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Konsum: Erlebnisse statt Dinge – aber oft genauso konsumorientiert

Gesellschaft, Gesundheit, Philosophie, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

In meinem Umfeld beobachte ich einen interessanten Wandel: Materieller Besitz wirkt zunehmend oberflächlich sowie nicht nachhaltig und ist deswegen verschrien. Minimalismus-Influencerinnen wie Marie Kondo stossen mit der Idee von radikaler Besitzreduzierung auf Begeisterung. Besitzverzicht wird zur Tugend.

Doch was tritt an seine Stelle? Nicht der Verzicht auf Konsum, sondern ein Wechsel der Form: Statt Dinge zu sammeln, jagen wir Erlebnissen hinterher – und glauben, damit weniger konsumorientiert zu sein. Doch der Konsumismus lebt weiter – einfach in einem neuen Gewand.

Waren Sie auch schon mal in der Wohnung einer älteren Person, die überquillt von Sächelchen, Andenken und Krimskrams? Die künstliche Riesenmuschel aus Mallorca, Geschenke der Grosskinder, das Halsband der lange verstorbenen Familienkatze, eine verstaubte Ausgabe der Zeitschrift «Schweizer Familie» von 2014. In früheren Generationen war das Sammeln und Behalten ein Ausdruck von Fürsorge, Erinnerung und Beständigkeit.

Vom Besitz-Konsum zum Erlebnis-Konsum

Oder kennen Sie die lächelnde Fitness-Bloggerin, die in jedem Video ein neues farblich abgestimmtes Outfit samt Sportuhr und Mätteli präsentiert und ein makelloses Image arrangiert? Die Inszenierung geht dabei einher mit plattem Materialismus – einem durch das US-amerikanische Influencertumangeschraubten Ideal.

In meinem eher bodenständigen, alternativ geprägten Umfeld scheint man diesen Formen des Konsums entwachsen zu sein. Die Oberflächlichkeit des Materialismus hinter sich zu lassen, das klingt fortschrittlich. Materieller Besitz und dessen Zurschaustellung gelten hingegen als unauthentisch, angeberisch, verschwenderisch und sogar egozentrisch, was insbesondere im Zusammenhang mit der gerne hochgehaltenen Bescheidenheit eines Teils der Gesellschaft absolut verachtet wird.

Doch an die Stelle von Dingen tritt etwas Anderes: Im Sinne von «Ich bin, was ich erlebe», rasen wir von einem Highlight zum nächsten. In Sachen Unternehmungsfreudigkeit sind wir nämlich Champions, so beobachte ich das zumindest in meinem Umfeld.

Ein neuer Ausdruck desselben Geistes?

Doch ist der Konsum von Erlebnissen wirklich die bessere, nachhaltigere Alternative? Ist der dahinter stehende Konsumgeist nicht in beiden Fällen ähnlich? Denn auch Erlebnisse sind käuflich und werden inszeniert. Das «neue Haben» zeigt sich in Momenten, Fotos, Erfahrungen, Reisen und Zertifikaten. Der Konsumdruck bleibt.

Im Sinne von «Ich bin, was ich erlebe», rasen wir von einem Highlight zum nächsten.

Das Problem liegt nicht im Erleben an sich – sondern im starken Druck dahinter, etwas Bestimmtes gemacht haben zu müssen oder überhaupt etwas machen zu müssen. Denn damit einher geht der Drang, die Zeit bestmöglich auszukosten. Und nicht selten dienen die Erlebnisse doch auch ein wenig der Selbstverwirklichung und der Kuratierung der eigenen Identität. Gemäss dem antiken griechischen Geschichtsschreiber Antisthenes ist eine allgemeine Konsequenz, dass das, was ich besitze, mich auch zurückbesitzt1. Wenn ich mich also über meine Erlebnisse definiere, dann beginnen diese, auch mich gewissermassen zu besitzen.

Ressourcenintensive Erlebnisse

Die Freizeitindustrie ist Teil des Wirtschaftssystems – Konsum bleibt ihr Motor. Laut Statista stieg der Umsatz in der Schweizer Freizeitbranche 2022 auf ein Rekordhoch von über 20 Milliarden Franken. Im Durchschnitt verbringen in der Schweiz lebende Personen 2,7 Stunden täglich mit Freizeitaktivitäten2. Und oft konsumieren wir dabei Erlebnisse: Reisen, Festivals, Wintersportgebiete, Wellnessanlagen. Erlebniskonsum fühlt sich sauberer an, weil nichts mit nach Hause genommen wird, doch alle diese Dinge verbrauchen Energie, Raum und Ressourcen. Der Wunsch des Zurücklassens eines konsumbetonten Lebensstils kann also durch eine blosse Abwendung vom Materialismus nicht erreicht werden. Er muss sich auf den Erlebnisbereich ausweiten.

Glücksgefühle mit Ablaufdatum – Zerstreuung statt Tiefe

Kennen Sie das Gefühl: Ein Ausflug war schön und trotzdem bleibt eine Leere zurück? Viele Erlebnisse sind flach, flüchtig, überreizt – konsumiert, aber nicht verarbeitet. Es entsteht Unruhe, das Bedürfnis nach Ablenkung, der Drang zur nächsten Aktivität. Wir überladen unsere Zeit, doch Tiefe entsteht kaum. Was nicht besonders, neu oder intensiv ist, erfüllt uns nicht. Das Alltägliche wird entwertet.

Die Theorie der hedonistischen Tretmühle beschreibt, wie sich das individuelle Glücksgefühl von Menschen aufgrund eines positiven oder negativen Erlebnisses zwar kurzfristig ändert, dann jedoch schnell wieder auf dem vorherigen Niveau einpendelt. Das bedeutet, dass auch das schönste Erlebnis unsere Grundstimmung nur kurzfristig heben kann.

Wäre es da nicht sinnvoller, anstatt von einem Highlight zum nächsten zu jagen, am sogenannten «Set Point» zu arbeiten, also sich mit dem Alltagszustand zu beschäftigen? «Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?» meinte Erich Fromm3. Wer bin ich, wenn ich bin, was ich erlebe und dann das Erlebnis vorüber ist?

Was macht uns wirklich Freude?

Erlebnisse sind nicht schlecht – genauso wenig wie materielle Güter per se. Jedoch stapeln wir in der Hoffnung auf Erfüllung oder Zerstreuung unsere Aktivitäten häufig so stark wie die Beige der ungelesenen Zeitungen und Magazine und lassen sie unverarbeitet auf diesem Ablagestapel weilen. Wie früher Dinge dienen nun Aktivitäten einem Zweck, den sie nicht erfüllen können. Vielleicht brauchen wir auch im Erlebnisbereich eine Marie Kondo mit ihrem «Keep only what sparks joy» – «Behalte nur, was in dir Freude entfacht», die uns beim Reduzieren und Raumschaffen für Wesentliches hilft!

Denn was wir eigentlich suchen, ist innere Resonanz und nicht der blosse Reiz, Dankbarkeit statt Leere, Tiefe durch Entschleunigung statt Oberflächlichkeit. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht Resonanz (und nicht Verlangsamung) als Antwort auf den «Steigerungszwang» des modernen Kapitalismus, zu dem meiner Meinung nach auch der ständige Run nach Erlebnissen gehört. Resonanz entstehe, wo wechselseitige Verbindung stattfinde, zum Beispiel zwischen Mensch und Umwelt oder auch zwischen Körper und Psyche4. In diesem Sinne sollten statt dem reinen Konsum von Erlebnissen, diese mit Sinn gefüllt werden, um Resonanz zu erzeugen. Konkret kann das bedeuten, Gemeinschaft über Events zu stellen, Beziehungsräume statt Erlebnisräume zu schaffen oder Nachbarschaft nicht durch Mega-Events, sondern durch alltägliche Begegnungen zu fördern.

Verweilen im Sein anstatt im Tun oder im Haben

Wer ständig auf Erlebnissuche ist, wird unruhig, sobald einmal nichts passiert – auch in der Beziehung zu Gott. Die biblische Sabbatkultur greift genau dieses Thema auf: Sie betont nicht nur den Zweck der Ruhe und Erholung, dem bewussten Ausüben von oder dem Verzicht auf spezifische Aktivitäten, der Sabbat verbindet dies auch mit dem sich Befassen mit den eigenen Wurzeln und der Identität5. Es geht also beim Sabbat um ein Sein und nicht um ein Tun oder Haben. Wir wissen, dass unsere Erfüllung von Gott und nicht von Erlebnissen kommt. Das «Leben in Fülle», das Jesus in Johannes 10,10 verheisst, finden wir in der Beziehung mit ihm. Doch gerade dafür schaffen wir wenig Raum.

Eine neue Minimalismus-Bewegung?

Gleichzeitig sollen wir uns nicht der schönen Dinge berauben lassen, die Gott uns schenkt oder ermöglicht. Entsprechend tritt Paulus in seinem Brief an Timotheus der Tendenz zur Askese entgegen, indem er schreibt: «Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird»6. Der Schlüssel liegt hier im Dank und dieser kann, so bin ich überzeugt, nur aufrichtig sein, wenn ein Bewusstsein für das Empfangene vorhanden ist. Damit kehren wir zurück zu einem Grundprinzip gesunden Konsums: zum bewussten Konsumieren, auch im Bereich von Erlebniskonsum.

Ich denke, wir sollten die Prinzipien des Minimalismus – Nachhaltigkeit, Genügsamkeit, Reduktion, Befreiung, Verzicht und Raum für das Wesentliche – auch auf unsere Freizeitkultur anwenden. Eine Konsumreduktion im Aktivitäten-Bereich tut nicht nur den globalen Ressourcen gut, sondern auch unserer eigenen Psychohygiene. Auch wenn die Antwort auf die Frage «Was machst du am Wochenende?» – «Einfach mal ruhig zu Hause bleiben» – (noch) nicht besonders attraktiv klingt: Vielleicht liegt genau darin ein Weg zu echter Tiefe, Resonanz und Verwurzelung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf INSIST.

Foto von Kamil Pietrzak auf Unsplash

21. Juli 2025/0 Kommentare/von Anja Eschbach
Schlagworte: Ausweichung, Erlebnis, Minimalismus, Reduktion, Verzicht
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Autorin / Autor

Anja Eschbach

Anja Eschbach hat Osteuropastudien und Legal Studies an der Universität Fribourg studiert und setzt ihr Wissen heute als Koordinatorin der StopArmut-Kampagne ein. Gerechtigkeit ist für sie mehr als ein Konzept, sondern eine Herzenssache. Sie liebt tiefgehende philosophische und politische Diskussionen und bringt ihren Kopf am liebsten beim Sport wieder ins Gleichgewicht.

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