Künstliche Intelligenz: Herausforderungen für die Gesellschaft und die Christen

, , ,
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Seit der Einführung von ChatGPT im November 2022 hat die generative künstliche Intelligenz einen rasanten Aufschwung erlebt. Diese technologische Revolution lässt niemanden unberührt, nicht einmal christliche Gemeinschaften, die nach und nach das Potenzial und die Gefahren dieser neuen Werkzeuge entdecken.

Der Global Missional AI Summit1 hat es sich sogar zur Aufgabe gemacht, zu zeigen, wie Künstliche Intelligenz (KI) für spirituelles Wachstum und die Übersetzung der Bibel genutzt werden kann. Angesichts dieses Wandels stellt sich eine grundlegende Frage: Wie sollen wir mit dieser Technologie umgehen, die unser Verhältnis zu Wissen, Wahrheit und menschlichen Beziehungen grundlegend verändert?

Grundlegende Ambivalenz

Im Gegensatz zu binären Ansätzen, die Technologie je nach ihrer Verwendung als grundsätzlich gut oder schlecht darstellen, ist die Realität komplexer. KI ist grundsätzlich ambivalent: Sie hat gleichzeitig und untrennbar voneinander positive und negative Auswirkungen. Diese Ambivalenz zwingt uns, uns den vielfältigen Herausforderungen dieser Innovation und ihren Risiken zu stellen, die die Fundamente unserer Menschlichkeit und unserer Gesellschaft in Frage stellen.

Die generative KI stellt in erster Linie unser Verhältnis zur Wahrheit in Frage. ChatGPT ist trotz seiner aussergewöhnlichen Leistungsfähigkeit ein probabilistisches System, das einen Teil der Informationen mit beunruhigender Sicherheit falsch wiedergibt. Dass diese Quellen für zuverlässig gehalten werden können, stellt unsere kollektive Fähigkeit in Frage, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, was in einer Zeit, in der Desinformation weit verbreitet ist, besonders besorgniserregend ist.

Technologische Versprechen – menschliche Herausforderungen

KI kann uns zwar von bestimmten repetitiven Aufgaben befreien, benötigt aber gleichzeitig eine Armee von „Klickarbeiterinnen und -arbeitern”, um Inhalte zu überprüfen und zu filtern. Diese versteckte Wirtschaft offenbart die Widersprüche eines Systems, das vorgibt, die Menschen von der Arbeit zu befreien, gleichzeitig aber neue Formen der Ausbeutung schafft. Hinter der scheinbaren Entmaterialisierung der KI verbirgt sich eine beachtliche physische Realität. Der CO2-Fußabdruck von ChatGPT und anderen generativen KI-Systemen ist gigantisch und wächst exponentiell.

Die geopolitische Herausforderung ist nicht weniger besorgniserregend: KI kristallisiert die Machtverhältnisse vor allem zwischen Amerikanern und Chinesen heraus. Diese Konzentration der technologischen Macht in wenigen Händen wirft wichtige demokratische Fragen auf.

Eine weitere Herausforderung: Wie kann man kritisches Denken und die Fähigkeit zum Nachdenken förden, wenn KI gerade unsere Fähigkeit zum kritischen Denken beeinträchtigt? Diese Frage wird umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass junge Menschen, die an Bildschirme und ständige Reize gewöhnt sind, nach und nach ihre Konzentrationsfähigkeit und ihre Fähigkeit zum vertieften Lesen von Texten verlieren. Der sofortige Zugriff auf die Zusammenfassung eines beliebigen Artikels erspart uns sogar die Notwendigkeit zu lernen. Wie die Forscherin Maryanne Wolf2 betont, bedeutet Lesen Verstehen, es ist eine kognitive und emotionale Erfahrung, die uns innerlich verändert und Empathie fördert. Der Verlust dieser Fähigkeit trägt zur zunehmenden Polarisierung unserer Gesellschaften bei und schwächt die Grundlagen des kritischen und komplexen Denkens.

Den christlichen Glauben in Zeiten der Algorithmen vermitteln

Für Christen stellt die KI besondere Herausforderungen dar und wirft eine grundlegende theologische Frage hinsichtlich der Vermittlung des Wortes auf. Eine KI, die mit allen „vertrauenswürdigen” christlichen Texten gefüttert wird, würde zweifellos fundiertere Antworten liefern als jede Pfarrerin bzw. jeder Pfarrer. Aber wäre das dann noch ein authentischer Dienst am Wort? Der christliche Glaube basiert auf einem Wort, das nicht nur eine einfache Information ist, sondern ein Ereignis, eine Begegnung, eine Inkarnation. Dieses göttliche Wort ist in Jesus Fleisch geworden und kann nur von Mensch zu Mensch in einer lebendigen Beziehung weitergegeben werden. Die Verkündigung des Evangeliums auf eine Wahrscheinlichkeitsberechnung zu reduzieren, wäre eine reine Farce.

Der Weg der Machtlosigkeit

Angesichts des Dilemmas zwischen Akzeptanz und Ablehnung der KI schlägt der Theologe Jacques Ellul3 einen dritten Weg vor, der vom Beispiel Christi inspiriert ist: die Machtlosigkeit. Der Ellul-Spezialist Frédéric Rognon definiert diesen Ansatz als „die Fähigkeit, etwas zu tun, und die Entscheidung, es nicht zu tun”. „Als Jünger von Christus sind Christen aufgefordert, ihm auf einem Weg der Ohnmacht zu folgen: nicht alles zu tun, was in ihrer Macht steht, sondern unter allen Möglichkeiten das zu erkennen, was mit dem Leben und der Liebe verbunden ist.”4
Dieser Ansatz bedeutet nicht eine systematische Ablehnung der Technologie, sondern lädt dazu ein, eine klare Prioritätenhierarchie aufzustellen, statt immer nur auf technologische Effizienz zu setzen. Im Mittelpunkt steht die Qualität der Beziehung, die Wahrhaftigkeit des Dialogs, die Tiefe der Begegnung – Dimensionen, die sich keiner algorithmischen Optimierung unterwerfen lassen. Es geht darum, einen kritischen Blick zu entwickeln, ohne in Technophobie zu verfallen, diese Werkzeuge zu nutzen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.

Ein solcher Ansatz erfordert Bildung, die Schulung des kritischen Denkens und vor allem die Bewahrung dessen, was das Wesen unserer Menschlichkeit ausmacht: die Fähigkeit zu authentischen Beziehungen, zu echter Kreativität, zu verkörpertem Wort. In einer Welt, in der Maschinen sich darin auszeichnen, das „bereits Gesagte” zu reproduzieren, liegt unsere einzigartige Stärke in unserer Fähigkeit, Neues, noch nie Gesagtes, wirklich Unabhängiges zu produzieren.


1. https://missional.ai/
2. Weitere Informationen darüber in zwei Artikeln über Maryanne Wolf: https://www.philomag.com/articles/maryanne-wolf-il-est-possible-que-lexperience-de-lecture-profonde-satrophie-ou-se-perde und https://www.letemps.ch/culture/livres/maryanne-wolf-le-numerique-a-deja-change-notre-facon-de-lire?
3. Jacques Ellul, über den im November 2024 mit Unterstützung von ChristNet eine Tagung in St. Légier VD (Link: «Ohne Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung» – ChristNet) stattfand, befasste sich vor mehr als 30 Jahren mit den Frühformen der künstlichen Intelligenz.
4. www.eks-eers.ch/fr/blogpost/jacques-ellul-et-lintelligence-artificielle/

Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch in Christ Seul veröffentlicht.

Das Titelbild stammt vom AI-Bilderdienst Lummi.

3 Kommentare
  1. Werner Ninck
    Werner Ninck sagte:

    Hier ein Beitrag, den mir Copilot Edge geboren hat: Copilot sagte
    👍 – „Samro“ ist tatsächlich ein Begriff aus der Landwirtschaft. Er steht für Sammelroder, also eine Maschine, mit der Kartoffeln (und teilweise auch andere Feldfrüchte) geerntet werden.
    🌱 Was ein Sammelroder macht
    • Funktion: Er hebt die Kartoffeln aus dem Boden und sammelt sie auf einem Förderband.
    • Effizienz: Statt mühsamer Handarbeit können große Flächen mechanisch und schnell abgeerntet werden.
    • Varianten: Es gibt angebaute, gezogene oder selbstfahrende Sammelroder, je nach Betriebsgröße und Technik.
    • Bedeutung: Sie sind ein Symbol für die Industrialisierung der Landwirtschaft – Maschinen übernehmen die schwere körperliche Arbeit.
    💡 Verbindung zu „Wissens-Samro“
    Deine Namensidee ist also doppelt clever:
    • Metaphorisch: So wie der Sammelroder Kartoffeln aus der Erde holt, holt der „Wissens-Samro“ Informationen aus Datenfeldern.
    • Bildhaft: Das macht die Tätigkeit der KI anschaulich – sie „erntet“ Wissen aus großen Datenmengen.
    • Kritisch: Gleichzeitig bleibt klar, dass es ein Werkzeug ist, kein denkendes Wesen.
    Das ist eine starke Metapher: Maschine, die Wissen erntet.

    Antworten
  2. Werner Ninck
    Werner Ninck sagte:

    Kürzlich wurde ich gefragt, wie ich KI nennen würde. Heute gäbe ich ihr folgenden Namen: Wissens-Samro oder Wissenserntemaschine.

    Antworten
  3. Werner Ninck
    Werner Ninck sagte:

    Ich finde, dass es sehr zu begrüssen ist, dass ChristNet in die Diskussion über KI eingreift. Einen Gesichtspunkt hebe ich hier hervor: die Vermenschlichung einer Maschine, eines Gerätes. Schon der Name ist nicht zutreffend: „künstliche Intelligenz“ kann es nicht geben. „Intelligenz“ ist genuin – wir treffen sie beim Nachdenken über die Fähigkeiten des Menschen an. „Künstlich“ entsteht auf Grund von Fähigkeiten des Menschen, zB auf Grund von Intelligenz. Wenn wir von „künstlicher Intelligenz“ sprechen, dann ist es so, wie wenn ein Hund seinem eigenen Schwanz hinterherrennt – er meint, da sei ein Wild, das er fangen könnte, und dabei ist es ein Teil seiner selbst – er erliegt einr Täuschung. Es ist sehr verhängnisvoll, dass „KI“ dazu verleitet, sie als Person zu behandeln (du sprichst sie an, du fragst sie etwas, du trainierst sie, wie du einen Mitmenschen etwas fragst oder der Trainer eine Turnerin trainiert). „KI“ ist der Name einer Maschine, eines Roboters, der von Menschen mit „natürlicher“ Intelligenz erfunden und entwickelt worden ist. Wer das vergisst, verfällt einem gefährlichen Irrtum: Er meint, er könne seine schöpferischen Fähigkeiten, die ihm sein Schöpfer in die Wiege gelegt hat, nutzen, um seinen eigenen Gewinn zu vergrössern.

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.