Die Demokratie ist keine Selbstläuferin. Sie ist ein Garten, der tägliche Pflege benötigt. Dies war das Fazit der Forumsveranstaltung «Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?» vom 2. Mai, die ChristNet zusammen mit der HF TDS, dem Bienenberg, der Evangelischen Allianz (SEA), der Insist Consulting und der VBG in Aarau durchführte.
Vor einem Jahr entstand das Thema des neuen Fastenbegleiters „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“. Damals war nur in Umrissen erkennbar, dass das Vakuum einer „guten“ Zukunft nach dem Schwinden der Klimabewegung von religiösen Bewegungen gefüllt würde. Dabei wird behauptet, dass die „neue“ Hoffnung unpolitisch daherkomme, jedoch hochpolitisch sei. Ungewollt setzt der neue Fastenbegleiter einen Kontrapunkt – und wird als ökumenisches Projekt selbst zur stillen Antwort auf das vermeintlich Machbare.
Für manche gibt es neue Hoffnungszeichen: So hört man etwa aus Frankreich, dass die Zahl der Erwachsenentaufen in der katholischen Kirche steigt.1 In England ist sogar von einer stillen Erweckung die Rede.2 Das mag durchaus erfreulich sein. Doch Hand aufs Herz: Warum freuen sich die einen über solche Nachrichten – und weshalb beängstigen sie andere, wie z.B. Menschen, die mit dem Glauben wenig anfangen können?
Ich betrachte diese Kunde zwiespältig. Seit einigen Jahren wird der Begriff „Hoffnung“ inflationär gebraucht, etwa als Konferenztitel. In den jüngeren Entwicklungen zeichnen sich grob zwei Stossrichtungen ab: Die pragmatische Seite freut sich, dass sich fast wie von selbst eine „Erweckung“ auszubreiten scheint. Manchmal entsteht der Eindruck, sie löse Probleme, die mit dem Menschsein verbunden sind, wie Armut automatisch. Die intellektuellere Richtung richtet sich gegen Säkularismus und Atheismus, mitunter verbunden mit leiser Genugtuung über das Scheitern des „gottlosen“ Projekts.
Beide Strömungen vereint der Wunsch nach einer guten Zukunft, in der Wohlstand durchaus eine Rolle spielt. Die gute Zukunft würde jene dunklen Zeiten überwinden, in denen wir uns im Moment im Hier und Jetzt befinden.
Mich beängstigt weder die Glaubensferne vieler noch die plötzliche Hinwendung anderer. Sorge macht mir vielmehr, dass diese „neue“ Hoffnung wohl eine Realitätsflucht ist, sich indirekt auf die eigene Stärke konzentriert und am Ende uns nicht trägt. In der Vergangenheit – ob von säkularer oder kirchlicher Seite – wurden angestrebte Ziele oft nicht realisiert, obwohl die Konzepte atemberaubend waren.
Hoffen oder machen?
Diese „neue“ Hoffnung erwartet die Stadt kaum vom Himmel (Offb 21,2), auch wenn Parallelen locken. Die Stadt in der Offenbarung, die vom Himmel kommt, ist ein Bild für Hoffnung. Es ist keine Hoffnung, die gemacht werden kann, sondern eine, die auf uns zukommt. Sie hebt uns nicht in den Himmel, sondern trägt unseren oft mühseligen Alltag. Dagegen wirkt die neue Hoffnung wie ein baldiger Siegeszug. Sie träumt kaum von einem Tierfrieden (Jes 11,6-8), eher von Erneuerung, Fortschritt, Reformation.
Die Frage bleibt: Geht es wirklich um Vertrauen auf Gott – oder darum, selbst das Reich Gottes aufzurichten, um eine gute Zukunft zu erreichen?
Neue Aktivistinnen und Aktivisten
Die neue Hoffnung ist hochpolitisch, auch wenn sie „unpolitisch“ wirkt. Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubte man, die Welt könne friedlich sein, in der genug für alle ist. Die Angst vor Atomkrieg verschwand fast über Nacht. Doch dieser Traum entpuppte sich als trügerisch: Klimakrise, Artensterben und geopolitische Spannungen nahmen zu.
Dynamische Plattformen wie Facebook, die Menschen weltweit vernetzen sollten, haben sich zu einem starren Machtklumpen verwandelt. Gleichzeitig formen ehemalige Geheimdienstler autokratische Staaten und schalten kritische Stimmen aus – während andere Mächte zusehen. Das nährt Angst um die eigene Sicherheit.
Vertreterinnen und Vertreter dieser neuen Hoffnung haben einen Hang zu aktivistischer Ausrichtung.3 Dabei sind ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger, etwa die Klimabewegung, nicht mehr en vogue. Das Vakuum der Zukunftshoffnung wird von diesen neuen Aktivistinnen und Aktivisten gefüllt. Die Parallelen sind dabei verblüffend ähnlich: Schon ihre Vorgänger träumten von einer guten Zukunft, in der die Enkelkinder genug vorfinden.
Geht es doch um Politik?
Auf die Bevölkerung gesehen, tangiert diese Hoffnung nur einen kleinen Teil. Viele wollen sich nicht mit geopolitischen Fragen befassen, andere fragen sich, wohin wir steuern. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es auf westlichem Boden, mit Ausnahme der Balkankriege, weitgehend friedlich geblieben. Das Völkerrecht und andere Abkommen schufen Stabilität. Zwar wurden sie oft aufgrund von Eigeninteressen gewieft ausgetrickst, dennoch dienten sie als Leitlinie.
Doch die Ordnung, auf der diese Stabilität beruhte, war von Beginn an ambivalent. Sogenannte Hilfe für andere Staaten diente oft den Interessen des eigenen Staates, etwa um langfristig Märkte zu erschließen. Obwohl schon immer das Gesetz des Starken galt, haben sich Staaten dennoch Regeln gegeben – Regeln, die nun zunehmend unterlaufen werden. Heute sind „Hilfe“ und „nationale Sicherheit“ zu völlig entleerten, beinahe absurden Begriffen geworden – Zynismus kann ein Mittel sein, um mit einer solchen Politik klarzukommen.4 Kein Wunder also, dass manche keine Geduld mehr für politische Prozesse aufbringen und auch nicht länger mühsam gemeinsame Ziele aushandeln wollen. Hoffnung jenseits der Politik ist indirekt aber genauso politisch.
Gemeinsam Ohnmacht aushalten
Eine bessere Option ist für mich aber die Freundschaft: den Anderen auszuhalten, auch bei völlig divergierenden Vorstellungen vom Leben. Was verbindet, ist der gemeinsame Weg, nicht der Sieg oder die Optimierung von Ressourcen. Freundschaft erlaubt es, nicht die Macht, sondern die „Ohnmacht“ zu wählen – z.B. gemeinsam für die Schöpfung einzustehen, auch wenn andere weiterhin von Termin zu Termin fliegen.
Ein Beispiel für ein derartiges Projekt ist der neue Fastenbegleiter Ohnmacht, die Hoffnung entfacht.5 Menschen, die bisher kaum zusammenfanden, haben dieses Projekt gemeinsam gestaltet. So kommen römisch-katholische, reformierte, freikirchliche bis hin zu pfingstlichen Traditionen zusammen und schrieben an diesem Gefühl und vielleicht auch an der faktischen Erfahrung des Nicht-Machbaren. Dieses Erproben dieser gemeinsamen Idee entspricht ganz dem Ansatz von Ivan Illich:6
„Die einzige Möglichkeit liegt jetzt darin, dass wir diese Berufung als die des Freundes begreifen. Auf diese Weise kann sich die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft ausbreiten. Dies kann nicht eigentlich mit Worten geschehen, sondern durch kleine Handlungen närrischer Entsagung.“
Wo lassen sich heute Freunde finden, die vor allem ihre Berufung im Freundsein sehen und sich gemeinsam auf den Weg begeben und ganz im Moment leben, statt sich von der Zukunft treiben lassen?
1. NZZ, Eine Sehnsucht nach Transtendenz und Tradition: Warum immer mehr junge Franzosen in die katholische Kirche eintreten, o.S, online unter: https://www.nzz.ch/international/warum-immer-mehr-junge-franzosen-sich-der-katholischen-kirche-zuwenden-ld.1916592, abgerufen am 21. Januar 2026.
2. Das war die Grundbotschaft von Dan Blythe, Leiter Youth Alpha aus England, im Referat an der Explo 2025.
3. Auf die Spitze getrieben und als kollektive Erinnerung bleibt Charlie Kirk. Zwar ist dieses Extrembeispiel nicht repräsentativ für die beschriebene Atmosphäre dieser „neuen“ Hoffnung, wie sie etwa Dan Blythe in seinem Referat implizierte, doch es verdeutlicht, wie breit und facettenreich diese „neue“ Hoffnung aufgegriffen wird.
4. Das endgültige Fanal der „neuen“ Politik ist die Gefangennahme von Nicolás Maduro. Es steht zu befürchten, dass der Damm des Völkerrechts nun unaufhaltsam Risse bekommt und ins Wanken gerät. Kaum jemand weint Maduro eine Träne nach, der Menschenrechte grob verletzt und viele eingesperrt und gefoltert hat. Aber den USA geht es sicher nicht um das venezolanische Volk, sondern um das Öl. Exemplarisch sind die Äusserungen der USA zu nennen: «Dieses Öl wird zu seinem Marktpreis verkauft, und das Geld wird von mir als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kontrolliert, um sicherzustellen, dass es zum Wohl des venezolanischen Volkes und der Vereinigten Staaten verwendet wird», vgl. SWI, Trump sichert sich Zugriff auf Venezuelas Öl-Milliarden, o.S., online unter: https://www.swissinfo.ch/ger/trump-sichert-sich-zugriff-auf-venezuelas-%C3%96l-milliarden/90734940, abgerufen am 21. Januar 2026.
5. Exemplarisch könnte auch die Explo genannt werden, die ein ganz anderer Kreis von unterschiedlichen Menschen zusammenbringt, die sonst kaum miteinander reden würden.
6. Ivan Illich, In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley. 2006, 196.
Dieser Artikel erschien zuerst auf StopArmut.
Der Fastenbegleiter 2026 von StopArmut „Wo Ohnmacht Hoffnung entfacht“ kann entweder digital oder als Heft hier bestellt werden. 
In einem ersten Teil zum gleichen Thema, den wir am 18. Dezember 2025 veröffentlicht haben, befasste sich unser Autor auf soziologischer Ebene mit der Frage, warum Christinnen und Christen immer wieder autokratische Figuren unterstützen. Nun vertieft er das Thema theologisch.
Von aussen wirkt das Phänomen befremdlich: Ausgerechnet in religiösen Milieus, die sich auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Lehre Jesu berufen, finden autoritäre Politiker oftmals die treuesten Unterstützer. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA, wo ein grosser Teil der evangelikalen Bewegung Donald Trump als „Werkzeug Gottes“ betrachtet.
Die Frage ist nicht nur politisch, sondern zutiefst theologisch: Warum sind gläubige Menschen anfällig dafür, autoritären Führungsfiguren zu vertrauen? Und wie lässt sich diese Tendenz aus christlicher Perspektive kritisch beleuchten?
- Autoritäre Attraktivität: Wann Macht religiös vertraut wirkt
Theologen und Religionssoziologen weisen seit Jahren darauf hin, dass bestimmte Gottesbilder politisches Verhalten prägen. Insbesondere im alttestamentlichen Kontext begegnet Gott als universaler Herrscher, als König, der kämpft, richtet und absolute Loyalität einfordert (vgl. Ps 2). Dieses Herrschaftsverständnis vermittelt Sicherheit und Identität – und es ist tief verankert in der christlichen Frömmigkeitstradition.
Für viele Gläubige entsteht dadurch eine intuitive Vertrautheit mit absoluter Macht. Wer an einen souveränen Herrscher glaubt, für den wirkt auch ein starker politischer Anführer zunächst nicht befremdlich, sondern strukturell vertraut. Wenn dieser zudem religiöse Rhetorik bemüht, erscheint er nicht selten als irdischer Vertreter göttlicher Ordnung. Die Brücke zwischen religiösem und politischem Autoritarismus ist damit zwar nicht zwangsläufig, aber erklärbar. - Gesetzesfrömmigkeit und die politische Übersetzung von „Law and Order“
Zentral für das alttestamentliche Welt- und Gottesverständnis ist die Tora – ein komplexes System aus Geboten, Vorschriften und moralischen Normen. Das religiöse Leben Israels war geprägt von klaren Grenzziehungen, moralischen Forderungen und einer starken normativen Struktur. Psalm 119 feiert diese göttliche Ordnung in vielen Versen. Diese moralisch-normative Prägung findet sich bis heute in vielen christlich-konservativen Milieus. Dort wird politisches Handeln unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung moralischer Ordnung bewertet.
Wenn ein Politiker klare Regeln, harte Durchsetzung und moralische Disziplin ankündigt, spricht er ein religiös vertrautes Bedürfnis an. Komplexität und Ambiguität – die Grundbedingungen pluralistischer Gesellschaft – wirken dagegen bedrohlich oder zumindest irritierend. Daraus entsteht eine Affinität zu Politikern, die Schwarz-Weiss-Logiken nutzen: Sie erscheinen moralisch konsistent, während differenzierte Politik oft als schwach oder unklar wahrgenommen wird. - Angst als theologischer Katalysator
Politische Autoritarismusforschung zeigt: Je stärker die Unsicherheit, desto grösser der Wunsch nach Ordnung. Christen sind hier keine Ausnahme – im Gegenteil: Religiöse Milieus reagieren besonders sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, die moralische Orientierung, familiäre Strukturen oder kulturelle Identität in Frage zu stellen scheinen. Migration, Globalisierung, moralischer Wandel oder technologische Beschleunigung können als Bedrohung erlebt werden. Ausgerechnet in solchen Momenten wird der „starke Mann“ attraktiv. Er verspricht nicht Dialog, sondern Entscheidung. Nicht Prozesse, sondern Ergebnis. Nicht Komplexität, sondern Klarheit.
Das erinnert stark an religiöse Erfahrungen von Orientierung und Führung – allerdings ohne deren geistliche Tiefe. Dabei ist die Parallele trügerisch: Während Gottes Orientierung durch Liebe und Vergebung charakterisiert ist, gründet sich autoritäre Politik meist auf Angst und Abgrenzung.
Religiöse Kulturen, die durch starke Gesetzesorientierung, absolute Wahrheitsansprüche und ein hierarchisches Gottesbild geprägt sind, neigen weltweit zur Akzeptanz autoritärer Strukturen. Darum ist das Phänomen der Diktatorenfalle auch in anderen Religionen und Kulturen wahrzunehmen, wie dem Islam oder dem Hinduismus.
Gerade der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie gefährlich dieses Muster werden kann. Christen hatten in der Weimarer Republik nicht nur Angst vor ökonomischer und politischer Instabilität, sondern auch vor moralischem Verfall und gesellschaftlichem Chaos. Hitlers autoritäres Auftreten, sein Versprechen von Ordnung und nationaler Wiederherstellung fand bei vielen Christinnen und Christen Zuspruch. Die „Bekennende Kirche“ war eine Minderheit. Die Mehrheit bekannte sich – aktiv oder schweigend – zu einem Regime, das aus christlicher Perspektive unmissverständlich dem Geist Christi widersprach. - Die christologische Korrektur: Warum Jesus das Gegenmodell zum autoritären Führer ist
Der entscheidende geistliche Punkt lautet: Christliche politische Ethik kann nicht vom alttestamentlichen Herrschaftskonzept abgeleitet werden. Sie muss von Christus her begründet sein. Und das bedeutet: Jesus ist die Mitte politischer Urteilsbildung.Das Neue Testament präsentiert einen Messias,
· der Macht ablegt, statt sie zu instrumentalisieren,
· der Gewalt verweigert, statt sie religiös zu legitimieren,
· der Randgruppen sucht, statt sie auszuschliessen,
· der Feinde liebt, statt sie zu vernichten,
· der Dialog sucht, statt Fronten zu verhärten,
· der auf Opfer verzichtet, statt Opfer zu verlangen.Die Tempelreinigung – oft als Rechtfertigung für „heiligen Zorn“ missbraucht – ist theologisch gesehen Ausnahme, nicht Prinzip. Die Macht Jesu ist nicht autoritär, sondern sanftmütig, nicht dominierend, sondern dienend. Damit stellt Jesus ein radikales Gegenmodell zu autoritären Figuren dar. - Konsequenzen für die politische Urteilsbildung von Christinnen und Christen
Christen sind eingeladen, politische Entscheidungen nicht aus Angst, Nostalgie oder moralischem Alarmismus zu treffen, sondern aus geistlicher Reife heraus. Das bedeutet:
- Kritische Selbstprüfung
Welche meiner politischen Präferenzen werden durch Angst gesteuert? Welche durch das Bedürfnis nach Kontrolle? Welche durch mein Gottesbild? - Christus als hermeneutischer Schlüssel
Passt der Führungs-und Lebensstil eines Politikers zu dem Stil Jesu? Behandelt er Schwache mit Würde? Fördert er Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? - Sensibilität für Machtmissbrauch
Christlicher Glaube ist grundsätzlich kritisch gegenüber menschlicher Macht. Wer Macht sammelt, muss deshalb besonders sorgfältig beurteilt werden. - Förderung demokratischer Tugenden
Dialog, Pluralismus und Kompromiss sind keine Schwäche, sondern Spiegel der menschlichen Würde. Sie entsprechen der Art Jesu, der Menschen ernst nimmt – selbst seine Gegner.
Christen geraten nicht deshalb in die Diktatorenfalle, weil sie böse oder unreflektiert wären. Sie geraten hinein, weil bestimmte religiöse Muster politisch missbraucht werden können: das Bedürfnis nach Ordnung, die Sehnsucht nach Orientierung und die Angst vor dem Unbekannten. Der Weg aus dieser Falle führt nicht über Ideologie – sondern über Theologie. Über Jesus Christus. Über seine Art zu herrschen. Über seine Art, Mensch zu sein. Wer ihm folgt, wird nicht unkritisch Macht verehren. Wer ihn betrachtet, wird nicht Angst, sondern Liebe zum Massstab machen. Und wer ihn ernst nimmt, wird jede Form von autoritärer Verführung durchschauen.
Podcast
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Ein Blick in Geschichte und Gegenwart bringt es an den Tag: Christinnen und Christen folgen immer wieder gerne autoritären Machthabern. Was sind die Gründe dafür? Martin Benz geht dieser Frage nach.
Warum wählen Christen so gerne Diktatoren? Diese Frage ist natürlich provokativ, und ich möchte keinesfalls allen Christen unterstellen, dies zu tun. Dennoch ist es interessant, dass es unter konservativ Gläubigen eine ganze Reihe gibt, die dazu neigen, starke Machthaber oder Alleinherrscher zu wählen – Leute wie Trump, die die Wahrheit für sich pachten und ein ganz eigenes Narrativ erzählen.
Wir erleben das aktuell in den USA, wo Trump stark von den „White Evangelicals“ getragen wird. Diese Gruppe steht uneingeschränkt hinter ihm und stellt ein wichtiges Wählerpotenzial dar. Das gleiche Phänomen sahen wir auf den Philippinen mit Präsident Duterte, einem sehr rigorosen und rücksichtslosen Herrscher, der im katholischsten Land der Welt mit Unterstützung der katholischen Mehrheit gewählt wurde. In Brasilien konnte Präsident Bolsonaro auf breite Unterstützung der evangelikalen Pfingstler zählen. Ähnliches gilt für Putin in Russland, der von der orthodoxen Kirche unterstützt wird, oder für die rechtskonservative Partei in Polen im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche. Leider finden wir diese Strömung auch in Deutschland, wo viele Christen mit der AfD sympathisieren oder sie sogar wählen.
Was sind die Ursachen?
Womit hängt das zusammen? Warum sind Christinnen und Christen so anfällig für die „Diktatorenfalle“? Hier sind drei mögliche Erklärungsansätze:
- Das Gottesverständnis aus dem Alten Testament
Zum einen hat dies mit unserem Herrschaftsverständnis Gottes zu tun, das uns stark vom Alten Testament her prägt. Dort stellt sich Gott oft als der Allherrscher vor: der allmächtige Gott, der Herrscher der ganzen Welt, der vor seinem Volk steht und andere Völker oder Götter vernichtet bzw. entmachtet. Besonders in den Psalmen (z. B. Psalm 2) finden wir Textstellen, die von dieser uneingeschränkten Herrschaft sprechen. Selbst wenn sich Völker auflehnen, festigt Gott seine Herrschaft und bereitet dem Widerstand ein Ende. Alle müssen sich beugen; sein Wille gilt absolut.
Dieses Bild der absoluten Herrschaft Gottes ist uns vertraut und vermittelt Sicherheit: Wenn man zu diesem Gott gehört, steht man auf der Siegerseite. Das hat positive Aspekte wie Geborgenheit und Halt. Aber wenn man sich an diese absolute Herrschaftsform gewöhnt hat, wirkt auch eine irdische Herrschaft, die diesen „militanten“ oder absoluten Geschmack hat, vertraut. Ein Christ fremdelt nicht so stark mit autoritären Strukturen auf Erden. Wenn ein Herrscher dann noch suggeriert, er handle im Auftrag Gottes, sagen sich viele Christen: „So einen Mann haben wir gebraucht.“ Selbst wenn Freiheiten eingeschränkt oder Minderheiten unterdrückt werden – solange die Christinnen und Christen ihre Religion ausüben können, wird das akzeptiert. - Die Sehnsucht nach „Law and Order“
Ein zweiter Grund ist, dass die Herrschaft Gottes im Alten Testament stark auf Gesetzen, Geboten und Vorschriften gründet. Es herrscht eine hohe Moralvorstellung, definiert durch klare Anweisungen (Tora). Dieses „Law and Order“-Prinzip wird im Alten Testament gepriesen (z. B. in Psalm 119). Ordnungen werden als positiv empfunden und Verstösse dagegen werden hart bestraft.
Wenn ein irdischer Herrscher nun Regeln, Gesetze und „Law and Order“ betont, kommt dies konservativen Christen sehr entgegen. Sie fühlen sich verpflichtet, jemanden zu wählen, der „klare Kante“ zeigt und Ordnung schafft. Ein Herrscher, der „wachsweich“ wirkt, ist ihnen suspekt.
Dies ist auch ein Problem der Kirche, die sich angewöhnt hat, als Moralapostel aufzutreten. Das erklärt, warum der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche so schwer wiegt: Wer so moralisch auftritt und strenge Regeln (z. B. bei Wiederheirat) predigt, verliert massiv an Glaubwürdigkeit, wenn in den eigenen Reihen Verbrechen geschehen. - Der Faktor Angst
Der dritte Aspekt hängt eng mit dem zweiten zusammen: Angst. Je verunsicherter wir uns fühlen – sei es durch Pluralismus, Globalisierung oder unklare Verhältnisse –, desto lieber ist uns wieder „Law and Order“. Wenn die Welt chaotisch wird und alte Gewissheiten schwinden, rufen Menschen nach dem „starken Mann“, der Orientierung bietet. Man nimmt in Kauf, dass andere dabei unter die Räder kommen, Hauptsache, das eigene Ordnungssystem ist wiederhergestellt.
In Krisenzeiten sind Länder besonders anfällig für Diktatoren. Leider merkt man oft erst zu spät, dass man den falschen Mann gewählt hat – nämlich dann, wenn die eigenen Freiheiten auch beschnitten werden. Da Christinnen und Christen gewohnt sind, dass Gott durch klare Anweisungen Orientierung und Sicherheit schenkt, fremdeln sie weniger mit Herrschern, die ähnlich autoritär auftreten.
Historische und interreligiöse Parallelen
Diese „Diktatorenfalle“ betrifft nicht nur Christen. Auch andere Religionen mit einem ähnlichen Gottesbild sind anfällig, etwa der konservative Islam (Beispiel IS, Iran oder Türkei). Je „frömmer“ die Leute sind, desto eher akzeptieren sie absolute Herrschaftsformen, bei denen Religion und Staat verschmelzen.
Auch in Deutschland haben wir diese Erfahrung gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg führten wirtschaftliche und politische Verunsicherung dazu, dass viele Christen in die Diktatorenfalle liefen und Adolf Hitler wählten. Nur eine Minderheit in der Bekennenden Kirche durchschaute dies. Den meisten war der Gedanke einer absoluten Herrschaft und einer „klaren Kante“ nicht fremd.
Ich sage das heute leicht von meinem Schreibtisch aus. Ich weiss nicht, wie ich damals gehandelt hätte und ob ich nicht auch mitgelaufen wäre. Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute Gedanken machen und diese Mechanismen durchschauen, um nicht erneut in diese Falle zu tappen.
Jesus als politisches Vorbild
Ich bin der Meinung, dass wir für unsere politische Bildung nicht das Alte Testament, sondern Jesus Christus brauchen. Jesus lebte eine völlig andere Art von Herrschaft. Er war bescheiden, sanftmütig und von Herzen demütig. Sein Umgang mit Randgruppen, Schwachen und Sündern ist für mich programmatisch. Auch seine Kritik am religiösen Establishment, das die Nähe zur Macht suchte, ist wegweisend.
Manche mögen einwenden: „Aber Jesus hat doch die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben!“ Das stimmt, aber diese Szene ist die grosse Ausnahme, nicht das Programm seines Lebens. Wer stark vom alttestamentlichen Herrscherbild kommt, stürzt sich auf diese Szene, weil sie ins eigene Weltbild passt. Aber in Jesus begegnet uns der Sanftmütige, der jegliche gewaltsame Herrschaft ablehnt. Er ruft keine Engel-Legionen, er schlägt nicht zurück. Er ist der Dreh- und Angelpunkt für unsere politische Bildung.
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In der Schweiz und in der westlichen Welt ist das Thema Migrationspolitik omnipräsent. Sie steht aktuell im Mittelpunkt der politischen Debatte. Der Autor hat in der Bibel nach Anhaltspunkten gesucht, wie sich Christinnen und Christen in diesen hochkontroversen Diskussionen zurechtfinden können.
Als ich vor Kurzem die SRF-Arena-Diskussion zum Thema Femizide verfolgte, entwickelte sich die Runde zunehmend zu einer Debatte über Migration. Egal ob in den Nachrichten, auf Social Media oder am Familientisch, bei kaum einem anderen Thema gehen die Meinungen so stark auseinander. Doch wie sollen sich Christinnen und Christen in dieser Debatte positionieren? Bzw. welche Anhaltspunkte können wir der Bibel über diese Thematik entnehmen? Diesen Fragen bin ich im Rahmen meiner Maturaarbeit nachgegangen. In diesem Artikel zeige ich die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit auf.
Da die Migrationspolitik eine sehr umfangreiche Thematik ist, fokussiere ich mich auf die Asylpolitik. Die Schweiz gewährt Menschen, die in ihrer Heimat an Leib und Leben gefährdet sind, Schutz und Obdach. Sie erhalten Asyl und damit eine Aufenthaltsbewilligung. Über die konkrete Ausgestaltung der Asylpolitik wird intensiv diskutiert. Die zentralen Forderungen der restriktiven Seite beinhalten eine Beschränkung der Einwanderung von Geflüchteten und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Doch ist diese Position mit den Lehren des Evangeliums vereinbar?
Unverdiente Güte: Das Privileg, Schweizer zu sein
In Matthäus 27.46 tut Jesus seinen letzten Atemzug und stirbt am Kreuz. Dieser Moment symbolisiert nicht nur das Ende des Leidensweges Christi, sondern auch die Güte Gottes, die durch das Opfer von Jesus am Kreuz und die damit verbundene Erlösung von der Sünde Ausdruck findet. Diese Güte haben wir uns nicht verdient. Sie ist ein Geschenk. Ein von der Güte Gottes zeugendes Geschenk ist es auch, Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zu sein. Die Lebenslage der Schweizerinnen ist im Vergleich zu anderen Ländern wie ein Paradies. Dieser Umstand ist ein Privileg und absolut keine Selbstverständlichkeit. Nun stellt sich die Frage, was uns davon abhält, diese unverdiente Güte mit anderen in Gefahr stehenden Personen zu teilen. Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?
Ist es überhaupt unser Auftrag als Christen, Asylsuchenden zu helfen?
Aufruf zur Hilfeleistung in der Bibel: Der barmherzige Samariter
In Lukas 10 wird ein Gespräch zwischen Jesus und einem Gesetzeslehrer geschildert. Der Gesetzeslehrer fragt, wie man ewiges Leben erlangen könne. Jesus beantwortet die Frage mit dem Gebot der Liebe. Doch der Gesetzeslehrer will sich rechtfertigen und fragt: «Wer ist mein Nächster?» Darauf erzählt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Der Samariter hilft dem verletzten jüdischen Mann, obwohl zwischen den beiden Völkern eine tiefe Feindschaft herrscht. Er geht ein Risiko ein, denn die Gefahr, überfallen und körperlich angegriffen zu werden, besteht. Der Samariter erkennt die Situation des Verletzten und zögert nicht, ihn zu verarzten. Noch mehr: Er führt ihn zu einer Herberge und bezahlt sämtliche Kosten für Unterbringung und Pflege. Jesus beendet das Gespräch mit der Aufforderung: «Geh und handle ebenso.» Aus dem Gleichnis lassen sich folgende Prinzipien für uns ableiten:
- Hilf Personen – unabhängig von ihrer Herkunft
- Sei hilfsbereit – auch unter Gefahr
- Nimm eine dienende Haltung gegenüber Verletzten ein
- Sei bereit zur finanziellen Unterstützung
- Folge dem Beispiel des Samariters
Es ist plausibel, diese Prinzipien auf das Verhältnis zwischen Schweizerinnen und Schweizern und asylsuchenden Personen zu übertragen. Asylsuchende sind wie der jüdische Mann an Leib und Leben gefährdet und bedroht. Durch unser Eingreifen als Schweizer können wir wie in dem Gleichnis die Asylsuchenden aus der bedrohlichen Lage befreien und retten.
Was hält uns zurück, wie der barmherzige Samariter zu handeln?
Doch was hält uns trotz dieser klaren Worte Jesu zurück, dem Beispiel des Samariters furchtlos zu folgen? Einer unbegrenzten Hilfe gegenüber asylsuchenden Personen kann die Gefahr eigener finanzieller Sorgen entgegengesetzt werden. Doch ist dieses Argument im Licht der Evangelien haltbar? In Lukas 12 warnt Jesus vor Habgier: «Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.» Wie oben erwähnt, ist all unser Besitz ein Ausdruck der Güte Gottes. Warum also sollten wir diesen Besitz nicht teilen? Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ruft uns explizit dazu auf. Im Hinblick auf das ewige Leben sind materielle Güter, Geld und Wohlstand vergänglich und belanglos gegenüber der Herrlichkeit, die uns der Himmel verspricht. Ist die Angst vor Geldsorgen nicht vielmehr ein Festhalten an weltlichen Massstäben? Die Bibel ist hierbei klar: Unsere Identität liegt in Christus. Im Philipperbrief 1.21 schreibt Paulus: «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.» Der Blick ist auf Christus gerichtet und Christus fordert uns auf, den unterdrückten, hilflosen und vulnerablen Menschen zu dienen.
Restriktiv oder barmherzig?
Wie erwähnt, sind die zentralen Forderungen der restriktiven Position eine Beschränkung der Einwanderung und die Senkung von Unterstützungsleistungen für Asylbewerbende. Vergleichen wir nun diese Position mit den oben erlangten Erkenntnissen: Beide Forderungen einer restriktiven Haltung zielen darauf ab, Mehrausgaben oder gesellschaftliche Probleme zu verhindern, indem weniger Hilfe geboten wird. In Anbetrachtder behandelten Bibelstellen, die sich an der Güte Gottes und dem Aufruf zur Hilfeleistung orientieren, sind die Forderungen nach restriktiven Massnahmen schwer mit den Evangelien zu vereinbaren. Ja, sie sind sogar problematisch. Sie stehen im Konflikt mit den Prinzipien, die uns die genannten Bibelstellen und viele weitere aus den Evangelien vermitteln. Somit scheint die restriktive Position im Lichte der Evangelien schwer vertretbar.
Die restriktive Position kann daher nicht auf die Evangelien zurückgeführt werden. Sie gründet sich vielmehr auf der Angst, Privilegien als Schweizerinnen zu verlieren. Die vier Evangelien fordern an vielen Stellen Menschen dazu auf, die Güte Gottes nicht nur in Anspruch zu nehmen, sondern auch gegenüber Hilfsbedürftigen weiterzutragen. Das heisst:Christen sollten aus Sicht der vier Evangelien keine restriktive Asylpolitik unterstützen.
Diesem Artikel liegt die Maturaarbeit von David Stettler zugrunde. Die Maturaarbeit lässt sich hier herunterladen.
Foto von Salah Darwish auf Unsplash
In der Schweiz sprechen wir von einer Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit und die Neutralität des Staates ermöglichen soll. Kommt es aber zu einer Vermischung der jeweiligen Aufträge, kann dies schwerwiegende Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft mit sich bringen.
Wer die heutige Beziehung zwischen Kirche und Staat in der westlichen Welt verstehen möchte, muss tief in die Kirchengeschichte eintauchen. Denn mit der Papstrevolution im späten 11. Jahrhundert begann ein nicht enden wollender Kampf zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, der laut Klaus Roth die Entstehung des europäischen Staatssystems beschleunigte (2006: 79). Somit ist die Idee des Staates ein Resultat unerfüllter Erwartungen, dass durch ein harmonisches Mit- und Gegeneinander von Kaiser und Papst die gesamte Menschheit zum christlichen Glauben bekehrt und eine gottgefällige Ordnung errichtet werden könne (vgl. Schmitt 1950, 30, 96f.). Obwohl der christliche Glaube während der Reformation und Gegenreformation nochmals eine zentrale Bedeutung für die Staatenbildung erlangte (Roth 2006: 89f.), emanzipierte sich der Staat im Zuge der Französischen Revolution aus der religiösen Bevormundung des Christentums und wurde souverän. Die Trennung von Kirche und Staat war gemäss Ernst-Wolfgang Böckenförde (1982: 64) keine radikale, sondern eine balancierte. So vermochten beide ihren Auftrag unabhängig voneinander zu gestalten und aufeinander einzuwirken: Der Staat ist Vertreter von Recht und Ordnung und die Kirche Verkündigerin des Evangeliums.
Einfluss der Kirche auf den Staat
Die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, gilt zwar generell als unpolitisch (Böckenförde 1982: 82). Aber sie kann durch die Wirkung des Evangeliums auf die Gesellschaft unbeabsichtigt politisch Einfluss nehmen. Dies trifft zum Beispiel dann ein, wenn es in Abstimmungen um Fragen der Moral und Sittlichkeit geht und Christen als Staatsbürger ihre Stimme gezielt zu diesen Themen einsetzen (1982: 83). Auch dank der Neutralität des Staates und der Religionsfreiheit kann sich das Christentum nach wie vor in das gesellschaftliche Leben einbringen und gelegentlich eine Rechtsordnung prägen (1982: 66). Denn die Werte des Christentums bilden in vielen westlichen Staaten immer noch das Fundament für die politische Ordnung (1982: 67f.). Die Kirche übermittelt die Werte, da der Staat dies nicht tun kann, ohne seine religiöse Neutralität aufzugeben. Eine pluralistische Gesellschaft hat aber den Anspruch an die Kirche, dass sie ihre Werte so übersetzt, dass auch Leute ohne Bezug zum Christentum diese übernehmen und in ihr eigenes Weltbild integrieren können. Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern die Kirche die Funktion als Übermittlerin der Werte wahrnehmen soll. Ist es ihr möglich, dadurch ihren Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums zu erfüllen oder verfälscht sie diesen durch die Säkularisierung ihrer Werte? Für Böckenförde steht fest: „Es gehört nicht zur geistlichen Sendung der Kirche, zur Integration der pluralistischen Gesellschaft durch entsprechende Konsensbildung beizutragen. {…} Die Treue zu ihrem Auftrag kann sie zu desintegrierendem Sprechen und Handeln zwingen“ (1982: 71). Die Kirche darf ihm zufolge nicht für die Integration einer freiheitlichen und demokratischen Grundlage eintreten, die den christlichen Grundlagen widerspricht.
Aus der Geschichte lernen
In jüngster Zeit geriet die Demokratie als Regierungsform auch deshalb in die Kritik, weil säkulare Werte zunehmend Einfluss in der Gesellschaft gewonnen haben und damit öfter in Gesetzen verankert wurden (z.B. Ehe für alle). Dies führte bei vielen Christinnen und Christen zu Unmut und einer Sehnsucht nach dem Reich Gottes auf Erden. So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich einer politischen Führungsperson anschliessen, die sich für ihre Anliegen einsetzt oder zumindest so tut. Dies trifft zurzeit unter anderem auf die USA und El Salvador zu. Dort lässt sich die Vermischung der Aufträge von Kirche und Staat, die eine Abkehr von demokratischen Ordnungen hin zu totalitären Systemen zur Folge hat, sehr eindrücklich beobachten.
Eric Voegelin und Raymond Aron bezeichneten solche Gewaltregime als „politische Religionen“ (Maier 2006: 18). Sie erkennen ein Bemühen um eine quasi-religiöse Dimension politischer Ordnung und Parallelen zu den Modellen der antiken politisch-religiösen Einheitskultur. „Die modernen totalitären Regime sind aber zugleich auch die Fratze eines pervertierten Christentums, von dem nur äussere Ordnungen, Zwang und Disziplin übriggeblieben sind (2006: 18f.) Mit ihren sogenannten „reinen Lehren“ hätten sie problematische Entwicklungen in der Geschichte des Christentums nachgeahmt.
Es scheint folglich kein Zufall zu sein, dass die Auftritte moderner Gewaltregime Hand in Hand mit einem überdimensionalen Wiederaufleben von Personenkult, Vergöttlichung der Herrscher sowie von Märtyrern im Umkreis totalitärer Politik einhergehen (Maier 2006: 19). Aktuelle Geschehnisse in den USA illustrieren dies sehr deutlich. Was lediglich ein grosser Gedenkgottesdienst für den ermordeten Aktivisten und Evangelisten Charlie Kirk sein sollte, erlangte durch die Ansprache von Donald Trump, in der er auf Vergeltung gegen „die radikale Linke“ pochte, eine beunruhigende, politische Dimension. Seine Aussagen widersprachen zudem Erika Kirk, die dem Mörder ihres Ehemannes Vergebung zusprach (FOX 9 Minneapolis- St.Paul, 2025).
Im Angesicht dieser Ereignisse ist es umso wichtiger, sich daran zu erinnern, weshalb sich der Staat über die Jahrhunderte von der Kirche abgenabelt hat. Die Trennung der beiden Institutionen ist nach wie vor zwingend nötig: Erstens, für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft, zweitens für eine Religionsfreiheit, die es uns Christen erlaubt, unseren Glauben öffentlich und privat ohne Verfolgung auszuleben, und drittens, damit Staat und Kirche je ihre Aufträge wahrnehmen können. Die Erfüllung ihrer Aufträge ist für Staat und Kirche in einer Demokratie möglich, doch in einem totalitären Herrschaftssystem lösen sie sich auf. Wie uns die Geschichte lehrt, sind totalitäre Regime oftmals pseudo-christlich und durchdrungen von Irrlehren zu Gunsten des jeweiligen Herrschers. Lernen wir aus der Geschichte und nehmen wir die Warnung von Hermann Heller ernst: „Der Staat kann nur totalitär werden, wenn er wieder Staat und Kirche in einem wird, welche Rückkehr zur Antike aber nur möglich ist durch die radikale Absage an das Christentum“ (1929: 56).
Setzen wir uns also für eine gesunde, von christlichen Werten geprägte Demokratie in der Schweiz ein, um unserem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums weiter nachgehen zu dürfen!
Quellen
Böckenförde, E-W. (1982): Staat-Gesellschaft-Kirche. In: Böckle, F., Kaufmann, F-X., Rahner, K. und Welte, B. (Hrsg.) (1982): Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft. Teilband 15. Herder Freiburg. Freiburg im Breisgau. pp. 64-83.
FOX 9 Minneapolis- St.Paul (2025): Charlie Kirk’s full memorial service. Youtube (Stand: 22.09.2025)
Heller, H. (1929): Europa und der Faschismus. de Gruyter. Berlin. pp. 56.
Maier, H (2006): Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum – was wäre anders? In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.18 – 19.
Roth. K. (2006): Ordnungskrise von Kirche und Reich und die Genese des modernen Staates. In: Brocker, M., Stein, T. (Hrsg.) (2006): Christentum und Demokratie. WGB (Wissenschaftliche Buchgesellschaft). Darmstadt. pp.79-92.
Schmitt, C. (1950): Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publikum Europacup. Dunker & Humblot. Berlin. pp. 30, 96f.
«Schwerter zu Pflugscharen» lautet das Thema der diesjährigen StopArmut-Konferenz am 1. November in Winterthur. Eine der Fragen, die sich zu diesem Thema stellt: Welche Verbindung gibt es zwischen Armut, Gerechtigkeit und bewaffneten Konflikten? Der Prophet Micha gibt dazu in der Bibel eine interessante Antwort.
Als wir bei StopArmut das Thema «Schwerter zu Pflugscharen» zum Jahresthema wählten, erhielten wir einige überraschte Reaktionen: Warum plötzlich von Frieden sprechen? Was hat das mit Armut zu tun? Warum entfernen wir uns so weit von unserem zentralen Thema? Aber die Frage bewaffneter Konflikte ist seit Jahrtausenden eng mit Fragen zu Armut und Gerechtigkeit verbunden. Bereits vor mehr als 2500 Jahren wiesen die biblischen Propheten auf diesen Zusammenhang hin:
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Die StopArmut-Konferenz «Schwerter zu Pflugscharen» am 1. November 2025
1 «Aber in den letzten Tagen wird der Tempelberg alle anderen Berge an Größe und Höhe überragen. Es werden dann Menschen aus allen Nationen zu ihm herbeiströmen. 2 Viele Völker werden sich auf den Weg machen und einander zurufen: ‘Kommt, wir wollen auf den Berg des HERRN steigen, zum Tempel des Gottes Israels. Dort wird er uns seine Wege lehren, damit wir so leben, wie er es möchte.’ Denn der HERR wird von Zion seine Weisungen ausgehen lassen und von Jerusalem sein Wort. 3 Dann wird er der Richter über viele Völker sein und wird mächtigen Nationen Recht sprechen, auch wenn sie noch so weit entfernt sind. Dann werden sie ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden und ihre Speere in Winzermesser. Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt. 4 Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss. So hat es der HERR, der Allmächtige, gesagt!»
Dieser kurze Abschnitt kommt sowohl im Buch Jesaja (2, 2-4) als auch im Buch Micha (4,1-5) vor. Die beiden Propheten waren fast Zeitgenossen und prophezeiten zur gleichen Zeit: während der assyrischen Invasionen (ca. 740 bis 690 v. Chr.). Sie hatten jedoch ein unterschiedliches Publikum. Während Jesaja ein Stadtbewohner war und seine Botschaft eher an den König und den Hof richtete, stammte Micha aus dem ländlichen Gebiet und sprach zu den Bürgern und dem Volk.1
Micha zeichnet das hoffnungsvolle Bild einer strahlenden Zukunft, in der alle Völker zum Berg des Herrn kommen, damit er sie lehre, was er von ihnen erwartet. Und wenn die Völker schliesslich nach Gottes Geboten leben, zeigen sich zwei Zeichen: Die Völker (auch die mächtigen) verwandeln ihre Kriegswaffen in landwirtschaftliche Arbeitsgeräte, und alle kultivieren in Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume.
Die zwei Nachweise von Frieden
Diese beiden Zeichen, des Weinbergs und des Feigenbaums, stehen für eine Vision des politischen, weltweiten Friedens: «Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.» Und für eine Vision des ganz persönlichen, alltäglichen Friedens: «Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss.» In Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume zu bebauen, das ist die grundlegendste Hoffnung Israels. Sie findet sich an mehreren Orten in der Bibel (1. Kön. 5,5; 2. Kön. 18,31; Sach. 3,10)
«Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.»
Dieser Text besagt, dass politischer Frieden und persönlicher Frieden voneinander abhängig sind. Es kann kein persönliches Wohlergehen geben, ohne eine Beendung der Militarisierung. Das Streben nach Sicherheit durch Krieg, die Suche nach (Energie-)ressourcen für Waffen – all dies kann nicht bestehen, wenn persönliche Träume von Frieden wahr werden sollen. Denn der Krieg ist gierig nach Ressourcen, Geld und Nahrung und kann nur weiterleben, indem er das persönliche Hab und Gut, das er zu schützen vorgibt, konfisziert. Umgekehrt brauchen Waffen Ungleichheit für ihre Legitimation: Sie dienen also in erster Linie dazu, eine ungerechte Ordnung aufrechtzuerhalten, diese Ordnung wieder zu kippen oder sich einfach das zu nehmen, was anderen gehört. Damit Waffen aufgeben werden können, muss eine gerechte Grundordnung bestehen. Das bedeutet auch, masslose Habgier aufzugeben.
Konsum hinterfragen
Abrüstung ist nicht der einzige Prozess, den es für Frieden braucht. Es ist auch notwendig, dass wir die Erwartungen an unsere ökonomische Situation runterschrauben. Der Text beschreibt eine einfache Lebensweise, in der jeder und jede das hat, was sie brauchen (aber nicht mehr), und die landwirtschaftliche Produktion seines Nachbarn und seiner Nachbarin respektiert. Das bedeutet, dass wir bereit sind, uns mit unseren Trauben und Feigen zufrieden zu geben, ohne zu versuchen, die Trauben und Feigen zu bekommen, die andere produziert haben. Der Prophet weiss, dass die Weinberge und Feigenbäume jedes und jeder Einzelnen nur dann in Sicherheit sind, wenn die Mächtigen sich mit den Trauben und Feigen begnügen, die sie selbst produziert haben. Die radikale Vision von Micha versteht, dass die Aufgabe unserer Militärsysteme zwangsläufig auch eine Neuausrichtung unseres Konsums sowie unserer Werte bezüglich Konsum erfordert.
Deshalb pendelt unser Plädoyer zwischen diesen drei Themen hin und her: unseren Konsum überdenken (sich mit dem eigenen Weinstock begnügen), die internationale Zusammenarbeit unterstützen (anderen das Anbauen ermöglichen) und dem falschen Versprechen der bewaffneten Sicherheit widerstehen (Schwerter zu Pflugscharen umschmieden).
Viele von uns träumen davon, in Frieden unter unseren Weinreben und Feigenbäumen zu leben. Und in unserer Gesellschaft gibt es viele, die versuchen, genau diesen Traum vom ruhigen Leben im Schatten der Feigenbäume mit dem Schutz durch ein kriegerisches System zu verbinden. Micha zeigt jedoch den tiefen und unüberwindbaren Widerspruch zwischen Schwertern und Speeren auf der einen Seite sowie Weinreben und Feigenbäumen auf der anderen Seite auf.
Ein Versprechen mit Doppelfunktion
Es stimmt, dieses poetische Versprechen Michas beschreibt eine Zukunft, die für uns schwer vorstellbar ist. Diejenigen, die es hören, haben keine Ahnung, wie sie zu der dargestellten Realität gelangen könnten. Genauso muss es übrigens wahrscheinlich den Übermittlern dieser Botschaften, also Micha und Jesaja gegangen sein. Es gibt keinen strategischen Plan dazu, keine konkrete Vorgehensweise. Das Versprechen kommt ohne Vorwarnung. Es kommt als Unterbrechung der Gegenwart. Und das Bild, das dieses Versprechen zeichnet, ist wunderschön. Es berührt die Herzen derer, die es hören, und entspricht den tiefsten Sehnsüchten nach der Gegenwart Gottes, Frieden, Ruhe.
Dieses poetische Versprechen erfüllt eine doppelte Funktion: Zum einen schafft es einen Raum der Freiheit. Es befreit uns von Kalkül, von den Erfahrungen darüber, was funktioniert oder nicht, was möglich ist oder nicht. Diese Befreiung ermöglicht es uns, über die unerklärlichen Zukunft nachzudenken, die Gott erschaffen kann. Eine Zukunft, die weit über das hinausgehen, was Menschen aufbauen können.
Die zweite Funktion des Versprechens besteht darin, die Gegenwart auf den Kopf zu stellen. Das Versprechen, das Bild davon, wie eine Zukunft sein kann, spricht davon, dass sich Dinge auch ändern können. Das aktuelle System ist nicht absolut. Für die Zeitgenossen und Zeitgenossinnen Michas waren die Invasion Assyriens, die Korruption der Richter Israels und die Gier der Mächtigen nicht absolut. Für uns heute sind Regierungen mit Expansions- und Herrschaftsgelüsten, Kriegsdrohungen und wachsende Ungleichheiten ebenfalls nicht absolut. Weder der König von Assyrien noch die korrupten Führer und Führerinnen Jerusalems noch die Präsidenten Russlands, der USA oder Chinas werden das letzte Wort haben, und ihre vereinten Kräfte werden niemals alle Macht kontrollieren können, die in der Welt am Werk ist.2
Möge dieses Versprechen uns Hoffnung für morgen und einen kritischen Blick auf das Heute geben.3
Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch auf www.stoppauvrete.ch veröffentlicht.
1. Hat der „grosse Prophet” Jesaja das Orakel des „kleinen Propheten” Micha übernommen? Hat der kleine Prophet den grossen kopiert? Oder haben beide aus einem älteren Lied geschöpft? Unter Bibelwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen herrscht keine Einigkeit darüber, und ich persönlich bevorzuge die letzte Option, eines gemeinsamen Ursprungs.
2. Die doppelte Funktion des poetischen Versprechens entlehne ich BRUEGGEMANN, WALTER. „Vine and Fig Tree: A Case Study in Imagination and Criticism.” The Catholic Biblical Quarterly 43, Nr. 2 (1981): 188–204..
3. Diese Überlegungen basieren teilweise auf meiner Arbeit zum Buch Micha in Kollaboration mit dem Podcast bibletunes fr. Derzeit nehmen wir in diesem Rahmen eine Reihe wöchentlicher 10-minütiger Podcasts über Micha auf. Der Prophet Micha war es, der das „Micha-Netzwerk” inspiriert hat, dem StopArmut angehört. Die erste Folge des Podcast erschien am 8. September 2025 auf allen geläufigen Podcast-Plattformen.
Auf der Suche nach Sündenböcken statt Jesus-Nachfolge
Dieser Artikel ist die Fortsetzung von «Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz?» vom 24. September 2025. Diesmal werden drei im christlichen Raum der Schweiz verbreitete Gedankenkreise dargestellt und kritisch beleuchtet.
Nicht nur Christinnen und Christen in den USA stehen in der Gefahr, rechtsgerichteten Heilsversprechen aufzusitzen. Auch Schweizer Christen pflegen geschichtliche Mythen, die nichts mit biblischer Jesus-Nachfolge zu tun haben. Hier drei solcher Thesen, die unter Schweizer Christinnen und Christen verbreitet sind:
„Die Schweiz ist einzigartig und von Gott privilegiert. Deshalb ist die Volkssouveränität ein Garant für Freiheit und Wohlstand.“
Bis Ende des 20. Jahrhunderts galt die Meinung fast unumschränkt, dass die schweizerische direkte Demokratie die beste Hüterin der Menschenrechte sei, weil die Bürgerinnen und Bürger ihre Rechtsordnung bestimmen. Deshalb sei sie auch der beste Schutz gegen Machtmissbrauch und Korruption, denn einzelne Politikerinnen und Politiker könnten sich das nicht unbemerkt erlauben.
Die direkte Demokratie ist ein Allerheilmittel gegen menschliche Bosheit und das «Volk» wird hochstilisiert zum transzendentalen Garanten für Wahrheit und Recht. Diese Sicht wird auch von Christen vertreten. Denn Gott habe in zwei Weltkriegen unser Land beschützt und seine Bedeutung ergäbe sich aus ihrer Entstehung, ihrer Lage in der Mitte Europas, ihrer Flagge mit dem Kreuz, ihrer politischen Gestalt, ihrer nationalen Werte und Kultur, ihres Wohlstandes und ihrer weltweiten humanitären Wirkung. Deshalb habe die Schweiz eine Bestimmung und einzigartige Berufung.
Für diese völkisch-nationale Berufungsdefinition gibt es keine biblische Begründung. Die neutestamentliche Gemeinde hat jede nationale Identität hinter sich gelassen und versteht sich als «Reich Gottes», in dem alle Grenzziehungen aufgehoben sind (Eph2,11–22).
Dieses fatale Nationenverständnis ist ebenso zu hinterfragen wie die Parole der Aufklärung «Volkes Stimme – Gottes Stimme». Sie hat sich seit ihrer Proklamation 1789 oft als tragische Illusion erwiesen.
Zudem wissen wir doch längst, dass auch der Schweizer Herz kein Heiligtum und deshalb auch manipulierbar ist. Längst wird über die Grenzen der direkten Demokratie diskutiert,
(a) weil uns der gemeinsame Wertekodex abhandenkommt.
(b) weil das Instrument der Referenden und Volksinitiativen missbraucht werden kann.
(c) weil die Meinungsbildung der medialen Verführung und Stimulation fast schutzlos ausgeliefert ist. Wie lassen sich da noch Lüge und Wahrheit unterscheiden?
Christen sind keine Nationalisten und Ideologen, sondern Nachfolger Jesu. Deshalb warnen sie als kritische Bürger und Realisten immer wieder vor einer verblendeten Idealisierung der «Volksherrschaft». Sie gehorchen Gott immer mehr als dem Mehrheitswillen! Die Anbetung Gottes verhindert die Anbetung der von Menschen geschaffenen politischen Strukturen oder Staatsformen!
Nachfolger Jesu Christi werden Absolutheitsansprüche egomanischer Meinungsmacher, erkenntnisleitende Interessen gewisser Leute und lobbyierende Machtbesessene äusserst kritisch beobachten und gerade dann ablehnen, wenn sie ihren Wolfscharakter im Schafspelz verstecken.
„Kräfte von ausserhalb und innerhalb bedrohen die Schweiz und planen den nationalen Zerfall!“
Die Macht von Verschwörungstheorien
Gefahrenszenarien und Verschwörungstheorien tummeln sich nicht nur im säkularen Netz, sondern werden auch in der christlichen Szene kolportiert und weitergeflüstert. Mit ihnen bearbeiten nationalistische Rechtspopulisten den nationalen und sozialen Egoismus. Wer die zentralen, universalen Verschwörungen kennt, steht immer auf der richtigen Seite.
Populär sind augenblicklich:
- Der Islam setzt Flüchtlingsströme bewusst zur Eroberung Europas ein
- Migranten, Ausländer, Fremde unterwandern die Leitkultur der Schweiz
- Links-grüne Politik fördert immer eine radikal säkulare Kulturrevolution
- Der Vatikan, der Papst und der Katholizismus wollen universal herrschen
- Die Medien verbreiten Fake-News und manipulieren die Öffentlichkeit
- Die «Eliten» (Bundesrat, Bundesrichter, Politiker) regieren am Volk vorbei
- Die säkulare EU-Bürokratie will die Schweiz unterwerfen
- Die Lüge von der menschenverursachten Klimaveränderung dient der globalen Wirtschaft und Finanz
- Reiche Juden, Freimaurer und Geheimbünde streben die Weltherrschaft an
Anfragen:
- Warum werden Unterschiede, Vielfalt und Andersartigkeit zum Problem?
- Warum neigen Christen in der Schweiz immer noch zu einem versteckten Apartheiddenken des «Wir-sind-besser-und-alle-anderen-sind-minderwertiger»?
- Warum sind Fremde immer schon per se «schlechter und böser» als wir?
- Warum sind differenziertes Denken, gründliches Recherchieren und aufwendige Analysen bei gewissen Christen so wenig ausgebildet und vorhanden?
- Warum werden oft nur Ängste, negative Gefühle und Feindbilder geschürt?
Notwendig wäre aufzuzeigen
- dass der Dualismus (Schwarz-Weiss-Malerei) als Lebensstil zum spekulativen Heidentum gehört [orientalisch-hellenistische Gnosis].
- dass der Begriff «Nation» in der Bibel nicht vorkommt, dafür der Begriff «Volk» bzw. «Völker – Ethnien».
- dass die Wesensmerkmale der Christinnen und Christen Demut, Liebe und Toleranz gerade deswegen sind, weil unser Erkennen noch nicht vollkommen ist!
- dass es den Nationalstaat in Europa erst seit dem 19. Jahrhundert gibt und die Schweiz erst seit 1815/1848 eine Willensnation von Angehörigen verschiedener Ethnien/Völkern ist. 1291 wurde keine Nation Schweiz gegründet, sondern ein Bund, wie andernorts damals auch (z.B. die «Hanse»).
- dass der «Mythos Schweiz» und die damit verbundenen oft klischeehaften Attribute zu entmythologisieren sind – nicht nur von Historikern, sondern auch von Christinnen und Christen in ihren Gemeinden.
dass «niemand schon immer da war» (Holenstein André u.a., Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Baden 2018).
Für gesellschaftliche, kulturelle und soziale Probleme gibt es Sündenböcke
Immer wieder wird kolportiert, «minderwertige» Menschen – Ausländer, Fremde, Migranten, Asylsuchende, Sozialhilfeempfänger, IV-Bezüger – seien in der Regel in gewisser Weise mitverantwortlich dafür, wenn es Probleme gibt, der Wohlstand bröckelt, das kulturelle Niveau sinkt, es sozial unruhig wird, der innere Friede im Land gefährdet ist, die Kriminalität hoch bleibt, der Wohnraum zunehmend knapp und unbezahlbar wird usw.
Es gibt sie tatsächlich immer und überall, die mehr oder weniger «schwarzen Schafe». Deswegen muss sich die Sozialpolitik mit diesen Herausforderungen, also den Folgen der Globalisierung, des Neokapitalismus und der zunehmenden kriegerischen Konflikte beschäftigen. Denn es ist die fehlende allgemeine Teilungsgerechtigkeit, die viele Probleme auch hierzulande generiert!
Besonders fragwürdig ist jedoch die pauschalisierende und generalisierende Sicht der Populisten, die «alle diese und jene da» für schuldig erklärt. Stigmatisierung der Schwachen, Remigrationspläne für Ausländer, Diskriminierung von Hilfsbedürftigen, Kürzungen von Hilfsmassnahmen mit dem Etikett «Selber schuld! Sie sollen sich selbst helfen!» – all das mit einer würdelosen Abwertung bestimmter Menschen zu begründen, ist skandalös. Wer das aber politisch fordert, gewinnt gegenwärtig leider Wahlen, bekommt Macht über Menschen, verliebt sich in seine Popularität und spielt dann den «pseudogöttlichen Retter».
Kritische Anmerkungen
- Wer für seine Politik Sündenböcke und Feindbilder braucht, ist einer Projektionsstrategie erlegen und disqualifiziert sich selbst. Der politische Diskurs ist mit diesen Menschen nicht leicht. Auf keinen Fall dürfen solche Thesen und Behauptungen medial zitiert werden.
- Dem populistischen Schwarz-Weiss-Denken ist unbedingt kritisch zu begegnen: Nicht mit vorschneller Verurteilung von Menschen, aber doch mit kritischem Widerspruch in der Sache. Einspruch im Dialog und Gespräch zu erheben, geht nicht ohne näheres Hinsehen, Verstehen-Wollen und Hinterfragen. Wenn das gegenseitig möglich ist, ist schon viel gewonnen.
- Dass ein rechtspopulistischer weisser national-konservativer Evangelikalismus die gegenwärtige disruptive Weltpolitik mitverantwortet, ist bereits zu einer kostenintensiven Hypothek geworden. Trotzdem hat er hierzulande eine Anhängerschaft.
- Der politische Rechtspopulismus lässt sich kaum noch durch Fakten, Argumente und logische Begründungen überwinden. Die weltweite Zunahme von Irrationalität, situativer Egozentrik und subjektiver Spontaneität in der Politik verängstigt. Politologen konstatieren den Übergang von der regelbasierten unipolaren hin zur regellosen multipolaren Weltordnung. Die Schweiz muss sich in einer zerfallenden Weltordnung zurechtfinden.
- Die Botschaft Jesu setzt einen Kontrapunkt, wenn sie den Dienst der Versöhnung dem Machtgebaren der Stärkeren und Reichen gegenüberstellt. Damit ist gesagt, was zu tun ist (siehe die Proklamation amerikanischer Christen 2018, „Reclaiming Jesus“).
In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Auch unter Christinnen und Christen gewinnt autokratisches Gedankengut an Boden. Wie sieht es damit in der Schweiz aus?
Seit dem 19. Jahrhundert haben unzählige Christen auf biblischer Grundlage und aus dem Glauben an Christus heraus weltweit ein spezifisches, vorher so nicht vorhandenes christliches Denken und Handeln in gesellschaftlicher Weltverantwortung entfaltet.
Christen sind auch Welt- und Staatsbürger und dürfen sich politisch und vor allem sozialpolitisch zu Wort melden. Denn: wer die Bibel gründlich studiert, muss sich von der Botschaft der alttestamentlichen Propheten, Jesu und der Apostel herausfordern, ja geradezu verpflichten lassen, für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten.
Das allerdings nicht mit dem Ziel, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft christlich im Sinne einer Theokratie zu domestizieren, sondern als normaler Ausdruck konkreter Nachfolge Jesu, um mit Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Respekt und Frieden zu dienen.
Christen sind vermehrt rechtsnationalistisch aktiv
In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Demokratien sind keine automatischen Selbstläufer mehr. Sie werden gerade in illiberale Demokratien transformiert durch eine subtile Schwächung der Gewaltenteilung, der Justiz und der Parlamente. Autokratisch-nationalistische Kräfte setzen ihre Agenda durch und lassen demokratische Strukturen schleichend absterben. Wie schnell Demokratie demontiert und an die Grenzen ihrer Wehrhaftigkeit kommt, zeigen jüngste Entwicklungen in den USA und Europa.
Die vielfältigen Ursachen dieser Entwicklung werden landauf landab kontrovers diskutiert, bewertet und eingeordnet. Genannt werden Migration, Verlust nationaler Identität, politische Verdrossenheit, Sozialabbau, Unzufriedenheit mit den Eliten in Politik und Wissenschaft. Manche Sorgen sind zweifellos berechtigt. Aber was geschieht, wenn der offensichtliche Vertrauensverlust zur Machtgewinnung bewirtschaftet wird? Wenn Patrioten ihr Land zu fest lieben und ihr Nationalismus ungeniessbar wird? Wenn die Demokratie, die Wissenschaften und die Politiker pauschal diskreditiert werden und demagogisch mit Unwahrheiten zur Abwahl der Herrschenden aufgerufen werden?
Die politischen Polarisierungen sind längst in der christlichen Szene angekommen. Dafür steht die jüngste Publikation von Peter Hahne «Ist das euer Ernst? Aufstand gegen Idiotie und Ideologie» (2024). Seit Jahren versteht er sich als prominente Stimme enttäuschter Wutbürger und bedient unentwegt sowohl medial, publizistisch und öffentlich auftretend diese Unmutsbewegung. Zu ihr gehören viele wertvolle Christen aus Kirchen und Freikirchen, die gläubig und treu in ihren Gemeinden mitarbeiten, fleissig und begeistert die Gottesdienste besuchen, sich an kirchlicher Gemeinschaft erfreuen, Nächstenliebe praktizieren und speziell das Gebet für die Schweiz pflegen. Sie verstehen sich als wertkonservativ und nationalgesinnt und wählen eher mitte-rechts/rechts als mitte-links/links.
Dass sie jedoch rechtspopulistischen Anliegen so unkritisch folgen, liegt an ihrem Wertekonservativismus, dem ja durchaus eine gewisse Berechtigung zukommt. Hinzu kommt aber, dass viele «bibeltreue Rechtgläubige» genau zu wissen meinen, was in der Bibel zur Lösung aktueller Herausforderungen steht. Viele argumentieren mit einer fragwürdigen, selektiven «Belegstellentheologie», die ihr geistliches Empfinden und Gefühl ebenso bestätigt wie ihr subjektives Interesse und ihre fromme Überzeugung. Die biblische Gesamtgeschichte wird in handliche Einzelteile zerlegt, von denen man sich nimmt, was gerade passt. Da werden Verheissungen und Zusagen auf die Schweiz übertragen, die vom Kontext her nur dem Volk Israel damals galten bzw. gelten.
So wird die Bibel in mundgerechte Häppchen und ideologische Versatzstücke fragmentiert und «Lieblingsthemen» stimmungsvoll propagiert.
Diese selektive Art von Bibellektüre ist dem nicht neu, der die Entwicklung der Hermeneutik, also die Auslegungsgeschichte der Bibel kennt. Das erkenntnisleitende Interesse ist jeweils so stark, dass viele, ja sehr viele Aussagen im Alten und Neuen Testament systematisch ausgeblendet werden. Gerade deshalb wächst momentan die Sorge, ob nicht gerade dieses aus biblischer Engführung resultierende rechtslastige Denken und Handeln das Potential hat, wieder einmal Christen ideologisch zu verführen. Wer die jüngere deutsche Geschichte kennt, bekommt Angst vor einer fatalen Wiederholung. In Europa – angeheizt vom Negativ-Vorbild Donald Trump – zeichnet sich für die nächsten Jahre ein transnationaler Rechtspopulismus ab.
Es zeigt sich dabei ein Paradox: Während z. B. der Soziologe Hartmut Rosa gemeinsam mit dem linken Politiker Gregor Gysi überzeugt sind1 , dass nur Religion die Demokratie noch retten könne – «Ich glaube zwar nicht an den da oben, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft», so Gysi –, gibt es seit Corona inzwischen zu viele Christen, die sich gegen die augenblickliche demokratisch begründete Rechtsstaatlichkeit wenden. Das darf doch nicht sein!
Wer die Bibel gründlich, systematisch und kontextual studiert, wird zu einem kritisch differenzierenden, kreativen und weitherzigen Denken im Horizont des Reiches Gottes angeleitet! Gottes Wort und Gottes Geist überwinden die bequeme Leichtgläubigkeit, die jedem frommen Wanderprediger in die Arme fällt!
Konsequenter Schutz der Meinungsfreiheit
Lange Zeit schien die Schweiz politisch immer rechter zu agieren. Doch mittlerweile haben Länder wie Ungarn, Frankreich, Deutschland und Polen sowie besonders die USA uns rechts überholt.
Die populistischen Paukenschläge sind in unserem Land hingegen etwas leiser geworden. Dank einer Kultur der Bescheidenheit, der Dialoge und Kompromisse wirkt unsere Konsensdemokratie noch als Populismus-Schutz. Das Schweizer System lässt schillernde Autokraten oder einzelne politische Führerfiguren, die ganze Massen in ihren Bann ziehen können, nicht zu. Wenn sich der Chefredaktor der Weltwoche mit Autokraten und Nationalisten Europas von Georgien bis nach Grossbritannien vernetzt, bleibt das vorderhand politisch noch bedeutungslos, könnte aber längerfristig stimulierend wirken.
Denn die Schweiz hütet die Meinungsfreiheit konsequent. Deshalb können sich einzelne Personen rechtspopulistisch oft sogar grenzwertig äussern und agieren. Innerparteilich kann es dann durchaus Kritik geben, aber deren Mandate stehen nicht zur Debatte.
Erst wenn rechtspopulistische Parteien im Parlament die Mehrheit hätten, würde es problematisch. Wo der rechtsnationale Populismus zur politischen Macht avanciert, schliesst er Andersdenkende und Minderheiten systematisch aus und greift Institutionen wie Medien oder Gerichte an. Im Moment (August 2025) geschieht das in den USA in einem beispiellosen Tempo, das an Nazideutschland 1933/34 erinnert.
Von Ungarn, der Slowakei und Serbien ist die Schweiz noch weit entfernt. Allerdings verwirrt es, wenn rechtskonservative Parteien anderer Länder wie die deutsche AfD vom «Vorbild Schweiz» schwärmen und «volksnah» politisieren wollen. Sie sind von der Volkssouveränität in einer «direkten Demokratie» deshalb so fasziniert, weil sich damit ein starkes populistischen Mobilisierungspotenzial aktivieren liesse. Tatsächlich sind viele hierzulande stolz auf die Volkssouveränität. Allein sie würde Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz schützen und verteidigen. Und wer den politischen Monopolanspruch erhebt, das alles zu garantieren, provoziert und polarisiert regelmässig. Aber daran haben wir uns irgendwie schon gewöhnt, weil sich die politischen Kräfte noch die Waage halten.
1. Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion. Kösel 2023
Die Fortsetzung des Themas folgt in einem weiteren Artikel.
Foto von engin akyurt auf Unsplash
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