Information und Desinformation: die aktuellen Herausforderungen
Fake News, Misstrauenskultur und der Kampf um die Informationsmacht prägen unsere Zeit. Die Wahrheit hat einen schweren Stand – nicht nur in autoritären Staaten, sondern zunehmend auch in westlichen Demokratien und selbst in der Schweiz.
Eine Demokratie lebt davon, dass ihre Bürgerinnen und Bürger auf der Grundlage möglichst richtiger Informationen entscheiden können. Gute politische Lösungen entstehen nur dort, wo Wissen frei erarbeitet und Tatsachen offen diskutiert werden können.
Doch genau diese beiden Voraussetzungen geraten unter Druck: die Produktion von Wissen und dessen Verbreitung.
Wissensproduktion: zunehmend von Interessen gesteuert?
Universitäten sind die wichtigsten Orte der Wissensproduktion. Gleichzeitig stehen sie heute unter wachsendem finanziellem Druck. Kürzungen auf nationaler und kantonaler Ebene führen dazu, dass Hochschulen immer stärker auf Drittmittel angewiesen sind. Unternehmen finanzieren Lehrstühle oder ganze Forschungsbereiche1 und schaffen damit Abhängigkeiten. Natürlich kann auch auf diesem Weg wertvolle Forschung entstehen. Gleichzeitig wächst aber das Risiko, dass kritische Fragestellungen unterbleiben oder Forschungsrichtungen bevorzugt werden, die wirtschaftlichen Interessen dienen. Es ist z.B. wissenschaftlich belegt, dass die Quelle der Finanzierung die Qualität der Forschung beeinflussen kann2 . Wissenschaft braucht jedoch Unabhängigkeit, gerade wenn sie unbequeme Wahrheiten ans Licht bringen soll.
In den USA zeigt sich diese Entwicklung besonders deutlich. Dort geraten Universitäten zusätzlich auch unter politischen Druck. Die amerikanische Regierung verlangt, kritische Lehrinhalte aufzugeben3 oder Forschung ideologisch auszurichten. Wo Wissenschaft nicht mehr frei arbeiten kann, verliert eine Gesellschaft einen wesentlichen Kompass.
Wissensverbreitung: in der Hand von wenigen?
In vielen Ländern konzentriert sich das Eigentum der klassischen Medien in den Händen weniger Konzerne und Milliardäre. Besonders sichtbar ist diese Entwicklung in den USA4 und in Frankreich5 . Wer grosse Medienhäuser besitzt, entscheidet nicht nur darüber, worüber berichtet wird, sondern oft auch darüber, welche Themen kaum mehr Beachtung finden. Parallel dazu werden kritische Medien und Nichtregierungsorganisationen immer häufiger mit kostspieligen Klagen überzogen. Solche Verfahren dienen nicht nur der juristischen Auseinandersetzung, sondern können auch einschüchtern und kritische Stimmen zum Schweigen bringen. Beispiele finden sich etwa bei Klagen gegen Greenpeace6 im Zusammenhang mit grossen Pipelineprojekten in den USA.
Noch stärker verändert haben jedoch die sozialen Medien unsere Informationswelt. Plattformen wie X oder Meta gehören heute Unternehmern, die offen radikale politische Positionen vertreten. Auch die künstliche Intelligenz entwickelt sich zunehmend in den Händen weniger globaler Technologiekonzerne7 . Damit wächst die Macht Einzelner über jene Instrumente, welche Milliarden Menschen täglich zur Information nutzen.
Lange Zeit war Wikipedia für einen grossen Teil der Weltbevölkerung eine der wichtigsten unabhängigen Informationsquellen. Heute greifen immer mehr Menschen direkt auf Systeme künstlicher Intelligenz zurück. Diese sind einfacher zugänglich und beantworten Fragen in Sekundenschnelle. Gleichzeitig erfordert ihre Entwicklung Investitionen in Milliardenhöhe. Nur wenige Konzerne und Multimilliardäre können sich solche Systeme leisten. Damit droht die Kontrolle über künftige Informationsquellen in den Händen einer kleinen wirtschaftlichen Elite zu liegen – einer Elite, die ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen vertritt.
Korrekte Information und Meinungsfreiheit
Hinzu kommt ein grundlegender Unterschied zum klassischen Journalismus. Journalistinnen und Journalisten sind an Sorgfaltspflichten gebunden und müssen für ihre Aussagen geradestehen. In den sozialen Medien gilt dies kaum. Behauptungen, Verleumdungen oder gezielte Desinformation verbreiten sich millionenfach, ohne dass jemand Verantwortung übernimmt. Was als «Free Speech» bezeichnet wird, kann in der Praxis bedeuten, dass Lügen dieselbe Reichweite erhalten wie sorgfältig recherchierte Fakten.
Der Historiker Yuval Noah Harari beschreibt diese Entwicklung eindrücklich in seinem Buch «Nexus». Er zeigt, dass Information seit Jahrtausenden Macht bedeutet. Seine Warnung lautet: Wenn Algorithmen vor allem Empörung, Polarisierung und Aufmerksamkeit belohnen, gerät die gemeinsame Suche nach Wahrheit in Gefahr, und die Radikalisierung nimmt zu. Harari lag mit früheren Warnungen, etwa zur Macht der künstlichen Intelligenz, mehrfach erstaunlich richtig. Seine Analyse verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit.
Dabei geht es nicht darum, Meinungsfreiheit einzuschränken. Im Gegenteil: Eine freie Gesellschaft braucht unterschiedliche Meinungen. Aber Meinungsfreiheit darf nicht mit dem Recht verwechselt werden, bewusst Unwahrheiten zu verbreiten oder Menschen zu verleumden. Über Meinungen und politische Ziele darf gestritten werden. Die Tatsachen, auf denen dieser Streit basiert, müssen jedoch überprüfbar bleiben.
Eine zusätzliche Gefahr stellen automatisierte Bots dar. Staaten wie Russland setzen sie seit Jahren gezielt ein, um Diskussionen zu beeinflussen und Stimmungen zu erzeugen.8 Kommentarspalten9 und soziale Netzwerke werden von künstlichen Accounts überschwemmt, die den Eindruck einer breiten öffentlichen Meinung vortäuschen. Selbst Abstimmungen oder politische Debatten in westlichen Demokratien können so beeinflusst werden. Wenn künstliche Programme sich gegenseitig Kommentare schreiben und Diskussionen führen, verschwimmt die Grenze zwischen echter öffentlicher Meinung und künstlich erzeugter Propaganda. Bots, die sich als Menschen ausgeben, sollten deshalb verboten und technisch konsequent blockiert werden.
Folgen der Desinformation: Ungerechtigkeit und Klimawandel
Wie wirkungsmächtig Information ist, zeigte der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz bereits in seinem Buch «Der Preis der Ungleichheit» von 2012. Er beschreibt, weshalb selbst viele wirtschaftlich Benachteiligte kaum gegen extreme Ungleichheiten auftreten: weil sie gar nicht ausreichend über deren Ursachen informiert sind und stattdessen die Erzählung übernehmen, jeder sei ausschliesslich für sein Schicksal selbst verantwortlich. Wer die Informationskanäle kontrolliert, beeinflusst letztlich auch das politische Denken.
Noch deutlicher wird dies beim Klimawandel. Dokumentationen haben aufgezeigt, wie finanzstarke Interessengruppen über Jahre pseudowissenschaftliche Organisationen unterstützten, um Zweifel an der menschengemachten Klimaerwärmung zu säen10 . Begleitet wurde dies von gezielten Kampagnen in sozialen Medien. Wer genügend Geld hat, kann das lautere Megafon kaufen und mit Unwahrheiten die wissenschaftlichen Fakten übertönen – selbst dann, wenn diese eindeutig sind.
Ohne Wahrheit kein Vertrauen – der Erosion der Beziehungen entgegenwirken
Besonders problematisch wird diese Entwicklung, wenn führende Politiker selbst systematisch Unwahrheiten verbreiten. Wohl noch selten hat ein amerikanischer Präsident nach Einschätzung von Faktenprüfern so häufig falsche oder irreführende Aussagen gemacht wie Donald Trump11 . Trotzdem scheint die öffentliche Empörung darüber erstaunlich gering geworden zu sein. Auch Politiker, die sich ausdrücklich auf christliche Werte berufen, scheinen Wahrheit nicht mehr konsequent einzufordern, selbst wenn das neunte Gebot dies klar einfordert. Wahrheit ist in der Bibel kein nebensächlicher Wert, denn sie bildet die Grundlage von Vertrauen – und Vertrauen wiederum ist die Grundlage jeder funktionierenden Gesellschaft.
Wo Wahrheit nicht mehr gesucht wird, wo Fakten beliebig werden oder gezielt übertönt werden, entsteht eine postfaktische Gesellschaft. Dann entscheidet nicht mehr das bessere Argument, sondern die grössere Reichweite, das lautere Megafon oder das grössere Vermögen. Es gilt das Recht des Stärkeren.
Gerade deshalb müssen wir uns als Gesellschaft neu fragen: Wie können wir die unabhängige Forschung stärken? Wie schützen wir freie Medien? Wie verhindern wir, dass künstliche Intelligenz und soziale Netzwerke zu Instrumenten weniger Mächtiger werden? Wie garantieren wir Meinungsfreiheit, ohne Verleumdung und gezielte Desinformation zu akzeptieren? Und wie schaffen wir Räume, in denen Fakten gemeinsam überprüft werden können, bevor über politische Lösungen gestritten wird?
Vielleicht beginnt die Antwort mit einer einfachen Haltung: Wahrheit nicht nur dann zu verteidigen, wenn sie den eigenen Überzeugungen dient, sondern gerade dann, wenn wir sie selber unbequem finden. Denn Demokratie lebt nicht davon, dass alle derselben Meinung sind. Sie lebt davon, dass wir bereit sind, gemeinsam nach der Wahrheit zu suchen.
Im Zusammenhang mit dem ChristNet-Forum vom November 2017 unter dem Titel «Alles fake!? – Wahrheit in Medien und Politik» verfasste der Wirtschaftstheologe Michaël Gonin einen Grundsatzartikel zum Thema «Wahrheit» vor biblischem Hintergrund, der diesen Artikel ergänzt. Zum Artikel
1. Walter Frey an der Uni Zürich: Akademische Autoliebe | WOZ Die Wochenzeitung
2. Medizinische Forschung, welche von der Pharmaindustrie finanziert ist, bringt oft «industriefreundliche» Resultate, d.h. die Wirkung eines neuen Medikaments wird überschätzt: Sismondo S. How pharmaceutical industry funding affects trial outcomes: causal structures and responses. Soc Sci Med. 2008 May;66(9):1909-14. doi: 10.1016/j.socscimed.2008.01.010. Epub 2008 Mar 4.
3. More than 50 universities face federal investigations under Trump’s anti-DEI campaign | PBS News und Harvard: Wegen „woker Ideologie“ – Trump-Regierung will Harvard neue Fördermittel verwehren – WELT
4. In Trump 2.0, MAGA-aligned influencers and media emerge as the new mainstream | Reuters und How the US right wing is taking over news media and choking press freedom | US news | The Guardian
5. Est-il vrai que «90% des grands médias appartiennent à neuf milliardaires» ? – Libération
6. Gerichtsurteil in den USA: Gefährlicher Angriff auf das Recht auf freie Meinungsäusserung – Greenpeace Schweiz
7. Concentrating Intelligence: Scaling and Market Structure in Artificial Intelligence | NBER
8. KI-Desinformation: Russische Propaganda vergiftet Chatbots
9. Z.B. im « 20 Minuten » nach Berichten über russische Drohnen in Kopenhagen: Drohnen über Kopenhagen: Flughafen bleibt wegen Sicherheitsbedenken geschlossen – 20 Minuten
10. Fossil Fuel Philanthropy – Institute for Policy Studies
11. Cross-checking journalistic fact-checkers: The role of sampling and scaling in interpreting false and misleading statements – PMC und Trump’s false or misleading claims total 30,573 over 4 years – The Washington Post










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