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Seit Jesus ist das Geld relativ (Lk.21,1-4)

Theologie, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Atten. Getter: ?Am Ende bleibt uns nur das übrig, was wir verschenkt haben.? Mit dieser Aussage im Hinterkopf, wollen wir uns dem Text zuwenden:

Hintergrund:

Der gelesene Abschnitt gehört wohl mit dem vorherigen untrennbar zusammen. In Kap. 20,45-47 greift Jesus die Frömmigkeit Schriftgelehrten massiv an und wirft ihnen u.a. vor, sie seien Immobilienhaie, die sich auf Kosten der Armen bereichern. Und nun stellt er die vom Geld her gesehen unbedeutende Opfergabe dieser armen Witwe den hohen Summen der Reichen gegenüber. Aber eben, spätestens seit Einstein wissen wir, dass alles relativ ist. Jesus wusste schon lange vor Einstein: die Höhe des Betrags, der gespendet wird, ist relativ. Für die arme Witwe sind zwei Heller relativ viel, nämlich ihr ganzes Lebensunterhalt, für eine andere Person sind zwei Heller nicht viel, grade einmal 1 ½ % eines durchschnittlichen Taglohnes; und für einen Reichen ist es etwas, was er nicht einmal spürt.

Auf Grund von diesem Text, möchte ich zwei Aussagen über den Zehnten und Opfer für uns als Gemeinde sagen und dann einige Schlussfolgerungen ziehen:

1.     Das NT kennt keinen gesetzlichen Umgang mit dem Zehnten oder Spenden

Wenn es in der Bibel um den Zehnten oder um Geldspenden geht, dann kommen uns da äusserst realistische Aussagen entgegen. Im Alten Testament war das recht einfach: die Leviten sind für den Gottesdienst und den Tempel verantwortlich und der Rest des Volkes ist für den Lebensunterhalt der Leviten zuständig. Maleachi greift dann auch das Volk Gottes an und wirft ihnen vor: weil sie den Zehnten nicht zahlen, müssen die Leviten ihren Dienst vernachlässigen, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Im Neuen Testament finden wir ähnliche Aussagen:  wer für das Evangelium arbeitet, soll auch davon leben. Aber nirgends wird der Zehnte als gesetzlich verpflichtender Ansatz vertreten, nirgends wird uns ein Prozentsatz, ein Mindestbetrag oder eine für alle verpflichtende Summe genannt. Das NT kennt keinen gesetzlichen Umgang mit dem Geld, dem Zehnten oder mit anderen Opfern, obwohl das NT ganz klar das Prinzip vom AT her übernimmt, dass das Volk Gottes für das Geld aufkommt, das benötigt wird, um den Dienst der Gemeinde effektiv auszuüben.

Aber weil die Gemeinde weiss, dass selbst Opfer und Spenden relativ sind, hat sie nie ein festes Gesetz daraus gemacht. Für jemanden, der Fr. 4000.?netto verdient und drei Kinder hat, sind 10 % Abgabe relativ viel, jemand, der Fr. 12’000.?verdient und drei Kinder hat, merkt 10 % bedeutend weniger, und wer wie Michael Schuhmacher im Monat 6 Mio. Franken verdient, der spürt die 10 % nicht einmal. Und weil das NT keinen gesetzlichen Umgang mit dem Zehnten kennt, kennen wir das auch nicht.

2.     Das NT kennt eine grosszügige Haltung in Sachen Spenden und Geld

Im Gegensatz zu einer gesetzlich festgelegten Quote, einem Prozentsatz oder einem Mindestbetrag kennt das NT in Sachen Geld und Spenden nur eine grosszügige Haltung. Paulus berichtet von der Sammlung in Mazedonien, dass die Gemeinden über ihr Vermögen hinaus gegeben haben, Jesus spricht von der Witwe, die ihren ganzen Lebensunterhalt gab und Zachäus verschenkte aus Dankbarkeit und Freude am erlebten Heil grosse Teile seines Vermögens.

Ein vorgeschriebener Prozentsatz macht es uns Menschen nur möglich zu sagen: ich habe meine Pflicht erfüllt, der Rest gehört mir. Aber Jesus kennt in diesem Sinn keine Pflichterfüllung. Unser Leben gehört eben Gott, wie wir das letzte Mal gehört haben. Davon dass wir in diesem Sinn je unsere Schuldigkeit geleistet haben, kann gar nie die Rede sein. Aller Umgang mit Spenden, der darauf abzielt, die eigene Schuldigkeit zu leisten und dann frei, ohne Rückbindung an Gott, über den Rest zu verfügen, zielt an dem, was Jesus hier anspricht, vorbei.

Nicht der Prozentsatz und nicht die Höhe des Betrages machen es aus, sondern die grosszügige Haltung. Weder für Jesus noch für die frühe Gemeinde waren Spenden je eine Frage der Pflicht, sondern sie waren ganz natürlicher Ausdruck ihrer Gottesbeziehung. So wie Gott ihnen grosszügig begegnet ist, so sind sie in Sachen Geld grosszügig miteinander umgegangen. Der Bericht über die Gemeinde nach Pfingsten unterstreicht das nur.

In diesem Sinn ist das NT noch viel radikaler als das AT, ohne je in eine gesetzliche Haltung zu fallen. Für den Einen mag der Zehnte buchstäblich zu viel, für den anderen jedoch zu wenig sein. Aber grosszügig sind beide. Ob im NT jemand 5 % oder 20 % gegeben hat, beide haben es aus freudigem Herzen und im Bewusstsein gegeben, dass ihr ganzes Leben sowieso Gott gehört.

  Schlussfolgerung

Ich möchte aus dem einige Schlussfolgerungen ziehen.

1.      Ohne Spenden können wir als Gemeinde unseren Dienst nicht uneingeschränkt wahrnehmen. Daran hat sich seit der Klage Maleachis über den mangelnden Zehnten und dem daraus resultierenden Mangel am Dienst der Leviten im Tempel nichts geändert. Das ist so einfach und so klar wie das 1 + 1 = 2.

2.      Der Prozentsatz oder der Geldbetrag, den wir spenden, richtet sich nach unserem Herzen und unserem Vermögen. Es ist immer eine Frage von beidem. Ob arm oder reich, ob viel oder wenig, gespendet wurde immer mit dankbarem Herzen und grosszügig, und dann spielt es auch keine Rolle, ob jemand 10 Rappen oder Fr. 1’000.?gibt.

3.      Vielleicht ist diese Schlussfolgerung die kritischste: was mir etwas wert ist, lass ich mir etwas kosten. Oder anders gesagt: Ich zeig dir wofür ich mein Geld ausgebe, und du sagst mir, was mir etwas bedeutet. –  Ob wir nun 10 % geben können oder nicht, spielt keine Rolle, aber wenn uns die Gemeinde etwas bedeutet, wenn sie uns wichtig ist, weil wir daraus Nahrung für unser geistliches Leben beziehen, weil sie uns in der Entfaltung unserer Persönlichkeit hilft, weil wir dadurch Gott begegnen, weil wir sie lieben mit all den bunten Menschen in ihr, dann werden wir auch immer einen Weg finden, sie zu unterstützen, denn für Dinge, die uns wichtig sind, finden wir oft einen Weg, um sie zu finanzieren.  Das ist bei allen Menschen so, ob arm oder reich. Das merk ich bei mir, wenn mir an etwas wirklich viel gelegen ist, dann finde ich einen Weg, es zu finanzieren. Ich kann auch bei unseren Jungs schauen, wofür das Taschengeld reicht, und wofür nicht… Dann weiss ich einwandfrei, wofür ihr Herz schlägt.

4.      Was auf einer persönlichen Ebene gilt, gilt auch für die Gemeindefinanzen. Weil wir uns das, was uns wert ist auch etwas kosten lassen, ist es mein Wunsch und mein Ziel dies auch in unserem Gemeindebudget auszudrücken. Unsere Werte als Gemeinde spiegeln sich in den Budgetposten, aber nicht zwingen in der Betragshöhe, nieder. Deshalb haben wir die Missionskollekte auf den Sonntag, mehr ins Zentrum des Gemeindelebens verlegt. Und weil es uns ernst damit ist, dass Jesus für die Armen und Hilflosen dieser Welt gekommen ist, finden auch wir als kleine Gemeinde mit einer eher angespannten finanziellen Situation immer Mittel und Wege Geld für soziale Zwecke einzusetzen; sei dies indem wir wieder einmal allein erziehenden Müttern in der Umgebung etwas zukommen lassen, oder Kinder für das Jungschilager im Herbst, oder Familien für das Familienlager unterstützen.  Wir finden Wege, und dann spielt es auch keine Rolle, dass wir momentan in Prozenten nicht so viel dafür investieren können, wie andere, aber wir investieren. Liebe macht erfinderisch und kreativ. Und wenn wir kein Geld haben, dann gibt es vielleicht andere Wege. Weshalb auch nicht im nächsten Herbst allen alleinstehenden Frauen im Dorf anbieten, die Winterpneus kostenlos zu montieren?


Photo by Claudio Schwarz | @purzlbaum on Unsplash

1. Januar 2002/0 Kommentare/von Matthias Wenk
Schlagworte: money
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