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Grosszügig teilen – der Auftrag der Schweiz

Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Vortrag von Hanspeter Nüesch an der ChristNetKonferenz 2007 «Die Schweiz – Bekannt für ihre Barmherzigkeit?»

Ich lebe in einem Dorf mit 100 Einwohnern. Über 70 davon sind arm. Etwa 30 von uns geht es mit verschiedenen Abstufungen gut. Die sieben Reichsten geben zwei Drittel des zur Verfügung stehenden Geldes aus. Sie verbrauchen die Hälfte der zur Verfügung stehenden  Energieressourcen. Sie nehmen die Hilfe des Dorfarztes an gut 330 Tagen in Anspruch, sodass der Arzt für die restlichen 93 Einwohner nur noch 30 Tage zur Verfügung hat. Und in Zukunft werden die sieben Reichsten noch reicher und die 93 Ärmsten noch ärmer.

„Mein Dorf“ ist die Welt. Die meisten, wenn nicht alle Anwesenden hier gehören zu den 7% Reichsten. Und die Diskrepanz zwischen uns reichen Schweizern und dem Gros der Weltbevölkerung nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ein Pastor in der Schweiz verdient durchschnittlich pro Monat mindestens 4’500 Franken; ein Pastor in Russland etwa 450 Franken, das ist ein Zehntel; ein Pastor in China etwa 150 Franken, das ist ein Dreissigstel; ein Pastor in Kuba etwa 45 Franken; das ist ein Hunderstel von dem, was ein Schweizer Pastor verdient. Das sind realistische Zahlen, weil wir in den vergangenen Jahren mit mehreren hundert Pastoren in diesen Ländern zusammengearbeitet haben.

Wenn das beschriebene Dorf Ihr Dorf wäre, dann würden Sie doch etwas gegen diese Reichtumsdisparität tun, nicht wahr? Aber weil es die Menschen in Ruanda oder im fernen Kuba betrifft, kümmert es uns weniger. Das muss sich ändern.

Kein Thema ausser der Warnung vor dem Götzendienst hat im Alten Testament einen prominenteren Platz und wird häufiger behandelt als die Not der Armut und Gottes Einstellung zur Ungerechtigkeit. Einer von sieben Versen im Lukasevangelium handelt vom richtigen, verantwortungsvollen Umgang mit den uns anvertrauten Gütern. In den Seligpreisungen findet eine Umkehrung der vorherrschenden Werte statt (Matthäus 5, 3-12): Die Reichen aller Art, die Selbstgerechten, Selbstzufriedenen, Durchsetzungsfähigen, Coolen sehen plötzlich in Gottes Augen nicht mehr so cool aus. Jesus lobt im Gegenzug Personengruppen selig, die auf unserem Schweizer Arbeitsmarkt kaum eine Stelle fänden; nämlich diejenigen, die sich arm, schwach und von Gott abhängig empfinden; die Zurückhaltenden, die Bescheidenen, die Sanften, die anderen den Vortritt lassen und die lieber die andere Wange hinhalten, als zurückzuschlagen. Jesus setzt noch eins drauf, indem er klar macht, dass er es ist, der uns in den Schwachen und Entrechteten begegnet. „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“, oder eben nicht getan (Matthäus 25, 40.43).

Jesus hat das doppelte Liebesgebot, Gott von ganzem Herzen zu lieben und den Nächsten wie sich selbst, als höchstes Gebot für seine Nachfolger bezeichnet: (Matthäus 22, 37-40). Man kann nicht Gott lieben ohne unsere Mitmenschen zu lieben. Und man kann nicht unsere Mitmenschen lieben, ohne die Liebe praktisch zu zeigen. Paulus betont, dass Gottes Liebe in unsere Herzen gegossen ist durch den Heiligen Geist (vgl. Römer 5,5). Geisterfüllte Christen zeigen ihre Liebe, indem sie den Menschen ganzheitlich helfen. Dazu gehört, dass sie diese zu Jesus führen; das ist die wichtigste Liebestat. Aber es ist nicht die einzige. Gottes Liebe muss auch Hände und Füsse bekommen. Wenn die Bedürftigen praktische Liebe durch uns erfahren, dann lernen sie Gott und seine Liebe kennen. Unsere Taten predigen lauter als unsere Worte; aber sie müssen durch erklärende Worte begleitet werden, damit die Menschen die Quelle der Liebe erfahren und sich direkt an diese göttliche Quelle wenden können.

Die erste Frucht der Gegenwart des Heiligen Geistes ist Liebe (Galater 5,22). Was haben die ersten Christen gemacht, nachdem sie an Pfingsten vom Heiligen Geist erfüllt und transformiert wurden? Sie haben alles miteinander geteilt. Die Reicheren verkauften ihre Besitztümer, um mit dem Ertrag den Ärmeren unter ihnen zu helfen (Apostelgeschichte 2,44f). Jim Wallis betont in „Wer, wenn nicht wir“, dass unsere spirituelle Armut direkt mit unserer mangelnden Bereitschaft zu teilen zu tun hat, und dass der Einsatz für die Armen und für soziale Gerechtigkeit der Schlüssel zur Überwindung unserer spirituellen Armut ist. Jim Wallis: „Es geht nicht darum, dass ein paar Leute etwas für andere tun; sondern auch darum, dass wir alle geheilt werden.“

Umfassende Heilung, so hat Jesus seinen Auftrag in Lukas 4,18 beschrieben: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen frohe Botschaft zu bringen, den Gefangenen Befreiung zu verkündigen und den Blinden das Augenlicht, die Zerschlagenen zu heilen und ein Gnadenjahr des Herrn zu verkündigen.“ Und Jesus hat uns, seinen Jüngern, denselben Auftrag gegeben: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Johannes 20,21). Natürlich mit dem wesentlichen Unterschied, dass nur er für unsere Sünden mit seinem Tod bezahlen konnte. Nur Jesus konnte Lazarus neues Leben schenken. Wir haben jedoch den Auftrag, Lazarus von den Tüchern zu befreien. Diesen Auftrag nimmt uns Jesus nicht ab.

Wir haben uns zu fragen: Wo sind diejenigen, die in mannigfaltigen Tüchern gefangen sind und deshalb die Freiheit, die Christus allen Menschen verheissen hat, nicht erleben? Vielleicht ist es materielle Armut, vielleicht sind es ungerechte Strukturen, vielleicht Formen der Unterdrückung, vielleicht Missbrauch durch die Mächtigen, vielleicht Katastrophen. Wer weiss, gehören wir vielleicht auch einmal zu diesen Armen und mannigfaltig Gefangenen und Unterdrückten, die auf die Hilfe der Geschwister angewiesen sind?

Und die Schweiz

Die Schweiz ist reich, sehr reich; zumindest materiell. Sie hat den Auftrag, ihren Reichtum mit der Welt zu teilen. Sie hat es mindestens so nötig zu geben, wie die Ärmeren es nötig haben zu empfangen. Der Gebende wird selber gesegnet. Unsere geistliche Armut hat auch damit zu tun, dass wir unsere Gaben immer noch grösstenteils für uns behalten. Was für ein Segen könnten wir für die Welt sein, wenn wir die uns anvertrauten Talente grosszügig zur Linderung der weltweiten Not einsetzen würden (vgl. Matthäus 25)! Ein Schweizer Franken ist im Ausland das x-fache wert. Ich stimme mit Scott MacLeod („Der Löwe des Lichts“) überein, dass Gott uns Schweizern die Gabe der Barmherzigkeitsdienste gegeben hat. Nur setzen wir diese Gabe noch viel zu wenig ein. Bei Campus für Christus haben wir wiederholt die Erfahrung gemacht, dass wenn wir in materiellen Engpässen die Gaben an die Bedürftigen in Kuba, Nordkorea, Russland, Ruanda… nicht reduziert haben, Gott uns selber wieder aus der Misere herausgeholfen hat. Wir empfanden, oft mehr erhalten zu haben, als dass wir gegeben haben; nicht primär materielle, sondern geistliche Güter. Wenn wir den Armen geben, geben wir Gott. Und: „We can never outgive God.“ Er gibt uns auf irgendwelche Weise immer mehr zurück, als dass wir den Armen und damit ihm geben. Wir sind wirklich sehr dumm, wenn wir nicht beginnen, grosszügig zu geben, falls wir das bisher noch nicht getan haben.

„Gebt, dann wird euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuften, überfliessenden Mass wird man euch beschenken; denn nach dem Mass, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.“ Lukas 6,38

Vor 25 Jahren sahen Geschwister im Geiste, wie von der Schweiz aus geistliche Ströme in alle vier Windrichtungen in die Welt hinaus flossen. Diese Glaubensvision hat meine Tätigkeit als Missionsleiter wesentlich geprägt. Mehr als je zuvor ist es meine Überzeugung, dass unser Land in den kommenden Jahren Wesentliches zur Erfüllung des Missionsauftrages Jesu Christi in aller Welt leisten kann, wir Schweizer müssen jedoch in Zukunft unseren Reichtum viel grosszügiger als bisher mit den Bedürftigen der Welt teilen. Ich vermute, dass dann eine geistliche Erneuerung in unserem Land nicht mehr fern ist.

29. April 2010/0 Kommentare/von Hanspeter Nüesch
Schlagworte: money, switzerland
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