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Der Nachholbedarf der Christen im ökologischen Verhalten

Theologie, Umwelt
Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

Die heutigen Umweltprobleme haben nichts mit dem Evangelium zu tun ?

Der Erhalt der Schöpfung erscheint vielen Christen eher unwichtig. Anders ist es nicht erklärbar, wie unbekümmert mit dem Auto herumgefahren wird, Flugreisen unternommen werden und energieintensive Vergnügungen konsumiert werden. In den USA hat mit der Wahl von Präsident Bush, welcher bekanntlich stark von Christen unterstützt wurde, dieser Raubzug auf Gottes Schöpfung einen neuen Höhepunkt erfahren. Warum verhalten sich viele Christen so wenig schöpfungsorientiert?

Eine entscheidende Antwort liegt wohl in der Bibel selbst begründet. Es gibt nur minimale Aufforderungen zum Schutz und Bewahren der Schöpfung (1.Mo. 1,28). Wir Menschen sollen die Erde untertan machen und über die Tiere herrschen. In Röm. 8,19.22 schreibt Paulus wohl auch davon, dass die Schöpfung unter der Sünde leidet und auf die völlige Wiederherstellung durch Jesus Christus wartet. Ein Aufruf an die Jünger Jesu zu einem schöpfungsgerechten Lebensstil fehlt aber weitgehend. (Wäre zu jenem Zeitpunkt ja auch völlig unnötig und unverständlich gewesen).

Solange wir uns nur direkt mit den Aussagen der Bibel zur Schöpfung befassen, werden wir uns persönlich und in unseren Gemeinden weiterhin den weltweiten schweren Umweltproblemen entziehen. Sobald wir allerdings erkennen, dass Umweltprobleme letztlich soziale Probleme sind, erhält das Thema brennende biblische Aktualität. Und die Gemeinde Jesu lässt sich hoffentlich aus ihrem Dornröschenschlaf aufrütteln. Darum soll es in den folgenden Abschnitten gehen.

Ankunft in einer Millionenstadt eines Entwicklungslandes

Geht es uns nicht allen so, wenn wir in einem Entwicklungs- oder Schwellenland eintreffen: Schockierendes Verkehrschaos raubt uns in mehrfacher Hinsicht den Atem. Zum einen ist es das grosse Gedränge der vielen, meist schlecht geschützten Verkehrsteilnehmer, welche in uns Angst vor Unfällen und Verletzungen wecken. Zu Recht, denn es ist eine Tatsache, dass der Verkehr grossen Blutzoll fordert (in den indischen Millionenstädten je 3 ? 6 Todesopfer pro Tag!). Hinzu kommen Lärm und Luftverschmutzung in einem Masse, dass schwere Gesundheitsschäden bei Mensch und Tier unvermeidlich sind.

Neben dem Verkehr wird uns die allgegenwärtige Armut auffallen. Sobald wir an der ersten Rotlicht-Ampel warten, erscheinen in Lumpen gehüllte, verkrüppelte Menschen und schleichen mit flehenden Blicken – um eine Gabe bettelnd um die stehenden Autos. Viele haben auch kein Bett oder Haus in welches sie sich zurückziehen könnten. Die meisten rackern sich mühsam den ganzen Tag ab, um gerade soviel zu verdienen um einigermassen satt zu werden. Manchmal reicht es auch dazu nicht. Das kleine Einkommen (gemäss UNO gilt ein Einkommen von weniger als 1 US$ pro Tag als Armutsgrenze) bewirkt ein Ausgesetzt sein all diesen sehr unangenehmen Erscheinungen in modernen Grossstädten. Kein Schutz vor dem gefährlichen Verkehr, kein Rückzug in eine stillere Umgebung, keine Ruhe für die Augen durch Anblick einer schönen Landschaft, keine Entspannung in einem bequemen Sessel, in einer Gartenwirtschaft oder sportlichen Betätigung.

Wer der stinkenden Grossstadt eines Entwicklungslandes nicht schon früher entflohen ist, wird noch etwas anderes feststellen. Wasser ist eine riesige Mangelware. Und falls Wasser gesichtet wird, ist es oft unansehnlich, stinkig und generell nicht trinkbar. Da ist man nun in einem heissen Land und würde besonders gerne sich mit Wasser abkühlen, waschen und viel trinken, aber nein: Wassermangel, d.h. Wasser sparen und auf vieles verzichten! Als westliche Besucher mit viel Geld kann man sich bestimmt genügend Wasser in gewünschter Qualität kaufen, aber was macht die lokale, ärmere Bevölkerung? Es ist keine Kunst sich vorzustellen, wie die schlechte Wasserverfügbarkeit auch zu vielen gesundheitlichen Problemen führt.

Die Reichen verseuchen, die Armen leiden

In Anbetracht dieser widrigen Umstände machte ich eine nachdenkliche Feststellung. Arme Menschen in Grossstädten sind vor allem wegen Umweltproblemen drangsaliert. Lärm, giftige Luft, Gestank, Staub und Rauch, minimale Flora und Fauna, fehlende Landschaft, mangelndes Wasser, alles Umweltprobleme, die von Menschen verursacht sind. Eine grosse Ungerechtigkeit ist dabei, dass diejenigen, welche die grösste Umweltverschmutzung verursachen, am wenigsten davon betroffen sind. Wohlhabende Menschen konsumieren viele industrielle Güter, welche in teilweise sehr schmutzigen Industrien produziert werden, während die Armen in den Abwassern derselben ihre Wäsche und sich selber waschen müssen! Und diese Industrien produzieren auch für uns in der reichen Schweiz. Also immer dann, wenn wir Güter mit Hinweisen wie beispielsweise made in China, made in India usw. kaufen, machen wir uns an diesen Verschmutzungen mitverantwortlich! Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Eine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit von welcher die Bibel so oft („Gerechtigkeit“ wird allein im Neuen Testament 98 Mal erwähnt) spricht, wird im Zusammenhang mit den Umweltproblemen von Christen in keiner Weise weder gefordert noch gelebt! Christen in aller Welt müssten sich vehement für einen Stop dieser todbringenden Gewässerverschmutzungen einsetzen. Stellen wir uns das einmal realistisch vor: praktisch alle Gewässer sind stark gesundheitsschädlich vergiftet und dies in Ländern, wo Wasser ohnehin sehr knapp ist und die wirtschaftliche Not vielen Menschen gar keine Alternative ermöglicht als dieses ungesunde Wasser zu nutzen. Da wird überdeutlich um was es geht. Nicht nur um den Erhalt einiger Tier- und Pflanzenarten. Nein, es geht um Leben und Tod von Menschen. Wir viel konsumierenden Menschen machen uns via Boden und Gewässerverschmutzung am Tod unzähliger Menschen schuldig. Arme Menschen haben genügend mit mangelndem Einkommen zu kämpfen. Wieso bürden wir ihnen auch noch den Schmutz der für uns produzierenden Industrien auf?

Armut auf dem Land

Auf dem Land, in abgelegenen Gebieten, handelt es sich primär um eine Armut an Möglichkeiten. Man lebt unter grossem Aufwand von dem was das Land (die Landwirtschaft) gerade hergibt. Ein Einkommen, welches weitere Bedürfnisse (z.B. Schulbildung, Arbeitsgeräte) erfüllen liesse, ist nicht erzielbar. Vielen Krankheiten sind die Menschen weitgehend hilflos ausgesetzt. Diese Armut ist am ehesten mit unserer vorindustrialisierten Zeit vergleichbar. Oder man spricht richtigerweise von Unterentwicklung. Umweltverschmutzungen sind hier glücklicherweise meistens noch keine Ursache von Problemen. Aber, das Leben ist derart beschwerlich und aussichtslos verglichen mit dem was man in der Stadt vielleicht haben könnte, dass viele Menschen in die Städte ziehen.

Entwicklungen dürfen nicht einseitig und nicht zu schnell erfolgen

Kann eine zweckmässige Entwicklung diese Probleme lösen? Der Kurs „Technologie und nachhaltige Entwicklung“, welchen ich anfangs dieses Jahres während 4 Monaten in Südindien besuchte, versuchte unter anderem auch dieser Frage nachzugehen. Dabei war eine erste Erkenntnis sehr ernüchternd. Eine Entwicklung führt tendenziell zu weniger Nachhaltigkeit. Dies ist einfach beispielsweise am Ersatz der Jutetasche durch Plastiktaschen zu erkennen. Oder dem Ersatz des Bananenblattes als Teller durch Metall- und Plastikteller. Eine zweite Feststellung: Niemand möchte letztlich wirklich auf Entwicklung verzichten (konsequente Aussteiger gibt es nicht). Folglich ist entscheidend: Entwicklungen dürfen nicht einseitig (unvernetzt) und nicht zu schnell erfolgen. Was heisst einseitig? Leider ist das die heute übliche Form wie Entwicklungen in liberalen Marktwirtschaften erfolgen. Ein entstehendes Bedürfnis wird durch findige Unternehmer möglichst rasch und günstig mit einem Produkt abgedeckt. Also schnell und falls nur minimale oder schwache Gesetze und Regulierungen vorhanden sind, ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Ansprüche. In den westlichen Industrieländer ist man bezüglich Regulierungen glücklicherweise weiter.

In einem Entwicklungsland wie Indien denkt eigentlich noch niemand ernsthaft an Umweltschutz. Im Gegenteil, zur Zeit wird der Bau von 3000 km Autobahn geplant! Wer kann es ihnen verübeln, wir haben das ja auch. Zudem gilt bis hinauf zu Professoren: Was der Westen hat, wollen wir auch. Das heisst nichts anderes als schnelle und einseitige Entwicklung. Die Folge wird sein: noch mehr Ungerechtigkeit, noch mehr soziale Not, noch mehr Belästigung durch Umweltverschmutzungen. Aus meiner Sicht gibt es nur einen Ausweg aus der Sackgasse und diesen könnten gerade wir Christen konsequent beschreiten.

Es braucht einen Wertewandel. Und dieser muss in den reichen Ländern, bzw. bei den wohlhabenden Menschen beginnen.

Die unerkannten Sünden der Wohlstandsgesellschaft

Wir Westler sind von einem Drang nach immer mehr besessen und wir sollten davon Abstand nehmen. Diese Sucht nach immer mehr Genuss und Befriedigung, lässt sich wie folgt kennzeichnen:

  1. Konsum: Ich bin glücklicher, je mehr ich kaufe/konsumiere
  2. Mobilität: Ich bin glücklicher, je mehr Orte ich besuche
  3. Individualismus: Ich bin glücklicher, je mehr ich meine Zeit alleine gestalten kann

Diese Botschaften von mehr Konsum, mehr Wissen und mehr Individualität sind tief in uns verankert und werden täglich bei uns genährt. Nicht nur durch die böse Werbung ? nein durch unsere eigenen Freunde und Familienmitglieder sowie unsere eigenen Gedanken! Diese Botschaften sind aber sicher nicht biblische Botschaften. Die Bibel sagt, die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott macht glücklich. Die Liebe zu Gott Vater, zu Jesus Christus und zum heiligen Geist machen glücklich. Und liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Wir verkürzen dieses zentrale erste Gebot immer auf den letzten Punkt: … liebe Dich selbst.

Wir müssen diese ?Lügen? erkennen, vor Jesus bekennen, um Vergebung bitten und uns durch IHN verändern lassen. Also beispielsweise lernen:

  1. Weniger Konsum macht uns freier (mehr Zeit wird verfügbar) und kreativer. Sprechen wir mit unseren Freunden doch mehr darüber was wir in Gemeinschaft, beim Spielen und Werken sowie beim Sport und in der Natur erleben anstelle von unseren neusten Anschaffungen und extravaganten Bedürfnisbefriedigungen.
  2. Es gibt so vieles in der Nähe, das spannend ist und noch entdeckt werden kann. Woher nehmen Christen nur die Idee, dass nur Ferien im Ausland wirklich Ferien sind ..?
  3. Der Mensch ist für die Gemeinschaft geschaffen. Warum leben auch sehr viele Christen ausserordentlich individualistisch und egozentrisch?
  4. Mit meiner überschüssigen Kaufkraft kann ich sehr wirkungsvoll Menschen in Entwicklungsländern helfen (mit dem Geld das für 1 Kind in der Schweiz aufgewendet wird, können mindestens 25-30 Kinder in Indien unterhalten/aufgezogen werden)
  5. Qualität kaufen. Darauf achten, dass soziale und ökologische Kriterien bei der Herstellung erfüllt wurden und dass das Produkt langlebig ist (von der indischen Industrie weiss ich, dass diese sich nun um Umweltverschmutzung vermehrt kümmert, seit die Kunden (wir!) das vermehrt verlangen, beispielsweise via Umweltzertifikaten).

Und wir finden uns sogar wieder im Einklang mit der Bibel (z.B. „Werdet wie die Kinder?). So oft stelle ich bei unseren Kindern fest, dass sie keinen Konsum suchen. Das Nahe, Ruhende und Gemeinschaft mit Menschen und Tieren ist das Schönste für sie. Als einfacher Massstab für mehr Umweltverträglichkeit lassen sich folgende Regeln anwenden:

– Transporte: wenige und vor allem nur über kurze Distanzen sowie energiesparende Transporte

– Material: minimaler Aufwand bei Herstellung und Transport sowie gut biologisch abbaubare Materialien

– Raum/Anlagen: wenig Heizenergie für Räume und Warmwasser sowie wenig Betriebsenergie für Anlagen

Evangelisch ausgedrückt müsste Wertewandel heissen: Ein neues Leben mit Jesus Christus beginnen.

Zuerst aber müssen wir uns ganz klar von Mammon lossagen (Mt. 6.24: Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon). Oder wollen wir Gottes Erwartung an unsere Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit weiterhin ignorieren und uns „Bequemerem“ zuwenden? Sich vor der Verantwortung verstecken hat sich bei Gott noch nie gelohnt (Mt 23,23). Mit unserem wilden Mit-Konsumieren, mit dem in aller Welt herumreisen und Ego frönen, tun wir aber genau das.

Einen attraktiven, evangeliumsgemässen Lebensstil entwickeln

Um wirklich weiter zu kommen, müssen wir vor allem eine Attraktivität und die richtige Sprache für diese anderen Werte zu finden. Denn heute wird das Attraktive gesucht, nicht Verzicht. Wie wäre es, wenn wir in kleinen Gruppen unserer Gemeinden wie beispielsweise Hauskreisen und Leitungsteam der Sonntagsschule damit beginnen würden? Spannende Familiennachmittage im Wald anbieten, Tiere in einem Naturschutzgebiet beobachten, Baden im Moorsee, Mountain-Bike-Touren mit Freunden oder Nachbarn, gemeinsam etwas werken, Gastfreundschaft üben usw.

Es gäbe noch viele weitere attraktive Möglichkeiten das Evangelium nicht nur zu kennen, sondern es auch ganzheitlich zu leben. Allerdings gilt auch hier: wir können es nicht machen. Der heilige Geist muss unser Herz verändern, damit wir voll Freude und tiefer Überzeugung uns auf den neuen Weg begeben. In der Familie oder dem Hauskreis können wir damit beginnen, unseren Lebensstil vor Gott zu bringen, auf Seine Stimme zu hören und verändert in unsere Gesellschaft hinein zu wirken.

Erschienen in der Zeitschrift „Bausteine“ Nr. 7/2002

Werner Hässig


Photo by Sebastian Unrau on Unsplash

14. Juli 2002/0 Kommentare/von ChristNet
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/sebastian-unrau-v4e3JI7DDHI-unsplash-scaled.jpg 1707 2560 ChristNet https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg ChristNet2002-07-14 10:55:232021-02-11 11:02:03Der Nachholbedarf der Christen im ökologischen Verhalten

I.D. Schweiz – Schweizer Identität

Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Vortrag gehalten im Rahmen des ForumChristNet „I.D. Schweiz“ am 15. Juni 2002 in Bern.

Das Konzept der „Nation

1. Einführung

Was macht mich zum Schweizer? Meine Herkunft, meine Mentalität, meine Sprache, meine Geschichte, meine politische Ausrichtung? Ich hätte in der Tat eine Menge zu sagen, auch wenn ich deutsche Wurzeln habe. In dieser facettenreichen Schweiz habe ich mich entschieden, zu leben und zu arbeiten. Ich möchte in dieses Land integriert sein, mich für es verantwortlich fühlen.

2. Das Konzept der „Nation

Eine Nation ist ein Zusammenschluss von Menschen, die durch gleiche Denk- und Verhaltensweisen verbunden sind und damit potenziell zur politischen Selbstbestimmung und Willensäußerung fähig sind. Dieses Konzept nahm im 19. Jahrhundert zunächst im Westen eine politische Dimension an und breitete sich dann ab dem 20. Jahrhundert auf den Rest der Welt aus.

Die Schweiz hat durch ihre Geschichte und ihre einheitliche politische Verfassung ein starkes Nationalgefühl entwickelt: Sie umfasst vier „Sprachnationen“, ist sehr aufmerksam gegenüber Unterschieden auf regionaler und kommunaler Ebene und konnte den demokratischen Entscheidungsprozess konsolidieren. Die Schweiz ist eine „proaktive Nation“.

Der Begriff „Nation“ wird in der Bibel etwa 700 Mal verwendet, wobei er sich auf „Völker“ bezieht. Dies sind große Gemeinschaften, die aus Familien, Stämmen oder Clans mit einer gemeinsamen Vergangenheit bestehen. Im Mittelalter und sogar während der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die damals ein aus mehreren Nationen bestehender Staat war, wurde der Begriff „Nation“ noch verwendet. Es ist zu beachten, dass in der Bibel der Begriff für Nation (oder Volk) goi (goijim im Plural) ist, während der Begriff ?am für Israel, das auserwählte Volk, reserviert ist.

3. Nationalismus:

Nationalistische Ideologien zielen darauf ab, die als einzigartig empfundene nationale Identität zu verteidigen, zu stärken und abzugrenzen. Diese nach innen gerichtete Haltung, die auf die Festigung des inneren Zusammenhalts abzielt, schließt sogar Minderheiten aus, die innerhalb des Landes leben. Nationalistische Ideologien können je nach historischem, politischem und sozio-ökonomischem Kontext unterschiedliche Formen annehmen. Der Zweig der Politikwissenschaft unterscheidet zwischen kulturellem, politischem, wirtschaftlichem und religiösem Nationalismus.

Ich habe gesehen, dass einige Christen mit nationalistischen Tendenzen sich oft mit Israel identifizieren. Ich teile diese Ansicht nicht, und zwar aus den folgenden Gründen:

– In den Augen Gottes ist Israel Gottes auserwähltes Volk, das Volk Nr. 1. Die „Nationen“ kommen also an 2. Stelle, und das gilt auch für die Schweiz.

– Als Angehörige der „Nationen“ können wir nicht zum Volk Israel gehören (es sei denn, wir können unsere jüdische Herkunft begründen). Im Gegenteil, wir sind eins in Christus mit den Gläubigen Israels.

– Israel ist nicht unser Heimatland, das wir auf die eine oder andere Weise zurückgewinnen sollten. Das Land Israel ist Teil der Verheißung, die Gott Abraham, dem Vater der Nation, gegeben hat (1. Mose 15,18): „An jenem Tag schloss Gott einen Bund mit Abraham und sagte: ‚Das Land Israel ist nicht das Land Ich gebe dieses Land euren Nachkommen, vom Fluss Ägypten bis zum großen Fluss Euphrat. »)

– Außerdem hat selbst Israel keine Rechte über sein Land. Sie ist ein Geschenk Gottes, und er könnte sie ihr sehr wohl wieder wegnehmen, wenn er darin das Mittel sieht, sein Ziel zu erreichen: sein Volk zu ihm zurückzubringen.

– Als Schweizer können wir nicht in der Illusion leben, das Land Nr. 1 zu sein oder dazuzugehören.

– In Sacharja 8,23 lesen wir: „In jenen Tagen werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden einen Juden ergreifen, und sie werden ihn beim Rock seines Gewandes packen und sagen: ‚Ich bin ein Jude, und ich bin eine Jüdin, und ich bin eine Jüdin: Wir werden mit uns gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.“ In dieser Prophezeiung finde ich diese Tendenz, die manche Christen haben, sich mit Israel zu identifizieren.

Das Erbe der Reformation

– Die Reformer haben der Politik unbestreitbar ihren Stempel aufgedrückt, und das im globalen Maßstab.

– Martin Luther verteidigte seine Position deutlich vor dem Reichstag in Worms. Ein Politiker brachte ihn dann in Sicherheit.

– Ulrich Zwingli war mehrere Jahre lang Berater der Zürcher Regierung. Er starb im Zweiten Kappeler Krieg.

– Jean Calvin hinterließ in Genf einen starken Eindruck, auch in der Organisation des öffentlichen Lebens und durch seine ethischen Werte. Seine Aktivitäten hatten erhebliche Auswirkungen in England, aber auch in Amerika und Osteuropa.

– In Bern war die Reformation die lang ersehnte Gelegenheit für die Regierung, sich dem Einfluss Roms zu entziehen und sich bestimmte Territorien, insbesondere das Berner Oberland, anzueignen.

– Nach der Reformation galt in Deutschland lange Zeit das politische Prinzip, dass die jeweils amtierende Regierung das konfessionelle System bestimmt.

Die Freikirchen

– Während der Reformation wurden die Baptisten unter Druck gesetzt, weil sie sich weigerten, sich der Politik und der vorherrschenden Konfession zu unterwerfen. Viele von ihnen wurden enteignet, hingerichtet oder vertrieben.

– Um 1831 etablierte Bern allmählich eine fortschrittliche Regierung. Die adeligen Kreise mussten sich aus der Politik zurückziehen und schlossen sich der pietistischen Bewegung an, die zur „Evangelischen Gesellschaft“ wurde.

– Um 1880 begannen die großen Evangelisationskampagnen, die es vielen Menschen ermöglichten, einen Sinn in ihrem Leben zu finden, indem sie es Gott übergaben.

Freunde Israels

– Sie identifizieren sich eindeutig mit dem aktuellen Israel des Nahen Ostens auf nationaler Ebene.

– Die Tatsache, dass sie aus verschiedenen Bewegungen kommen, die sich gegen die vorherrschenden Kirchen stellen, erklärt ihre Tendenz, nach innen gerichtet zu sein (wie die Pharisäer zur Zeit Jesu). Das bringt sie näher an die jüdische Tradition, die im Laufe der Geschichte deutlich isolationistisch war.

Schweiz

– Gegründet im Jahr 1291 auf der Grutliwiese.
Der Pakt beginnt wie folgt: „Im Namen des Herrn. Es ist eine ehrenvolle und dem öffentlichen Wohl dienende Handlung, die Maßnahmen, die für die Sicherheit und den Frieden ergriffen wurden, gemäß den geweihten Formen zu bestätigen? Die oben aufgezeichneten Entscheidungen … sollen, so Gott will, für immer Bestand haben.“
Es ist bemerkenswert, dass damals in der Landschaft um den Vierwaldstättersee (die sich damals im Umbruch befand) autonom und im völligen Bruch mit den Behörden eine politische Einigung erzielt wurde. Diese Vereinbarung sollte „für immer“ gelten. Nach Meinung von Experten war dies für die damalige Zeit außergewöhnlich. Aus diesem summarischen „Notpakt“ wurde im Laufe der Zeit eine Konföderation, d.h. die verschiedenen Territorien gruppierten sich nach und nach zu Staaten mit einem gemeinsamen politischen Ziel.

– Im 19. Jahrhundert, nach der Neuordnung des öffentlichen Lebens durch Napoleon I., entstand eine moderne Konföderation. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden unter dem Einfluss der Aufklärung demokratische und liberale Prinzipien entwickelt und etabliert, wodurch die verschiedenen Glaubensrichtungen des Christentums gleichgestellt wurden. In politischen und religiösen Kreisen setzte sich der Gedanke der Toleranz durch. Das erklärt, warum es nach 1848 keinen Religionskrieg mehr gab. Auch die Freikirchen, deren Mitglieder um 1700 noch stark unterdrückt wurden, durften sich frei organisieren.

Unsere Identität in Christus

– Unsere christliche Identität ist allein in Jesus Christus zu finden (vgl. Gal 2,20: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; mein Leben, das im Fleisch ist, lebe ich durch den Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ [Revidierte Zweite Fassung]).

– Angesichts dieser primären Identität ist meine Schweizer Identität (die meines Passes) sekundär, sie ist eine Adiaphora. Ob ich nun Türke, Jude, Palästinenser oder Schweizer bin, es kommt darauf an, dass wir alle eins sind in Jesus Christus (vgl. Gal 3,28: „Da ist nicht mehr Jude noch Grieche, da ist nicht mehr Sklave noch Freier, da ist nicht mehr Mann noch Frau, denn ihr seid alle eins in Christus Jesus“). Dies ist unsere wahre Identität. Deshalb ist es nutzlos, der Nationalität zu viel Bedeutung beizumessen. Nur unser Glaube an Jesus Christus erlaubt uns zu wissen, was wir als Schweizer in die Welt und zu den Nationen bringen können.
Unter bestimmten Umständen bekommt die Adiaphora eine große Bedeutung, d.h. sie wird zum Mittel, um unser Glaubensbekenntnis auszudrücken. So kann eines Tages unsere Zugehörigkeit zu Jesus Christus durch unsere Schweizer Nationalität manifestiert werden. Dies ist zum Beispiel in einem rein islamischen Land der Fall, in dem es verboten ist, das Schweizerkreuz zu zeigen.

– Phil. 3,20-21: „Für uns ist unsere Stadt im Himmel; von dort erwarten wir den Herrn Jesus Christus als unseren Retter, der unseren demütigen Leib verwandeln wird, um ihn seinem herrlichen Leib gleich zu machen durch die Kraft seiner Macht, die alle Dinge unterwirft.
Dieser Abschnitt spricht vom „Jenseits“ unserer Staatsbürgerschaft. Die „Himmel“ sind das Ziel der Geschichte, das gelobte Land, der Ort, an dem der Vater ewig regiert. Wir haben dort unseren Platz. Unsere nationale Identität wird auch in dem Ausdruck „gedemütigter Körper“ verstanden.
Der deutsche Pastor Dietrich Bonhoeffer (ein Widerstandskämpfer unter dem Naziregime) sprach von den „letzten“ und „vorletzten Dingen“, also von dem, was entscheidend ist gegenüber dem, was zweitrangig ist. Die „letzten Dinge“ stehen für die Zugehörigkeit zu Gott, der unser himmlisches Bürgerrecht garantiert. Zu den „vorletzten Dingen“ gehört unsere Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Region oder einer Rasse. Die „vorletzten Dinge“ gehen also den „letzten Dingen“ voraus.

– 2 Kor 5,17: „Wenn jemand in Christus ist, ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden.“
Zu den „alten Dingen“ gehört die Nation als Grundlage für unsere Pläne, unsere Entscheidungen und unser Handeln. „Neues“ bedeutet, offen zu sein für diejenigen, die uns stören oder ängstigen könnten, nämlich die Schwachen, die Fremden oder die Anderen.

– ChristNet hat die schwierige Aufgabe, auf dieser Basis die Schweizer Identität neu zu definieren.

Bibliographie

Hans Küng, Schweizer katholischer Theologe, der in Deutschland lebt. 1991, anlässlich der 700-Jahr-Feier der Schweizerischen Eidgenossenschaft, veröffentlichte er das Buch „Die Schweiz ohne Orientierung? Europäische Perspektiven“. Die Vision einer möglichen Zukunft. (S. 91ff.). (Benziger-Verlag 1992).

Scott MacLeod, Musiker und Schriftsteller, Leiter einer christlichen Streetwork-Gruppe in Nashville, Tennessee, USA. „Der Löwe des Lichts“. Ein Wort zur Schweiz. “ (Schleife Verlag, Winterthur: 2001).

Werner Ninck, Juni 2002

15. Juni 2002/0 Kommentare/von Werner Ninck
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/deSwitzerland_I_D__Suisse___die_reiche_Schweiz__ein_Segen_Gottes15_03_2005image004.gif 142 220 Werner Ninck https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Werner Ninck2002-06-15 14:47:282021-02-10 14:50:00I.D. Schweiz – Schweizer Identität

Die Starken und die Schwachen: Wo hat die persönliche Freiheit ihre Grenzen?

Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Eine Bibelarbeit zu Röm. 14,1 ? 15,13

 

Einleitende Überlegungen

 

Ab Kapitel 14,1 greift Paulus ein Problem der Gemeinde in Rom auf. Offensichtlich gab es zwei Gruppen, die miteinander im Streit lagen: die ?Starken? und die ?Schwachen?. Auslöser für den Zwist waren die Fragen von Speisevorschriften und das Beachten von besonderen Tagen. Das Problem war nicht neu, bereits im Konzil von Jerusalem (Apg. 15) wurde es debattiert.

 

Bevor wir uns in den Text stürzen, halten wir zwei Beobachtungen fest:

 

· Im Gegensatz zu Gal. 4,10ff. und Kol. 2,16-23, wo auch von Speisevorschriften die Rede ist, gibt sich Paulus den Römern gegenüber sehr tolerant und grosszügig. In den zwei anderen Briefen geht er auf Konfrontation. Offensichtlich besteht zwischen dem Problem in Rom und dem bei den Galatern und Kolossern ein Unterschied: Im Kolosser- und Galaterbrief wendet sich Paulus gegen Gesetzeslehrer, die behaupten, Speisevorschriften und andere besondere Handlungen seien zwingend für die Geistlichkeit und Rettung der Menschen. Das berührt den Kern des Evangeliums. Anders im Römerbrief: Hier ist das Thema allgemeiner Art und fällt unter die Rubrik der Worte Jesu: ?Was der Mensch isst, verunreinigt ihn nicht, sondern was aus seinem Herzen herauskommt.? Thema sind also nicht die Frage nach dem Heil oder dem Weg zu höherer Geistlichkeit, sondern schlicht unterschiedliche Ansichten zu gewissen Aspekten der Nachfolge.

· Während Personen, die gewisse Speisen nicht essen oder gewisse Tage besonders beachten, sich üblicherweise als die geistlicheren sehen, argumentiert Paulus genau anders: Schwach ist, wer meint, besondere Dinge beachten zu müssen. Stark sind jene, die das nicht tun müssen. Da würde Paulus wohl im manchen Konflikt unserer Tage die Rollen auch anders verteilen, als es zuweilen getan wird….

 

Paulus baut seine Argumentation auf:

 

1. Bevor Paulus irgend etwas sagt, ruft er zur Einheit auf (14,3-4, 13, 15,7-13). Offensichtlich lief das bei den Christen in Rom, wie es bei uns heute noch läuft: Die Starken laufen Gefahr, die anderen zu belächeln oder gar zu verachten – das ist ihre Art, sich dem Druck der Schwachen zu entziehen: Sie als schwach, hinterwäldlerisch oder als solche abzutun, welche die Freiheit in Christus noch nicht kennen. Und die Schwachen? Sie kämpfen auch erfolgreich und greifen die Starken als gottlos, weltlich und liberal an. Ein immer sehr wirksames Argument in der Gemeinde Jesu! Mit beiden kennt Paulus aber kein Erbarmen: Wer den Schwachen verachtet, der macht seine Freiheit zum Joch für den anderen. Und wer den Starken in seiner Freiheit nicht annimmt, der will heiliger als Gott sein, denn Gott hat ihn längst angenommen (14,6-12).

 

2. Nun definiert der Apostel Einheit (12,5): Die einzelnen Gläubigen haben das Recht, gewisse Dinge unterschiedlich zu sehen. Für Paulus gründet sich Einheit nicht in übereinstimmenden Meinungen, sondern in der Annahme des anderen in seiner Unterschiedlichkeit. Einheit in Vielfalt ist seine Devise!

 

3. In 14,23 setzt er den Glauben des Einzelnen als Grundlage für dessen Handeln voraus. Alles, was ein Mensch nicht aus der vertrauensvollen Beziehung zu Gott tut, das ist Sünde. Paulus geht davon aus, dass der Einzelne Christen sehr wohl in der Lage ist, selber zu entscheiden, was seine Gottesbeziehung verletzen könnte. In der Gemeinde muss nicht alles für alle geregelt sein, denn Paulus macht Ernst damit, dass der Geist in jedem Christen wohnt. Er gesteht ihm eine eigene, mündige Gottesbeziehung zu.

 

4. Doch nun setzt er der persönlichen Freiheit Grenzen: Der Mitchrist (14,13ff.). Aus Liebe zu seinem Mitchristen beschränkt sich Paulus lieber in seiner Freiheit und nimmt Rücksicht. So betont er einerseits Eigenverantwortung und freien Gestaltungsraum, weist aber andererseits darauf hin, dass die Gemeinde ein Leib ist und die Gläubigen daher unauflösbar miteinander verbunden sind. An beidem hält er gleichermassen fest.

 

5. Die Grenze dazwischen umreisst er noch etwas genauer: Sie ist da erreicht, wo ein Mitchrist ?Anstoss? nimmt. Unser deutscher Begriff ist hier etwas irreführend. ?Ich stosse mich daran? kann bei uns auch heissen: Es ärgert mich, oder es passt mir nicht. Doch das meint Paulus hier nicht, sondern er will niemanden durch sein Verhalten dazu verleiten, gegen seinen Glauben zu handeln und somit zu sündigen. Thema ist also nicht eine Meinung, ein ?Geschmack? oder etwas, worüber jemand sich ärgert, sondern eine gefährdete Gottesbeziehung. Wer andere manipuliert, indem er sagt, er ?nehme Anstoss daran?, es aber keineswegs seine Gottesbeziehung gefährdet, missbraucht Paulus und muss selber sehen, wie er mit seinem Ärger und ?Anstoss? fertig wird. Das ist sein Problem, seine ?Sünde?, und nicht das Problem des Anderen.

 

6. Paulus rundet seine Ermahnung mit dem Vorbild Jesu ab (15,1-6) und ruft noch einmal zur Einheit auf ((15,7-13).

 

Fazit:

 

· Bei mitleidvollem Lächeln der Befreiten (Starken) oder bei frommer Manipulation und Druck der ganz Geistlichen (Schwachen), kennt Paulus nur eines: gegenseitige Annahme und Wertschätzung.

 

· Für Paulus (und wohl auch für uns…) gibt es Dinge, die ethisch neutral sind. Damit sie nicht zur Spaltung führen, umreisst er folgenden Verhaltenskodex:

 

1. Ethisch Neutrales darf nicht als heilsnotwendig erklärt werden, und es darf auch nicht der Anspruch erhoben werden, durch gewisses Verhalten besonders geistlich zu sein.

 

2. Niemand soll durch sein Verhalten jemanden dazu verleiten, gegen seine Glaubensüberzeugung zu handeln. Befohlene Freiheit ist keine wirkliche Freiheit und befreit niemanden.


Photo by Külli Kittus on Unsplash

1. Januar 2002/0 Kommentare/von Matthias Wenk
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/kulli-kittus-KQfxVDHGCUg-unsplash-scaled.jpg 1709 2560 Matthias Wenk https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Matthias Wenk2002-01-01 13:58:112021-02-12 13:59:50Die Starken und die Schwachen: Wo hat die persönliche Freiheit ihre Grenzen?

Kultivieren nicht ausbeuten (1. Mose 1,28)

Theologie, Umwelt
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Atten. Getter: Ihr macht jemandem ein Geschenk und diese Person nimmt das Geschenk und in kürzester Zeit ist es kaputt, weil sie Dinge damit gemacht hat, für die das Geschenk nicht gedacht war. Wie fühlt ihr? So oder ähnlich wird sich Gott fühlen, wenn er daran denkt, wozu er uns seine Schöpfung anvertraut hat.

Einleitung:

Gott hat aus dem Nichts, aus dem Chaos eine herrliche Schöpfung bereitet und uns Menschen dadurch einen Lebensraum gegeben, indem wir uns entfalten können. Gleichzeitig hat er uns als Abbild seiner Herrlichkeit in diese Schöpfung gestellt und sie unserer Fürsorge anvertraut. Doch was haben wir daraus gemacht? Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass wir am Rande des ökologischen Zusammenbruchs sind. Der Lebensraum, den Gott uns anvertraut hat wird uns zum Todesbereich, und wir Christen können uns davor nicht verschliessen, wenn uns wirklich ernst damit ist, dass diese Schöpfung Gottes Werk ist.

In einem ersten Schritt wollen wir einmal ganz offen der Krise unserer Umwelt in die Augen schauen und dann sehen, worin unser Auftrag als Christen besteht.

1. Die Krise

Wir wollen zuerst zusammentragen, wodurch Gottes Schöpfung gegenwärtig bedroht wird:

· Abgase (Brenn- und Treibstoffe) – Ozonloch

· Raubbau der Rohstoffe

· Atom und Atommüll

· Müllberge

· Giftstoffe in Wasser, Land und Luft

· Chemie und ihre Abfälle

· Abholzung des Regenwaldes

· Aussterben vieler Tierarten täglich

· Überfischung der Meere

· Gemästete Tiere mit Antibiotika machen Bakterien resistent

· Zunehmende Erkrankungen der Atemwege; Krebs und andere Zivilisationskrankheiten

Der Lebensraum, den Gott uns geschaffen hat, ist weltweit aus dem Gleichgewicht gefallen und die grösste Gefahr dieser Krise ist, dass wir immun davor werden und gar nicht mehr auf die Probleme reagieren.

Wenn wir uns einmal überlegen, woher all diese Probleme kommen, dann sind wir ganz schnell bei einem der Hauptprobleme: die Menschen wollten mit begrenzten Möglichkeiten unbegrenzte Ansprüche stillen: immer schneller, immer mehr, immer besser. Zudem haben die Menschen die Erde nach den Wertvorstellungen menschlicher Machtentfaltung verwaltet und nicht nach den Massstäben göttlicher Gerechtigkeit. Da sind wir uns selber ins offene Messer gelaufen; oder anders ausgedrückt: mit unserem Wunsch nach unbegrenzten Möglichkeiten sägen wir den Ast ab, auf dem wir selber sitzen. Anstatt in fürsorglicher Art und Weise dieser Schöpfung zu dienen, haben wir uns die Schöpfung dienlich gemacht, und dadurch ist sie aus dem Gleichgewicht gefallen. Wir wollen nur noch Grenzen sprengen und überwinden anstatt in Grenzen zu leben. Fortschritt ist halt nicht alles ? es gibt auch noch das Gleichgewicht.

Die Aussage des Paulus in Röm. 8,19-23 stimmen heute mehr denn je: die ganze Schöpfung ist in Mitleidenschaft gezogen worden und wartet unter Seufzen auf ihre Erlösung.

Als Christen müssen wir lernen, dass wenn wir von der Sünde der Menschen sprechen, wir nicht nur von Scheidung, Abtreibung, Alkohol oder was weiss ich was reden, sondern von der Ausbeutung der Schöpfung Gottes, von Umweltsünden und vom Glauben, dass es für den Fortschritt keine Grenzen gäbe. Umweltsünden sind auch Sünden an Gott und an unseren Mitmenschen, genau wie Abtreibung, Rassissmus, Pornographie und jede Form von Gottlosigkeit. Im Bereiche der Umweltsünden wird das Werk Gottes täglich mit Füssen getreten, und wir können es uns als Gemeinde nicht leisten, uns auf einige Spezialthemen zu begrenzen und diesen Bereich einfach den anderen zu überlassen. Schliesslich ist die Fürsorge der Schöpfung der erste Auftrag des Menschen gewesen und entspricht sozusagen seinem Urauftrag. Natürlich wissen wir, woher diese Probleme kommen, und gerade deshalb haben wir einen wesentlichen Beitrag zu leisten. Wenn für die Gemeinde der Umgang mit der Schöpfung Gottes kein Thema ist, nur weil es von den Grünen besetzt ist, ist das eher ein Armutszeichen als ein Zeichen von Geistlichkeit.

Das führt uns nun zu unserem Auftrag in der Schöpfung

2. Unser Auftrag

Unser Auftrag ist kurz umrissen die Erhaltung und Entfaltung der Schöpfung Gottes, also des Raumes, den er uns gegeben hat. Nun können wir weder Busch noch irgend eine Regierung dazu bewegen, den CO2 Ausstoss zu reduzieren, wir können die Chemiekonzerne nicht dazu anhalten, ihr Umwelt belastendes Material in Wasser, Luft und Erde abzustossen und wir werden Schlachtgrossbetriebe kaum davor abhalten, ihre Tiere mit Antibiotika zu füttern, damit sie in noch kürzerer Zeit noch mehr Fleisch hergeben. Ich weiss auch nicht, ob ich bereit bin auf das Auto zu verzichten, nur noch beim Bauern einzukaufen und den Müllberg zu verringern. Obwohl das alles sehr erstrebenswert wäre und eventuell der einzige Weg ist, uns vor der Katastrophe zu bewahren.

Ich glaube, einer unserer ersten Beiträge den Auftrag an der Schöpfung Gottes wahrzunehmen ist neu zu lernen mit Grenzen zu leben und diese als Schutz und als Hilfe und nicht als Einengung zu sehen. Die Masslosigkeit und die Grenzenlosigkeit unserer Zeit führt buchstäblich zu einer masslosen und grenzenlosen Katastrophe und unsere Bereitschaft Mass zu halten, Grenzen zu akzeptieren rührt an das Grundproblem. In Bezug auf die Schöpfung heisst es in der Bibel immer wieder, dass Gott Grenzen gesetzt hat; dem Wasser, dem Land und allem auf dieser Erde. Grenzen sind nicht einfach eine Herausforderung, um einen Weg zu suchen, um diese zu sprengen, sondern eine Linie, die Gott uns gegeben hat, damit sie nicht übertreten wird.

Weiter glaube ich, dass wir als Gemeinde unsere Stimme in Sachen Umwelt genauso erheben müssen wie gegen die Abtreibung oder gegen Rassissmus. Gott hat uns die Natur, die seine Schöpfung ist, nicht einfach dazu gegeben, dass einige daraus möglichst viel Gewinn und Kapital schlagen, sondern dass sie in einem Gleichgewicht bestehen kann, so dass alle sich darin entfalten können. Wenn wir zu diesen Themen schweigen haben wir praktisch Gott als dem Schöpfer dieser Welt abgesagt, auch wenn wir noch so vehement dafür eintreten mögen, dass Gott diese Welt in buchstäblichen sieben Tagen geschaffen hat. Wenn wir uns nicht zum Umgang mit der Schöpfung äussern, spielt es auch keine Rolle mehr, wer und in welcher Zeit sie geschaffen wurde.

Und letztlich wird es auch immer eine Frage des Lebensstils sein. Wir werden nicht umhin kommen, uns immer wieder kritisch zu hinterfragen. Vielleicht ist der Preis für teurere, umweltverträglichere Produkte langfristig der kleinere Preis, denn der Preis für umweltschädliche Billigprodukte könnte der Zusammenbruch und der Tod sein. Auch hier sollten wir nicht schlauer als Gott sein wollen.

Schluss
Wie wir das im einzelnen ausleben können, welche Möglichkeiten und Aufgaben wir hier im Konkreten haben, darüber müssen wir weiter diskutieren. Eines aber ist sicher: Gott hat seine Schöpfung unserer Fürsorge anvertraut; sie gehört auch zu jenen uns anvertrauten Pfunden, mit denen wir schaffen sollen. Dies einfach einigen Spezialisten zu überlassen, ist eine sträfliche Vernachlässigung unseres Auftrags.


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1. Januar 2002/0 Kommentare/von Matthias Wenk
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/bradford-zak-jSy1DWiNcfM-unsplash-scaled.jpg 1668 2560 Matthias Wenk https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Matthias Wenk2002-01-01 13:54:302021-02-12 13:56:00Kultivieren nicht ausbeuten (1. Mose 1,28)

Seit Jesus ist das Geld relativ (Lk.21,1-4)

Theologie, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Atten. Getter: ?Am Ende bleibt uns nur das übrig, was wir verschenkt haben.? Mit dieser Aussage im Hinterkopf, wollen wir uns dem Text zuwenden:

Hintergrund:

Der gelesene Abschnitt gehört wohl mit dem vorherigen untrennbar zusammen. In Kap. 20,45-47 greift Jesus die Frömmigkeit Schriftgelehrten massiv an und wirft ihnen u.a. vor, sie seien Immobilienhaie, die sich auf Kosten der Armen bereichern. Und nun stellt er die vom Geld her gesehen unbedeutende Opfergabe dieser armen Witwe den hohen Summen der Reichen gegenüber. Aber eben, spätestens seit Einstein wissen wir, dass alles relativ ist. Jesus wusste schon lange vor Einstein: die Höhe des Betrags, der gespendet wird, ist relativ. Für die arme Witwe sind zwei Heller relativ viel, nämlich ihr ganzes Lebensunterhalt, für eine andere Person sind zwei Heller nicht viel, grade einmal 1 ½ % eines durchschnittlichen Taglohnes; und für einen Reichen ist es etwas, was er nicht einmal spürt.

Auf Grund von diesem Text, möchte ich zwei Aussagen über den Zehnten und Opfer für uns als Gemeinde sagen und dann einige Schlussfolgerungen ziehen:

1.     Das NT kennt keinen gesetzlichen Umgang mit dem Zehnten oder Spenden

Wenn es in der Bibel um den Zehnten oder um Geldspenden geht, dann kommen uns da äusserst realistische Aussagen entgegen. Im Alten Testament war das recht einfach: die Leviten sind für den Gottesdienst und den Tempel verantwortlich und der Rest des Volkes ist für den Lebensunterhalt der Leviten zuständig. Maleachi greift dann auch das Volk Gottes an und wirft ihnen vor: weil sie den Zehnten nicht zahlen, müssen die Leviten ihren Dienst vernachlässigen, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Im Neuen Testament finden wir ähnliche Aussagen:  wer für das Evangelium arbeitet, soll auch davon leben. Aber nirgends wird der Zehnte als gesetzlich verpflichtender Ansatz vertreten, nirgends wird uns ein Prozentsatz, ein Mindestbetrag oder eine für alle verpflichtende Summe genannt. Das NT kennt keinen gesetzlichen Umgang mit dem Geld, dem Zehnten oder mit anderen Opfern, obwohl das NT ganz klar das Prinzip vom AT her übernimmt, dass das Volk Gottes für das Geld aufkommt, das benötigt wird, um den Dienst der Gemeinde effektiv auszuüben.

Aber weil die Gemeinde weiss, dass selbst Opfer und Spenden relativ sind, hat sie nie ein festes Gesetz daraus gemacht. Für jemanden, der Fr. 4000.?netto verdient und drei Kinder hat, sind 10 % Abgabe relativ viel, jemand, der Fr. 12’000.?verdient und drei Kinder hat, merkt 10 % bedeutend weniger, und wer wie Michael Schuhmacher im Monat 6 Mio. Franken verdient, der spürt die 10 % nicht einmal. Und weil das NT keinen gesetzlichen Umgang mit dem Zehnten kennt, kennen wir das auch nicht.

2.     Das NT kennt eine grosszügige Haltung in Sachen Spenden und Geld

Im Gegensatz zu einer gesetzlich festgelegten Quote, einem Prozentsatz oder einem Mindestbetrag kennt das NT in Sachen Geld und Spenden nur eine grosszügige Haltung. Paulus berichtet von der Sammlung in Mazedonien, dass die Gemeinden über ihr Vermögen hinaus gegeben haben, Jesus spricht von der Witwe, die ihren ganzen Lebensunterhalt gab und Zachäus verschenkte aus Dankbarkeit und Freude am erlebten Heil grosse Teile seines Vermögens.

Ein vorgeschriebener Prozentsatz macht es uns Menschen nur möglich zu sagen: ich habe meine Pflicht erfüllt, der Rest gehört mir. Aber Jesus kennt in diesem Sinn keine Pflichterfüllung. Unser Leben gehört eben Gott, wie wir das letzte Mal gehört haben. Davon dass wir in diesem Sinn je unsere Schuldigkeit geleistet haben, kann gar nie die Rede sein. Aller Umgang mit Spenden, der darauf abzielt, die eigene Schuldigkeit zu leisten und dann frei, ohne Rückbindung an Gott, über den Rest zu verfügen, zielt an dem, was Jesus hier anspricht, vorbei.

Nicht der Prozentsatz und nicht die Höhe des Betrages machen es aus, sondern die grosszügige Haltung. Weder für Jesus noch für die frühe Gemeinde waren Spenden je eine Frage der Pflicht, sondern sie waren ganz natürlicher Ausdruck ihrer Gottesbeziehung. So wie Gott ihnen grosszügig begegnet ist, so sind sie in Sachen Geld grosszügig miteinander umgegangen. Der Bericht über die Gemeinde nach Pfingsten unterstreicht das nur.

In diesem Sinn ist das NT noch viel radikaler als das AT, ohne je in eine gesetzliche Haltung zu fallen. Für den Einen mag der Zehnte buchstäblich zu viel, für den anderen jedoch zu wenig sein. Aber grosszügig sind beide. Ob im NT jemand 5 % oder 20 % gegeben hat, beide haben es aus freudigem Herzen und im Bewusstsein gegeben, dass ihr ganzes Leben sowieso Gott gehört.

  Schlussfolgerung

Ich möchte aus dem einige Schlussfolgerungen ziehen.

1.      Ohne Spenden können wir als Gemeinde unseren Dienst nicht uneingeschränkt wahrnehmen. Daran hat sich seit der Klage Maleachis über den mangelnden Zehnten und dem daraus resultierenden Mangel am Dienst der Leviten im Tempel nichts geändert. Das ist so einfach und so klar wie das 1 + 1 = 2.

2.      Der Prozentsatz oder der Geldbetrag, den wir spenden, richtet sich nach unserem Herzen und unserem Vermögen. Es ist immer eine Frage von beidem. Ob arm oder reich, ob viel oder wenig, gespendet wurde immer mit dankbarem Herzen und grosszügig, und dann spielt es auch keine Rolle, ob jemand 10 Rappen oder Fr. 1’000.?gibt.

3.      Vielleicht ist diese Schlussfolgerung die kritischste: was mir etwas wert ist, lass ich mir etwas kosten. Oder anders gesagt: Ich zeig dir wofür ich mein Geld ausgebe, und du sagst mir, was mir etwas bedeutet. –  Ob wir nun 10 % geben können oder nicht, spielt keine Rolle, aber wenn uns die Gemeinde etwas bedeutet, wenn sie uns wichtig ist, weil wir daraus Nahrung für unser geistliches Leben beziehen, weil sie uns in der Entfaltung unserer Persönlichkeit hilft, weil wir dadurch Gott begegnen, weil wir sie lieben mit all den bunten Menschen in ihr, dann werden wir auch immer einen Weg finden, sie zu unterstützen, denn für Dinge, die uns wichtig sind, finden wir oft einen Weg, um sie zu finanzieren.  Das ist bei allen Menschen so, ob arm oder reich. Das merk ich bei mir, wenn mir an etwas wirklich viel gelegen ist, dann finde ich einen Weg, es zu finanzieren. Ich kann auch bei unseren Jungs schauen, wofür das Taschengeld reicht, und wofür nicht… Dann weiss ich einwandfrei, wofür ihr Herz schlägt.

4.      Was auf einer persönlichen Ebene gilt, gilt auch für die Gemeindefinanzen. Weil wir uns das, was uns wert ist auch etwas kosten lassen, ist es mein Wunsch und mein Ziel dies auch in unserem Gemeindebudget auszudrücken. Unsere Werte als Gemeinde spiegeln sich in den Budgetposten, aber nicht zwingen in der Betragshöhe, nieder. Deshalb haben wir die Missionskollekte auf den Sonntag, mehr ins Zentrum des Gemeindelebens verlegt. Und weil es uns ernst damit ist, dass Jesus für die Armen und Hilflosen dieser Welt gekommen ist, finden auch wir als kleine Gemeinde mit einer eher angespannten finanziellen Situation immer Mittel und Wege Geld für soziale Zwecke einzusetzen; sei dies indem wir wieder einmal allein erziehenden Müttern in der Umgebung etwas zukommen lassen, oder Kinder für das Jungschilager im Herbst, oder Familien für das Familienlager unterstützen.  Wir finden Wege, und dann spielt es auch keine Rolle, dass wir momentan in Prozenten nicht so viel dafür investieren können, wie andere, aber wir investieren. Liebe macht erfinderisch und kreativ. Und wenn wir kein Geld haben, dann gibt es vielleicht andere Wege. Weshalb auch nicht im nächsten Herbst allen alleinstehenden Frauen im Dorf anbieten, die Winterpneus kostenlos zu montieren?


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1. Januar 2002/0 Kommentare/von Matthias Wenk
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/claudio-schwarz-purzlbaum-3zRasjMa9lU-unsplash-scaled.jpg 1707 2560 Matthias Wenk https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Matthias Wenk2002-01-01 13:48:382021-02-15 13:50:42Seit Jesus ist das Geld relativ (Lk.21,1-4)

Gründe für eine christliche Umweltpolitik

Politik, Theologie, Umwelt
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Anregungen für eine biblische Auseinandersetzung

Gottes Auftrag
Der Schöpfungsbericht beschreibt die Schöpfung der Welt und des Menschen. Oft wird die besondere Stellung des Menschen in der Schöpfung betont. Ich möchte dem keineswegs widersprechen, überträgt ihm Gott doch die Verantwortung über die gesamte Schöpfung und befähigt ihn, diese auch auszuüben; er soll über die Tiere herrschen1. D.h. Gott macht das Schicksal der Schöpfung abhängig vom Willen des Menschen. Es ist aber doch beachtenswert, dass die Erschaffung der ?Natur? im Schöpfungsbericht über 25 Verse2 und ganze fünf Tage beansprucht, die Erschaffung des Menschen aber nur einen Tag und sechs Verse dauert. Gott setzt also fünfmal mehr Zeit (demnach auch Energie, Kreativität…) für die Erschaffung unserer Um-Welt ein als für die des Menschen.

?Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.?3 Gott stellt den Menschen in die Mitte seiner Schöpfung mit einem Doppelauftrag, den man in der heutigen Zeit mit ?Nachhaltigkeit? umschreiben könnte: Der Mensch soll die Schöpfung nutzen, um die Frucht der Erde zu seiner Existenzsicherung zu gewinnen4; dies ist der progressive Aspekt des göttlichen Auftrags. Der konservative Aspekt liegt darin, dass der Mensch die Schöpfung schützen soll. Gott überträgt dem Menschen die Autorität, zu nutzen und zu schützen. Diese Autorität soll er nicht zur Ausbeutung, sondern zur eigenen Existenzsicherung und als Auftragnehmer und Verwalter Gottes nutzen. Der Mensch soll also Gott dienen, indem er die Schöpfung bewahrt.

Teil des Heilsgeschehens
Auch nach dem Sündenfall bleibt Gottes Auftrag, die Schöpfung zu bewahren, bestehen. Gemäss Paulus ist die Schöpfung ein für alle zugänglicher Gottesbeweis5. Da sie aber der Autorität des Menschen unterworfen ist, trägt sie die Folgen dessen Handeln und ist somit der Zerstörung unterworfen, die durch die menschliche Sünde in die Welt gekommen ist. Genauso wie die Menschen hofft darum die ganze Schöpfung darauf, aus dieser Zerstörung befreit zu werden6. Als Kinder Gottes müssen wir uns der Frage stellen, wie wir die Befreiung der Schöpfung schon jetzt einleiten können; in der gleichen Weise wie wir uns ja auch bemühen, heilig zu leben, obschon wir wissen, dass die wahre Heiligkeit erst im Himmel möglich sein wird.

Teil von Christi Versöhnungswerk
Die ganze Schöpfung ist Gott aber so wichtig, dass er sie in sein Versöhnungswerk einbezieht: In der ursprünglichen Schöpfung waren Umwelt und Mensch in einem harmonischen System verein. Der Mensch als eingesetzter Vertreter Gottes nutzte und bewahrte die Schöpfung in demütiger Haltung als Diener, und das galt auch ihm selber. Durch den Sündenfall wurde diese Einheit zerbrochen. Der Mensch sieht sich nicht mehr als Teil der Schöpfung, die Natur wird zu einer Grösse ausserhalb seiner selbst, die ihm feindlich entgegentritt. Das lateinische Wort natura heisst: die gebären wird. Das verdeutlicht die selbsterhaltende, auf sich selbst konzentrierte Kraft, die der Mensch als feindlich, aber durch ihre Andersartigkeit auch als faszinierend erlebt (Fruchtbarkeitskulte).

Nun wird aber Christus ?der Erstgeborene der Schöpfung? genannt7, mehr noch ? er ist der Ursprung aller Schöpfung: ?In ihm ist alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, erschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare …: Alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Und er ist vor allem, und alles hat in ihm seinen Bestand.?8 Durch den Tod am Kreuz soll der Bruch zwischen Gott und seiner Schöpfung rückgängig gemacht werden: ?Denn [Gott] beschloss, durch [Christus] alles mit sich selbst zu versöhnen, indem er durch sein Kreuzesblut Frieden stiftete ? durch ihn zu versöhnen, sei es, was auf Erden, sei es, was in den Himmeln ist.?9 Gottes Versöhnungswerk geht also über seine Versöhnung mit dem Menschen hinaus und bezweckt auch die Versöhnung der gesamten Schöpfung mit Gott, die Versöhnung des Menschen mit dem Menschen und auch die Versöhnung des Menschen mit seiner Umwelt.

Der Mensch hat also Autorität über seine Umwelt; er missbraucht diese seit dem Sündenfall; Gott aber möchte den Menschen wieder mit seiner Umwelt versöhnen. Daraus ist zu folgern, dass der Mensch, der diese Versöhnung mit Gott und Mitmenschen erlebt hat und immer neu erlebt, auch die Versöhnung mit seiner Umwelt suchen muss. Er kann nicht Jünger des dienenden Gottessohnes sein und gleichzeitig seine Mitgeschöpfe ausbeuten. Wir brauchen eine Bekehrung unserer Beziehung zur Schöpfung, für eine nachhaltige, d.h. schonende Nutzung unserer Umwelt.

Wen beten wir an?
Oft werden Bedenken geäussert, im Umweltschutz würde der Schöpfung eine göttliche Stellung eingeräumt, man verehre die Schöpfung statt den Schöpfer.10 Es muss gesagt sein, dass diese Haltung, die in grünen und alternativen Kreisen gewiss verbreitet ist, nur soviel Raum gewinnen konnte, weil die Christen die Umweltproblematik erst sehr spät erkannt haben und so esoterischem Gedankengut in diesem Bereich während langer Zeit freies Feld gelassen haben. Gerade deshalb ist es so wichtig, zu wissen warum wir Christen berufen sind, zur Umwelt Sorge zu tragen. Dazu einige Gedanken:

In der Bibel kommt sehr klar zum Ausdruck, dass Gott die Schöpfung in einem souveränen Akt erschaffen hat.11 Gott ist Subjekt, die Schöpfung ist Objekt. In keinem Kontext wird diese Abgrenzung in Frage gestellt. Es ist also Gott, dem Anbetung gebührt. Die Bewahrung der Schöpfung kann deshalb nur im Rahmen der Anbetung Gottes erfolgen. Das ist ja auch logisch: Wenn wir die Schöpfung, die eine Leihgabe Gottes ist, kaputtmachen, drückt das keine grosse Wertschätzung für den Schöpfer aus. Es ist ein Akt der Liebe zu Gott, wenn wir versuchen, seine Schöpfung zu bewahren.

In Hiob und zahlreichen Psalmen wird die Schöpfung als Ausdruck von Gottes Allmacht und Kreativität beschrieben.12 Die Ausbeutung der Schöpfung erscheint demnach als Ausdruck des menschlichen Allmachtswahns. Wie können wir Gott mit Psalmen oder Anbetungsliedern für die Schöpfung loben und gleichzeitig sorglos mit den natürlichen Ressourcen umgehen?

Gott ist unvergänglich, während die Schöpfung vergänglich ist. Das bewahrt uns auch vor dem Trugschluss, wir könnten die Schöpfung retten. Wenn einer retten kann, dann ist es Christus. Wir wissen, dass die Schöpfung gut gemacht ist, aber durch die Sünde des Menschen verdorben wurde und tatsächlich eine zerstörerische Seite hat. Aber vergessen wir nicht: Gott verurteilt uns Menschen nicht, weil wir sündhaft und sterblich sind. Er beruft uns vielmehr, ihm schon hier zu dienen und ihn mit unserem vergänglichen Leben zu ehren, obschon das Vergängliche eines Tages zu Ende gehen wird. Ebenso sind wir berufen, die vergängliche Schöpfung zu bewahren, weil sie Gott gehört. Hier heisst es, die Autorität, die uns Gott gegeben hat, auf gesunde Art auszuüben.

Jakobus bezeichnet den Menschen in seinem Brief als Erstling der Schöpfung13 und stellt damit die Chronologie des Schöpfungsberichts auf den Kopf. Wenn das heisst, dass die Schöpfung für den Menschen erschaffen wurde, dann ist aber auch klar, dass Gott die Schöpfung aus Liebe geschaffen hat; er ist ja Liebe, d.h. der Mensch soll die Schöpfung in erster Linie dazu nutzen, seinem Schöpfer Liebe entgegenzubringen, das ist der ?logische? Gottesdienst.

Bewahrung der Schöpfung:
Die Schöpfung dient dem Menschen:

· Sie bietet ihm körperliche, seelische und geistige Erholung.

· Sie bietet ihm eine Lebensgrundlage.

· Sie erinnert ihn an die Allmacht Gottes.

So verfolgt der Mensch zwei Ziele, wenn er seine Umwelt bewahrt:

· Er ehrt Gott.

· Er erhält seine eigene Lebensgrundlage und die seiner Kinder. Sogar dieses Ziel führt im Endeffekt wieder zur Gottesanbetung zurück, weil nur lebendige Menschen Gott auch ehren können.14

Die Schöpfung bewahren ist Zeichen und Zeugnis für unsere Liebe zum Schöpfer.

——————————————————————————–

1. ?Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen!? 1. Mose 1,27-28

2. 1. Mose 1,1-25

3. 1. Mose 2, 15

4. 1. Mose 1,29: ?Siehe, ich gebe euch alles Kraut, das Samen trägt, auf der ganzen Erde, und alle Bäume, an denen samenhaltige Früchte sind; das soll eure Speise sein.?

5. ?[Gottes] unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, ist ja seit Erschaffung der Welt, wenn man es in den Werken betrachtet, deutlich zu ersehen…? Römer 1,20

6. ?Denn die Sehnsucht des Geschaffenen wartet auf das Offenbarwerden der Herrlichkeit der Söhne Gottes. Denn der Nichtigkeit wurde das Geschaffene unterworfen, nicht freiwillig, sondern um dessen willen, der es ihr unterwarf; auf die Hoffnung hin, dass auch das Geschaffene selbst befreit werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.? Römer 8,19-22

7. ?Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborne der ganzen Schöpfung.? Kolosser 1,15

8. Kolosser 1,16-17. S.a. Offenbarung 3,14: ?…der Anfang der Schöpfung…?

9. Kolosser 1,19-20

10. Damit wird der Umweltschutz mit der Gottlosigkeit des sündigen Menschen in Römer 1,25 in Verbindung gebracht: ?[Sie brachten] den Geschöpfen Anbetung und Verehrung dar … statt dem Schöpfer…?

11. 1. Mose 1+2

12. Hiob 38-41; Psalm 8; 19; 29; 65; 104; 136 u.a.

13. Jakobus 1,18

14. Psalm 115,17

1. Januar 2002/0 Kommentare/von Samuel Ninck-Lehmann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/john-o-nolan-uMWPrcRsrto-unsplash-scaled.jpg 1919 2560 Samuel Ninck-Lehmann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Samuel Ninck-Lehmann2002-01-01 13:46:042021-02-12 13:48:51Gründe für eine christliche Umweltpolitik

Der Heilige Geist als gesellschaftsverändernde Kraft:

Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 8 min

Pfingstliche Spiritualität und ihre politische Bedeutung 

Einleitung

Für viele Pfingstler und Charismatiker wäre die Themenstellung wie aus dem Titel ersichtlich erstaunlich: Spiritualität und politische Bedeutung? In unseren Breitengraden werden von Pfingstlern diese beiden Aspekte oft entweder als ohne Bezug zueinander oder gar als sich gegenseitig ausschliessend betrachtet, wie auch in einem Leserbrief  von ?unterwegs? 2.01 zu lesen war. Allenfalls äussern sich Pfingstler politisch, wenn es um die Abtreibung geht, aber bereits deutlich weniger beim Thema Rassismus, obwohl die Pfingstbewegung auch in Westeuropa in ihren Anfängen eher pazifistisch und in den USA ?integriert? war. Bei Fragen der Globalisierung und der Umweltbelastung herrscht vorwiegend Schweigen und der Gedanke, das eigene Geistverständnis in Bezug zu den gegenwärtigen sozialen Problemen zu sehen, wird nicht allen in den Sinn kommen.

Aber obwohl westeuropäische Pfingstler die Verbindung zwischen ihrer Geisterfahrung und politisch/sozialen Fragen unserer Zeit nur gelegentlich nachvollziehen, hat diese immer auch soziale und z.T. politische Konsequenzen.  Ich möchte das aufzeigen anhand von dem, was Pfingstlern und Charismatikern besonders wichtig ist: die Bibel und ihre Geschichte.

1. Der Geist als gemeinschaftbildende  Kraft im Neuen Testament (1. Kor. 13,13)

Pfingstlich/charismatische Pneumatologie ist mehrheitlich lukanisch in ihrer Ausrichtung und bei Paulus haben Pfingstler beinahe nur an 1. Kor. 12 und 14 ein pneumatologisches Interesse. Für sie ist der Geist bei Lukas vorrangig Befähigung der Gläubigen zu einem vollmächtigen Dienst, insbesondere zum missionarisch-evangelistischen Dienst, verbunden mit einer oft überwältigenden Erfahrung der ?eschatologischen Gegenwart Gottes?. Grundlegend für diese Sicht ist das Verständnis von Pfingsten als Erfahrung der Jünger, welche sie für ihre Aufgabe ausrüstete; der Geist ist donum superadditum.

Nun ist aber auch allerseits bekannt, dass gerade Lukas ein grosses Interesse an den Armen, Ausgestossenen und Hilflosen zeigt. Ebenso betont er die zwischenmenschliche Versöhnung, die u.a. im Auftrag des Täufers zum Tragen kommt: Er wird das Herz der Väter den Söhnen zuwenden (Lk. 1.17).  So wird dann die Zuwendung des Täufers zu den Zöllnern und Soldaten in diesem Licht zu sehen sein, ebenfalls Jesu Zuwendung zu den Ausgeschlossenen, zu den kultisch Unreinen und ?Sündern? (Aussätzige, Sünder, Zöllner etc., zusammengefasst im programmatischen Text von Lk. 4.16-30). In der Apostelgeschichte tritt Barnabas, ein Mann voll Geistes und Glaube, versöhnend zwischen Saulus und die Gemeinde, zwischen die jüdische Gemeinde in Jerusalem und die hellenistische Gemeinde in Antiochien und zwischen Paulus und Markus. Dies nur um einige Beispiele zu nennen.

Nun ist es meine These, dass zwischen dem Interesse des Lukas an den Armen und Verstossenen einerseits und dem Geist andererseits eine Verbindung besteht. Ich möchte anhand von drei Beispielen illustrieren, wie Geisteswirken in den lukanischen Schriften direkte Auswirkungen auf das soziale Gefüge der Gemeinde hatte und dann noch auf 1. Korinther 12 und 14 zu sprechen kommen.1

Ein möglicher Zugang zur Verbindung von Geisteswirken und sozial-ethischen Themen eröffnet sich, wenn man die Geistesmanifestationen in den Lukasschriften, insbesondere Geistesreden und Visionen, darauf befragt, was sie innerhalb der Erzählung an Bewegung auslösen, wenn man also die Rolle des Geistes bei Lukas nicht mehr nur darauf zu beschränkt, dass  er prophetische Worte eingibt, sondern fragt, wie Lukas die Auswirkungen solcher Manifestationen beschreibt. Man sieht die Bedeutung des Geistes somit nicht nur in der Eingebung und dem Inhalt prophetischer Rede, sondern auch in deren beabsichtigten und erzielten Wirkung; denn Inhalt und beabsichtigte Wirkung können nicht getrennt werden.

Drei Beispiele aus Lukas und einige Gedanken zu 1. Korinter 12-14 sollen das veranschaulichen:

1.      Maria und Elisabeth (Lk. 1.39-45): Zu Beginn seines Evangeliums stellt Lukas dem Leser das ehrwürdige Priesterehepaar Zacharias und Elisabeth vor. Die Erwähnung ihres Alters, ihres Wohnortes in Judäa, ihrer Herkunft und des ?Berufs? des Mannes dienen dazu dem Leser das Bild eines gottesfürchtigen, angesehenen Paares von vortrefflichem Status vor Augen zu malen. Dem gegenüber wird Maria als junge Frau aus einer religiös gemischten Gegend in Galiläa, ohne besondere Herkunft und besonderen Status beschrieben. Man könnte beinahe sagen, dass das Wirken des Geistes ihren sozialen Status nur verschlimmert hat: sie ist unverheiratet und wird schwanger. Die sozial angemessene Begrüssung zwischen Maria und Elisabeth wäre die gewesen, dass die Jüngere sich der Älteren unterwirft. Zudem würde normalerweise die Schande der jüngeren, unverheiratet schwangeren Frau zwischen ihr und der Ehre der älteren Frau stehen. Doch durch den Geist kommt es zu einer Umkehrung der sozialen Rollen. Die Ältere preist die Jüngere und nennt sie ?die Mutter meines Herrn?. Es scheint, dass für Lukas das prophetische Wort zu einer Neudefinition der sozialen Rollen führt; es hat die üblichen Kategorien von ?Ehre? und ?Schande? in der Beziehung zwischen Maria und Elisabeth ausser Kraft gesetzt. Im folgenden Magnificat lässt der Evangelist dann Maria diese Umkehrung der üblichen sozialen Ordnung als bewusst erlebt zum Ausdruck bringen (Lk. 1.4-52).

2.      Der Pfingstbericht (Apg. 2): Lukas stellt Pfingsten als die lang erwartete Erfüllung der eschatologischen Erneuerung Israels dar, ausgedrückt durch das Joel-Zitat in der Predigt des Petrus. Joel 3.1-5 spricht von der kommenden Heilszeit, in der der Geist auf alle ausgegossen wird und alle, die sonst in der Gesellschaft nichts zu sagen haben, nun etwas zu sagen haben: Jung und Alt, Frauen, Knechte und Mägde. Die Wahl der sozialen Kategorien ist bewusst gewählt und widerspiegelt mit Ausnahme der Alten diejenigen in der orientalischen Gesellschaft, die in der Regel nichts zu sagen hatten. Es geht in der Joel Stelle nicht um eine Erneuerung der Prophetie in sich, oder einfach darum, dass durch den Geist alle prophezeien werden, sondern dass es durch die Geistausgiessung als Zeichen der kommenden Heilszeit zu einer Erneuerung der sozialen Struktur kommt, ähnlich wie das in den Texten in Jes. 11.1-4; 31.1-20; 42.1-4; 61.1-5 der Fall ist und ähnlich, wie auch Hesekiel davon spricht (Hes. 36 und 37). Das prophetische Reden wird zum Kennzeichen der Erneuerung. Die Vision der Geistausgiessung in Joel 3.1-5 (und die aller AT Erwartung) ist jedoch die ganzheitliche Erneuerung Israels: sozial, politisch, religiös und ökologisch; der Tag des Heils, wie Joel ihn nennt. Und genau das hat Lukas im Blickfeld, wenn er anschliessend an den Pfingstbericht das Leben der Gemeinde beschreibt (Apg. 2,42-47). Durch die Geistausgiessung kam es zu einer Erneuerung des Gottesvolkes, die weit über die üblichen hellenistischen Freundschaftsideale hinausgeht, weil in der Gemeinde sich nicht einfach sozial Gleichgestellte begegnen, sondern weil die Tischgemeinschaft alle Alters- Geschlechter- und sozialen Gruppen umfasst.

3.      Die Bekehrungsgeschichten in Apostelgeschichte 8-11: In all diesen Begebenheiten (Samarier, Äthiopier, Saulus und Cornelius) liegt die Rolle des Geistes weniger darin, den Inhalt der Verkündigung zu inspirieren, als mehr einen Kommunikationsprozess in Gang zu setzen, der sonst nicht stattgefunden hätte: mit den Samariern, weil Lukas um die Unversöhnung zwischen Jerusalem und Samarien weiss (Lk. 9,51-53), mit dem Äthiopier, weil er als Ausländer und vor allem als Eunuch vom Kult und von der Zugehörigkeit zum Gottesvolk ausgeschlossen war (Deut. 23,1-9); mit Saulus, weil er ein Verfolger der Kirche und bei Kornelius, weil er ein Heide war. In allen Fällen führte die Geistesmanifestation zu einer Neudefinierung der Gemeinde (das symbolische Universum der jungen Kirche hat sich verändert), und der Geist wurde zum Identitätsmerkmal der Zugehörigkeit. Somit kann auch hier die Rolle des Geistes nicht auf die Inspiration der missionarischen Verkündigung begrenzt werden; Geistesmanifestationen werden grundlegend für die Selbstdefinierung und das symbolische Universum der Kirche, die nun nicht mehr exklusiv, sondern inklusiv definiert wird.

4.      Ähnliches wie zum lukanischen Pfingstbericht kann auch zu den Charismata in 1. Korinther 12-14 gesagt werden: In den Paulus-Gemeinden haben buchstäblich alle etwas zu sagen, ungeachtet ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft oder ihres Geschlechts. So haben wohl die Paulus Gemeinden erlebt, dass in der Kirche nicht wieder die allein etwas zu sagen hatten, die bereits in der Gesellschaft vorne an standen, sondern auch die, die in der Gesellschaft die ?Letzten? war. Oder anders ausgedrückt: ?Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus? (Gal. 3,28). Für die Christen in den Paulusgmeinden war nicht mehr Unabhängigkeit oder Selbstverwirklichung der Haupttenor, sondern die Erfahrung der gegenseitigen Abhängigkeit und Ergänzungsbedürftigkeit. So etwas hat natürlich direkte soziale Auswirkungen: Wenn z.B. ein Sklave in einer Gemeinde erlebt, dass er genauso benötigt wird wie sein Herr, dass er genauso Wegweisendes und Entscheidendes zum Gemeinwohl beizutragen hat, dann relativiert das nicht nur die gängigen Sozialstrukturen, sondern wertet den Einzelnen als Person auf und nimmt ihm das Gefühl der Macht- und Bedeutungslosigkeit. Dieser Vorgang wird deutlich nachvollziehbar in der Rhetorik des Philemonbriefs.

2. Die sozialkritischen Wurzeln der Pfingstbewegung

Wenn für die Lukasschriften gilt, dass sie ein besonderes Interesse am Geist, an den Armen, den Ausgestossenen und Hilflosen bezeugen, gilt das gleicherweise für die Anfänge der Pfingstbewegung. Auch hier führten die Geistesmanifestationen dazu, dass rassistische und geschlechtliche Schranken überschritten wurden. So fanden 1907 in Los Angeles erstmals ?integrierte Gottesdienste? statt, geleitet von einem schwarzen Prediger und es war ausgerechnet eine Pfingstlerin, die in den USA als erste Frau die Lizenz für eine Radiostation erhielt. Ähnliches kann über die Pfingstbewegung in Lateinamerika, Korea und Südafrika und die Pfingstbewegung allgemein gesagt werden. Nicht ganz überraschend ist die Vorläuferrolle eines amerikanischen Pfingstlers in der Arbeit unter Drogenabhängigen im New York der späten 50er Jahre. Das von David Wilkerson gegründete Werk ?Teen Challenge? ist noch heute weltweit in der Arbeit mit Randgruppen und Suchtkranken tätig.

Die wenigen aufgeführten Beispiele veranschaulichen, dass in den Reihen der Pfingstbewegung die üblichen sozialen Klassen ausser Kraft gesetzt wurden und eine versöhnende, einschliessende Wirkung von ihr ausging. Die gegenwärtige Tendenz zu Spaltungen in der Pfingstbewegung steht in krassem Widerspruch sowohl zu ihrem ?pneumatologischen Steckenpferd?, den Lukasschriften, wie auch zu ihrer eigenen Geschichte. Das heisst jedoch nicht, dass auf lokaler Ebene diese soziale, einschliessende Wirkung verloren gegangen sei, sie wird vielerorts ungebrochen weiter bezeugt. In diesem Punkt kann man die Pfingstbewegung vielleicht mit der matthäischen Petrusdarstellung vergleichen: in ihr wohnen grösste Geisteseinsichten und Momente menschlichen Eigeninteresses unmittelbar beieinander (Matt. 16,13-23).

3. Die gegenwärtige Situation in Westeuropa

Wie bereits angedeutet erlebt die Pfingstbewegung in Westeuropa zur Zeit beides: die Kraft des Geistes, der Gemeinschaft stiftet und auf Grund dessen Manifestationen es zu einer Neudefinition der Gesellschaft üblichen Hackordnung kommt und in der die Gunst nicht mehr nach den üblichen Spielregeln verteilt wird, aber auch Spaltungen sowie Bestätigung des politischen und sozialen Status Quo. Nicht immer entsteht durch das Wirken des Geistes eine Kontrastgsellschaft, und doch erleben westliche Pfingstler immer wieder, wie der Geist sich über die von den Erfolgreichen, den Schönen, den Starken und dem Geld festgelegten Gesellschaftsspielregeln hinwegsetzt. Diese Erfahrungen bestätigen Pfingstler in ihrer theozentrischen Ausrichtung: Gott der Herrscher dieser Schöpfung kann sich auch souverän gegen seine Schöpfung durchsetzen und überlässt sie nicht einfach sich selber. Das nimmt ihnen z.T. das Bewusstsein der eigenen Ohnmacht, das heute ausschlaggebend ist für die politische Indifferenz vieler Menschen. Ihre politische Bedeutung nehmen Pfingstler nicht vom Gewicht ihrer politischen Argumentation, sondern von ihrer Gotteserfahrung. Gott der Herr dieser Welt kümmert sich um sie in einer ganzheitlichen Form. Mit ihm können sie all ihre Anliegen besprechen, seien sie sozialer, gesundheitlicher, politischer oder anderer Natur.

Wenn trotz des biblischen Textes und trotz der eigenen Geschichte die Erfahrung jenes Pfingstlers, wie er sie in seinem Leserbrief dargestellt hat, leider nicht ganz einmalig ist, mag das verschiedene Gründe haben:

1.      Dass sich Pfingstler z.T. nicht im Klaren sind über die politische/soziale Bedeutung ihrer eigenen Spiritualität, heisst noch lange nicht, dass diese Bedeutung nicht vorhanden ist. Ein Grund weshalb sich Pfingstler über solch eine Bedeutung nicht bewusst sind, mag sein, dass Gott und ihr Glaube bei ihnen nicht ?gedacht? sondern ?erlebt? wird. Die Sehnsucht Gott zu erleben kommt bei ihnen vor dem Bedürfnis dieses Erlebnis zu definieren und zu reflektieren. Daher ist die vorrangige Methode pfingstlicher Theologie auch der Erlebnisbericht (das Zeugnis) und nicht die These und die Argumentation. Zudem ist pfingstliche Spiritualität in ihrem Ansatz theozentrisch und ihre soziale, politische Bedeutung erhält sich von ihrer eschatologischen Ausrichtung und ihrer Erwartung vom Reich Gottes, in dem Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Gotteserkenntnis herrschen wird. Pfingstliches Handeln, Denken und Fühlen richtet sich ganz nach diesem Reich aus, und dass es dadurch einen Bezug zu gegenwärtigen sozialen und politischen Problemen unserer Tage hat, wird z.T. gar nicht wahrgenommen.  Aber das ist an sich kein Problem, denn auch die Personen in Jesu Gleichnis (Mat. 25,31-46) waren sich nicht über die ganze Tragweite ihres Handelns bewusst. So begründen Pfingstler ihre sozialen und z.T. auch politischen Aktivitäten eher von ihrer Leidenschaft für das Reich Gottes, von der Liebe und der Hoffnung her und weniger von irgend welchen politischen Überlegungen. Politische Überlegungen mögen für sie korrekt oder weniger korrekt sein, doch entscheidend wird für sie sein, was sie als ?geboten?, als dem Reich Gottes entsprechend erachten werden. Nur ist auch das immer eine Frage der Auslegung und das führt und zu einem weiteren Grund, weshalb sich westliche Pfingstler nicht sonderlich aktiv zu Fragen der Politik und sozialen Gerechtigkeit äussern:

2.      In der Theologie der Pfingstler hat in den 40er und 50er Jahren eine Verlagerung stattgefunden, die wahrscheinlich mit ihrer eher apolitischen Haltung zusammenhängt. Mitte des letzten Jahrhunderts haben sich vor allem die westlichen Pfingstler mit dem fundamentalistischen Flügel der Evangelikalen Bewegung angebiedert und vielfach deren Theologie, deren Art und Weise zu theologisieren und deren Agenda übernommen. Besonders in Amerika befanden sich die Fundamentalisten in jener Zeit im Streit mit dem sogenannten ?social Gospel? und haben sich deutlich davon distanziert. Viele Pfingstler sind ihnen auf diesem Weg gefolgt. Die Folgen dieser Vermischung pfingstlicher Spiritualität und evangelikal-fundamentalistischer Theologie sind bis heute spürbar und so muss es nicht erstaunen, wenn zuweilen deutliche Diskrepanzen zwischen der erlebten und der artikulierten Theologie der westlichen Pfingstler sichtbar werden. In diesen Fällen kann es nur hilfreich sein, die Pfingstler an ihre Wurzeln zu erinnern und ihnen helfen, ihr eigenes Erbe neu zu entdecken.

Matthias Wenk


1. Dabei muss man aber fairer weise sagen, dass sowohl Lukas als auch Paulus wenig Interesse an der römischen Politik noch an einer Neustrukturierung Gesellschaft an sich hatten. Ihnen ging es darum, dass in der Gemeinde das eschatologische Heil angebrochen war und sich in ihr auch verwirklicht hat. Wohl wurde erwartet, dass diese Erneuerung einmal die ganze Erde erfassen werde, aber losgelöst von der Kirche bekunden die NT Autoren erstaunlich wenig Interesse an den Themen römischer Politik und Gesellschaft, obwohl ihre Sprache z.T. jene Welt reflektiert/kritisiert. Etwas anders ist das sicher in der Johannes Apokalypse, wo der römische Staat zur Personifizierung der gottwidrigen Macht wird.

1. Januar 2001/0 Kommentare/von Matthias Wenk
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2019/05/CNlogo.png 156 340 Matthias Wenk https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Matthias Wenk2001-01-01 16:34:432021-02-15 16:36:02Der Heilige Geist als gesellschaftsverändernde Kraft:

Das Evangelium – mehr als „harmloser Seelenfriede“

Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Das Reich Gottes als gesellschaftsverändernde Kraft

1. Gottes rettendes Eingreifen verändert immer eine Gesellschaft

Wer in der Bibel lediglich Anleitungen zum inneren Seelenfrieden oder zum privaten, religiösen Wohlbefinden sucht, wird schnell enttäuscht. Wo Gott wirkt und rettend eingreift, hat dies auch immer Folgen für die Gesellschaft. Zudem besteht die Hoffnung der biblischen Autoren darin, dass das Reich Gottes eines Tages diese gesamte Welt vollumfänglich durchdringen und erneuern wird (z.B. Jes 32,1-20; 66; Hes 34). Von dieser durchdringenden Kraft des Reiches Gottes wird erwartet, dass sie auch die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Realitäten unserer Welt neu gestalten wird. Dies zu beachten, bewahrt uns davor, das Heil Gottes rein individualistisch zu sehen und auf die ?Seele? des Menschen zu begrenzen. Die Vision des Reiches Gottes ist nicht kleiner als die einer erneuerten Erde und eines erneuerten Himmels. Wo immer Gott rettet, betrifft dies die ganze Wirklichkeit eines Menschen, also auch seine soziale, ökologische, geistliche und physische Existenz. Drei Beispiele aus der Bibel sollen dies veranschaulichen.

1.1. Der Exodus-Skandal: Ein Gott der sich um Sklaven kümmert

In der Befreiung Israels aus Ägypten geschah etwas Einmaliges, in der ganzen Geschichte der Antike noch nie Dagewesenes: Ein Gott hört auf die Schreie von Sklaven. Seine Aufmerksamkeit gilt den Hilflosen und Machtlosen, und er forderte den mächtigen Pharao sowie dessen mächtigen Gott Ra heraus. Dadurch setzte er sich über die damals übliche Gesellschaftsordnung hinweg, denn in der antiken Gesellschaft galt es als selbstverständlich, Sklaven zu halten. Die Welt war ?eingerichtet? mit Pharaonen und Sklaven, die für ihn arbeiten mussten und die keinerlei Recht und keinen Zugang zu den mächtigen Göttern hatten.

Doch Jahwe, der Gott Israels, änderte das und vollbrachte das Unvorstellbare. Er setzte die bestehenden Normen ausser Kraft und schenkte denen die Freiheit, die sich nie selber befreien konnten; er verschaffte denen Gerechtigkeit, denen niemand je Gerechtigkeit verschafft hätte. Der Pharao und seine Machtansprüche wurden einfach ausser Kraft gesetzt. Gott, der mächtiger als Ra war, schenkte seine Gunst und seine Fürsorge den Sklaven, den Unbedeutenden, denen, die nur dazu da waren, den Mächtigen ihr angenehmes Leben zu ermöglichen. Die Kraft Gottes hat die ganze Gesellschaftsordnung völlig verändert.

Seit dem Exodus aus Ägypten wissen wir, dass Gott der Gott der Freiheit und der Gerechtigkeit ist und dass bei ihm kein Ansehen der Person gilt. Und weil Israel Gott so erlebt hat, sollen sie auch untereinander entsprechend miteinander umgehen: ?Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen. Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören.? (2. Mose 22,20-22, vgl. Spr 21,13). Die Propheten sprechen dann davon, dass Israel vergessen hat, wie radikal Jahwes Rettung auch eine neue Gesellschaftsordnung hervorbrachte (z.B. Jes 1,11-17; 58; Amos etc.).

Wir halten fest: Der Exodus ist keine rein ?innere, geistliche? Rettung Israels, sondern die Erfahrung der Gnade Gottes, durch die die bestehende Hackordnung und die Gesellschaftsstruktur neu definiert wurden.

1.2. Jesu Leben und Wirken: Eine Kontrastgesellschaft entsteht

Mit dem Kommen Jesu auf diese Erde geschieht Ähnliches. Über ihn wird prophetisch gesagt: ?Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen? (Lk 1,52). Diesmal war es die fromme Elite, welche die Hackordnung festlegte und alle jene ausgrenzte und ihrer Würde beraubte, die nicht ihrem Standard entsprachen.

Grundlegend für die Einsicht, dass Jesu Wirken die Gesellschaft auch veränderte, ist seine Predigt in Nazareth, wo er den Armen, Hilflosen und Ausgegrenzten Gottes Heil zuspricht (Lk 4,16-30). Es handelt sich dabei um Menschen, die in irgend einem Bereich ihres Lebens auf Hilfe angewiesen sind  – z.B. in geistlicher, physischer, materieller oder psychischer Hinsicht. Sie können von sich aus nichts tun, um diesen negativen Lebensumstand zu verändern.

Die frohe Botschaft vom Reiches Gottes, das zu ihnen kommt, veränderte die heillosen Umstände dieser Hilflosen:

·         Zum Verbrecher am Kreuz sagte er, ?Heute wirst du mit mir im Paradies sein?

·         Der Prostituierten sprach er den Frieden Gottes zu (Lk 7,36-50)

·         Denen, die von allen anderen ausschlossen wurden, weil sie moralisch und religiös ?schwach? waren, vermittelte Jesus Dazugehörigkeit. Für ihn gehören auch sie zum Gottesvolk (Mk 2,13-17; Lk. 7,36-50; 19,1-9).

·         Er berührte den Unberührbaren (Aussätzigen), gab dem von allen Verdächtigen seine Unschuld zurück (dem Gelähmten in Lk. 5,17-26) und feierte mit Levi, mit dem niemand feiern mochte (Lk 5,27-32).

In einer Gesellschaft, in der Krankheit keine rein körperliche Sache war, sondern auch eine Frage von Schuld, Schande und sozialer Isolation, ist jede Heilung eine radikale Veränderung im sozialen Gefüge einer geheilten Person (vgl. Mat. 9,20).

Bei ihm gehören die dazu, die niemand haben will, bei ihm empfangen diejenigen Würde, deren Würde von den anderen zerstört und mit Füssen getreten wurde. Gottes frohe Botschaft gilt denen, die kein frohes Leben erlangen können. So entstand wie beim Exodus eine Kontrastgesellschaft (Apg. 2,42-47), in der es weder Männer noch Frauen, weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie gibt (Gal. 3,28).

Das Heil, das Jesus brachte, ist in radikalster Art und Weise gesellschaftsverändernd sein ? es kann gar nicht anders sein.

1.3. Die Geisterfahrung der Gemeinde: Alle haben etwas beizutragen

Diese soziale Sprengkraft des Reiches Gottes kommt u.a. auch in der Geisterfahrung der Gemeinde zum Tragen. An Pfingsten wurde der Geist auf alle Menschen (?alles Fleisch?) ausgegossen, ungeachtet geschlechtlicher, sozialer oder ethnischer Herkunft; durch den Geist fallen diese Unterschiede weg, und alle haben in der Gemeinde etwas zu sagen.1

Ähnliches kann zu den Geistesgaben gesagt werden (vgl. 1 Kor 12-14): In den Paulus-Gemeinden hatten alle ungeachtet ihrer sozialen und ethnischen Herkunft oder ihres Geschlechts etwas beizutragen. Da ist keiner selbstgenügend, da ist keiner, der nichts beizutragen hätte. Da gilt nicht ?Gleich und Gleich gesellt sich gern?, sondern Ungleich und Ungleich werden zu einem Leib geformt, der erst in seiner Vielfalt die Herrlichkeit Gottes widerspiegelt. Hier sind buchstäblich die Ersten die Letzen, und die gesellschaftsüblichen Normen werden ausser Kraft gesetzt.

Die Manifestationen des Heiligen Geistes führten immer wieder zur Versöhnung. So kam es zu einer Versöhnung

–          zwischen Juden und Heiden (Apg. 10)

–           zwischen einem Juden und einem unreinen Eunuchen (Apg. 8)

–          zwischen Juden und den ihnen verhassten Samaritern (Apg. 8).

Jedesmal ist es der Geist Gottes, der die Initiative ergreift, so dass Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten, den Weg zueinander und zur Versöhnung finden. Als Ergebnis kam es zu einer einmaligen gesellschaftlichen Konstellation: Es entstand eine Gemeinde aus  Menschen, die sich sonst nur verachtend, ablehnend und feindlich gegenüber standen.

2. Auch heute: Veränderte Menschen sind von den Spielregeln der Gesellschaft befreit und deshalb nicht harmlos

Die biblischen Beispiele veranschaulichen, dass sich das Reich Gottes nie ausbreitet, ohne dass es zu Veränderungen in der Gesellschaft kommt. Zum Teil kommen diese Veränderungen allerdings erst in der Gemeinde ganz zum Tragen (Hoffentlich auch in unseren Gemeinden!). Aber dadurch, dass eine Kontrastgsellschaft entsteht, in der nicht mehr die übliche Hackordnung gilt und in der die Gunst nicht mehr nach den üblichen Spielregeln verteilt wird,2 leuchtet die endgültige Erneuerung immer wieder vor unseren Augen auf.

In unserer Zeit erweist sich das Reich Gottes nicht minder als gesellschaftliche Sprengkraft. Bei uns sind es die Erfolgreichen, die Schönen, die Starken und das Geld, welche die Spielregeln für die Gesellschaft festlegen: Erfolg gibt recht, Geld regiert, Schönheit macht liebenswert und Stärke behauptet sich und macht unabhängig. Bei Gott erleben wir jedoch:

–          recht hat, wer treu ist und vergibt.

–          liebenswert ist, wer Mensch ist .

–          wer befehlen will, dient .

–          wer sich behaupten will, verleugnet sich und erlebt seine Abhängigkeit .

–          Gottes Allmacht verwirklicht sich in der Ohnmacht von uns Menschen.

Das Reich Gottes ist auch heute noch gesellschaftsverändernd, weil die Menschen, die es umfasst, durch einen Prozess der Veränderung gehen. Wer sich in die Nachfolge Jesu von Nazareth begibt merkt, dass sein Wert und seine Daseinsberechtigung nicht mehr durch die Leistung oder den Erfolg definiert wird, sondern von der vorbehaltlosen Annahme, die ihm durch Jesus entgegen kommt. So eine Erfahrung kann wiederum nicht ohne Auswirkungen im Umgang mit anderen Menschen bleiben. Eine Jüngerin Jesu wird davon befreit, andere Menschen nach ihren Leistungen (seien dies nun wirtschaftliche oder ?religiöse? Leistungen) zu bewerten. Die Gemeinde Jesu ist von allen unterdrückenden und menschenabwertenden Werten unserer Gesellschaft befreit und wirkt daher heilend in unsere Gesellschaft hinein. Nachfolger Jesu werden davon befreit, das Spiel der Gesellschaft mitzuspielen. Dieses Spiel wird an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten anders gespielt, doch die zwei Hauptthemen bleiben sich gleich: Geld und Macht ? sei es durch Erfolg, Schönheit, Stärke, Unabhängigkeit oder was auch immer. Wo weder Geld noch Macht die Beziehungen regeln, sondern Liebe, Annahme und Vergebung, da kann das nicht ohne Folgen für Politik und Wirtschaft bleiben. Die Erfahrung unsere Rechtfertigung durch Gnade kann nicht spurlos an unserem Umgang mit anderen Menschen vorbeigehen. In einer konsequent  christlichen Lebenspraxis wird die Erfahrung der eigenen, vorbehaltlosen Annahme durch Gott Wegweiser und Richtschnur für unser Verhalten. Und das wird von den Mächtigen und Bossen unserer Zeit als genauso wenig  harmlos empfunden, wie Jesu Hinwendung zu den ?falschen Leuten? als harmlos abgetan werden konnte. Es wird in den Augen der Macher unserer Gesellschaft immer skandalös, unwirtschaftlich und  unbequem sein. Ein konsequent christlicher Lebensstil wird so zur prophetischen Stimme Gottes, die seit je her hilfreich für die ?Letzten? und unbequem für die ?Ersten? war (Lk 13,30).

Unsere Vision ist und bleibt die einer erneuerten Erde mit einer erneuerten Gesellschaft: Weil Gott selber bei uns wohnen und alle Tränen abwischen wird (Off 21,1-4), dürfen sich alle Hungernden, Leidenden, Trauernden, Sanftmütigen, Verlachten und Verfolgten jetzt schon freuen.

Dr. Matthias Wenk (41) ist Schweizer, studierte Theologie in den USA und promovierte in England. Er arbeitet als Pastor der BewegungPlus in Hindelbank und teilzeitlich als Dozent am Theologisch-Diakonischen Seminar in Aarau. Er ist verheiratet und Vater von drei Söhnen (16, 13, 6 Jahre alt).

Alle Bibelzitate sind der Einheitsübersetzung entnommen.


1. Die Auswahl der sozialen Kategorien geschah bewusst und widerspiegelt, mit Ausnahme der Alten, diejenigen in der orientalischen Gesellschaft, die in der Regel nichts zu sagen hatten.

2. Während bei den Ägyptern die Machthaber das Gesellschaftsleben definierten, waren es bei den Juden zur Zeit Jesu die Frommen und Selbstgerechten und bei den Griechen die Weisen und Starken. Jedesmal hat Gott sich über die üblichen sozialen Schranken hinweggesetzt. Er hat seine Macht durch Sklaven, seine Reinheit und Heiligkeit durch Verachtete und Sünder und seine Weisheit durch das Kreuz und Toren demonstriert. (1. Kor 1,18-31).


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1. Januar 2001/0 Kommentare/von Matthias Wenk
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/jasmin-ne-_CffGN9x10s-unsplash-scaled.jpg 1709 2560 Matthias Wenk https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Matthias Wenk2001-01-01 16:27:072021-02-15 16:29:38Das Evangelium – mehr als „harmloser Seelenfriede“

Jesaja 5: Soziale Gerechtigkeit

Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 14 min

(direkte Mitschrift, mit freundlicher Genehmigung von Martin Bühlmann, Leiter der Vineyard Bern Gemeinde)

Die Gemeinde von Jesus – eine prophetische Gemeinde.

Was heisst prophetisch? Grundsätzlich heisst prophetisch: hervorsagen oder vorhersagen. Das heisst nicht grundsätzlich, prophetisch ist alles, was uns etwas über die Zukunft sagt. Prophetisch bedeutet im Grunde genommen das Herz und das Wesen Gottes zu spiegeln und sichtbar werden zu lassen. Das war es, was die Propheten im Alten Testament getan haben. Das ist die Berufung für den prophetischen Dienst im Neuen Testament. Also nicht in erster Linie ein Orakel, nicht in erster Linie esoterische Gefühle, sondern in erster Linie eine Reflexion – eine Widerspiegelung – der Person, des Wesens und der Absichten Gottes. Die Gemeinde von Jesus sollte eine prophetische Gemeinde sein, in dem Sinn, dass sie Gottes Weisheit spiegelt – wie wir es im Epheserbrief lesen. Gott hat ein Drängen – und Gottes Drängen ist es, sich selber sichtbar werden zu lassen. Und er hat sich gebunden an seine Schöpfung, und er hat sich gebunden an die Menschheit, und er hat sich gebunden an sein Volk. Und durch sein Volk, durch die Schöpfung macht er sich sichtbar. Das Problem ist meistens, wenn es um die Menschheit geht, dass die Menschheit besonders dann offen ist für Gottes Wesen und für sein Handeln, wenn es den Menschen schlecht geht. Man liest von Amerika, dass der Gottesdienstbesuch seit dem 11. September stark angestiegen ist. Not bewirkt im Menschen ein Suchen. Und Genüge zu haben, Überfluss zu haben, den Eindruck zu haben, wir schaffen es selbst, bewirkt im Menschen, dass er sich von seiner Abhängigkeit loslöst und seine eigenen Wege geht und – ich denke in der Folgerung davon – weder Gott noch andere Menschen braucht. Der Mensch wird unabhängig. Ich kann mich selbst versorgen! Ich bin gesegnet! Ich brauche niemanden! Ich isoliere mich selbst! Ich bin mir selbst genüge!

Und genau in diesem Schritt spiegeln wir Menschen Gott nicht wider.

Denn es braucht, um Gott widerzuspiegeln, diese innige Beziehung zu ihm, dieses Bewusstsein von Abhängigkeit, und es braucht die Gemeinschaft untereinander. Mit anderen Worten: eine gesunde Abhängigkeit voneinander, eine gesunde Zusammengehörigkeit und Zugehörigkeit. Ein Bewusstsein: ich kann mein Leben – allgemein als Mensch – nicht alleine führen, und auch nicht als Mensch, der mit Jesus durchs Leben geht. Ich kann meinen Glauben nicht alleine leben.

Christsein für sich alleine gibt es nicht. Die alten Kirchenväter haben gesagt: ein Christ ist kein Christ. Und das war nicht einfach ein Spruch eines Mannes. Darin liegt viel Wahrheit!

Persönliche Herausforderung

Wir betrachten miteinander das Buch Jesaja. Und das erste Thema ist: Gottes Weinberg. Nun der Name unserer Gemeinschaft ist „Vineyard“ (Weinberg). Und als ich mich vorbereitete, hat es mich schon etwas herausgefordert – ihr werdet das merken im Verlauf der Predigt. Es hat mich persönlich herausgefordert. Gottes Weinberg. Gottes Vineyard.

Am vorletzten Sonntag – der Gedanke, der mir kam: Die Leitung der Vineyard Gott hinzulegen und ihm dies im Gottesdienst zum Ausdruck zu bringen. Das war mir sehr wichtig. Weil ich empfinde, dass diese Gemeinschaft von Christen – diese Weggemeinschaft die wir sind – die soll nicht von Menschen geleitet werden, sondern von Jesus. Er soll tun, was Er möchte. Er soll Seinen Weg haben. Er soll uns führen und zu uns sprechen. Und es fordert uns natürlich heraus als Gemeinde, dann Menschen zu vertrauen, dass sie Gottes Stimme hören. Das geht solange gut, solange sie das hören, was wir auch hören. Die Herausforderung, der Leiterschaft zu vertrauen, entsteht ja dort, wo LeiterInnen nicht mehr das selbe hören wie wir. Dann sind wir besonders herausgefordert, in verantwortlicher Weise zusammen zu bleiben und trotzdem eigenständig zu sein, nicht wahr? In der christlichen Gemeinde gibt es nämlich auch das Übel, dass Leiter befehlen und den Eindruck haben, alle müssen gehorchen, nur weil jemand ein Leiter sei. Und das ist ebenso weit gefehlt, wie die Haltung, dass man sich nichts sagen lässt. Wir leben in diesem Spannungsfeld.

Jesaja 5,1-7: Gottes Weinberg

Lasst mich zu diesem Thema „Gottes Weinberg“ – oder wie gehen wir mit Gottes Erwartungen um, den Text aus Jesaja 5, Verse 1 bis 7 lesen:

Hört, ich will ein Lied singen von meinem besten Freund und von seinem Weinberg. Auf einem Hügel, sonnig und fruchtbar lag das Grundstück meines Freundes. Dort wollte er einen Weinberg anlegen. Er grub den Boden um und räumte alle grossen Steine fort. Die beste Rebsorte pflanzte er hinein. Er baute einen Wachturm und meisselte einen Keltertrog aus dem Felsen. Wie freute er sich auf die erste Ernte, auf saftige und süsse Trauben – doch die Trauben waren klein und sauer.

Urteilt selbst, ihr Leute von Jerusalem. Habe ich für meinen Weinberg nicht alles getan? Konnte ich nicht mit Recht eine reiche Ernte erwarten? Warum brachte er nur kleine, saure Trauben? Wisst ihr, was ich jetzt mit meinem Weinberg mache? Zaun und Schutzmauer reisse ich weg. Tiere sollen kommen und ihn kahl fressen. Ziegen und Schafe, sie sollen ihn zertrampeln. Nie mehr werde ich die Reben beschneiden, nie mehr den harten Boden mit der Hacke lockern. Dornen und Disteln sollen ungehindert wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu bringen. Soll der Weinberg doch vertrocknen!

Dies ist eure Geschichte, Israeliten. Ihr seid der Weinberg und euer Besitzer ist der Herr, der allmächtige Gott. Ihr, aus Israel und Juda, seid die Pflanzung, auf deren Erträge er sich freute. Er wollte von euch gute Taten sehen. Doch er sah nur Bluttaten. Ihr habt nicht Recht gesprochen, sondern ihr habt das Recht gebrochen.

Interpretation der prophetischen Bücher

Eine unglaubliche Herausforderung dieser Text. Es „tschuderet eim fei ä chli“. Wenn man denken könnte – gilt dieser Text auch uns. Nun, wenn ihr prophetische Bücher lest, dann gilt es auch mit einem gesunden Sachverstand heranzugehen. Es gibt Prophetien, die haben sich bereits erfüllt und sind abgeschlossen. Dann gibt es Prophetien, die haben sich erfüllt und werden sich noch erfüllen. Also obwohl sie sich erfüllt haben, heisst das nicht, dass sie vorbei sind. Dann haben prophetische Bücher aber auch den Ausdruck einer Ermutigung und Ermahnung. Also, die Art und Weise, wie Gott mit seinem Volk umgegangen ist, soll uns daran erinnern, wie Gott mit uns umgehen möchte. In diesem Sinne werde ich an diesen Text herangehen. Mit anderen Worten: Das, was Gott zum Volk Israel gesagt hat, hat das etwas für uns zu bedeuten!? Und könnte es sein, dass ähnliche Verhaltensweisen und Haltungen, die das Volk Israel hatte, auch bei uns – bei mir – bei dir – vorhanden sind!? Und könnte es sein, dass der Prophet Jesaja aus diesem Grund ein Top-aktueller Redner in mein Leben hinein ist. Und wenn ja, was hat dies zu bedeuten?

Investition und Erwartung

In diesem Text sehen wir, offensichtlich: Wenn Du arbeitest, gleich wo, dann erwartest Du ein anständiges Salär. Du erwartest eine Bezahlung. Und wenn der Lohn tief ist, braucht es einen besonderen Grund, dort zu arbeiten. Eine besondere Identifikation, eine besondere Übereinstimmung. Aber wenn Du einen Beruf hast, dann erwartest Du ein Salär. Wenn Du Geld hast und dies investierst, und das in die Swissair investiert hast, dann hast Du das getan, weil du irgendwann einen Gewinn, einen Profit erwartet hast. Und du bist zumindest entmutigt wenn nicht wütend, wenn sich diese Investition nicht bezahlt gemacht hat. In Beziehungen ist dies auch so. Hör ich oft, dass Leute in christlichen Gemeinde sagen: Ich hab doch mein Leben investiert, ich habe alles investiert, und es kommt nichts zurück. Und weil nichts zurückkommt, verschliesse ich mich jetzt in der Beziehung zu anderen Menschen. Ich hab doch ein Recht, dass etwas zurückkommt, wenn ich etwas investiert habe. Was geschieht dann, wenn sich deine Erwartungen nicht erfüllen. Wenn du schlecht bezahlt bist am Arbeitsplatz, dann beginnst Du dich umzusehen nach einer Stelle, wo du besser bezahlt wirst. Wenn dein Geld in einer besonderen Aktie keinen Gewinn abwirft, dann wirst du dir überlegen, wie könnte ich mein Geld besser investieren? Oder wenn Beziehungen nicht das halten, was du dir versprochen hast, dann bist du versucht, diese Beziehungen abzubrechen, um Beziehungen zu finden, die dir den versprochenen Gewinn geben. Wir alle können uns mit diesem Denken identifizieren, unabhängig davon, ob es richtig oder falsch ist.

Könnte es aber Gott genau gleich gehen? Er ist doch ein Vater, der sich immer nur eines wünschte: Dass seine Kinder ihm gleichen. Wie ihr wisst, werde ich Grossvater. Und wir wissen, dass es wahrscheinlich ein Junge sein wird. Und der Gedanke kam mir schon: Wird er lange Haare haben? Wird er ausschauen wie ich? Wenn es dann mal klingeln würde, und es heisst: Der sieht ja aus, wie der Grossvater! Dann würde dies mich schon besonders freuen […]. Einem Künstler geht es doch auch so. Ein Künstler freut sich darüber, wenn die Menschen erkennen, dass das Kunstwerk von ihm ist. […].

Frucht bringen – von Gott abhängig zu sein

Und genau so wünscht sich der Weingärtner in dieser Geschichte, dass eben sein Weinberg Frucht bringt. Gott braucht dieses Bild, dass er durch den Propheten spricht. Gott wünscht sich, dass an seinem Volk sein Wesen sichtbar wird. Und wenn es um Prophetie geht für die nächsten drei Monate, dann geht es ganz bestimmt auch um die Frage, dass Gott zu uns spricht und uns verborgene Dinge zeigt. Und zu uns auch über die Zukunft spricht. Dinge, die wir mit natürlichem Auge nicht sehen können. Aber es geht ganz besonders darum, dass wir prophetisch leben. D.h. Gott sichtbar machen in unserem Leben. Und darum ringen, dass wir in der Schweiz nicht mehr unabhängig von Gott leben, nicht mehr Gott ausladen aus sämtlichen Lebensbereichen und dabei denken: Wir schaffen das alleine! Lieber Gott, lass uns nur die Schweiz selbst zusammen schustern. Wir machen einen besseren Job als du! Sondern, dass wir unsere Abhängigkeit bekennen.

Und ich denke, Gott lässt Geschehnisse zu, wie wir das beim Grounding und der Krise mit der Swissair erlebt haben. Dinge, die uns zeigen sollen, wie hilflos wir im Grunde genommen sind. Wenn die Kräfte dieser Welt aneinander reiben. Oder den Unfall im Gotthard, wo die ganze menschliche Überforderung – der Technik und im Verhalten – sichtbar wird, und der Mensch plötzlich merkt: Mann, so gut, wie wir das gedacht haben, haben wir die Schweiz auch nicht im Griff. Dann braucht’s nur noch eine Wirtschaftskrise, ungesicherte AHV, unheilbare Krankheiten, und unsere ganze Sicherheit liegt im Eimer. Da denke ich mir, es wäre besser, wenn wir vorher sagen würden: Lieber Gott, wir brauchen Dich! Das Leben wäre möglicherweise etwas einfacher.

Jesaja spricht von 3 Aspekten in diesem Kapitel: Wie Gott sich selber sichtbar machen möchte.

Der erste Gedanke dabei ist:

Gott wünscht sich von seinem Volk, dass es soziale Gerechtigkeit lebt! Vers 8 + 9:

Wehe denen, die sich ein Haus nach dem anderen bauen, und ein Grundstück nach dem anderen kaufen, bis keines mehr übrig ist! Sie finden erst Ruhe, wenn das ganze Land ihnen gehört.

Sie finden erst Ruhe, wenn das ganze Land ihnen gehört. Ich habe die Worte des Herrn, des allmächtigen Gottes noch im Ohr. Er schwor, die grossen und schönen Häuser werden verwüstet da liegen und niemand wird mehr in ihnen wohnen!

Vers 22:

Wehe denen, als Richter sind sie bestechlich, für Geld sprechen sie Schuldige frei und verurteilen die Unschuldigen.

Eine Rückfrage: Wenn 4500 Arbeitnehmer entlassen werden, weil einige Bank-Krösusse in Machtkämpfen Kontrolle haben möchten über etwas, hat es mit diesem Text nicht mehr viel zu tun!? Und wenn wir dies einfach so zulassen als Christen und nicht im Gebet und mit einer Herzenshaltung, die nach Gerechtigkeit strebt, uns einfach damit abfinden, dass das Kapital heute den Menschen besitzt und dass die Wirtschaft die eigentliche Wahrheit des Volkes ist – stehen wir dann nicht bereits unter dem Gericht Gottes? Und haben wir dann nicht die Chance bereits verwehrt, dass Gott uns heimsuchen kann, weil uns Besitz, Sicherheit und Eigentum und Reichtum wichtiger ist?

Es geht darum, Gottes Natur zu reflektieren und um die Bereitschaft zu teilen. Gott will nämlich, dass wir uns für die Gerechtigkeit einsetzen. Nicht mit Gewalt und Waffen und nicht mit lautem Geschrei, sondern zuerst mit einer prophetischen Haltung, dass wir als Gottes Volk damit beginnen, diese Gerechtigkeit in unserem Umfeld zu leben. Jesaja spricht von Gerichten und Regierungen, die nicht bestechlich sein sollen. Das erwarten wir ja auch. Aber die Frage stellt sich dann für mich persönlich: Wie gehen wir miteinander um? Schliessen wir uns – auf die Gemeinde runter dividiert – Menschen an, die immer andere kritisieren?

Und ich sage euch, was wir übereinander denken und sagen, hat ungemein viel Kraft. Und wer anfängt damit, andere die ganze Zeit zu kritisieren, der injiziert ein Gift der Ungerechtigkeit, weil es unsere Haltung andern gegenüber einfach bestimmt. Dasselbe geschieht, wenn wir beginnen, über andere Christen schlecht zu reden. Dasselbe geschieht, wenn unser Reden nur noch negativ ist. Und kein Glaube und keine Ermutigung mehr vorhanden ist und das Unrecht in den Mittelpunkt gestellt wird – und nicht die Gerechtigkeit von Gott.

Profit auf Kosten anderer

Gott möchte, dass wir versuchen, aus den Beziehungen zueinander nicht Profit zu schlagen. Was auf einer Abrechnung aussieht wie ein Gewinn, kann ein Gewinn auf Kosten anderer Menschen sein. Wir müssen uns die Frage stellen: Wer verliert, wenn ich einen Gewinn mache? Diese Frage müssen wir stellen. Oder mit anderen Worten: Wenn wir in unserem Land alles daran setzen, dass es uns immer besser geht und wir uns immer mehr absichern, und dieses Absichern und Bessergehen auf Kosten anderer Völker und anderer Menschen geht, dann stellt sich die Frage, ob unser Egoismus – und Volksegoismus und Staatsegoismus – nicht das Gift ist, das letztlich unser Land zerstören wird.

Versteht ihr? Kein Volk wird auf die Dauer ungerecht leben können auf Kosten anderer und wird Kopf bleiben können. Es wird irgendwann mal zum Schwanz in der Welt. Und sollten wir uns nicht Gedanken machen: Herr, wie möchtest Du dann, dass wir damit umgehen!?

Ich freue mich, dass die Vineyard Bern wieder wächst – viele Menschen zum Glauben kommen. Aber ich sage euch eines: Wenn das Wachstum der Vineyard Bern einfach geschieht, weil Menschen aus anderen Gemeinden zu uns kommen, dann ist die Freude eine geteilte Freude. Dann ist ja unser Wachstum auf Kosten anderer geschehen. Versteht ihr? Und könnte unser Wachstum die Not des anderen sein? Und haben wir dort nicht auch Verantwortlichkeit, das Gute füreinander zu suchen?

Gott möchte soziale Gerechtigkeit, dass wir grosszügig sind. Übrigens diese Texte in Jesaja gehen zurück auf das 5. Buch Mose. Im Grunde genommen spricht Jesaja das Volk an: Hey Leute, ihr lebt das, was im 5. Buch Mose steht, nicht. Deshalb sage ich euch das! Und deshalb will Gott, dass ihr euch ändert. Versteht ihr? Die Androhungen Gottes sind nicht gegeben, damit wir uns fürchten. Sondern diese Aussagen sind uns gegeben zur Warnung, dass wir uns verändern. Dass wir auf ihn eingehen. „Mir müsse nid zittere u id‘ Hose mache, wül üs jetzt den e Turm uf Bire g’heit!“ Sondern wir müssen unsere Herzen ändern. Und sagen: Herr, wo haben wir gefehlt? Wo habe ich meinen Vorteil gesucht? Wo habe ich über andere schlecht gesprochen, damit ich besser dastehe?

Und dann kommt die Konsequenz: Bin ich grosszügig gegenüber anderen Menschen – nicht nur materiell, sondern in meinem ganzen Lebensstil und Umgang ? Bin ich geizig mit guten Worten und Ermutigung? Oder werde ich grosszügig?!

Ein Grund, weshalb die Bauern Israel zur damaligen Zeit ihren Landbesitz vergrössern konnten, war, dass sie ihren eigenen Vorteil aus dem Unglück anderer schlugen. Sie standen ihnen in ihrem Unglück nicht bei – so wie sie es hätten tun sollen – sondern, als die anderen unglücklich waren, wurden sie ausgenutzt.

Und wisst ihr, man kann mir ja sagen, was man will. Ich bin ja ein einfacher Mensch. Aber wenn Banken, für die 3, 4, 5 Milliarden ein Klacks sind – wenn man die Gewinne der letzten Jahre ansieht – wenn diese Banken es zulassen, dass die Swissair am Boden bleibt, und Tausende von Arbeitsstellen bedroht sind, dann soll mir doch keiner sagen – mit noch so frommen Worten: Ja, es hat irgend etwas mit der Kommunikation nicht geklappt! So blöd kann doch keiner sein. Wenn es um Gewinn geht, dann klappt es immer mit dem Telefonanschluss. Es ist doch offensichtlich, man wollte sich bereichern an dieser maroden Gesellschaft. Das Gute rausschneiden, unabhängig davon, was dies für Tausende von Familien bedeutet. Grosszügig sein!? Gesund sein?! Aber so wird unser Land nur noch krank.

Und dann heisst es auch, dass wir vor Gott treten und sagen: Herr vergib uns! Vergib uns diese egoistische, absolut kalte gnadenlose Art mit Menschen umzugehen. Richte uns nicht, sondern, Herr, komme du zu uns und vergib uns und verändere Du uns!

Müsst mal sehen, was diese Herrn verdienen – 4 bis 5 Millionen im Jahr! Und dann kriegen sie noch Abgangsentschädigung. Versteht ihr, mir geht es nicht darum zu sagen, dass sei schlimm. Mir geht es um etwas anderes. Das ist unsere Volkskrankheit: Der Reiche wir reicher, und der Arme wird ärmer. Aber genau so verhalten wir uns auch gegenüber anderen Ländern. Eiskalt. Wir kaufen die Bananen ein – so billig wie nur möglich – und vergessen den Bananenpflanzer, der wenig verdient.

Wir saugen Völker aus! – Gott wird das richten! Und es ist Zeit, dass wir umkehren. Aber Gott möchte nicht nur, dass wir grosszügig sind, z.B. mit unseren Geldreserven, sondern er will, dass ich das persönlich auch tue. Und die Frage, die ich mir und dir stellen möchte, ist: Wie würde Gott über dich und mich sprechen?

Der zweite Punkt:

Gott wünscht sich von seinem Volk, dass es gerecht lebt! Kapitel 5,11:

Wehe denen, die schon früh am Morgen losziehen und sich betrinken. Bis spät in die Nacht bleiben sie sitzen und lassen sich mit Wein voll laufen. Gitarren, Harfen, Pauken und Flöten und natürlich der Wein fehlen bei ihren Gelagen nie. Doch für mich, den Herrn, haben sie keinen Gedanken übrig. Was ich in der Welt tue, nehmen sie nicht wahr. Weil sie das nicht einsehen wollen, wird mein Volk in die Verbannung verschleppt werden. Dann müssen die vornehmen Herren Hunger leiden und das einfache Volk wird vor Durst umkommen.

Jesaja 5,22:

Wehe denen, die Helden sind im Wein trinken und tapfere Männer, wenn es darum geht, starke Getränke zu mischen.

Ihr seht, Gott nimmt kein Blatt vor den Mund. Gott ist nicht grundsätzlich gegen das Vergnügen. Aber Freude und Vergnügen sollen im Zusammenhang sein mit Arbeit. Er hat das Vergnügen geschaffen. Es ist ein Nebenprodukt von Arbeit, von etwas, was man gibt. Darüber dürfen wir uns freuen. Aber er will nicht, dass das Vergnügen zu unserem Lebensziel wird.

Wisst ihr weshalb? Wenn das Vergnügen und der Lustgewinn das Lebenziel des Menschen ist, dann hat er keine Einsicht und Sicht mehr von Gott. Er meldet sich von seiner Verantwortlichkeit Gott und Menschen gegenüber ab. Gott will nicht, dass das Vergnügen zu unserem Lebensziel wird, weil es für das, was Gott tun möchte, blind macht. Also wenn ich fixiert darauf bin, reich zu werden oder Lustgewinn zu haben, dann werde ich Schritt für Schritt in meiner Abhängigkeit von Gott erkalten. Verstehst Du? Und das geht ganz langsam, ohne das Du’s merkst. Da sagt Gott: Hey! Persönliche Gerechtigkeit! Lebst du recht mit Gott? Erkennst Du, woher der Segen kommt?

Und ich denke, dieser Lustgewinn – Lustabhängigkeit – ist für unser Land und für die Vineyard Bern eine grosse Gefahr. Ich denke, jetzt kommen dann die Bewilligungen für die Spielkasinos. Und wie es ausschaut, werden wir eines in Bern haben. Übrigens interessant: In Bern haben sie ausgerechnet, dass der Steuergewinn des Spielkasinos höher sein wird als die Sozialgelder, die man aufwenden muss, um abhängige Spieler über Wasser zu halten. Leute, das ist ein Skandal und ein Zeichen von Umgang mit Menschen, der jeder Menschenwürde abgeht. Wenn wir sagen, wir machen mehr Geld damit, dann nehmen wir in Kauf, dass es einigen schlecht geht. Und denen geben wir noch einen Trostbatzen. Also so was Verdrehtes!

Aber das Schlimme ist, in unserer Gemeinde geht es ganz ähnlich. Im Grunde genommen geht es um die Frage, was gibt uns noch einen besseren geistlichen Kick. Wir erwarten von der Gemeinde offensichtlich, dass sie unsere Bedürfnisse befriedigt. Und solange, wie sie das tut, ist sie gut. Und wenn sie dies nicht mehr tut und unser Engagement braucht, dann ist sie plötzlich nicht mehr gut. Also diese Versuchung, die Gemeinde im Rahmen von Lustgewinn zu beurteilen, ist immens gross. Aber wenn wir das tun, meine Lieben, werden wir als Gemeinde in dieser Stadt gar keine Kraft mehr sein. Dann sind wir ein Blöterliverein!

Und die Herausforderung ist ja genau die: Was ist unser Fleisch ? Ist es die Speise, die ich esse, damit es mir gut geht? Oder ist meine Speise (wie bei Jesus ist Joh. 4.34), dass ich seinen Willen tue, damit es dem nächsten dafür gut geht. „Min Ranze – oder der Ranze vom Nächste“.

Und das Schlimme ist in unserer westlichen Welt, dass wir unser Christsein genauso egoistisch leben, wie die Welt ihren Gewinn egoistisch lebt. Und ich denke, wir müssen uns überlegen, wo wir stehen? Was würde Gott über deine persönliche Lebensausrichtung sagen?

Der 3. und letzte Aspekt:

Gott wünscht von seinem Volk, dass es gerechte Grundsätze hat in seiner Ausrichtung.

Jesaja 5,20:

Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen. Die die Finsternis als Licht bezeichnen und das Licht als Finsternis. Die Saures für süss erklären und Süsses für sauer. Wehe denen, die sich selbst für klug und verständig halten.

Was meint ihr: Welche Wahrheit ist für uns Wahrheit. Wenn unsere Wahrheit zur allgemeinen Wahrheit wird, dann verwechseln wir Gutes und Böses, weil meine persönliche Wahrheit abhängig ist von meinem subjektiven Empfinden und Erleben. Wenn ich zum Massstab werde und jeden Menschen an mir messe, dann werde ich irgendwann einmal herausfinden, dass dieser Massstab nicht der richtige sein wird. Es geht nicht um deine und meine Wahrheit – es geht um Seine Wahrheit.

Die Propheten werden manchmal als Rufer in der Wüste bezeichnet, die Menschen zu Gottes Bündnis zurück rufen. Die unangenehm werden. Sie kannten die 5. Bücher Mose – das Bündnis, das Gott mit seinem Volk geschlossen hatte. Deshalb riefen diese Propheten immer wieder: Hey Leute! Lasst euch zurückrufen!

Und in diesem Sinne sind wir als Vineyard Bern auch eine prophetische Gemeinde. Wir möchten dieser Stadt und Region von Bern sagen: Da ist ein Buch, das Gottes Wesen und Charakter aufschliesst. Möchtest Du ihn kennenlernen? Möchtest Du es nicht zulassen, dass dein Leben konfrontiert ist von diesem Buch? Dass es dein Leben spiegelt und herausfordert? Oder wollen wir dort stehen bleiben und sagen: So wie ich mein Leben sehe, betrachte und definiere, ist es richtig. Das Buch könnte ich höchstens noch gebrauchen, um mir einige Bibelstellen zu liefern, die meine Punkte unterstreichen. Aber ich bin nicht bereit, grundsätzlich mein Leben an diesem Buch auszurichten.

Schaut mal: Menschen, die sich nicht ausrichten, haben sich schon gerichtet.

Wenn wir mit Gott leben wollen, dann müssen wir uns auch seinem Denken und Reden hingeben, sonst werden wir zu religiösen Heuchlern!

Nach welcher Wahrheit lebe ich? Es ist ja nicht so, dass du das absolut beantworten kannst. Aber eine Herzensentscheidung: Soll dieses Buch die Wahrheit sein?

Viele Menschen erwarten nämlich nicht, dass Gott handeln wird. Das war damals so und ist heute so.

Jesaja 5, 18+19: Wehe denen, die an die Sünde gefesselt sind, und ihre Schuld hinter sich herschleifen, wie ein Ochse seinen Karren. Sie spotten: Er soll sich beeilen, der heilige Gott Israels, wir möchten endlich sehen, wie er straft! Ständig spricht er von seinem Gericht. Also los! Er soll zeigen, was er kann!

Meine Lieben, dieses Land redet so. Die Schweiz fordert Gott heraus. Sie macht sich lustig über seine Existenz. Gott wird nicht verziehen. Irgendwann wird er reagieren.

Vers 16: Der Herr, der allmächtige Gott, vollstreckt sein Gerichtsurteil und erweist so seine Macht. Er zeigt, dass er ein heiliger und gerechter Gott ist.

Der Weinberg:

  • Es geht um Fruchtbarkeit – welch eine Herausforderung!
  • Er möchte, dass wir soziale Gerechtigkeit suchen.
  • Er möchte, dass wir gemäss göttlichen Grundsätzen leben.
  • Und er hat den Wunsch, dass wir gerecht leben. Gott-gemäss. Jesus-gemäss.

Wollen wir das? Es braucht eine Entscheidung. Es braucht ein weiches Herz und die Bereitschaft zu handeln.

1. Januar 2001/0 Kommentare/von Martin Buehlmann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/tingey-injury-law-firm-DZpc4UY8ZtY-unsplash-scaled.jpg 1707 2560 Martin Buehlmann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Martin Buehlmann2001-01-01 16:11:372022-08-16 11:51:20Jesaja 5: Soziale Gerechtigkeit

Es lebe das Privateigentum !?

Theologie, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

„Das ghört mir!“ – ein kleiner Satz, den sich jedes Kleinkind schon früh aneignet. Die westliche Gesellschaft ist vom Gedanken des Privateigentums geradezu „besessen“. Es scheint ein allgemein verbreitetes Hobby zu sein, beim Ausfüllen der Steuererklärung alle möglichen Tricks anzuwenden, um ja nicht ein Fränkli zuviel in die allgemeine Kasse legen zu müssen.

Dieser Gedanke macht auch vor dem westlichen Christentum nicht Halt.Manche Christen sehen im Gebot „Ddu sollst nicht stehlen„ wird als Plädoyer für das Privateigentum verstanden. Einige gehen so weit, dass sie den heutigen Sozialstaat als etwas Unchristliches sehen – ein Dieb, der unser verdientes Privateigentum stehlen will. So fordern auch nicht wenige Christen einen „schlanken Staat“.

Nun, was die biblischen Geschichten angeht, finden wir tatsächlich viele Bespiele für Privateigentum. Doch sollten wir vorsichtig sein, dies quasi als einzig richtiges Gesellschaftssystem zu deklarieren. Und das Gebot, „du sollst nicht stehlen“, beschränkt sich nun wirklich nicht auf die private Ebene.

Tatsächlich finden wir bereits im Aalten Judentum einige Institutionen, die dem heutigen Sozialstaat sehr ähnlich sind. Es gab verschiedenetliche Steuern (wie etwa „der Zehnte“) sowie weitere Abgaben in Form von Geld und Naturalien. Alle 50 Jahre wurde zudem das ganze Land umverteilt und alle Sklaven freigelassen (Erlassjahr). Es erstaunt daher, wenn heutzutage gläubige Christen staats- und steuerfeindlich eingestellt sind.

Ein völlig radikales Bild vermittelt uns die Apostelgeschichte. In Jerusalem wurde in der Gemeinde alles Geld zusammengelegt. Vermögende Leute verkauften ihr Grundstück und schenkten das Geld der Gemeinde. Das Geld wurde dann erneut auf alle Bedürftigen verteilt (Apg. 4,32-37).

„Du solllst nicht stehlen“ wurde vielmehr im Kontext des Kollektiveigentums verstanden; d.h. ein Diebstahl bestand darin, zu mogeln und ein Teil seines Geldes der Gemeinschaft vorzuenthalten (Apg. 5,1-11).

Wie unvorstellbar sich dies auch anhört – die erste christliche Gemeinde lebte freiwillig in einer Kollektivgesellschaft. Später wurden in den Gemeinden, die Paulus bereiste, solidarisch Geld für die Muttergemeinde in Jerusalem gesammelt (in Jerusalem lebten überdurchschnittlich viele arme Pilger, was während der grossen Hungersnot zu einem Notstand führte). Internationale Solidarität und Umverteilungen gab es also bereits damals.

Eine vereinfachte Aufstellung der innerbiblischen Entwicklung:

 

Zeit der Patriarchen mosaisches Gesetz erste Christengemeinde Christentum heute
ca. 2000 v. Chr. ab 1200 v. Chr. ca. 30 n. Chr. 2001 n. Chr.
Privateigentum / Patriarchen, Sippen Privateigentum, Einführung von Steuern; Menschen als „Verwalter“ von Grundstücken“ Verkauf von Privateigentum, leben Kollektivgesellschaft, Unterstützung anderer Gemeinden ?

Das sehr vereinfachte Schema zeigt eine Entwicklung innerhalb des biblischen Verständnisses von Privat- und Kollektiveigentum auf. Es ist mir bewusst, dass sich das Modell der Kollektivgesellschaft nicht einfach 1 zu 1 übertragen lässt. Schon gar nicht sollten wir eine Kollektivgesellschaft diktatorisch herbei zwingen, wie dies etwa in den Sowjetstaaten der Fall war. Es sollte uns aber trotzdem zu denken geben. Könnte es sein, dass der Heilige Geist uns Christen erfüllen möchte, damit wir unsere westlichen Individualgesellschaft überwinden können? Könnte es sein, dass wir beispielsweise unsere Einstellung den Steuern gegenüber revidieren sollten? Über die Höhe und Verwendung von Steuergeldern kann man/frau sicher diskutieren. Grundsätzlich sind aber Steuern und Umverteilungen biblisch breit verankert, so dass auch Paulus dieses Thema im Römerbrief Kapitel 13 anschneidet:: “ .. denn deshalb entrichtet ihr auch Steuern; denn die staatlichen Mächte sind Gottes Diener, die eben hierzu fortwährend beschäftigt sind. Gebt allen, was ihnen gebührt: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Ehrfurcht, dem die Ehrfurcht, die Ehre, dem die Ehre gebührt (Römerbrief 13, Vers 6+7).


Photo by Tierra Mallorca on Unsplash

1. Januar 2001/0 Kommentare/von Tom Hertig
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2021/02/tierra-mallorca-rgJ1J8SDEAY-unsplash-scaled.jpg 1922 2560 Tom Hertig https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Tom Hertig2001-01-01 15:54:052021-02-15 15:55:53Es lebe das Privateigentum !?
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