~ 7 min

Putin führt seinen Krieg mit Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche. Rechtsevangelikale Christen in den USA sehen ihr Land als das neue gelobte Land. Und in der Schweiz wehren wir uns gegen alles, das unsere Souveränität in Frage stellt. Das Reich Gottes aber hat einen ganz anderen Horizont. Höchste Zeit also, umzudenken.

Jesus Christus ist nach biblischem Zeugnis der Sohn des dreieinen Gottes. Er ist Initiator und Zielpunkt von dem, was wir heute das Christentum nennen. Die inhaltliche Grundlage dazu hat er mit seinem Evangelium vom angebrochenen Reich Gottes 1 formuliert. Das ist eine gute Botschaft für die ganze Welt – und dies seit 2000 Jahren. Wenn wir deshalb unsere Hand auf die Bibel legen: Wieviel Nationalismus hat in diesem Evangelium Platz?

Putin: frommer Christ oder machtbewusster Despot?

Anlässlich des kürzlichen orthodoxen Osterfestes wagte sich der russische Präsident Putin wieder einmal nach draussen, zumindest unter das Dach der Kirche. Er nahm am orthodoxen Gottesdienst unter der Leitung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill teil. Wie es sich gehört, schlug er ein Kreuz über seiner Brust. Er bekannte sich damit zum Sohn Gottes, der an Karfreitag an einem Kreuz für alle menschlichen Sünden gestorben ist. Auch für die Sünden des frommen Christen Wladimir Wladimirowitsch Putin. So weit so gut – und nötig.

Theodorus II., Oberhirte der Orthodoxen in Afrika, versichert: «Putin war ein gläubiger Christ, das weiss ich aus engster Erfahrung.» Die Verwandlung zum frömmelnden Gewaltherrscher schreibt er seinem ausufernden Machtrausch zu: «Zunächst glaubte er, ein neuer Zar zu sein.» Seine Alleinherrschaft habe ihn unterdessen vollends verblendet. Der Orientalist Heinz Gstrein erklärt diese Verwandlung2 unter anderem mit einer unheilvollen Veränderung der Geisteshaltung, die auch schon beim bekannten Schriftsteller Alexander Solschenizyn aufgetreten sei. In kommunistischen Straflagern vom Atheisten zum orthodoxen Christen geläutert, sei Solschenizyn in der Zeit Putins zum «pseudoreligiösen russischen Nationalisten» geworden, der, wie heute Putin, Russland vom «angeblich verderblichen westlichen Einfluss» erlösen wollte. Solscheniyzin wurde laut Gstrein zum Propheten jener Entwicklung in Osteuropa, «nach der die Befreiung von der kommunistischen Diktatur nicht in der liberalen Demokratie, sondern im Nationalismus … endet».

 

Ethnischer Nationalismus – ein Irrweg

Den Auslöser dieses Denkens sieht der Russlandexperte Martti J Kari in der Belagerung von Konstantinopel durch das Volk der Rus im Jahr 8603 . In der Folge seien in Osteuropa die Traditionen des byzantinischen Reiches übernommen und als Missionsauftrag der Russen an allen slawischen Völkern verstanden worden: die orthodoxe Religionslehre, der Konservativismus und das ungebrochene Verhältnis zu einer Autorität, die niemals in Frage gestellt werden darf, weil sie gottgegeben ist. In den folgenden Wirren der russischen Geschichte, in denen das Zarentum immer wieder vor dem Zusammenbruch stand, hat sich laut Martti J Kari die Gewissheit verdichtet, «dass ein starker Zar besser ist als ein schwacher Führer». Das habe sich auch nach dem Ende der Sowjetunion gezeigt, als der schwache Führer Boris Jelzin durch den starken «Zaren» Putin ersetzt wurde.

Was im Blick auf das biblische Evangelium zu denken gibt, ist die Tatsache, dass dieser autoritäre Nationalismus genährt wird von einer Kirche, die sich als russisch-orthodox bezeichnet. Sie verbindet ihren Auftrag damit mit einem ethnisch definierten Nationalismus und fühlt sich überall zuständig, wo Russen leben. Es war deshalb nicht erstaunlich, dass sich die orthodoxe Kirche in der Ukraine nach der russischen Annexion der Krim vom Moskauer Zentrum absetzte. 2019 erhielt sie vom ökumenischen (weltweiten) Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel die nationale Unabhängigkeit. Was vom Moskauer Patriarchen Kyrill postwendend als Spaltung kritisiert wurde. Offensichtlich führt der ethnische Nationalismus in eine Sackgasse.

 

Die Reformation führt zurück zu den Wurzeln

Nun, es sei nicht verschwiegen, dass sich autoritäre Züge schon nach der konstantinischen Wende im Jahr 313 in der Kirche ausgebreitet hatten. Das Denken in den Kategorien eines Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) des Mittelalters und der frühen Neuzeit wurde aber dank der Reformationsbewegung von Martin Luther und seinen Nachfolgern nachhaltig in Frage gestellt. Die Proklamation eines biblischen Verständnisses des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen führte, verbunden mit dem Zugang zur Lektüre der Bibel für alle, zu einer Bildungsoffensive und zu einem Denken, das die spätere Aufklärung begünstigte. Die radikale Umsetzung dieses mehr individualistischen Ansatzes des Glaubens durch die Täufer wurde zwar als staatsgefährdend zurückgewiesen. Auch die politische Anwendung des Gleichheitsgedankens durch die Bauern, die ihre Unterjochung durch die Oberschicht abschütteln wollten, fand bei den Reformatoren wenig Gnade. Die Gegenbewegung zum autoritären Staat war aber nicht mehr aufzuhalten.

 

Die politische Fortsetzung in der Aufklärung

Die Aufklärung war ein nächster Schritt dazu. Sie gipfelte in einer ersten Erklärung der Menschenrechte im Vorfeld der französischen Revolution. Auch hier reagierten die Kirchen vorerst mit grosser Zurückhaltung. Neben bibel- und kirchenkritischen Vertretern waren bei der Aufklärung aber von Anfang an auch christliche Denker mit dabei. Während die kirchenfernen Aufklärer die Menschenrechte mit dem Naturrecht nur unscharf begründen konnten, hatten die christlichen Aufklärer starke Argumente. Der Autor Kurt Beutler bringt dies so auf den Punkt: «Wenn es denn wirklich so ist, dass Gott alle Menschen in seinem Bild erschuf und Jesus am Kreuz nicht nur die oberen Zehntausend, sondern sogar den Mörder erlöste, der am anderen Kreuz hing, dann sind alle Menschen gleichwertig4

Der englische Arzt und Christ John Locke (1632 bis 1704) gehörte zu den ersten Denkern, welche die Aufklärung und die Menschenrechte mit einem biblischen Weltbild verbanden. Die ersten drei Menschenrechte sprechen das Recht auf Leben, Besitz und die Meinungsfreiheit an. Sie wurden laut Kurt Beutler5  bereits im 11. Jahrhundert von der katholischen Kirche anlässlich der gregorianischen Reform in Anlehnung an das römische Recht für alle Menschen proklamiert. Daran habe John Locke im 17. Jahrhundert angeknüpft. «Allerdings zog er viel radikalere Konsequenzen als seine katholischen Vorgänger. Er erklärte alle Regierungen für illegal, welche die allgemeinen Menschenrechte nicht durchsetzten. Ja, er ging noch weiter: Die Regierungen aller Länder hätten keine andere Aufgabe, als dafür zu sorgen, dass alle Bürger zu ihrem Recht kämen. Ansonsten sei es Pflicht der Bürger, diese Regierungen zu stürzen und durch andere zu ersetzen.» John Locke und seine Anhänger wiesen angesichts der Sündhaftigkeit aller Menschen darauf hin, dass man letztlich keinem Menschen bedingungslos trauen könne. Jeder müsse deshalb kontrolliert und seine Macht zeitlich beschränkt werden. Sie plädierten deshalb für die Demokratie und die Gewaltentrennung zum Schutz der Menschenrechte.

 

Die USA gehen voran

Zu den ersten Weltregionen, in denen diese Gedanken im Rahmen einer Nation Frucht trugen, gehörten die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Unter den frühen Einwanderern bildeten laut Kurt Beutler die Anhänger von John Locke in einigen Staaten eine Mehrheit, etwa die Baptisten in Rhode Island und die Quäker in Pennsylvania, «so dass dort von jenen Freikirchenleuten die weltweit ersten wirklichen Demokratien gegründet wurden»6.

Die US-Christen übten aufgrund ihres biblisch fundierten Glaubens in diesem freien politischen Umfeld einen starken Einfluss aus. Manche sahen in den USA das neue Volk Israel, das der Welt das Heil bringen sollte. Dieses Selbstverständnis ist theologisch zwar nicht haltbar: Das Volk Israel und die mit ihm verknüpfte Verheissung gibt es nur einmal. Trotzdem wirkt dieses Denken unter rechtsevangelikalen Christen bis heute nach. Dass sich diese Kreise dann dazu hinreissen liessen, ihren Heilsbringer in Donald Trump zu sehen, zeigt, wie gefährlich Erwartungen sind, die nicht am Wirken des einen Messias – Jesus Christus – gemessen werden.

Zum Glück trat der übertriebene Nationalismus nach der Devise «America First» gegen Ende des zweiten Weltkrieges in den Hintergrund. Der damalige Internationalismus führte dazu, dass sich die USA mit andern Staaten zusammen nicht zu schade waren, ihre demokratischen Grundwerte militärisch gegen diktatorische Ansprüche durchzusetzen. Eine mittelfristige Frucht dieses Einsatzes waren nach dem gewonnenen zweiten Weltkrieg die NATO und die Europäische Union.

 

Verfassungsrechtlicher Nationalismus

Neben England und Frankreich entwickelten sich auch die übrigen westlichen europäischen Staaten im Laufe des 19. Jahrhunderts zu verfassungsrechtlich begründeten Nationalstaaten. Die Staatsgewalt ging nun nicht mehr von einer Elite aus. Sie war an eine Verfassung gebunden und durch die Gewaltentrennung begrenzt. In der Verfassung waren der organisatorische Staatsaufbau, die territoriale Gliederung des Staates und das Verhältnis zu anderen Staaten geregelt. Sie konnte nur in einem besonders geregelten demokratischen Verfahren, verbunden mit hohen politischen Hürden, geändert werden.

Diese Nationalstaaten waren nicht mehr ethnisch, sondern rechtlich und territorial begründet. Das gilt nicht zuletzt auch für die Schweiz. Unser Bundesstaat entstand bekanntlich im Zusammenhang mit der Neuordnung Europas am Wienerkongress von 1815 und fand nach einigem Hin und Her mit der Verfassung von 1848 die heutige Form. Die ehemaligen eidgenössischen Untertanengebiete und die deutschsprachigen Kernlande wurden nicht etwa unter die angrenzenden Länder verteilt, es entstand vielmehr eine neue multiethnische Nation mit gleichberechtigten Kantonen, die vorsichtshalber mit dem europäischen Neutralitätssiegel ruhiggestellt wurde.

Mit verschiedenen Verfassungsreformen holte der Bundesstaat immer mehr Gesellschaftsgruppen an Bord des Nationalstaates: 1874 mit der Einführung des fakultativen Referendums zumindest einen Teil der katholischen Bevölkerung, nach dem 1. Weltkrieg mit den Nationalratswahlen im Proporzsystem die Bauern und die (späteren) Sozialdemokraten. So entstand eine direkte Demokratie mit einem ausgebauten Föderalismus, kombiniert mit dem Subsidiaritätsprinzip bis hinunter in die einzelnen Gemeinden7 . Unter den Bedingungen einer weltweiten Pandemie wurde das Schweizer System kürzlich einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt, der wir mit einem blauen Auge – zumindest vorläufig – entkommen sind.

Weniger nachahmungswürdig sind unsere krummen wirtschaftlichen Geschäfte unter dem Deckmantel der «Neutralität» und der Verschwiegenheit. Ebenso schräg ist das hartnäckige Leugnen unserer internationalen Verflechtung in einer globalisierten Welt. Heute gibt es nach aussen keine souveränen Nationen mehr, sondern nur noch Staaten, die mehr oder weniger voneinander abhängig sind.

 

Das Reich Gottes ist international

Jesus hat mit seiner Botschaft die Grenzen des jüdischen Staates zumindest im Ansatz überwunden. Seine Jünger verbreiteten diese Botschaft und ihre Werte in der ganzen antiken Welt. Im Laufe der Kirchengeschichte wurden – trotz Fehlentwicklungen wie dem Kolonialismus – immer mehr ethnische und nationale Grenzen überwunden, so dass man heute sagen darf und muss: Christen denken und handeln international. Sie passen damit hervorragend in unsere globalisierte Welt.

Trotzdem macht es Sinn, dass sie sich auch um ihre Nation, ihre Region und ihren Wohnort kümmern. Sie haben auf allen politischen Ebenen Werte und Strategien einzubringen, die den Zielen des Reiches Gottes und seines Gründers entsprechen. Verfassungsrechtlich organisierte Demokratien mit einer konsequenten Gewaltentrennung sind heute auf dem Rückzug. Getrieben von Macht und Geld kommen auch mitten im «christlichen» Europa immer mehr autoritäre (meist) Männer ans Ruder; kollektivistische Regierungsformen à la China und Russland bzw. am Stammesdenken orientierte afrikanische Staaten, die das Individuum verachten, sind im Aufwind.

Höchste Zeit also, dass wir, erfrischt vom Lebenshauch des Heiligen Geistes, wieder ganz neu unser Umfeld, unser Land und die globalisierte Welt mit den Werten und der Botschaft des Evangeliums prägen. Und das ganz ohne nationalistische Scheuklappen. Unsere Väter und Mütter im Glauben haben uns vorgemacht, was das heissen könnte.

 

1. Markus 1,15

2. Internetportal Livenet, Newsletter vom 12.4.22

3. Das Magazin Nr. 14 vom 9.4.22, Autor: Mikael Krogerus

4. Internetportal Livenet, Newsletter vom 25.4.22

5. Internetportal Livenet, Newsletter vom 1.4.22

6. Internetportal Livenet, Newsletter vom 1.4.22

7. Es besagt, dass die Ebene der Regulierungskompetenz immer so niedrig wie möglich und so hoch wie nötig angesiedelt werden soll.


Artikel ursprünglich erschienen am 02. Mai 2022 auf https://www.insist-consulting.ch/forum-integriertes-christsein/22-5-1-wieviel-nationalismus-ertraegt-das-evangelium.html

~ 4 min

Author: Elisabeth Rupp, Gründerin und Leiterin des Vereins Perla, Mitglied der Apostolischen Kirche CityLife in Vevey.

Was motiviert uns, jeden Morgen aufzustehen? Welche Kraft treibt uns an, vorwärts zu gehen? Diese Frage beschäftigt mich, wenn ich an die Großen dieser Welt denke, die ihr Leben der Verwirklichung ihrer Überzeugungen gewidmet haben, oder wenn ich die großen Errungenschaften der Geschichte und die noch laufenden betrachte. In der heutigen Zeit der Pandemie, in der alle unsere Bezugspunkte über den Haufen geworfen werden, wird diese Frage noch dringlicher. Wir könnten versucht sein, die Hände in den Schoß zu legen und auf das Ende der Welt zu warten, oder daran zweifeln, dass es sich lohnt, angesichts der vorherrschenden Kräfte wie Geld und Egoismus zu kämpfen.

Ein Leben, das von der Suche nach Glück motiviert ist

Laut dem amerikanischen Philosophen Charles Taliaferro, der sich auf Theologie und Religionsphilosophie spezialisiert hat1 , gibt es zwei mehrheitliche Sichtweisen auf den Zweck des Lebens: Christliche, jüdische und muslimische Gläubige sind der Ansicht, dass Gott gut ist und dass alles, was wir tun und unternehmen, diese Güte Gottes widerspiegeln muss. Es geht um den ewigen Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen. Andererseits ist die Mehrheit der Atheisten oder derjenigen, die nicht an die objektiven Werte des Guten glauben, der Ansicht, dass der Sinn, den der Mensch seinem Leben gibt, ihm ermöglicht, sich zu entfalten und das Glück zu entdecken. Diese beiden Perspektiven treffen sich in einem grundlegenden Element: Das Leben hat einen Sinn, und dieser Sinn ist mit dem Guten und dem Glück verbunden.

In der Bibel finden sich dazu folgende Aussagen, die die obige These bestätigen: In Genesis 1:31 heißt es: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“. In Markus 10,45 erklärt Jesus, dass er gekommen ist, um „sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“. Und schließlich sagt Paulus in Philipper 3,14: „Ich laufe dem Ziel entgegen, um den Preis der himmlischen Berufung Gottes in Jesus Christus zu gewinnen“. Jeder dieser Texte ermutigt uns, unser Leben auf ein himmlisches Ziel hin auszurichten, indem wir das Gute tun und danach streben, das Gute zu manifestieren.

Kühnheit als Mittel zum Erfolg!

Die Arbeit von SOS Méditerranée ist beispielhaft für die Ermutigung, sich von den Schwierigkeiten des Lebens nicht von unserer irdischen Mission abhalten zu lassen: Trotz der Hindernisse, die durch die politischen Herausforderungen der Asylfrage für Flüchtlinge in Europa entstanden sind, was sie ihr erstes Schiff Aquarius im Jahr 2018 gekostet hat, hat diese Organisation nicht aufgegeben und sich als äußerst hartnäckig in ihrem Kampf erwiesen, um Hunderte von Menschen zu retten, die zwischen Afrika und Europa in die Höhle des Todes getrieben wurden. Ihre Kühnheit besteht darin, dass sie an ihre Mission glaubte und alle möglichen Mittel einsetzte, um sie zu erfüllen: Eine breite Kommunikation über den Ernst der Lage dieser Immigranten, wodurch sie 2019 ein neues Schiff und staatliche Unterstützung erhalten haben. Was für ein inspirierendes Vorbild für uns Christen, die wir ebenfalls dazu berufen sind, beharrlich zu sein, um das Reich Gottes auf Erden zu manifestieren (Matth. 11,12), und denen es dennoch oft an der nötigen Kraft und dem Mut fehlt!

Liebe Leser, ich möchte Sie wirklich ermutigen, den Sinn Ihres Lebens zu betrachten. Ihre Anwesenheit auf der Erde, auch wenn sie vielleicht nicht viel in der Zeitleiste ist, ist nicht sinnlos. Jammern und Grübeln dienen nicht der Mission, die uns unser Schöpfer anvertraut hat. Vielleicht wissen Sie es noch nicht, aber ich selbst bin der Anführer einer Bewegung, die sich für die weltweite Abschaffung des Menschenhandels einsetzt, auch wenn sie noch nicht sehr groß ist. Ihr Name ist Perla. Manchmal bin ich angesichts der Größe der Aufgabe und vor allem der Größe des Giganten, gegen den wir kämpfen, versucht, alles aufzugeben. In der Tat gibt es viele Kräfte, die uns entgegenstehen, sei es Geld, Drogenkartelle, die Passivität der Politik oder Korruption auf allen Ebenen. Und dennoch. Der Ruf Gottes, der uns dazu drängt, diese Ungerechtigkeit anzuprangern, genügt mir, um mir von Tag zu Tag mehr Mut zu machen. Sind wir nicht Salz und Licht auf Erden?

Mit Gott an unserer Seite

Warum macht uns Kühnheit so viel Angst? Fürchten wir, dass es uns an Demut mangelt? Dass wir arrogant sind, wenn wir glauben, die Welt verändern zu können? Dies zu sagen, bedeutet bereits, das Gegenteil zu beweisen. Tatsächlich hat Jesus am Kreuz gegen das Böse gekämpft, und sein strahlender Sieg, wenn auch zu einem hohen Preis, macht uns zu seinen Erben. Die Opfer eines Lebens, das einem solchen Kampf gewidmet ist, werden den Stolz, der sich in uns manifestieren könnte, festnageln. Andererseits, seien wir ehrlich: Was uns lähmt, ist vielmehr die Angst, uns ins Unbekannte zu stürzen oder der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Der Blick des anderen entmutigt uns schließlich, überhaupt etwas zu unternehmen. Anstatt Kühnheit mit negativen Assoziationen zu verbinden, sollten wir uns daran erinnern, dass Kühnheit in erster Linie ein Ausdruck von Mut und Glauben ist. Ersterer ist uns von Gott gegeben (2. Tim. 1,7), während letzterer es uns ermöglicht, Berge zu versetzen.

Martin Luther King hat es wie folgt zusammengefasst: „Ich möchte [an der Seite von Jesus sitzen] in Liebe, Gerechtigkeit, Wahrheit und Hingabe an andere, damit wir aus dieser alten Welt eine neue Welt machen können.“ 2

Also, sind Sie bereit für das Abenteuer?

1. www.askphilosophers.org/question/4453

2. https://kinginstitute.stanford.edu/king-papers/documents/drum-major-instinct-sermon-delivered-ebenezer-baptist-church, Übersetzung durch die Autorin dieses Artikels.


Tribune erschienen unter der Rubrik „Regards“ in Christ Seul (Monatszeitschrift der evangelischen Mennoniten-Kirchen in Frankreich), Nr. 1117, März 2021, www.editions-mennonites.fr.

Photo by Tyler Lastovich on Unsplash

 

~ 3 min

Christentum, Rassismus und Umweltschutz: diese drei grossen Themen klingen auf den ersten Blick, als hätten sie kaum etwas gemeinsam. Doch schaue ich mir zum Beispiel den Regierungsstil von Jair Bolsonaro an, wird der Zusammenhang sehr offensichtlich – und er macht mich als Christin hellhörig.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist eine sehr kontroverse Figur der internationalen politischen Landschaft. Einerseits lockert er die Gesetze zur Abholzung des Regenwaldes und diskriminiert die indigene Bevölkerung, andererseits proklamiert er seinen Glauben an Jesus Christus. Für evangelikale Christen ist er ein Vorbild, für Umweltschützende und Menschenrechtler ein wandelnder Albtraum. Für mich als Christin ist es schwierig nachzuvollziehen, wie ein Mensch an Gott glauben und gleichzeitig öffentlich rassistisch und umweltfeindlich auftreten kann. Doch ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass Bolsonaro keine Ausnahme ist.

Die Geschichte beginnt 1492. Christoph Kolumbus suchte im Auftrag der spanischen Krone einen direkten Seeweg nach Indien und entdeckte dabei Amerika. Die Entdeckung der „neuen Welt“ weckte auch das Interesse des Papstes. Mit dem Ziel das Christentum zur Weltreligion zu machen, verfasste Papst Alexander VI. im Jahr 1493 die Bulle Inter Caetera, worin er den Christen die Einnahme aller Gebiete erlaubte, die nicht von einem christlichen Herrscher regiert wurden. Spanien verfolgte fortan das Ziel Latein- und Südamerika zu erobern, zu missionieren und in den spanischen Herrschaftsbereich zu integrieren. Machtpolitische Ziele vermischten sich mit dem Gedanken, dass das spanisch-christliche Weltbild das fortschrittlichste und allen anderen überlegen war. Die Weltbilder der indigenen Bevölkerung Süd- und Lateinamerikas waren jedoch animistisch geprägt. Dies befremdete die spanischen Eroberer und Missionare. Ihre ersten Berichte über die Einheimischen waren daher aus heutiger Sicht äusserst rassistisch. Die Beziehung der Eroberer und Missionare zur einheimischen Bevölkerung war von Anfang an ambivalent. Einerseits brauchten die Eroberer die Einheimischen auf Erkundungsreisen im Landesinnern und um Rohstoffe für den Handel zu finden. Andererseits behandelten sie die Einheimischen selbst dann nicht als gleichwertig, wenn sie zum Christentum konvertiert waren. Dieses Verhalten widersprach jedoch der Bulle Inter Caetera und den Ansichten einiger Missionare, welche sich für die gleichwertige Behandlung der Konvertiten einsetzten. Einer der sich vehement für die gleichen Rechte Indigener in Mexiko einsetzte, war Bartolomé de las Casas. Er gilt noch heute als einer der ersten Menschenrechtler. Für mich ist er ein grosser Lichtblick in diesem traurigen Abschnitt europäischer und amerikanischer Geschichte.

Die Auswirkungen des Kolonialismus sind heute noch global spürbar, denn Kolonialismus fand nicht nur auf den Kontinenten dieser Welt statt, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Zwar wurde das christliche Weltbild in Europa und den USA durch ein naturalistisches abgelöst, doch im Kern blieb der Gedanke der „weissen Überlegenheit“ (white supremacy) hängen. Gerade im Umweltschutz war dieser Überlegenheitsgedanke lange Zeit stark verbreitet. Indigene wurden von ihrem Land vertrieben, um Nationalparks zu gründen. Traditionelles Wissen über Tiere und Pflanzen wurde gegenüber der westlichen Naturwissenschaft abgewertet. Einheimische Umweltschützende erhielten einen geringeren Lohn als ihre weissen Kollegen oder durften erst gar nicht an den Artenschutzprojekten im eigenen Land mitarbeiten. Einige dieser Missstände existieren leider noch heute. Als Antwort auf die „Black Lives Matter“- Bewegung gibt es innerhalb des Umweltschutzes Bestrebungen, diese Missstände ein für alle Mal zu beheben und die Umweltschutzprojekte der einheimischen Bevölkerung besser zu unterstützen.

Bis der Gedanke der „weissen Überlegenheit“ aus den Köpfen der Menschen verschwunden sein wird, wird wohl noch etliche Zeit verstreichen. Was wir als Christen heute bereits tun können, ist genau hinzuschauen, sobald eine Regierung wie jene von Jair Bolsonaro mit derselben fremdenfeindlichen Gesinnung auf die indigene Bevölkerung des eigenen Landes zugeht wie einst die europäischen Kolonialmächte. Der Präsident von Brasilien mag sich als Christ identifizieren, doch gibt es ihm noch lange nicht das Recht den Einheimischen unter dem Deckmantel des wirtschaftlichen Fortschritts ihr Land wegzunehmen und ihre Umweltschutzprojekte zu untergraben. Genauso wie der westliche Umweltschutz muss sich auch das Christentum der Frage stellen, wo sich in seinen Überzeugungen die Idee der „weissen Überlegenheit“ eingeschlichen hat. Denn nur so wird es uns als Christenheit in Zukunft gelingen, weniger Bolsonaros und mehr de las Casas‘ hervorzubringen.

~ 2 min

Brüder und Schwestern, die für soziale Gerechtigkeit empfänglich sind, erschien es Ihnen jemals einfacher, den abgewiesenen Asylbewerber zu lieben als den Quasi-Faschisten um die Ecke? Vielleicht fühlten Sie sich mit dem umweltfreundlichen Mann in Ihrem Gemeinschaftsgarten mehr verbunden als mit Ihrem Bruder in Christus, der durch Motorradfahrten verzweifelt war?

Soziale Ungleichheiten und Abschottung

Die anhaltende Bewegung der gelben Jacken ist ein weiterer Beweis dafür: Nicht alles läuft gut. Die heutige Welt hat ihren Anteil an Missverständnissen und Revolten, die zum Bau von Mauern zwischen verschiedenen Kategorien von Menschen führen.

Es besteht die große Gefahr, die Übel des Jahrhunderts zu einem persönlichen Problem zu machen. Angesichts der anhaltenden Anzeichen von Ungleichheit in unseren Ländern sollten wir einen Schritt zurücktreten und unsere direkteren Beziehungen betrachten. Lassen Sie uns das Ausmaß unseres Wunsches nach Gerechtigkeit messen, wo wir normalerweise nicht in „sozialer Gerechtigkeit“ denken.

Es ist verlockend, unsere Mitmenschen nach unseren eigenen Kriterien zu beurteilen. Doch bei der Verteidigung der Ursachen, die wir am meisten zu respektieren glauben, brauchen wir den Gott der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit immer noch genauso dringend, wie die Person, die mit uns nicht einverstanden ist.

Angesichts dieser Realität sollten wir uns mit einer relationalen Wahrheit des Evangeliums beschäftigen:

Eine erste Geste der Nächstenliebe: Nimm den Balken aus seinem Auge.

Durch die Arbeit mit Holz zeichnete der Zimmermann Jesus ein sehr gutes Bild: „Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ‚Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausnehmen‘, wenn du den Balken in deinem eigenen Auge nicht sehen kannst? Heuchler, nimm zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du sehen, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders entfernen kannst. „(Lk 6:42)

Dies ist der erste Akt der Nächstenliebe, der durchgeführt werden muss: die eigenen Fehler erkennen zu können. Schöne Ideen und gute Werte zu haben, bringt uns nie von dem Streben nach Demut und Integrität ab1 .  Dann laden sie uns ein, den anderen ohne Arroganz herauszufordern, in einem für beide Seiten fruchtbaren Prozess.

Eine überwältigende Liebe

Dieser Aspekt ist revolutionär, vor allem in den kleinen Details unseres Lebens. Die in die Praxis umgesetzte Liebe umfasst nicht nur Tapferkeit und Mitgefühl, sondern auch jede Form von Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.

Da wir in einem Klima der Polarisierung, des Übermaßes und der Extreme leben, sollten wir uns davor hüten, andere zu verachten, und stattdessen für ihr Wohl handeln, auch wenn sie kein Mitleid erregen. Jesus betont, dass unsere sozialen Verpflichtungen nur dann von Wert sind, wenn sie in verwandelten Herzen und Beziehungen verwurzelt sind.

1.  Inspiriert von Tom Holladays Buch „Beziehungen“: Das Modell Jesu, Ourania, 2010.

Bild: Steve Buissinne auf Pixabay

~ 2 min

Nach einem Artikel [2] ] in Le Monde online sind 3,2 Millionen Franzosen, d.h. mehr als 13% der erwerbstätigen Bevölkerung, einem hohen Burn-out-Risiko ausgesetzt. Diese Menschen gehen über ihre Grenzen hinaus und riskieren, in einen Zustand der totalen Erschöpfung zu geraten und manchmal für den Rest ihres Lebens gezeichnet zu sein. Andererseits schätzt Christian Bourion, ein Arbeitsökonom, dass 30% der Arbeitnehmer unter Bore-Out, d.h. völliger Demotivation und Krankheit durch Langeweile am Arbeitsplatz, leiden. Wenn wir zu diesem Mobbing, den Konflikten, der sexuellen Belästigung, dem Workaholismus, der Verunglimpfung, der Lohnungleichheit noch etwas hinzufügen, sieht die Arbeitswelt nicht mehr unbedingt wie ein Eldorado voller Möglichkeiten aus, sondern wie ein wirklich gefährlicher Dschungel. Christen werden natürlich nicht verschont.

Große Hoffnungen, dann Desillusionierung?

Und auch unsere Gesellschaft verlangt viel, stellt der Forscher Christian Bourion fest: „Heute wollen die Menschen, dass die Arbeit eine Quelle der Erfüllung ist. So erziehen wir unsere Kinder, wir geben ihnen eine lange Ausbildung. Aber wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten, ist es eine große Enttäuschung. Das Ergebnis ist noch mehr Leid. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Realität sieht so aus: Gott schuf den Menschen und gab ihm die Verantwortung, sich um den Garten Eden zu kümmern. Doch sein Sturz, seine Revolte gegen Gott in Eden, hat die Bedingungen dieser Arbeit verändert.

Einem wohlwollenden Führer gehorchen

Wie können wir dann unseren Einsatz in der Arbeitswelt als Christen in der Nachfolge Christi leben? Hier sind einige Punkte, die mir wesentlich erscheinen.

Unser einzig wahrer Führer ist Christus! Und er sagt uns, dass seine Last leicht ist, weil er sie mit uns trägt. Er will uns wahrscheinlich nicht zum Burn-out oder Bore-Out führen. Wenn wir uns bei unserer Arbeit überfordert fühlen oder keinen Sinn mehr darin sehen, können wir mit unserem Leiter sprechen, um seine Unterstützung und Anweisungen zur Verbesserung der Situation zu erhalten.

Die Härte der Arbeit wird in der Bibel mit dem Einbruch der Sünde in die Welt assoziiert (1. Mose 3:17) Es ist zu erwarten, dass wir Schwierigkeiten haben werden, damit umzugehen.

Hoffnung für die Zukunft wecken

Aber selbst in diesen Schwierigkeiten kann unsere Arbeit eine schöne Frucht hervorbringen, die die Liebe Gottes im Dienst an der Welt bezeugt. Und wir können uns auch dafür einsetzen, dass Respekt und Würde und bessere Arbeitsbedingungen in diesem oft gnadenlosen Sektor besser gewährleistet sind.

Erinnern wir uns vor allem daran, dass eines Tages Christus kommen wird, um die Tränen, das Leiden und die Frustration, die mit der Arbeit verbunden sind, zu beseitigen!

 

1.    Die Welt online, https://www.lemonde.fr/economie/article/2014/01/22/plus-de-3-millions-de-francais-au-bord-du-burn-out_4352438_3234.html

Foto von jesse orrico auf Unsplash

~ 2 min

Wie kann der Glaube unser Finanzmanagement beeinflussen?
Samuel teilt seine Erfahrung. Sein Zeugnis.

Ich warte auf Gott…

Bevor ich als freiberuflicher Übersetzer arbeitete, war ich Angestellter. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde ich nach fünf Jahren gefeuert. In den folgenden zwei Jahren hatte ich das Privileg, Arbeitslosengeld zu beziehen. Als ich am Ende meiner Rechte angelangt war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich einen Solidaritätsjob annehmen würde, der mich dazu gebracht hätte, in einem völlig anderen Bereich zu arbeiten, ohne dass ich wirklich die Aussicht hatte, eines Tages zum Übersetzen zurückzukehren. Also beschloss ich, mich selbstständig zu machen.

Aber angesichts der Schwierigkeit, meine ersten Kunden zu gewinnen, quälten mich Sorgen, nächtlichen Grüblereien, Existenzängste – ja, ich hatte regelrecht Angst vor dem Sterben! Angesichts dieses Unfriedens entdeckte ich die Stelle in Sprüche 30,8: „Gib mir weder Armut noch Reichtum, sondern gib mir das Brot, das ich brauche. „Ich begann, zu Gott zu beten, dass er mir Vertrauen schenkt, dass er für meine Bedürfnisse sorgt (nicht mehr und nicht weniger). Im Laufe der Wochen verflogen meine Ängste allmählich. Gleichzeitig war die Gewinnung neuer Kunden von ersten Erfolgen gekrönt.

… und tue, was ich kann

Nach dieser Gründungsphase kam die Phase des Wohlstands: mein Auftragsbuch füllte sich, meine Finanzen waren ausgeglichen. Die Herausforderung bestand nun darin, immer getreu dem Sprichwort, nicht zu viel zu haben, damit ich mich nicht überarbeite und erschöpfe, sondern mit dem zufrieden zu sein, was ich zum Leben brauchte. Also betete ich zu Gott, er möge den Hahn etwas „abdrehen“. Auf diese Weise bin ich zu einer Neugewichtung gekommen, die bis heute immer wieder neu gefunden werden muss. Die Herausforderung bleibt also, auf Gott zu warten und gleichzeitig alles zu tun, um meine finanzielle Situation zu ändern.


Veröffentlicht in Christianity Today, Juli-August 2018, unter dem Titel „Weder zu viel noch zu wenig“ (S. 19).

~ < 1 min

Was ist Wahrheit? 

Die Wahrheit ist bei Gott. Nicht bei uns Menschen. Der Teufel als Vater der Lüge ist jedoch dabei, Gott und das, wie er sich in der Welt offenbart, konsequent zu leugnen. Deshalb ist es unser Auftrag, über der Welt, wie Gott sie geschaffen hat, der Wirklichkeit, in der er sich geoffenbart hat, die  Wahrheit zu sprechen.

Jedoch sollten wir die Demut besitzen anzuerkennen, dass wir die Wahrheit immer nur als Stückwerk sehen können.  (1. Korinther 13).  Wenn wir von Wahrheit sprechen, darf sie nicht abstrakt oder abgehoben daherkommen. Sie soll zunächst uns persönlich verändern und in Taten für den anderen und für die Welt münden.

Unser Autor Michael Gonin hat sich dem, was in der Bibel als Wahrheit beschrieben wird, tiefer auseinandergesetzt:

Verite-ForumChristNet-MGonin_PostFORUM

~ 3 min

Reich Gottes: ein flüchtiger Zustand

Jemand hat einmal gesagt: «Jesus hat das Reich Gottes gepredigt. Gekommen ist die Kirche» Die Kirche ist nicht das Reich Gottes auf Erden. Im Zentrum der Verkündigung des Jesus von Nazareth stand die Nachricht, dass überall da, wo Menschen sich auf Gott ausrichten, andere Regeln gelten, eine neue Welt entsteht und wieder vergeht, die flüchtig ist, aber die betroffenen Menschen für immer prägt.

Die Bergpredigt ist die «Charta» des Reiches Gottes. Wo Menschen sich nach ihr ausrichten, ereignet sich Reich Gottes. Und verschwindet auch wieder: Es ist ein Zustand, keine Institution. Es ereignet sich da, wo Gott es will. Es lässt sich nicht festhalten.

Matthäus erzählt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Kap. 20,1–16), um einen Aspekt dieses Gottesreiches zu beleuchten. Wo Gott im Zentrum ist, besteht kein Zusammenhang mehr zwischen Lohn und Leistung.

Schweizer schaffen Neid ab

Der Idealist in mir, der Theologe, der Christ, der Träumer und der Realist sagt: Das Bedingungslose Grundeinkommen verwirklicht diese Idee. Jesus hatte sie als erster. Wir verzichten in Zukunft darauf, Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit zu beurteilen; sie danach zu beurteilen, ob sie volkswirtschaftlich etwas bringen oder nicht. Wir könnten sogar das schreckliche Wort «Invalidität» endlich, endlich abschaffen, das im Prinzip nur dem Menschen einen Wert zumisst, der funktionieren kann. Insofern ist der Flyer zu diesem Tag ganz gut gemacht: Wir schaffen ein Stück Himmel auf Erden – durchaus in einem evangelischen Sinn.

Darum bin ich dafür, dass wir es versuchen. Es braucht ein neues Verständnis von Ökonomie. Es braucht vor allem ein neues Selbstverständnis für uns Schweizerinnen und Schweizer. Das BGE funktioniert nur als gemeinschaftliches Projekt. Stellen Sie sich mal vor, wir Schweizer würden den Neid abschaffen!

Ob die Idee finanzierbar ist oder nicht, ob sie zu mehr Staat führt oder zu weniger – dazu ist viel gesagt und noch mehr behauptet worden. Niemand weiss es wirklich. Weniger Ämter, weniger Behörden – das wäre schon schön. Aber niemand weiss, wie es wirklich würde.

Chance verpasst

Meine Zweifel kommen aus einer ganz anderen Überlegung. Ich bin seit Jahren stark engagiert in der Integration von Jugendlichen. Im Jahr 2000 gründeten wir in Basel die Job Factory; 2013 in Neuchâtel das Unternehmen PerspectivePlus. Jugendliche sollen mit der Kraft des Marktes integriert werden. Wir wollen weg von Beschäftigung, hin zur Kundenorientierung. Bei unseren Integrationsanstrengungen ist zentral, dass die Jugendlichen verstehen, dass die Wirtschaft sie braucht. Dass sie etwas zu unserer Gesellschaft beitragen können. Dass sie etwas lernen sollen, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Viele von ihnen würden nicht verstehen, weshalb sie sich anstrengen sollen, weshalb sie sich während einer Ausbildungszeit einschränken sollen, wenn sie einfach so Fr. 2500.- erhalten. Es wäre ihnen nicht beizubringen, weil sie nicht in der Lage sind, sich gedanklich in die Zukunft zu versetzen. Sie würden wohl erst zwanzig Jahre später realisieren, dass sie etwas verpasst haben. Und dann wäre es zu spät.

Ein Commitment für uns Schweizer

Aber es kann funktionieren. Warum ich das weiss? Ich lebe schon mit einem Grundeinkommen. Seit über 30 Jahren. 1977 gründeten ein paar Freunde eine Communität. Eine Lebensgemeinschaft, die sich «Don Camillo» nennt. Wir leben in der Tradition der Klöster. Wir tun dies in Berlin, Basel, Bern und Neuchâtel. Wir sind an allen Orten anerkannter Teil der evangelischen Kirche und arbeiten eng mit ihr zusammen.

Wir beten die Stundengebete – wie im Kloster. Wir teilen unsere Einkünfte und verteilen sie neu – nach Bedürfnissen. Das ermöglicht uns, Projekte anzufangen, die zu gross sind. Dass wir das Geld teilen, ist eine Folge des geteilten Lebens und des geteilten Glaubens. Wir leben von eigenen Einkünften, aber viele Freunde unterstützen unsere Projekte – auch sie teilen. Es ist gar nicht so kompliziert. Ich habe mit meinen Kolleginnen und Kollegen die Frage diskutiert, ob das Grundeinkommen, dass jede und jeder bei uns hat, bedingungslos ist. Wir sind unsicher. Alle, die bei uns mitmachen, arbeiten gerne und viel.

Ich glaube, dass das BGE funktionieren kann. Aber es bräuchte eine starke Basis. Ein gemeinsames Commitment. Ob wir als Schweizer das haben oder noch haben, ist für mich die zentrale Frage.

Nebensachen

Zum Schluss eine Beobachtung aus dem Gleichnis von Jesus, die nichts mit Lohn und Leistung zu tun hat.

Der Weinbergbesitzer ist nicht nur grosszügig. Er ist auch ein furchtbar schlechter Planer. Er verbringt ja den ganzen Tag damit, immer neue Arbeiter anzuheuern. Was ich dazu sagen soll, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Meine Vermutung ist, dass Fragen um Geld und Lohn, um Zuviel und Zuwenig gar nicht so wichtig sind. Könnte es sein, dass wir uns ständig mit Nebensachen beschäftigen?

 

Referat und Zeichnungen von Heiner Schubert am ChristNetForum «Bedingungsloses Grundeinkommen – der Himmel auf Erden», 21. Mai, in Zürich.

~ 4 min

Zeugnis von Roger Zürcher, in der internationalen Zusammenarbeit tätiger Agraringenieur, Text aus seinem Blog Titunaye.

Eine erstaunliche Geschichte

Ich hatte das unerwartete Privileg, im November 2014 an einem Ausbildungskurs für konservierende Landwirtschaft in Simbabwe teilzunehmen, einem Land, das ich noch nie zuvor besucht hatte und in dem ich niemanden kannte. Die Reise war in vielerlei Hinsicht erstaunlich. Ich möchte für einen Moment abschweifen: Ich habe die Aufregungen, die es im Königreich Gottes, dem „Königreich von oben nach unten“, gibt, immer geliebt.

Das Training wurde von Foundations for Farming (früher „Farming God’s Way“ genannt) organisiert. Diese Struktur wurde von einem simbabwischen Landwirt, Brian Oldreive, englischer Herkunft, gegründet, der einen sehr untypischen und „überwältigenden“ Hintergrund hat. Er war ein großer Produzent von Tabak (auf mehreren tausend Hektar), den er konventionell (d.h. mit den gebräuchlichsten Techniken, mit Pflügen und Chemikalien) anbaute. Eines Tages beschloss er, ein Jünger Jesu Christi zu werden. In einer schlaflosen Nacht wurde ihm klar, dass seine Arbeit für sein neues Leben nicht mehr angemessen war. Er wollte nicht länger Tabak produzieren, ein Produkt, das die Menschen versklavt. Also beschloss er, Mais anzubauen.

Dem Land treu sein

Leider hatte er keine Erfahrung mit dieser Kultur, und die Ernten waren schlecht. So sehr, dass er die Banken bitten musste, ihm mehr Geld zu leihen. Die Banken stimmten unter der Voraussetzung zu, dass er zum Tabakanbau zurückkehrte, zu der Ernte, in der er ihrer Meinung nach gut war. Er weigerte sich und verlor am Ende alles: seine Farm und sein Land. Dann suchte er in Harare nach Arbeit und fand schließlich eine Farm, die er mieten konnte, aber das Land befand sich in einem katastrophalen Zustand, völlig erodiert. Er versuchte immer noch, unter diesen Bedingungen Mais zu produzieren, aber die Erträge waren gering und er produzierte mit Verlust. Die Situation war wieder kritisch. In seiner Verzweiflung wandte er sich an Gott und bat ihn, ihn zu lehren, wie man Landwirtschaft betreibt. Seltsame Bitte für einen Bauern von Generation zu Generation.

Der Wald respektiert den Boden

Gott sagte ihm dann (oder inspirierte die Idee), in den Wald zu gehen. Als er in der Wüste betete, hatte er das Gefühl, dass Gott ihm sagte, er solle beobachten, was er sah. Er dachte über die Funktionsweise des Waldes nach, eines natürlichen oder „göttlichen“ Ökosystems. Daraufhin erschienen ihm zwei Prinzipien, die er als „Prinzipien der Achtung des Bodens“ bezeichnen würde:

Nicht pflügen: Bäume wachsen ohne zu pflügen, die Erde muss nicht gewendet werden, damit Samen wachsen können.
Dauerhafte Bodenbedeckung: Der Boden ist dauerhaft mit abgestorbenen Blättern und Pflanzenmaterial bedeckt, das austrocknet oder sich zersetzt.

Brian versuchte dann, diese Prinzipien auf seinen Gebieten anzuwenden. Das Direktsaatprinzip existiert in der Landwirtschaft seit den 1930er Jahren unter dem Namen „konservierende Landwirtschaft“ (ein Ansatz, der heute von der FAO gefördert wird1 ). Aber die von Brian entwickelte Methode geht weiter als das, was allgemein unter diesem Begriff verstanden wird.

Grundsätze zum Teilen

Er begann mit einem einzigen Hektar und ging dann, ermutigt durch die Ergebnisse, zu zwei Hektar Mais über, der ohne Pflug und mit Mulch (Pflanzenstreu) angebaut wurde. Die Ergebnisse waren so gut, dass es ihm gelang, einen Gewinn zu erzielen, der die Verluste auf dem Rest des Betriebs ausglich. Dann dehnte er seine Methode auf das gesamte Gut aus, kaufte sogar Land von den Nachbarn und bebaute schliesslich 3’500 Hektaren ohne zu pflügen.

Da sagte Gott zu ihm: „Ich habe euch das nicht gezeigt, damit ihr reich werdet, sondern damit ihr es mit allen teilen könnt, insbesondere mit den Armen“. Also begann Brian, Kurse für Bauern zu organisieren und Demonstrationsfelder anzulegen. Die Ergebnisse waren ausgezeichnet: Die Erträge lagen bei über 10 Tonnen pro Hektar, während die Bauern oft zehnmal weniger ernten – aber sie hielten nicht lange, als die Mitarbeiter der Organisation das Gebiet verließen. Was war das Problem?

Lernen, Profit zu machen

Das Team von Foundations for Farming erkannte, dass den Bauern nicht das technische Wissen fehlte, sondern das Wissen, dieses Wissen in ein profitables Geschäft umzusetzen. Also bat Brian Gott, ihm zu sagen, wie er aus dieser Situation herauskommen könne, und die Antwort lautete: „Lernen Sie, wie Sie Profit machen können“. Die Antwort lautete: „Lernen Sie, wie man Gewinn macht“, und um das zu tun, müssen einige Prinzipien respektiert werden:

  • pünktlich: Dinge pünktlich erledigen, nicht zu spät; dies ist besonders wichtig beim Säen und Jäten.
  • beim Standard: Einhaltung von Qualitätsstandards; beispielsweise muss sich die Pflanze richtig entwickeln können.
  • ohne Verschwendung: Die Praxis der Buschfeuer zum Beispiel ist eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen, die sich in Rauch auflösen, ganz zu schweigen von der Zerstörung der Bodenstruktur.
  • mit Freude: Freude hilft, Begeisterung auszulösen; sie kommt auch aus einer dankbaren Haltung und erlaubt uns, in Gemeinschaft mit dem Schöpfer zu bleiben.

Oberflächlich betrachtet sind diese Prinzipien recht einfach, aber sie sind ebenso revolutionär wie die Prinzipien des Respekts für den Boden.

Natur imitieren, Schöpfung respektieren

Ich war erstaunt zu sehen, wie begeistert die Teilnehmer aus den verschiedenen afrikanischen Ländern, die an der Schulung teilnahmen, von der Methode „Farming God’s Way“ waren. Mehrere von ihnen sagten sogar aus, dass sie eines Tages von ihren Positionen in ihren Organisationen zurücktreten werden, um sich der Landwirtschaft zu widmen! Das mag ihren derzeitigen Arbeitgeber nicht glücklich machen, aber was für eine Wende! In einem Kontext, in dem unbestimmte Arbeitsplätze selten sind, ist es wirklich überraschend, diese Rede zu hören! Tatsächlich habe ich selbst meine eigene Vorstellung davon, wie man ein Stück Land bebauen kann…

Ich bin erstaunt über die Weisheit oder den Weg Gottes. Die Nachahmung der Natur war schon immer eine treibende Kraft für Innovationen. In diesem Beispiel in Simbabwe verstand es ein „einfacher“ Bauer, von Gott geführt, durch diese Methode, dem Land treu zu sein und misshandelte Böden wiederherzustellen.

Lektüre

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.foundationsforfarming.org.

Es gibt andere Methoden, die ebenfalls die Natur imitieren, wie z.B. die Permakultur: http://www.permaculture.ch/la-permaculture/.

1. Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.