Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

Die Entwicklungszusammenarbeit ist im Norden ein politisches Dauerthema. Seit Trump in diesem Bereich radikale Kürzungen vorgenommen hat, umso mehr. Aber eigentlich fliesst mehr Geld vom Süden nach Norden als umgekehrt.

Nächstenliebe in der Politik – was bedeutet dies für das Thema «Entwicklungszusammenarbeit» oder die Unterstützung für die Länder des Südens1 ? Dazu einige allgemeine Zahlen zu den Geldflüssen, bevor wir auf die Folgen der Auflösung der Entwicklungshilfe-Agentur USAID durch die Trump-Administration eingehen.

Das Geld, das Regierungen zur Verfügung steht

Um globale Ungleichheiten zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die finanzielle Situation von Staaten zu werfen. Den Regierungen der Länder des Südens steht nur wenig Geld pro Kopf der Einwohner zur Verfügung (staatliche Mittel pro Kopf):

  • Ghana: 509 USD
  • Philippinen: 888 USD
  • Deutschland: 26’464 USD
  • Schweiz: 30’844 USD2

Das bedeutet: Der Schweizer Regierung steht pro Einwohner rund 60-mal mehr Geld zur Verfügung als der ghanaischen Regierung. Hinzu kommt eine weitere Belastung: In Ghana fließen etwa 40 Prozent des Staatshaushalts in den Schuldendienst3 .

Entwicklungszusammenarbeit: Versprechen der Länder des Nordens und aktuelle Zahlen

Seit Jahrzehnten ist es die Absicht und das erklärte Ziel der einkommensstarken Länder («Länder des Nordens»), mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts (BIP4 ) für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben. Es haben jedoch nur vier Länder dieses Ziel erreicht: Luxemburg, Norwegen, Schweden und Dänemark (Daten für das Jahr 2024; bis vor kurzem war auch Deutschland bei mindestens 0,7 %). Für die USA waren es 0.22 % und für die Schweiz 0.51 %. Ein wichtiger Punkt zur Einordnung der Schweizer Zahlen: Ausgaben für das Asylwesen im Inland werden zur offiziellen Entwicklungszusammenarbeit gezählt5 : im Jahr 2023 flossen rund 28 % der Schweizer Entwicklungsgelder – ca. 1,3 Milliarden Franken – ins Asylwesen innerhalb der Schweiz – insbesondere für Geflüchtete aus der Ukraine.

Internationale Geldflüsse und Schulden

Die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer hatten Ende 2024 rekordhohe Auslandsschulden von insgesamt 8.9 Billionen Dollar – mehr als doppelt so viel wie noch im Jahr 20106 . Im Jahr 2023 erreichte der gesamte Schuldendienst (Zinszahlungen und Schuldentilgung) der Entwicklungsländer einen Rekordwert von 1,4 Billionen US-Dollar. 406 Milliarden entfielen dabei allein auf Zinszahlungen7 .

Besonders betroffen: die ärmsten Länder

  • Die 78 ärmsten Länder8 sind am stärksten belastet:
  • Ihre Schuldendienstkosten haben sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht.
  • Die reinen Zinszahlungen haben sich sogar vervierfacht.
  • Insgesamt zahlten sie schätzungsweise 36 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023.

In den Jahren 2022 und 2023 haben externe Gläubiger zudem 535 Milliarden US-Dollar mehr an Schuldenzahlungen erhalten, als sie neue Kredite vergeben haben. Das bedeutet: Es fliesst mehr Geld aus diesen Ländern heraus, als neues hineinkommt9 . ChatGPT fasst die Situation folgendermassen zusammen:

  • Geldfluss der Länder des Nordens für die Länder des Südens pro Jahr: 200 bis 220 Milliarden USD10
  • Geldfluss vom Süden in den Norden: 400 bis 600 Milliarden USD.

Warum steigen die Schulden so stark?

Ein wichtiger Grund ist die weltweite Zinspolitik. Um die Inflation zu bekämpfen, haben grosse Zentralbanken ihre Leitzinsen deutlich erhöht. Dadurch wurden Kredite teurer – besonders für Länder mit hoher Auslandsverschuldung.

Die Geldpolitik der US-Notenbank spielt dabei eine zentrale Rolle. Viele ärmere Länder haben Schulden in US-Dollar aufgenommen. Steigen die Zinsen in den USA, erhöht das direkt ihre finanzielle Belastung11 .

Das Beispiel der Philippinen

Vom nationalen Budget 2025der Regierung in den Philippinen waren 13.8 Prozent für den Schuldendienst (Ausland- und Inlandschulden) bestimmt, nur 4.7 Prozent für den Gesundheitsdienst (öffentliche Spitäler, Gesundheitszentren und Gesundheitsaktivitäten, wie Impfungen, Familienplanung) und 15.4 Prozent für die öffentlichen Schulen und den eher wenigen öffentlichen Universitäten – die meisten «Colleges» und Universitäten sind privat, d.h. teuer und so für viele Familien unerschwinglich.

Diese 13.8 Prozent, die für den Schuldendienst verwendet werden, entsprechen 877 Milliarden Pesos. Es ist die Zahl, die die Regierung offiziell meldet. Es beinhaltet NICHT die Zurückzahlung von alten Schulden (Schuldentilgung). In Wirklichkeit betrug im Jar 2025 der Schuldendienst 2051 Milliarden Pesos12 . Die Schuldentilgung wird v.a. durch das Aufnehmen von neuen Schulden bewerkstelligt. Schrecklich!

Die Schuldentilgung wird v.a. durch das Aufnehmen von neuen Schulden bewerkstelligt.

Einige Kredite von früher sind zum Segen für die Bevölkerung geworden, andere aber zum Fluch. Ein Beispiel: Das Atomkraftwerk Bataan wurde in erster Linie durch eine Auslandsverschuldung in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar finanziert, die während des Marcos-Regimes in den 1970iger Jahren aufgenommen wurde. Ein Teil des Geldes gelangte in private Taschen (Korruption). Das Atomkraftwerk wurde nie in Betrieb genommen, v.a. darum, weil es sich in der Nähe eines ruhenden Vulkans und seismischer Verwerfungslinien befindet. Die Schulden waren erst im Jahr 2007 vollständig zurückbezahlt und auch heute noch werden pro Jahr rund eine Million US-Dollar ausgegeben für die Instandhaltung des nutzlosen Gebäudes13 .

Folgen für die Bevölkerung

Rund 3,3 Milliarden Menschen leben in Ländern, die für den Schuldendienst mehr ausgeben als für die öffentlichen Schulen oder für das Gesundheitswesen14 . Besonders dramatisch ist die Situation in den 22 am höchsten verschuldeten Ländern, deren Auslandsverschuldung 200 Prozent der Exporteinnahmen übersteigt. In diesen Ländern kann sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung – 56 Prozent im Durchschnitt – keine Ernährung leisten, die eine langfristige Gesundheit gewährleistet15 .

Rückgang der Gelder für den Süden

Im Jahr 2024 sank die Unterstützung der Länder des Nordens für den Süden um 7 Prozent und wird voraussichtlich noch weiter zurückgehen, da mehr als neun Geberländer, darunter die USA, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, für die kommenden Jahre erhebliche Kürzungen angekündigt haben.

Auswirkungen des verminderten Geldflusses für die Entwicklungszusammenarbeit

Eine wissenschaftliche Analyse zeigt: In den vergangenen 20 Jahren konnte Entwicklungszusammenarbeit Millionen von Todesfällen verhindern. Die Studie kommt zum Schluss, dass ein erhöhter Mitteleinsatz die Sterblichkeitsrate um 23 Prozent senken könnte. Die aktuelle Entwicklung geht jedoch in die entgegengesetzte Richtung: weniger Geld wird zur Verfügung stehen. Sollte sich die jüngsten Kürzungen der Mittel fortsetzen, schätzt die Studie, dass zusätzlich zwischen 6,2 und 12,6 Millionen Menschen im Zeitraum von 2025 bis 2030 sterben. Bei einer starken Reduktion der Gelder wären die Folgen noch gravierender: Dann rechnen die Forschenden mit 16 bis 29 Millionen zusätzlichen Todesfällen zwischen 2025 und 203016 .

Besonders deutlich zeigen sich die Folgen am Beispiel der United States Agency for International Development (USAID). Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass durch USAID-finanzierte Programme zwischen 2001 und 2021 rund 92 Millionen Todesfälle verhindert wurden. Im Hinblick auf den kürzlich erfolgten abrupten Stopp von USAID-Geldern wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2030 zwischen 8,5 und 19,7 Millionen Menschen zusätzlich sterben könnten17 .

Die Christoffel Blindenmission berichtet Folgendes18 :

  • Die plötzliche Einstellung fast aller Finanzmittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe durch die USAID hat weltweit schwerwiegende Auswirkungen. Mindestens 120 Millionen Menschen in mehr als 100 Ländern sind direkt von der Einstellung der Finanzmittel betroffen, die im vergangenen Jahr 42 Prozent der weltweiten humanitären Finanzmittel ausmachten.
  • Ein Mitarbeiter der Blindenmission stellt entsetzt fest: “Ein ganzes System, das das Überleben von Menschen in Krisen- und Katastrophengebieten sicherstellt, kommt zum Erliegen.”
  • Im Sudan mussten Gemeinschaftsküchen, die Hunderttausende Menschen in Kriegsgebieten mit Lebensmitteln versorgten, schließen.
  • In der Ukraine stehen die Gemeinden an der Front ohne Brennholz da.

Das Tropeninstitut, wo ich arbeite, hatte von USAID ein Mandat erhalten, zusammen mit einer US-Organisation die Gesundheitsversorgung in der Ukraine zu stärken. Im Februar 2025 erzählte mir eine Arbeitskollegin, dass sie eben einen Telefonanruf aus den USA erhalten habe: das Geld für das Gesundheitsprojekt in der Ukraine würde sofort gestoppt. Ich erfuhr auch, dass ein von USAID finanziertes tansanisches HIV-Projekt des Tropeninstituts gestoppt werden musste.

Mangel an Geld ist nicht das einzige Problem

Dennoch ist Geldmangel nicht in allen Ländern der Hauptgrund für die minderwertige Gesundheitsversorgung. So berichtete ein Leiter des Gesundheitsdepartements der Philippinen, dass im Allgemeinen nur 60 bis 70 Prozent des bewilligten Gesundheitsbudgets eingesetzt, d.h. verbraucht werden19 . Nichtfinanzielle Engpässe – z.B. ein Mangel an Ärzten oder Misswirtschaft – können das gewichtigere Hindernis darstellen.

Reaktionen der Länder des Südens

Die Länder des Südens sind daran, sich auf die vermindernde Unterstützung von den Ländern des Nordens einzustellen. So sind in einigen Ländern Steuern auf Tabakprodukte und zuckerhaltige Getränke erhoben worden, was Geldzufluss bewirkt und den Gesundheitszustand der Bevölkerung verbessern kann.

Kürzlich unterhielt ich mich mit zwei erfahrenen Professoren des Tropeninstituts. Beide vertraten die Ansicht, dass der Rückgang der Mittel aus dem Norden nicht nur negative Folgen haben müsse. Sie beobachten in mehreren Ländern des Südens eine wachsende Bereitschaft, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen und die für eine gute Entwicklung notwendigen finanziellen Mittel vermehrt im eigenen Land zu mobilisieren.

Eine meines Erachtens dringende ergänzende Massnahme wäre ein weitreichender Schuldenerlass für hoch verschuldete Länder. Bereits im Jahr 2000 gab es – unter anderem mit Bezug auf Levitikus 25 (3. Mose 25) – einen internationalen Aufruf zum Schuldenerlass für ärmere Staaten. Im Jahr 2025 griff Papst Franziskus diese Forderung erneut auf. In seiner Jubiläumsbulle Spes Non Confundit („Die Hoffnung enttäuscht nicht“) rief er die wohlhabenden Nationen dazu auf, die „ungerechten und unbezahlbaren“ Schulden ärmerer Länder zu erlassen. Er bezeichnete einen solchen Schuldenerlass als notwendigen Schritt hin zu sozialer, wirtschaftlicher und wiedergutmachender Gerechtigkeit.

Zusammenfassung und Fazit

  • Regierungen der Länder des Südens stehen pro Kopf ihrer Bevölkerung zigmal weniger Geld zur Verfügung als Regierungen der Länder des Nordens
  • Die Schulden der Länder des Südens, zum Teil durch zwielichtige Projekte entstanden, sind über Jahrzehnte gewachsen auf zurzeit rund 9 Billionen Dollar. Der Schuldendienst – Zinsen und Schuldentilgung – bewirkt, dass viele Länder des Südens mehr Geld in den Norden schicken, als sie vom Norden empfangen.
  • Wir gehören zu einem Gott der Gerechtigkeit. Sollte sich der Leib Christi nicht mehr Gedanken zur Problematik machen und aktiver werden, was diese und andere Bereiche von Armut und Ungerechtigkeit betrifft?

1. Wir benutzen hier meist den Ausdruck “Länder des Südens”. Andere Ausdrücke dafür sind “Entwicklungsländer” (mehr Länder sind dabei, wenn man von Entwicklungs- und Schwellenländern spricht) und „Zwei-Drittel-Welt”. Die Weltbank benutzt den Ausdruck “Low- and middle-income countries”.

2. Berechnungen vom Autor. Hauptquellen: (i) https://www.imf.org/external/datamapper/rev@FPP; (ii) https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD

3. Link: https://www.myjoyonline.com/ghana-spent-nearly-half-of-revenue-on-debt-servicing-in-5-years

4. Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft produziert werden

5. Andere Länder des Nordens machen dies ebenfalls – ein buchhalterischen Trick, um besser dazustehen.

6. World Bank. International Debt Report 2025. https://openknowledge.worldbank.org/server/api/core/bitstreams/b097dece-76e1-4f68-a74b-79f0a9f0e8e9/content

7. World Bank. International Debt Report 2024. https://openknowledge.worldbank.org/bitstreams/9b3d960c-5f6e-4100-82bc-46d72d4602ad/download

8. 78 der ärmsten Länder der Welt haben Anspruch auf Mittel der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA). Die IDA ist der konzessionäre Kreditgeber der Weltbank, der finanzielle Unterstützung in Form von zinslosen oder sehr niedrig verzinslichen Darlehen (sogenannten „Krediten“) oder in Form von Zuschüssen (“Geschenken” – rund 20% des Geldes der IDA) gewährt. Im Geschäftsjahr, das am 30. Juni 2025 endete, beliefen sich die Verpflichtungen der IDA auf insgesamt 33,8 Milliarden US-Dollar (https://ida.worldbank.org/en/ida-financing).

9. Link: https://www.undp.org/press-releases/ballooning-debt-service-payments-poorest-countries-reach-alarming-levels-undp-warns

10. Man sollte beachten, dass nicht die ganzen 200-220 Milliarden in den Süden fliessen: ein Teil dieses Geldes bleibt in den Ländern des Nordens: v.a. Geld fürs Asylwesen (oben erwähnt), Schuldenerlasse, und Löhne sowie Unkosten für “Experten” des Nordens, welche Regierungen oder staatliche Organisationen, z.B. das Gesundheitswesen, beraten (was oft von fraglichem Wert ist).

11. Link: https://www.srf.ch/news/wirtschaft/rekordsumme-viele-entwicklungslaender-leiden-unter-hoher-schuldenlast

12. Link: https://hronlineph.com/2024/12/19/statement-pmcj-on-the-2025-philippine-national-budget

13. Hauptquelle: https://debtjustice.org.uk/countries/philippines

14. Link: https://data.one.org/analysis/net-financing-flows-remain-low

15. Link: https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2025/12/03/developing-countries-debt-outflows-hit-50-year-high-during-2022-2024

16. Andrea Ferreira da Silva et al. Lancet Global Health 2026: https://doi.org/10.1016/S2214-109X(26)00008-2

17. Daniella Medeiros Cavancalti et al, Lancet 2025: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(25)01186-9

18. Link: https://www.cbm.org/news/news-articles/2025/usaid-aid-cuts.html

19. Link: https://ahpsr.who.int/newsroom/news/item/26-05-2025-navigating-health-financing-cliffs-charting-a-path-forward

Foto von Naveed Ahmed auf Unsplash

Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Massnahmen gegen den Klimawandel kosten viel Geld. Mit der Annahme des Klimaschutzgesetzes im Jahr 2023 stehen der Schweiz jährlich 2 Milliarden Franken für diese Massnahmen zur Verfügung. Mit dem Ziel Netto-Null 2050 vor Augen braucht es aber dringend weitere finanzielle Mittel. Diese sollen in einem Klimafonds angelegt werden, über welchen das Schweizer Volk am 8. März 2026 abstimmt.

Die Klimafonds-Initiative will einen staatlichen Investitionsfonds schaffen, in den der Bund jährlich 0,5 bis 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) einzahlt. Dies entspricht etwa 4 bis 8 Milliarden Franken pro Jahr (Der Bundesrat 2026). Mit dem Klimafonds sollen nationale Massnahmen zur Klimawandelanpassung gefördert werden. Zu diesen Massnahmen zählen zum Beispiel: der Ausbau erneuerbarer Energien, Sanierungen von Gebäuden, Unterstützung beim Ersatz fossiler Heizungen durch moderne Technologien (z.B. Wärmepumpen), die Förderung von E-Mobilität sowie die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften.

Ökonomisch verträglich?

Die Idee, mit einem staatlichen Investitionsfonds Projekte im Nachhaltigkeitsbereich zu finanzieren, ist nicht neu. Befürworterinnen und Befürworter der Initiative weisen darauf hin, dass in den 1970er Jahren der Bau grosser Staudämme wie auf dem Grimselpass und der Ausbau des Schienennetzes in den 1980er Jahren mit zwischen 1 bis 4 Prozent des BIP finanziert wurden. In den 1990er gerieten allerdings die Bundesfinanzen so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sich ein riesiger Schuldenberg anhäufte (EFD 2024). Das Parlament und der Bundesrat waren sich einig darüber, dass es konkrete Ausgaberegeln brauchte. Diesen Mechanismus zur Steuerung der Gesamtausgaben des Bundes nennt sich Schuldenbremse.

Die Schuldenbremse bezieht sich auf die der wirtschaftlichen Lage entsprechenden Einnahmen und begrenzt so die Ausgaben (EFD 2024). Eine Erhöhung der Ausgaben ist nur dann möglich, wenn deren Finanzierung durch Einnahmen oder Verzichte gesichert ist.

Während der Corona-Pandemie geriet die Schuldenbremse erstmals seit deren Implementierung an ihre Grenzen, da der Bund rund 35 Milliarden Franken zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen zur Verfügung stellen musste (EFD 2025). Diese Schulden werden voraussichtlich bis 2035 abgebaut, wodurch der Bundeshaushalt wieder ins Lot kommen soll. Es stellt sich daher die Frage, ob die Gegner der Initiative auch im Hinblick auf die bereits bestehende Belastung des Bundeshaushalts durch die Schulden der Pandemie befürchten, dass der Klimafonds zu einer grösseren Verschuldung und höheren Steuern führen könnte (Der Bundesrat 2026).

Mutig statt ängstlich in die Zukunft

Es ist sicher sinnvoll, die Befürchtungen der Gegner der Initiative im Hinterkopf zu behalten, wenn es darum geht, den Klimafonds einzuführen. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass die Schuldenbremse für die tiefe Verschuldung der Schweiz im internationalen Vergleich verantwortlich ist (EFD 2025). Zum Beispiel beträgt die Nettostaatsschuldenquote lediglich 17.2 Prozent des BIP, was ein sehr niedriger Wert darstellt. Jedoch müssen wir auch an die Ausgaben für die Folgen des Klimawandels denken, die in Zukunft deutlich ansteigen werden (GRÜNE Schweiz und SP Schweiz 2026). Schon heute sind Hitzeschäden an Wäldern, der Rückzug der Gletscher und die damit einhergehende Instabilität von Gebirgshängen sowie wirtschaftliche Einbussen durch Schneemangel in Wintertourismusregionen zu beobachten. Schäden bei Wetterextremereignissen wie Hochwasser und Erdrutsche können durch gezielte Schutzmassnahmen stark reduziert werden. Der Klimafonds bietet daher die Möglichkeit, durch frühzeitige Investitionen grössere Ausgaben bei Schäden zu vermeiden, was sich positiv auf den Staatshaushalt auswirken kann (SRF 2026). Es lohnt sich also, mutig in eine ungewisse Zukunft voranzuschreiten, anstatt sich von finanziellen Ängsten getrieben nicht vom Fleck zu bewegen.

Sozial gerecht

Die Abstimmungsvorlage sieht auch zwei konkrete Massnahmen vor, um den Klimafonds sozial gerecht zu gestalten. Zum Ersten schafft und sichert der Fonds Arbeitsplätze (SRF 2026). Denn um die Massnahmen gegen den Klimawandel umzusetzen, braucht es Fachkräfte in unterschiedlichen Bereichen. Diese Fachkräfte sollen durch den Fonds aus- und weitergebildet werden. Hierfür erhalten sie finanzielle Beiträge für den Ausgleich des Einkommensausfalls während der Ausbildungszeit.
Zum Zweiten können Gemeindeverwaltungen, Unternehmen und Privatpersonen schon heute Fördermittel zur Installation von Photovoltaikanlagen und nachhaltigen Heizsystemen, energetischen Sanierungen von Gebäuden, usw. beziehen. Eine wertvolle Übersicht zu Förderbeiträgen bietet zum Beispiel energieschweiz. Mit der Annahme der Klimafonds-Initiative stünden noch mehr solcher Subventionsmöglichkeiten zur Verfügung, wovon auch Menschen mit geringem Einkommen und Vermögen profitieren können (Der Zeitgenosse 2026).

Ökologisch interessant

Eine weitere spannende Massnahme, die mit dem Klimafonds unterstützt werden soll, stellt die Stärkung der Biodiversität dar. In zahlreichen Schweizer Städten kommen im Sommer mittlerweile mobile Bäume zum Einsatz, um auf Plätzen für Schatten und Kühlung zu sorgen. Wo möglich werden hitzeresistente Bäume gepflanzt. Nebst dem kühlenden Effekt dienen Bäume als natürliche CO2-Speicher und als Lebensraum für Insekten, Vögel und Säugetiere.

Nachhaltige Entwicklung

Die Abstimmungsvorlage zum Klimafonds erfüllt die drei Pfeiler der Nachhaltigen Entwicklung: Sie ist wirtschaftlich, sozial und ökologisch gut durchdacht und verträglich. ChristNet begrüsst sie, denn wir sehen in ihr die Chance, dem Klimawandel vorsorglich entgegenzutreten und auch jene Menschen mit auf diesen Weg zu nehmen, die über wenig finanzielle Ressourcen verfügen.
Ungeachtet der Abstimmung lohnt es sich, für die Schweiz zu beten: Für Weisheit im Bundeshaus im Umgang mit Schulden, für Menschen, die bereits von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, und für Gottvertrauen im Angesicht einer ungewissen Zukunft.

Hier, was die BAZ zu diesem Thema schreibt.


Quellen

Der Bundesrat (2026). Das Portal der Schweizer Regierung. Klimafonds-Initiative. Link: https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/abstimmungen/20260308/klimafonds-initiative.html (Stand: 4. Februar 2026)

Der Zeitgenosse (2026): Klimafonds-Initiative. Eidg. Volksabstimmung, 8. März 2026. Youtube. Link: https://www.youtube.com/watch?v=zle0hoSHt8A (Stand: 28. Januar 2026).

Eidgenössisches Finanzdepartement EFD (2024): Die Schuldenbremse. Link: https://www.efd.admin.ch/de/schuldenbremse (Stand: 13. Februar 2024).

Eidgenössisches Finanzdepartement EFD (2025): Bundesschulden. undesschulden. Link:
https://www.efd.admin.ch/de/bundesschulden (Stand: 10. Februar 2026).

Energieschweiz: Förderbeiträge und Subventionsmöglichkeiten (2026). Link: https://www.energieschweiz.ch/foerderung/ (Stand: 4. Februar 2026).

GRÜNE Schweiz und SP Schweiz (2026): Ja zur Klimafonds-Initiative. Link: https://www.klima-fonds.ch/ (Stand: 4. Februar 2026).

Schweizer Radio und Fernsehen SRF (2026): Staatlicher Klimafonds soll Schweiz bis 2050 klimaneutral machen. Link: https://www.srf.ch/news/schweiz/abstimmung-am-8-maerz-staatlicher-klimafonds-soll-schweiz-bis-2050-klimaneutral-machen (Stand: 13. Januar 2026).


Foto von Milosz Roman auf Unsplash

Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Am 8. März gelangt die SRG-Initiative zur Abstimmung. Statt der heutigen 335 soll die SRG für die Nutzerinnen und Nutzer nur noch 200 Franken kosten. Diese Beschneidung der Gebühren heisst, die Informationsmacht den Milliardären und deren Medienkonzernen zu überlassen.

Der Rückgang der Demokratie in allen Weltregionen hat auch mit der Polarisierung der Information durch Medienkonzentrationen und den Algorithmen des Internets zu tun. In diesem Zusammenhang ist die Aufrechterhaltung einer zuverlässigen Informationsquelle mit grosser Reichweite wie der SRG entscheidend. Denn die Demokratie braucht Wahrheit und ausgewogene Information.

Nehmen Geld und Ideologien von Reichen in den Medien überhand?

  • In den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl vor allem regionaler Zeitungen in der Schweiz gesunken, grösstenteils durch Fusionen und Aufkäufe. Die verbleibenden konzentrieren sich in immer weniger Besitzerhänden und werden teilweise von Milliardären aufgekauft und zusammengelegt.
  • Tamedia besitzt fast 50 Prozent am Schweizer Zeitungsmarkt
  • AZ/NZZ halten fast 20 Prozent in der Deutschschweiz
  • Ringier und mit ihm der Axel Springer-Verlag konzentrieren ebenfalls einen grossen Teil
  • Als erster Milliardär hat Tito Tettamanti im Jahr 2001 den Jean Frey-Verlag gekauft und dessen Weltwoche umgepolt. Darauf folgte im Jahr 2010 die Basler Zeitung (BaZ), die trotz Christoph Blochers Dementi in dessen Hände gelegt worden ist. Im Jahr 2018 verkaufte Blocher die BaZ an Tamedia, erhielt aber dafür eine ganze Reihe von Gratis-Wochenblättern, die nun wöchentlich über eine halbe Million Haushalte erreichen und weitgehend SVP-Propaganda transportieren.

Unter diesen Bedingungen ist die Medienlandschaft in den letzten Jahrzehnten weiter nach rechts gerückt. Davon sind auch christliche Medien betroffen. Auch sie sind von grossen Spendern und deren Meinung abhängig. Einzelne Stimmen meinen, dies sei gut so, denn die Medien seien ja meist links gewesen. Der von verschiedenen Kreisen gerne gepflegte Mythos, dass die Medien links seien, hält wissenschaftlichen Analysen nicht stand: Eine Untersuchung der Uni Zürich zwischen 2018 und 2023 zeigt einen Pik um die Mitte herum mit Ausreissern nach links und nach rechts. Auch SRF ist offenbar nicht links. Zudem zeigt die regelmässige Auswertung der Uni Zürich zur Berichterstattung zu Initiativen und sonstigen Abstimmungen, dass linke Anliegen in der Regel nicht besser wegkommen. Aber ist nicht die Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten «links»? Eine Umfrage der ZHAW scheint dem Recht zu geben. Doch offenbar entscheiden die Verleger und nicht die Journalisten, in welche Richtung es geht. Der Richtung der Medien ist offenbar eher liberal als konservativ, aber genauso rechtsliberal wie linksliberal.

Ein Blick ins Ausland, wo das hinführen kann

Andere Länder sind diesbezüglich bereits einen Schritt weiter:

  • In Grossbritannien haben Rupert Murdoch und andere Rechtskonservative bereits in den 70-er-Jahren zahlreiche Medien aufgekauft und mit ihrer Propaganda erfolgreich für die Wahl von Margaret Thatcher und ihrer Desolidarisierungsideologie Propaganda gemacht.
  • In Frankreich hat Vincent Bolloré in den letzten 20 Jahren eine ähnliche Stellung wie Murdoch aufgebaut, dazu die Familien Dassault und Pierre-Edouard Stérin. Es gibt mehrere Studien, die die Medienkonzentration in Frankreich untersuchen. Libération fasst die Situation wie folgt zusammen: Im Februar 2022 entfielen 81 Prozent der nationalen Tageszeitungsverkäufe, 95 Prozent der Wochenzeitungen mit allgemeinem Interesse, 47 Prozent der Radiohöreranteile und 57 Prozent der Fernsehzuschaueranteile auf 11 Milliardäre. Unter den Milliardären, die den Medienmarkt dominieren, sticht Vincent Bolloré besonders hervor. Diese Konzentration hat zu einem noch stärkeren Aufschwung der rechtskonservativen Bewegungen als sonst in Westeuropa geführt.
  • In den USA ist der Prozess der Medien-Fusionen und der Ausdünnung der lokalen Berichterstattung schon länger im Gange. Heute können sich nur noch Milliardäre Medien leisten. Diese üben heute ihren Einfluss auch stärker aus: So hat Jeff Bezos von Amazon die früher eher linke Washington Post aufgekauft und 2025 verstärkt kritische Berichterstattungen blockiert. In den letzten Jahren sind Persönlichkeiten dazu übergegangen, bei missliebigen Artikeln Millionenklagen gegen das entsprechende Medium (Weaponized Lawsuit) anzustreben, was einen sogenannten «Chilling Effect», also eine Selbstzensur, zur Folge haben kann. Präsident Trump hat diesen Druck durch zahlreiche Milliardenklagen, Drohungen und gesetzliche Massnahmen noch massiv erhöht. Dadurch musste CBS an einen seiner Freunde verkauft werden. Dessen höchst erfolgreiche Satiresendung mit Trump-Kritiker Stephen Colbert wird im Mai 2026 eingestellt werden.

Im Rahmen des Ziels, die Gegner zum Schweigen zu bringen, wurde auch die Finanzierung der öffentlichen Fernsehsender in den USA eingestellt. Dies zeigt eine Parallele zur Schweiz, wo die SRG-Initiative auch aus der Partei kommt, die Trump am nächsten steht (und deren Überväter Blocher und Köppel Trump-Sympathisanten sind).

Es braucht unabhängige Medien gegen Propaganda

Gleichzeitig informieren sich mehr Menschen im Internet und treffen dort oft auf die Informationen und Algorithmen, die im Besitz von Milliardären wie Mark Zuckerberg und Elon Musk mit ihren teilweise rechtsextremen Propaganda-Absichten sind. Sie lassen auch ganz offen Falschinformationen, Verleumdungen und Hasspropaganda freien Lauf. Wir sind aus einem Informations- in einem Desinformationszeitalter angekommen.

In dieser Zeit mit wachsenden Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung braucht es Medien, die noch genügend Zeit für gut recherchierte und nicht von Interessen gesteuerte Berichte haben, die wie die SRG in Wahlkämpfen eine ausgeglichene Präsenzzeit aller Parteien einhalten müssen und die Faktenchecks korrekt durchführen. Denn wenn nur noch bestimmte Interessen verfolgt werden, dann herrscht Propaganda und nicht Wahrheit. Dies muss uns Christinnen und Christen, die wir die Wahrheit hochhalten, dazu motivieren, nein zu dieser Initiative zu sagen.

Dabei wird manchmal gesagt, die SRG sei «vom Staat gesteuert» und mache Staatspropaganda. Solche Vorwürfe entstehen aus Verschwörungstheorien und der Angst vor einem allmächtigen Staat, was auch von den an grösseren Freiheiten interessierten Wirtschaftskreisen gefördert wird, die an grösserer Freiheit interessiert sind. Denn «der Staat» ist in der Schweiz nicht links, wie das die Mehrheiten im Bundesrat und der Bundesversammlung zeigen. Zudem hat er viel weniger Macht als in anderen Ländern und erst recht kaum Einfluss auf die Inhalte des Fernsehprogramms. Dies ganz im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen der Medien, die von Milliardären finanziert werden. Genau darum geht es bei der Abstimmung am 8. März 2026. Lassen wir uns durch die Reduktion der Fernsehgebühr um 135 Franken ködern?

Foto von Ajeet Mestry auf Unsplash

Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Vor einem Jahr entstand das Thema des neuen Fastenbegleiters „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“. Damals war nur in Umrissen erkennbar, dass das Vakuum einer „guten“ Zukunft nach dem Schwinden der Klimabewegung von religiösen Bewegungen gefüllt würde. Dabei wird behauptet, dass die „neue“ Hoffnung unpolitisch daherkomme, jedoch hochpolitisch sei. Ungewollt setzt der neue Fastenbegleiter einen Kontrapunkt – und wird als ökumenisches Projekt selbst zur stillen Antwort auf das vermeintlich Machbare.

Für manche gibt es neue Hoffnungszeichen: So hört man etwa aus Frankreich, dass die Zahl der Erwachsenentaufen in der katholischen Kirche steigt.1 In England ist sogar von einer stillen Erweckung die Rede.2 Das mag durchaus erfreulich sein. Doch Hand aufs Herz: Warum freuen sich die einen über solche Nachrichten – und weshalb beängstigen sie andere, wie z.B. Menschen, die mit dem Glauben wenig anfangen können?

Ich betrachte diese Kunde zwiespältig. Seit einigen Jahren wird der Begriff „Hoffnung“ inflationär gebraucht, etwa als Konferenztitel. In den jüngeren Entwicklungen zeichnen sich grob zwei Stossrichtungen ab: Die pragmatische Seite freut sich, dass sich fast wie von selbst eine „Erweckung“ auszubreiten scheint. Manchmal entsteht der Eindruck, sie löse Probleme, die mit dem Menschsein verbunden sind, wie Armut automatisch. Die intellektuellere Richtung richtet sich gegen Säkularismus und Atheismus, mitunter verbunden mit leiser Genugtuung über das Scheitern des „gottlosen“ Projekts.

Beide Strömungen vereint der Wunsch nach einer guten Zukunft, in der Wohlstand durchaus eine Rolle spielt. Die gute Zukunft würde jene dunklen Zeiten überwinden, in denen wir uns im Moment im Hier und Jetzt befinden.

Mich beängstigt weder die Glaubensferne vieler noch die plötzliche Hinwendung anderer. Sorge macht mir vielmehr, dass diese „neue“ Hoffnung wohl eine Realitätsflucht ist, sich indirekt auf die eigene Stärke konzentriert und am Ende uns nicht trägt. In der Vergangenheit – ob von säkularer oder kirchlicher Seite – wurden angestrebte Ziele oft nicht realisiert, obwohl die Konzepte atemberaubend waren.

Hoffen oder machen?

Diese „neue“ Hoffnung erwartet die Stadt kaum vom Himmel (Offb 21,2), auch wenn Parallelen locken. Die Stadt in der Offenbarung, die vom Himmel kommt, ist ein Bild für Hoffnung. Es ist keine Hoffnung, die gemacht werden kann, sondern eine, die auf uns zukommt. Sie hebt uns nicht in den Himmel, sondern trägt unseren oft mühseligen Alltag. Dagegen wirkt die neue Hoffnung wie ein baldiger Siegeszug. Sie träumt kaum von einem Tierfrieden (Jes 11,6-8), eher von Erneuerung, Fortschritt, Reformation.

Die Frage bleibt: Geht es wirklich um Vertrauen auf Gott – oder darum, selbst das Reich Gottes aufzurichten, um eine gute Zukunft zu erreichen?

Neue Aktivistinnen und Aktivisten

Die neue Hoffnung ist hochpolitisch, auch wenn sie „unpolitisch“ wirkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubte man, die Welt könne friedlich sein, in der genug für alle ist. Die Angst vor Atomkrieg verschwand fast über Nacht. Doch dieser Traum entpuppte sich als trügerisch: Klimakrise, Artensterben und geopolitische Spannungen nahmen zu.

Dynamische Plattformen wie Facebook, die Menschen weltweit vernetzen sollten, haben sich zu einem starren Machtklumpen verwandelt. Gleichzeitig formen ehemalige Geheimdienstler autokratische Staaten und schalten kritische Stimmen aus – während andere Mächte zusehen. Das nährt Angst um die eigene Sicherheit.

Vertreterinnen und Vertreter dieser neuen Hoffnung haben einen Hang zu aktivistischer Ausrichtung.3 Dabei sind ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, etwa die Klimabewegung, nicht mehr en vogue. Das Vakuum der Zukunftshoffnung wird von diesen neuen Aktivistinnen und Aktivisten gefüllt. Die Parallelen sind dabei verblüffend ähnlich: Schon ihre Vorgänger träumten von einer guten Zukunft, in der die Enkelkinder genug vorfinden.

Geht es doch um Politik?

Auf die Bevölkerung gesehen, tangiert diese Hoffnung nur einen kleinen Teil. Viele wollen sich nicht mit geopolitischen Fragen befassen, andere fragen sich, wohin wir steuern. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es auf westlichem Boden, mit Ausnahme der Balkankriege, weitgehend friedlich geblieben. Das Völkerrecht und andere Abkommen schufen Stabilität. Zwar wurden sie oft aufgrund von Eigeninteressen gewieft ausgetrickst, dennoch dienten sie als Leitlinie.

Doch die Ordnung, auf der diese Stabilität beruhte, war von Beginn an ambivalent. Sogenannte Hilfe für andere Staaten diente oft den Interessen des eigenen Staates, etwa um langfristig Märkte zu erschließen. Obwohl schon immer das Gesetz des Starken galt, haben sich Staaten dennoch Regeln gegeben – Regeln, die nun zunehmend unterlaufen werden. Heute sind „Hilfe“ und „nationale Sicherheit“ zu völlig entleerten, beinahe absurden Begriffen geworden – Zynismus kann ein Mittel sein, um mit einer solchen Politik klarzukommen.4 Kein Wunder also, dass manche keine Geduld mehr für politische Prozesse aufbringen und auch nicht länger mühsam gemeinsame Ziele aushandeln wollen. Hoffnung jenseits der Politik ist indirekt aber genauso politisch.

Gemeinsam Ohnmacht aushalten

Eine bessere Option ist für mich aber die Freundschaft: den Anderen auszuhalten, auch bei völlig divergierenden Vorstellungen vom Leben. Was verbindet, ist der gemeinsame Weg, nicht der Sieg oder die Optimierung von Ressourcen. Freundschaft erlaubt es, nicht die Macht, sondern die „Ohnmacht“ zu wählen – z.B. gemeinsam für die Schöpfung einzustehen, auch wenn andere weiterhin von Termin zu Termin fliegen.

Ein Beispiel für ein derartiges Projekt ist der neue Fastenbegleiter Ohnmacht, die Hoffnung entfacht.5 Menschen, die bisher kaum zusammenfanden, haben dieses Projekt gemeinsam gestaltet. So kommen römisch-katholische, reformierte, freikirchliche bis hin zu pfingstlichen Traditionen zusammen und schrieben an diesem Gefühl und vielleicht auch an der faktischen Erfahrung des Nicht-Machbaren. Dieses Erproben dieser gemeinsamen Idee entspricht ganz dem Ansatz von Ivan Illich:6

„Die einzige Möglichkeit liegt jetzt darin, dass wir diese Berufung als die des Freundes begreifen. Auf diese Weise kann sich die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft ausbreiten. Dies kann nicht eigentlich mit Worten geschehen, sondern durch kleine Handlungen närrischer Entsagung.“

Wo lassen sich heute Freunde finden, die vor allem ihre Berufung im Freundsein sehen und sich gemeinsam auf den Weg begeben und ganz im Moment leben, statt sich von der Zukunft treiben lassen?


1. NZZ, Eine Sehnsucht nach Transtendenz und Tradition: Warum immer mehr junge Franzosen in die katholische Kirche eintreten, o.S, online unter: https://www.nzz.ch/international/warum-immer-mehr-junge-franzosen-sich-der-katholischen-kirche-zuwenden-ld.1916592, abgerufen am 21. Januar 2026.

2. Das war die Grundbotschaft von Dan Blythe, Leiter Youth Alpha aus England, im Referat an der Explo 2025.

3. Auf die Spitze getrieben und als kollektive Erinnerung bleibt Charlie Kirk. Zwar ist dieses Extrembeispiel nicht repräsentativ für die beschriebene Atmosphäre dieser „neuen“ Hoffnung, wie sie etwa Dan Blythe in seinem Referat implizierte, doch es verdeutlicht, wie breit und facettenreich diese „neue“ Hoffnung aufgegriffen wird.

4. Das endgültige Fanal der „neuen“ Politik ist die Gefangennahme von Nicolás Maduro. Es steht zu befürchten, dass der Damm des Völkerrechts nun unaufhaltsam Risse bekommt und ins Wanken gerät. Kaum jemand weint Maduro eine Träne nach, der Menschenrechte grob verletzt und viele eingesperrt und gefoltert hat. Aber den USA geht es sicher nicht um das venezolanische Volk, sondern um das Öl. Exemplarisch sind die Äusserungen der USA zu nennen: «Dieses Öl wird zu seinem Marktpreis verkauft, und das Geld wird von mir als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kontrolliert, um sicherzustellen, dass es zum Wohl des venezolanischen Volkes und der Vereinigten Staaten verwendet wird», vgl. SWI, Trump sichert sich Zugriff auf Venezuelas Öl-Milliarden, o.S., online unter: https://www.swissinfo.ch/ger/trump-sichert-sich-zugriff-auf-venezuelas-%C3%96l-milliarden/90734940, abgerufen am 21. Januar 2026.

5. Exemplarisch könnte auch die Explo genannt werden, die ein ganz anderer Kreis von unterschiedlichen Menschen zusammenbringt, die sonst kaum miteinander reden würden.

6. Ivan Illich, In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley. 2006, 196.

Dieser Artikel erschien zuerst auf StopArmut.

Der Fastenbegleiter 2026 von StopArmut „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“ kann entweder digital oder als Heft hier bestellt werden.

Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Während in den Social Media Polarisierung und Meinungsblasen gepflegt werden, scheuen sich die Kirchen aus Angst vor Spaltungen kontrovers diskutierte Themen anzusprechen. In diesem Artikel skizziert das langjährige ChristNet-Mitglied Jean-David Knüsel Ansätze für Christinnen und Christen, wie sie die Freude am Meinungsaustausch mit ihren Brüdern und Schwestern wiederfinden können.

Wir durchleben aktuell nicht nur politische Krisen, sondern auch eine Krise des Austauschs von Meinungen. Diese äussert sich einerseits in Meinungsblasen, also der Tatsache, dass wir hauptsächlich im Internet mit Inhalten oder Menschen in Kontakt kommen, die unsere Meinung teilen. Dadurch lernen wir viel weniger Standpunkte oder Erfahrungen kennen, die uns verunsichern und mit denen wir unsere Positionierung weiterentwickeln könnten. Auf der anderen Seite, was nur scheinbar widersprüchlich ist, nehmen wir eine Polarisierung mit scharfen, ausgrenzenden Standpunkten wahr, die Menschen nach ihren Meinungen in Gut und Böse unterteilt: woke bzw. antiwoke, vegan, impfkritisch, verschwörungstheoretisch, faschistisch … Dadurch erleben wir hauptsächlich einen unproduktiven oder sogar gewalttätigen Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Blasen, vor allem online, aber manchmal auch im direkten Gespräch. Wir verlieren also zunehmend die Lust und das Vertrauen in den Meinungsaustausch mit anderen Menschen, der doch eigentlich zu den schönsten Erfahrungen gehört, die wir in fruchtbare Beziehungen in unserem Leben bzw. in einer gesunden Demokratie erleben können.

Anlässlich der Tagung der «Plateforme du Christianisme Solidaire» 2024 in Chavannes-près-Renens (VD) hat sich eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel gebildet, den direkten menschlichen Meinungsaustausch zu fördern. Sie erstellte einen Flyer, der das Thema behandelt und einige Anregungen und Hilfsmittel vermittelt, um den Dialog wiederzubeleben, wo er bedroht ist. Er ist hier in französischer Sprache verfügbar.

Anstösse durch eine Fernsehsendung

Inspiriert wurde die Arbeitsgruppe der «Plateforme du Christianisme Solidaire» durch den mutigen und recht erfolgreichen Ansatz der Reality-TV-Serie „Week-end» bei RTS, dem Schweizer Fernsehsender in der Romandie. Zu dieser Sendung gehören die Gefässe «Weekend à la ferme» über Veganismus, «Guerre des sexes au chalet» über Feminismus und «Weekend entre ennemis» über Wokismus. Jedes Mal leben vier Personen aus unterschiedlichen Lagern und mit verschiedenen Profilen während eines Wochenendes zusammen, teilen Mahlzeiten und Aktivitäten und sind miteinander im Dialog. Dabei entdecken die Beteiligten und Zuschauenden nicht nur Argumente zu einem Thema, sondern vor allem ihre Gegenüber mit ihren Geschichten. Manchmal entwickelt sich während dieses Zusammenseins tiefer Respekt oder es entstehen unerwartete Verbindungen zwischen Kontrahentinnen und Kontrahenten.

Angst vor Spaltungen

Diese Bedrohung des Meinungsaustauschs in unserer Gesellschaft wirft auch die Frage auf, inwiefern innerhalb der Kirche Dialog zwischen unterschiedlich ausgerichteten Menschen stattfinden kann. Die meisten Kirchen vermeiden es, sensible Themen direkt anzusprechen, weil sie Spaltungen befürchten. Diese Angst ist zweifellos berechtigt. Aber ist es eine Lösung, nicht über solche Themen zu sprechen? Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass wichtige Themen, die die Gläubigen beschäftigen, nicht dem Licht des Evangeliums ausgesetzt werden? Führt uns diese Dialogvermeidung nicht zu einem abstrakten Glauben, indem wir uns auf Inhalte konzentrieren, deren Bedeutung von den wichtigsten aktuellen Themen losgelöst ist? Fördern wir dadurch nicht die Anfälligkeit der Gläubigen für Ideologien verschiedenster Herkunft?

Kirchen sind berufen, Einheit in der Vielfalt zu leben

Dabei haben die Kirchen ein echtes Potenzial, in einer Gesellschaft, die dies heute dringend braucht, einen fruchtbaren Meinungsaustausch zu fördern. Denn die Kirche ist dazu berufen, verschiedene Generationen, soziale Schichten und Kulturen um die Person von Jesus Christus herum zu versammeln. Jesus hat denen, die ihm nachfolgen, so schöne und solide Grundlagen gegeben, um Einheit in der Vielfalt zu leben. Indem er schon in der ersten Jüngergemeinschaft unterschiedliche Sensibilitäten zusammenbrachte, ruft Jesus seine Kirche dazu auf, eine Einheit zu erleben und zu bezeugen, die man als übernatürlich bezeichnen kann. Dazu lehrt er Demut, indem er verlangt, täglich um Vergebung zu bitten und Vergebung zu gewähren. Er stellt die Liebe, die sich frei in den Dienst des anderen stellt, über alle anderen Werte. Und vor allem verschenkt er sich selbst durch seinen Geist, um in inniger Gemeinschaft mit jedem bzw. jeder Gläubigen zu leben. So können wir in unseren Beziehungen – über Kulturen und Generationen hinweg – denselben Christus erfahren, der in den anderen wohnt und uns verbindet. Wir entdecken, dass wir Brüder und Schwestern sind, eins, indem wir denselben Christus auf unterschiedliche und doch ähnliche Weise kennenlernen und leben. Sollte uns angesichts all dessen eine andere Sichtweise auf den Wokismus Angst machen? Wagen wir es, uns in Demut mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben über sensible und wichtige Themen auszutauschen und versuchen wir so, in der Einheit in Christus an Relevanz zu gewinnen!

Hat dir dieser Text gefallen?

Hilfst du mit, dass wir weiter publizieren können?

Jetzt mit TWINT spenden!

TWINT QR-Code

Foto von Chris Sabor auf Unsplash

Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In einem ersten Teil zum gleichen Thema, den wir am 18. Dezember 2025 veröffentlicht haben, befasste sich unser Autor auf soziologischer Ebene mit der Frage, warum Christinnen und Christen immer wieder autokratische Figuren unterstützen. Nun vertieft er das Thema theologisch.

Von aussen wirkt das Phänomen befremdlich: Ausgerechnet in religiösen Milieus, die sich auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Lehre Jesu berufen, finden autoritäre Politiker oftmals die treuesten Unterstützer. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA, wo ein grosser Teil der evangelikalen Bewegung Donald Trump als „Werkzeug Gottes“ betrachtet.
Die Frage ist nicht nur politisch, sondern zutiefst theologisch: Warum sind gläubige Menschen anfällig dafür, autoritären Führungsfiguren zu vertrauen? Und wie lässt sich diese Tendenz aus christlicher Perspektive kritisch beleuchten?

  1. Autoritäre Attraktivität: Wann Macht religiös vertraut wirkt
    Theologen und Religionssoziologen weisen seit Jahren darauf hin, dass bestimmte Gottesbilder politisches Verhalten prägen. Insbesondere im alttestamentlichen Kontext begegnet Gott als universaler Herrscher, als König, der kämpft, richtet und absolute Loyalität einfordert (vgl. Ps 2). Dieses Herrschaftsverständnis vermittelt Sicherheit und Identität – und es ist tief verankert in der christlichen Frömmigkeitstradition.
    Für viele Gläubige entsteht dadurch eine intuitive Vertrautheit mit absoluter Macht. Wer an einen souveränen Herrscher glaubt, für den wirkt auch ein starker politischer Anführer zunächst nicht befremdlich, sondern strukturell vertraut. Wenn dieser zudem religiöse Rhetorik bemüht, erscheint er nicht selten als irdischer Vertreter göttlicher Ordnung. Die Brücke zwischen religiösem und politischem Autoritarismus ist damit zwar nicht zwangsläufig, aber erklärbar.
  2. Gesetzesfrömmigkeit und die politische Übersetzung von „Law and Order“
    Zentral für das alttestamentliche Welt- und Gottesverständnis ist die Tora – ein komplexes System aus Geboten, Vorschriften und moralischen Normen. Das religiöse Leben Israels war geprägt von klaren Grenzziehungen, moralischen Forderungen und einer starken normativen Struktur. Psalm 119 feiert diese göttliche Ordnung in vielen Versen. Diese moralisch-normative Prägung findet sich bis heute in vielen christlich-konservativen Milieus. Dort wird politisches Handeln unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung moralischer Ordnung bewertet.
    Wenn ein Politiker klare Regeln, harte Durchsetzung und moralische Disziplin ankündigt, spricht er ein religiös vertrautes Bedürfnis an. Komplexität und Ambiguität – die Grundbedingungen pluralistischer Gesellschaft – wirken dagegen bedrohlich oder zumindest irritierend. Daraus entsteht eine Affinität zu Politikern, die Schwarz-Weiss-Logiken nutzen: Sie erscheinen moralisch konsistent, während differenzierte Politik oft als schwach oder unklar wahrgenommen wird.
  3. Angst als theologischer Katalysator
    Politische Autoritarismusforschung zeigt: Je stärker die Unsicherheit, desto grösser der Wunsch nach Ordnung. Christen sind hier keine Ausnahme – im Gegenteil: Religiöse Milieus reagieren besonders sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, die moralische Orientierung, familiäre Strukturen oder kulturelle Identität in Frage zu stellen scheinen. Migration, Globalisierung, moralischer Wandel oder technologische Beschleunigung können als Bedrohung erlebt werden. Ausgerechnet in solchen Momenten wird der „starke Mann“ attraktiv. Er verspricht nicht Dialog, sondern Entscheidung. Nicht Prozesse, sondern Ergebnis. Nicht Komplexität, sondern Klarheit.
    Das erinnert stark an religiöse Erfahrungen von Orientierung und Führung – allerdings ohne deren geistliche Tiefe. Dabei ist die Parallele trügerisch: Während Gottes Orientierung durch Liebe und Vergebung charakterisiert ist, gründet sich autoritäre Politik meist auf Angst und Abgrenzung.
    Religiöse Kulturen, die durch starke Gesetzesorientierung, absolute Wahrheitsansprüche und ein hierarchisches Gottesbild geprägt sind, neigen weltweit zur Akzeptanz autoritärer Strukturen. Darum ist das Phänomen der Diktatorenfalle auch in anderen Religionen und Kulturen wahrzunehmen, wie dem Islam oder dem Hinduismus.
    Gerade der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie gefährlich dieses Muster werden kann. Christen hatten in der Weimarer Republik nicht nur Angst vor ökonomischer und politischer Instabilität, sondern auch vor moralischem Verfall und gesellschaftlichem Chaos. Hitlers autoritäres Auftreten, sein Versprechen von Ordnung und nationaler Wiederherstellung fand bei vielen Christinnen und Christen Zuspruch. Die „Bekennende Kirche“ war eine Minderheit. Die Mehrheit bekannte sich – aktiv oder schweigend – zu einem Regime, das aus christlicher Perspektive unmissverständlich dem Geist Christi widersprach.
  4. Die christologische Korrektur: Warum Jesus das Gegenmodell zum autoritären Führer ist
    Der entscheidende geistliche Punkt lautet: Christliche politische Ethik kann nicht vom alttestamentlichen Herrschaftskonzept abgeleitet werden. Sie muss von Christus her begründet sein. Und das bedeutet: Jesus ist die Mitte politischer Urteilsbildung.Das Neue Testament präsentiert einen Messias,
    · der Macht ablegt, statt sie zu instrumentalisieren,
    · der Gewalt verweigert, statt sie religiös zu legitimieren,
    · der Randgruppen sucht, statt sie auszuschliessen,
    · der Feinde liebt, statt sie zu vernichten,
    · der Dialog sucht, statt Fronten zu verhärten,
    · der auf Opfer verzichtet, statt Opfer zu verlangen.Die Tempelreinigung – oft als Rechtfertigung für „heiligen Zorn“ missbraucht – ist theologisch gesehen Ausnahme, nicht Prinzip. Die Macht Jesu ist nicht autoritär, sondern sanftmütig, nicht dominierend, sondern dienend. Damit stellt Jesus ein radikales Gegenmodell zu autoritären Figuren dar.
  5. Konsequenzen für die politische Urteilsbildung von Christinnen und Christen

Christen sind eingeladen, politische Entscheidungen nicht aus Angst, Nostalgie oder moralischem Alarmismus zu treffen, sondern aus geistlicher Reife heraus. Das bedeutet:

  • Kritische Selbstprüfung
    Welche meiner politischen Präferenzen werden durch Angst gesteuert?
Welche durch das Bedürfnis nach Kontrolle?
Welche durch mein Gottesbild?
  • Christus als hermeneutischer Schlüssel
    Passt der Führungs-und Lebensstil eines Politikers zu dem Stil Jesu?
Behandelt er Schwache mit Würde?
Fördert er Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit?
  • Sensibilität für Machtmissbrauch
    Christlicher Glaube ist grundsätzlich kritisch gegenüber menschlicher Macht.
Wer Macht sammelt, muss deshalb besonders sorgfältig beurteilt werden.
  • Förderung demokratischer Tugenden
    Dialog, Pluralismus und Kompromiss sind keine Schwäche, sondern Spiegel der menschlichen Würde. Sie entsprechen der Art Jesu, der Menschen ernst nimmt – selbst seine Gegner.
    Christen geraten nicht deshalb in die Diktatorenfalle, weil sie böse oder unreflektiert wären. Sie geraten hinein, weil bestimmte religiöse Muster politisch missbraucht werden können: das Bedürfnis nach Ordnung, die Sehnsucht nach Orientierung und die Angst vor dem Unbekannten. Der Weg aus dieser Falle führt nicht über Ideologie – sondern über Theologie. Über Jesus Christus. Über seine Art zu herrschen. Über seine Art, Mensch zu sein. Wer ihm folgt, wird nicht unkritisch Macht verehren. Wer ihn betrachtet, wird nicht Angst, sondern Liebe zum Massstab machen. Und wer ihn ernst nimmt, wird jede Form von autoritärer Verführung durchschauen.

Podcast

Dieser Artikel fusst auf einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2020.
Ganze Folge anhören auf movecast.de.

Hat dir dieser Text gefallen?

Hilfst du mit, dass wir weiter publizieren können?

Jetzt mit TWINT spenden!

TWINT QR-Code

Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Ein Blick in Geschichte und Gegenwart bringt es an den Tag: Christinnen und Christen folgen immer wieder gerne autoritären Machthabern. Was sind die Gründe dafür? Martin Benz geht dieser Frage nach.

Warum wählen Christen so gerne Diktatoren? Diese Frage ist natürlich provokativ, und ich möchte keinesfalls allen Christen unterstellen, dies zu tun. Dennoch ist es interessant, dass es unter konservativ Gläubigen eine ganze Reihe gibt, die dazu neigen, starke Machthaber oder Alleinherrscher zu wählen – Leute wie Trump, die die Wahrheit für sich pachten und ein ganz eigenes Narrativ erzählen.

Wir erleben das aktuell in den USA, wo Trump stark von den „White Evangelicals“ getragen wird. Diese Gruppe steht uneingeschränkt hinter ihm und stellt ein wichtiges Wählerpotenzial dar. Das gleiche Phänomen sahen wir auf den Philippinen mit Präsident Duterte, einem sehr rigorosen und rücksichtslosen Herrscher, der im katholischsten Land der Welt mit Unterstützung der katholischen Mehrheit gewählt wurde. In Brasilien konnte Präsident Bolsonaro auf breite Unterstützung der evangelikalen Pfingstler zählen. Ähnliches gilt für Putin in Russland, der von der orthodoxen Kirche unterstützt wird, oder für die rechtskonservative Partei in Polen im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche. Leider finden wir diese Strömung auch in Deutschland, wo viele Christen mit der AfD sympathisieren oder sie sogar wählen.

Was sind die Ursachen?

Womit hängt das zusammen? Warum sind Christinnen und Christen so anfällig für die „Diktatorenfalle“? Hier sind drei mögliche Erklärungsansätze:

  1. Das Gottesverständnis aus dem Alten Testament
    Zum einen hat dies mit unserem Herrschaftsverständnis Gottes zu tun, das uns stark vom Alten Testament her prägt. Dort stellt sich Gott oft als der Allherrscher vor: der allmächtige Gott, der Herrscher der ganzen Welt, der vor seinem Volk steht und andere Völker oder Götter vernichtet bzw. entmachtet. Besonders in den Psalmen (z. B. Psalm 2) finden wir Textstellen, die von dieser uneingeschränkten Herrschaft sprechen. Selbst wenn sich Völker auflehnen, festigt Gott seine Herrschaft und bereitet dem Widerstand ein Ende. Alle müssen sich beugen; sein Wille gilt absolut.
    Dieses Bild der absoluten Herrschaft Gottes ist uns vertraut und vermittelt Sicherheit: Wenn man zu diesem Gott gehört, steht man auf der Siegerseite. Das hat positive Aspekte wie Geborgenheit und Halt. Aber wenn man sich an diese absolute Herrschaftsform gewöhnt hat, wirkt auch eine irdische Herrschaft, die diesen „militanten“ oder absoluten Geschmack hat, vertraut. Ein Christ fremdelt nicht so stark mit autoritären Strukturen auf Erden. Wenn ein Herrscher dann noch suggeriert, er handle im Auftrag Gottes, sagen sich viele Christen: „So einen Mann haben wir gebraucht.“ Selbst wenn Freiheiten eingeschränkt oder Minderheiten unterdrückt werden – solange die Christinnen und Christen ihre Religion ausüben können, wird das akzeptiert.
  2. Die Sehnsucht nach „Law and Order“
    Ein zweiter Grund ist, dass die Herrschaft Gottes im Alten Testament stark auf Gesetzen, Geboten und Vorschriften gründet. Es herrscht eine hohe Moralvorstellung, definiert durch klare Anweisungen (Tora). Dieses „Law and Order“-Prinzip wird im Alten Testament gepriesen (z. B. in Psalm 119). Ordnungen werden als positiv empfunden und Verstösse dagegen werden hart bestraft.
    Wenn ein irdischer Herrscher nun Regeln, Gesetze und „Law and Order“ betont, kommt dies konservativen Christen sehr entgegen. Sie fühlen sich verpflichtet, jemanden zu wählen, der „klare Kante“ zeigt und Ordnung schafft. Ein Herrscher, der „wachsweich“ wirkt, ist ihnen suspekt.
    Dies ist auch ein Problem der Kirche, die sich angewöhnt hat, als Moralapostel aufzutreten. Das erklärt, warum der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche so schwer wiegt: Wer so moralisch auftritt und strenge Regeln (z. B. bei Wiederheirat) predigt, verliert massiv an Glaubwürdigkeit, wenn in den eigenen Reihen Verbrechen geschehen.
  3. Der Faktor Angst
    Der dritte Aspekt hängt eng mit dem zweiten zusammen: Angst. Je verunsicherter wir uns fühlen – sei es durch Pluralismus, Globalisierung oder unklare Verhältnisse –, desto lieber ist uns wieder „Law and Order“. Wenn die Welt chaotisch wird und alte Gewissheiten schwinden, rufen Menschen nach dem „starken Mann“, der Orientierung bietet. Man nimmt in Kauf, dass andere dabei unter die Räder kommen, Hauptsache, das eigene Ordnungssystem ist wiederhergestellt.
    In Krisenzeiten sind Länder besonders anfällig für Diktatoren. Leider merkt man oft erst zu spät, dass man den falschen Mann gewählt hat – nämlich dann, wenn die eigenen Freiheiten auch beschnitten werden. Da Christinnen und Christen gewohnt sind, dass Gott durch klare Anweisungen Orientierung und Sicherheit schenkt, fremdeln sie weniger mit Herrschern, die ähnlich autoritär auftreten.

Historische und interreligiöse Parallelen

Diese „Diktatorenfalle“ betrifft nicht nur Christen. Auch andere Religionen mit einem ähnlichen Gottesbild sind anfällig, etwa der konservative Islam (Beispiel IS, Iran oder Türkei). Je „frömmer“ die Leute sind, desto eher akzeptieren sie absolute Herrschaftsformen, bei denen Religion und Staat verschmelzen.

Auch in Deutschland haben wir diese Erfahrung gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg führten wirtschaftliche und politische Verunsicherung dazu, dass viele Christen in die Diktatorenfalle liefen und Adolf Hitler wählten. Nur eine Minderheit in der Bekennenden Kirche durchschaute dies. Den meisten war der Gedanke einer absoluten Herrschaft und einer „klaren Kante“ nicht fremd.

Ich sage das heute leicht von meinem Schreibtisch aus. Ich weiss nicht, wie ich damals gehandelt hätte und ob ich nicht auch mitgelaufen wäre. Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute Gedanken machen und diese Mechanismen durchschauen, um nicht erneut in diese Falle zu tappen.

Jesus als politisches Vorbild

Ich bin der Meinung, dass wir für unsere politische Bildung nicht das Alte Testament, sondern Jesus Christus brauchen. Jesus lebte eine völlig andere Art von Herrschaft. Er war bescheiden, sanftmütig und von Herzen demütig. Sein Umgang mit Randgruppen, Schwachen und Sündern ist für mich programmatisch. Auch seine Kritik am religiösen Establishment, das die Nähe zur Macht suchte, ist wegweisend.

Manche mögen einwenden: „Aber Jesus hat doch die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben!“ Das stimmt, aber diese Szene ist die grosse Ausnahme, nicht das Programm seines Lebens. Wer stark vom alttestamentlichen Herrscherbild kommt, stürzt sich auf diese Szene, weil sie ins eigene Weltbild passt. Aber in Jesus begegnet uns der Sanftmütige, der jegliche gewaltsame Herrschaft ablehnt. Er ruft keine Engel-Legionen, er schlägt nicht zurück. Er ist der Dreh- und Angelpunkt für unsere politische Bildung.

Podcast

Dieser Artikel fusst auf einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2020.
Ganze Folge anhören auf movecast.de.

Hat dir dieser Text gefallen?

Hilfst du mit, dass wir weiter publizieren können?

Jetzt mit TWINT spenden!

TWINT QR-Code

Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In der Schweiz und in der westlichen Welt ist das Thema Migrationspolitik omnipräsent. Sie steht aktuell im Mittelpunkt der politischen Debatte. Der Autor hat in der Bibel nach Anhaltspunkten gesucht, wie sich Christinnen und Christen in diesen hochkontroversen Diskussionen zurechtfinden können.

Als ich vor Kurzem die SRF-Arena-Diskussion zum Thema Femizide verfolgte, entwickelte sich die Runde zunehmend zu einer Debatte über Migration. Egal ob in den Nachrichten, auf Social Media oder am Familientisch, bei kaum einem anderen Thema gehen die Meinungen so stark auseinander. Doch wie sollen sich Christinnen und Christen in dieser Debatte positionieren? Bzw. welche Anhaltspunkte können wir der Bibel über diese Thematik entnehmen? Diesen Fragen bin ich im Rahmen meiner Maturaarbeit nachgegangen. In diesem Artikel zeige ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit auf.

Da die Migrationspolitik eine sehr umfangreiche Thematik ist, fokussiere ich mich auf die Asylpolitik. Die Schweiz gewährt Menschen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben gefährdet sind, Schutz und Obdach. Sie erhalten Asyl und damit eine Aufenthaltsbewilligung. Über die konkrete Ausgestaltung der Asylpolitik wird intensiv diskutiert. Die zentralen Forderungen der restriktiven Seite beinhalten eine Beschränkung der Einwanderung von Geflüchteten und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Doch ist diese Position mit den Lehren des Evangeliums vereinbar?

Unverdiente Güte: Das Privileg, Schweizer zu sein

In Matthäus 27.46 tut Jesus seinen letzten Atemzug und stirbt am Kreuz. Dieser Moment symbolisiert nicht nur das Ende des Leidensweges Christi, sondern auch die Güte Gottes, die durch das Opfer von Jesus am Kreuz und die damit verbundene Erlösung von der Sünde Ausdruck findet. Diese Güte haben wir uns nicht verdient. Sie ist ein Geschenk. Ein von der Güte Gottes zeugendes Geschenk ist es auch, Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zu sein. Die Lebenslage der Schweizerinnen ist im Vergleich zu anderen Ländern wie ein Paradies. Dieser Umstand ist ein Privileg und absolut keine Selbstverständlichkeit. Nun stellt sich die Frage, was uns davon abhält, diese unverdiente Güte mit anderen in Gefahr stehenden Personen zu teilen. Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?

Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?

Aufruf zur Hilfeleistung in der Bibel: Der barmherzige Samariter

In Lukas 10 wird ein Gespräch zwischen Jesus und einem Gesetzeslehrer geschildert. Der Gesetzeslehrer fragt, wie man ewiges Leben erlangen könne. Jesus beantwortet die Frage mit dem Gebot der Liebe. Doch der Gesetzeslehrer will sich rechtfertigen und fragt: «Wer ist mein Nächster?» Darauf erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Samariter hilft dem verletzten jüdischen Mann, obwohl zwischen den beiden Völkern eine tiefe Feindschaft herrscht. Er geht ein Risiko ein, denn die Gefahr, überfallen und körperlich angegriffen zu werden, besteht. Der Samariter erkennt die Situation des Verletzten und zögert nicht, ihn zu verarzten. Noch mehr: Er führt ihn zu einer Herberge und bezahlt sämtliche Kosten für Unterbringung und Pflege. Jesus beendet das Gespräch mit der Aufforderung: «Geh und handle ebenso.» Aus dem Gleichnis lassen sich folgende Prinzipien für uns ableiten:

  • Hilf Personen – unabhängig von ihrer Herkunft
  • Sei hilfsbereit – auch unter Gefahr
  • Nimm eine dienende Haltung gegenüber Verletzten ein
  • Sei bereit zur finanziellen Unterstützung
  • Folge dem Beispiel des Samariters

Es ist plausibel, diese Prinzipien auf das Verhältnis zwischen Schweizerinnen und Schweizern und asylsuchenden Personen zu übertragen. Asylsuchende sind wie der jüdische Mann an Leib und Leben gefährdet und bedroht. Durch unser Eingreifen als Schweizer können wir wie in dem Gleichnis die Asylsuchenden aus der bedrohlichen Lage befreien und retten.

Was hält uns zurück, wie der barmherzige Samariter zu handeln?

Doch was hält uns trotz dieser klaren Worte Jesu zurück, dem Beispiel des Samariters furchtlos zu folgen? Einer unbegrenzten Hilfe gegenüber asylsuchenden Personen kann die Gefahr eigener finanzieller Sorgen entgegengesetzt werden. Doch ist dieses Argument im Licht der Evangelien haltbar? In Lukas 12 warnt Jesus vor Habgier: «Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.» Wie oben erwähnt, ist all unser Besitz ein Ausdruck der Güte Gottes. Warum also sollten wir diesen Besitz nicht teilen? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ruft uns explizit dazu auf. Im Hinblick auf das ewige Leben sind materielle Güter, Geld und Wohlstand vergänglich und belanglos gegenüber der Herrlichkeit, die uns der Himmel verspricht. Ist die Angst vor Geldsorgen nicht vielmehr ein Festhalten an weltlichen Massstäben? Die Bibel ist hierbei klar: Unsere Identität liegt in Christus. Im Philipperbrief 1.21 schreibt Paulus: «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.» Der Blick ist auf Christus gerichtet und Christus fordert uns auf, den unterdrückten, hilflosen und vulnerablen Menschen zu dienen.

Restriktiv oder barmherzig?

Wie erwähnt, sind die zentralen Forderungen der restriktiven Position eine Beschränkung der Einwanderung und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Vergleichen wir nun diese Position mit den oben erlangten Erkenntnissen: Beide Forderungen einer restriktiven Haltung zielen darauf ab, Mehrausgaben oder gesellschaftliche Probleme zu verhindern, indem weniger Hilfe geboten wird. In Anbetrachtder behandelten Bibelstellen, die sich an der Güte Gottes und dem Aufruf zur Hilfeleistung orientieren, sind die Forderungen nach restriktiven Massnahmen schwer mit den Evangelien zu vereinbaren. Ja, sie sind sogar problematisch. Sie stehen im Konflikt mit den Prinzipien, die uns die genannten Bibelstellen und viele weitere aus den Evangelien vermitteln. Somit scheint die restriktive Position im Lichte der Evangelien schwer vertretbar.

Die restriktive Position kann daher nicht auf die Evangelien zurückgeführt werden. Sie gründet sich vielmehr auf der Angst, Privilegien als Schweizerinnen zu verlieren. Die vier Evangelien fordern an vielen Stellen Menschen dazu auf, die Güte Gottes nicht nur in Anspruch zu nehmen, sondern auch gegenüber Hilfsbedürftigen weiterzutragen. Das heisst:Christen sollten aus Sicht der vier Evangelien keine restriktive Asylpolitik unterstützen.

Diesem Artikel liegt die Maturaarbeit von David Stettler zugrunde. Die Maturaarbeit lässt sich hier herunterladen.


Foto von ‪Salah Darwish auf Unsplash

Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

In der Schweiz sprechen wir von einer Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Neutralität des Staates ermöglichen soll. Kommt es aber zu einer Vermischung der jeweiligen Aufträge, kann dies schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen.

Wer die heutige Beziehung zwischen Kirche und Staat in der westlichen Welt verstehen möchte, muss tief in die Kirchengeschichte eintauchen. Denn mit der Papstrevolution im späten 11. Jahrhundert begann ein nicht enden wollender Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, der laut Klaus Roth die Entstehung des europäischen Staatssystems beschleunigte (2006: 79). Somit ist die Idee des Staates ein Resultat unerfüllter Erwartungen, dass durch ein harmonisches Mit- und Gegeneinander von Kaiser und Papst die gesamte Menschheit zum christlichen Glauben bekehrt und eine gottgefällige Ordnung errichtet werden könne (vgl. Schmitt 1950, 30, 96f.). Obwohl der christliche Glaube während der Reformation und Gegenreformation nochmals eine zentrale Bedeutung für die Staatenbildung erlangte (Roth 2006: 89f.), emanzipierte sich der Staat im Zuge der Französischen Revolution aus der religiösen Bevormundung des Christentums und wurde souverän. Die Trennung von Kirche und Staat war gemäss Ernst-Wolfgang Böckenförde (1982: 64) keine radikale, sondern eine balancierte. So vermochten beide ihren Auftrag unabhängig voneinander zu gestalten und aufeinander einzuwirken: Der Staat ist Vertreter von Recht und Ordnung und die Kirche Verkündigerin des Evangeliums.

Einfluss der Kirche auf den Staat

Die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gilt zwar generell als unpolitisch (Böckenförde 1982: 82). Aber sie kann durch die Wirkung des Evangeliums auf die Gesellschaft unbeabsichtigt politisch Einfluss nehmen. Dies trifft zum Beispiel dann ein, wenn es in Abstimmungen um Fragen der Moral und Sittlichkeit geht und Christen als Staatsbürger ihre Stimme gezielt zu diesen Themen einsetzen (1982: 83). Auch dank der Neutralität des Staates und der Religionsfreiheit kann sich das Christentum nach wie vor in das gesellschaftliche Leben einbringen und gelegentlich eine Rechtsordnung prägen (1982: 66). Denn die Werte des Christentums bilden in vielen westlichen Staaten immer noch das Fundament für die politische Ordnung (1982: 67f.). Die Kirche übermittelt die Werte, da der Staat dies nicht tun kann, ohne seine religiöse Neutralität aufzugeben. Eine pluralistische Gesellschaft hat aber den Anspruch an die Kirche, dass sie ihre Werte so übersetzt, dass auch Leute ohne Bezug zum Christentum diese übernehmen und in ihr eigenes Weltbild integrieren können. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern die Kirche die Funktion als Übermittlerin der Werte wahrnehmen soll. Ist es ihr möglich, dadurch ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen oder verfälscht sie diesen durch die Säkularisierung ihrer Werte? Für Böckenförde steht fest: „Es gehört nicht zur geistlichen Sendung der Kirche, zur Integration der pluralistischen Gesellschaft durch entsprechende Konsensbildung beizutragen. {…} Die Treue zu ihrem Auftrag kann sie zu desintegrierendem Sprechen und Handeln zwingen“ (1982: 71). Die Kirche darf ihm zufolge nicht für die Integration einer freiheitlichen und demokratischen Grundlage eintreten, die den christlichen Grundlagen widerspricht.

Aus der Geschichte lernen

In jüngster Zeit geriet die Demokratie als Regierungsform auch deshalb in die Kritik, weil säkulare Werte zunehmend Einfluss in der Gesellschaft gewonnen haben und damit öfter in Gesetzen verankert wurden (z.B. Ehe für alle). Dies führte bei vielen Christinnen und Christen zu Unmut und einer Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden. So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich einer politischen Führungsperson anschliessen, die sich für ihre Anliegen einsetzt oder zumindest so tut. Dies trifft zurzeit unter anderem auf die USA und El Salvador zu. Dort lässt sich die Vermischung der Aufträge von Kirche und Staat, die eine Abkehr von demokratischen Ordnungen hin zu totalitären Systemen zur Folge hat, sehr eindrücklich beobachten.

Eric Voegelin und Raymond Aron bezeichneten solche Gewaltregime als „politische Religionen“ (Maier 2006: 18). Sie erkennen ein Bemühen um eine quasi-religiöse Dimension politischer Ordnung und Parallelen zu den Modellen der antiken politisch-religiösen Einheitskultur. „Die modernen totalitären Regime sind aber zugleich auch die Fratze eines pervertierten Christentums, von dem nur äussere Ordnungen, Zwang und Disziplin übriggeblieben sind (2006: 18f.) Mit ihren sogenannten „reinen Lehren“ hätten sie problematische Entwicklungen in der Geschichte des Christentums nachgeahmt.

Es scheint folglich kein Zufall zu sein, dass die Auftritte moderner Gewaltregime Hand in Hand mit einem überdimensionalen Wiederaufleben von Personenkult, Vergöttlichung der Herrscher sowie von Märtyrern im Umkreis totalitärer Politik einhergehen (Maier 2006: 19). Aktuelle Geschehnisse in den USA illustrieren dies sehr deutlich. Was lediglich ein grosser Gedenkgottesdienst für den ermordeten Aktivisten und Evangelisten Charlie Kirk sein sollte, erlangte durch die Ansprache von Donald Trump, in der er auf Vergeltung gegen „die radikale Linke“ pochte, eine beunruhigende, politische Dimension. Seine Aussagen widersprachen zudem Erika Kirk, die dem Mörder ihres Ehemannes Vergebung zusprach (FOX 9 Minneapolis- St.Paul, 2025).

Im Angesicht dieser Ereignisse ist es umso wichtiger, sich daran zu erinnern, weshalb sich der Staat über die Jahrhunderte von der Kirche abgenabelt hat. Die Trennung der beiden Institutionen ist nach wie vor zwingend nötig: Erstens, für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, zweitens für eine Religionsfreiheit, die es uns Christen erlaubt, unseren Glauben öffentlich und privat ohne Verfolgung auszuleben, und drittens, damit Staat und Kirche je ihre Aufträge wahrnehmen können. Die Erfüllung ihrer Aufträge ist für Staat und Kirche in einer Demokratie möglich, doch in einem totalitären Herrschaftssystem lösen sie sich auf. Wie uns die Geschichte lehrt, sind totalitäre Regime oftmals pseudo-christlich und durchdrungen von Irrlehren zu Gunsten des jeweiligen Herrschers. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir die Warnung von Hermann Heller ernst: „Der Staat kann nur totalitär werden, wenn er wieder Staat und Kirche in einem wird, welche Rückkehr zur Antike aber nur möglich ist durch die radikale Absage an das Christentum“ (1929: 56).

Setzen wir uns also für eine gesunde, von christlichen Werten geprägte Demokratie in der Schweiz ein, um unserem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums weiter nachgehen zu dürfen!


Quellen

Böckenförde, E-W. (1982): Staat-Gesellschaft-Kirche. In: Böckle, F., Kaufmann, F-X., Rahner, K. und Welte, B. (Hrsg.) (1982): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 15. Herder Freiburg. Freiburg im Breisgau. pp. 64-83.

FOX 9 Minneapolis- St.Paul (2025): Charlie Kirk’s full memorial service. Youtube (Stand: 22.09.2025)

Heller, H. (1929): Europa und der Faschismus. de Gruyter. Berlin. pp. 56.

Maier, H (2006): Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders? In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.18 – 19.

Roth. K. (2006): Ordnungskrise von Kirche und Reich und die Genese des modernen Staates. In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.79-92.

Schmitt, C. (1950): Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publikum Europacup. Dunker & Humblot. Berlin. pp. 30, 96f.

Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Die Initiative „Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert“ (Initiative für eine Zukunft), über die am 30. November 2025 abgestimmt wird, fordert die Einführung einer Erbschafts- und Schenkungssteuer auf Bundesebene. Wer mehr als 50 Millionen Franken erbt oder verschenkt, müsste auf den Betrag darüber 50 Prozent Steuern zahlen. Personen mit grossem Vermögen sollen so mehr zur Finanzierung des Klimaschutzes und zu einem sozial gerechten Umbau der Wirtschaft beitragen.

Seit der Annahme des Klimaschutzgesetzes im Juni 2023 stehen dem Bund jedes Jahr 2 Milliarden Franken für Massnahmen zum Klimaschutz zur Verfügung. Zu diesen Massnahmen zählen zum Beispiel der Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energiequellen. Das Initiativ-Komitee ist überzeugt, dass mit Geld aus einer Erbschafts- und Schenkungssteuer auf Bundesebene noch mehr finanzielle Mittel für den Klimaschutz zur Verfügung stehen könnten. Die Verfassungsänderung soll auch dabei helfen, die Gesamtwirtschaft sozial gerecht und ökologisch umzubauen, vor allem in den Bereichen Arbeit, Wohnen und öffentlichen Dienstleistungen. Der Ertrag der neuen Erbschafts- und Schenkungssteuer würde zu zwei Dritteln an den Bund und zu einem Drittel an die Kantone gehen.

Soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und Wirtschaft

Für die Befürworter steht die Verknüpfung von Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit im Zentrum der Initiative. Wer sehr viel besitzt, hat die Möglichkeit, viel privat zu reisen, verfügt oftmals über mehrere Wohnsitze und verbraucht mehr Treibhausgase als der Schweizer Durchschnitt. Aus Sicht der Initianten sollten diese Personen deshalb mehr zum Schutz des Klimas beitragen müssen. Mit den zusätzlichen Einnahmen könnten Bund und Kantone mehr Massnahmen gegen die Klimakrise finanzieren, ohne dass Menschen mit geringem Einkommen stärker belastet werden.

Die Gegner der Initiative weisen darauf hin, dass die Steuerpflicht auf hohe Nachlässe und Schenkungen negative Auswirkungen auf die Standortattraktivität der Schweiz und Mindereinnahmen für Bund, Kantone und Gemeinden durch den Wegzug reicher Personen zur Folge haben könnte. Obwohl die Vorlage eine Verhinderung der Steuervermeidung durch Wegzug vorsieht, dauert es gemäss Initiative bis zu drei Jahre nach der Annahme, bis alle Bestimmungen zur Umsetzung in Kraft treten. Die gewünschten Mehreinnahmen dürften damit geringer ausfallen, als vom Initiativ-Komitee erhofft: statt 6 Milliarden lediglich 4.3 Milliarden.

Die Vorlage wirft somit einige Fragen auf: Ist die Erbschafts-und Schenkungssteuer auf Bundesebene wirklich der sozial gerechteste Weg für die Finanzierung des Klimaschutzes? Wie können die Massnahmen so umgesetzt werden, dass die Standortattraktivität der Schweiz bestehen bleibt? Wie lässt sich sicherstellen, dass die Einnahmen tatsächlich zielgenau eingesetzt werden, wenn schliesslich das Parlament über den Einsatz der Gelder entscheidet? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Erbschaftssteuer-Initiative 2015.

Erbschaftssteuer-Initiative 2015 als Vorbild

Vor zehn Jahren durfte das Stimmvolk schon einmal über eine Erbschaftssteuer-Initiative abstimmen. ChristNet engagierte sich damals stark für die Annahme der Initiative, da sie dem biblischen Prinzip folgte, Reichtum nicht anzuhäufen, sondern grosszügig an Bedürftige abzugeben (siehe Artikel Pressecommuniqué – Die Erbschaftssteuer: Eine biblische Steuer?). In der Vorlage ging es hauptsächlich um eine Besteuerung von 20 Prozent auf sehr grosse Nachlässe, um der Vergrösserung der Vermögensschere zwischen Arm und Reich entgegenzuwirken. Damals sollte die Erbschafts- und Schenkungssteuer zu zwei Dritteln dem Ausgleichsfonds der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) zugutekommen und ein Drittel den Kantonen verbleiben. Die Vorlage sah zudem Ermässigungen vor, wenn Unternehmen oder Landwirtschaftsbetriebe zum Nachlass oder zur Schenkung dazugehörten und von den Erben bzw. Erbinnen mindestens zehn Jahre weitergeführt werden. So sollte der Weiterbestand des Betriebs und der Arbeitsplätze nicht gefährdet werden. Familienbetriebe durften mit einem Freibetrag von 50 Millionen rechnen, sodass KMU steuerfrei hätten vererbt werden können.

Die Erbschaftssteuer-Initiative von 2015 war insgesamt eine sehr sorgfältig ausgearbeitet Abstimmungsvorlage, die auf den Umstand hinwies, dass die Erbschaftssteuer als die sozial gerechteste Steuer zu betrachten ist (siehe Artikel Die gerechteste Steuer – Argumente für die Erbschaftssteuerreform). Leider erfuhr sie in der Bevölkerung keine Annahme. Die Abstimmung vom 30. November 2025 bietet also eine gute Gelegenheit, über den Weg zu entscheiden, wie grosse Erbschaften in Zukunft sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig verteilt und eingesetzt werden sollen, respektive dem Ja-Anteil des Abstimmungsresultats möglichst viel Gewicht zu verleihen, damit zu einem späteren Zeitpunkt eine ausgewogenere nationale Erbschaftssteuer doch noch zur Umsetzung kommt.


Quellen

Bundeskanzlei BK. Eidgenössische Volkinitiative ‚Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft). Link (Stand: 18.11.2025)

Der Bundesrat. Das Portal der Schweizer Regierung. Volksabstimmung vom 30. November 2025. Link (Stand: 18.11.2025)

Das Schweizer Parlament. Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert (Initiative für eine Zukunft). Link (Stand: 18.11.2025)

Komitee für eine Zukunft. JungsozialistInnen Schweiz. JA zur Initiative für eine Zukunft. Link (Stand: 18.11.1015)

Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash