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Author: Elisabeth Rupp, Gründerin und Leiterin des Vereins Perla, Mitglied der Apostolischen Kirche CityLife in Vevey.

Was motiviert uns, jeden Morgen aufzustehen? Welche Kraft treibt uns an, vorwärts zu gehen? Diese Frage beschäftigt mich, wenn ich an die Großen dieser Welt denke, die ihr Leben der Verwirklichung ihrer Überzeugungen gewidmet haben, oder wenn ich die großen Errungenschaften der Geschichte und die noch laufenden betrachte. In der heutigen Zeit der Pandemie, in der alle unsere Bezugspunkte über den Haufen geworfen werden, wird diese Frage noch dringlicher. Wir könnten versucht sein, die Hände in den Schoß zu legen und auf das Ende der Welt zu warten, oder daran zweifeln, dass es sich lohnt, angesichts der vorherrschenden Kräfte wie Geld und Egoismus zu kämpfen.

Ein Leben, das von der Suche nach Glück motiviert ist

Laut dem amerikanischen Philosophen Charles Taliaferro, der sich auf Theologie und Religionsphilosophie spezialisiert hat1 , gibt es zwei mehrheitliche Sichtweisen auf den Zweck des Lebens: Christliche, jüdische und muslimische Gläubige sind der Ansicht, dass Gott gut ist und dass alles, was wir tun und unternehmen, diese Güte Gottes widerspiegeln muss. Es geht um den ewigen Kampf zwischen den Kräften des Guten und des Bösen. Andererseits ist die Mehrheit der Atheisten oder derjenigen, die nicht an die objektiven Werte des Guten glauben, der Ansicht, dass der Sinn, den der Mensch seinem Leben gibt, ihm ermöglicht, sich zu entfalten und das Glück zu entdecken. Diese beiden Perspektiven treffen sich in einem grundlegenden Element: Das Leben hat einen Sinn, und dieser Sinn ist mit dem Guten und dem Glück verbunden.

In der Bibel finden sich dazu folgende Aussagen, die die obige These bestätigen: In Genesis 1:31 heißt es: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“. In Markus 10,45 erklärt Jesus, dass er gekommen ist, um „sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“. Und schließlich sagt Paulus in Philipper 3,14: „Ich laufe dem Ziel entgegen, um den Preis der himmlischen Berufung Gottes in Jesus Christus zu gewinnen“. Jeder dieser Texte ermutigt uns, unser Leben auf ein himmlisches Ziel hin auszurichten, indem wir das Gute tun und danach streben, das Gute zu manifestieren.

Kühnheit als Mittel zum Erfolg!

Die Arbeit von SOS Méditerranée ist beispielhaft für die Ermutigung, sich von den Schwierigkeiten des Lebens nicht von unserer irdischen Mission abhalten zu lassen: Trotz der Hindernisse, die durch die politischen Herausforderungen der Asylfrage für Flüchtlinge in Europa entstanden sind, was sie ihr erstes Schiff Aquarius im Jahr 2018 gekostet hat, hat diese Organisation nicht aufgegeben und sich als äußerst hartnäckig in ihrem Kampf erwiesen, um Hunderte von Menschen zu retten, die zwischen Afrika und Europa in die Höhle des Todes getrieben wurden. Ihre Kühnheit besteht darin, dass sie an ihre Mission glaubte und alle möglichen Mittel einsetzte, um sie zu erfüllen: Eine breite Kommunikation über den Ernst der Lage dieser Immigranten, wodurch sie 2019 ein neues Schiff und staatliche Unterstützung erhalten haben. Was für ein inspirierendes Vorbild für uns Christen, die wir ebenfalls dazu berufen sind, beharrlich zu sein, um das Reich Gottes auf Erden zu manifestieren (Matth. 11,12), und denen es dennoch oft an der nötigen Kraft und dem Mut fehlt!

Liebe Leser, ich möchte Sie wirklich ermutigen, den Sinn Ihres Lebens zu betrachten. Ihre Anwesenheit auf der Erde, auch wenn sie vielleicht nicht viel in der Zeitleiste ist, ist nicht sinnlos. Jammern und Grübeln dienen nicht der Mission, die uns unser Schöpfer anvertraut hat. Vielleicht wissen Sie es noch nicht, aber ich selbst bin der Anführer einer Bewegung, die sich für die weltweite Abschaffung des Menschenhandels einsetzt, auch wenn sie noch nicht sehr groß ist. Ihr Name ist Perla. Manchmal bin ich angesichts der Größe der Aufgabe und vor allem der Größe des Giganten, gegen den wir kämpfen, versucht, alles aufzugeben. In der Tat gibt es viele Kräfte, die uns entgegenstehen, sei es Geld, Drogenkartelle, die Passivität der Politik oder Korruption auf allen Ebenen. Und dennoch. Der Ruf Gottes, der uns dazu drängt, diese Ungerechtigkeit anzuprangern, genügt mir, um mir von Tag zu Tag mehr Mut zu machen. Sind wir nicht Salz und Licht auf Erden?

Mit Gott an unserer Seite

Warum macht uns Kühnheit so viel Angst? Fürchten wir, dass es uns an Demut mangelt? Dass wir arrogant sind, wenn wir glauben, die Welt verändern zu können? Dies zu sagen, bedeutet bereits, das Gegenteil zu beweisen. Tatsächlich hat Jesus am Kreuz gegen das Böse gekämpft, und sein strahlender Sieg, wenn auch zu einem hohen Preis, macht uns zu seinen Erben. Die Opfer eines Lebens, das einem solchen Kampf gewidmet ist, werden den Stolz, der sich in uns manifestieren könnte, festnageln. Andererseits, seien wir ehrlich: Was uns lähmt, ist vielmehr die Angst, uns ins Unbekannte zu stürzen oder der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Der Blick des anderen entmutigt uns schließlich, überhaupt etwas zu unternehmen. Anstatt Kühnheit mit negativen Assoziationen zu verbinden, sollten wir uns daran erinnern, dass Kühnheit in erster Linie ein Ausdruck von Mut und Glauben ist. Ersterer ist uns von Gott gegeben (2. Tim. 1,7), während letzterer es uns ermöglicht, Berge zu versetzen.

Martin Luther King hat es wie folgt zusammengefasst: „Ich möchte [an der Seite von Jesus sitzen] in Liebe, Gerechtigkeit, Wahrheit und Hingabe an andere, damit wir aus dieser alten Welt eine neue Welt machen können.“ 2

Also, sind Sie bereit für das Abenteuer?

1. www.askphilosophers.org/question/4453

2. https://kinginstitute.stanford.edu/king-papers/documents/drum-major-instinct-sermon-delivered-ebenezer-baptist-church, Übersetzung durch die Autorin dieses Artikels.


Tribune erschienen unter der Rubrik „Regards“ in Christ Seul (Monatszeitschrift der evangelischen Mennoniten-Kirchen in Frankreich), Nr. 1117, März 2021, www.editions-mennonites.fr.

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Christentum, Rassismus und Umweltschutz: diese drei grossen Themen klingen auf den ersten Blick, als hätten sie kaum etwas gemeinsam. Doch schaue ich mir zum Beispiel den Regierungsstil von Jair Bolsonaro an, wird der Zusammenhang sehr offensichtlich – und er macht mich als Christin hellhörig.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist eine sehr kontroverse Figur der internationalen politischen Landschaft. Einerseits lockert er die Gesetze zur Abholzung des Regenwaldes und diskriminiert die indigene Bevölkerung, andererseits proklamiert er seinen Glauben an Jesus Christus. Für evangelikale Christen ist er ein Vorbild, für Umweltschützende und Menschenrechtler ein wandelnder Albtraum. Für mich als Christin ist es schwierig nachzuvollziehen, wie ein Mensch an Gott glauben und gleichzeitig öffentlich rassistisch und umweltfeindlich auftreten kann. Doch ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass Bolsonaro keine Ausnahme ist.

Die Geschichte beginnt 1492. Christoph Kolumbus suchte im Auftrag der spanischen Krone einen direkten Seeweg nach Indien und entdeckte dabei Amerika. Die Entdeckung der „neuen Welt“ weckte auch das Interesse des Papstes. Mit dem Ziel das Christentum zur Weltreligion zu machen, verfasste Papst Alexander VI. im Jahr 1493 die Bulle Inter Caetera, worin er den Christen die Einnahme aller Gebiete erlaubte, die nicht von einem christlichen Herrscher regiert wurden. Spanien verfolgte fortan das Ziel Latein- und Südamerika zu erobern, zu missionieren und in den spanischen Herrschaftsbereich zu integrieren. Machtpolitische Ziele vermischten sich mit dem Gedanken, dass das spanisch-christliche Weltbild das fortschrittlichste und allen anderen überlegen war. Die Weltbilder der indigenen Bevölkerung Süd- und Lateinamerikas waren jedoch animistisch geprägt. Dies befremdete die spanischen Eroberer und Missionare. Ihre ersten Berichte über die Einheimischen waren daher aus heutiger Sicht äusserst rassistisch. Die Beziehung der Eroberer und Missionare zur einheimischen Bevölkerung war von Anfang an ambivalent. Einerseits brauchten die Eroberer die Einheimischen auf Erkundungsreisen im Landesinnern und um Rohstoffe für den Handel zu finden. Andererseits behandelten sie die Einheimischen selbst dann nicht als gleichwertig, wenn sie zum Christentum konvertiert waren. Dieses Verhalten widersprach jedoch der Bulle Inter Caetera und den Ansichten einiger Missionare, welche sich für die gleichwertige Behandlung der Konvertiten einsetzten. Einer der sich vehement für die gleichen Rechte Indigener in Mexiko einsetzte, war Bartolomé de las Casas. Er gilt noch heute als einer der ersten Menschenrechtler. Für mich ist er ein grosser Lichtblick in diesem traurigen Abschnitt europäischer und amerikanischer Geschichte.

Die Auswirkungen des Kolonialismus sind heute noch global spürbar, denn Kolonialismus fand nicht nur auf den Kontinenten dieser Welt statt, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Zwar wurde das christliche Weltbild in Europa und den USA durch ein naturalistisches abgelöst, doch im Kern blieb der Gedanke der „weissen Überlegenheit“ (white supremacy) hängen. Gerade im Umweltschutz war dieser Überlegenheitsgedanke lange Zeit stark verbreitet. Indigene wurden von ihrem Land vertrieben, um Nationalparks zu gründen. Traditionelles Wissen über Tiere und Pflanzen wurde gegenüber der westlichen Naturwissenschaft abgewertet. Einheimische Umweltschützende erhielten einen geringeren Lohn als ihre weissen Kollegen oder durften erst gar nicht an den Artenschutzprojekten im eigenen Land mitarbeiten. Einige dieser Missstände existieren leider noch heute. Als Antwort auf die „Black Lives Matter“- Bewegung gibt es innerhalb des Umweltschutzes Bestrebungen, diese Missstände ein für alle Mal zu beheben und die Umweltschutzprojekte der einheimischen Bevölkerung besser zu unterstützen.

Bis der Gedanke der „weissen Überlegenheit“ aus den Köpfen der Menschen verschwunden sein wird, wird wohl noch etliche Zeit verstreichen. Was wir als Christen heute bereits tun können, ist genau hinzuschauen, sobald eine Regierung wie jene von Jair Bolsonaro mit derselben fremdenfeindlichen Gesinnung auf die indigene Bevölkerung des eigenen Landes zugeht wie einst die europäischen Kolonialmächte. Der Präsident von Brasilien mag sich als Christ identifizieren, doch gibt es ihm noch lange nicht das Recht den Einheimischen unter dem Deckmantel des wirtschaftlichen Fortschritts ihr Land wegzunehmen und ihre Umweltschutzprojekte zu untergraben. Genauso wie der westliche Umweltschutz muss sich auch das Christentum der Frage stellen, wo sich in seinen Überzeugungen die Idee der „weissen Überlegenheit“ eingeschlichen hat. Denn nur so wird es uns als Christenheit in Zukunft gelingen, weniger Bolsonaros und mehr de las Casas‘ hervorzubringen.

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Brüder und Schwestern, die für soziale Gerechtigkeit empfänglich sind, erschien es Ihnen jemals einfacher, den abgewiesenen Asylbewerber zu lieben als den Quasi-Faschisten um die Ecke? Vielleicht fühlten Sie sich mit dem umweltfreundlichen Mann in Ihrem Gemeinschaftsgarten mehr verbunden als mit Ihrem Bruder in Christus, der durch Motorradfahrten verzweifelt war?

Soziale Ungleichheiten und Abschottung

Die anhaltende Bewegung der gelben Jacken ist ein weiterer Beweis dafür: Nicht alles läuft gut. Die heutige Welt hat ihren Anteil an Missverständnissen und Revolten, die zum Bau von Mauern zwischen verschiedenen Kategorien von Menschen führen.

Es besteht die große Gefahr, die Übel des Jahrhunderts zu einem persönlichen Problem zu machen. Angesichts der anhaltenden Anzeichen von Ungleichheit in unseren Ländern sollten wir einen Schritt zurücktreten und unsere direkteren Beziehungen betrachten. Lassen Sie uns das Ausmaß unseres Wunsches nach Gerechtigkeit messen, wo wir normalerweise nicht in „sozialer Gerechtigkeit“ denken.

Es ist verlockend, unsere Mitmenschen nach unseren eigenen Kriterien zu beurteilen. Doch bei der Verteidigung der Ursachen, die wir am meisten zu respektieren glauben, brauchen wir den Gott der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit immer noch genauso dringend, wie die Person, die mit uns nicht einverstanden ist.

Angesichts dieser Realität sollten wir uns mit einer relationalen Wahrheit des Evangeliums beschäftigen:

Eine erste Geste der Nächstenliebe: Nimm den Balken aus seinem Auge.

Durch die Arbeit mit Holz zeichnete der Zimmermann Jesus ein sehr gutes Bild: „Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ‚Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausnehmen‘, wenn du den Balken in deinem eigenen Auge nicht sehen kannst? Heuchler, nimm zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du sehen, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders entfernen kannst. „(Lk 6:42)

Dies ist der erste Akt der Nächstenliebe, der durchgeführt werden muss: die eigenen Fehler erkennen zu können. Schöne Ideen und gute Werte zu haben, bringt uns nie von dem Streben nach Demut und Integrität ab1 .  Dann laden sie uns ein, den anderen ohne Arroganz herauszufordern, in einem für beide Seiten fruchtbaren Prozess.

Eine überwältigende Liebe

Dieser Aspekt ist revolutionär, vor allem in den kleinen Details unseres Lebens. Die in die Praxis umgesetzte Liebe umfasst nicht nur Tapferkeit und Mitgefühl, sondern auch jede Form von Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.

Da wir in einem Klima der Polarisierung, des Übermaßes und der Extreme leben, sollten wir uns davor hüten, andere zu verachten, und stattdessen für ihr Wohl handeln, auch wenn sie kein Mitleid erregen. Jesus betont, dass unsere sozialen Verpflichtungen nur dann von Wert sind, wenn sie in verwandelten Herzen und Beziehungen verwurzelt sind.

1.  Inspiriert von Tom Holladays Buch „Beziehungen“: Das Modell Jesu, Ourania, 2010.

Bild: Steve Buissinne auf Pixabay

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Nach einem Artikel [2] ] in Le Monde online sind 3,2 Millionen Franzosen, d.h. mehr als 13% der erwerbstätigen Bevölkerung, einem hohen Burn-out-Risiko ausgesetzt. Diese Menschen gehen über ihre Grenzen hinaus und riskieren, in einen Zustand der totalen Erschöpfung zu geraten und manchmal für den Rest ihres Lebens gezeichnet zu sein. Andererseits schätzt Christian Bourion, ein Arbeitsökonom, dass 30% der Arbeitnehmer unter Bore-Out, d.h. völliger Demotivation und Krankheit durch Langeweile am Arbeitsplatz, leiden. Wenn wir zu diesem Mobbing, den Konflikten, der sexuellen Belästigung, dem Workaholismus, der Verunglimpfung, der Lohnungleichheit noch etwas hinzufügen, sieht die Arbeitswelt nicht mehr unbedingt wie ein Eldorado voller Möglichkeiten aus, sondern wie ein wirklich gefährlicher Dschungel. Christen werden natürlich nicht verschont.

Große Hoffnungen, dann Desillusionierung?

Und auch unsere Gesellschaft verlangt viel, stellt der Forscher Christian Bourion fest: „Heute wollen die Menschen, dass die Arbeit eine Quelle der Erfüllung ist. So erziehen wir unsere Kinder, wir geben ihnen eine lange Ausbildung. Aber wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten, ist es eine große Enttäuschung. Das Ergebnis ist noch mehr Leid. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Realität sieht so aus: Gott schuf den Menschen und gab ihm die Verantwortung, sich um den Garten Eden zu kümmern. Doch sein Sturz, seine Revolte gegen Gott in Eden, hat die Bedingungen dieser Arbeit verändert.

Einem wohlwollenden Führer gehorchen

Wie können wir dann unseren Einsatz in der Arbeitswelt als Christen in der Nachfolge Christi leben? Hier sind einige Punkte, die mir wesentlich erscheinen.

Unser einzig wahrer Führer ist Christus! Und er sagt uns, dass seine Last leicht ist, weil er sie mit uns trägt. Er will uns wahrscheinlich nicht zum Burn-out oder Bore-Out führen. Wenn wir uns bei unserer Arbeit überfordert fühlen oder keinen Sinn mehr darin sehen, können wir mit unserem Leiter sprechen, um seine Unterstützung und Anweisungen zur Verbesserung der Situation zu erhalten.

Die Härte der Arbeit wird in der Bibel mit dem Einbruch der Sünde in die Welt assoziiert (1. Mose 3:17) Es ist zu erwarten, dass wir Schwierigkeiten haben werden, damit umzugehen.

Hoffnung für die Zukunft wecken

Aber selbst in diesen Schwierigkeiten kann unsere Arbeit eine schöne Frucht hervorbringen, die die Liebe Gottes im Dienst an der Welt bezeugt. Und wir können uns auch dafür einsetzen, dass Respekt und Würde und bessere Arbeitsbedingungen in diesem oft gnadenlosen Sektor besser gewährleistet sind.

Erinnern wir uns vor allem daran, dass eines Tages Christus kommen wird, um die Tränen, das Leiden und die Frustration, die mit der Arbeit verbunden sind, zu beseitigen!

 

1.    Die Welt online, https://www.lemonde.fr/economie/article/2014/01/22/plus-de-3-millions-de-francais-au-bord-du-burn-out_4352438_3234.html

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Wie kann der Glaube unser Finanzmanagement beeinflussen?
Samuel teilt seine Erfahrung. Sein Zeugnis.

Ich warte auf Gott…

Bevor ich als freiberuflicher Übersetzer arbeitete, war ich Angestellter. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde ich nach fünf Jahren gefeuert. In den folgenden zwei Jahren hatte ich das Privileg, Arbeitslosengeld zu beziehen. Als ich am Ende meiner Rechte angelangt war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich einen Solidaritätsjob annehmen würde, der mich dazu gebracht hätte, in einem völlig anderen Bereich zu arbeiten, ohne dass ich wirklich die Aussicht hatte, eines Tages zum Übersetzen zurückzukehren. Also beschloss ich, mich selbstständig zu machen.

Aber angesichts der Schwierigkeit, meine ersten Kunden zu gewinnen, quälten mich Sorgen, nächtlichen Grüblereien, Existenzängste – ja, ich hatte regelrecht Angst vor dem Sterben! Angesichts dieses Unfriedens entdeckte ich die Stelle in Sprüche 30,8: „Gib mir weder Armut noch Reichtum, sondern gib mir das Brot, das ich brauche. „Ich begann, zu Gott zu beten, dass er mir Vertrauen schenkt, dass er für meine Bedürfnisse sorgt (nicht mehr und nicht weniger). Im Laufe der Wochen verflogen meine Ängste allmählich. Gleichzeitig war die Gewinnung neuer Kunden von ersten Erfolgen gekrönt.

… und tue, was ich kann

Nach dieser Gründungsphase kam die Phase des Wohlstands: mein Auftragsbuch füllte sich, meine Finanzen waren ausgeglichen. Die Herausforderung bestand nun darin, immer getreu dem Sprichwort, nicht zu viel zu haben, damit ich mich nicht überarbeite und erschöpfe, sondern mit dem zufrieden zu sein, was ich zum Leben brauchte. Also betete ich zu Gott, er möge den Hahn etwas „abdrehen“. Auf diese Weise bin ich zu einer Neugewichtung gekommen, die bis heute immer wieder neu gefunden werden muss. Die Herausforderung bleibt also, auf Gott zu warten und gleichzeitig alles zu tun, um meine finanzielle Situation zu ändern.


Veröffentlicht in Christianity Today, Juli-August 2018, unter dem Titel „Weder zu viel noch zu wenig“ (S. 19).

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Was ist Wahrheit? 

Die Wahrheit ist bei Gott. Nicht bei uns Menschen. Der Teufel als Vater der Lüge ist jedoch dabei, Gott und das, wie er sich in der Welt offenbart, konsequent zu leugnen. Deshalb ist es unser Auftrag, über der Welt, wie Gott sie geschaffen hat, der Wirklichkeit, in der er sich geoffenbart hat, die  Wahrheit zu sprechen.

Jedoch sollten wir die Demut besitzen anzuerkennen, dass wir die Wahrheit immer nur als Stückwerk sehen können.  (1. Korinther 13).  Wenn wir von Wahrheit sprechen, darf sie nicht abstrakt oder abgehoben daherkommen. Sie soll zunächst uns persönlich verändern und in Taten für den anderen und für die Welt münden.

Unser Autor Michael Gonin hat sich dem, was in der Bibel als Wahrheit beschrieben wird, tiefer auseinandergesetzt:

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Reich Gottes: ein flüchtiger Zustand

Jemand hat einmal gesagt: «Jesus hat das Reich Gottes gepredigt. Gekommen ist die Kirche» Die Kirche ist nicht das Reich Gottes auf Erden. Im Zentrum der Verkündigung des Jesus von Nazareth stand die Nachricht, dass überall da, wo Menschen sich auf Gott ausrichten, andere Regeln gelten, eine neue Welt entsteht und wieder vergeht, die flüchtig ist, aber die betroffenen Menschen für immer prägt.

Die Bergpredigt ist die «Charta» des Reiches Gottes. Wo Menschen sich nach ihr ausrichten, ereignet sich Reich Gottes. Und verschwindet auch wieder: Es ist ein Zustand, keine Institution. Es ereignet sich da, wo Gott es will. Es lässt sich nicht festhalten.

Matthäus erzählt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Kap. 20,1–16), um einen Aspekt dieses Gottesreiches zu beleuchten. Wo Gott im Zentrum ist, besteht kein Zusammenhang mehr zwischen Lohn und Leistung.

Schweizer schaffen Neid ab

Der Idealist in mir, der Theologe, der Christ, der Träumer und der Realist sagt: Das Bedingungslose Grundeinkommen verwirklicht diese Idee. Jesus hatte sie als erster. Wir verzichten in Zukunft darauf, Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit zu beurteilen; sie danach zu beurteilen, ob sie volkswirtschaftlich etwas bringen oder nicht. Wir könnten sogar das schreckliche Wort «Invalidität» endlich, endlich abschaffen, das im Prinzip nur dem Menschen einen Wert zumisst, der funktionieren kann. Insofern ist der Flyer zu diesem Tag ganz gut gemacht: Wir schaffen ein Stück Himmel auf Erden – durchaus in einem evangelischen Sinn.

Darum bin ich dafür, dass wir es versuchen. Es braucht ein neues Verständnis von Ökonomie. Es braucht vor allem ein neues Selbstverständnis für uns Schweizerinnen und Schweizer. Das BGE funktioniert nur als gemeinschaftliches Projekt. Stellen Sie sich mal vor, wir Schweizer würden den Neid abschaffen!

Ob die Idee finanzierbar ist oder nicht, ob sie zu mehr Staat führt oder zu weniger – dazu ist viel gesagt und noch mehr behauptet worden. Niemand weiss es wirklich. Weniger Ämter, weniger Behörden – das wäre schon schön. Aber niemand weiss, wie es wirklich würde.

Chance verpasst

Meine Zweifel kommen aus einer ganz anderen Überlegung. Ich bin seit Jahren stark engagiert in der Integration von Jugendlichen. Im Jahr 2000 gründeten wir in Basel die Job Factory; 2013 in Neuchâtel das Unternehmen PerspectivePlus. Jugendliche sollen mit der Kraft des Marktes integriert werden. Wir wollen weg von Beschäftigung, hin zur Kundenorientierung. Bei unseren Integrationsanstrengungen ist zentral, dass die Jugendlichen verstehen, dass die Wirtschaft sie braucht. Dass sie etwas zu unserer Gesellschaft beitragen können. Dass sie etwas lernen sollen, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Viele von ihnen würden nicht verstehen, weshalb sie sich anstrengen sollen, weshalb sie sich während einer Ausbildungszeit einschränken sollen, wenn sie einfach so Fr. 2500.- erhalten. Es wäre ihnen nicht beizubringen, weil sie nicht in der Lage sind, sich gedanklich in die Zukunft zu versetzen. Sie würden wohl erst zwanzig Jahre später realisieren, dass sie etwas verpasst haben. Und dann wäre es zu spät.

Ein Commitment für uns Schweizer

Aber es kann funktionieren. Warum ich das weiss? Ich lebe schon mit einem Grundeinkommen. Seit über 30 Jahren. 1977 gründeten ein paar Freunde eine Communität. Eine Lebensgemeinschaft, die sich «Don Camillo» nennt. Wir leben in der Tradition der Klöster. Wir tun dies in Berlin, Basel, Bern und Neuchâtel. Wir sind an allen Orten anerkannter Teil der evangelischen Kirche und arbeiten eng mit ihr zusammen.

Wir beten die Stundengebete – wie im Kloster. Wir teilen unsere Einkünfte und verteilen sie neu – nach Bedürfnissen. Das ermöglicht uns, Projekte anzufangen, die zu gross sind. Dass wir das Geld teilen, ist eine Folge des geteilten Lebens und des geteilten Glaubens. Wir leben von eigenen Einkünften, aber viele Freunde unterstützen unsere Projekte – auch sie teilen. Es ist gar nicht so kompliziert. Ich habe mit meinen Kolleginnen und Kollegen die Frage diskutiert, ob das Grundeinkommen, dass jede und jeder bei uns hat, bedingungslos ist. Wir sind unsicher. Alle, die bei uns mitmachen, arbeiten gerne und viel.

Ich glaube, dass das BGE funktionieren kann. Aber es bräuchte eine starke Basis. Ein gemeinsames Commitment. Ob wir als Schweizer das haben oder noch haben, ist für mich die zentrale Frage.

Nebensachen

Zum Schluss eine Beobachtung aus dem Gleichnis von Jesus, die nichts mit Lohn und Leistung zu tun hat.

Der Weinbergbesitzer ist nicht nur grosszügig. Er ist auch ein furchtbar schlechter Planer. Er verbringt ja den ganzen Tag damit, immer neue Arbeiter anzuheuern. Was ich dazu sagen soll, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Meine Vermutung ist, dass Fragen um Geld und Lohn, um Zuviel und Zuwenig gar nicht so wichtig sind. Könnte es sein, dass wir uns ständig mit Nebensachen beschäftigen?

 

Referat und Zeichnungen von Heiner Schubert am ChristNetForum «Bedingungsloses Grundeinkommen – der Himmel auf Erden», 21. Mai, in Zürich.

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Zeugnis von Roger Zürcher, in der internationalen Zusammenarbeit tätiger Agraringenieur, Text aus seinem Blog Titunaye.

Eine erstaunliche Geschichte

Ich hatte das unerwartete Privileg, im November 2014 an einem Ausbildungskurs für konservierende Landwirtschaft in Simbabwe teilzunehmen, einem Land, das ich noch nie zuvor besucht hatte und in dem ich niemanden kannte. Die Reise war in vielerlei Hinsicht erstaunlich. Ich möchte für einen Moment abschweifen: Ich habe die Aufregungen, die es im Königreich Gottes, dem „Königreich von oben nach unten“, gibt, immer geliebt.

Das Training wurde von Foundations for Farming (früher „Farming God’s Way“ genannt) organisiert. Diese Struktur wurde von einem simbabwischen Landwirt, Brian Oldreive, englischer Herkunft, gegründet, der einen sehr untypischen und „überwältigenden“ Hintergrund hat. Er war ein großer Produzent von Tabak (auf mehreren tausend Hektar), den er konventionell (d.h. mit den gebräuchlichsten Techniken, mit Pflügen und Chemikalien) anbaute. Eines Tages beschloss er, ein Jünger Jesu Christi zu werden. In einer schlaflosen Nacht wurde ihm klar, dass seine Arbeit für sein neues Leben nicht mehr angemessen war. Er wollte nicht länger Tabak produzieren, ein Produkt, das die Menschen versklavt. Also beschloss er, Mais anzubauen.

Dem Land treu sein

Leider hatte er keine Erfahrung mit dieser Kultur, und die Ernten waren schlecht. So sehr, dass er die Banken bitten musste, ihm mehr Geld zu leihen. Die Banken stimmten unter der Voraussetzung zu, dass er zum Tabakanbau zurückkehrte, zu der Ernte, in der er ihrer Meinung nach gut war. Er weigerte sich und verlor am Ende alles: seine Farm und sein Land. Dann suchte er in Harare nach Arbeit und fand schließlich eine Farm, die er mieten konnte, aber das Land befand sich in einem katastrophalen Zustand, völlig erodiert. Er versuchte immer noch, unter diesen Bedingungen Mais zu produzieren, aber die Erträge waren gering und er produzierte mit Verlust. Die Situation war wieder kritisch. In seiner Verzweiflung wandte er sich an Gott und bat ihn, ihn zu lehren, wie man Landwirtschaft betreibt. Seltsame Bitte für einen Bauern von Generation zu Generation.

Der Wald respektiert den Boden

Gott sagte ihm dann (oder inspirierte die Idee), in den Wald zu gehen. Als er in der Wüste betete, hatte er das Gefühl, dass Gott ihm sagte, er solle beobachten, was er sah. Er dachte über die Funktionsweise des Waldes nach, eines natürlichen oder „göttlichen“ Ökosystems. Daraufhin erschienen ihm zwei Prinzipien, die er als „Prinzipien der Achtung des Bodens“ bezeichnen würde:

Nicht pflügen: Bäume wachsen ohne zu pflügen, die Erde muss nicht gewendet werden, damit Samen wachsen können.
Dauerhafte Bodenbedeckung: Der Boden ist dauerhaft mit abgestorbenen Blättern und Pflanzenmaterial bedeckt, das austrocknet oder sich zersetzt.

Brian versuchte dann, diese Prinzipien auf seinen Gebieten anzuwenden. Das Direktsaatprinzip existiert in der Landwirtschaft seit den 1930er Jahren unter dem Namen „konservierende Landwirtschaft“ (ein Ansatz, der heute von der FAO gefördert wird1 ). Aber die von Brian entwickelte Methode geht weiter als das, was allgemein unter diesem Begriff verstanden wird.

Grundsätze zum Teilen

Er begann mit einem einzigen Hektar und ging dann, ermutigt durch die Ergebnisse, zu zwei Hektar Mais über, der ohne Pflug und mit Mulch (Pflanzenstreu) angebaut wurde. Die Ergebnisse waren so gut, dass es ihm gelang, einen Gewinn zu erzielen, der die Verluste auf dem Rest des Betriebs ausglich. Dann dehnte er seine Methode auf das gesamte Gut aus, kaufte sogar Land von den Nachbarn und bebaute schliesslich 3’500 Hektaren ohne zu pflügen.

Da sagte Gott zu ihm: „Ich habe euch das nicht gezeigt, damit ihr reich werdet, sondern damit ihr es mit allen teilen könnt, insbesondere mit den Armen“. Also begann Brian, Kurse für Bauern zu organisieren und Demonstrationsfelder anzulegen. Die Ergebnisse waren ausgezeichnet: Die Erträge lagen bei über 10 Tonnen pro Hektar, während die Bauern oft zehnmal weniger ernten – aber sie hielten nicht lange, als die Mitarbeiter der Organisation das Gebiet verließen. Was war das Problem?

Lernen, Profit zu machen

Das Team von Foundations for Farming erkannte, dass den Bauern nicht das technische Wissen fehlte, sondern das Wissen, dieses Wissen in ein profitables Geschäft umzusetzen. Also bat Brian Gott, ihm zu sagen, wie er aus dieser Situation herauskommen könne, und die Antwort lautete: „Lernen Sie, wie Sie Profit machen können“. Die Antwort lautete: „Lernen Sie, wie man Gewinn macht“, und um das zu tun, müssen einige Prinzipien respektiert werden:

  • pünktlich: Dinge pünktlich erledigen, nicht zu spät; dies ist besonders wichtig beim Säen und Jäten.
  • beim Standard: Einhaltung von Qualitätsstandards; beispielsweise muss sich die Pflanze richtig entwickeln können.
  • ohne Verschwendung: Die Praxis der Buschfeuer zum Beispiel ist eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen, die sich in Rauch auflösen, ganz zu schweigen von der Zerstörung der Bodenstruktur.
  • mit Freude: Freude hilft, Begeisterung auszulösen; sie kommt auch aus einer dankbaren Haltung und erlaubt uns, in Gemeinschaft mit dem Schöpfer zu bleiben.

Oberflächlich betrachtet sind diese Prinzipien recht einfach, aber sie sind ebenso revolutionär wie die Prinzipien des Respekts für den Boden.

Natur imitieren, Schöpfung respektieren

Ich war erstaunt zu sehen, wie begeistert die Teilnehmer aus den verschiedenen afrikanischen Ländern, die an der Schulung teilnahmen, von der Methode „Farming God’s Way“ waren. Mehrere von ihnen sagten sogar aus, dass sie eines Tages von ihren Positionen in ihren Organisationen zurücktreten werden, um sich der Landwirtschaft zu widmen! Das mag ihren derzeitigen Arbeitgeber nicht glücklich machen, aber was für eine Wende! In einem Kontext, in dem unbestimmte Arbeitsplätze selten sind, ist es wirklich überraschend, diese Rede zu hören! Tatsächlich habe ich selbst meine eigene Vorstellung davon, wie man ein Stück Land bebauen kann…

Ich bin erstaunt über die Weisheit oder den Weg Gottes. Die Nachahmung der Natur war schon immer eine treibende Kraft für Innovationen. In diesem Beispiel in Simbabwe verstand es ein „einfacher“ Bauer, von Gott geführt, durch diese Methode, dem Land treu zu sein und misshandelte Böden wiederherzustellen.

Lektüre

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.foundationsforfarming.org.

Es gibt andere Methoden, die ebenfalls die Natur imitieren, wie z.B. die Permakultur: http://www.permaculture.ch/la-permaculture/.

1. Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.

 

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Input an der Feier zum Chouf-nüt-Tag 2012 in der Heiliggeistkirche in Bern.

Zachäus begegnet Jesus, Lk 19,1-10 NGÜ

Was für eine Transformation! Gehen wir doch dem ein bisschen auf die Spur, wie dieser Zachäus verwandelt wird. Zachäus lebt in der Grenzstadt Jericho. Er ist oberster Zolleinnehmer. Die Gesellschaft blickt verächtlich auf ihn als auf einen, der mit unlauteren Machenschaften Geld scheffelt, der einen riesigen Lohn einsackt auf Kosten anderer. Das Horten für sich selbst ist sein Geschäft. Zusätzlich treibt er als Chef des Zolls Händel mit Heiden, was frommen Juden ein Dorn im Auge ist. Als Handlanger der römischen Besatzungsmacht ist er in seiner Gesellschaft geächtet.

Seine Position könnte ihn selbstgenügsam und verschlossen machen, reich und satt. Aber nein, es ist ganz anders. Als er davon hört, dass Jesus durch die Stadt zieht, von dem er schon einiges gehört hat, ist er neugierig. Seine Neugier lässt ihn einen Weg pfaden durch die Menge und sich einen Platz suchen auf dem Maulbeerfeigenbaum. Dort klettert er hinauf, in der Hoffnung, dass er dort eine privilegierte Sicht auf das Geschehen hat, im Sinne von: Sehen, aber nicht gesehen werden.

Jesus zieht zielstrebig durch Jericho weiter, sein Ziel Jerusalem fest im Blick. Doch unerwarteterweise lässt er sich aufhalten. Er steuert geradewegs auf Zachäus zu, er scheint ihn und seine Sehnsucht genau zu kennen und spricht ihn mit seinem Namen an: „Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“

Eigentlich ist das ja ziemlich frech von Jesus, sich einfach so selber einzuladen. Geht es ihm denn darum, etwas zu bekommen, ein feines Essen serviert zu kriegen? Zachäus freut sich auf jeden Fall und steigt schnell auf das Angebot ein. „Was? Genau zu mir will der kommen, wo mich doch alle wegen meinem Beruf und Lebensstil als Sünder verachten?!“

Eine freche Selbsteinladung

Bleiben wir noch einen Moment bei der Selbsteinladung von Jesus. Er macht einfach direkt einen Schritt auf Zachäus zu, er gibt ihm zu erkennen, dass er für ihn wichtig ist und in sein Leben eintreten will, mit ihm Gemeinschaft haben will. Zachäus empfindet das nicht als Eindringen in seine Privatsphäre, sondern als Angebot, auf das er gern einsteigt.

Die Situation erinnert mich an etwas, was ich einmal selbst erlebt habe: In meiner Wohnung musste unerwarteterweise das ganze Badezimmer herausgerissen und erneuert werden. Also sass ich ohne Dusche, ja zum Teil sogar ohne WC und Hahnenwasser da! Und was blieb mir da anderes übrig als bei meinen Nachbarinnen anzuklopfen. „Grüezi, dürfte ich vielleicht bei Ihnen duschen kommen?“ Ich musste einfach ganz unverfroren auf meine Nachbarinnen zugehen und mich bei ihnen zum Duschen einladen. Ich musste meine Bedürftigkeit und Abhängigkeit eingestehen und auf ihre Unkompliziertheit und Grosszügigkeit hoffen. Diese etwas peinliche Selbsteinladung war eine gute Gelegenheit, Beziehung zu schaffen. Es ergab sich immer eine gute Gelegenheit zum Gespräch – die unangenehme Situation schaffte eine Brücke zu meinen Nachbarn.

Eine solche freche Selbsteinladung kann wirklich Begegnung schaffen, kann Wandel von Beziehungen bewirken, ähnlich wie bei Jesus und Zachäus.

Was für ein Wandel!

Und was für einen Wandel das bei Zachäus bewirkt hat! Dass Jesus bei ihm einkehrt, „bei ihm bleiben muss“ wie es im griechischen Originaltext heisst, haut ihn völlig von den Socken. Er, der gesellschaftlich Geächtete, der Gefangene seines luxuriösen Lebensstils, begegnet in Jesus Gott, dem „Freund des Lebens“. Gott, vor dem die ganze Welt wie ein Stäubchen auf der Waage, wie ein Tautropfen ist (Weish 11,22), wendet sich in Jesus diesem Zachäus zu. Aus der Masse heraus ruft ihn Jesus beim Namen, nimmt ihn persönlich ernst, in seiner ganzen komplizierten Lebenssituation. Und das führt zu einem radikalen Wendepunkt in seinem Leben.

Zachäus, dessen Beruf es ist, mit Zahlen zu hantieren und durch schlaue Tricks ein paar Prozent mehr für sich selbst herauszuschlagen, wird plötzlich mit der überströmenden Quelle des Lebens konfrontiert. Und das löst wasserfallartig einen Strom der Grosszügigkeit bei ihm aus:

„Die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand etwas erpresst habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“

Zachäus, der sonst jedes mögliche Prozent für sich einheimsen wollte, sieht sich plötzlich mit etwas anderem als der Logik der Zahlen konfrontiert, weil er vor Gott persönlich zählt.

Er will nicht nur, wie es das mosaische Gesetz fordert, den Betrag zurückzahlen, um den er andere betrogen hat, sondern das Vierfache (400%!). Er will nicht nur den vom jüdischen Religionsgesetz verlangten Zehnten (10%) seines Einkommens den Armen geben, sondern viel mehr, ganz aus eigenem Antrieb. – Wir in der heutigen Schweiz sind ja noch nicht einmal bei 0,7 % angekommen.

Zachäus schenkt vierfach zurück, er versprüht etwas von Gottes Gerechtigkeit in alle vier Himmelsrichtungen. Er ist befreit worden von der Logik des Hortens, weil er dem begegnet ist, der die Fülle des Lebens für alle bereithält. Er muss nicht immer noch mehr für sich selber anhäufen. Er hat erfahren: Das Beste im Leben ist gratis: Begegnung, Wertschätzung, Zuwendung. Zachäus erlebt eine regelrechte Explosion der Grosszügigkeit, weil er dem Freund des Lebens begegnet ist, der in seiner Gnade – lateinisch gratia – grenzenlos schenkt.

Sohn Abrahams

Darum ist es wohl kein Zufall, dass Jesus Zachäus einen „Sohn Abrahams“ nennt. In erster Linie bedeutet das, dass er aus dem alttestamentlichen Bundesvolk nicht ausgeschlossen ist, weil Jesus ihm einen Weg zur Umkehr ermöglicht. Wenn ich „Abraham“ höre, klingen bei mir aber auch die Geschichten aus der Genesis an, die Abraham als einen ausserordentlich grosszügigen Gastgeber schildern. Ihr kennt sicher die berühmte russische Ikone von Rubljew, auf der die drei geheimnisvollen Männer abgebildet sind, die Abraham bei sich beherbergt. In ihnen ist er Gott begegnet – Christen haben später darin eine Vorahnung der Begegnung mit dem einen Gott in drei Personen gesehen. Durch seine Grosszügigkeit und Gastfreundschaft hat Abraham Gott Raum gegeben, ist er dem Freund des Lebens begegnet. Und zwar so intim, dass die heilige Schrift beider Testamente und sogar auch der Koran ihn selbst „Freund Gottes“ nennt (Jak 2,23; Jes 41,8; Sure 4,125). Auch Abraham ist durch die Grosszügigkeit seines Glaubens der Logik der Zahlen entwichen:

Gott sprach zu ihm: „Sieh doch zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein“ (Gen 15,5). Ein hoffnungsloses Unterfangen, Nachkommen zu zählen, die ihm so zahlreich wie der Sand am Meer und die Sterne am Himmel verheissen sind. Obwohl er materiell reich war, musste Abraham vor Gott seine Ohnmacht anerkennen. Trotz seines Alters und seiner Unfruchtbarkeit hat Abraham Gottes Verheissung Glauben geschenkt, und ist so zum Segen und Lebensspender für viele geworden.

Freund des Lebens

Die Begegnung mit dem Freund des Lebens, dem Zachäus und Abraham bei sich Gastfreundschaft gewährten, hat bei beiden eine regelrechte Explosion der Grosszügigkeit, ein Feuerwerk des Gebens ausgelöst.

Sie beide haben etwas gelebt von dem, was der libanesische Dichter Khalil Gibran in folgende Worte gekleidet hat:

„Sie geben, wie im Tal dort drüben die Myrte ihren Duft verströmt.
Durch ihre Hände spricht Gott,
und aus ihren Augen lächelt Er auf die Erde.“


Janique Behmann ist Pastoralassistentin der katholischen Kirche in Ittigen (BE).