Service Citoyen – Verantwortung teilen, Gemeinschaft stärken

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Am 30. November 2025 stimmt die Schweiz über die Service-Citoyen-Initiative ab. Dabei geht es um eine Ausweitung des Militär- und Zivildienstes auf alle Schweizer Bürgerinnen und Bürger. ChristNet befürwortet diesen allgemeinen Bürgerdienst, weil er die Sicht für das Gemeinwohl stärkt.

Der Service Citoyen sorgt für Diskussionen. Kritiker warnen vor Zwang und Bürokratie, Befürworter sehen darin eine Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch jenseits der politischen Debatte geht es um eine tiefere Frage: Wie kann eine moderne Gesellschaft Verantwortung gerechter verteilen – und was würde das mit uns allen machen?

Ein neues Verständnis von Verantwortung

Die Schweiz lebt vom Engagement ihrer Menschen. Unzählige Aufgaben werden von Freiwilligen, von Angehörigen, von Kirchen, Vereinen und sozialen Organisationen getragen. Doch dieses Engagement ruht auf den Schultern weniger. Viele profitieren von einer Infrastruktur des Miteinanders, ohne selbst daran beteiligt zu sein. Der Service Citoyen würde diese Verantwortung gerechter verteilen und sichtbar machen, dass das Gemeinwohl keine Selbstverständlichkeit ist.

Kritikerinnen und Kritiker befürchten Zwang, Ineffizienz oder den Verlust echter Freiwilligkeit. Diese Bedenken verdienen Gehör. Doch sie greifen zu kurz. Ein gemeinsamer Dienst wäre kein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, sondern ein Bekenntnis zu ihrem Potenzial. Er würde junge Menschen nicht bevormunden, sondern ihnen zutrauen, dass sie Verantwortung übernehmen können. Freiheit wird nicht kleiner, wenn sie Verantwortung einschliesst – sie gewinnt an Tiefe.

Begegnung gegen Polarisierung

Ein solcher Dienst könnte gesellschaftlich heilsam wirken. Die jüngste Polarisierungsstudie von Pro Futuris zeigt, wie stark sich Lebenswelten in der Schweiz auseinanderentwickeln. Menschen begegnen sich seltener ausserhalb ihrer sozialen oder politischen Blase. Der Service Citoyen würde diesen Trend umkehren. Wenn junge Erwachsene aus unterschiedlichen Regionen und Hintergründen gemeinsam arbeiten, entstehen Erfahrungen, die verbinden. Gemeinsames Tun schafft Nähe, wo Distanz gewachsen ist, und Verständnis, wo Vorurteile herrschen. Das ist keine Romantik, sondern Sozialpsychologie: Vertrauen entsteht dort, wo Menschen sich gegenseitig kennenlernen, nicht in Kommentaren und Schlagzeilen.

Verantwortung als gelebter Glaube

Auch aus christlicher Sicht ist der Gedanke vertraut. Der Glaube spricht vom Menschen als Beziehungswesen – geschaffen, um füreinander einzustehen. „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2) beschreibt keine moralische Überforderung, sondern ein realistisches Verständnis von Gemeinschaft. Niemand kann oder soll alles allein tragen. Solidarität ist keine Schwäche, sondern Ausdruck gelebter Nächstenliebe. Der Service Citoyen könnte helfen, diese Haltung wieder stärker in die gesellschaftliche Kultur einzuschreiben.

Jesus hat immer wieder Nähe hergestellt – zu Armen, Ausgestossenen, Fremden. Seine Nächstenliebe war konkret. Sie überwand Grenzen, statt sie zu befestigen. Eine moderne Demokratie kann von dieser Haltung lernen. Wenn junge Menschen in einem gemeinsamen Dienst erfahren, was gegenseitige Hilfe bedeutet, entsteht Vertrauen – und Vertrauen heilt Gräben, die politische Debatten nicht schliessen können.

Erfahrungen, die prägen

Ein Bürgerdienst dieser Art hätte auch eine generationenverbindende Wirkung. Junge Menschen würden mit Älteren zusammenarbeiten, die auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Umgekehrt würden Ältere erleben, dass die nächste Generation bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Diese gegenseitige Erfahrung von Verlässlichkeit kann Gräben zwischen Jung und Alt überbrücken. Sie schafft Respekt in beide Richtungen – eine Haltung, die in der politischen und gesellschaftlichen Debatte zunehmend verloren geht.

Viele junge Menschen suchen heute Sinn, Zugehörigkeit und Orientierung. Ein Dienst an der Gemeinschaft kann solche Erfahrungen ermöglichen. Er konfrontiert mit anderen Lebensrealitäten, mit Grenzen, aber auch mit der Kraft, gemeinsam etwas zu bewegen. Menschen, die erfahren, dass ihr Einsatz zählt, nehmen ihr Land, ihre Mitmenschen und sich selbst anders wahr. Das kann langfristig eine neue Generation von Bürgerinnen und Bürgern prägen, die Gesellschaft als etwas versteht, das man nicht konsumiert, sondern gestaltet.

Realistische Erwartungen, langfristige Wirkung

Natürlich birgt der Service Citoyen Herausforderungen. Die Organisation wäre komplex, die Finanzierung anspruchsvoll. Es braucht faire Bedingungen, sinnvolle Aufgaben und gute Begleitung. Doch wer nur auf die Schwierigkeiten schaut, übersieht den eigentlichen Gewinn. Eine Gesellschaft, in der Menschen einander begegnen, einander dienen und Verantwortung teilen, ist weniger verletzlich. Sie hält Spannungen besser aus, weil sie weiss, was sie zusammenhält.

Im Kern geht es beim Service Citoyen um eine einfache, aber tiefgreifende Erkenntnis: Gemeinschaft entsteht nicht durch Worte, sondern durch Handeln. Christlich verstanden ist das kein politischer Luxus, sondern Ausdruck von Glauben im Alltag. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, dem eigenen Glauben Gestalt zu geben – in Pflegeheimen, auf Baustellen, in Schulen, in Wäldern. Es bedeutet, den Wert des anderen nicht theoretisch zu bejahen, sondern ihn praktisch sichtbar zu machen.

Ein solcher Dienst könnte langfristig auch die demokratische Kultur verändern. Wo Menschen gelernt haben, Verantwortung zu teilen, wächst die Bereitschaft, zuzuhören, zu verhandeln und Kompromisse zu finden. Das schützt vor Zynismus und Resignation – Haltungen, die Demokratien von innen aushöhlen. Wer erlebt, dass die Gesellschaft trägt, verliert das Vertrauen in sie weniger schnell.

Vertrauen als Zukunftswert

Der Service Citoyen wäre damit kein moralisches Projekt, sondern eine konkrete Form gelebter Solidarität. Er würde Menschen zusammenbringen, die sonst kaum miteinander zu tun haben, und ihnen zeigen, dass sie aufeinander angewiesen sind. In einer Zeit, in der Misstrauen wächst und viele sich zurückziehen, könnte genau das den Unterschied machen. Verantwortung zu teilen heisst, Hoffnung zu teilen – und vielleicht beginnt gesellschaftliche Heilung genau dort.

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