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Die Covid-19-Krise hat uns überrascht und die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft gegenüber dieser Art von Epidemie deutlich gemacht.

Es ist klar, dass, während ich dies schreibe, einige Staaten viel weniger betroffen waren als andere. Während sich die Auswirkungen der Krankheit pro Land durch kontextuelle Faktoren erklären lassen (Bevölkerungsdichte, Alterspyramide der Bevölkerung, Stärke des bestehenden Gesundheitssystems), hängt der andere bestimmende Aspekt mit der politischen Reaktion und der Reaktion der Bevölkerung zusammen.

Während endgültige Schlussfolgerungen erst nach der Krise gezogen werden können, sind mir die folgenden Aspekte besonders aufgefallen und bieten eine Grundlage, um über das Management anderer Krisen, insbesondere der Klimakrise, nachzudenken:

Die grosse Schwierigkeit zu handeln, wenn die Folgen der Krankheit nicht direkt sichtbar sind. Im vorliegenden Fall liegt zwischen Ursache und Wirkung eine Zeitspanne von etwa zwei Wochen, so dass es äusserst schwierig ist, Massnahmen zu ergreifen, wenn die Auswirkungen noch nicht sichtbar sind.

Bei Phänomenen, bei denen die Zunahme der Fallzahlen exponentiell ist, zählt jeder Tag. Zu Beginn der Epidemie verdoppelte sich die Zahl der Fälle in der Schweiz alle drei Tage. Die Auswirkungen für die Krankenhäuser können daher von einfach bis doppelt so hoch sein, wenn 3 Tage später Massnahmen ergriffen werden. Portugal hat durch sehr frühes Handeln die gesundheitlichen Auswirkungen begrenzt, während das Vereinigte Königreich einen hohen Preis für seine Schwierigkeiten beim Ergreifen von Massnahmen zahlte.

Zweitens, der Grad des Vertrauens in die medizinische und wissenschaftliche Gemeinschaft und Experten im Allgemeinen. Als Covid-19 in der Schweiz eintraf, war das Virus sehr schlecht bekannt und die Auswirkungen schwer abzuschätzen. Es ist daher notwendig, ein Expertengremium zu haben, das die verschiedenen Aspekte der Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit, des Krankenhauswesens und der Wirtschaft analysieren kann, um unter Berücksichtigung der Unsicherheiten einen fairen Interessenausgleich zu schaffen.

Einige Aspekte sind für den „Uneingeweihten“ schwer zu verstehen, daher ist es von grundlegender Bedeutung, ein Vertrauensverhältnis zwischen Experten und Entscheidungsträgern aufzubauen. Unsere menschliche Neigung führt oft dazu, dass wir auf den Rat hören wollen, der uns am besten passt. Umso wichtiger ist es, dass politische Entscheidungen auf rationalen Fakten beruhen und nicht auf emotionalen Entscheidungen oder politischem Kalkül.

Eng damit verbunden ist das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung und die Führung von Entscheidungsträgern. Länder, in denen die Bevölkerung die Empfehlungen befolgt hat, waren bei der Eindämmung der Epidemie erfolgreicher. Auch die Politiker sind zwischen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Zwängen hin- und hergerissen. Insbesondere die Anwendung des Vorsorgeprinzips war in diesem Fall ein Balanceakt.

Es ist darauf hinzuweisen, dass eine Regierung mit einer starken demokratischen Legitimität besser in der Lage ist, die Interessen von Gesundheits- und Wirtschaftsfragen auszugleichen. Darüber hinaus ist es schwierig, in einem Notfall Entscheidungen zu treffen, und es war überraschend, wie wenig vorbereitet einige Regierungen und die WHO waren, als eine solche Krise vorhersehbar war.

Abschliessend möchte ich die Notwendigkeit betonen, unsere individuellen Freiheiten aus Solidarität zwischen den Generationen und den Schwächsten einzuschränken. Es ist schwer zu akzeptieren, dass wir uns einschränken, dass wir zu Hause bleiben, um andere angesichts einer kaum wahrnehmbaren Geissel zu schützen. Schnell hörten wir Stimmen wie die von André Comte Sponville, die zur individuellen Freiheit aufriefen, «lasst uns sterben, wie wir wollen», ohne uns Gedanken über die Auswirkungen zu machen, die eine unkontrollierte Welle auf die Überlastung der Krankenhäuser haben könnte.

Die meisten Menschen spielten das Spiel jedoch in der Überzeugung, dass wir etwas Ernstes erlebten, das ein starkes Handeln erforderte. In der Schweiz gibt es Hinweise darauf, dass die Bevölkerung die Massnahmen der Regierung sogar antizipiert hat. Die Menschen haben es geschafft, ihre Gewohnheiten zu ändern. Es ist jedoch leichter, sich kurzfristig zu beschränken als langfristig.

Dann ist es möglich, gute Lehren aus dieser globalen Krise für die anderen Herausforderungen zu ziehen, vor denen wir stehen, insbesondere im Zusammenhang mit der Klimakrise:

  • die Schwierigkeit, Massnahmen zu ergreifen, wenn die Folgen nicht direkt sichtbar sind
  • Skepsis angesichts wissenschaftlicher Alarmsignale, Infragestellung der mehrheitlichen wissenschaftlichen Meinung und Schwierigkeit, die Krise vorauszusehen
  • Misstrauen in die Regierung und bremst, wenn eine Massnahme die Wirtschaft beeinträchtigt
  • Einschränkung unserer individuellen Freiheiten zum Schutz der Schwächsten

Was diese Krise schon heute zeigt, ist, dass politisches Handeln und die Reaktion der Bevölkerung den Unterschied ausmachen. Was sollte unser Beitrag als Christen und Christinnen sein?

Seien Sie vor allem aufmerksam auf die neuen Bedürfnisse der Zurückgebliebenen (Jak 1,27), seien Sie bereit, wenn nötig aufzugeben (Phil 2,7), und geben Sie nicht simplifizierenden Antworten nach, sondern suchen Sie einen Weg, der das Leben am besten schützt (Röm 12,2). Und auch im Gebet für unsere Autoritäten ausharren (1 Tim 2,1–2).

Lasst uns schliesslich hoffen, dass das, was wir in diesen Monaten erlebt haben, den Verteidigern der Umwelt neues Licht und solide Argumente bringen kann. Denn was wir gesehen haben, ist, dass es möglich ist, bestimmte Verhaltensweisen zu ändern, um eine Krise so gut wie möglich gemeinsam zu überstehen, und dass die Rolle der Regierungen entscheidend ist.

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Interview mit Florian Glaser, Kirche für Konzernverantwortung
Das Interview wurde geführt von Susanne Meier-Fuchs

CN: Seit wann engagiert sich die Kirche für die Konzernverantwortungsinitiative?

FG: Die Initiative wurde aus kirchlichen Kreisen mitlanciert und diese sind auch heute noch tragend. So wurden beispielsweise in der Ökumenischen Kampagne 2016 von Fastenopfer, Brot für alle und Partner sein das Anliegen und die Initiative schon zum Thema gemacht und Unterschriften gesammelt – aber auch Methodisten, Adventisten und viele Kirchgemeinden waren damals schon aktiv. 2019 haben die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz, die Schweizer Bischofskonferenz, die Schweizerische Evangelische Allianz sowie der Verband Freikirchen Schweiz alle die Unterstützung der Initiative beschlossen.

CN: Warum ist die Konzerninitiative ein grosses Anliegen der Kirche?

Susanne Meier-Fuchs hat Florian Glaser für ChristNet befragt.

FG: Diese grosse Unterstützung macht deutlich, die Initiative gründet auf zentralen Anliegen der biblischen Botschaft und des christlichen Glaubens: Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung. Die Kirche ist mit ihren Hilfswerken vor Ort in den Ländern der Dritten Welt, wo Schweizer Konzerne mit ausbeuterischen Tätigkeiten leider auch für Not sorgen. Es ist logisch, dass sie nicht nur das Leid mindern, sondern auch dafür sorgen wollen, dass Schweizer Konzerne ihre Verantwortung wahrnehmen.

Die Kirche engagiert sich in zahlreichen Projekten im Süden. Welche positiven Veränderungen erwartet ihr, wenn die Initiative umgesetzt ist?
Durch die Initiative können die Konzerne nicht weiter ihre Augen verschliessen vor den Auswirkungen ihrer Auslandtätigkeiten auf Mensch und Natur. Und wenn Konzerne wie Glencore Menschen von ihrem Land vertreiben oder Flüsse vergiften, müssen sie in Zukunft dafür geradestehen. Somit wirkt die Initiative präventiv und zur Wiedergutmachung im Schadensfall.

CN: Seit letzter Woche ist es klar, dass die Initiative nicht zurückgezogen wird und es im Herbst 2020/Frühjahr 2021 zur Abstimmung kommt. Hat Kirche für Konzernverantwortung dies erwartet?

FG: Die Initiant/-innen waren bis zuletzt Gesprächsbereit, aber es war klar, dass es ohne Haftungsregel nicht zum Rückzug führen kann. Die Konzernlobby hat sich schliesslich im Parlament in allen Punkten durchgesetzt, so kommt es jetzt zur Abstimmung.

CN: Seid ihr auf die Abstimmung vorbereitet?

FG: Ja. Die Unterstützung in der Bevölkerung ist sehr gross für das Anliegen. Es gibt über 350 Lokalkomitees mit über 13’000 Freiwilligen, Komitees von Wirtschaftsvertretern und bürgerlichen Politikern, die aufzeigen, dass Freiheit mit Verantwortung einhergeht und die Kirchen stehen mit einer sehr breiten Allianz dahinter. Wenn alle Unterstützenden in ihrem Umfeld für das Anliegen sensibilisieren, können wir die Abstimmung gewinnen.

CN: Kann man bereits etwas zu Eurem Engagement sagen?

FG: Kirchen, kirchliche Organisationen und sowie Einzelpersonen stehen aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus aktiv für die Initiative ein. In Kirchen werden Flyer aufgelegt und Plakate aufgehängt, welche die kirchliche Unterstützung ausdrücken und Kirchgemeinden hängen vor der Abstimmung Banner auf, um das Anliegen sichtbar zu machen. Viele Kirchgemeinden und Pfarreien planen auch Gottesdienste, wo sie die Themen Nächstenlieben und Bewahrung der Schöpfung aufgreifen. Daneben machen viele christliche Organisationen auch Newsletter oder Magazinbeiträge zur Information über die Konzern-Initiative.

CN: 8 Millionen stellt das Gegnerkommitee für den Abstimmungskampf zur Verfügung. Hat die Initiative ihrer Ansicht nach überhaupt eine Chance?

FG: Die Abstimmung wird umkämpft. Wie oben beschrieben, haben wir aber eine andere Ressource – die breite Unterstützung. Aber ja, wir brauchen auch Geld, um nicht unter der Vollplakatierung der Schweiz unterzugehen und die Leute informieren zu können.

CN:Wie politisch die Kirche sein darf, war ein grosses Thema im vergangenen Herbst. Viele, auch aktive Mitglieder der Landeskirche sind sehr wirtschaftsfreundlich und deshalb eher gegen die Initiative. Wie meistert ihr den Spagat zwischen eurem Engagement für Konzernverantwortung und dem nicht verärgern wollen dieser Mitglieder?

FG: Politisches Engagement der Kirchen geht aus ihren eigenen Quellen hervor – aus der Bibel und der sozialethischen Tradition. Der Schutz der Armen ist ein zentraler christlicher Auftrag – und dies muss die Kirche auch in der Politik einbringen. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz formulierte es in ihrem Statement zur Initiative so: «Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen. Deshalb wird der Kirchenbund immer seine Stimme erheben, um die Schweiz an ihre Verantwortung für die Menschen im globalen Süden zu erinnern»

CN: Die Rolle von Christnet ist u.A. das Sensibilisieren für soziale Gerechtigkeit in verschiedenen Freikirchen. Die Konzerninitiative ist eines unserer Schwerpunktethemen bis zur Abstimmung. Können Sie sich eine Vernetzung/Zusammenarbeit mit den Freikirchen in verschiedenen Kantonen vorstellen? Oder gibt es diese bereits?

FG: Ja, das ist sogar sehr erwünscht. Einige sind auch schon aktiv: Die Evangelisch-methodistische Kirche, die Mennoniten oder auch die Heilsarmee sind sehr unterstützend und wie gesagt auch die SEA und Freikirche Schweiz. Ich wünsche mir sehr, dass die Freikirchen noch mehr dazu kommen. Wer in einer Freikirche aktiv werden will, darf sich sehr gerne bei mir/uns melden.


Kontakt
Florian Glaser
Kirche für Konzernverantwortung
glaser@kirchefuerkonzernverantwortung.ch
www.kirchefuerkonzernverantwortung.ch

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Die Schweizer Bevölkerung wird am 20. Oktober das neue Parlament wählen. Wenn Plakate an allen öffentlichen Orten ausgehängt werden, wenn jede Partei behauptet, die besten Lösungen für aktuelle Fragen zu haben, müssen wir uns entscheiden, auf welcher Grundlage wir das tun können, wem wir unsere Stimme geben wollen? Hier einige Hinweise.

ChristNet unterstützt ein gesellschaftliches Engagement, das ausschließlich auf der Motivation durch Nächstenliebe, insbesondere zu Gunsten der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, beruht. Zum jetzigen Zeitpunkt der Abstimmung erscheint es uns angebracht, an die Präambel der Schweizer Verfassung zu erinnern:

Im Namen Gottes des Allmächtigen!

Das Schweizervolk und die Kantone,

in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,

im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,

im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,

im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,

gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,

die folgende Verfassung anzunehmen.

Verantwortung gegenüber der Schöpfung und zukünftigen Generationen, ein Geist der Solidarität, eine Gemeinschaft, die sich um ihr schwächstes Glied kümmert: Die hier formulierten Werte gelten bis heute mit überraschender Relevanz. In einer Zeit, in der die Klimakrise Millionen von Familien zu zwingen droht, ihre Häuser auf der ganzen Welt zu verlassen, in der sich die Nationen bereits aus Angst vor anderen in sich selbst zurückziehen und scheitern, wagen wir es immer noch zu glauben, dass „das Schweizer Volk und die Kantone“ diese in ihrem Fundamentaltext verankerten Werte vorrangig bewahren? Auf jeden Fall können wir alle mit unserer Stimme dazu beitragen, dass diese Werte der Gerechtigkeit, der gegenseitigen Unterstützung und des Friedens nicht nur leere Worte sind, sondern Realität. Wir glauben, dass es auch Gottes Plan für die Menschheit ist, wie er in der Bibel offenbart wird, an der Er uns alle zur Teilnahme aufruft.

Um diese Wahl mehr auf die Realität und weniger auf die oft irreführende Kommunikation politischer Kampagnen zu stützen, empfehlen wir zwei weitere nützliche Instrumente, um die tatsächliche Positionierung von Parteien und Kandidaten zu kennen:

  • Smartvote: In 31 oder 75 Fragen präsentiert dieses Tool die Kandidaten und Parteien, die Ihren Meinungen am nächsten sind. https://www.smartvote.ch
  • Ecorating: Mehrere Umwelt-NGOs haben zusammengearbeitet, um jede Partei und jeden Kandidaten der vorangegangenen Legislaturperiode nach ihrem tatsächlichen Engagement für Umweltfragen in ihren Abstimmungen im Parlament zu bewerten. https://ecorating.ch/
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Die Bevölkerung des Kantons Bern stimmt am 19. Mai 2019 über die Senkung der Sozialhilfebeiträge und damit über eine folgenschwere Weichenstellung ab. Bei einem Ja hat der zweitgrösste Kanton der Schweiz ein ethisches Tabu gebrochen, für andere Kantone wird es einfacher, dem Beispiel zu folgen.

Die Regierung des Kantons Bern meint, man könne sich die gängigen Sozialhilfebeiträge nicht mehr leisten. Doch hat der Kanton in den letzten Jahren zweimal die Steuern gesenkt. Das Geld wäre also eigentlich da, aber man empfindet erstaunlicherweise das Leiden der Steuerzahler als gravierender als das Leiden derer, die am Existenzminimum leben. Dahinter steckt wohl auch eine verzerrte Wahrnehmung: Noch immer werden Sozialhilfebezüger verdächtigt, nicht arbeiten zu wollen. Die Regierung sagt, die Betroffenen bräuchten mehr Anreize. Doch die Realität sieht anders aus: In der Schweiz müssen rund 340’000 Haushalte von der IV oder Arbeitslosenkasse unterstützt werden, weil sie keine Arbeit finden können. 40’000 Menschen pro Jahr werden aus der Arbeitslosenkasse ausgesteuert (darunter viele über 50-Jährige) und werden an die Sozialhilfe weitergereicht. Die  meisten dieser insgesamt halben Million Menschen möchten eine Stelle, aber für die Schwächeren, Ungebildeteren und Älteren unter ihnen hat die Wirtschaft keinen Job mehr. Da nützt auch Peitsche nichts, sondern fügt zum Leid noch mehr dazu. Denn schon heute wird Sozialhilfeempfängern, die sich nicht bemühen, entsprechend das Geld gekürzt.

Schon heute ist es schwierig, als Erwachsener mit 977 Franken pro Monat Essen, Kleider, Transporte, Kommunikation und vielleicht auch mal einen Ausflug zu bezahlen. Mit nur noch 907 Franken kann sozialer Ausschluss und Ernährungsmängel Realität werden. 30 % der Betroffenen sind im Übrigen Kinder. Sollen diese nun auch bestraft werden?

Anlässlich dieser Abstimmung präsentiert ChristNet eine Übersicht, was die Bibel uns über den Umgang mit den Schwächeren lehrt, wie die Situation heute aussieht und was getan werden könnte.

1. Wie sieht die Bibel die Schwachen ?

Das Thema Solidarität mit den Schwächeren nimmt in der Bibel einen erstaunlich breiten Raum ein. Zentral ist dabei der Begriff der Armen. Dieser Begriff wird einerseits für die materielle Armut und für tiefen sozialen Status (oft auch „Elende, Geringe“, etc.), aber auch für geistlich Arme, das heisst Demütige gebraucht. Im politischen Kontext beschäftigen wir uns nun mit den zwei ersten Gebrauchsweisen. Dazu wird oft auch von Witwen und Weisen als besonders Schutzbedürftigen gesprochen.

Im Alten wie im Neuen Testament ruft uns Gott ständig dazu auf, die Armut zu lindern, Gerechtigkeit zu schaffen und die Schwachen zu schützen. Rund 3000 Bibelstellen befassen sich mit dieser Frage.

Wie werden die Armen in der Bibel betrachtet? Welche Schuld haben sie an ihrer Situation? Die Stellen, wo Armut mit Selbstverschulden in Verbindung gebracht wird, sind rar. Sie finden sich nur im Buch der Sprüche 6 („Geh hin zur Ameise, Du Fauler, und lerne von ihr“) und in der Aussage im Neuen Testament, wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.

Öfter wird Armut als gesellschaftliches Übel, z.T. in Verbindung mit sozialer Benachteiligung, beschrieben. Die verschiedenen Verfasser des Alten Testaments forderten auch auf, die Armen und Geringen zu schützen und ihnen Recht zu verschaffen. „Schafft Recht dem Geringen und der Waise, dem Elenden und dem Bedürftigen lasst Gerechtigkeit widerfahren! Rettet den Geringen und den Armen, entreisst ihn der Hand der Gottlosen.“ Ps. 82.3-4 Denn nur zu oft versuchten die Starken, die Rechte der Armen zu ignorieren oder beugten ungerechte Richter die Sache der Armen (Jes. 10.2). Damals (wie heute) war Armut auch oft mit Machtlosigkeit verknüpft.

Auch deshalb sollte alle 7 Jahre ein allgemeiner Schuldenerlass stattfinden, „Damit nur ja kein Armer unter Dir ist“ (5. Mose 15.4), und alle 50 Jahre ein Halljahr, wo Besitz von Land und Häusern wieder an die ursprünglichen Familien zurückging, damit jeder wieder das Kapital hatte, um das Leben selber bestreiten zu können. Also ziemlich radikal: Schuldenschnitte ohne Bedingungen und eine totale Erbschaftssteuer.

Die Gesellschaft hat also eine Verantwortung gegenüber den Armen: Wir sollen den Armen grosszügig geben: „Wenn es einen Armen bei dir geben wird, irgendeinen deiner Brüder in einem deiner Tore in deinem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt, dann sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand vor deinem Bruder, dem Armen, nicht verschließen. Sondern du sollst ihm deine Hand weit öffnen und ihm willig ausleihen, was für den Mangel ausreicht, den er hat.“ (5. Mose 15. 7-8)

In Matthäus 25.31-46 meint Jesus gar, dass auch danach gerichtet wird. Er beschreibt wie der Sohn kommt und die Schafe von den Böcken trennt und sagt „Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an! Denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir.“ und dann „Was Ihr dem geringsten Eurer Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan“ Man kann den Begriff auf die Glaubensbrüder beziehen. Aber Jesus spricht andernorts auch von unseren Nächsten, die wir genauso lieben sollen wie uns selber. Und dass dies das höchste Gebot sei, gleich hoch wie Gott zu lieben. Mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters hat Er uns gezeigt, wen Er mit dem Nächsten meint. Die Nächstenliebe heisst auch, sich für diejenigen einzusetzen, die es am meisten brauchen. Die Verweigerung gegenüber dem „Schreien der Elenden“ wurde hingegen hart kritisiert (z.B. in der Geschichte des Lazarus in Lukas 16 sowie in Sprüche 21.13: „Wer die Ohren verstopft vor dem Schreien der Elenden, der wird einst rufen und keine Antwort erhalten“). Auch Jakobus 2.14-17 ist recht radikal: „Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester dürftig gekleidet ist und der täglichen Nahrung entbehrt, aber jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht das für den Leib Notwendige, was nützt es? So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst tot.“

Vor allem die Propheten gingen hart mit den Israeliten ins Gericht, wenn diese trotz Reichtum die Armen im Elend liessen oder deren Rechte beugten (Jer. 5.28; dazu Hes. 16.49 und 22.29; Amos 2.6-7; 4.1; 8.4). Gott stellt sich hier hinter die „Geringen“: wer die Geringen unterdrückt, verhöhnt den Schöpfer (Spr. 14.31). Er selber kommt ihnen besonders zu Hilfe und ist deren Anwalt (u.a. Ps. 72.4, wie auch viele andere Psalter, dazu Jes. 25.1).

Umgekehrt verspricht Gott auch Segen, wenn wir Unterdrückung beenden und uns um die Bedürftigen kümmern:Ist nicht vielmehr das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Ungerechte Fesseln zu lösen, die Knoten des Joches zu öffnen, gewalttätig Behandelte als Freie zu entlassen und dass ihr jedes Joch zerbrecht? Besteht es nicht darin, dein Brot dem Hungrigen zu brechen und dass du heimatlose Elende ins Haus führst? Wenn du einen Nackten siehst, dass du ihn bedeckst und dass du dich deinem Nächsten nicht entziehst? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell sprossen. Deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen, die Herrlichkeit des HERRN wird deine Nachhut sein. Dann wirst du rufen, und der HERR wird antworten. Du wirst um Hilfe schreien, und er wird sagen: Hier bin ich! Wenn du aus deiner Mitte fortschaffst das Joch, das Fingerausstrecken und böses Reden und wenn du dem Hungrigen dein Brot darreichst und die gebeugte Seele sättigst, dann wird dein Licht aufgehen in der Finsternis, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“ (Jesaja 58.6-10) Das ist gemeint für Israel als Nation!

Im alten Israel gab es auch organisierte Armenfürsorge und Umverteilung:

  • Der Zehnte diente auch zur Armutslinderung
  • Alle 3 Jahre ging 10 % der Ernte an Arme
  • Die Nachlese nach der Ernte war den Armen vorbehalten (3. Mose 19.10)
  • Alle 7 Jahre blieb ein Feld unbestellt. Die Frucht gehörte den Armen (2. Mose 23.11)
  • Und wie bereits erwähnt gab es den regelmässigen Schuldenerlass und das Halljahr

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier geht es nicht um ein soziales Evangelium. Wir werden nicht durch gute Taten gerettet und wir retten die Welt nicht mit guten Taten. Und trotzdem hat Gott uns das oben genannte gesagt, damit wir es befolgen.

Wir sind also herausgefordert! Aber haben wir denn nicht unseren Reichtum und unsere Macht durch unsere eigene Arbeit erschaffen und als Zeichen des Segens von Gott erhalten? Brauchen wir denn überhaupt zu teilen? Natürlich haben wir Vieles davon durch unsere eigenen Hände erschaffen können, und es ist auch ein Segen von Gott. Wie wir weiter oben sehen, sagt uns die Schrift aber trotzdem, dass wir teilen sollten! Es heisst gar, wir sollen arbeiten, damit wir den Armen geben können. Schliesslich können wir auch hiermit Gottes Grösse Anderen sichtbar machen!

Denn erstens ist auch unsere Leistungsfähigkeit eine Gnade Gottes und alles, was wir haben, kommt von Gott. So sind wir gehalten, nach seinem Willen mit dem Erhaltenen umzugehen. Zweitens hat jeder Mensch unterschiedliche Gaben, die auch unterschiedlich in Lohn umsetzbar sind. Deshalb sollten wir allen Menschen ein würdiges Leben ermöglichen.

2. Vorurteile und Realität

Die Bestrebungen in verschiedenen Kantonen, bei den Sozialhilfegeldern zu sparen fusst auf Vorurteil, dass die meisten Unterstützten einfach zu faul sind und man sie mit mehr Druck zum Arbeiten bringen könnte, denn Jobs hätte es ja genügend. Hier ein Blick auf die Realität:

– Arbeitslosigkeit1

Am 1. Januar 2019 erhielten 119’661 Personen vom Arbeitsamt Unterstützung. Dies macht 2,7% der Bevölkerung aus. Die Zahl umfasst also alle Menschen, die in den letzten 1,5 Jahren die Stelle verloren und noch keine neue gefunden haben. Heute fallen pro Jahr 40’000 Menschen aus der Statistik raus, da sie nach dieser Zeit noch immer keine Stelle finden konnten. Dies sind doppelt so viele wie vor 10 Jahren.

Als Stellensuchende waren um selben Zeitpunkt 197’950 Personen registriert. Darunter befanden sich also rund 80’000 Personen, die dank einem Zwischenverdienst gerade keine Leistungen vom RAV erhielten, aber nur eine Temporärstelle hatten.

– Invalidenversicherung (IV)2 

Ende Dezember 2017 bezogen 218’700 Personen in der Schweiz IV, davon waren drei Viertel Vollrenten. Die Zahl sinkt bei den Unfall- und Krankheitsbedingten Renten leicht, bei den psychischen Ursachen steigt sie nach wie vor. Kein Wunder beim steigenden Arbeitsdruck, der immer mehr Burnouts generiert.

Sozialhilfe3 

Im Jahr 2017 zählten die Sozialämter 175’241 Fälle (also eigentlich Haushalte), eine Zunahme von 2% im Vergleich zum Vorjahr. Betroffene Personen (inklusive Kinder) wurden 278’345 gezählt. 7,4% der IV-Rentner beziehen auch Sozialhilfe, da die IV-Rente nicht zum Leben reicht. Nach deren Abzug bleiben also 162’273 Haushalte.

Überdurchschnittlich oft betroffen4 sind Personen mit schlechter Ausbildung und damit Berufsaussichten, Familien mit mehr als drei Kindern oder mit einem alleinerziehenden Elternteil. Insgesamt sind 30 Prozent der betroffenen Personen Kinder. Immer mehr sind auch Menschen über 50 Jahren auf Sozialhilfe angewiesen, da sie keine Stelle mehr finden.

Sinkende Arbeitslosenzahlen werden also zu einem guten Teil von der Zahl der Sozialhilfebezüger kompensiert: Diejenigen, die keine Stelle mehr finden weil sie von der Wirtschaft als zu alt befunden werden oder weil sie zu wenig Kompetenzen mitbringen werden nach unten weitergereicht. Jetzt klagen die Gemeinden über die Zunahme und Kostenexplosion. Dies ist gefährlich für unsere Sicht auf Armen. Denn in absoluten Zahlen müssen wir immer mehr Steuergeld für die Armen aufwenden, was die Idee fördert „Wir geben ihnen ja immer mehr“, obwohl die Einzelnen Betroffenen nicht mehr erhalten. Gemeinden und Kantone gehen deshalb daran, den Ärmsten und Weggeworfenen das knappe Geld noch weiter zu kürzen, auch mit der Idee, dass sie dann mehr Anreiz hätten, eine Stelle zu suchen. Aber wer gibt ihnen denn eine Stelle? Und wer sind die Hauptleidtragenden? Die Kinder, die erst recht nichts für die Situation können.

Zudem besteht in vielen Kantonen eine Rückzahlungspflicht, sobald Betroffene wieder ein regelmässiges Einkommen haben, auch wenn es noch so tief ist. So entsteht eine lebenslange Schuldgefangenschaft. Genau solche Situationen sollten nach Jesaja 58 verhindert werden.

Es sind also rund eine halbe Million Haushalte in der Schweiz betroffen. Selbst bei Hochkonjunktur senkt sich diese Zahl nur geringfügig.

Warum so viele Menschen aus dem Arbeitsleben herausgefallen?

  • Stellen für weniger begabte oder weniger gebildete Menschen wurden abgeschafft oder ausgelagert
  • Die Wirtschafts- und Steuerpolitik (z.B. durch Welthandelsregeln und Steuerdumping) hat Konzerne gefördert. Diese sind weniger Arbeitsplatzintensiv als kleine Unternehmen, auch weil sie viel höhere Gewinne für die Aktionäre anstreben statt möglichst viele Stellen zu schaffen. Früher waren 5 % Kapitalrentabilität o.k., heute muss es 30 % sein.

Wie viele offene Stellen stehen dem gegenüber? Beim RAV waren am 31. Dezember 26’904 Stellen gemeldet, allerdings sind nur Branchen mit hoher Arbeitslosigkeit verpflichtet, offene Stellen zu melden. Im Gegensatz dazu findet die Jobbörse „X28“ im Dezember 2018 188’000 Stellen auf dem Internet, wobei aber unklar ist, wie viele davon wirklich noch zu besetzen sind oder doppelt gezählt sind. Die verlässlichste Zahl scheint diejenige des Bundesamtes für Statistik zu sein, die im vierten Quartal 2018 74’000 offene Stellen ausweist. Dies macht also nur einen Bruchteil der Stellen aus, die benötigt würden, um der halben Million Menschen Arbeit zu geben!

 

Und vor allem über 50-Jährige oder Menschen die aus irgendeinem Grund nicht voll leistungsfähig sind (Alleinerziehende, mangelnde Bildung, Gebrechen, etc.) haben heute kaum eine Chance, eine Stelle zu finden. Da nützt es nichts, die Sozialhilfegelder zu senken. Dadurch noch mehr „Anreize“ zum Arbeiten schaffen zu wollen zeugt von Unkenntnis der Situation oder gar von hartnäckigen Vorurteilen. Aber sie sind angenehm zu glauben, da es uns von der Pflicht befreit, mehr teilen zu müssen. In der Realität ist die Kontrolle bereits heute sehr stark und damit die „Missbrauchsquote“ sehr tief. Unsere Aufgabe ist es auch, genauer hinzuschauen, wirklich zu helfen und zu fördern. Das kostet uns aber etwas. Sind wir bereit dazu? Ist die Wirtschaft (v.a. Grossunternehmen, die es sich leisten könnten, und ihre Aktionäre) bereit dazu, für alle genügend entlöhnte Arbeitsplätze anzubieten? Sonst müssen wir fundamental über die Verteilung von Arbeit nachdenken. Ohne radikale Massnahmen der organisierten Arbeitsbeschaffung, wird es nicht gehen. Heute ist dies aber noch blockiert, da die Angst vor dem Staat noch zu gross ist. Lieber schieben wir die Schuld auf die Betroffenen und versuchen, weitere „Anreize“ zu schaffen, damit diese endlich arbeiten gehen. Es wird aber ein Punkt kommen, wo wir einsehen müssen, dass dies nicht funktioniert. Denn wenn immer mehr Menschen aus dem Wirtschaftskreislauf ausscheiden müssen, weil es für sie keinen Platz mehr hat oder sie krank werden, dann werden die Kosten immer höher. So müssen wir darüber nachdenken, ob unsere Art des Wirtschaftens für die Gesellschaft nachhaltig ist oder immer heftigere Verteilkämpfe stattfinden. Immer mehr Menschen sind unter Druck und geben diesen den Schwächeren weiter.

Denn schlussendlich sind das die Schäden, die durch die Art des Wirtschaftens und der falschen Verteilung entstehen. Wir sagen die Kosten steigen, also müssen wir sparen. Doch die Mittel zum Auffangen der Schwächeren wären vorhanden, werden jedoch gar nicht erst zur Verfügung gestellt (Steuersenkungen, Schlupflöcher, Steuerflucht). Warum sollen genau die Ärmsten nun darunter leiden? Die Bibel sagt uns, sie sollten unsere Priorität sein!

3. Unser Umgang mit diesen Menschen

Klar gibt es Menschen, die profitieren und gar nicht arbeiten wollen. Das ist aber eine Minderheit, denn die Kontrolle ist bereits heute sehr streng. Doch diese Fälle werden in den Medien breit ausgeschlachtet, sodass ein falsches Bild entsteht. Sollen wir nun aber wegen einer Minderheit, die unsere Sozialwerke missbraucht alle in Not geratenen zu bestrafen? Schlussendlich stellt sich die Frage, was uns wichtiger ist: Dass unsere Nächsten nicht leiden müssen oder dass wir keinen einzigen Missbrauch bezahlen müssen? Wer ist wichtiger: ich oder der Nächste? Doch oft begnügen wir uns mit Rechtfertigungen wie

  • «Bei Gott ist alles möglich». Ja, der Glaube kann Menschen in Not helfen. Und trotzdem hat Gott uns den Auftrag zur Fürsorge und Gerechtigkeit gegeben!
  • „Jeder kann selber“: Doch Gott hat jedem unterschiedliche Gaben gegeben, und nicht alle sind gleich in Lohn umsetzbar. Gewisse wichtige soziale Funktionen werden gar nicht bezahlt.
  • „Sie haben ja keinen Anreiz zum Arbeiten“. Doch gerade in der Schweiz, wo Integration, Identität und Selbstwert über Arbeit gebildet werden leiden die meisten Menschen, wenn sie keine Arbeit haben.
  • „Sie haben zu viel“. Doch warum sollen diejenigen, die schon unter dem Ausschluss leiden, auch noch im Elend leben müssen? Und erst recht die Kinder, die nichts dafürkönnen?

Die meisten Menschen leiden unter dem Ausschluss, werden oft krank und verlieren ihr Selbstwertgefühl. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Attraktivität bei potentiellen Arbeitgebern. Das Gefühl der Machtlosigkeit ist umso schlimmer zu ertragen, wenn man noch dauernd zu spüren bekommt, dass man doch einfach ein fauler Sack sei. So sind diese Leute gleich doppelt gestraft und stigmatisiert. Im System der Arbeitslosenversicherung und der Sozialhilfe gilt nicht „in dubio pro reo“, sondern im Gegenteil: Das System nimmt zum Vornherein an, man wolle nicht arbeiten und sucht systematisch zu bestrafen, wenn nur ein Rapportzettel zu spät kommt oder eine Angabe fehlt. Jede Arbeitslosenkasse muss von Gesetzes wegen eine Quote von Bestrafungen durchführen, sonst wird sie selber bestraft… Peitsche und Zwang nützt aber bei den meisten nichts, wie wir gesehen haben, es hat einfach keine Jobs für sie.

Aus der Arbeitslosenkasse fallen immer mehr Menschen raus und landen (wenn nicht in der IV) dann in der Sozialhilfe. Diese ist nicht vom Bund, sondern von den Gemeinden finanziert, die immer mehr ins Rudern kommen. Zahlen zu müssen ist unangenehm und bringt gewisse Gemeinden in Bedrängnis. Das Bild, das von den Sozialhilfebezügern vermittelt wird legt es dann nahe, die Bezüger möglichst knapp zu halten und womöglich abzuschrecken:

– Gewisse Gemeinden sind dazu übergegangen, die Verwaltungen von Mehrfamilienhäusern anzuweisen, nicht mehr an Sozialhilfebezüger zu vermieten.

– Oder sie wollen keine Sozialwohnungen mehr bauen.

– Oder sie sehen gar kein Bauland mehr für günstigen Wohnraum mehr vor.

– Oder sie verweigern gar Zuzügern, die Sozialhilfe beanspruchten, die Niederlassung.

Das erinnert mich an Jakobus, der uns im zweiten Kapitel anweist, nicht einen Unterschied in der Behandlung zwischen Armen und Reichen zu machen.

Die Bedürftigen werden so einfach herumgeschoben, das Problem wird damit aber nicht gelöst. Erst recht nicht, wenn mehr und mehr kurzfristig gespart wird. Von der Sozialhilfe werden immer weniger Weiterbildungen oder sonstige Grundvoraussetzungen für Arbeitsstellen bezahlt (wie Fahrausweis, Laptop, etc.). So bleiben die Leute in der Sozialhilfe erst recht gefangen.

Viele Gemeinden behaupten auch, sie könnten sich genügende Sozialhilfe nicht leisten. Doch in der Realität hätte es genug für alle, es ist nur Frage der Verteilung. Wir sind eigentlich so reich wie nie zuvor, es könnte für alle reichen. Wir haben oft nur einfach die Steuern zu stark gesenkt… Gerade der Kanton Bern ist da ein Beispiel: Die Steuern wurden mehrmals gesenkt, und nun hat der Regierungsrat beantragt, den Grundbedarf der Sozialhilfeempfänger generell um 8 % zu senken. Vielen Kindern droht somit echte Armut, denn die Lebenshaltungskosten in der Schweiz sind hoch!

Wir können uns entscheiden, ob wir das Geld für den Eigengebrauch oder aber das Wohlergehen und die Integration der Ausgeschlossenen brauchen.

4. Die Leistungsgesellschaft und deren Einfluss auf den Wert der Schwächeren

Wir sind eine Leistungsgesellschaft geworden: Nur wer etwas leistet, ist auch etwas wert, hat deshalb vor einigen Jahren ein Bundesrat in einer Ansprache vor Behinderten gesagt. Wer nichts leisten kann, wird zunehmend verachtet, und die Starken werden verherrlicht. Dies erinnert mich an die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Das ist auch eine Überhöhung des Menschen, ein Stolz, der vor Gott so nicht bestehen kann. Denn vor Gott ist jeder gleich viel wert! Und hat damit auch dasselbe Lebensrecht.

Der Druck in der Gesellschaft nimmt zu, es wird immer mehr Leistung verlangt. Wir sind selber unter Druck, und wenn wir nun noch zusätzlich das Gefühl haben, einen Klotz am Bein zu haben, also für andere aufkommen zu müssen, dann ärgert uns das. Es ist auch angenehmer davon auszugehen, dass die Schwachen halt selber schuld sind als dass wir eine Verantwortung gegenüber ihnen haben.

Schwächere also zunehmend als Last empfunden, was Folgen für das Leben hat:

  • Pränataldiagnostik: Heute fragen Gynäkologen Schwangere kaum mehr, ob sie eine Diagnostik wollen, werdende Eltern werden oft einfach mit dem Resultat konfrontiert, fast schon mit der Erwartung, dass ein behinderter Fötus abgetrieben werden soll. In den USA dürfen Krankenkassen die Behandlung von behinderten Kindern ausschliessen, sodass Schwangere, die sich die medizinischen Kosten für die Begleitung eines behinderten Kindes nicht leisten können, gezwungen werden, abzutreiben.
  • Behinderte: Eltern von behinderten Kindern müssen sich zunehmend rechtfertigen, denn das Kind wird von der Gesellschaft als Belastung wahrgenommen. Der bekannte Genfer Survivalist Piero San Giorgio, der 100’000 Bücher verkauft hat und der in Diensten der Walliser Kantonsregierung stand, hat empfohlen, für Falle eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs auszumachen, wo die Behinderten wohnen, um sie liquidieren zu können. Und man solle die Behinderten und Kranken nicht mehr schützen, denn sonst könne man keine echte Zivilisation aufbauen.
  • Die Idee, nur noch eine Last zu sein ist auch einer der Gründe für den zunehmenden Zuspruch von Sterbehilfeorganisationen wir Exit: Viele Sterbewillige geben an, sie wollten ja niemandem eine Last sein und ziehen es vor, zu sterben.

Das Bild, dass Schwächere uns eine Last seien hat also ganz konkrete Auswirkungen auf das Menschenleben. Aber Gott will jedes Leben, denn er hat jeden geschaffen und nie gesagt, dass jemand weniger Wert hat wenn er schwächer ist. Das ist eine gefährliche Ökonomisierung des Menschen! Das gilt selbst für Menschen, die mit Alzheimer scheinbar nur noch dahinvegetieren, aber plötzlich wieder «da» sein können, wenn liebende Menschen um sie sind.

5. Ist das Wohl der Schwachen heute überhaupt noch ein Ziel in der Politik?

In der Bundesverfassung steht eigentlich, dass sich die Stärke des Volkes am Wohl der Schwachen misst. Doch ist dies heute wirklich noch das Ziel der Politik?

Wenn es um Unterstützung der Schwächeren geht wird oft gesagt „Wir können es uns nicht leisten“. Doch zwischen 1990 und 2015 stieg das Bruttoinlandprodukt aber real pro Kopf um 20%5 .

Brauchen wir also noch mehr Wachstum? Wachstum alleine ohne aktive Verteilung nützt überhaupt nichts, wie uns das Beispiel der USA lehrt: Zwischen 1975 und 2007 stieg das Bruttoinlandprodukt pro Kopf um 90%, das Median-Haushaltseinkommen nur um gut 20%6 . Und letztere auch nur, weil pro Haushalt mehr Personen arbeitstätig waren. Der Median-Lohn sank also gar!

Auch in der Schweiz sanken die Medianlöhne im 2018 um 0,4 %, dies trotz einem Wirtschaftswachstum von 2,5% und einer so tiefen Einwanderungsquote wie seit 5 Jahren nicht mehr7 .

Oxfam hat errechnet, dass vom Wachstum in den USA nach der Finanzkrise von 2008 95 % an die obersten 1 % ging, und dass wegen Deregulierung und Steuersenkungen die Oberschichten den Hauptanteil des Vermögenszuwachses einverleiben. Und viele von ihnen verstecken ihr Geld dann in Steueroasen, wie wir mit den Paradise Papers gesehen haben. So werden weniger Arbeitsplätze geschaffen und auch die Steuereinnahmen für die Unterstützung der Schwächeren fehlen.

In der Schweiz haben alle Kantone und viele Gemeinden in Konkurrenz um diese immer Reicheren die Steuern gesenkt. Insgesamt steht auch deshalb nicht genügend Geld für die Unterstützung zur Verfügung.

Wir tun alles für Arbeitsplätze und fördern die Wirtschaft wo wir können, steigern die Innovationsrate und den Konsum bis ins Ungesunde. Aber unter dem Strich ändert sich nichts, die Zahl der halben Million arbeitssuchenden Menschen wird durch keine Massnahme stark gesenkt, selbst in der Hochkonjunktur. Und es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass sich der Trend in der nächsten Zeit in die andere Richtung bewegen wird. Im Gegenteil: Durch die Digitalisierung und Robotisierung gehen noch mehr Stellen für Schwächere und weniger Gebildete Menschen verloren.

6. Kosten der aktuellen Politik

Bisher stecken wir den Kopf in den Sand, weil die Lösung des Problems uns etwas kostet und viele unserer Glaubenssätze über die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft in Frage stellt. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass die Nichtlösung des Problems uns noch mehr kosten wird:

– Wir zahlen heute schon Milliarden für diese halbe Million Menschen. Und es wird ständig mehr.

– Können wir uns leisten, das wirtschaftliche Potential von einer halben Million Menschen einfach brachliegen und vermodern zu lassen? Je länger diese Leute ausgeschlossen sind, desto mehr werden sie abgehängt und für immer draussen bleiben.

Gesundheitskosten: Elend und Hoffnungslosigkeit schaden der Gesundheit, was zu höheren Gesundheitskosten für alle führt.

Kriminalität: Aussichtslosigkeit und Nichtintegration sind Hauptgründe für Kriminalität. Dies kostet uns viel Geld und Sicherheit!

7. Mögliche Lösungswege

Haltung

  • Genauer hinsehen statt Vorurteile pflegen
  • Sich wirklich für diese Menschen interessieren
  • Den betroffenen Menschen begegnen
  • Sehen wir sie wirklich als von Gott Geschaffene, die genauso wertvoll sind wie wir?
  • Sehen wir es als Ziel der Politik und der Gesellschaft, dass es ihnen besser geht?
  • Welche Werte lehren wir? Konkurrenz oder Solidarität und Zusammenarbeit?

Massnahmen

  • Arbeit anders verteilen: Es muss gesunde Arbeit für alle geschaffen werden. Es gäbe eigentlich genug zu tun!
  • Alle müssen gefördert werden: Weiterbildungen und Grundlagen für Integration müssen bezahlt werden
  • Zuschüsse für zusätzliche Arbeitsstellen entlasten ALV, IV und Sozialhilfe
  • Neue Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Staat und Kirchen: Es braucht eine Gesamtorganisation, sonst sind die Massnahmen nur Tropfen auf den heissen Stein. Hierzu müssen wir auch die Angst vor dem Staat ablegen.
  • Mehr teilen, Reichtum wieder mehr besteuern und nicht flüchten lassen, sonst haben wir keine Mittel für Arbeitsbeschaffung
  • Förderung der Klein- und Mittelgrossen Unternehmen statt börsenkotierten Konzernen
  • Jeder sollte direkt in Integration und Arbeit investieren, statt an Börse zur Renditemaximierung anlegen-> wir brauchen «soziale Aktie»!
  • Die Startbedingungen müssen wieder ausgeglichen werden, nach dem Beispiel des Halljahres und des Schuldenerlasses. Denn in der Schweiz besitzen die obersten 2 % mehr als die unteren 98 %
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Der am 8. September bei France Inter angekündigte Rücktritt von Nicolas Hulot hat die französische Gesellschaft und weitere Bereiche erschüttert. Wir hören immer noch, wie er eine unzureichende Politik der „kleinen Schritte“ anprangert, seine Einsamkeit in der Regierung und die fehlende Unterstützung der Bürger beklagt oder die kollektive Verantwortung für das Problem darstellt. Die vielen „Klimademonstrationen“, die sich daran anschlossen, zeugen jedoch von einem immer stärkeren öffentlichen Bewusstsein für diese Problematik. Trotzdem bleibt das Ausmaß der angekündigten Schwierigkeiten schwer zu ertragen.

Die Beobachtung einer Klima-Ungerechtigkeit

Anfang Oktober erinnern die IPCC-Klimaspezialisten in einem neuen Bericht daran, dass die Bedrohungen nicht nur stark sind – Dürren und Hungersnöte in fruchtbaren Regionen, Verlust der Artenvielfalt, Millionen von Klimaflüchtlingen, soziale Spannungen – sondern auch ungleich verteilt sind. Diejenigen, die am meisten leiden werden, sind die Länder, die am wenigsten zur globalen Erwärmung beigetragen haben, die am wenigsten zur Verbesserung der Lebensbedingungen im Zusammenhang mit der industriellen Entwicklung beigetragen haben und die am anfälligsten für die Instabilität des Klimas sind. Dies ist die schwerwiegende Beobachtung einer Klimagerechtigkeit1 .

Ungeachtet der Tatsache, dass diese Beobachtungen so schwerwiegend zu sein scheinen, dass man angesichts solcher globaler Herausforderungen so leicht in ein Gefühl der Ohnmacht oder Gleichgültigkeit fallen kann, welche Ressourcen können wir in Christus finden, um der Situation in Liebe und Frieden zu begegnen? Wie können wir in unserem Glauben an ihn die Rolle erkennen, die wir zu spielen haben?

Hoffnung auf Wiederherstellung

Dieser Kontext kann uns dazu bringen, die Worte des Apostels Paulus auf besonders starke Weise aufzunehmen:

„Jetzt wissen wir, dass bisher die ganze Schöpfung seufzt und die Schmerzen der Geburt erleidet. Und es ist nicht nur die ganze Schöpfung, die seufzt, sondern auch wir, die wir dennoch einen Vorgeschmack auf diese Zukunft im Geist haben, seufzen in uns selbst, während wir auf die Annahme, die Befreiung unseres Körpers warten. „(Römer 8:21-22)

Dieser Abschnitt zeigt uns nicht nur ein Leid, das die Menschheit und die Schöpfung als Ganzes teilt, sondern auch eine gemeinsame Hoffnung: die Neugeburt unserer Welt, ihre Wiederherstellung, die die Menschheit, aber auch die gesamte Schöpfung betrifft. Gott gibt uns also mit seinem Wort die Möglichkeit, uns von der Angst zum Frieden und sogar zur Freude zu führen. Dann können wir uns besser zur Verfügung stellen, um diese neue Welt zu suchen und zu manifestieren, die bereits in Jesus begonnen hat.

Kämpfen wir also gegen Gleichgültigkeit und Verzweiflung, und gehen wir mit unseren Zeitgenossen auf den Weg zu mehr Klimasolidarität, zu mehr Achtung vor der Schöpfung, und geben wir Zeugnis von der Hoffnung auf eine wiederhergestellte Welt, die alle Schöpfung wünscht und die kommen wird. Zu diesem Zweck sollte jeder von uns den Herrn fragen, wohin und zu welchen konkreten Handlungen er uns beruft.

 


Tribune veröffentlichte unter der Überschrift „Grüße“ in Christ Seul (Monatsmagazin der Evangelisch-Mennonitischen Kirchen Frankreichs), Nr. 1093, Dezember 2018, www.editions-mennonites.fr.

1.  Zum gleichen Thema wurde im November 2018 in Winterthur anlässlich des jährlichen StopArmut-Tages eine „Erklärung für Klimagerechtigkeit“ unterzeichnet, die auf Französisch übersetzt und auf der FREE-Website veröffentlicht wurde.

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Das Behindern von Rettungsarbeiten steht nach dem Schweizer Gesetz unter Strafe (Art. 128 Abs. 2 StGB). Der Bundesratsentscheid, dass das Rettungsschiff Aquarius auch nicht unter Schweizer Flagge fahren dürfe, hat bei dessen Stilllegung eine entscheidende Rolle gespielt. Damit wird die Rettung von tausenden von Menschen verhindert. Aquarius hat bisher 29’000 Menschen gerettet. Der Bundesrat macht sich so für den Tod von zahlreichen Menschen mitverantwortlich.

Vordergründig wird davon gesprochen, dass es eine gesamteuropäische Lösung brauche. Richtig, aber dies ist noch in weiter Ferne, und bis dann werden noch viele Menschen ertrinken. In vielen Kreisen wird auch die Illusion gepflegt, es würden weniger Menschen das Mittelmeer überqueren, wenn es bekannt sei, dass viele dabei umkommen. Doch dürfen wir vor Gott tausende von seinen Geschöpfen opfern, damit weniger Fremde zu uns kommen? Sicher darf man Zweifel am Migrationsvertrag von Marrakesch haben, der den Ländern verbieten will, wirtschaftliche Migration zu begrenzen. Wir haben das Recht zu entscheiden, dass z.B. nur Verfolgte oder Kriegsflüchtlinge Aufnahme finden dürfen. Aber dazu gehört eine korrekte Abklärung der Herkunft. Und nicht, sie ertrinken zu lassen. Ist der Tod als Strafe für die Suche nach Wohlstand tolerierbar? Und als «Kollateralschaden» für Verfolgte, weil es «halt auch viele Wirtschaftsflüchtlinge darunter hat»?

In Matthäus 25 sagt uns Jesus, wonach gerichtet wird: Nicht nach dem, was wir Schlechtes getan haben, sondern nach dem, was wir den Geringsten unserer Brüder Gutes nicht getan haben. Ja, und es sind auch viele Christen unter den Ertrunkenen. Sami, mein Eritreischer Nachbar ist dem Ertrinkungstod dank eines Rettungsschiffes knapp entkommen, nachdem er bereits bewusstlos im Wasser lag. Die meisten anderen auf seinem Schlepperboot sind umgekommen.

Wir fordern deshalb den Bundesrat auf, seinen Entscheid Rückgängig zu machen und darauf hinzuwirken, dass nicht noch mehr Menschen im Mittelmeer umkommen.

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Der Tod der 22-jährigen Naomi Musenga, einer jungen Frau aus Straßburg, im vergangenen Dezember, nachdem ein SAMU-Operator ihren Anruf auf die leichte Schulter genommen hatte, verursachte viel Lärm und hatte viele Auswirkungen: Untersuchungen, öffentliche Demonstrationen, ein Entschuldigung des Operators und den Rücktritt des Direktors der Straßburger SAMU. Diese Auswirkungen wurden weitgehend durch den Verdacht der Diskriminierung in diesem Fall verursacht und verstärkt: Hätte die Telefonistin anders gehandelt – indem sie den Anruf an einen Arzt weitergeleitet hätte, wie sie es angesichts der beschriebenen Art von Schmerzen hätte tun müssen – wenn Naomi sich nicht „Musenga“ genannt hätte, wenn sie keine Frau gewesen wäre?

Epistemische Ungerechtigkeit

So wurden einige Stimmen laut, die die schädlichen Auswirkungen des „Mittelmeer-Syndroms“ anprangern, eine Wahrnehmungsstörung, die bei bestimmten Angehörigen der Gesundheitsberufe zu beobachten ist, die dazu neigen, bei ihren Patienten aus dem Süden den Ausdruck von Schmerzen als übertrieben zu betrachten. Ob das Schreckgespenst dieses traurigen Syndroms noch immer in den Gängen der Krankenhauseinrichtungen herumspukt, ist schwer zu sagen. Aber eines ist sicher: Die Stimmen von Minderheiten, wer immer sie sein mögen, haben weiterhin weniger Gewicht, können weniger Distanz überwinden. Sie werden nicht nur weniger „gehört“, sondern, was noch wichtiger ist, sie erhalten auch weniger „Anerkennung“. Die amerikanische Soziologin Miranda Fricker bezeichnet als „epistemische zeugnishafte Ungerechtigkeit“ die Situation von Menschen, deren Zeugnis nicht ernst genommen wird, weil sie zu Randgruppen gehören oder aufgrund von Stereotypen und anderen Vorurteilen, die mit der Gruppe, der sie angehören, verbunden sind.

Christliche Bevollmächtigung

Diese Diskriminierung und ihre potenziell tödlichen Auswirkungen müssen uns weiterhin bewegen. Lasst uns nicht unsere Herzen verschließen, lasst uns nicht unsere Ohren zuhalten… Ja, aber wie können wir in unserem eigenen Maßstab (wieder) handeln? Einige, wie die Vertreter der ATD-Bewegung der Vierten Welt, haben sich dafür entschieden, zur Stärkung der Stimme der „Stimmlosen“ beizutragen: indem sie ihnen den Zugang zum Wissen erleichtern und ihnen helfen, zu denken und als denkende Wesen zu leben und daher als solche anerkannt bzw. einbezogen zu werden… Ein großartiges Beispiel für christliches Empowerment. Was können wir aus individueller Sicht sagen, außer dass wir uns immer wieder durch das Beispiel Christi durchdringen und verwandeln lassen… Arme, Frauen, alte Menschen, Samariter, angeblich Verrückte: Keiner der Menschen, die seinen Weg kreuzten, musste ein Megafon benutzen, um sich Gehör und Anerkennung zu verschaffen. Jedem von ihnen hörte er zu, öffnete sein Herz und verkörperte seine berühmten Worte aus der Bergpredigt: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde erben; selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich“ (Matthäus 5,3-4).


Tribune veröffentlicht unter der Überschrift „Grüße“ in Christus Seul (Monatsmagazin der Evangelisch-Mennonitischen Kirchen Frankreichs), Nr. 1090, August-September 2018, www.editions-mennonites.fr.

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Samuel Ninck-Lehmann, Mitbegründer und ehemaliger Koordinator von ChristNet, Mitautor von La Suisse, Dieu et l’argent (Hrsg. Je sème), diskutiert einen christlichen Ansatz im Umgang mit Geld1 .

Reichtum und Armut: das Prinzip der Gleichheit

Vielerorts spricht die Bibel über Geld, Reichtum und Armut. Seit Jahrtausenden gibt es Geld, und die Bibel verschließt nicht die Augen vor dieser menschlichen Realität. Gott zieht jedoch nicht den Reichtum der Armut vor oder umgekehrt. Er hat eine Vorliebe für Menschen. Und unter den Menschen schätzt er besonders die Armen. Deshalb hat sich Jesus, als er auf die Erde kam, „ausgezogen“ (Philipper 2,7) und wurde in einem Stall geboren.

In der Bibel ist Geld Teil eines integralen Wohlstands, der den ganzen Menschen umfasst – Beziehungen, geistige, körperliche, geistliche und materielle Güter – es ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel. Was Jesus betrifft, so stellt er es uns als einen Lehrer vor, der unseren totalen Gehorsam fordert: „Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen“ (Lukas 16,13). Es liegt an uns, das Geld zu kontrollieren und es so zu verwenden, dass es dem Gebot der Liebe entspricht (Lukas 10,27).

Wie können wir dann mit unserem Geld Gott, uns selbst und unseren Nächsten lieben? Nach Paulus ist es der Überfluss der einen, der genutzt werden sollte, um den Mangel der anderen auszugleichen und umgekehrt: „Es geht nicht darum, sich auf das Äußerste zu reduzieren, damit andere erleichtert werden, es geht einfach darum, dem Prinzip der Gleichheit zu folgen. „(2 Korinther 8,13). Der Wohlstand der einen ist also sinnvoll, wenn er zur Bekämpfung der Armut der anderen genutzt wird. Auf der anderen Seite kann die Armut anderer einen Sinn ergeben, wenn sie dazu benutzt wird, die Großzügigkeit einiger zu inspirieren.

Das Vertrauen auf einen Gott, der sorgt

Die Bibel spricht von einem Gott, der sorgt. Sie erzählt Geschichten, in denen Gott seine Treue zeigt, auch im materiellen Bereich. Denken Sie an das Volk Israel in der Wüste: Jeden Tag erhalten sie genug zu essen. Wenn Gott Himmel und Erde geschaffen hat und uns liebt und will, dass es uns gut geht, wird er sich natürlich auch um unser materielles Wohlergehen kümmern.

In diesem Zusammenhang sagt Jesus: „Sorgt euch nicht darum, was ihr essen werdet, um zu leben, oder was ihr an eurem Leib tragen werdet“ (Matthäus 6,28). Wenn Gott uns versorgt, sind wir aufgerufen, ihm zu vertrauen. Dies wird uns von unseren Ängsten befreien, insbesondere von der Angst vor dem Mangel. Es ist unsere Herausforderung, diese vertrauensvolle Beziehung zu Gott zu pflegen, d.h. sein Reich und seine Gerechtigkeit zu suchen. Er wird dann für unsere Bedürfnisse sorgen, auch für unsere materiellen Bedürfnisse. Suchen wir also nach Situationen, in denen wir verpflichtet sind, Gott zu vertrauen.

Gnade und Segen zum Teilen

Wir leben in einer Gesellschaft des Überflusses: Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik verdient jeder zweite Schweizer mehr als 6’502 Franken. Auf dieser Grundlage ermöglicht der Online-Einkommensvergleich „Global Rich List“ eine Standortbestimmung im globalen Vergleich: Die Hälfte der Schweizer Bevölkerung gehört zu den 0,31% reichsten der Welt. Im globalen Dorf leben wir also im Banktresor!

Was den Ursprung unseres Reichtums betrifft, so ist er unklar: Stimmt es nicht, dass unser Reichtum unter anderem auf unsere Ausbeutung der Ressourcen in den Ländern des Südens zurückzuführen ist? Auf die Kapitalflucht aus anderen Ländern, insbesondere armen Ländern, zu unseren Banken? Auf die Verschmutzung, die durch die Herstellung unserer Luxusgüter entsteht? Auf die Verschwendung und den Konsum, die zur Religion unserer „entwickelten“ Gesellschaften geworden sind? Es ist diese ungerechte Macht, die Jesus anprangert, wenn er von „ungerechtem Reichtum“ spricht (Lukas 16).

Außerdem warnt uns die Bibel davor, dass unser Reichtum einen Fluch mit sich bringt: den, dass wir bereits die Freuden des Überflusses gekostet haben (Lukas 6,24) und weit weg vom Reich Gottes sind. Denken Sie an die Worte Jesu über das Kamel und das Nadelöhr (Lukas 18,25). Wir sind herausgefordert, unser Herz aktiv vom Geld zu lösen und uns an Gott und unseren Nächsten zu klammern, indem wir unter anderem unsere Zeit, Liebe, Fähigkeiten und… unsere materiellen Güter loslassen.

Keine armen Menschen unter uns?

Wir müssen immer noch bereit sein, zu teilen. Dies hängt eng mit unserer Fähigkeit zur Zufriedenheit zusammen: Wenn ich mit einem bestimmten Budget zufrieden bin, wird der Überschuss, der mir gegeben wird, für eine andere Verwendung freigegeben. Paulus wusste, wie man zufrieden ist: „Ich weiß, wie man in Armut und wie man in Überfluss lebt“ (Philipper 4,12). Das größte Hindernis für Zufriedenheit sind Neid und Eifersucht: Wir vergleichen uns mit denen, denen es besser geht als uns. Diese menschliche Tendenz wird in unserer Gesellschaft durch Werbung und Prominentenanbetung stark gefördert.

Um unseren Geist der Zufriedenheit zu stärken, sollten wir uns daran erinnern, dass wir „der Welt nichts wegnehmen können“ (1. Timotheus 6,7), wir sollten uns in der Anerkennung dessen üben, was uns anvertraut wurde, wir sollten einen Grundhaushalt aufstellen, der unsere Grundbedürfnisse abdeckt, und entscheiden, dass uns das genügt, und bereit sein, den Überschuss aufzugeben. Jesus lädt viele Menschen ein, alles zu verkaufen und den Armen zu geben. Damit greift er das biblische Grundgebot bezüglich des Gebrauchs materieller Güter auf: „In der Tat soll es unter euch keine Armen geben“ (Deuteronomium 15,4).

Politische Implikationen

Frankreich hat das fünftgrößte Bruttoinlandsprodukt der Welt, und die Schweiz liegt weltweit auf Platz 10. Seit 1990 hat sich das Pro-Kopf-BIP mehr als verdoppelt. Wir werden also immer reicher und reicher! Doch die Armut besteht weiter: Rund 10% der Schweizer Erwachsenen kämpfen um ihr Auskommen, und in Frankreich kostete die Sozialhilfe im Jahr 2016 755 Milliarden Euro, während viele Menschen arm bleiben.

Und was sollen wir von der Tatsache halten, dass 50% der Weltbevölkerung weniger als 1% des Weltvermögens besitzen? Zwar ist die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen stark zurückgegangen (1981-2012: von 1100 auf 147 Millionen). Dies ist ein Thema zur Anerkennung. Aber zu viele Menschen bleiben auf Hilfe von außen angewiesen, um einfach nur zu leben.

In diesem Zusammenhang haben die Schweiz und Frankreich Schwierigkeiten, eine Umverteilungspolitik umzusetzen, die eine Neugewichtung ermöglicht: Auf nationaler Ebene belasten Steuersenkungen und Sparmaßnahmen die Sozial-, Bildungs- und Gesundheitshaushalte. Auf internationaler Ebene steht die öffentliche Entwicklungshilfe unter Druck: Anstatt sich den von der UNO zur Armutsbekämpfung befürworteten 0,7% des BIP anzunähern, ist sie in der Schweiz auf den tiefsten Stand seit 2013 (0,46%) gesunken.

Dies sind echte Herausforderungen für Christen: Wie können wir Zeugen von Jesus, dem Freund der Armen, sein? Lassen Sie uns damit beginnen, das Thema in unseren Kirchen anzusprechen und Petitionen zu unterstützen, die sich mit diesen Fragen befassen. Als Bürger können die Christen den Kampf gegen die Armut als Kriterium bei Wahlen festlegen. Ebenso, wenn wir über Fragen der Steuerpolitik oder der internationalen Zusammenarbeit abstimmen. Dazu ist es unerlässlich, informiert zu sein. Was die christlichen Politiker betrifft, so lasst uns für ihr kompromissloses Bekenntnis zum Prinzip der Gerechtigkeit beten. Lasst uns beten, dass unser „Überschuss dazu verwendet wird, den Mangel anderer auszugleichen“.

Literatur

  • La Suisse, Dieu et l’argent, dossier Vivre n° 36, Je sème, St-Prex, 2013.
  • ChristNet.ch – Wirtschaft, christnet.ch/de/Ökonomie
  • ChristNet.ch – Silber, christnet.ch/de/Tags/Geld
  • Roser Dominic, Suffizienz – Überlegungen zum christlichen Geldmanagement. ChristNet, Genf, 2007.
  • Jacques Blandenier, Les pauvres avec nous, dossier Vivre n° 26, Je sème, Genf, 2006.
    www.stoppauvrete.ch – evangelische Bewegung für den Kampf gegen die Armut

1. Artikel veröffentlicht, leicht modifiziert, in Christianity Today, Juli-August 2018, unter dem Titel „Ein Portfolio, das im Licht der Bibel verwaltet wird“ (S. 18-19).

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Was ist Wahrheit? 

Die Wahrheit ist bei Gott. Nicht bei uns Menschen. Der Teufel als Vater der Lüge ist jedoch dabei, Gott und das, wie er sich in der Welt offenbart, konsequent zu leugnen. Deshalb ist es unser Auftrag, über der Welt, wie Gott sie geschaffen hat, der Wirklichkeit, in der er sich geoffenbart hat, die  Wahrheit zu sprechen.

Jedoch sollten wir die Demut besitzen anzuerkennen, dass wir die Wahrheit immer nur als Stückwerk sehen können.  (1. Korinther 13).  Wenn wir von Wahrheit sprechen, darf sie nicht abstrakt oder abgehoben daherkommen. Sie soll zunächst uns persönlich verändern und in Taten für den anderen und für die Welt münden.

Unser Autor Michael Gonin hat sich dem, was in der Bibel als Wahrheit beschrieben wird, tiefer auseinandergesetzt:

Verite-ForumChristNet-MGonin_PostFORUM

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Vier Thesen im Anschluss an das ForumChristNet „Que de l’intox! „am 11. November 2017 in Biel. Dies ist eine Diskussionsgrundlage für unsere Website und wird in den kommenden Wochen angepasst.

Um sich an der Diskussion zu beteiligen, geben Sie bitte einen Kommentar am Ende des Dokuments ab.

1. Wahrheit ist wahre Liebe.

Wahrhaftig zu sein bedeutet, aufrichtig und zuverlässig zu sein. Dies ist eine Voraussetzung für echte Beziehungen. Wenn wir von der Vorstellung ausgehen, dass andere Menschen ohnehin lügen, ist eine Beziehung nicht möglich, nur Rückzug, Desillusionierung und eine Außenseiterhaltung. In der Schweiz dominiert die Angst vor dem Egoismus der anderen (GfS-Angstbarometer). Wir sind daher unseren Mitmenschen gegenüber misstrauisch. Dies führt dazu, dass wir uns von anderen isolieren und uns auf persönlicher und sozialer Ebene egoistisch verhalten.

Die Wahrheit ist also entscheidend für Beziehungen, sowohl persönliche als auch soziale! Paulus schreibt: „[Die Liebe] freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern freut sich über die Wahrheit“ (1 Kor 13,6).

2. Wahrheit bedeutet Zuhören mit Unterscheidungsvermögen.

Die Suche nach der Wahrheit ist nicht nur eine individuelle Suche, sondern auch Teamarbeit. Dies geschieht im Austausch und in der Konfrontation mit anderen Standpunkten. Soziale Medien und Informationstechnologie haben einen beispiellosen Informationsfluss hervorgerufen. Obwohl die Vielfalt der Quellen zugenommen hat, bedeuteten die großen Mengen, dass wir Informationen immer weniger kritisch gegenüber stehen. Daher bevorzugen wir, was uns gefällt.

Normalerweise sind es die Informationen, die unsere Sicht der Welt bestätigen, die wir insbesondere auf ihre Richtigkeit überprüfen sollten. Dies gilt auch für „christliche“ Informationen. Paulus sagt uns: „Prüft alle Dinge und erinnert euch an das Gute. (1 Thess. 5:21)

3. Die Wahrheit ist beunruhigend.

Die Konfrontation mit der Wahrheit erfordert Mut, denn sie kann unser Denken und unsere Ideologien verändern. Das ist nicht leicht für uns Menschen. Wir glauben gerne, was wir glauben. Aber Online-Werbung und soziale Medien drängen uns zunehmend dazu, in einer „sozialen Blase“ zu leben, in der überraschende und sogar antagonistische Meinungen gemieden werden. Dies gilt auch für viele „christliche“ Blasen. Wir brauchen also Menschen, die bereit sind, sich stören zu lassen, aber auch andere mit ihren Schlussfolgerungen zu stören.

Gestört zu werden erfordert die Demut, zu erkennen, dass unser Wissen und unsere Einsicht unvollständig sind (1. Kor 13,9). Jesus ermutigt uns wiederholt, „unsere Haltung zu ändern“, und Paulus lädt uns ein, unsere Gedanken zu erneuern (Römer 12,2).

4. (Römer 12:2) Christen sollten Spezialisten für die Wahrheit sein.

Christen sind in Bezug auf die Wahrheit in einer idealen Position: Sie sollten besonders gut ausgerüstet sein, um die Wahrheit zu fördern und zu beanspruchen. Sie kennen die bedingungslose Liebe Gottes (These 1), sie leben die Gemeinschaft (These 2) und sie leben die Bekehrung (These 3).

Paulus ruft uns auf: „So gedenkt nun, dass ihr Kinder des Lichts seid; denn das Licht bringt alles hervor, was gut, richtig und wahr ist“ (Eph 5,8).
Christen, tut etwas Mutiges!

Als Christen wollen wir die Position von „Wahrheitsexperten“ einnehmen. Wir wollen lernen, die Welt wirklich zu lieben, unsere Seifenblase zu verlassen, denen zuzuhören, die eine andere Meinung haben, uns in unserer Weltsicht stören zu lassen und andere zu stören.
Angesprochen? Wir sind an Ihrer Meinung zu diesen Thesen interessiert.

Sie können sich an der Diskussion beteiligen, indem Sie unten einen Kommentar abgeben oder uns eine E-Mail schicken: info@christnet.ch.
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