Am 31. Oktober 2026 findet im Zwinglihaus in Basel die 17. StopArmut Konferenz statt. Unter dem Thema «Arme Welt – Wie weiter?» Wie globale Armut uns prägt und wir gemeinsam dagegen aufstehen können“ wollen wir uns Fragen der globalen Armutsbekämpfung annehmen. Im Jahr 2015 verabschiedeten 193 Staaten gemeinsam die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Im Zentrum steht SDG 1: Keine Armut, mit dem ambitionierten Ziel, Armut in all ihren Formen weltweit zu beenden – bis 2030. Heute stellt sich die Frage: Was ist aus diesem gemeinsamen Aufbruch gegen die Armut geworden? Was bedeutet es, in einer zunehmend komplexen und unsicheren Welt verantwortungsvoll zu handeln, für eine gerechtere Zukunft für alle?
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» bzw. über die Nachhaltigkeitsinitiative ab. Dass diese alles andere als zukunftsfähig ist, sondern einfach Probleme bewirtschaftet, zeigt der folgende Artikel.
Verkehrschaos, Kulturlandverlust, gar Klimaerwärmung – die SVP klingt neuerdings «wie ein radikaler Öko-Verband», wie die NZZ am Sonntag feststellt.1 Sogar der alte SVP-Haudegen Christoph Mörgeli entdeckt seine öko-romantische Seite: «Die Natur, die Landschaft, und das, was wir Heimat nennen, leiden …» Und: «Wenn ein überbauter Boden seine Durchlässigkeit verliert, trägt das zu Klimaerwärmung ebenso bei wie zum Verlust der Artenvielfalt (…).»2 Dabei kämpft die Partei ebenfalls verbissen gegen das wohl griffigste Instrument gegen die Zersiedelung des Landes und den Erhalt von schützenswerter Natur, nämlich das Raumplanungsgesetz. Das revidierte Gesetz wurde zwar letztlich von allen Parteien gutgeheissen und ist erst dieses Jahr in Kraft getreten, doch die Verordnung zur Umsetzung wird von der SVP mit einer Unzahl von Einwänden bekämpft.
Egal ob Greenwashing oder ein anderes Framing: Letztlich ist auch die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» eine Anti-Asyl-Initiative, das geben die SVPler sogar zu.3 Sie verfolgt also das gleiche Ziel wie die Masseneinwanderungsinitiative, die Ausschaffungsinitiative und die Durchsetzungsinitiative – und wie schon die extreme Überfremdungsinitiative, 1968 noch von der Nationalen Aktion unter James Schwarzenbach eingereicht.
Es ist unbestritten, dass das starke Bevölkerungswachstum der Schweiz – 75 % davon aus den EU- und EFTA-Staaten – Probleme verursacht. Erschwingliche Wohnungen sind mancherorts kaum zu finden, fünf Tage Pendeln ist kein Zuckerschlecken. Aber weder sind die Asylsuchenden die Ursache dafür – oder nur zu einem ganz kleinen Teil – noch ist es die Lösung, den Asylbereich erneut ins Kreuzfeuer zu nehmen.
Der Kontext
Bevölkerungswachstum
Die Schweiz ist in den letzten Jahren viel stärker gewachsen als etwa Deutschland. Das stimmt! Vor allem die Zuwanderung aus der EU war hoch: Kein anderes europäisches Land – abgesehen von den Kleinstaaten Malta, Luxemburg und Island – verzeichnete im Verhältnis einen so starken Zuwachs aus der EU. Jedoch gibt es grosse regionale Unterschiede. Gewachsen sind vor allem die Agglomerationen, die Städte selbst nur leicht, während in Berggebieten eine Abwanderung stattfindet. Ein Teil des Wachstums im Mittelland ist auch auf Binnenmigration etwa aus den Kantonen Graubünden und Tessin zurückzuführen.4 Überdies befindet sich die Schweiz auf einer europäischen «Wachstumsinsel», wie der Demograf Matthias Lerch sagt.5 Eigentlich ist es mehr als eine Insel: Ein riesiges Gebiet mit wirtschaftlich dynamischen Zentren, das von London über die Benelux-Staaten und das deutsche Rheinland, Süddeutschland und die Schweiz bis Norditalien reicht, auch bekannt unter dem Begriff «blaue Banane».6 Die Prognose des Bundesamtes für Statistik erwartet, dass im normalen Szenario – und ohne die Massnahmen der Initiative – die Bevölkerung 2055 10,5 Mio. erreicht, beim tiefen Szenario beginnt die Zahl nach einem Höchststand von 9,3 Mio. ab 2043 wieder leicht zu sinken und nur beim «hohen Szenario» werden 2055 11,5 Mio. erreicht.7
Reale Probleme ohne nachhaltige Lösungen
Die SVP spricht einige real existierende Probleme der Zuwanderung an. Doch die Initiative ist kein nachhaltiger Lösungsweg. Wäre sie eine Matheprüfung, müsste man sie wohl mit einer Drei bewerten: Überhastet geschrieben und weitgehend ohne innere Logik. Nehmen wir nur den Asylbereich: Vielleicht würde es mit einigen unethischen Kniffen gelingen, die Asylgesuche zu reduzieren und vorläufig Aufgenommene aus dem Land zu werfen. Sollte das «hohe Szenario» eintreffen, wird das aber bei weitem nicht ausreichen. Die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens wird unumgänglich sein. Damit wird die Schweiz auch aus dem Schengen/Dublin-System mit der EU-weiten Datenbank zur Identifikation ausgeschlossen werden. Zu erwarten ist ab diesem Zeitpunkt ein starker Anstieg der Asylgesuche bei gleichzeitigem «Exodus» von EU-Bürgerinnen. Warum?
Blick nach Grossbritannien
Nachdem die Britischen Inseln im Zuge des Brexits die Verträge mit der EU gekündigt hatten, bekamen vor allem die nicht-wohlhabenden Bevölkerungsschichten wirtschaftliche Probleme. Ladendiebstähle aus Not häuften sich. Die Migration nahm nicht ab, sondern im Gegenteil stark zu. Und sie verschob sich: Während viele EU-Bürger die Insel aufgrund der durch den Brexit verursachten Unsicherheiten verliessen, kamen mehr Menschen von ausserhalb Europas, aus Indien, Pakistan oder Nigeria, und deutlich mehr Asylsuchende, mit einem Rekord von 104’000 Asylanträgen im Jahr 2024.8 Während es vor 2018 kaum Anlandungen über den Ärmelkanal in kleinen Booten gab, nutzten diesen Weg zwischen 2018 und 2025 193’000 Personen plus Dunkelziffer.9 Davon profitiert heute wiederum der Rechtspopulist Nigel Farage, der der Brexit-Kampagne mit vollmundigen Versprechungen zum Sieg verholfen hatte. Warum sollte es der Schweiz anders ergehen, zumal sie an vier EU-Länder grenzt?
Demographische Verschiebung
Die Menschen werden immer älter, gleichzeitig werden immer weniger Kinder geboren. Dieser Trend ist in ganz Europa zu beobachten und kaum umkehrbar. Damit steigt der finanzielle Druck auf die junge arbeitende Bevölkerung in Form von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Gleichzeitig wären die arbeitskräfteintensiven Branchen Alterspflege und das Gesundheitswesen allgemein mit tiefer Zuwanderung kaum noch funktionsfähig. Stand heute wurden 40 % der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz und 25 % des Pflegepersonals im Ausland ausgebildet – auch keine faire Situation.10
Des Pudels Kern der Initiative
1970 hielt James Schwarzenbach in Sempach, dem Ort der legendären Schlacht von 1386, eine Rede: Nicht mehr Habsburger Ritter, sondern fremde Arbeiter seien es nun, die den knappen Raum der Schweiz bedrängten.11 Der Sohn eines reichen Textilfabrikanten, Bewunderer von Franco und Mussolini12 und Nationalrat der Nationalen Aktion war das Gesicht der Überfremdungsinitiative gewesen und hatte die Abstimmung kurz vor seiner Rede in Sempach nur knapp verloren. Er verstand es, die Leute zu spalten und ihre Emotionen zu wecken mit «wir gegen sie» und «wir gegen die da oben».
«Bevölkerungspolitik hierarchisiert Leben, stellt sie in eine Rangfolge. Das der hiesigen Menschen über das der Fremden, das der heutigen über das der ungeborenen, das der Reichen über das der Armen», schreibt Matthias Daum in der «Zeit».13 Mir scheint, hier liegt des Pudels ethischer Kern.
Denn genau dies wollen uns Rechtspopulisten die ganze Zeit glauben machen: Ausländer, vor allem «Asylmigranten», sind anders.
Denn genau dies wollen uns Rechtspopulisten die ganze Zeit glauben machen: Ausländer, vor allem «Asylmigranten», sind anders. Sie seien kulturell inkompatibel mit der Schweiz, eine Belastung für die Gesellschaft, viel krimineller und daher eine Gefahr für uns alle. Fazit: Wir müssten ihre Zahl begrenzen und sie rechtlich so stark von den «richtigen» Schweizern abgrenzen, wie es nur geht. Von dort ist es dann nur noch ein kurzer Weg bis zur Entmenschlichungsrhetorik des Faschismus, die Begriffe wie «Virus», «Ungeziefer» oder «artfremdes Gewächs» im Zusammenhang mit Migration salonfähig macht.14 Vielmehr sind aber Immigrantinnen und Immigranten Arbeitnehmende – so sie denn dürfen –, die ihren Arbeitgeber zufriedenstellen wollen; Mütter und Väter, die sich wünschen, dass ihre Kinder unbeschwert und mit guter Schulbildung aufwachsen; Menschen mit Ängsten und Träumen – wie wir alle. Erstaunlicherweise setzt eine sehr alte Ethik, nämlich die der jüdischen Thora, die fünf Bücher Mose in der Bibel, hier an. Wiederholt werden die Israeliten angehalten, die Ausländer gleich zu behandeln wie das eigene Volk.15 Sie sollten nicht ausgebeutet werden und durften z.B. in den Genuss der Sabbatruhe kommen – wie alle Israeliten. Die Israeliten sollten sie sogar lieben.16 Die Begründung dafür ist sehr interessant – gleiche Erfahrungen führen zu Empathie und Gleichbehandlung: «Beutet die Fremden nicht aus, die bei euch leben. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist, weil ihr selbst in Ägypten als Fremde gelebt habt.»17 Ob das nicht auch für die Schweiz gilt – heute ein Einwanderungsland, aber bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ein Land der Emigration aus wirtschaftlichen Gründen?
Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, als Christ bzw. Christin hinter dieser Initiative zu stehen, die Asylsuchenden und anerkannten Flüchtlingen den Familiennachzug verwehren will18 und vorläufig Aufgenommenen jede Perspektive raubt.
Dass Ausländer mit kurzfristigen Arbeitsverträgen von der Deckelung ausgenommen und daher für Arbeitgeber attraktiv sind, lässt eine Rückkehr zum Saisonnier-Statut befürchten. Die Schweiz profitierte bis 2002 von den südeuropäischen Saisonniers – eine «fundamentale Unmenschlichkeit. Man wollte die Arbeit, nicht die Menschen. Die Hände, nicht die Seelen. Die Produktivität, nicht die Gemeinschaft.»19
Wenn nicht dies, was dann?
Wie können wir die negativen Folgen der Zuwanderung lindern, vielleicht auch die Zahl der Zuwanderer selbst abschwächen, ohne zu den problematischen Holzhammermethoden der «Nachhaltigkeitsinitiative» zu greifen?
Das ist wohl die schwierigste Frage. Ich bin kein Spezialist in Immobilienmarkt, Raumplanung oder dem Vertragswerk mit der EU. Aber mir scheint, da müsste es doch bestehende Instrumente geben, die uns dabei helfen, die Probleme menschenwürdiger zu lösen. Etwa das revidierte Raumplanungsgesetz, eine intelligente und koordinierte Planung des Infrastrukturausbaus, allenfalls die Schutzklausel des Freizügigkeitsabkommens, verbesserte Arbeitsmarktintegration von älteren Arbeitnehmenden, Langzeitarbeitslosen und Menschen aus dem Asylbereich. Das wäre doch eine lohnenswerte Challenge für all die Arbeitsgruppen und Think Tanks, die sich in der Schweiz betätigen!
1. „Märchenstunde im Heidiland“, NZZ am Sonntag vom 29.03.2026
2. „Massenzuwanderung heisst Wohlstandsverlust“, Die Weltwoche, 09.04.2026
3. So sagt Thomas Matter, das FZA sei «ein Druckmittel, damit sich wirklich etwas ändert.» Die Initiative ziele primär auf die Sozialmigration.
4. „Die Schweiz wächst stärker als Europa“. Tagesanzeiger, 28.04.2026
5. «Die Schweiz, die die Initianten im Kopf haben, gibt es nicht mehr». Watson.ch, 19.04.2026 https://www.watson.ch/wissen/wirtschaft/469181907-initiative-zur-10-millionen-schweiz-so-entwickelt-sich-die-bevoelkerung
6. Folgende Karte zeigt gut, dass das Schweizer Mittelland bei weitem nicht der einzige dicht besiedelt Grossraum in Westeuropa ist: https://human-settlement.emergency.copernicus.eu/visualisation.php#lnlt=@50.40152,7.12353,6z&v=301&ln=0&gr=ds&lv=10000000000000000000000000000000000000011111&lo=aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa&pg=V (12.05.2026)
7. https://bevoelkerungsszenarien.bfs.admin.ch/ (12.05.2026)
8. «Nach dem Brexit verlor Grossbritannien die Kontrolle über die Migration.» Tagesanzeiger, 30.03.2026
9. Asylum statistics. https://commonslibrary.parliament.uk/research-briefings/sn01403/ (12.05.2026).
10. „Europa und die Schweiz ist abhängig von der Migration“; Watson.ch, 18.04.2026
11. «Als Bewegungsfreiheit zur Ausnahme wurde.» https://www.infosperber.ch/gesellschaft/migration/wie-viele-menschen-duerfen-kommen/ (11.05.2026)
12. «Die Schwarzenbach-Initiative» in: Eidg. Migrationskommission: «Diskurse über das Fremde», 2020
13. «Ist da noch Platz?» Zeit Nr. 18/2026 vom 03.05.2026
14. So bezeichnete James Schwarzenbach die «Fremdarbeiter» 1971 in einer Publikation. «Die Schwarzenbach-Initiative» in: Eidg. Migrationskommission: «Diskurse über das Fremde», 2020
15. 2Mo 12,49; 4Mo 15,15-16
16. 5Mo 10,19; 3Mo 19,34
17. 2Mo 23,9
18. Europäische Menschenrechtskonvention, https://www.coe.int/de/web/impact-convention-human-rights/right-to-family-life; UN-Kinderrechtskonvention, https://www.unicef.ch/de/wer-wir-sind/kinderrechtskonvention; Genfer Flüchtlingskonvention
19. «Ist da noch Platz?» Zeit Nr. 18/2026 vom 03.05.2026
Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges ist klar: Die Brandherde in dieser Welt sind nicht gelöscht, sondern neu aufgeflammt, und stürzen uns von einer Krise in die nächste. Was ist die Aufgabe der Christinnen und Christen darin? Und: wo bleibt die Hoffnung in dieser Situation?
Die Demokratie ist keine Selbstläuferin. Sie ist ein Garten, der tägliche Pflege benötigt. Dies war das Fazit der Forumsveranstaltung «Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?» vom 2. Mai, die ChristNet zusammen mit der HF TDS, dem Bienenberg, der Evangelischen Allianz (SEA), der Insist Consulting und der VBG in Aarau durchführte.
Vor einem Jahr entstand das Thema des neuen Fastenbegleiters „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“. Damals war nur in Umrissen erkennbar, dass das Vakuum einer „guten“ Zukunft nach dem Schwinden der Klimabewegung von religiösen Bewegungen gefüllt würde. Dabei wird behauptet, dass die „neue“ Hoffnung unpolitisch daherkomme, jedoch hochpolitisch sei. Ungewollt setzt der neue Fastenbegleiter einen Kontrapunkt – und wird als ökumenisches Projekt selbst zur stillen Antwort auf das vermeintlich Machbare.
Für manche gibt es neue Hoffnungszeichen: So hört man etwa aus Frankreich, dass die Zahl der Erwachsenentaufen in der katholischen Kirche steigt.1 In England ist sogar von einer stillen Erweckung die Rede.2 Das mag durchaus erfreulich sein. Doch Hand aufs Herz: Warum freuen sich die einen über solche Nachrichten – und weshalb beängstigen sie andere, wie z.B. Menschen, die mit dem Glauben wenig anfangen können?
Ich betrachte diese Kunde zwiespältig. Seit einigen Jahren wird der Begriff „Hoffnung“ inflationär gebraucht, etwa als Konferenztitel. In den jüngeren Entwicklungen zeichnen sich grob zwei Stossrichtungen ab: Die pragmatische Seite freut sich, dass sich fast wie von selbst eine „Erweckung“ auszubreiten scheint. Manchmal entsteht der Eindruck, sie löse Probleme, die mit dem Menschsein verbunden sind, wie Armut automatisch. Die intellektuellere Richtung richtet sich gegen Säkularismus und Atheismus, mitunter verbunden mit leiser Genugtuung über das Scheitern des „gottlosen“ Projekts.
Beide Strömungen vereint der Wunsch nach einer guten Zukunft, in der Wohlstand durchaus eine Rolle spielt. Die gute Zukunft würde jene dunklen Zeiten überwinden, in denen wir uns im Moment im Hier und Jetzt befinden.
Mich beängstigt weder die Glaubensferne vieler noch die plötzliche Hinwendung anderer. Sorge macht mir vielmehr, dass diese „neue“ Hoffnung wohl eine Realitätsflucht ist, sich indirekt auf die eigene Stärke konzentriert und am Ende uns nicht trägt. In der Vergangenheit – ob von säkularer oder kirchlicher Seite – wurden angestrebte Ziele oft nicht realisiert, obwohl die Konzepte atemberaubend waren.
Hoffen oder machen?
Diese „neue“ Hoffnung erwartet die Stadt kaum vom Himmel (Offb 21,2), auch wenn Parallelen locken. Die Stadt in der Offenbarung, die vom Himmel kommt, ist ein Bild für Hoffnung. Es ist keine Hoffnung, die gemacht werden kann, sondern eine, die auf uns zukommt. Sie hebt uns nicht in den Himmel, sondern trägt unseren oft mühseligen Alltag. Dagegen wirkt die neue Hoffnung wie ein baldiger Siegeszug. Sie träumt kaum von einem Tierfrieden (Jes 11,6-8), eher von Erneuerung, Fortschritt, Reformation.
Die Frage bleibt: Geht es wirklich um Vertrauen auf Gott – oder darum, selbst das Reich Gottes aufzurichten, um eine gute Zukunft zu erreichen?
Neue Aktivistinnen und Aktivisten
Die neue Hoffnung ist hochpolitisch, auch wenn sie „unpolitisch“ wirkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubte man, die Welt könne friedlich sein, in der genug für alle ist. Die Angst vor Atomkrieg verschwand fast über Nacht. Doch dieser Traum entpuppte sich als trügerisch: Klimakrise, Artensterben und geopolitische Spannungen nahmen zu.
Dynamische Plattformen wie Facebook, die Menschen weltweit vernetzen sollten, haben sich zu einem starren Machtklumpen verwandelt. Gleichzeitig formen ehemalige Geheimdienstler autokratische Staaten und schalten kritische Stimmen aus – während andere Mächte zusehen. Das nährt Angst um die eigene Sicherheit.
Vertreterinnen und Vertreter dieser neuen Hoffnung haben einen Hang zu aktivistischer Ausrichtung.3 Dabei sind ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, etwa die Klimabewegung, nicht mehr en vogue. Das Vakuum der Zukunftshoffnung wird von diesen neuen Aktivistinnen und Aktivisten gefüllt. Die Parallelen sind dabei verblüffend ähnlich: Schon ihre Vorgänger träumten von einer guten Zukunft, in der die Enkelkinder genug vorfinden.
Geht es doch um Politik?
Auf die Bevölkerung gesehen, tangiert diese Hoffnung nur einen kleinen Teil. Viele wollen sich nicht mit geopolitischen Fragen befassen, andere fragen sich, wohin wir steuern. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es auf westlichem Boden, mit Ausnahme der Balkankriege, weitgehend friedlich geblieben. Das Völkerrecht und andere Abkommen schufen Stabilität. Zwar wurden sie oft aufgrund von Eigeninteressen gewieft ausgetrickst, dennoch dienten sie als Leitlinie.
Doch die Ordnung, auf der diese Stabilität beruhte, war von Beginn an ambivalent. Sogenannte Hilfe für andere Staaten diente oft den Interessen des eigenen Staates, etwa um langfristig Märkte zu erschließen. Obwohl schon immer das Gesetz des Starken galt, haben sich Staaten dennoch Regeln gegeben – Regeln, die nun zunehmend unterlaufen werden. Heute sind „Hilfe“ und „nationale Sicherheit“ zu völlig entleerten, beinahe absurden Begriffen geworden – Zynismus kann ein Mittel sein, um mit einer solchen Politik klarzukommen.4 Kein Wunder also, dass manche keine Geduld mehr für politische Prozesse aufbringen und auch nicht länger mühsam gemeinsame Ziele aushandeln wollen. Hoffnung jenseits der Politik ist indirekt aber genauso politisch.
Gemeinsam Ohnmacht aushalten
Eine bessere Option ist für mich aber die Freundschaft: den Anderen auszuhalten, auch bei völlig divergierenden Vorstellungen vom Leben. Was verbindet, ist der gemeinsame Weg, nicht der Sieg oder die Optimierung von Ressourcen. Freundschaft erlaubt es, nicht die Macht, sondern die „Ohnmacht“ zu wählen – z.B. gemeinsam für die Schöpfung einzustehen, auch wenn andere weiterhin von Termin zu Termin fliegen.
Ein Beispiel für ein derartiges Projekt ist der neue Fastenbegleiter Ohnmacht, die Hoffnung entfacht.5 Menschen, die bisher kaum zusammenfanden, haben dieses Projekt gemeinsam gestaltet. So kommen römisch-katholische, reformierte, freikirchliche bis hin zu pfingstlichen Traditionen zusammen und schrieben an diesem Gefühl und vielleicht auch an der faktischen Erfahrung des Nicht-Machbaren. Dieses Erproben dieser gemeinsamen Idee entspricht ganz dem Ansatz von Ivan Illich:6
„Die einzige Möglichkeit liegt jetzt darin, dass wir diese Berufung als die des Freundes begreifen. Auf diese Weise kann sich die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft ausbreiten. Dies kann nicht eigentlich mit Worten geschehen, sondern durch kleine Handlungen närrischer Entsagung.“
Wo lassen sich heute Freunde finden, die vor allem ihre Berufung im Freundsein sehen und sich gemeinsam auf den Weg begeben und ganz im Moment leben, statt sich von der Zukunft treiben lassen?
1. NZZ, Eine Sehnsucht nach Transtendenz und Tradition: Warum immer mehr junge Franzosen in die katholische Kirche eintreten, o.S, online unter: https://www.nzz.ch/international/warum-immer-mehr-junge-franzosen-sich-der-katholischen-kirche-zuwenden-ld.1916592, abgerufen am 21. Januar 2026.
2. Das war die Grundbotschaft von Dan Blythe, Leiter Youth Alpha aus England, im Referat an der Explo 2025.
3. Auf die Spitze getrieben und als kollektive Erinnerung bleibt Charlie Kirk. Zwar ist dieses Extrembeispiel nicht repräsentativ für die beschriebene Atmosphäre dieser „neuen“ Hoffnung, wie sie etwa Dan Blythe in seinem Referat implizierte, doch es verdeutlicht, wie breit und facettenreich diese „neue“ Hoffnung aufgegriffen wird.
4. Das endgültige Fanal der „neuen“ Politik ist die Gefangennahme von Nicolás Maduro. Es steht zu befürchten, dass der Damm des Völkerrechts nun unaufhaltsam Risse bekommt und ins Wanken gerät. Kaum jemand weint Maduro eine Träne nach, der Menschenrechte grob verletzt und viele eingesperrt und gefoltert hat. Aber den USA geht es sicher nicht um das venezolanische Volk, sondern um das Öl. Exemplarisch sind die Äusserungen der USA zu nennen: «Dieses Öl wird zu seinem Marktpreis verkauft, und das Geld wird von mir als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kontrolliert, um sicherzustellen, dass es zum Wohl des venezolanischen Volkes und der Vereinigten Staaten verwendet wird», vgl. SWI, Trump sichert sich Zugriff auf Venezuelas Öl-Milliarden, o.S., online unter: https://www.swissinfo.ch/ger/trump-sichert-sich-zugriff-auf-venezuelas-%C3%96l-milliarden/90734940, abgerufen am 21. Januar 2026.
5. Exemplarisch könnte auch die Explo genannt werden, die ein ganz anderer Kreis von unterschiedlichen Menschen zusammenbringt, die sonst kaum miteinander reden würden.
6. Ivan Illich, In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley. 2006, 196.
Dieser Artikel erschien zuerst auf StopArmut.
Der Fastenbegleiter 2026 von StopArmut „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“ kann entweder digital oder als Heft hier bestellt werden. 
In einem ersten Teil zum gleichen Thema, den wir am 18. Dezember 2025 veröffentlicht haben, befasste sich unser Autor auf soziologischer Ebene mit der Frage, warum Christinnen und Christen immer wieder autokratische Figuren unterstützen. Nun vertieft er das Thema theologisch.
Von aussen wirkt das Phänomen befremdlich: Ausgerechnet in religiösen Milieus, die sich auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Lehre Jesu berufen, finden autoritäre Politiker oftmals die treuesten Unterstützer. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA, wo ein grosser Teil der evangelikalen Bewegung Donald Trump als „Werkzeug Gottes“ betrachtet.
Die Frage ist nicht nur politisch, sondern zutiefst theologisch: Warum sind gläubige Menschen anfällig dafür, autoritären Führungsfiguren zu vertrauen? Und wie lässt sich diese Tendenz aus christlicher Perspektive kritisch beleuchten?
- Autoritäre Attraktivität: Wann Macht religiös vertraut wirkt
Theologen und Religionssoziologen weisen seit Jahren darauf hin, dass bestimmte Gottesbilder politisches Verhalten prägen. Insbesondere im alttestamentlichen Kontext begegnet Gott als universaler Herrscher, als König, der kämpft, richtet und absolute Loyalität einfordert (vgl. Ps 2). Dieses Herrschaftsverständnis vermittelt Sicherheit und Identität – und es ist tief verankert in der christlichen Frömmigkeitstradition.
Für viele Gläubige entsteht dadurch eine intuitive Vertrautheit mit absoluter Macht. Wer an einen souveränen Herrscher glaubt, für den wirkt auch ein starker politischer Anführer zunächst nicht befremdlich, sondern strukturell vertraut. Wenn dieser zudem religiöse Rhetorik bemüht, erscheint er nicht selten als irdischer Vertreter göttlicher Ordnung. Die Brücke zwischen religiösem und politischem Autoritarismus ist damit zwar nicht zwangsläufig, aber erklärbar. - Gesetzesfrömmigkeit und die politische Übersetzung von „Law and Order“
Zentral für das alttestamentliche Welt- und Gottesverständnis ist die Tora – ein komplexes System aus Geboten, Vorschriften und moralischen Normen. Das religiöse Leben Israels war geprägt von klaren Grenzziehungen, moralischen Forderungen und einer starken normativen Struktur. Psalm 119 feiert diese göttliche Ordnung in vielen Versen. Diese moralisch-normative Prägung findet sich bis heute in vielen christlich-konservativen Milieus. Dort wird politisches Handeln unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung moralischer Ordnung bewertet.
Wenn ein Politiker klare Regeln, harte Durchsetzung und moralische Disziplin ankündigt, spricht er ein religiös vertrautes Bedürfnis an. Komplexität und Ambiguität – die Grundbedingungen pluralistischer Gesellschaft – wirken dagegen bedrohlich oder zumindest irritierend. Daraus entsteht eine Affinität zu Politikern, die Schwarz-Weiss-Logiken nutzen: Sie erscheinen moralisch konsistent, während differenzierte Politik oft als schwach oder unklar wahrgenommen wird. - Angst als theologischer Katalysator
Politische Autoritarismusforschung zeigt: Je stärker die Unsicherheit, desto grösser der Wunsch nach Ordnung. Christen sind hier keine Ausnahme – im Gegenteil: Religiöse Milieus reagieren besonders sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, die moralische Orientierung, familiäre Strukturen oder kulturelle Identität in Frage zu stellen scheinen. Migration, Globalisierung, moralischer Wandel oder technologische Beschleunigung können als Bedrohung erlebt werden. Ausgerechnet in solchen Momenten wird der „starke Mann“ attraktiv. Er verspricht nicht Dialog, sondern Entscheidung. Nicht Prozesse, sondern Ergebnis. Nicht Komplexität, sondern Klarheit.
Das erinnert stark an religiöse Erfahrungen von Orientierung und Führung – allerdings ohne deren geistliche Tiefe. Dabei ist die Parallele trügerisch: Während Gottes Orientierung durch Liebe und Vergebung charakterisiert ist, gründet sich autoritäre Politik meist auf Angst und Abgrenzung.
Religiöse Kulturen, die durch starke Gesetzesorientierung, absolute Wahrheitsansprüche und ein hierarchisches Gottesbild geprägt sind, neigen weltweit zur Akzeptanz autoritärer Strukturen. Darum ist das Phänomen der Diktatorenfalle auch in anderen Religionen und Kulturen wahrzunehmen, wie dem Islam oder dem Hinduismus.
Gerade der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie gefährlich dieses Muster werden kann. Christen hatten in der Weimarer Republik nicht nur Angst vor ökonomischer und politischer Instabilität, sondern auch vor moralischem Verfall und gesellschaftlichem Chaos. Hitlers autoritäres Auftreten, sein Versprechen von Ordnung und nationaler Wiederherstellung fand bei vielen Christinnen und Christen Zuspruch. Die „Bekennende Kirche“ war eine Minderheit. Die Mehrheit bekannte sich – aktiv oder schweigend – zu einem Regime, das aus christlicher Perspektive unmissverständlich dem Geist Christi widersprach. - Die christologische Korrektur: Warum Jesus das Gegenmodell zum autoritären Führer ist
Der entscheidende geistliche Punkt lautet: Christliche politische Ethik kann nicht vom alttestamentlichen Herrschaftskonzept abgeleitet werden. Sie muss von Christus her begründet sein. Und das bedeutet: Jesus ist die Mitte politischer Urteilsbildung.Das Neue Testament präsentiert einen Messias,
· der Macht ablegt, statt sie zu instrumentalisieren,
· der Gewalt verweigert, statt sie religiös zu legitimieren,
· der Randgruppen sucht, statt sie auszuschliessen,
· der Feinde liebt, statt sie zu vernichten,
· der Dialog sucht, statt Fronten zu verhärten,
· der auf Opfer verzichtet, statt Opfer zu verlangen.Die Tempelreinigung – oft als Rechtfertigung für „heiligen Zorn“ missbraucht – ist theologisch gesehen Ausnahme, nicht Prinzip. Die Macht Jesu ist nicht autoritär, sondern sanftmütig, nicht dominierend, sondern dienend. Damit stellt Jesus ein radikales Gegenmodell zu autoritären Figuren dar. - Konsequenzen für die politische Urteilsbildung von Christinnen und Christen
Christen sind eingeladen, politische Entscheidungen nicht aus Angst, Nostalgie oder moralischem Alarmismus zu treffen, sondern aus geistlicher Reife heraus. Das bedeutet:
- Kritische Selbstprüfung
Welche meiner politischen Präferenzen werden durch Angst gesteuert? Welche durch das Bedürfnis nach Kontrolle? Welche durch mein Gottesbild? - Christus als hermeneutischer Schlüssel
Passt der Führungs-und Lebensstil eines Politikers zu dem Stil Jesu? Behandelt er Schwache mit Würde? Fördert er Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? - Sensibilität für Machtmissbrauch
Christlicher Glaube ist grundsätzlich kritisch gegenüber menschlicher Macht. Wer Macht sammelt, muss deshalb besonders sorgfältig beurteilt werden. - Förderung demokratischer Tugenden
Dialog, Pluralismus und Kompromiss sind keine Schwäche, sondern Spiegel der menschlichen Würde. Sie entsprechen der Art Jesu, der Menschen ernst nimmt – selbst seine Gegner.
Christen geraten nicht deshalb in die Diktatorenfalle, weil sie böse oder unreflektiert wären. Sie geraten hinein, weil bestimmte religiöse Muster politisch missbraucht werden können: das Bedürfnis nach Ordnung, die Sehnsucht nach Orientierung und die Angst vor dem Unbekannten. Der Weg aus dieser Falle führt nicht über Ideologie – sondern über Theologie. Über Jesus Christus. Über seine Art zu herrschen. Über seine Art, Mensch zu sein. Wer ihm folgt, wird nicht unkritisch Macht verehren. Wer ihn betrachtet, wird nicht Angst, sondern Liebe zum Massstab machen. Und wer ihn ernst nimmt, wird jede Form von autoritärer Verführung durchschauen.
Podcast
Dieser Artikel fusst auf einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2020.
Ganze Folge anhören auf movecast.de.
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Ein Blick in Geschichte und Gegenwart bringt es an den Tag: Christinnen und Christen folgen immer wieder gerne autoritären Machthabern. Was sind die Gründe dafür? Martin Benz geht dieser Frage nach.
Warum wählen Christen so gerne Diktatoren? Diese Frage ist natürlich provokativ, und ich möchte keinesfalls allen Christen unterstellen, dies zu tun. Dennoch ist es interessant, dass es unter konservativ Gläubigen eine ganze Reihe gibt, die dazu neigen, starke Machthaber oder Alleinherrscher zu wählen – Leute wie Trump, die die Wahrheit für sich pachten und ein ganz eigenes Narrativ erzählen.
Wir erleben das aktuell in den USA, wo Trump stark von den „White Evangelicals“ getragen wird. Diese Gruppe steht uneingeschränkt hinter ihm und stellt ein wichtiges Wählerpotenzial dar. Das gleiche Phänomen sahen wir auf den Philippinen mit Präsident Duterte, einem sehr rigorosen und rücksichtslosen Herrscher, der im katholischsten Land der Welt mit Unterstützung der katholischen Mehrheit gewählt wurde. In Brasilien konnte Präsident Bolsonaro auf breite Unterstützung der evangelikalen Pfingstler zählen. Ähnliches gilt für Putin in Russland, der von der orthodoxen Kirche unterstützt wird, oder für die rechtskonservative Partei in Polen im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche. Leider finden wir diese Strömung auch in Deutschland, wo viele Christen mit der AfD sympathisieren oder sie sogar wählen.
Was sind die Ursachen?
Womit hängt das zusammen? Warum sind Christinnen und Christen so anfällig für die „Diktatorenfalle“? Hier sind drei mögliche Erklärungsansätze:
- Das Gottesverständnis aus dem Alten Testament
Zum einen hat dies mit unserem Herrschaftsverständnis Gottes zu tun, das uns stark vom Alten Testament her prägt. Dort stellt sich Gott oft als der Allherrscher vor: der allmächtige Gott, der Herrscher der ganzen Welt, der vor seinem Volk steht und andere Völker oder Götter vernichtet bzw. entmachtet. Besonders in den Psalmen (z. B. Psalm 2) finden wir Textstellen, die von dieser uneingeschränkten Herrschaft sprechen. Selbst wenn sich Völker auflehnen, festigt Gott seine Herrschaft und bereitet dem Widerstand ein Ende. Alle müssen sich beugen; sein Wille gilt absolut.
Dieses Bild der absoluten Herrschaft Gottes ist uns vertraut und vermittelt Sicherheit: Wenn man zu diesem Gott gehört, steht man auf der Siegerseite. Das hat positive Aspekte wie Geborgenheit und Halt. Aber wenn man sich an diese absolute Herrschaftsform gewöhnt hat, wirkt auch eine irdische Herrschaft, die diesen „militanten“ oder absoluten Geschmack hat, vertraut. Ein Christ fremdelt nicht so stark mit autoritären Strukturen auf Erden. Wenn ein Herrscher dann noch suggeriert, er handle im Auftrag Gottes, sagen sich viele Christen: „So einen Mann haben wir gebraucht.“ Selbst wenn Freiheiten eingeschränkt oder Minderheiten unterdrückt werden – solange die Christinnen und Christen ihre Religion ausüben können, wird das akzeptiert. - Die Sehnsucht nach „Law and Order“
Ein zweiter Grund ist, dass die Herrschaft Gottes im Alten Testament stark auf Gesetzen, Geboten und Vorschriften gründet. Es herrscht eine hohe Moralvorstellung, definiert durch klare Anweisungen (Tora). Dieses „Law and Order“-Prinzip wird im Alten Testament gepriesen (z. B. in Psalm 119). Ordnungen werden als positiv empfunden und Verstösse dagegen werden hart bestraft.
Wenn ein irdischer Herrscher nun Regeln, Gesetze und „Law and Order“ betont, kommt dies konservativen Christen sehr entgegen. Sie fühlen sich verpflichtet, jemanden zu wählen, der „klare Kante“ zeigt und Ordnung schafft. Ein Herrscher, der „wachsweich“ wirkt, ist ihnen suspekt.
Dies ist auch ein Problem der Kirche, die sich angewöhnt hat, als Moralapostel aufzutreten. Das erklärt, warum der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche so schwer wiegt: Wer so moralisch auftritt und strenge Regeln (z. B. bei Wiederheirat) predigt, verliert massiv an Glaubwürdigkeit, wenn in den eigenen Reihen Verbrechen geschehen. - Der Faktor Angst
Der dritte Aspekt hängt eng mit dem zweiten zusammen: Angst. Je verunsicherter wir uns fühlen – sei es durch Pluralismus, Globalisierung oder unklare Verhältnisse –, desto lieber ist uns wieder „Law and Order“. Wenn die Welt chaotisch wird und alte Gewissheiten schwinden, rufen Menschen nach dem „starken Mann“, der Orientierung bietet. Man nimmt in Kauf, dass andere dabei unter die Räder kommen, Hauptsache, das eigene Ordnungssystem ist wiederhergestellt.
In Krisenzeiten sind Länder besonders anfällig für Diktatoren. Leider merkt man oft erst zu spät, dass man den falschen Mann gewählt hat – nämlich dann, wenn die eigenen Freiheiten auch beschnitten werden. Da Christinnen und Christen gewohnt sind, dass Gott durch klare Anweisungen Orientierung und Sicherheit schenkt, fremdeln sie weniger mit Herrschern, die ähnlich autoritär auftreten.
Historische und interreligiöse Parallelen
Diese „Diktatorenfalle“ betrifft nicht nur Christen. Auch andere Religionen mit einem ähnlichen Gottesbild sind anfällig, etwa der konservative Islam (Beispiel IS, Iran oder Türkei). Je „frömmer“ die Leute sind, desto eher akzeptieren sie absolute Herrschaftsformen, bei denen Religion und Staat verschmelzen.
Auch in Deutschland haben wir diese Erfahrung gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg führten wirtschaftliche und politische Verunsicherung dazu, dass viele Christen in die Diktatorenfalle liefen und Adolf Hitler wählten. Nur eine Minderheit in der Bekennenden Kirche durchschaute dies. Den meisten war der Gedanke einer absoluten Herrschaft und einer „klaren Kante“ nicht fremd.
Ich sage das heute leicht von meinem Schreibtisch aus. Ich weiss nicht, wie ich damals gehandelt hätte und ob ich nicht auch mitgelaufen wäre. Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute Gedanken machen und diese Mechanismen durchschauen, um nicht erneut in diese Falle zu tappen.
Jesus als politisches Vorbild
Ich bin der Meinung, dass wir für unsere politische Bildung nicht das Alte Testament, sondern Jesus Christus brauchen. Jesus lebte eine völlig andere Art von Herrschaft. Er war bescheiden, sanftmütig und von Herzen demütig. Sein Umgang mit Randgruppen, Schwachen und Sündern ist für mich programmatisch. Auch seine Kritik am religiösen Establishment, das die Nähe zur Macht suchte, ist wegweisend.
Manche mögen einwenden: „Aber Jesus hat doch die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben!“ Das stimmt, aber diese Szene ist die grosse Ausnahme, nicht das Programm seines Lebens. Wer stark vom alttestamentlichen Herrscherbild kommt, stürzt sich auf diese Szene, weil sie ins eigene Weltbild passt. Aber in Jesus begegnet uns der Sanftmütige, der jegliche gewaltsame Herrschaft ablehnt. Er ruft keine Engel-Legionen, er schlägt nicht zurück. Er ist der Dreh- und Angelpunkt für unsere politische Bildung.
Podcast
Dieser Artikel fusst auf einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2020.
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In der Schweiz und in der westlichen Welt ist das Thema Migrationspolitik omnipräsent. Sie steht aktuell im Mittelpunkt der politischen Debatte. Der Autor hat in der Bibel nach Anhaltspunkten gesucht, wie sich Christinnen und Christen in diesen hochkontroversen Diskussionen zurechtfinden können.
Als ich vor Kurzem die SRF-Arena-Diskussion zum Thema Femizide verfolgte, entwickelte sich die Runde zunehmend zu einer Debatte über Migration. Egal ob in den Nachrichten, auf Social Media oder am Familientisch, bei kaum einem anderen Thema gehen die Meinungen so stark auseinander. Doch wie sollen sich Christinnen und Christen in dieser Debatte positionieren? Bzw. welche Anhaltspunkte können wir der Bibel über diese Thematik entnehmen? Diesen Fragen bin ich im Rahmen meiner Maturaarbeit nachgegangen. In diesem Artikel zeige ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit auf.
Da die Migrationspolitik eine sehr umfangreiche Thematik ist, fokussiere ich mich auf die Asylpolitik. Die Schweiz gewährt Menschen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben gefährdet sind, Schutz und Obdach. Sie erhalten Asyl und damit eine Aufenthaltsbewilligung. Über die konkrete Ausgestaltung der Asylpolitik wird intensiv diskutiert. Die zentralen Forderungen der restriktiven Seite beinhalten eine Beschränkung der Einwanderung von Geflüchteten und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Doch ist diese Position mit den Lehren des Evangeliums vereinbar?
Unverdiente Güte: Das Privileg, Schweizer zu sein
In Matthäus 27.46 tut Jesus seinen letzten Atemzug und stirbt am Kreuz. Dieser Moment symbolisiert nicht nur das Ende des Leidensweges Christi, sondern auch die Güte Gottes, die durch das Opfer von Jesus am Kreuz und die damit verbundene Erlösung von der Sünde Ausdruck findet. Diese Güte haben wir uns nicht verdient. Sie ist ein Geschenk. Ein von der Güte Gottes zeugendes Geschenk ist es auch, Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zu sein. Die Lebenslage der Schweizerinnen ist im Vergleich zu anderen Ländern wie ein Paradies. Dieser Umstand ist ein Privileg und absolut keine Selbstverständlichkeit. Nun stellt sich die Frage, was uns davon abhält, diese unverdiente Güte mit anderen in Gefahr stehenden Personen zu teilen. Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?
Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?
Aufruf zur Hilfeleistung in der Bibel: Der barmherzige Samariter
In Lukas 10 wird ein Gespräch zwischen Jesus und einem Gesetzeslehrer geschildert. Der Gesetzeslehrer fragt, wie man ewiges Leben erlangen könne. Jesus beantwortet die Frage mit dem Gebot der Liebe. Doch der Gesetzeslehrer will sich rechtfertigen und fragt: «Wer ist mein Nächster?» Darauf erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Samariter hilft dem verletzten jüdischen Mann, obwohl zwischen den beiden Völkern eine tiefe Feindschaft herrscht. Er geht ein Risiko ein, denn die Gefahr, überfallen und körperlich angegriffen zu werden, besteht. Der Samariter erkennt die Situation des Verletzten und zögert nicht, ihn zu verarzten. Noch mehr: Er führt ihn zu einer Herberge und bezahlt sämtliche Kosten für Unterbringung und Pflege. Jesus beendet das Gespräch mit der Aufforderung: «Geh und handle ebenso.» Aus dem Gleichnis lassen sich folgende Prinzipien für uns ableiten:
- Hilf Personen – unabhängig von ihrer Herkunft
- Sei hilfsbereit – auch unter Gefahr
- Nimm eine dienende Haltung gegenüber Verletzten ein
- Sei bereit zur finanziellen Unterstützung
- Folge dem Beispiel des Samariters
Es ist plausibel, diese Prinzipien auf das Verhältnis zwischen Schweizerinnen und Schweizern und asylsuchenden Personen zu übertragen. Asylsuchende sind wie der jüdische Mann an Leib und Leben gefährdet und bedroht. Durch unser Eingreifen als Schweizer können wir wie in dem Gleichnis die Asylsuchenden aus der bedrohlichen Lage befreien und retten.
Was hält uns zurück, wie der barmherzige Samariter zu handeln?
Doch was hält uns trotz dieser klaren Worte Jesu zurück, dem Beispiel des Samariters furchtlos zu folgen? Einer unbegrenzten Hilfe gegenüber asylsuchenden Personen kann die Gefahr eigener finanzieller Sorgen entgegengesetzt werden. Doch ist dieses Argument im Licht der Evangelien haltbar? In Lukas 12 warnt Jesus vor Habgier: «Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.» Wie oben erwähnt, ist all unser Besitz ein Ausdruck der Güte Gottes. Warum also sollten wir diesen Besitz nicht teilen? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ruft uns explizit dazu auf. Im Hinblick auf das ewige Leben sind materielle Güter, Geld und Wohlstand vergänglich und belanglos gegenüber der Herrlichkeit, die uns der Himmel verspricht. Ist die Angst vor Geldsorgen nicht vielmehr ein Festhalten an weltlichen Massstäben? Die Bibel ist hierbei klar: Unsere Identität liegt in Christus. Im Philipperbrief 1.21 schreibt Paulus: «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.» Der Blick ist auf Christus gerichtet und Christus fordert uns auf, den unterdrückten, hilflosen und vulnerablen Menschen zu dienen.
Restriktiv oder barmherzig?
Wie erwähnt, sind die zentralen Forderungen der restriktiven Position eine Beschränkung der Einwanderung und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Vergleichen wir nun diese Position mit den oben erlangten Erkenntnissen: Beide Forderungen einer restriktiven Haltung zielen darauf ab, Mehrausgaben oder gesellschaftliche Probleme zu verhindern, indem weniger Hilfe geboten wird. In Anbetrachtder behandelten Bibelstellen, die sich an der Güte Gottes und dem Aufruf zur Hilfeleistung orientieren, sind die Forderungen nach restriktiven Massnahmen schwer mit den Evangelien zu vereinbaren. Ja, sie sind sogar problematisch. Sie stehen im Konflikt mit den Prinzipien, die uns die genannten Bibelstellen und viele weitere aus den Evangelien vermitteln. Somit scheint die restriktive Position im Lichte der Evangelien schwer vertretbar.
Die restriktive Position kann daher nicht auf die Evangelien zurückgeführt werden. Sie gründet sich vielmehr auf der Angst, Privilegien als Schweizerinnen zu verlieren. Die vier Evangelien fordern an vielen Stellen Menschen dazu auf, die Güte Gottes nicht nur in Anspruch zu nehmen, sondern auch gegenüber Hilfsbedürftigen weiterzutragen. Das heisst:Christen sollten aus Sicht der vier Evangelien keine restriktive Asylpolitik unterstützen.
Diesem Artikel liegt die Maturaarbeit von David Stettler zugrunde. Die Maturaarbeit lässt sich hier herunterladen.
Foto von Salah Darwish auf Unsplash
In der Schweiz sprechen wir von einer Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Neutralität des Staates ermöglichen soll. Kommt es aber zu einer Vermischung der jeweiligen Aufträge, kann dies schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen.
Wer die heutige Beziehung zwischen Kirche und Staat in der westlichen Welt verstehen möchte, muss tief in die Kirchengeschichte eintauchen. Denn mit der Papstrevolution im späten 11. Jahrhundert begann ein nicht enden wollender Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, der laut Klaus Roth die Entstehung des europäischen Staatssystems beschleunigte (2006: 79). Somit ist die Idee des Staates ein Resultat unerfüllter Erwartungen, dass durch ein harmonisches Mit- und Gegeneinander von Kaiser und Papst die gesamte Menschheit zum christlichen Glauben bekehrt und eine gottgefällige Ordnung errichtet werden könne (vgl. Schmitt 1950, 30, 96f.). Obwohl der christliche Glaube während der Reformation und Gegenreformation nochmals eine zentrale Bedeutung für die Staatenbildung erlangte (Roth 2006: 89f.), emanzipierte sich der Staat im Zuge der Französischen Revolution aus der religiösen Bevormundung des Christentums und wurde souverän. Die Trennung von Kirche und Staat war gemäss Ernst-Wolfgang Böckenförde (1982: 64) keine radikale, sondern eine balancierte. So vermochten beide ihren Auftrag unabhängig voneinander zu gestalten und aufeinander einzuwirken: Der Staat ist Vertreter von Recht und Ordnung und die Kirche Verkündigerin des Evangeliums.
Einfluss der Kirche auf den Staat
Die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gilt zwar generell als unpolitisch (Böckenförde 1982: 82). Aber sie kann durch die Wirkung des Evangeliums auf die Gesellschaft unbeabsichtigt politisch Einfluss nehmen. Dies trifft zum Beispiel dann ein, wenn es in Abstimmungen um Fragen der Moral und Sittlichkeit geht und Christen als Staatsbürger ihre Stimme gezielt zu diesen Themen einsetzen (1982: 83). Auch dank der Neutralität des Staates und der Religionsfreiheit kann sich das Christentum nach wie vor in das gesellschaftliche Leben einbringen und gelegentlich eine Rechtsordnung prägen (1982: 66). Denn die Werte des Christentums bilden in vielen westlichen Staaten immer noch das Fundament für die politische Ordnung (1982: 67f.). Die Kirche übermittelt die Werte, da der Staat dies nicht tun kann, ohne seine religiöse Neutralität aufzugeben. Eine pluralistische Gesellschaft hat aber den Anspruch an die Kirche, dass sie ihre Werte so übersetzt, dass auch Leute ohne Bezug zum Christentum diese übernehmen und in ihr eigenes Weltbild integrieren können. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern die Kirche die Funktion als Übermittlerin der Werte wahrnehmen soll. Ist es ihr möglich, dadurch ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen oder verfälscht sie diesen durch die Säkularisierung ihrer Werte? Für Böckenförde steht fest: „Es gehört nicht zur geistlichen Sendung der Kirche, zur Integration der pluralistischen Gesellschaft durch entsprechende Konsensbildung beizutragen. {…} Die Treue zu ihrem Auftrag kann sie zu desintegrierendem Sprechen und Handeln zwingen“ (1982: 71). Die Kirche darf ihm zufolge nicht für die Integration einer freiheitlichen und demokratischen Grundlage eintreten, die den christlichen Grundlagen widerspricht.
Aus der Geschichte lernen
In jüngster Zeit geriet die Demokratie als Regierungsform auch deshalb in die Kritik, weil säkulare Werte zunehmend Einfluss in der Gesellschaft gewonnen haben und damit öfter in Gesetzen verankert wurden (z.B. Ehe für alle). Dies führte bei vielen Christinnen und Christen zu Unmut und einer Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden. So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich einer politischen Führungsperson anschliessen, die sich für ihre Anliegen einsetzt oder zumindest so tut. Dies trifft zurzeit unter anderem auf die USA und El Salvador zu. Dort lässt sich die Vermischung der Aufträge von Kirche und Staat, die eine Abkehr von demokratischen Ordnungen hin zu totalitären Systemen zur Folge hat, sehr eindrücklich beobachten.
Eric Voegelin und Raymond Aron bezeichneten solche Gewaltregime als „politische Religionen“ (Maier 2006: 18). Sie erkennen ein Bemühen um eine quasi-religiöse Dimension politischer Ordnung und Parallelen zu den Modellen der antiken politisch-religiösen Einheitskultur. „Die modernen totalitären Regime sind aber zugleich auch die Fratze eines pervertierten Christentums, von dem nur äussere Ordnungen, Zwang und Disziplin übriggeblieben sind (2006: 18f.) Mit ihren sogenannten „reinen Lehren“ hätten sie problematische Entwicklungen in der Geschichte des Christentums nachgeahmt.
Es scheint folglich kein Zufall zu sein, dass die Auftritte moderner Gewaltregime Hand in Hand mit einem überdimensionalen Wiederaufleben von Personenkult, Vergöttlichung der Herrscher sowie von Märtyrern im Umkreis totalitärer Politik einhergehen (Maier 2006: 19). Aktuelle Geschehnisse in den USA illustrieren dies sehr deutlich. Was lediglich ein grosser Gedenkgottesdienst für den ermordeten Aktivisten und Evangelisten Charlie Kirk sein sollte, erlangte durch die Ansprache von Donald Trump, in der er auf Vergeltung gegen „die radikale Linke“ pochte, eine beunruhigende, politische Dimension. Seine Aussagen widersprachen zudem Erika Kirk, die dem Mörder ihres Ehemannes Vergebung zusprach (FOX 9 Minneapolis- St.Paul, 2025).
Im Angesicht dieser Ereignisse ist es umso wichtiger, sich daran zu erinnern, weshalb sich der Staat über die Jahrhunderte von der Kirche abgenabelt hat. Die Trennung der beiden Institutionen ist nach wie vor zwingend nötig: Erstens, für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, zweitens für eine Religionsfreiheit, die es uns Christen erlaubt, unseren Glauben öffentlich und privat ohne Verfolgung auszuleben, und drittens, damit Staat und Kirche je ihre Aufträge wahrnehmen können. Die Erfüllung ihrer Aufträge ist für Staat und Kirche in einer Demokratie möglich, doch in einem totalitären Herrschaftssystem lösen sie sich auf. Wie uns die Geschichte lehrt, sind totalitäre Regime oftmals pseudo-christlich und durchdrungen von Irrlehren zu Gunsten des jeweiligen Herrschers. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir die Warnung von Hermann Heller ernst: „Der Staat kann nur totalitär werden, wenn er wieder Staat und Kirche in einem wird, welche Rückkehr zur Antike aber nur möglich ist durch die radikale Absage an das Christentum“ (1929: 56).
Setzen wir uns also für eine gesunde, von christlichen Werten geprägte Demokratie in der Schweiz ein, um unserem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums weiter nachgehen zu dürfen!
Quellen
Böckenförde, E-W. (1982): Staat-Gesellschaft-Kirche. In: Böckle, F., Kaufmann, F-X., Rahner, K. und Welte, B. (Hrsg.) (1982): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 15. Herder Freiburg. Freiburg im Breisgau. pp. 64-83.
FOX 9 Minneapolis- St.Paul (2025): Charlie Kirk’s full memorial service. Youtube (Stand: 22.09.2025)
Heller, H. (1929): Europa und der Faschismus. de Gruyter. Berlin. pp. 56.
Maier, H (2006): Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders? In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.18 – 19.
Roth. K. (2006): Ordnungskrise von Kirche und Reich und die Genese des modernen Staates. In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.79-92.
Schmitt, C. (1950): Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publikum Europacup. Dunker & Humblot. Berlin. pp. 30, 96f.
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