter Kreativität, zu verkörpertem Wort. In einer Welt, in der Maschinen sich darin auszeichnen, das „bereits Gesagte” zu reproduzieren, liegt unsere einzigartige Stärke in unserer Fähigkeit, Neues, noch nie Gesagtes, wirklich Unabhängiges zu produzieren.


1. https://missional.ai/
2. Weitere Informationen darüber in zwei Artikeln über Maryanne Wolf: https://www.philomag.com/articles/maryanne-wolf-il-est-possible-que-lexperience-de-lecture-profonde-satrophie-ou-se-perde und https://www.letemps.ch/culture/livres/maryanne-wolf-le-numerique-a-deja-change-notre-facon-de-lire?
3. Jacques Ellul, über den im November 2024 mit Unterstützung von ChristNet eine Tagung in St. Légier VD (Link: «Ohne Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung» – ChristNet) stattfand, befasste sich vor mehr als 30 Jahren mit den Frühformen der künstlichen Intelligenz.
4. www.eks-eers.ch/fr/blogpost/jacques-ellul-et-lintelligence-artificielle/

Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch in Christ Seul veröffentlicht.

Das Titelbild stammt vom AI-Bilderdienst Lummi.

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Welche Herrschaftsform wird in der Bibel favorisiert? Pfarrer Simon Grebasch lädt die Lesenden in seinem Artikel zu einer Tour d’Horizon durch die Bibel ein und skizziert dabei seine Antworten.

Grundsätzliches zur Bibelauslegung
Bei der Bibelauslegung muss zwischen Beschreibung und Beurteilung unterschieden werden. In der Bibel wird viel öfter beschrieben als beurteilt. So wird nicht klar, ob Jakobs Betrügereien an seinem Bruder Esau an sich als okay oder nicht okay eingestuft werden. Vielmehr wird einfach beschrieben, dass Jakob so gehandelt hat. Manchmal kann man aus der Art und Weise der Beschreibung (mit Vorsicht und Vorbehalt) auch auf eine mögliche Bewertungstendenz schliessen. So zum Beispiel bei der Missachtung Esaus von seinem Erstgeburtsrecht (Gen 25,34). Weitgehend äussert sich das Genesisbuch zum Bruder Jakobs jedoch bloss beschreibend. Der Schreiber des Hebräerbriefs im NT ist in seinem (negativen) Urteil dann unzweideutig (Hebr 12,16).
Am einfachsten für die Bewertung ist es natürlich, wenn ausdrücklich die gegensätzlichen Prädikate «gut» oder «schlecht» vorkommen, oder ihre Synonyme. Ein weiteres Problem stellt sich bei der Frage, wer hinter dem Text stand und beurteilt (hat). Moses wäre bezüglich der «richtigen» Herrschaftsform vielleicht ja nicht der gleichen Meinung gewesen wie Paulus. Und bezüglich der Inspiration der Bibel durch Gottes Geist (vgl. 2Ti 3,16) könnte es sich als schwierig herausstellen zu differenzieren zwischen der Meinung es Autors und dem Reden Gottes. Nur einmal deklariert ein biblischer Autor klar, was von ihm stammt und was der «Herr» selbst gesagt habe (1Ko 7,10–12).

Ich kann im Rahmen dieses Artikels nur selektiv vorgehen, versuche dies aber exemplarisch zu machen. Beginnen wir beim biblischen ersten Menschenpaar im paradiesischen Schöpfungsgarten. Der Zustand vor dem Fall gilt von manchen Interpreten als Ideal-Zustand und soll im künftigen Reich Gottes wiederhergestellt werden. Welche Herrschaftsform(en) können wir von Genesis 1–3 ableiten? Ein Staat existierte noch nicht. Auf das Kleine angewendet können wir sagen, dass eine theokratische Form vorliegt: Gott gebietet ein Grundgebot und erteilt Aufträge. Der Mensch ist Gott rechenschaftspflichtig. Innerhalb dieses Rahmens ist der Mensch sehr frei und darf selbst bestimmen. Bis auf einen einzigen Baum darf er von allen Pflanzen konsumieren. Die Ordnung innerhalb dieser Theokratie ist also gleichzeitig auch liberal-demokratisch. Eine Herrschaft des Mannes über die Frau ist nicht auszumachen.

In Genesis 10 findet sich mit Nimrod zum ersten Mal eine Autokratie, eine menschliche Alleinherrschaft. Dass er «der erste Gewaltherrscher auf Erden» war, wird nicht direkt bewertet, evtl. suggeriert die Verwendung des Begriffs «Gewalt» eine Tendenz. Auch aufgrund der Verortung zwischen der Sintflut und dem Turmbau zu Babel – einem weiteren Strafgericht Gottes – kann eine negative Bewertungstendenz abgeleitet werden. Auch sonst kommt autokratisches (selbstmächtiges) Herrschen im weiteren Verlauf der Bibel durchs Band schlecht weg.

Bei der Konstituierung des Volkes Israel gab es die Herrschaft des Presbyteriums – der Rat der 70 Ältesten, die auch als Richter fungierten – plus Moses an der Spitze (Nu 11). In der Zeit nach der Ausbildung der 12 Stämme in Israel werden herrschaftslose, anarchische Zustände beschrieben. Vereinzelt werden Richter einberufen, um Ordnung zu schaffen (Kritarchie).

Weil sich die Situation mit den Richtern nicht wesentlich bessert, verlangt das Volk nach einem König. Dieser Wunsch stösst ausdrücklich auf den Unwillen Gottes, wird aber gemäss Autorschaft des 1. Samuelbuches dennoch von Gott selbst akzeptiert, so dass die Monarchie schliesslich eingeführt wird (1Sa 8+9). Ein exemplarisches Beispiel dafür, wie die Herrschaft Gottes im AT nicht als diktatorisch, sondern dialogisch und demokratisch beschrieben wird. Die Monarchen selbst waren relativ frei, das mosaische Gesetz anzuwenden, das als Gottes Gesetz verstanden wurde. Wer gottlos und eigenmächtig herrschte, kam in der Beurteilung schlecht weg (Vgl. 1Kö 16,30: «Und Ahab tat, was dem Herrn missfiel»). Umgekehrt wurde positiv bewertet, wer nach Gottes Massstäben regierte (1Kö 15,11: «Und Asa tat, was dem Herrn wohlgefiel»). Die «guten» Könige wurden zu Vorbildern des verheissenen Weltenkönigs, des Messias. Kritische Machtgegengewichte zum Königtum formten sich in Priestertum und Prophetenamt, die allerdings dem König untergeordnet waren.

Nach der assyrischen und babylonischen Herrschaft und der Zeit des Exils ist von einem Königtum in Israel nicht mehr die Rede. Stattdessen wird durch die Priester (Hierokratie bzw. hierokratische Theokratie) ein religiöser Staat etabliert.

Neues Testament

Wenn wir in das NT springen, finden wir – bedingt durch die römische Fremdherrschaft, die unerwünscht war –, eine relativ komplizierte Situation vor: Der römische Präfekt war als Statthalter für den Kaiser Roms höchste Aufsichtsperson in Judäa, wo zugleich Tetrarch Herodes Antipas über die dort ansässigen Juden regierte. Die religiöse (priesterliche) und richterliche Gewalt – dem römischen Statthalter und (halbjüdischen) Tetrarchen unterstellt – ging vom Sanhedrin aus, einem 71-köpfigen jüdischen Rat, bestehend aus Priestern, Schriftgelehrten und Ältesten. Das Volk hatte keine Mitbestimmungsrechte, ausser es wurde von den Herrschenden befragt.

Von Jesus ist bekannt, dass er die Steuern für König Herodes (Mt 17,27) und den römischen Kaiser akzeptierte, gleichzeitig aber auch das bestehende System relativierte, wenn er postulierte, dass nicht nur dem Kaiser Seins zu geben ist, sondern auch «Gott, was Gottes ist» (Mt 22,21). Den Titel «Kyrios» bezog er auf sich selbst. Auch mit weiteren politischen Ehrentiteln wie Messias, Sohn Gottes oder König (der Juden) liess er sich widerspruchslos betiteln. Gehen wir auch weiter vom synchronen Textverständnis aus, dann beanspruchte Jesus sogar die Weltherrschaft (Mt 26,63f).

Systematische Aussagen zu politischen Herrschaftsformen suchen wir bei ihm jedoch vergeblich. Ihm ging es nicht um eine bestimmte Staatsform, sondern dass sich das Reich Gottes mit dem Ethos der Liebe im Zentrum realisiert. Das Ethos aber hatte eine Demokratisierung zur Folge: Seine Gefolgschaft folgte Jesus zwanglos mittels Zustimmung – nicht durch Erbfolge, Geld oder Status. In ihr finden wir weitere demokratische Züge wie Egalität, individuelle Rechte, Mitsprache und Empowerment. Jesu Selbstverständnis ist «servant leadership» (vgl. Joh. 13). Das schliesst hierarchische Ordnungen nicht per se aus. Jesus selbst ging als Leader voran und wird als der Messias und König erwartet, der Gottes Reich aufrichten wird.

Bei den Aposteln werden Jesu Demokratisierungstendenzen weitergeführt. Stichworte und Anschauungsbeispiele sind:

  • Die Gütergemeinschaft (Apg 2,42ff)
  • «Koinonia» (= Gemeinschaft und Partizipation der Vielfältigen versus gleichgeschaltete Einheit)
  • «Ekklesia», die Selbstbezeichnung der Kirche, die auf die griechisch-demokratische Volksversammlung verweist – mit dem Unterschied, dass bei den Christen alle Gläubigen, auch die Frauen, Sklaven, Ausländer und sogar Kinder dazuzählten, was in der damaligen Zeit revolutionär war.
  • das Bild vom «Leib Christi», wo Christus als das Haupt sich mit seinen Gliedern verbindet und alle einander brauchen
  • das Wirken und Regieren des Geistes Gottes in allen Gläubigen (Rö 8,14, 1Ko 12,4–7).

Letzteres kann als eine Art «innerliche Theokratie» bezeichnet werden. Damit ist keine Unterwürfigkeit gemeint. Historisch gesehen tendierten und tendieren Theokratien zwar zur Diktatur. Nicht so die biblische Gottesherrschaft: Die Vorstellung Gottes als «pluripersonal» bzw. dreieinig (vgl. Gen 1,26; 18; Mt 28,19; 2Ko 13,13) erinnert an ein in der Gottheit selbst inhärentes, demokratisches Prinzip. Und die Vorstellung des Endzustands im vollendeten Reich Gottes kann als «demokratische Monarchie bzw. Theokratie» – mit Gott bzw. dem Christuskönig an der Spitze – bezeichnet werden (vgl. Phil 2,9–11; Off 21+22).

Schlussfolgerung

Obwohl kein bestimmtes politisches System, das zu bevorzugen wäre, auf das Alte oder Neue Testament gelegt werden kann, so kann aus meiner Sicht trotzdem die Folgerung gewagt werden, dass von den Anfangskapiteln der Bibel bis zum Schluss durchs Band sozial-demokratische Formen des Zusammenlebens und Regierens bevorzugt werden, unter gleichzeitiger Aufsicht des guten Gottes und seines Messias bzw. Christus (christuszentrische Theokratie). Autokratische Formen kommen schlecht weg. Nicht jedoch hierarchische Ordnungen, wenn sie kompetenzorientiert aufgebaut sind und dem Ethos der Liebe und der Berücksichtigung der gleichen Würde aller Menschen (vgl. Gen 1,27; 9,6) verpflichtet sind, so «dass es allen zugute kommt» (1Kor 12,7).

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In meinem Umfeld beobachte ich einen interessanten Wandel: Materieller Besitz wirkt zunehmend oberflächlich sowie nicht nachhaltig und ist deswegen verschrien. Minimalismus-Influencerinnen wie Marie Kondo stossen mit der Idee von radikaler Besitzreduzierung auf Begeisterung. Besitzverzicht wird zur Tugend.

Doch was tritt an seine Stelle? Nicht der Verzicht auf Konsum, sondern ein Wechsel der Form: Statt Dinge zu sammeln, jagen wir Erlebnissen hinterher – und glauben, damit weniger konsumorientiert zu sein. Doch der Konsumismus lebt weiter – einfach in einem neuen Gewand.

Waren Sie auch schon mal in der Wohnung einer älteren Person, die überquillt von Sächelchen, Andenken und Krimskrams? Die künstliche Riesenmuschel aus Mallorca, Geschenke der Grosskinder, das Halsband der lange verstorbenen Familienkatze, eine verstaubte Ausgabe der Zeitschrift «Schweizer Familie» von 2014. In früheren Generationen war das Sammeln und Behalten ein Ausdruck von Fürsorge, Erinnerung und Beständigkeit.

Vom Besitz-Konsum zum Erlebnis-Konsum

Oder kennen Sie die lächelnde Fitness-Bloggerin, die in jedem Video ein neues farblich abgestimmtes Outfit samt Sportuhr und Mätteli präsentiert und ein makelloses Image arrangiert? Die Inszenierung geht dabei einher mit plattem Materialismus – einem durch das US-amerikanische Influencertumangeschraubten Ideal.

In meinem eher bodenständigen, alternativ geprägten Umfeld scheint man diesen Formen des Konsums entwachsen zu sein. Die Oberflächlichkeit des Materialismus hinter sich zu lassen, das klingt fortschrittlich. Materieller Besitz und dessen Zurschaustellung gelten hingegen als unauthentisch, angeberisch, verschwenderisch und sogar egozentrisch, was insbesondere im Zusammenhang mit der gerne hochgehaltenen Bescheidenheit eines Teils der Gesellschaft absolut verachtet wird.

Doch an die Stelle von Dingen tritt etwas Anderes: Im Sinne von «Ich bin, was ich erlebe», rasen wir von einem Highlight zum nächsten. In Sachen Unternehmungsfreudigkeit sind wir nämlich Champions, so beobachte ich das zumindest in meinem Umfeld.

Ein neuer Ausdruck desselben Geistes?

Doch ist der Konsum von Erlebnissen wirklich die bessere, nachhaltigere Alternative? Ist der dahinter stehende Konsumgeist nicht in beiden Fällen ähnlich? Denn auch Erlebnisse sind käuflich und werden inszeniert. Das «neue Haben» zeigt sich in Momenten, Fotos, Erfahrungen, Reisen und Zertifikaten. Der Konsumdruck bleibt.

Im Sinne von «Ich bin, was ich erlebe», rasen wir von einem Highlight zum nächsten.

Das Problem liegt nicht im Erleben an sich – sondern im starken Druck dahinter, etwas Bestimmtes gemacht haben zu müssen oder überhaupt etwas machen zu müssen. Denn damit einher geht der Drang, die Zeit bestmöglich auszukosten. Und nicht selten dienen die Erlebnisse doch auch ein wenig der Selbstverwirklichung und der Kuratierung der eigenen Identität. Gemäss dem antiken griechischen Geschichtsschreiber Antisthenes ist eine allgemeine Konsequenz, dass das, was ich besitze, mich auch zurückbesitzt1. Wenn ich mich also über meine Erlebnisse definiere, dann beginnen diese, auch mich gewissermassen zu besitzen.

Ressourcenintensive Erlebnisse

Die Freizeitindustrie ist Teil des Wirtschaftssystems – Konsum bleibt ihr Motor. Laut Statista stieg der Umsatz in der Schweizer Freizeitbranche 2022 auf ein Rekordhoch von über 20 Milliarden Franken. Im Durchschnitt verbringen in der Schweiz lebende Personen 2,7 Stunden täglich mit Freizeitaktivitäten2. Und oft konsumieren wir dabei Erlebnisse: Reisen, Festivals, Wintersportgebiete, Wellnessanlagen. Erlebniskonsum fühlt sich sauberer an, weil nichts mit nach Hause genommen wird, doch alle diese Dinge verbrauchen Energie, Raum und Ressourcen. Der Wunsch des Zurücklassens eines konsumbetonten Lebensstils kann also durch eine blosse Abwendung vom Materialismus nicht erreicht werden. Er muss sich auf den Erlebnisbereich ausweiten.

Glücksgefühle mit Ablaufdatum – Zerstreuung statt Tiefe

Kennen Sie das Gefühl: Ein Ausflug war schön und trotzdem bleibt eine Leere zurück? Viele Erlebnisse sind flach, flüchtig, überreizt – konsumiert, aber nicht verarbeitet. Es entsteht Unruhe, das Bedürfnis nach Ablenkung, der Drang zur nächsten Aktivität. Wir überladen unsere Zeit, doch Tiefe entsteht kaum. Was nicht besonders, neu oder intensiv ist, erfüllt uns nicht. Das Alltägliche wird entwertet.

Die Theorie der hedonistischen Tretmühle beschreibt, wie sich das individuelle Glücksgefühl von Menschen aufgrund eines positiven oder negativen Erlebnisses zwar kurzfristig ändert, dann jedoch schnell wieder auf dem vorherigen Niveau einpendelt. Das bedeutet, dass auch das schönste Erlebnis unsere Grundstimmung nur kurzfristig heben kann.

Wäre es da nicht sinnvoller, anstatt von einem Highlight zum nächsten zu jagen, am sogenannten «Set Point» zu arbeiten, also sich mit dem Alltagszustand zu beschäftigen? «Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?» meinte Erich Fromm3. Wer bin ich, wenn ich bin, was ich erlebe und dann das Erlebnis vorüber ist?

Was macht uns wirklich Freude?

Erlebnisse sind nicht schlecht – genauso wenig wie materielle Güter per se. Jedoch stapeln wir in der Hoffnung auf Erfüllung oder Zerstreuung unsere Aktivitäten häufig so stark wie die Beige der ungelesenen Zeitungen und Magazine und lassen sie unverarbeitet auf diesem Ablagestapel weilen. Wie früher Dinge dienen nun Aktivitäten einem Zweck, den sie nicht erfüllen können. Vielleicht brauchen wir auch im Erlebnisbereich eine Marie Kondo mit ihrem «Keep only what sparks joy» – «Behalte nur, was in dir Freude entfacht», die uns beim Reduzieren und Raumschaffen für Wesentliches hilft!

Denn was wir eigentlich suchen, ist innere Resonanz und nicht der blosse Reiz, Dankbarkeit statt Leere, Tiefe durch Entschleunigung statt Oberflächlichkeit. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht Resonanz (und nicht Verlangsamung) als Antwort auf den «Steigerungszwang» des modernen Kapitalismus, zu dem meiner Meinung nach auch der ständige Run nach Erlebnissen gehört. Resonanz entstehe, wo wechselseitige Verbindung stattfinde, zum Beispiel zwischen Mensch und Umwelt oder auch zwischen Körper und Psyche4. In diesem Sinne sollten statt dem reinen Konsum von Erlebnissen, diese mit Sinn gefüllt werden, um Resonanz zu erzeugen. Konkret kann das bedeuten, Gemeinschaft über Events zu stellen, Beziehungsräume statt Erlebnisräume zu schaffen oder Nachbarschaft nicht durch Mega-Events, sondern durch alltägliche Begegnungen zu fördern.

Verweilen im Sein anstatt im Tun oder im Haben

Wer ständig auf Erlebnissuche ist, wird unruhig, sobald einmal nichts passiert – auch in der Beziehung zu Gott. Die biblische Sabbatkultur greift genau dieses Thema auf: Sie betont nicht nur den Zweck der Ruhe und Erholung, dem bewussten Ausüben von oder dem Verzicht auf spezifische Aktivitäten, der Sabbat verbindet dies auch mit dem sich Befassen mit den eigenen Wurzeln und der Identität5. Es geht also beim Sabbat um ein Sein und nicht um ein Tun oder Haben. Wir wissen, dass unsere Erfüllung von Gott und nicht von Erlebnissen kommt. Das «Leben in Fülle», das Jesus in Johannes 10,10 verheisst, finden wir in der Beziehung mit ihm. Doch gerade dafür schaffen wir wenig Raum.

Eine neue Minimalismus-Bewegung?

Gleichzeitig sollen wir uns nicht der schönen Dinge berauben lassen, die Gott uns schenkt oder ermöglicht. Entsprechend tritt Paulus in seinem Brief an Timotheus der Tendenz zur Askese entgegen, indem er schreibt: «Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird»6. Der Schlüssel liegt hier im Dank und dieser kann, so bin ich überzeugt, nur aufrichtig sein, wenn ein Bewusstsein für das Empfangene vorhanden ist. Damit kehren wir zurück zu einem Grundprinzip gesunden Konsums: zum bewussten Konsumieren, auch im Bereich von Erlebniskonsum.

Ich denke, wir sollten die Prinzipien des Minimalismus – Nachhaltigkeit, Genügsamkeit, Reduktion, Befreiung, Verzicht und Raum für das Wesentliche – auch auf unsere Freizeitkultur anwenden. Eine Konsumreduktion im Aktivitäten-Bereich tut nicht nur den globalen Ressourcen gut, sondern auch unserer eigenen Psychohygiene. Auch wenn die Antwort auf die Frage «Was machst du am Wochenende?» – «Einfach mal ruhig zu Hause bleiben» – (noch) nicht besonders attraktiv klingt: Vielleicht liegt genau darin ein Weg zu echter Tiefe, Resonanz und Verwurzelung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf INSIST.

Foto von Kamil Pietrzak auf Unsplash

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Seit dem 20. Januar sitzt in den USA ein offensichtlicher Narzisst auf dem Thron, der nach dem Motto «Trump First» regiert und sein Land als Spielball für seine Machtspiele missbraucht. Und das in einem Staat, in dem sich 62% der Bevölkerung als Christen bezeichnen. Welche Show läuft hier gerade ab? Und was können wir daraus lernen?

Eigentlich war die US-Bevölkerung nach der ersten Amtszeit von Donald Trump gewarnt, spätestens nach seiner Weigerung, seine Nicht-Wiederwahl zu akzeptieren. Und seine Ankündigungen vor seiner nun gelungenen Wiederwahl hätten eigentlich stutzig machen müssen. Dabei setzt Trump nur das um, was er versprochen hat. Er hat dafür «ausschliesslich Loyalisten um sich geschart, niemand denkt mehr quer oder stellt etwas infrage. Ihr Idol sieht sich selbst von Gott für seine Aufgabe auserwählt. Was soll da noch schiefgehen1

Macht statt Ethik

Der Blick in die Medien zeigt: Da geht aber fast täglich etwas schief. Wer versucht, die politischen Checks und Balances der Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative auszutricksen, mag ein guter Spieler sein, er verliert aber früher oder später das Spiel um eine gelebte Demokratie. Und das in einem Land, das mal als Leuchtturm dieser komplizierten, aber menschenfreundlichen Staatsform gegolten hat.

Wer Politik als Befriedigung der eigenen Machtgelüste missbraucht, ist gefährlich. Trumps Wirtschaftspolitik hat laut dem deutsch-amerikanischen Ökonom Rüdiger Bachmann «sadomasochistische Züge»: «Er geniesst die Macht, am Parlament vorbei Zölle erheben zu können und diese Zölle nach persönlichem Gutdünken für bestimmte Firmen und Branchen auch wieder auszusetzen2 .» Und zerstört damit «die moderne, hocharbeitsteilige und international verflochtene Wirtschaft». Die historisch vor allem auch christlich geprägten Menschenrechte gelten als ethische Grundlage der westlichen Welt. Dazu gehört etwa der Schutz des Schwächeren. «Forget it», sagt Trump. Ich bestimme selber, was recht und was unrecht ist, wem geholfen und wer verfolgt oder geschützt werden soll.

«Ihr Idol sieht sich selbst von Gott für seine Aufgabe auserwählt. Was soll da noch schiefgehen?»

Es mag in den USA eine überbordende Bürokratie geben, der eine sorgfältig durchdachte und juristisch korrekt umgesetzte Verschlankungskur guttun würde. Ja, die Demokraten haben mit ihrem Gender-Gugus nach dem Motto «Wer erfindet das nächste Geschlecht?» wohl übertrieben. Auch wer sinnvollerweise von zwei Geschlechtern, Mann und Frau, ausgeht, muss deshalb aber noch lange nicht auf Menschen mit Identitätskrisen losgehen. Laut Thomas Dummermuth (s. Interview unten) war das Genderthema für die Demokraten eigentlich immer ein untergeordnetes Thema, mehr so im Sinn: Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen sich selber sein dürfen. Und: Ja, Abtreibung à gogo geht definitiv nicht. Sie verletzt die Menschenrechte von werdenden Menschen. Vielleicht haben die Demokraten die Bedürfnisse der einfachen Menschen tatsächlich zu wenig ernst genommen. Aber: Genügt das, um einen verfassungsmässig eigentlich gut gegründeten Staat aus den Angeln zu heben?

Es braucht Aufmerksamkeit, seelische Wachheit und geistliche Klarheit

Wir haben dazu den heutigen US-Theologen Thomas Dummermuth befragt. Er ist im Emmental aufgewachsen und ist Pfarrer der Eastridge Presbyterian Church in Lincoln im US-Bundesstaat Nebraska. Seine Leidenschaft gilt dem Gespräch zwischen Kulturen, Konfessionen und Generationen – und dem Versuch, mitten im Umbruch geistlich klar zu bleiben.

Aus unserer europäischen Sicht haben wir den Eindruck, dass Donald Trump derzeit die Demokratie in den USA zerlegt. Wie würdest du die Entwicklungen seit dem 20. Januar aus deiner Wahrnehmung beschreiben?

Vorweg: Ich bin kein Politologe, sondern Theologe, Pfarrer und Seelsorger. Aber ja, «zerlegt» trifft tatsächlich mein eigenes Empfinden. Ich beobachte besonders seit der Wiederwahl Trumps eine zum Teil radikale Infragestellung von Prinzipien, die für Demokratien zentral sind: Gewaltenteilung, Respekt vor unabhängigen Institutionen, ein Mindestmass an Wahrhaftigkeit im politischen Diskurs. Es erschüttert mich, mit welcher Energie die Abrissbirne geschwungen wird. Manchmal erscheint es mir, als würde dieser Staat wie ein marodes Unternehmen übernommen, in Einzelteile zerlegt und weiterverkauft – quasi als Ressource für Spezialinteressen Einzelner.

Dazu kommt die ständige Erzeugung von Krisen – rhetorisch wie real – die zu Erschöpfung führt. Viele Menschen, auch in meinem Umfeld, fühlen sich überfordert, machtlos, abgelenkt. Das erschwert nicht nur politischen Widerstand, sondern trifft uns auch emotional und geistig. Widerstand unter diesen Bedingungen ist nicht nur eine politische, sondern auch eine spirituelle Aufgabe. Es braucht Aufmerksamkeit, seelische Wachheit, geistliche Klarheit.

Für viele war die Wiederwahl Trumps eine Überraschung. War es das auch für dich? Oder müsste man sagen: Die Demokraten haben ihre Niederlage selber verschuldet, weil sie die Anliegen der breiten Bevölkerung zu wenig ernst genommen haben?

Ich war eher ernüchtert als überrascht. Die Dynamiken, die zu Trumps Wiederwahl geführt haben, waren seit Jahren spürbar: Polarisierung, Misstrauen gegen Institutionen, soziale Verunsicherung – nicht zuletzt verstärkt durch die Nachwehen der Pandemie.

Man kann sicher kritisch fragen, ob die Demokraten genügend auf existenzielle Probleme eingegangen sind – etwa Inflation, Abstiegsängste, strukturelle Benachteiligung im ländlichen Raum oder auch die gesellschaftliche Verunsicherung im Zuge zunehmender Migration. Aber das erklärt nicht alles. Entscheidender scheint mir die bewusste Bewirtschaftung von gesellschaftlichen Ressentiments, die durch soziale Medien zusätzlich befeuert wird.

Reale Sorgen wurden nicht gelöst, sondern kulturell umgedeutet: Der gesellschaftliche Mainstream wurde als moralisch verdorben, urban, elitär dargestellt. Daraus entstand ein Kulturkampf-Narrativ: «Wir gegen die anderen.» Die Spaltung wurde nicht nur in Kauf genommen, sondern aktiv betrieben.

Soziale Medien haben diese Prozesse radikalisiert. Algorithmen begünstigen Empörung, vereinfachen komplexe Realitäten und schaffen Echokammern. Im Ergebnis entsteht eine politische Arena, die eher auf Identität und Affekt reagiert als auf Fakten.

In diesem Sinn sehe ich in der Wiederwahl Trumps keinen Betriebsunfall, sondern den Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Risses, der weit über Parteipolitik hinausgeht.

Offensichtlich wurde Trump auch von evangelikalen Christen, welche die Bibel ernst nehmen wollen, breit unterstützt. Wie kann es sein, dass sie einem selbstverliebten notorischen Lügner und Verächter der Menschenrechte mit ihren Stimmen zum Durchbruch verholfen haben?

Diese Frage beschäftigt mich sehr. Meiner Meinung nach hat vieles mit dem bereits erwähnten Kulturkampf-Narrativ zu tun. Viele Evangelikale haben in den letzten Jahren miterlebt, wie ihre kulturelle Deutungshoheit schwindet. Das erzeugt Angst, Empörung – und die Sehnsucht nach einem starken Führer.

Begriffe wie «Religionsfreiheit» werden dabei oft als Schlagworte gebraucht – gemeint ist aber häufig nicht die Freiheit aller Religionen, sondern die Verteidigung christlicher Privilegien. Ebenso wird «Lebensschutz» oft verkürzt auf die Abtreibungsfrage, ohne soziale Fragen, Armut oder Waffengewalt mitzudenken.

Trump hat es verstanden, diese Themen politisch zu instrumentalisieren und sich als Bollwerk gegen gesellschaftliche Liberalisierung zu inszenieren. Viele haben das als «Schutz des Glaubens» verstanden – nicht trotz, sondern gerade wegen seines rücksichtslosen Auftretens.

Er präsentiert sich also als Kämpfer für bedrängte Christinnen und Christen. Und gerade darin liegt die bittere Ironie: Seine Trump-Politik schadet vielen davon. Zum Beispiel Geflüchteten, die vor religiöser Verfolgung geflohen sind und als «Schmarotzer» verunglimpft werden. Oder kirchlichen Hilfswerken, die sich für diese Menschen einsetzen und unter Generalverdacht gestellt werden – als wären sie Betrugssysteme oder Verschwendungsapparate. Ein Schlag ins Gesicht all jener, die ihren Glauben durch solidarisches Handeln leben.

Um diese Diskrepanz zu erklären, wird oft auf den Perserkönig Kyros verwiesen: ein «Werkzeug Gottes» trotz unheiligem Lebenswandel. Die Historikerin Kristin Kobes Du Mez hat darüber viel geforscht. In ihrem Buch «Jesus and John Wayne» zeigt sie schlüssig auf, wie sich in evangelikalen Kreisen ein Jesusbild durchgesetzt hat, das an amerikanische Männlichkeitsmythen angelehnt ist: durchsetzungsstark, militärisch, «männlich». Dieses Bild passt erschreckend gut zu Trump.

Ich habe aber noch eine andere Theorie. Ich frage mich, ob die Theologie vieler Evangelikaler Jesus fast ausschliesslich auf seinen erlösenden Sühnetod und damit verbunden den Glauben auf ein rein individuelles Heil reduziert hat. Anders ausgedrückt: Die Lebenspraxis Jesu – seine Feindesliebe, seine Zuwendung zu Ausgegrenzten, seine Kritik an religiösem Machtmissbrauch – tritt in den Hintergrund.

In den USA gibt es auch linksevangelikale Kräfte wie etwa die Sojourners. Warum hört man so wenig von ihnen?

Diese Bewegungen gibt es durchaus – nicht nur die Sojourners, sondern auch Red Letter Christians, Faith in Public Life, The Poor People’s Campaign und viele andere. Sie engagieren sich für soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, Antirassismus und Friedensethik. Aber sie sind im öffentlichen Diskurs weniger sichtbar.

Das hat mehrere Gründe: Erstens setzen sie nicht auf Empörung, sondern auf Dialog und Gemeinwesenarbeit. Das ist weniger «medientauglich». Zweitens fehlt ihnen oft die mediale Infrastruktur: Sie haben keine eigenen TV-Sender und sind in Mega-Churches oder politischen Thinktanks wenig vertreten. Drittens haben sich viele progressive Christinnen und Christen in den letzten Jahrzehnten aus dem öffentlichen Raum zurückgezogen – aus Abgrenzung zum politisch missbrauchten Glauben.

Ich finde, es ist an der Zeit, dass auch im deutschsprachigen Raum deutlicher wird: Glaube und gesellschaftliche Verantwortung schliessen einander nicht aus. Im Gegenteil: Sie finden in der Nachfolge Jesu eine gemeinsame Quelle.

Was müsste getan werden, damit Trump gestoppt werden kann?

Zunächst: Es gibt keinen simplen Hebel, keinen einzelnen Ausweg. Der Weg aus der gegenwärtigen Gefahr, dass die Vereinigten Staaten vollends in einen autoritären Modus kippen, ist lang. Um ihn zu gehen, braucht es die ganze Zivilgesellschaft. Dazu gehören gewaltfreie Proteste, die Teilnahme an Town Halls3 , das Gespräch mit Nachbarn und das Kontaktieren von gewählten Repräsentantinnen und Repräsentanten. Demokratie lebt vom Mitmachen – oder sie wird ausgehöhlt.

Gleichzeitig sehe ich die Gefahr, dass der Widerstand, wenn er aus Angst oder Empörung gespeist ist, selbst in einen Modus der Verhärtung kippt. Und dass wir die Fähigkeit verlieren, zuzuhören. Dass wir uns selbstgerecht auf die «richtige Seite» schlagen und damit am Ende genau das reproduzieren, was wir eigentlich bekämpfen wollen.

Gerade deshalb ist der spirituelle Aspekt für mich unverzichtbar. Unsere Aufmerksamkeit ist unser kostbarstes Gut: sie muss gepflegt, geschützt und immer wieder neu ausgerichtet werden. Nicht auf den nächsten Skandal, nicht auf die nächste Panikwelle, sondern auf das, was trägt: Würde. Wahrheit. Mitgefühl.

Resilienz ist keine private Leistung – sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Ich erlebe das ganz konkret in einem kirchlichen Netzwerk hier vor Ort, dem 24 Gemeinden angehören. Jedes Jahr führen wir sogenannte Listening Sessions durch – Gesprächsabende, bei denen gefragt wird: «Was hält dich nachts wach?» Aus diesen Erzählungen entstehen Themen, gemeinsames Engagement, neue Netzwerke. Das mag klein wirken. Aber ich glaube: Veränderung beginnt genau dort. Wenn Menschen sich gegenseitig ernst nehmen, sich organisieren, ihre Aufmerksamkeit bündeln und ihre Kraft teilen.

Trump kann – und muss – politisch gestoppt werden. Aber es braucht mehr als juristische Verfahren oder Wahlstrategien. Es braucht eine Kultur, die sich nicht von Angst und Zynismus bestimmen lässt. Und es braucht eine erneuerte Vorstellungskraft von dem, was möglich ist, wenn Menschen sich nicht im Misstrauen verlieren, sondern füreinander einstehen. Von Gemeinschaften, die einander tragen. Von einer Gesellschaft, in der Gerechtigkeit nicht abstrakt bleibt, sondern im Alltag erfahrbar wird.

Diese Hoffnung ist kein naiver Optimismus. Sie ist eine Entscheidung – gespeist aus Glaube, Erinnerung, Begegnung. Und sie beginnt dort, wo Menschen zusammenkommen, zuhören und sich nicht voneinander trennen lassen.


1. Christof Münger in «Der Bund» vom 26. März

2. «Der Bund», 24. März

3. Die Town Hall basiert auf dem politischen Verständnis der US-Demokratie, wonach (zumindest theoretisch!) Amtsträger nicht ihre eigene Meinung repräsentieren sollen, sondern die der Bürgerinnen und Bürger, die sie vertreten. Insofern spielen die Town Halls (wie auch Briefe und Anrufe an Abgeordnete) eine wichtige Rolle.  Ein «Town Hall Meeting» ist ein ein öffentliches Treffen, bei dem Politikerinnen und Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen. Ziel ist es, Fragen zu beantworten, Sorgen anzuhören und über aktuelle Themen zu sprechen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

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Seit dem ChristNet-Forum im Januar 2025 ist Demokratie zum Fokusthema des Vereins geworden. An der Generalversammlung vom 8. März 2025 griff ChristNet dieses Thema im Workshop «Demokratie – wie können wir sie stärken?» nochmals auf.

Seit den US-Wahlen im November 2024 bewegt das Thema Demokratie den Verein ChristNet stark. Während beim ChristNet-Forum vom 18. Januar 2025 noch die Frage «Demokratie – gefährdet oder gefährlich?» im Raum stand, lag der Fokus an der Generalversammlung anfangs März 2025 beim individuellen Einsatz für die Stärkung der Demokratie in der Schweiz. Während eines kurzen Workshops setzten sich die Teilnehmenden mit fünf Fragen auseinander. Diese Fragen und die Antworten der Teilnehmenden möchten wir im Folgenden mit dir teilen.

Was können wir persönlich zur Stärkung der Demokratie beitragen?

Politische Rechte, wie z.B. die Möglichkeit zum Abstimmen, sollen aus Sicht der Teilnehmenden wahrgenommen nehmen. Um sich eine politische Meinung bilden zu können, braucht es nebst Informationen auch ein Grundverständnis von politischen Prozessen und Strukturen. Ist diese politische Bildung vorhanden, kann differenziert über bestimmte Themen nachgedacht und diktatorische Tendenzen innerhalb der Politik erkannt sowie aufgezeigt werden. Eine Person schlug das Kennenlernen von Politikern als Strategie vor, um Vertrauen in die Politik zu gewinnen. Das Gebet für Amtsträger betrachteten dieTeilnehmenden als sehr wichtig für die Stärkung der Demokratie. Jemand nannte zudem das Abschliessen eines Medienabonnements, um sachliche Berichterstattungen zu unterstützen. Politische Themen polarisieren stark, weshalb die Teilnehmenden es als wichtig erachteten, dass Christinnen und Christen die Rolle von Vermittlern einnehmen, anstatt die Polarisierung weiter zu verstärken.

Was macht mir Angst in Bezug auf die weltweite Schwächung der Demokratie?

Besonders besorgniserregend empfinden einige Teilnehmende die Passivität der Mehrheit der Bevölkerungvor allem der jüngeren Generation in Bezug auf die globale Schwächung der Demokratie. Sie beobachten, dass christliche Werte zusehends an den Rand gedrängt werden und die sozial Schwachen unter die Räder geraten bzw. eine Entwertung erleben. Zwei Teilnehmende sind der Meinung, dass die Schwächung der Demokratie auf globaler Ebene zu einer erhöhten Kriegsgefahr führt.

Was macht mir Mut in Bezug auf die Demokratie?

Für die Teilnehmenden gehörten gewaltloser Widerstand und die Stärke der christlichen Werte zu den Ermutigungen angesichts der weltweiten Schwächung der Demokratie. Als konkrete Beispiele nannten siepositive Entwicklungen in Ländern wie Südkorea, Senegal und Serbien, sowie die Sojourners, die in den USA mutig ihre Stimme gegen Donald Trumps Anhänger erheben.

Was möchte ich an der direkten Demokratie in der Schweiz nicht missen?

Die direkte Demokratie der Schweiz hat aus Sicht der Teilnehmenden sehr viele Vorteile. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung haben das Stimmrecht, Politiker sind Teil des Volkes und in der Kommunalpolitik kann viel bewegt werden. Die Teilnehmenden schätzen die Möglichkeit zur Meinungsbildung, die Offenlegung der Abstimmungsfinanzierung, die Vielfalt der Abstimmungsthemen sowie das Referendumsrecht und Petitionen sehr. Sie betrachten die direkte Demokratie in der Schweiz als klar antidiktatorisch.

Wie setze ich meine politische Stimme am liebsten ein?

Für die Teilnehmenden ist die Mitgliedschaft bei ChristNet eine wertvolle Möglichkeit, ihre politische Stimme aktiv für Nächstenliebe in Politik und Gesellschaft einzusetzen. Während ein Mitglied gerne Leserbriefe schreibt, publiziert ein anderes Mitglied Beiträge im Forum integriertes Christsein. Die Beteiligung an Gemeindeabstimmungen- und Gemeindeversammlungen sowie nationalen Abstimmungen und Wahlen erwähnten die Teilnehmenden ebenfalls als wichtiges Mittel, die politischen Stimmeeinzusetzen. Wer sich konkret in die Politik einbringen möchte, könnte zum Beispiel einer Partei beitreten, für den Gemeinderat kandidieren oder Unterschriften sammeln. Hierbei empfinden die Teilnehmenden die Bereitschaft zur Diskussion und das Aufarbeiten von Themen wie Nächstenliebe und sozialer Gerechtigkeit als wichtig. Als Christinnen und Christen dürfen wir uns auch auf den Heiligen Geist verlassen, der uns die richtigen Worte schenkt und den Willen Gottes offenbart.

Einsatz für christliche Werte

Der Workshop zeigte auf, dass Christinnen und Christen im Angesicht einer weltweiten Schwächung der Demokratie eine zentrale Rolle in der Bewahrung christlicher Werte einnehmen dürfen. Lasst uns mutig unsere politische Stimme für christliche Werte in der Schweizer Politik und Gesellschaft einsetzen!

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Das Bundesgericht hat entschieden, dass eine Krankschreibung bei Konflikten am Arbeitsplatz nicht unbedingt vor Kündigung schützt. Wie wenn ein Konflikt auf Grund einer unmöglichen Arbeitssituation nicht zu einem Zusammenbruch führen könnte!

Im Zusammenhang mit dem Bundesgerichtsurteil fällt auf, dass Burnout in der Schweiz im Gegensatz zu einigen Staaten der EU nicht als Arbeitskrankheit anerkannt ist und der Arbeitgeber dafür nicht haftbar gemacht werden kann. Dies öffnet der Ausbeutung Tür und Tor. Im Zeitalter, in dem Elon Musk in den USA die grenzenlose Arbeit ausruft, sind Grenzen zum Schutz der Angestellten dringender als je zuvor.

In einem Aufsehen erregenden Fall hat das Bundesgericht1 im Jahr 2024 entschieden, dass die übliche Sperrfrist für eine Kündigung bei einer arbeitsplatzbezogenen Arbeitsunfähigkeit (z.B. in Folge von Mobbing oder Konflikten) nicht gelten muss.

Konflikte ernst nehmen

Ein solcher Entscheid geht an der Realität vorbei: Konflikte bei der Arbeit haben immer auch mit Dysfunktionalitäten am Arbeitsplatz zu tun. Wenn ein Arbeitgeber sich diesen nicht annimmt, hat er seine Fürsorgepflicht nicht wahrgenommen.
Konflikte müssen frühzeitig angegangen werden, bevor sie ausarten. Regelmässige Umfragen zur Arbeitszufriedenheit und Klärung von Bedürfnissen der Mitarbeitenden, um sich in der Arbeit entfalten zu können, sind in allen Unternehmen unumgänglich. Leider werden in vielen Unternehmen – traurigerweise sind Nichtregierungsorganisationen diesbezüglich nicht besser – Unzufriedenheiten noch immer als Stänkerei angesehen, statt als Gelegenheit, durch die Verbesserung der Bedingungen oder der Entfaltungsmöglichkeiten auch die Produktivität zu erhöhen.
Die meisten Angestellten in der Schweiz wollen gute Arbeit leisten. Mangelnde Wertschätzung und Mitwirkungsmöglichkeiten untergraben aber die Motivation. Wenn dann Direktionen darauf hin noch autoritär reagieren und keine psychologische Sicherheit zum Ausdruck von Befindlichkeiten geben können, dann ist die Eskalation unausweichlich.
Menschen mit grosser Sensibilität brechen als erste zusammen. Eine darauffolgende Krankschreibung wird dann oft als «Beweis» der Stänkerei interpretiert, eine Entlassung als unausweichlich angesehen. Dabei handelt es sich hier meist um ein Burnout in Folge einer emotionalen Überlastung. Der Bundesgerichtsentscheid ist also falsch und erleichtert es Arbeitgebern, Konflikte nicht richtig anzugehen, da sie sich mit Entlassungen lösen lassen. So aber kommen wir nicht weiter.

Burnout – Die Verursacher zur Verantwortung ziehen

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Burnout in der Schweiz im Gegensatz zu einigen Staaten der EU nicht als Berufskrankheit anerkannt2 ist und der Arbeitgeber dafür nicht haftbar gemacht werden kann. Bei gehäuften Burnouts in einem Unternehmen werden die Prämiensteigerungen der Krankentaggeldversicherungen hälftig den Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgebürdet, wie wenn die Arbeitnehmenden dafür mitverantwortlich wären.

Dabei zeigt die steigende Anzahl Burnouts, dass die Arbeitswelt grundsätzlich aus den Fugen geraten ist: Zwischen 2012 und 2020 sind die Arbeitsunfähigkeiten aufgrund psychischer Ursachen um 70 Prozent gestiegen. Der Job-Stress-Index3 zeigt bis 2020 eine stetige Steigerung der Anzahl Menschen, die im kritischen Bereich arbeiten. Rund 30 Prozent der Menschen sind heute emotional eher oder sehr erschöpft. Auch die ständigen Umstrukturierungen und Veränderungen tragen dazu bei.
Die Verdichtung und Intensivierung der Arbeit in den letzten Jahrzehnten, sowie die Aufweichung der gesetzlichen Schranken für die maximale Arbeitszeit4 haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Es ist also Zeit, dass die Verantwortung für Burnouts besser wahrgenommen wird. Denn ein Burnout heisst nicht einfach, dass man endlich auf der faulen Haut liegen darf. Für zahlreiche Betroffene bedeutet dies ein schwerer Einschnitt in der Laufbahn; etliche finden nie wieder zu einer guten Gesundheit und werden aus der Arbeitswelt ausgeschlossen. Für einige Familien bedeutet dies den Abstieg in die Armut.

Ohne Verantwortung droht die Ausbeutung

Solange sich die Verursacher aus der Verantwortung ziehen können, wird sich an diesem Trend nichts ändern. Die Kosten für Burnouts werden so auf die Sozialhilfe und die IV verschoben. Der Druck der Finanzmärkte zu noch höherer Kapitalrentabilität und der Druck der sinkenden Budgets für soziale Aufgaben werden die Probleme noch verstärken. Ohne Schranken und ohne die Klärung der Verantwortlichkeiten für Schäden stehen Tür und Tor offen für jegliche Ausbeutung.
Grenzen zu setzen und Arbeitgeber zur Verantwortung zu ziehen, ist dringender denn je. Elon Musk, der momentan wohl mächtigste Mann der Welt, ist daran, die USA umzugestalten. Er treibt, mit Unterstützung von hiesigen Parteien seiner Gunst, auch in Europa sein Unwesen. Bei der Übernahme von Twitter hat er die grenzenlose Arbeit5 ausgerufen, streikende Angestellte in seinen Werken werden kurzerhand entlassen. Mit seinen riesigen Spenden an Donald Trump, die Republikanische Partei und deren Parlamentarier hat er die Empfänger von sich abhängig gemacht und diktiert ihnen nun seine eigene Politik, wie diverse Beispiele6 zeigen.
Damit kann er auch seine Sicht der Arbeitswelt durchsetzen. Hier ist es nicht mehr unangebracht, von Ausbeutung zu sprechen. Das Wohl der Arbeitnehmenden ist nicht seine Priorität, wie seine Weigerung, die Tesla-Produktion während der Covid-Pandemie zu unterbrechen, gezeigt hat: Darauf hin sind hunderte Angestellte erkrankt und haben das Virus weiterverbreitet.
Diese Entwicklungen erhöhen den Druck auf die Unternehmen in anderen Teilen der Welt, die Wettbewerbsfähigkeit ebenfalls auf Kosten der Arbeitnehmenden aufrecht zu erhalten. Es ist also höchste Zeit, Schranken gesetzlich zu fixieren und gerichtlich durchzusetzen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf INSIST.

1. https://www.beobachter.ch/magazin/gesetze-recht/auch-bei-krankschreibung-droht-nun-kundigung-719865?srsltid=AfmBOordYr64rRRcZD4ag4Ks8xvP6HvQ-aiDgJus1fIll2yE65bFBlxa
2. Postulat
3. https://gesundheitsfoerderung.ch/sites/default/files/remote-files/Faktenblatt_072_GFCH_2022-08_-_Job-Stress-Index_2022.pdf
4. siehe auch: https://www.insist-consulting.ch/forum-integriertes-christsein/24-3-5-arbeit-muessen-wir-arbeiten-bis-zur-erschoepfung-oder-brauchen-wir-mehr-raum-zum-leben.html
5. https://www.theverge.com/23551060/elon-musk-twitter-takeover-layoffs-workplace-salute-emoji
6. https://www.youtube.com/watch?v=79KDKWEOJ1s

Foto von Mykyta Kravčenko auf Unsplash