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Die weltweite Popularisierung des Internets in den 90er-Jahren war eine echte Errungenschaft. Mit E-Mails konnte man plötzlich ganz unkompliziert Freunde erreichen und ihnen Dokumente übermitteln; Websites machten es möglich, die Botschaft der eigenen Firma oder Institution in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen. Mit den sozialen Medien, KI und dem Verfälschen von Bildern und Tönen hat diese faszinierende Informationswelt ihre Unschuld verloren. Heute droht eine Desinformationsgesellschaft, die zu einer wachsenden Gefahr für uns alle wird. Gibt es Auswege?

Als Journalist war ich von Anfang an dabei, als das Internet für alle verfügbar wurde. Das Zischen und Surren während des Aufbaus einer Verbindung faszinierte nicht nur mich, sondern auch meine Kinder. Ich führte sie nach und nach in diese faszinierende Welt ein. Anfangs verbunden mit einer strengen Zeitlimite. Wer sich länger im Internet bewegen wollte, musste das mit seinem eigenen Sackgeld bezahlen.

Für das Verbreiten der christlichen Botschaft eröffneten sich auf einen Schlag neue Möglichkeiten, insbesondere in den wenig entwickelten Gebieten unserer Welt. Sobald dort Internetverbindungen verfügbar waren, musste der Missionar nicht mehr zwingend persönlich anwesend sein. Er konnte seine Texte – so etwa Bibelübersetzungen – bequem digital übermitteln. Es wurde möglich, auch im Weltsüden digitale Unterrichtseinheiten für eine breite Bevölkerung anzubieten. Eine schöne neue Informationswelt!

Die Blütezeit von Facebook

Für den Studenten Mark Zuckerberg und seine Freunde war Facebook anfangs nur ein Gag, um den Wettbewerb um hübsche Studentinnen anzuheizen. Er spürte aber rasch, dass mit Social Media mehr möglich war. Schliesslich liess sich das Ganze ja mit Werbung verbinden und damit finanzieren. 2007 war der 23-jährige CEO von Facebook bereits Milliardär. An der Börse gewann das junge Unternehmen immer mehr das Interesse von Kapitalisten. Innert Kürze war Facebook 15 Milliarden Dollar wert.

Anfangs gab es noch keine Like-Funktion, «niemand konnte seinen Selbstwert an den Daumen messen, die von andern geklickt wurden»1 . Auch das unendliche Scrollen gab es noch nicht. Wenn man alle Reaktionen von Bekannten gelesen hatte, war der eingegebene Beitrag – der Post – an seinem Ende angelangt. «Kein Algorithmus steuerte die Beiträge, sie erschienen schlicht in der Reihenfolge, in der sie publiziert worden waren».

Jessica King schildert diese Blütezeit von Facebook so: «Es ging ja auch nicht darum, in eine manipulierte Parallelwelt einzutauchen, in der alle anderen Menschen scheinbar aufregendere Leben führen. Stattdessen benutzten wir die Plattform, um am banalen Alltag anderer teilzunehmen, … Gruppen mit lustigen Namen zu gründen, … sich zum Geburtstag zu gratulieren und die Profile von Menschen zu suchen, die man an der Uni sonst nur von weitem sah. Es war ein Tool, um Verbindungen zu schaffen und zu intensivieren.» Also ein ähnlicher Effekt, der mit der Einführung des Internets eingeläutet worden war.

Der Anfang vom Ende

Am 9. Februar 2009 führte Facebook den Like-Button ein. Jessica King reagierte mit dem folgenden Post: «Wer diesen Beitrag liked, ist doof.» Die Reaktion kam sofort: «Schon klickten mehrere auf das Däumchen, und zum ersten Mal spürte ich den kleinen Dopamin-Rausch der digitalen Zuneigung. Bald brütete ich über der Frage, warum gewisse Posts besser funktionierten als andere, versuchte meine Performance zu optimieren. Ich verglich mich mit anderen und spürte einen leichten Anflug von Scham, wenn ich weniger Likes als Kommilitoninnen und Kommilitonen erzielte.»

Parallel zur Lancierung des Like-Buttons kam Facebook in der Schweiz auf eine Million Nutzer. Nun wurde die Plattform zunehmend gesteuert. Jessica King stellt fest, dass Facebook immer häufiger andere Formate mit ihren eigenen Beiträgen verknüpfte, mit «Werbung, News und Beiträgen bislang unbekannter Seiten, ‚die mir gefallen könnten’». 2011 entschied sich Facebook, die fremden Beiträge nicht mehr chronologisch sondern von Algorithmen gesteuert aufzulisten. Damit begann das unendliche Scrollen auf der Suche nach einem noch spannenderen Beitrag zum Thema. Jessica King schildert ihre Erfahrung so: «Immer länger blieb ich nun am Bildschirm sitzen, scrollte und scrollte und scrollte, in der Welt des blauen Riesen gefangen.»

Mark Zuckerberg begann nun, sein Unternehmen auszubauen. Er schluckte Konkurrenten wie Instagram und Whatsapp und bezahlte dafür 1 bzw. 19 Milliarden Dollar. «Dass Profit immer wichtiger wurde, spürten wir im Alltag», sagt Jessica King dazu. «Versprühte Facebook zu Beginn noch ein karge Ästhetik, wurde die Plattform zunehmend mit knalliger Werbung, verwirrenden Feeds und unkontrollierbaren Sidebars zugekleistert.»

Als sich 2011 der Arabische Frühling entlud, trugen Facebook und der Konkurrent Twitter die Proteste aus Tunesien in alle Welt. Jessica King frohlockt: «Der Glaube an die politische Macht von Facebook wuchs – sogar Diktatoren konnte man damit stürzen! Wir posteten unsere Unterstützung, nutzten ab 2013 dafür Hashtags2 , die Facebook eingeführt hatte, und glaubten, mit diesem digitalen Aktivismus den Unterdrückten der Welt geholfen zu haben.»

2014 wurde das Symbol # in der Schweiz zum Wort des Jahres gewählt. Die wichtigsten Hashtags waren 2014 dann aber nicht Themen rund um die Ungerechtigkeit in unserer Welt, sondern zum Beispiel #IceBucketChallenge. Unter dieser Adresse leerten sich Menschen rund den Globus eiskaltes Wasser über den Kopf und dokumentierten dies mit einem Videoclip, in der Erwartung, möglichst viele Likes zu erhalten. Zu den bekanntesten Hashtags gehört #MeToo, der seit Mitte Oktober 2017 im Zuge des Weinstein-Skandals Verbreitung in den sozialen Netzwerken erfuhr und eine soziale Bewegung für die Rechte der Frauen bei sexuellen Übergriffen auslöste.

Mit den erwähnten neuen Möglichkeiten war die Plattform Facebook aber unkontrollierbar geworden. Missbrauch machte sich breit. Jessica King sagt zur Entwicklung von 20 Jahre Facebook, die Internetplattform habe sich vom lieblichen digitalen Dorf zur Gefahr für Demokratien gewandelt, Mark Zuckerberg vom kindlichen Jungunternehmer zum kaltblütigen Überkapitalisten, der sich vor dem amerikanischen Kongress erklären muss.

Bei Google werden die Daten jeder Suchanfrage aufgezeichnet. «Dazu gehören der Standort, Suchbegriffe, das Suchverhalten und Webseitenklicks», schrieb Debby Blaser im Magazin INSIST. «Auf vielen Webseiten werden die Nutzer ‚verfolgt‘, indem anhand der IP-Adresse aufgezeichnet wird, wer die Webseite besucht hat. Diese Daten machen es möglich, dass mir auf Facebook in einer Werbeanzeige genau der Turnschuh angezeigt wird, den ich mir vor kurzem auf Zalando angeschaut habe. Was praktisch ist für Werbetreibende, empfinden manche Nutzer jedoch als Eingriff in ihre Privatsphäre3

Die asozialen Medien werden zum Tummelfeld für Empörungen

Die sozialen Medien erlauben es den Nutzern, zu allen möglichen und unmöglichen Themen rasch eine Meinung zu bilden und diese dann mit andern zu teilen. Bei grosser Zustimmung wächst die Verbreitung dieser Meinung und kann Prozesse in Gang bringen, die kaum noch zu zügeln sind.

Die Journalistin Alexandra Föderl-Schmid, Nahost-Spezialistin der «Süddeutschen Zeitung», hat kürzlich mutmasslich versucht, sich das Leben zu nehmen. Ihr wurde vorgeworfen, in mindestens drei Fällen Erläuterungen öffentlicher Institutionen im Wortlaut übernommen zu haben, ohne dies entsprechend zu deklarieren. Sie habe damit ein Plagiat abgeliefert – eine Todsünde für Journalisten. Das deutsche Portal «Nius» engagierte darauf den «Plagiatsjäger» Stefan Weber, weitere Plagiate – etwa in der Dissertation der Journalistin – aufzudecken. Weber fertigt gegen Geld Gutachten zu akademischen Arbeiten an. «Webers Analysen bringen regelmässig prominente Personen in Schwierigkeiten», schreibt dazu die Journalistin Raphaela Birrer und fügt hinzu: «Häufig erfolgen allerdings seine Anschuldigungen zu Unrecht.» Für sie geht es bei solchen Debatten und Gutachten «längst nicht mehr um intellektuelle Redlichkeit oder universitäre Standards. Es geht um politische Motive, Rachefeldzüge, Rufmord.»

Die asozialen Medien eignen sich hervorragend, um diese Empörungen zu verbreiten. Obwohl eine Untersuchung zeigte, dass an den Vorwürfen bezüglich der Dissertation von Alexandra Föderl-Schmid wenig dran war, kam es zu Hasskommentaren mit Befürwortungen des Suizidversuchs und geschmacklosen persönlichen Angriffen. Die Meinungen waren schon gemacht und liessen sich durch nichts erschüttern. Raphaela Birrer meint zu den Undifferenziertheiten und zur Empörung im Fall Föderl-Schmid: «Sie liefern unfreiwillig Anschauungsunterricht für die degenerative Entwicklung digitaler Debatten. Und sie verdeutlichen, dass es im Moment schwierig bis unmöglich ist, Diskussionen … nüchtern zu führen. Nicht einmal dann, wenn ein Diskurs fast tödliche Folgen hat4

Künstliche Intelligenz und Hacking verstärken das Problem

Künstliche Intelligenz mag helfen, maschinelle Prozesse schneller zu machen. Wenn sie aber im Internet zum Zuge kommt, droht eine Verschärfung der genannten Probleme. Man füttert KI mit einem Gesicht und einer Stimme. Aus diesen Daten erstellt die KI dann eine Matrix, die als Vorlage für jede weitere Version dient. Im März letzten Jahres sei ein Video mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski in Umlauf gekommen, der seine Truppen aufgefordert habe, die Waffen niederzulegen und sich Russland zu ergeben, schreibt Andrian Kreye. Es sei aber sofort klar geworden, «dass jemand seinen Kopf auf einen Rumpf montiert hatte»5 .

In einem anderen Beispiel spricht der Fussballer Lionel Messi an einer Pressekonferenz verständliches Englisch, obwohl er grundsätzlich immer spanisch spricht. Die dahinter stehende Technologie nennt sich Voice-Cloning, die mit Übersetzer-KI vereint wurde. Ein eher harmloses Beispiel.

Wenn Fälschungen (Deepfake) aber dazu gebraucht werden, Nacktbilder des Popstars Taylor Swift in pornografischer Absicht zu generieren, ist das persönlichkeitsverletzend im höchsten Masse. Deepfake-Pornografie wird nicht selten auch zur Erpressung eingesetzt6 .

Womit wir in der untersten Schublade angekommen wären: der Möglichkeit, das Internet zu hacken und so an vertrauliche Daten zu gelangen – sei es um Firmen zu erpressen oder falsche Botschaften zu verbreiten. Diese Hackerangriffe nehmen exponenziell zu, auch in der Schweiz. 2022 gingen beim Nationalen Zentrum für Cybersicherheit des Bundes 34’000 Meldungen zu Cybervorfällen ein, dreimal so viele wie 2020. Laut dem Journalisten Michael Bucher wird für 2025 «eine weltweite Schadenssumme durch Cyberattacken von gegen 11 Billionen Franken prognostiziert. Das wären rund 40-mal höhere Kosten als Naturkatastrophen im Jahr 2022 verursacht haben7

Am kürzlichen Weltwirtschaftsforum in Davos wurden Fake News als grösste Gefahr für die Menschheit in den nächsten zwei Jahren bezeichnet. Falschinformationen im Internet könnten die Gesellschaft weiter spalten. «Mit Technologien wie ChatGPT oder neuen Versionen von Photoshop ist es leicht möglich, Texte zu erstellen oder etwa Bilder zu fälschen»8 . Auf diese Weise können «gezielt gestreute Fehlinformationen anstehende Wahlen in den USA beeinflussen.» Das könnte Zweifel an neu gewählten Regierungen wecken und politische Unruhen auslösen. Eine Gefahr für die Demokratie!

Was können wir tun?

Auf dem Weg von der Information zur Desinformation bleibt die Wahrheit auf der Strecke: wir folgen der Lüge. Der selbstgerechte Laie wird sich darüber nicht weiter aufhalten. Aufgrund der Informationen, die ihm dank seinem Profil zugespielt wurden, weiss er ja, was Sache ist. Damit verbunden ist die wachsende Skepsis gegenüber der Wissenschaft. 2016 stimmten gemäss einer US-Studie 44 Prozent einer breiten Öffentlichkeit der Aussage zu, «Experten sei weniger zu trauen als Laien». Wenn sich aber Laien zu Spezialisten aufschwingen, regiert die Ahnungslosigkeit. «Und was Wahrheit ist, bestimmen im Netz die Lautesten mit der grössten Followerschaft9

Dem Vater der Lüge zu folgen, kann für Christen aber keine Option sein. Was also soll getan werden? Glaubens- und Religionsführer aus Grossbritannien stellten nach einem kürzlichen Treffen über ethische Fragen rund um KI fest, Glaubensgemeinschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen müssten als «kritische Wächter fungieren, die sowohl KI-Entwickler als auch die politischen Entscheidungsträger zur Verantwortung ziehen». In einem nächsten Treffen wollen sie eine Kommission ins Leben rufen, «mit dem Ziel, die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz für das menschliche Wohlergehen zu nutzen und gleichzeitig Gemeinschaften vor potenziellem Schaden zu schützen»10 .

Dieser Schutz kann durch Institutionen gewährleistet werden, die demokratisch legitimiert sind. Der SVP-Nationalrat Andreas Glarner setzte gegen seine politische Gegnerin Sibel Arslan von den Grünen ein Fake-Video ein. Wenige Tage vor den letztjährigen Parlamentswahlen veröffentlichte Glarner ein täuschend echtes Video von Arslan auf X und Instagram, das mittels künstlicher Intelligenz erzeugt worden war. In diesem Fake-Video äusserte sie dann Meinungen, die dem Gegenteil ihrer tatsächlichen Überzeugungen entsprachen. Arslan ging vor Gericht. Gemäss einem kürzlichen Urteil des baselstädtischen Zivilgerichtes muss Glarner die Gerichts- und Arslans Anwaltskosten für diesen Fall übernehmen. Sie erwägt zur Zeit als nächsten Schritt eine Strafanzeige gegen Glarner. Diese könnte zum Präzedenzfall für einen neuen Straftatbestand werden, der erst seit dem 1. September 2023 in Kraft ist: für den Strafbestand des Identitätsmissbrauchs11 .

Nur Stunden nach der Terrorattacke der Hamas gegen Israel im vergangenen Oktober kursierten auf der Plattform X manipulierte Fotos und Videos anderer Kriege, es gab darunter sogar Sequenzen aus Videospielen und Aufnahmen von Silvesterfeuerwerk. Nutzer verbreiteten diese Bilder als Stimmungsmache gegen Israel oder gegen Palästinenser. «X, die weltweit grösste Quelle für Echtzeitnachrichten, wirkt in diesen Tagen wie ein Verteilzentrum für irreführende Nachrichten», schreibt dazu Jan Diesteldorf. Die EU will nun X-Eigentümer Elon Musk anklagen, der versprochen hatte, die EU-Regeln für digitale Dienste einzuhalten. Gemäss diesen müsste X «schnell, sorgfältig und effektiv auf Hinweise reagieren, illegale Inhalte löschen und ‚wirksam Risiken für die öffentliche Sicherheit und den gesellschaftlichen Diskurs bekämpfen, die von Desinformation ausgehen’»12 .

«Die klassischen Medien verlieren die Kontrolle über den Nachrichtenzyklus, und Algorithmen scheinen zum Teil falsche und sensationsheischende Nachrichten schneller zu verbreiten», führte Silke Adam, Professorin am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften im vergangenen Herbst an einem Workshop der Uni Bern aus. Sie folgerte daraus: «Desinformation gefährdet unsere Demokratie und kann ein Auslöser sein, dass sich Menschen polarisieren13

Daraus lässt sich schliessen, dass wir die klassischen Medien nicht aus den Augen verlieren sollten, vor allem Medien wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen oder Radio und die parteiunabhängigen Printmedien. Diese sollten in der Lage sein, Fakten statt Fake zu präsentieren, damit wir uns unsere Meinung möglichst in der Kombination von mehreren Medien zuverlässiger bilden können.

Was oft vergessen geht: KI ist verbunden mit einer Verletzung des Urheberrechtes. Zur Zeit läuft ein Prozess der «New York Times» gegen den KI-Anbieter Chat-GPT. Dieser hatte teils wortgetreue Textkopien als KI-Texte ausgegeben. Gary Marcus, Professor für Neurowissenschaften an der New York University, hat selber mehrere Firmen für KI-Anwendungen aufgebaut. Heute gilt er als Stimme der Vernunft in der KI-Debatte. Er sieht keine raschen Lösungen: «Solange niemand eine neue Architektur erfindet, mit der die Herkunft von generativen Texten oder generativen Bildern zuverlässig verfolgt werden kann, wird es weiterhin zu Rechtsverletzungen kommen14

Immerhin gibt es erste Fortschritte. Wer bei Chat-GPT nach den Grundlagen für eine werteorientierte Dorfentwicklung fragte, erhielt eine Antwort, deren Inhalt mir sehr bekannt vorkam. Wer dieselbe Anfrage bei Copilot eingibt, bekommt ebenfalls Antworten aus den WDRS-Publikationen, diesmal aber mit einer sauberen Quellenangabe und mit Links zu den ursprünglichen Beiträgen, etwa in unserem Forum.

Es steht uns frei, unser Medienverhalten der neuen Lage anzupassen. Debby Blaser weist darauf hin, dass es für Suchmaschinen wie Google Alternativen gibt, die keine Daten aufzeichnen und keine Informationen an Drittpersonen verkaufen, etwa Swisscows oder DuckDuckGo15 .

Die Präsenz von Facebook ist heute am Abnehmen. Aber auch seine Nachfolger und Alternativen sind datentechnisch und im Blick auf den Missbrauch nicht viel besser. Mastodon soll zumindest vom Prinzip her ein deutlich anderes Sozial-Media-Konstrukt sein: Es gibt keinen zentralen Server und damit keinen Besitzer mit bestimmten wirtschaftlichen Interessen und keinen Empfehlungsalgorithmus für den Feed16. Die Messenger App Threema gilt als sicherere Variante von WhatsApp. Sie schützt die persönlichen Daten laut Eigenwerbung «vor dem Zugriff durch Hacker, Unternehmen und Regierungen».

Die digitale Welt orientiert sich heute an Macht- und finanziellen Interessen, auch wenn sie dabei die Wahrheit opfern muss. Das soll uns nicht daran hindern, die positiven Möglichkeiten des Internets zum Verbreiten guter, faktenbasierter Inhalte zu nutzen. Gleichzeitig können wir mithelfen, dass die negativen Tendenzen aufgedeckt und bekämpft werden.

Alles beginnt bei unseren Kindern

Zu guter Letzt: Vielleicht sollten wir auch etwas Abstand zu unseren digitalen Medien gewinnen. Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf plädiert für die Neuentdeckung von zwei alten Disziplinen: Lesen und Denken. Digitale Medien gefährden aus ihrer Sicht beides. Die aktuelle Pisa-Studie habe bei 15-Jährigen weltweit einen Trend zu schlechteren Lesefähigkeiten festgestellt.

Deshalb sagt Maryanne Wolf: «Von null bis fünf Jahren sollten Kinder medienmässig von (Bilder-)Büchern umgeben sein, Eltern und Umfeld sollen ihnen jeden Tag vorlesen, Kinder sollen ihre Bücher halten, damit spielen, ja darauf herumkauen! Lesen soll eine interaktive und sinnliche Erfahrung sein.» Bildschirme könne man dann zwischen eineinhalb und fünf Jahren sehr graduell einführen. Sie sollten aber nicht ein Babysitter-Ersatz sein, weder als Ablenkung noch als Belohnung oder Bestrafung. Sobald die Kinder selbst lesen lernen könnten, mache es Sinn, Print und Digital nebeneinander laufen zu lassen, auch zur Unterstützung des Lesens. Mit vielleicht sieben oder zehn Jahren könne dann die Schule die Kinder in die Welt des vertieften Lesens einführen. «Wenn wir nur noch skimmen und Mühe damit haben, Information und Desinformation auseinanderzuhalten, gefährden wir am Ende unser demokratisches Zusammenleben»17 , glaubt die Hirnspezialistin.

Kurz und gut: Vielleicht können wir ja selber wieder mal ein Buch zur Hand nehmen. Neben der Bibel kann es durchaus auch mal ein guter Roman sein – oder ein Sachbuch über Verschwörungstheorien.


1. Da ich mich bisher nicht zum Mitmachen in sozialen Medien verführen liess, folge ich in diesem Teil meist den Gedanken der Journalistin Jessica King in «Der Bund», 12.2.24
2. dt. Gartenzaun mit dem Symbol #
3. Magazin INSIST, April 2018
4. «Der Bund», 13.2.24
5. «Der Bund», 18.9.23
6. «Der Bund», 10.2.24
7. «Der Bund», 21.2.24
8. Anna Lutz im Pro-Medienmagazin vom 10.1.24
9. «Der Bund», 11.12.23
10. Livenet, 14.11.23
11. «Der Bund», 6.1.24
12. «Der Bund», 12.10.23
13. «Der Bund», 20.10.23
14. «Der Bund», 13.1.24
15. Magazin INSIST, April 2018
16. https://www.watson.ch/digital/review/279309107-twitter-alternative-17-gruende-warum-sich-mastodon-auch-fuer-dich-lohnt
17. «Der Bund», 21.12.23


Dieser Artikel erschien erstmals am 01. März 2024 auf Forum Integriertes Christsein.
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Christinnen und Christen sind mit einem biblischen Freiheitsbegriff schnell zur Hand. Der folgende Artikel blickt unter die Oberfläche und führt weg von der Freiheit als höchstes Ziel einer Gesellschaft.

Immer wenn Freiheit als Wert und Ziel vertreten wird, wartet die Kritik daran gleich um die Ecke. Denn «Freiheit» wird meist zunächst als «negative» Freiheit verstanden, als ein «frei sein von…». Da drängt sich das Bedürfnis nach einer positiven Erweiterung auf.

Frei von, frei zu

Gerade aus christlicher Sicht kann zu Recht betont werden, es reiche nicht, bloss «frei von…», beispielsweise Sünde, Ungerechtigkeit, Angst, zu sein. Es gehe auch darum, «frei zu sein zu…», also mit frei wehendem geistlichem Rückenwind die Berufung eines gemeinschaftsfördernden Lebens mit Sinn, Perspektive und Hoffnung zu führen. Als Christ bin ich geneigt, die positive Sicht der Freiheit als wichtige Ergänzung willkommen zu heissen und die Diskussion um das Verständnis des Begriffs «Freiheit» damit ad acta zu legen: Ja, alle Menschen sollten und dürfen frei sein von Sünde, Unterdrückung und Ungerechtigkeit, um stattdessen in geistlicher, physischer und politischer Freiheit ein Leben im Gehorsam gegenüber dem Schöpfer zu führen und in verantwortlicher Mitgestaltung die Welt zu prägen, ganz im Sinn seines kommenden Friedensreiches. Mit dieser ergänzenden, von einem umfassenden Reich-Gottes-Verständnis ausgehenden Sicht von Freiheit sind schliesslich alle Aspekte von Freiheit abgedeckt, möchte man meinen.

Freiheit von Unterdrückung

Der kroatisch-amerikanische Theologe Miroslav Volf macht sich im Buch «Von der Ausgrenzung zur Umarmung» Gedanken über Exklusion, Inklusion, Identität, Unterdrückung, Befreiung, Versöhnung und vieles mehr. Er verbindet auf faszinierende Weise politische Theorie, geschichtliche Ereignisse, philosophische Erwägungen, biografische Erlebnisse und biblische Theologie. Ein zentrales Kapitel (124ff) ist mit «Umarmung» überschrieben. Die Geste der Umarmung steht bei Volf für eine Herzenshaltung der Nähe, der Vergebung, der Feindesliebe, des christusähnlichen «trotzdem…». Immer wieder geht es ihm um die Frage, wie Gebundene, Geknechtete frei werden können und was dazu sowohl von ihrer Seite wie auch von Seiten der Unterdrücker nötig ist. Hier kommt die Freiheit ins Spiel. Von einem christlichen Theologen würde man erwarten, dass er für einen Prozess plädiert, die mit dem Bekennen der Schuld und der Umkehr eines Unterdrückers beginnt und über die Vergebung des Gebundenen zu Versöhnung und neuer Nähe führt. Freiheit von Schuld, eine befreite Beziehung und tatsächliche Freiheit des vormals Unterdrückten wäre das Resultat.

Volfs skeptische Frage

Volf ist skeptisch gegenüber der eben geschilderten Erwartung. Nicht weil der Prozess per se falsch wäre, sondern weil es problematisch wird, wenn der Prozess, mit dem ein Zustand der Knechtschaft beendet werden soll, vorwiegend oder gar ausschliesslich durch das Ziel «Freiheit» motiviert ist. Die menschliche Anfälligkeit für die Sünde, so Volf, droht die gewonnene Freiheit in ihr Gegenteil zu kippen. Volf betont, dass sowohl «Täter» als auch «Opfer», ja alle Menschen, zur Umkehr gerufen sind. Wenn nun die Kategorien von Unterdrückung und Befreiung, von Schuld und Unschuld zu sehr einer Seite zugeordnet und in den Vordergrund gerückt werden, wird damit ein Gefälle kreiert, in welchem sich Unterdrückte moralisch überlegen fühlen, im Fall gewonnener Freiheit zu Unterdrückern werden und so die ehemaligen Täter/Unterdrücker in die Opferrolle und damit in die moralische Überlegenheit drängen. «Überlegene Moral ist allzu oft die Moral der Überlegenen» zitiert Volf (131f) Zygmunt Bauman und weist so auf die Risiken hin, die in einem Akt der Befreiung lauern für Menschen, welche die Freiheit gewonnen haben.

Von der Freiheit zur riskanten Liebe

Die Kategorien Schuld/Unschuld sind vor Gott klar, aber nicht vor den Menschen, da menschliches Zusammenleben komplex und selten eindeutig ist. Volf negiert keineswegs die Wichtigkeit befreienden Glaubens und Handelns. Aber er betont aus theologischer und philosophischer Überzeugung, dass «Freiheit» sich nicht als höchstes Ziel einer Gesellschaft eignet. Stattdessen plädiert er dafür, gemäss dem Vorbild Christi die Liebe zum höchsten Ziel menschlichen Handelns und gesellschaftlichen Zusammenlebens zu machen. Eine solche, vom Kreuz her inspirierte, Liebe ist verletzlich. Sie lebt riskant, muss sie doch damit rechnen, nicht erwidert, ja sogar zurückgewiesen und verachtet zu werden. Sie wird womöglich einseitig bleiben in ihrer nicht berechnenden Zuwendung und Vergebung. Aber was sie nicht tut: Sie kreiert kein neues Gefälle und sie bedient nicht die menschliche Schwäche, erlittenes Unrecht in Überlegenheit drehen zu wollen. Liebe eröffnet die Chance, dass eben doch etwas geschieht: Eine Reaktion, ein Nachdenken, ein zaghaftes Zurücklieben. Ein Wachsen von neuem Vertrauen. Auch wenn es Zeit braucht.

Befreiende Liebe

Volf bezieht die Vorrangstellung der Liebe vor der Freiheit vorwiegend auf das Verhältnis zwischen Gruppen von Menschen oder sogar zwischen Staaten. Der Gedanke dahinter ist aber auch fruchtbar in anderen Lebensbereichen: Freiheit, und sei es auch christlich gemeinte Freiheit, birgt das Risiko, sich selbst ins Zentrum zu stellen. Denn Freiheit hat einen Zweck, sie ist gewissermassen «messbar» und Messbares neigt zu Vergleichen, zu Gewinnern und Verlierern. Liebe hingegen ist nicht messbar. Aber sie ist erlebbar und zweckfrei und kann damit der Vereinnahmung, der Gewinnerwartung und der Selbstzentriertheit besser widerstehen. Echte Liebe hat wie echte Freiheit ihre Quelle in Gott. Aber während letztere etwas Bestimmtes zu erfüllen hat, ist Liebe einfach, was sie ist.
Die Zweckfreiheit der durch Jesus motivierten Liebe ist deshalb auch die richtige Haltung, wenn wir vom politischen Feld zurück zum Alltagserleben kommen: Liebe muss nichts haben, muss nichts erreichen, muss nicht konsumieren, muss weder kaufen noch verkaufen, weder gewinnen noch vermeiden. Liebe ist frei, wahrhaft frei, nicht an sich selbst denken zu müssen und so in eine Egoknechtschaft zu geraten. Liebe kann sich verschenken zugunsten unserer Nächsten hier, anderswo auf der Erde und in der Zukunft. Christus ist gerade auch für freiheitsliebende Schweizer derjenige, der zuerst geliebt hat. Seine Liebe sprengt Ketten und befreit, ohne neue Knechte und Benachteiligte zu schaffen.


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Freiheit kann sowohl kollektiv als auch individuell verstanden werden. Wichtige philosophische Grundlagen für diesen Wert wurden im 18. Jahrhunderts gelegt. Das biblische Verständnis dafür geht aber weit darüber hinaus.

«Freiheit» ist in der westlichen Welt ein beinahe ikonisches Konzept. Wenn es um das Zusammenleben der Menschen geht, gilt Freiheit immer als wichtiger, oft als wichtigster Wert. Schliesslich wurden und werden seit der Aufklärung Denkverbote und Dogmen in Frage gestellt und den Menschen und Völkern wird zugesprochen, in Freiheit ihre je eigene Autorität sein zu dürfen.

Zwei Konzeptionen von Freiheit

Die meisten Menschen haben ein weitgehend individualistisches Verständnis von Freiheit. Die Art, wie wir das Zusammenlebens im Staat und die eigene Verantwortung sehen, wurde wesentlich im Kielwasser der Aufklärung geprägt. Kant und Locke sind zwei Namen, die mit einem dem Individuum dienenden Verständnis von Freiheit verbunden sind. Diese Sichtweise kann im politikwissenschaftlichen Sinn «liberal» genannt werden. Das liberale Freiheitsverständnis hat viel Wirkung entfaltet, es ist aber nicht das einzige. Eine ältere Form des Freiheitsverständnisses geht auf die alte römische Republik oder auf Namen wie Machiavelli und Rousseau zurück. Im Gegensatz zu den oben genannten Denkern wurde bei diesen eher die Freiheit einer Gemeinschaft oder gar eines (Stadt-)Staates betont, kollektiv der Tyrannei die Stirn bieten zu können. Diese Sicht wird in der Regel mit dem Begriff «republikanisch» in Verbindung gebracht. Republikaner in diesem Sinn betonen im Gegensatz zu den Liberalen wesentlich stärker die Wehrhaftigkeit und Handlungsfreiheit des Kollektivs. Beiden Konzeptionen von Freiheit ist eigen, dass sie ein «frei sein von …» betonen. Während Liberale eher die Freiheit des Individuums vor staatlicher Willkür meinen, betont die republikanisch gesinnte Seite die freie Selbstbestimmung eines Volkes vis-a-vis einer meist äusseren, manchmal auch inneren Bedrohung.

Freiheit als Teil der Schweizer Identität

Beide skizzierten Strömungen sind in der Schweizer Politik identifizierbar. Sowohl das Volk als auch die einzelne Bürgerin wollen und sollen frei sein vor unzulässigen Einschränkungen. Die liberale Tradition wird im politischen Tagesgeschäft spürbar, wenn es beispielsweise um die Freiheit des Handels geht oder darum, Überwachungsbestrebungen des Staates in die Schranken zu weisen. Nicht selten werden in diesem Zusammenhang «Freiheit» und «Sicherheit» einander gegenübergestellt und betont, dass es keine Sicherheit geben kann ohne die Grundlage der Freiheit des Individuums. Die republikanische Tradition andererseits hinterlässt dann mediale Spuren, wenn der «Souverän», also die Stimmbevölkerung als massgebende letzte Instanz, betont wird oder wenn es darum geht, sich als Land der echten oder eingebildeten Einflussname aus dem Ausland oder der Anpassung fremden Mächten gegenüber entgegenzustellen. Stichworte dazu sind beispielsweise die Neutralitätsdebatte, das Bankgeheimnis und die Beziehung zur EU. Es gehört deshalb zur Geschichte und zum Selbstbild der Eidgenossenschaft, sowohl dem Individuum grösstmögliche Freiheit in allen Lebensbereichen zuzugestehen als auch zu betonen, dass die Schweiz als Volksgemeinschaft frei von Fremdbestimmung sein und bleiben solle.

Politische Freiheit ist weder rechts noch links

Die zwei Konzeptionen von Freiheit sind im politischen Tagesgeschäft beobachtbar; einige Themen sind sogar mühelos einer bestimmten politischen Partei zuzuordnen. Aber die Achse liberal-republikanisch ist kein Entweder-oder, sondern ein Kontinuum, auf dem sich politische Player je nach Fragestellung bewusst oder unbewusst positionieren. Deshalb sind die beiden Verständnisse von Freiheit auch nicht einfach mit der Links-rechts-Achse identisch. Bei Parteien links der Mitte sind sowohl ein Fokus auf das starke Kollektiv – Stichworte wie Solidarität und Lastenausgleich – als auch ein Unbehagen gegenüber staatlichen Übergriffen ins Privatleben – Stichwort Widerstand gegen Überwachsungsmassnahmen – feststellbar. Bei anderen Themen aber mit gleicher Vehemenz betont die politische Rechte sowohl die Gemeinschaft – Stichwort Selbstbestimmung der Schweiz als Nation – als auch Bedürfnisse des Individuums – Stichwort Steuer- und Wirtschaftspolitik.

Christliche Freiheit ist mehr als bloss republikanisch oder liberal

Freiheit im christlichen Sinn umfasst selbstverständlich wesentlich mehr als die Frage, wovon wir befreit werden müssen. Doch bleiben wir für den Moment bei der Frage, ob aufgrund eines christlichen Verständnisses von Freiheit eher das Kollektiv oder das Individuum vor etwas beschützt bzw. von etwas befreit werden muss.
Klar ist zunächst, dass die Freiheit auch aus christlicher Sicht hohe Wertschätzung verdient, denn wo der Geist Gottes weht, da ist Freiheit gemäss Paulus eine Folge (2. Kor 3,17) und zu Freiheit sind Christen schliesslich berufen (Gal 5,13). Auch dürfte es nicht überraschen, dass in dieser Perspektive kollektive und individuelle Freiheit nicht voneinander getrennt werden können, sondern miteinander verknüpft sind: In Jesu messianischer Antrittsrede (Luk 4, 16-21) stellt er sich vor als derjenige, der unter anderem Gefangene und Misshandelte – Individuen – befreit und dem Volk – dem Kollektiv – die befreiende Gnade Gottes zuspricht. Wen der Sohn frei macht, der ist wirklich frei (Joh 8,36), und dies gilt für Einzelne genauso wie für gemeinschaftliche Haltungen und Werte, wie das Gespräch in Joh 8,31-47 zeigt. Die Freiheit, die Christus Glaubenden verspricht, ist daher nicht «republikanisch» oder «liberal», auch nicht bloss die Summe oder eine Mischung von beidem, sondern weit mehr: Christliche Freiheit umfasst als Zielvorstellung letztlich die ganze Schöpfung (Römer 8,18-25). Diese weite Sicht kann dazu verhelfen, in politischen Fragen nicht bloss Aufmerksamkeit und Verständnis zu haben für unterschiedliche Konzeptionen von Freiheit, sondern darüber hinaus den Blick über das Tagesgeschäft hinaus zu erheben auf das, was Gottes Ziel ist: Eine befreite Schöpfung.

Ein weiterer Artikel zum gleichen Thema folgt nächste Woche.


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Jesus-Nachfolge, Mission und Evangelisation werden oft mit dem Ruf „zu allen Völkern gehen“ (Mt 28,19-20) verbunden. Gleichzeitig ist das Thema Ökologie heute en vogue. Steht der Missionsauftrag der Ökologie diagonal gegenüber? Drängt die Ökologie den Hauptauftrag der Christen in den Hintergrund? Ein Blick in die Vergangenheit kann uns helfen, diese Fragen zu klären.


Wer ist Jesus?

Von Anfang an hat die Kirche damit gerungen, wer Jesus genau ist, dem sie nachfolgt und dessen Reich sie verkündet. Eine der ersten Fragen lautete: War dieser Jesus ein – möglicherweise guter – Mensch, oder war er Gott? Nach über 400 Jahre langem, hartem Ringen hat die frühe Kirche – vereinfacht formuliert – über Jesus von Nazareth gesagt: Er ist ganz Gott und ganz Mensch. Vollkommen Mensch zu sein, bedeutet, das Diesseitige ohne Abstriche ganz anzunehmen. Ganz Gott zu sein, bedeutet aber auch, völlig anders zu sein als diese Welt.

Um welche Realität geht es?

Die frühe Kirche war zudem stark leibbezogen, ohne eins mit dem Diesseitigen zu werden. Beispiele wie etwa die Korintherbriefe deuten darauf hin, dass die reale Gemeinschaft zum Christsein gehörte und die ‚eigentliche‘ Realität gerade nicht auf das Zukünftige verlagert wurde. Gleichzeitig zeigt das Thema Hoffnung, das auch in diesen Briefen angesprochen wird (1. Kor 13,13), dass eine völlig gerechte Welt sich nicht im Hier und Jetzt vollenden lässt.

Wie hilft uns das nun in der Frage nach Mission, Ökologie und Nachfolge? Heute sind zwei Tendenzen festzustellen: Manche Kirchen kümmern sich mit viel Engagement um diese Schöpfung und strengen sich ökologisch an. Das ist lobenswert. Wird aber ausschliesslich das Diesseits betont, dann hätte die alte Kirche sie ausgeschlossen. Warum? Weil sie nur die menschliche Natur dieses Jesus betonen: Die Hoffnung bleibt im Menschen begründet.

Die gegenüberliegende Tendenz: Es zählt nur das Jenseits, nämlich die Rettung des Einzelnen. Die Schöpfung hat dabei keinen Wert an sich, obwohl doch Gott Mensch wurde, damit die ganze Schöpfung erlöst wird (Röm 8,22).

Beide Tendenzen haben etwas Richtiges und Anziehendes, aber in ihrer Einseitigkeit verfehlen sie, zumindest gemäss der alten Kirche, das Ziel. Einen Keil zwischen Erlösung und Schöpfung zu treiben, wird dem biblischen Zeugnis nicht gerecht.

Ein Beispiel aus Thun

Wo immer beide Aspekte gleichermassen bejaht werden, da breitet sich die „Fülle des Lebens“ aus. Ein solches Beispiel ist die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde efg Thun, die beide Aspekte betont. Von ihrer Geschichte her ist sie eindeutig dem herkömmlichen Verständnis von Nachfolge und Evangelisation zuzuordnen. Dies hat sie über Jahre hinweg ergänzt, ohne das Bisherige zu verlieren. Sie setzte zum Beispiel bewusst auch andere Akzente, wie etwa einen jährlichen Kurs zu Gerechtigkeit, ein Thema, das eng mit Ökologie verbunden ist. Das Merkmal dieser Kirch­gemeinde liegt gerade in ihrer unspektakulären Aus­gewogenheit. Nachfolge bedeutet für sie, den Nöten dieser Welt mit der Hoffnung auf das Reich Gottes zu begegnen. Diese Ausgewogenheit hat ihr numerisches Wachstum nicht verhindert.

Ein weiteres Beispiel: Es erstaunt kaum, dass im Netzwerk Eco Church in England, mit über 5000 Kirchgemeinden, aber auch in der französischen Schweiz (EcoEglise) und in der Deutschschweiz (Eco Church Network) sehr unterschiedliche Kirchgemeinden partizipieren. Nach dem Massstab eines biblischen Verständnisses und der alten Kirche ist Eco Church eine Möglichkeit, auf die Fragen unserer Zeit zu antworten ohne Nachfolge zu negieren, sondern sie gerade auch darin ernst zu nehmen. Die dahintersteckende Idee ist: Bewahrung der Schöpfung ist zentral, weil Gott nicht aufgehört hat diese gute Schöpfung gut zu finden und er wie vor 2000 Jahren immer noch in dieser Schöpfung leben will, die Schöpfung aber auch erlösungsbedürftig ist. Eco Church ist eine Form, wie Glaube und Hoffnung mit gelebter Nachfolge Ausdruck finden – und das ist eine sehr gute Nachricht für ganz viele Menschen.

Weiterführende Links:

stoparmut.ch
ecochurch.ch

Dieser Artikel erschien zuerst bei IDEA SCHWEIZ am 09. Juli 2023. [Zum Original-Artikel]
Titelbild von Akira Hojo auf Unsplash

~ 3 min

Was ist der Hauptantrieb, wenn Menschen ihren Glauben mit anderen teilen? Ist es die Liebe? Oder ist es die Gerechtigkeit?

Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass trotz anderer Behauptungen die zentrale Grundperspektive klassisch konservativer / evangelikaler Theologie nicht die Liebe, sondern die Gerechtigkeit ist. Diese Gerechtigkeit ist der Liebe übergeordnet. Erst wenn der Gerechtigkeit Genüge getan ist – was oft bedeutet, dass ein Mensch in bestimmte Vorstellungen von Richtigkeit und Gehorsam hineinpasst – kann die Liebe zum Zug kommen. Zu lieben, ohne vorher klarzustellen oder geistlich einzurenken, scheint für so manchen Christen kein gangbarer Weg zu sein. Das wird als Verrat an der über allem stehenden Gerechtigkeit Gottes verstanden. Liebe ist zwar immer der erklärte Wille und die erklärte Absicht, aber diese Liebe kommt eben praktisch an der geforderten Gerechtigkeit (Korrektheit) nicht vorbei.

Und leider geht es wie oben erwähnt bei dieser Gerechtigkeit nicht um die klassische Glaubensgerechtigkeit, die Luther so wichtig wurde, sondern oftmals um Konformität subjektiv biblischen und moralischen Vorstellungen eines bestimmten frommen Milieus gegenüber.

In meinem Buch nenne ich als eines von mehreren Merkmalen progressiver Theologie:

„DIE LIEBE GOTTES ALS HAUPTANTRIEB – Menschen mit progressivem Glauben lassen sich von der Liebe Gottes motivieren, ihren Glauben mit anderen zu teilen. In dieser Liebe sehen sie auch ihre Offenheit gegenüber anderen Lebensentwürfen und -formen begründet.“

Auch wenn konservative Theologie immer wieder behauptet, Liebe und Gerechtigkeit gehören untrennbar zusammen, stelle ich nach 30 Jahren Leben in diesen Kreisen fest, dass die Gerechtigkeit der Liebe im konkreten Vollzug meist übergeordnet ist. Immer wieder höre ich konservative Pastoren sagen, dass ihnen in all ihren Jahren solch eine Vorrangstellung der Gerechtigkeit gegenüber der Liebe nie begegnet ist. Und ich frage mich dann manchmal, ob es einfach gar nicht mehr wahrgenommen wird, weil es so gewohnt ist. Haben diese Pastoren und Christen wirklich noch nie erlebt, dass ein Jugendpastor entlassen wurde, weil er mit seiner Freundin zusammengezogen ist? Dass Menschen nicht mehr in die Gemeinde gehen konnten, weil sie sich haben scheiden lassen? Dass Musiker nicht mehr auf der Bühne mitspielen durften, weil sie sich als homosexuell geoutet haben? Dass jemand die Hauskreisleitung entzogen wurde, weil er nicht mehr an die Historizität der Schöpfungserzählung glauben konnte? Dass begabte Frauen bloss wegen ihres Geschlechts nicht leiten oder predigen durften?

Vielen konservativen Christen erscheinen diese Konsequenzen absolut einleuchtend und es käme ihnen nicht in den Sinn, dass das lieblos ist, denn es ist doch richtig! Aber wieder und wieder wird die Liebe und die Barmherzigkeit auf dem Altar der Korrektheit (was natürlich mit Gottes Gerechtigkeit gleichgesetzt wird) geopfert.
Wenn schon biblisch, dann sehe ich dort den klaren Vorrang in der Liebe. Das wird zum einen explizit so zum Ausdruck gebracht (z.B. 1.Kor.13), zum anderen in vielen Geschichten, Begegnung und Gleichnissen Jesu illustriert.

  • Die Gerechtigkeit fordert die Steinigung der Ehebrecherin, die Liebe Jesu spricht: ich verurteile dich nicht, gehe in Frieden, aber verfehle in Zukunft das Ziel deines Lebens nicht mehr (vgl. Joh.8,11).
  • Die Gerechtigkeit des älteren Bruders fordert Konsequenzen für den verlorenen Sohn. Die Liebe des Vaters nimmt ihn bedingungslos an (vgl. Lk. 15)

Wenn die Liebe die Hauptmotivation ist, schliesst das Gerechtigkeit überhaupt nicht aus. Aber Gerechtigkeit ist eben eine Ausdrucksform der Liebe Gottes, die Liebe führt zur Gerechtigkeit und es geht nicht um ein unbedingt ausgewogenes Verhältnis zwischen diesen beiden Eigenschaften. Und wenn ich mich entscheiden müsste, wollte ich mich immer für die Liebe entscheiden! Das empfinde ich als am Göttlichsten. Denn nicht die Gerechtigkeit am Kreuz hat der Liebe Gottes den Weg freigeräumt, sondern die Liebe Gottes hat das Kreuz erst möglich gemacht. Die Liebe geht allem voraus und am Ende hat sie das letzte Wort.

Der Artikel ist erstmals am 23. März 2023 auf www.movecast.de erschienen.

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Ein biblisch-theologischer Überblick

«ChristNet-Forum – Wie Geld die Politik und uns selber bestimmt
Samstag, 28. Januar 2023, Nägeligasse 9, Bern»
Es gilt das gesprochene Wort

Gott und Geld – es ist kompliziert

Gott und Geld – das passt nicht zusammen. Dieser Beziehungsstatus ist gelinde gesagt «kompliziert». Zu diesem Schluss muss kommen, wer an das bekannte Jesus-Wort denkt:
«Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon» (Mt 6,24).

Dieses Entweder-Oder irritiert, kennt das Alte Testament doch eine wesentlich differenzierte Sicht auf Geld, Wohlstand und Reichtum. Es lassen sich drei Positionen unterscheiden:1

  • Reichtum (Geld) als Segen
    Reichtum wird immer wied er ausdrücklich als Gabe Gottes genannt . Etwa wenn Abrahams Verwalter sagt: «Gott hat meinen Gebieter reichlich gesegnet, so dass
    er reich geworden ist; er hat ihm Schafe und Rinder, Silber und Gold, Sklavinnen und Sklaven, Kamele und Esel gegeben» Gen 24,35
  • Warnung vor den Gefahren des Reichtums
    Das AT verweist durchaus auf Gefahren des Reichtums, wenn etwa der weisheitliche Prediger festhält: «Wer das Geld lieb hat, wird des Geldes nicht satt» Koh 5,9
  • Kritik am Reichtum
    Diese Warnung geht in teils harsche Kritik an Reichtum über, der unrechtmässig erworben wurde. Die daraus folgenden sozialen Missstände werden von Propheten wie Jeremia schonungslos angeprangert: «[…] so sind ihre Häuser voll Betrug; dadurch sind sie mächtig und reich geworden, fett, feist. Auch sündigen sie durch ruchloses Tun. Das Recht pflegen sie nicht, dem Recht der Waisen verhalfen sie nicht zum Erfolg und die Sache der Armen entscheiden sie nicht» (Jer 5,27b-28).

Der hier kritisierten sozialen Ungerechtigkeit steht im Alten Testament eine umfassende Sozialordnung gegenüber, die diese Missstände beheben oder zumindest ausgleichen will.2 Die Kritik an den Reichen spitzt sich im Neuen Testament mit dem eingangs zitierten Jesus-Wort deutlich zu. Mit Burkhard Hose lässt sich sagen:
«Die Reichen haben es schwer im Neuen Testament. Gemessen an anderen Themen nehmen die reichtumskritischen Töne in den Jesusüberlieferungen einen verhältnismässig breiten Raum ein […]. Die Botschaft ist unmissverständlich: Geld versperrt den Weg zu Gott – zumindest, solange man es für sich behält.»3

Wie ist mit dieser biblischen Ambivalenz zum Thema «Geld» umzugehen?

Geld muss dienen

Als neu gewählter Papst veröffentlichte Franziskus im November 2013 sein erstes Apostolisches Schreiben.4 Darin warnt er vor der Vergötterung des Geldes und schreibt: «Das Geld muss dienen und nicht regieren!»5

In diesem Sinn rief der Papst dann 2014 die Teilnehmenden am WEF in Davos auf, «sicherzustellen, dass Wohlstand der Menschheit dient, anstatt sie zu beherrschen.»6

Diese Aussage des Papstes kann sich auf viele Stellen in der Bibel berufen. Sie hier umfassend und nuanciert darzustellen, ist nicht möglich. Ich muss mich hier auf ein Beispiel beschränken. Ein Beispiel, das zeigt: Geld darf nicht knechten. Es muss das Leben ermöglichen.

Mit Geld Gutes tun?

Ein erster kritischer Blick (Mk 12,41-44)

41 Und er [Jesus] setzte sich der Schatzkammer gegenüber und sah zu, wie die Leute Geld in den Opferstock warfen. Und viele Reiche warfen viel ein.
42 Da kam eine arme Witwe und warf zwei Lepta ein, das ist ein Quadrant.
43 Und er rief seine Jünger herbei und sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr eingeworfen als alle, die etwas in den Opferstock eingeworfen haben.
44 Denn alle haben aus ihrem Überfluss etwas eingeworfen, sie aber hat aus ihrem Mangel alles hergegeben, was sie hatte, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Dies Szene spielt im Tempelbereich.
Im Bereich der Tempelschatzkammer sind die Opferstöcke aufgestellt. Die Gaben werden von den Priestern überprüft und dann in den Opferstock gelegt. Jesus beobachtet mit seinen Jüngern die Szenerie. Die Jünger sind vermutlich von den hohen Spendensummen beeindruckt. Doch Jesus lenkt ihren Blick auf eine Witwe, die zwei Lepta gibt (ein Zehntel eines normalen Tageslohnes). Diese Witwe hat ihren ganzen Lebensunterhalt (ihr ganzes Leben: bi,oj) investiert. Jesus schaut kritisch auf das, was ihm da vor Augen liegt.

  • Mit Geld Gutes tun, ist für ihn mehr als grosszügige Wohltätigkeit.
  • Mit Geld Gutes tun, darf nicht zur (frommen) Selbstinszenierung verkommen.
  • Mit Geld Gutes tun, ist nicht eine Frage von möglichst ho hen Geldsummen.
  • Mit Geld Gutes tun, bedeu tet nicht lediglich vom Übermass geben, sondern beinhaltet auch den Verzicht zugunsten Anderer.
  • Mit Geld Gutes tun, stellt die Frage nach Motivation und Haltung.

Jesus lenkt den Blick auf die arme Witwe.

  • Gerne wird sie in ihrem Umgang mit Geld als Vorbild dargestellt.
  • Ihr Vorbild animiert dazu, nicht kleinlich zu sein. Mehr zu spenden und damit auch mehr Gutes zu tun.

Kritischer Einwand: Ist diese arme Witwe aber wirklich ein Vorbild?

  • Sicher: Ihre Haltung ist beeindruckend und die Sympathien in diese m Text sind klar bei ihr.
  • Aber: Jesus lobt ihr interessanterweise Verhalten nicht ausdrücklich. Er sagt  seinen Jüngern nicht: «Macht es wie diese Witwe.» Sie wird von ihm nicht als explizites Vorbild dargestellt das tun meist die, die über das Spenden predigen.

Ich wage daher noch einen zweiten kritischen Blick auf diese Szene. Und dieser ergibt sich aus dem textlichen Zusammenhang. Just vor dieser Passage mit der armen Witwe lesen wir folgendes:

Ein zweiter kritischer Blick (Mk 12,37b-40)

37bUnd viele Leute hörten ihm [Jesus] gerne zu.
38 Und er lehrte sie und sprach: Hütet euch vor den Schriftgelehrten, denen es gefällt, in langen Gewändern einherzugehen und auf den Marktplätzen gegrüsst zu werden
39 und in den Synagogen den Ehrensitz und bei den Gastmählern die Ehrenplätze einzunehmen,
40 die die Häuser der Witwen leer fressen und zum Schein lange Gebete verrichten – sie werden ein umso härteres Urteil empfangen.

Auch diese Szene spielt bereits im Tempel. Sie enthält eine Warnung vor den Schriftgelehrten. Denn die kommen ihrer Aufgabe als «Hirten» nicht nach. Schlimmer noch: Sie «fressen die Häuser der Witwen leer»!

Damit erscheint das Scherflein der Witwe in einem neuen Licht. Sie ist gewissermassen Opfer eines ungerechten Systems. Anstatt die Witwen zu schützen (vgl. Dtn 24,17.20-21) bereichern sich die Schriftgelehren – und damit das Tempelsystem – am Geld dieser armen Bevölkerungsschicht. → ausbeuterisches System

Mit Geld Gutes tun, bedeutet daher

  • nicht, dass eine arme Witwe noch ihren letzten Rappen geben muss
  • sondern, dass diese Witwe Geld erhält

Mit Geld Gutes tun, kann da geschehen, wo Finanzsysteme die Reichen nicht immer reicher und die Armen nicht immer ärmer macht.

Alternatives System

Geld muss dienen und nicht regieren! Diese Grundüberzeugung ist tief in den biblischen Schriften verankert. So gehört das Ringen um eine alternative Wirtschaftsform zu den bemerkenswerten Kennzeichen der Jerusalemer Gemeinde.

Die zuweilen als „Liebeskommunismus“ belächelte Gütergemeinschaft in Apostelgeschichte 4,32 war kein kommunistisches Ideal, wurde das Privateigentum doch nicht abgeschafft. Worauf es ankam, war aber die radikale Bereitschaft zum Teilen. Wenn der Bericht festhält, dass dies dazu führte, dass keiner unter ihnen Mangel litt (Apg 4,34), muss dies als Erfüllung der Sozialgesetzgebung aus Dtn 15,4f. gelesen werden, wo es heisst, dass es in Israel keine Armen geben soll.

Es ist dies eine Entscheidung für Gott und gegen den Mammon.

Geld – eine geistliche Frage

Denn die von Jesus formulierte Alternative – Gott oder Mammon – ist letztlich nicht eine moralische Frage, sondern eine spirituelle.

«Jesus spricht zunächst gar nicht über die Weise, wie man sein Geld benützt. Wenn er vom Reichtum spricht, geht es um die Frage, worauf man sein Dasein baut – und damit formuliert er auf dem Fundament der alttestamentlichen Tradition eine neue und radikalere Frage: Worauf baust du dein Leben? Welchem Gott gibst du dich hin?»7

Es ist daher durchaus bemerkenswert, dass der sogenannte «Sündenfall» in Genesis 3 aus ökonomischer Perspektive als «Konsumsünde» gelesen werden kann.8 Eine Frage der Schlange reicht, um die Aufmerksamkeit der Menschen mit klugem Marketing auf den einen Baum inmitten vieler Bäume zu lenken. Die anfängliche Neugier weicht rasch der Begierde.

Diesen einen Baum, seine Früchte – so schön. Das Produkt wird absolut begehrenswert. Das müssen wir haben. Nicht weil wir hungrig sind, sondern weil die Gier geweckt nach etwas geweckt ist, dass wir eigentlich nicht brauchen. Dafür riskiert der Mensch den paradiesischen Garten. Seine Gier entfernt ihn von Gott, seinen Mitmenschen und der übrigen Schöpfung.

Dieses Muster zieht sich durch die Menschheitsgeschichte, so dass der 1Timotheusbrief pauschalisierend festhält: «Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen» (1Tim 6,10).

Solidarität und Gerechtigkeit

Wenn Geld dienen und nicht herrschen soll, darf Geld nicht zum Gott werden. Die Bibel appelliert daher im Umgang mit Reichtum und Besitz immer wieder an «Solidarität» und «Gerechtigkeit», um der lebensverhindernden Gier auf Kosten anderer zu begegnen.9

In der Erzählung von der armen Witwe zeigt sich, dass diese eine Verabschiedung von einer «Wohltäter-Mentalität»10 bedeutet. Reiche konnten sich ihren Status und Einfluss nicht mehr länger mit teils grosszügigen Spenden sichern. Gefordert ist eine Umverteilung, die neue Machtverhältnisse mit sich bringt:

«Das Verhältnis von Reich und Arm gestaltet sich nicht mehr vertikal – nach dem Motto: die Reichen geben von oben herab etwas von ihrem Geld, damit die Bedürftigen leben können, sondern horizontal: Wer reich ist, begibt sich auf eine Ebene mit den armen Gemeindegliedern und wir selber arm. Die Armen aber gewinnen an Ansehen und werden selber reich. […] Eine gerechte Umverteilung der Güter beinhaltet demnach immer auch die Notwendigkeit einer Beteiligung der Schwachen an der Macht.»11

Quer durch die Jahrhunderte gab es immer wieder Bewegungen, die auf diese Weise beitragen wollten, dass Geld nicht regiert, sondern dient. Wie unser Beitrag dazu aussieht, müssen wir für uns klären.


1. Vgl.RAINER KESSLER: Reichtum (AT), in: wibilex (2006) Online: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/33027/ [Zugriff am 23. Januar 2023]

2. Vgl. LUKAS AMSTUTZ: Werte, Menschenbild und soziale Verantwortung. Alttestamentliche Aspekte, in: Mennonitisches Jahrbuch (Soziale Verantwortung) (2007), S. 14–18 Ferner auch: LUKAS AMSTUTZ: Das Jubeljahr in Bibel und Theologie, in: Die Schweiz, Gott und das Geld, hrsg. von ChristNet, St. Prex 2013, S. 159–177.

3. BURKHARD HOSE: Kirche der Reichen? Ein neutestamentlicher Denkanstoss, in: BiKi 62 (2007), 1, S. 42–45, hier S. 43.

4. Deutscher Text von Evangelii gaudium online zugänglich: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium.html#Nein_zu_einem_Geld,_das_regiert,_statt_zu_dienen [Zugriff am 24. Januar 2023]

5. Absatz 58 im obigen Dokument.

6. Deutscher Text online zugänglich: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/messages/pont-messages/2014/documents/papa-francesco_20140117_messaggio-wef-davos.html [Zugriff am 23. Januar 2023]

7. DANIEL MARGUERAT: Gott und Geld – ein Widerspruch? Wie die Bibel Reichtum und Besitz einschätzt, in: Welt und Umwelt der Bibel [WuB] (2008), 1, S. 10–15, hier S. 12–14.

8. TOMÁŠ SEDLÁČEK: Die Ökonomie von Gut und Böse, München 2013 (Goldmann, 15754), S. 270–272.

9. Zu den Begriffen «Solidarität» und «Gerechtigkeit» als regulative Ideen der Bibel, siehe MICHAEL SCHRAMM: Das gelobte Land der Bibel und der moderne Kapitalismus. Vom „garstig breiten Graben“ zur „regulativen Idee“, in: BiKi 62 (2007), 1, S. 37–41.

10. Vgl. hierzu Gerd Theissen, Die Religion der ersten Christen: Eine Theorie des Urchristentums. 3. Aufl. Gütersloh 2003, 133-146.

11. Burkhard Hose, «Kirche der Reichen? Ein neutestamentlicher Denkanstoss», in: BiKi 1/2007, 42-45, hier 44.

 

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Das SDG 16 (Sustainable Development Goal 16) will die Entstehung friedlicherer Gesellschaften fördern. Es ist erwiesen, dass Entwicklung nur in friedlichem Rahmen nachhaltig sein kann. Aber wie kann man konkret nach Frieden auf kollektiver und persönlicher Ebene streben? Interview mit Salome Haldemann, mennonitische Pfarrerin.

Wir dachten, Krieg in Europa gehöre der Vergangenheit an. Doch die Nachrichten am 24. Februar belehrten uns eines Besseren … Warum ist der Krieg, obwohl wir seine gravierenden Folgen kennen, immer noch europäische Aktualität?

Es stimmt, dass uns das Fragen aufwirft! Die Europäer glaubten bereits 1914, dass der 1. Weltkrieg der Krieg sein würde, der allen Kriegen ein Ende setzt, der „der der“. Doch trotz seiner Sinnlosigkeit und seines Leids tobt er immer noch. Es gibt zwei Denkschulen über den Ursprung des Krieges. Die eine sieht den Krieg als in der menschlichen Natur verankert: Menschen werden aggressiv, wenn sie sich verteidigen oder wenn sie etwas erreichen wollen. Er ist daher unvermeidlich. Der zweite Ansatz geht davon aus, dass ungerechte Systeme zu Krieg führen. Weder die Natur noch die Strukturen lassen sich leicht ändern, was erklärt, warum es immer noch Krieg gibt. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es ein ganzes Spektrum von gewalttätigen Konflikten gibt, das von der interindividuellen Ebene (häusliche Gewalt, „Schlägerei“ zwischen zwei Personen), über bewaffnete Konflikte zwischen Gruppen (Bandenkrieg, Aufstände) bis hin zum Krieg zwischen Nationen reicht. Der einzige Unterschied zwischen diesen Konflikten ist die Anzahl der der involvierten Personen. Vom eigentlichen Krieg spricht man erst ab 50’000 Beteiligten. In all diesen Konflikten wird Gewalt eingesetzt, um den anderen dazu zu zwingen, das zu tun, was wir von ihm wollen. Und leider ist es ein sehr menschlicher Wunsch, kontrollieren zu wollen, was andere tun.

Wie sollen wir reagieren, wenn wir selbst Opfer eines bewaffneten oder politischen Konflikts werden, der die eigenen Rechte bzw. den persönlichen Lebensstandard beeinträchtigt?

Wir müssen aufpassen, dass wir Konflikte nicht nur danach bewerten, wie sie sich auf unsere Rechte oder unser Lebensumfeld auswirken. Wenn wir Teil einer privilegierten Gruppe sind, kann sich eine Bewegung für mehr Gerechtigkeit wie eine Beschneidung unseres Lebensstandards anfühlen. Dennoch hat diese Bewegung ihre Berechtigung. In diesem Fall ist der Auslöser des Konflikts eher die Ungerechtigkeit und Unterdrückung einer Gruppe. In solchen Fällen sind wir meiner Meinung nach dazu aufgerufen, dem Bösen Grenzen zu setzen, indem wir nach kreativen Wegen suchen, die Feindesliebe mit dem Schutz von Menschen zu verbinden. Bewegungen des gewaltfreien zivilen Widerstands gehen in diese Richtung.

Wie können die Kirchen daran arbeiten, die Gesellschaft friedlicher zu machen?

Auf struktureller und kultureller Ebene können die Kirchen mehr Frieden in die Gesellschaft bringen, indem sie sich für Gerechtigkeit einsetzen und an der Seite der unterdrückten Menschen und Bevölkerungsgruppen stehen. Paradoxerweise müssen Kirchen daher manchmal bereit sein, das Feuer eines Konflikts zu schüren – ohne Gewalt anzuwenden -, um Ungerechtigkeiten ans Licht zu bringen und einen Wandel auszulösen. Dies kann in Form von Demonstrationen, Einflussnahme auf die Politik oder eines Engagements im Stadtleben oder in anderen Organisationen geschehen. Auf der zwischenmenschlichen Ebene sind Kirchen ein echtes Konfliktlabor. Es ist nicht zu verhindern, dass sie zwischen all den unterschiedlichen Menschen stehen, die davon überzeugt sind, im Recht zu sein. Sie sind der ideale Ort, um zu lernen, wie man mit anderen zusammenlebt, und um im Gebet und mit Gottes Hilfe an unseren Einstellungen zu arbeiten.

Was ist der erste Schritt auf der Suche nach Frieden mit einer Person, die sich wie ein Feind verhält?

Konflikte lösen oft sehr starke Emotionen aus, die uns nicht immer dazu bringen, die besten Entscheidungen zu treffen. Der erste Schritt ist daher, sich eine Verschnaufpause zu gönnen und dann die Situation zu analysieren. Was geht hier vor? Warum löst diese Situation eine Reaktion bei mir aus? Welche wunden Punkte berührt dieser Konflikt bei mir? Kann ich den/die andere/n fragen, wie er oder sie die Situation erlebt? Und noch schwieriger: Bin ich bereit, dem anderen zuzuhören, zu hören, inwiefern mein Verhalten für ihn schwierig ist? Es hat etwas Heiliges, diesen Raum für den Austausch zu schaffen. In einem zweiten Schritt kann man versuchen, einen Blick über den Tellerrand zu werfen: Welche Beziehung möchte ich in einem Jahr oder in fünf Jahren zu dieser Person haben? Was kann ich heute tun, um ihr näher zu kommen?

Welche Haltung sollte man einnehmen, wenn man Zeuge eines Streits zwischen Einzelpersonen oder zwei Gruppen wird?

Manchmal hilft es zwei Menschen am meisten, wenn sie ihre Streitigkeiten untereinander lösen können. Man möchte sich einmischen, entscheiden oder Partei ergreifen, aber keine dieser Haltungen hilft wirklich. Wir können den Streitenden zuhören, sie aneinander verweisen und sie ermutigen, ihre Konflikte zu lösen. Ebenso kann es im Falle eines Konflikts zwischen zwei Gruppen weise sein, sich keiner der beiden Gruppen gegen die andere anzuschliessen. Die beste Haltung ist es, Verbindungen zwischen den beiden Gruppen herzustellen, indem wir sie sowohl an die Gemeinsamkeiten der beiden Parteien als auch an die Unterschiede innerhalb der jeweiligen Parteien erinnern. Wenn nötig, können wir inakzeptablem Verhalten auf beiden Seiten Grenzen setzen. Natürlich ist die Wirkung dieser Vermittlungstätigkeit begrenzt, wenn ein grosses Machtgefälle, eine ausgeprägte Ungerechtigkeit oder eine Situation des Missbrauchs vorhanden sind. In solchen Fällen sind wir dazu aufgerufen, die unterdrückten Personen zu unterstützen.

Gott ruft dazu auf, seine Feinde zu lieben und Böses nicht zu vergelten. Betreffen diese Gebote vor allem unsere persönlichen Beziehungen oder sind sie auch eine Antwort im Falle von grösseren Konflikten?

Wie wir gesehen haben, gibt es gewalttätige Konflikte in unterschiedlicher Intensität. Aber die Dynamiken sind durchaus vergleichbar. Die Entscheidung, die biblischen Prinzipien auf bestimmte Konfliktebenen zu beschränken, würde eine komplizierte Kasuistik mit sich bringen. Ab wie vielen am Konflikt beteiligten Personen können wir aufhören, die andere Wange hinzuhalten? Fünf? 20? 110? Ich bin überzeugt, dass diese Prinzipien stattdessen auf die gesamte Konfliktskala anwendbar sind.

Das Gespräch wurde von Sandrine Roulet geführt und in der Zeitschrift «S’engager pour un monde plus juste» erstmals veröffentlicht. Übersetzung von Barbara Streit-Stettler.
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Putin führt seinen Krieg mit Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche. Rechtsevangelikale Christen in den USA sehen ihr Land als das neue gelobte Land. Und in der Schweiz wehren wir uns gegen alles, das unsere Souveränität in Frage stellt. Das Reich Gottes aber hat einen ganz anderen Horizont. Höchste Zeit also, umzudenken.

Jesus Christus ist nach biblischem Zeugnis der Sohn des dreieinen Gottes. Er ist Initiator und Zielpunkt von dem, was wir heute das Christentum nennen. Die inhaltliche Grundlage dazu hat er mit seinem Evangelium vom angebrochenen Reich Gottes 1 formuliert. Das ist eine gute Botschaft für die ganze Welt – und dies seit 2000 Jahren. Wenn wir deshalb unsere Hand auf die Bibel legen: Wieviel Nationalismus hat in diesem Evangelium Platz?

Putin: frommer Christ oder machtbewusster Despot?

Anlässlich des kürzlichen orthodoxen Osterfestes wagte sich der russische Präsident Putin wieder einmal nach draussen, zumindest unter das Dach der Kirche. Er nahm am orthodoxen Gottesdienst unter der Leitung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill teil. Wie es sich gehört, schlug er ein Kreuz über seiner Brust. Er bekannte sich damit zum Sohn Gottes, der an Karfreitag an einem Kreuz für alle menschlichen Sünden gestorben ist. Auch für die Sünden des frommen Christen Wladimir Wladimirowitsch Putin. So weit so gut – und nötig.

Theodorus II., Oberhirte der Orthodoxen in Afrika, versichert: «Putin war ein gläubiger Christ, das weiss ich aus engster Erfahrung.» Die Verwandlung zum frömmelnden Gewaltherrscher schreibt er seinem ausufernden Machtrausch zu: «Zunächst glaubte er, ein neuer Zar zu sein.» Seine Alleinherrschaft habe ihn unterdessen vollends verblendet. Der Orientalist Heinz Gstrein erklärt diese Verwandlung2 unter anderem mit einer unheilvollen Veränderung der Geisteshaltung, die auch schon beim bekannten Schriftsteller Alexander Solschenizyn aufgetreten sei. In kommunistischen Straflagern vom Atheisten zum orthodoxen Christen geläutert, sei Solschenizyn in der Zeit Putins zum «pseudoreligiösen russischen Nationalisten» geworden, der, wie heute Putin, Russland vom «angeblich verderblichen westlichen Einfluss» erlösen wollte. Solscheniyzin wurde laut Gstrein zum Propheten jener Entwicklung in Osteuropa, «nach der die Befreiung von der kommunistischen Diktatur nicht in der liberalen Demokratie, sondern im Nationalismus … endet».

 

Ethnischer Nationalismus – ein Irrweg

Den Auslöser dieses Denkens sieht der Russlandexperte Martti J Kari in der Belagerung von Konstantinopel durch das Volk der Rus im Jahr 8603 . In der Folge seien in Osteuropa die Traditionen des byzantinischen Reiches übernommen und als Missionsauftrag der Russen an allen slawischen Völkern verstanden worden: die orthodoxe Religionslehre, der Konservativismus und das ungebrochene Verhältnis zu einer Autorität, die niemals in Frage gestellt werden darf, weil sie gottgegeben ist. In den folgenden Wirren der russischen Geschichte, in denen das Zarentum immer wieder vor dem Zusammenbruch stand, hat sich laut Martti J Kari die Gewissheit verdichtet, «dass ein starker Zar besser ist als ein schwacher Führer». Das habe sich auch nach dem Ende der Sowjetunion gezeigt, als der schwache Führer Boris Jelzin durch den starken «Zaren» Putin ersetzt wurde.

Was im Blick auf das biblische Evangelium zu denken gibt, ist die Tatsache, dass dieser autoritäre Nationalismus genährt wird von einer Kirche, die sich als russisch-orthodox bezeichnet. Sie verbindet ihren Auftrag damit mit einem ethnisch definierten Nationalismus und fühlt sich überall zuständig, wo Russen leben. Es war deshalb nicht erstaunlich, dass sich die orthodoxe Kirche in der Ukraine nach der russischen Annexion der Krim vom Moskauer Zentrum absetzte. 2019 erhielt sie vom ökumenischen (weltweiten) Patriarchen Bartholomaios von Konstantinopel die nationale Unabhängigkeit. Was vom Moskauer Patriarchen Kyrill postwendend als Spaltung kritisiert wurde. Offensichtlich führt der ethnische Nationalismus in eine Sackgasse.

 

Die Reformation führt zurück zu den Wurzeln

Nun, es sei nicht verschwiegen, dass sich autoritäre Züge schon nach der konstantinischen Wende im Jahr 313 in der Kirche ausgebreitet hatten. Das Denken in den Kategorien eines Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) des Mittelalters und der frühen Neuzeit wurde aber dank der Reformationsbewegung von Martin Luther und seinen Nachfolgern nachhaltig in Frage gestellt. Die Proklamation eines biblischen Verständnisses des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen führte, verbunden mit dem Zugang zur Lektüre der Bibel für alle, zu einer Bildungsoffensive und zu einem Denken, das die spätere Aufklärung begünstigte. Die radikale Umsetzung dieses mehr individualistischen Ansatzes des Glaubens durch die Täufer wurde zwar als staatsgefährdend zurückgewiesen. Auch die politische Anwendung des Gleichheitsgedankens durch die Bauern, die ihre Unterjochung durch die Oberschicht abschütteln wollten, fand bei den Reformatoren wenig Gnade. Die Gegenbewegung zum autoritären Staat war aber nicht mehr aufzuhalten.

 

Die politische Fortsetzung in der Aufklärung

Die Aufklärung war ein nächster Schritt dazu. Sie gipfelte in einer ersten Erklärung der Menschenrechte im Vorfeld der französischen Revolution. Auch hier reagierten die Kirchen vorerst mit grosser Zurückhaltung. Neben bibel- und kirchenkritischen Vertretern waren bei der Aufklärung aber von Anfang an auch christliche Denker mit dabei. Während die kirchenfernen Aufklärer die Menschenrechte mit dem Naturrecht nur unscharf begründen konnten, hatten die christlichen Aufklärer starke Argumente. Der Autor Kurt Beutler bringt dies so auf den Punkt: «Wenn es denn wirklich so ist, dass Gott alle Menschen in seinem Bild erschuf und Jesus am Kreuz nicht nur die oberen Zehntausend, sondern sogar den Mörder erlöste, der am anderen Kreuz hing, dann sind alle Menschen gleichwertig4

Der englische Arzt und Christ John Locke (1632 bis 1704) gehörte zu den ersten Denkern, welche die Aufklärung und die Menschenrechte mit einem biblischen Weltbild verbanden. Die ersten drei Menschenrechte sprechen das Recht auf Leben, Besitz und die Meinungsfreiheit an. Sie wurden laut Kurt Beutler5  bereits im 11. Jahrhundert von der katholischen Kirche anlässlich der gregorianischen Reform in Anlehnung an das römische Recht für alle Menschen proklamiert. Daran habe John Locke im 17. Jahrhundert angeknüpft. «Allerdings zog er viel radikalere Konsequenzen als seine katholischen Vorgänger. Er erklärte alle Regierungen für illegal, welche die allgemeinen Menschenrechte nicht durchsetzten. Ja, er ging noch weiter: Die Regierungen aller Länder hätten keine andere Aufgabe, als dafür zu sorgen, dass alle Bürger zu ihrem Recht kämen. Ansonsten sei es Pflicht der Bürger, diese Regierungen zu stürzen und durch andere zu ersetzen.» John Locke und seine Anhänger wiesen angesichts der Sündhaftigkeit aller Menschen darauf hin, dass man letztlich keinem Menschen bedingungslos trauen könne. Jeder müsse deshalb kontrolliert und seine Macht zeitlich beschränkt werden. Sie plädierten deshalb für die Demokratie und die Gewaltentrennung zum Schutz der Menschenrechte.

 

Die USA gehen voran

Zu den ersten Weltregionen, in denen diese Gedanken im Rahmen einer Nation Frucht trugen, gehörten die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Unter den frühen Einwanderern bildeten laut Kurt Beutler die Anhänger von John Locke in einigen Staaten eine Mehrheit, etwa die Baptisten in Rhode Island und die Quäker in Pennsylvania, «so dass dort von jenen Freikirchenleuten die weltweit ersten wirklichen Demokratien gegründet wurden»6.

Die US-Christen übten aufgrund ihres biblisch fundierten Glaubens in diesem freien politischen Umfeld einen starken Einfluss aus. Manche sahen in den USA das neue Volk Israel, das der Welt das Heil bringen sollte. Dieses Selbstverständnis ist theologisch zwar nicht haltbar: Das Volk Israel und die mit ihm verknüpfte Verheissung gibt es nur einmal. Trotzdem wirkt dieses Denken unter rechtsevangelikalen Christen bis heute nach. Dass sich diese Kreise dann dazu hinreissen liessen, ihren Heilsbringer in Donald Trump zu sehen, zeigt, wie gefährlich Erwartungen sind, die nicht am Wirken des einen Messias – Jesus Christus – gemessen werden.

Zum Glück trat der übertriebene Nationalismus nach der Devise «America First» gegen Ende des zweiten Weltkrieges in den Hintergrund. Der damalige Internationalismus führte dazu, dass sich die USA mit andern Staaten zusammen nicht zu schade waren, ihre demokratischen Grundwerte militärisch gegen diktatorische Ansprüche durchzusetzen. Eine mittelfristige Frucht dieses Einsatzes waren nach dem gewonnenen zweiten Weltkrieg die NATO und die Europäische Union.

 

Verfassungsrechtlicher Nationalismus

Neben England und Frankreich entwickelten sich auch die übrigen westlichen europäischen Staaten im Laufe des 19. Jahrhunderts zu verfassungsrechtlich begründeten Nationalstaaten. Die Staatsgewalt ging nun nicht mehr von einer Elite aus. Sie war an eine Verfassung gebunden und durch die Gewaltentrennung begrenzt. In der Verfassung waren der organisatorische Staatsaufbau, die territoriale Gliederung des Staates und das Verhältnis zu anderen Staaten geregelt. Sie konnte nur in einem besonders geregelten demokratischen Verfahren, verbunden mit hohen politischen Hürden, geändert werden.

Diese Nationalstaaten waren nicht mehr ethnisch, sondern rechtlich und territorial begründet. Das gilt nicht zuletzt auch für die Schweiz. Unser Bundesstaat entstand bekanntlich im Zusammenhang mit der Neuordnung Europas am Wienerkongress von 1815 und fand nach einigem Hin und Her mit der Verfassung von 1848 die heutige Form. Die ehemaligen eidgenössischen Untertanengebiete und die deutschsprachigen Kernlande wurden nicht etwa unter die angrenzenden Länder verteilt, es entstand vielmehr eine neue multiethnische Nation mit gleichberechtigten Kantonen, die vorsichtshalber mit dem europäischen Neutralitätssiegel ruhiggestellt wurde.

Mit verschiedenen Verfassungsreformen holte der Bundesstaat immer mehr Gesellschaftsgruppen an Bord des Nationalstaates: 1874 mit der Einführung des fakultativen Referendums zumindest einen Teil der katholischen Bevölkerung, nach dem 1. Weltkrieg mit den Nationalratswahlen im Proporzsystem die Bauern und die (späteren) Sozialdemokraten. So entstand eine direkte Demokratie mit einem ausgebauten Föderalismus, kombiniert mit dem Subsidiaritätsprinzip bis hinunter in die einzelnen Gemeinden7 . Unter den Bedingungen einer weltweiten Pandemie wurde das Schweizer System kürzlich einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt, der wir mit einem blauen Auge – zumindest vorläufig – entkommen sind.

Weniger nachahmungswürdig sind unsere krummen wirtschaftlichen Geschäfte unter dem Deckmantel der «Neutralität» und der Verschwiegenheit. Ebenso schräg ist das hartnäckige Leugnen unserer internationalen Verflechtung in einer globalisierten Welt. Heute gibt es nach aussen keine souveränen Nationen mehr, sondern nur noch Staaten, die mehr oder weniger voneinander abhängig sind.

 

Das Reich Gottes ist international

Jesus hat mit seiner Botschaft die Grenzen des jüdischen Staates zumindest im Ansatz überwunden. Seine Jünger verbreiteten diese Botschaft und ihre Werte in der ganzen antiken Welt. Im Laufe der Kirchengeschichte wurden – trotz Fehlentwicklungen wie dem Kolonialismus – immer mehr ethnische und nationale Grenzen überwunden, so dass man heute sagen darf und muss: Christen denken und handeln international. Sie passen damit hervorragend in unsere globalisierte Welt.

Trotzdem macht es Sinn, dass sie sich auch um ihre Nation, ihre Region und ihren Wohnort kümmern. Sie haben auf allen politischen Ebenen Werte und Strategien einzubringen, die den Zielen des Reiches Gottes und seines Gründers entsprechen. Verfassungsrechtlich organisierte Demokratien mit einer konsequenten Gewaltentrennung sind heute auf dem Rückzug. Getrieben von Macht und Geld kommen auch mitten im «christlichen» Europa immer mehr autoritäre (meist) Männer ans Ruder; kollektivistische Regierungsformen à la China und Russland bzw. am Stammesdenken orientierte afrikanische Staaten, die das Individuum verachten, sind im Aufwind.

Höchste Zeit also, dass wir, erfrischt vom Lebenshauch des Heiligen Geistes, wieder ganz neu unser Umfeld, unser Land und die globalisierte Welt mit den Werten und der Botschaft des Evangeliums prägen. Und das ganz ohne nationalistische Scheuklappen. Unsere Väter und Mütter im Glauben haben uns vorgemacht, was das heissen könnte.

 

1. Markus 1,15

2. Internetportal Livenet, Newsletter vom 12.4.22

3. Das Magazin Nr. 14 vom 9.4.22, Autor: Mikael Krogerus

4. Internetportal Livenet, Newsletter vom 25.4.22

5. Internetportal Livenet, Newsletter vom 1.4.22

6. Internetportal Livenet, Newsletter vom 1.4.22

7. Es besagt, dass die Ebene der Regulierungskompetenz immer so niedrig wie möglich und so hoch wie nötig angesiedelt werden soll.


Artikel ursprünglich erschienen am 02. Mai 2022 auf https://www.insist-consulting.ch/forum-integriertes-christsein/22-5-1-wieviel-nationalismus-ertraegt-das-evangelium.html

~ 4 min

Author: Elisabeth Rupp, Gründerin und Leiterin des Vereins Perla, Mitglied der Apostolischen Kirche CityLife in Vevey.

Was motiviert uns, jeden Morgen aufzustehen? Welche Kraft treibt uns an, vorwärts zu gehen? Diese Frage beschäftigt mich, wenn ich an die Großen dieser Welt denke, die ihr Leben der Verwirklichung ihrer Überzeugungen gewidmet haben, oder wenn ich die großen Errungenschaften der Geschichte und die noch laufenden betrachte. In der heutigen Zeit der Pandemie, in der alle unsere Bezugspunkte über den Haufen geworfen werden, wird diese Frage noch dringlicher. Wir könnten versucht sein, die Hände in den Schoß zu legen und auf das Ende der Welt zu warten, oder daran zweifeln, dass es sich lohnt, angesichts der vorherrschenden Kräfte wie Geld und Egoismus zu kämpfen.

Ein Leben, das von der Suche nach Glück motiviert ist

Laut dem amerikanischen Philosophen Charles Taliaferro, der sich auf Theologie und Religionsphilosophie spezialisiert hat1 , gibt es zwei mehrheitliche Sichtweisen auf den Zweck des Lebens: Christliche, jüdische und muslimische Gläubige sind der Ansicht, dass Gott gut ist und dass alles, was wir tun und unternehmen, diese Güte Gottes widerspiegeln muss. Es geht um den ewigen Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen. Andererseits ist die Mehrheit der Atheisten oder derjenigen, die nicht an die objektiven Werte des Guten glauben, der Ansicht, dass der Sinn, den der Mensch seinem Leben gibt, ihm ermöglicht, sich zu entfalten und das Glück zu entdecken. Diese beiden Perspektiven treffen sich in einem grundlegenden Element: Das Leben hat einen Sinn, und dieser Sinn ist mit dem Guten und dem Glück verbunden.

In der Bibel finden sich dazu folgende Aussagen, die die obige These bestätigen: In Genesis 1:31 heißt es: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“. In Markus 10,45 erklärt Jesus, dass er gekommen ist, um „sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“. Und schließlich sagt Paulus in Philipper 3,14: „Ich laufe dem Ziel entgegen, um den Preis der himmlischen Berufung Gottes in Jesus Christus zu gewinnen“. Jeder dieser Texte ermutigt uns, unser Leben auf ein himmlisches Ziel hin auszurichten, indem wir das Gute tun und danach streben, das Gute zu manifestieren.

Kühnheit als Mittel zum Erfolg!

Die Arbeit von SOS Méditerranée ist beispielhaft für die Ermutigung, sich von den Schwierigkeiten des Lebens nicht von unserer irdischen Mission abhalten zu lassen: Trotz der Hindernisse, die durch die politischen Herausforderungen der Asylfrage für Flüchtlinge in Europa entstanden sind, was sie ihr erstes Schiff Aquarius im Jahr 2018 gekostet hat, hat diese Organisation nicht aufgegeben und sich als äußerst hartnäckig in ihrem Kampf erwiesen, um Hunderte von Menschen zu retten, die zwischen Afrika und Europa in die Höhle des Todes getrieben wurden. Ihre Kühnheit besteht darin, dass sie an ihre Mission glaubte und alle möglichen Mittel einsetzte, um sie zu erfüllen: Eine breite Kommunikation über den Ernst der Lage dieser Immigranten, wodurch sie 2019 ein neues Schiff und staatliche Unterstützung erhalten haben. Was für ein inspirierendes Vorbild für uns Christen, die wir ebenfalls dazu berufen sind, beharrlich zu sein, um das Reich Gottes auf Erden zu manifestieren (Matth. 11,12), und denen es dennoch oft an der nötigen Kraft und dem Mut fehlt!

Liebe Leser, ich möchte Sie wirklich ermutigen, den Sinn Ihres Lebens zu betrachten. Ihre Anwesenheit auf der Erde, auch wenn sie vielleicht nicht viel in der Zeitleiste ist, ist nicht sinnlos. Jammern und Grübeln dienen nicht der Mission, die uns unser Schöpfer anvertraut hat. Vielleicht wissen Sie es noch nicht, aber ich selbst bin der Anführer einer Bewegung, die sich für die weltweite Abschaffung des Menschenhandels einsetzt, auch wenn sie noch nicht sehr groß ist. Ihr Name ist Perla. Manchmal bin ich angesichts der Größe der Aufgabe und vor allem der Größe des Giganten, gegen den wir kämpfen, versucht, alles aufzugeben. In der Tat gibt es viele Kräfte, die uns entgegenstehen, sei es Geld, Drogenkartelle, die Passivität der Politik oder Korruption auf allen Ebenen. Und dennoch. Der Ruf Gottes, der uns dazu drängt, diese Ungerechtigkeit anzuprangern, genügt mir, um mir von Tag zu Tag mehr Mut zu machen. Sind wir nicht Salz und Licht auf Erden?

Mit Gott an unserer Seite

Warum macht uns Kühnheit so viel Angst? Fürchten wir, dass es uns an Demut mangelt? Dass wir arrogant sind, wenn wir glauben, die Welt verändern zu können? Dies zu sagen, bedeutet bereits, das Gegenteil zu beweisen. Tatsächlich hat Jesus am Kreuz gegen das Böse gekämpft, und sein strahlender Sieg, wenn auch zu einem hohen Preis, macht uns zu seinen Erben. Die Opfer eines Lebens, das einem solchen Kampf gewidmet ist, werden den Stolz, der sich in uns manifestieren könnte, festnageln. Andererseits, seien wir ehrlich: Was uns lähmt, ist vielmehr die Angst, uns ins Unbekannte zu stürzen oder der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Der Blick des anderen entmutigt uns schließlich, überhaupt etwas zu unternehmen. Anstatt Kühnheit mit negativen Assoziationen zu verbinden, sollten wir uns daran erinnern, dass Kühnheit in erster Linie ein Ausdruck von Mut und Glauben ist. Ersterer ist uns von Gott gegeben (2. Tim. 1,7), während letzterer es uns ermöglicht, Berge zu versetzen.

Martin Luther King hat es wie folgt zusammengefasst: „Ich möchte [an der Seite von Jesus sitzen] in Liebe, Gerechtigkeit, Wahrheit und Hingabe an andere, damit wir aus dieser alten Welt eine neue Welt machen können.“ 2

Also, sind Sie bereit für das Abenteuer?

1. www.askphilosophers.org/question/4453

2. https://kinginstitute.stanford.edu/king-papers/documents/drum-major-instinct-sermon-delivered-ebenezer-baptist-church, Übersetzung durch die Autorin dieses Artikels.


Tribune erschienen unter der Rubrik „Regards“ in Christ Seul (Monatszeitschrift der evangelischen Mennoniten-Kirchen in Frankreich), Nr. 1117, März 2021, www.editions-mennonites.fr.

Photo by Tyler Lastovich on Unsplash

 

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~ 9 min Als Christen sind wir aufgerufen, Gerechtigkeit zu üben und die Schöpfung Gottes zu bewahren. Bereits im Alten Testament haben die Propheten das Volk und ihre Führer dazu aufgerufen, Unrecht zu beseitigen, zum Beispiel Jesaja: