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In einem ersten Teil zum gleichen Thema, den wir am 18. Dezember 2025 veröffentlicht haben, befasste sich unser Autor auf soziologischer Ebene mit der Frage, warum Christinnen und Christen immer wieder autokratische Figuren unterstützen. Nun vertieft er das Thema theologisch.

Von aussen wirkt das Phänomen befremdlich: Ausgerechnet in religiösen Milieus, die sich auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Lehre Jesu berufen, finden autoritäre Politiker oftmals die treuesten Unterstützer. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA, wo ein grosser Teil der evangelikalen Bewegung Donald Trump als „Werkzeug Gottes“ betrachtet.
Die Frage ist nicht nur politisch, sondern zutiefst theologisch: Warum sind gläubige Menschen anfällig dafür, autoritären Führungsfiguren zu vertrauen? Und wie lässt sich diese Tendenz aus christlicher Perspektive kritisch beleuchten?

  1. Autoritäre Attraktivität: Wann Macht religiös vertraut wirkt
    Theologen und Religionssoziologen weisen seit Jahren darauf hin, dass bestimmte Gottesbilder politisches Verhalten prägen. Insbesondere im alttestamentlichen Kontext begegnet Gott als universaler Herrscher, als König, der kämpft, richtet und absolute Loyalität einfordert (vgl. Ps 2). Dieses Herrschaftsverständnis vermittelt Sicherheit und Identität – und es ist tief verankert in der christlichen Frömmigkeitstradition.
    Für viele Gläubige entsteht dadurch eine intuitive Vertrautheit mit absoluter Macht. Wer an einen souveränen Herrscher glaubt, für den wirkt auch ein starker politischer Anführer zunächst nicht befremdlich, sondern strukturell vertraut. Wenn dieser zudem religiöse Rhetorik bemüht, erscheint er nicht selten als irdischer Vertreter göttlicher Ordnung. Die Brücke zwischen religiösem und politischem Autoritarismus ist damit zwar nicht zwangsläufig, aber erklärbar.
  2. Gesetzesfrömmigkeit und die politische Übersetzung von „Law and Order“
    Zentral für das alttestamentliche Welt- und Gottesverständnis ist die Tora – ein komplexes System aus Geboten, Vorschriften und moralischen Normen. Das religiöse Leben Israels war geprägt von klaren Grenzziehungen, moralischen Forderungen und einer starken normativen Struktur. Psalm 119 feiert diese göttliche Ordnung in vielen Versen. Diese moralisch-normative Prägung findet sich bis heute in vielen christlich-konservativen Milieus. Dort wird politisches Handeln unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung moralischer Ordnung bewertet.
    Wenn ein Politiker klare Regeln, harte Durchsetzung und moralische Disziplin ankündigt, spricht er ein religiös vertrautes Bedürfnis an. Komplexität und Ambiguität – die Grundbedingungen pluralistischer Gesellschaft – wirken dagegen bedrohlich oder zumindest irritierend. Daraus entsteht eine Affinität zu Politikern, die Schwarz-Weiss-Logiken nutzen: Sie erscheinen moralisch konsistent, während differenzierte Politik oft als schwach oder unklar wahrgenommen wird.
  3. Angst als theologischer Katalysator
    Politische Autoritarismusforschung zeigt: Je stärker die Unsicherheit, desto grösser der Wunsch nach Ordnung. Christen sind hier keine Ausnahme – im Gegenteil: Religiöse Milieus reagieren besonders sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, die moralische Orientierung, familiäre Strukturen oder kulturelle Identität in Frage zu stellen scheinen. Migration, Globalisierung, moralischer Wandel oder technologische Beschleunigung können als Bedrohung erlebt werden. Ausgerechnet in solchen Momenten wird der „starke Mann“ attraktiv. Er verspricht nicht Dialog, sondern Entscheidung. Nicht Prozesse, sondern Ergebnis. Nicht Komplexität, sondern Klarheit.
    Das erinnert stark an religiöse Erfahrungen von Orientierung und Führung – allerdings ohne deren geistliche Tiefe. Dabei ist die Parallele trügerisch: Während Gottes Orientierung durch Liebe und Vergebung charakterisiert ist, gründet sich autoritäre Politik meist auf Angst und Abgrenzung.
    Religiöse Kulturen, die durch starke Gesetzesorientierung, absolute Wahrheitsansprüche und ein hierarchisches Gottesbild geprägt sind, neigen weltweit zur Akzeptanz autoritärer Strukturen. Darum ist das Phänomen der Diktatorenfalle auch in anderen Religionen und Kulturen wahrzunehmen, wie dem Islam oder dem Hinduismus.
    Gerade der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie gefährlich dieses Muster werden kann. Christen hatten in der Weimarer Republik nicht nur Angst vor ökonomischer und politischer Instabilität, sondern auch vor moralischem Verfall und gesellschaftlichem Chaos. Hitlers autoritäres Auftreten, sein Versprechen von Ordnung und nationaler Wiederherstellung fand bei vielen Christinnen und Christen Zuspruch. Die „Bekennende Kirche“ war eine Minderheit. Die Mehrheit bekannte sich – aktiv oder schweigend – zu einem Regime, das aus christlicher Perspektive unmissverständlich dem Geist Christi widersprach.
  4. Die christologische Korrektur: Warum Jesus das Gegenmodell zum autoritären Führer ist
    Der entscheidende geistliche Punkt lautet: Christliche politische Ethik kann nicht vom alttestamentlichen Herrschaftskonzept abgeleitet werden. Sie muss von Christus her begründet sein. Und das bedeutet: Jesus ist die Mitte politischer Urteilsbildung.Das Neue Testament präsentiert einen Messias,
    · der Macht ablegt, statt sie zu instrumentalisieren,
    · der Gewalt verweigert, statt sie religiös zu legitimieren,
    · der Randgruppen sucht, statt sie auszuschliessen,
    · der Feinde liebt, statt sie zu vernichten,
    · der Dialog sucht, statt Fronten zu verhärten,
    · der auf Opfer verzichtet, statt Opfer zu verlangen.Die Tempelreinigung – oft als Rechtfertigung für „heiligen Zorn“ missbraucht – ist theologisch gesehen Ausnahme, nicht Prinzip. Die Macht Jesu ist nicht autoritär, sondern sanftmütig, nicht dominierend, sondern dienend. Damit stellt Jesus ein radikales Gegenmodell zu autoritären Figuren dar.
  5. Konsequenzen für die politische Urteilsbildung von Christinnen und Christen

Christen sind eingeladen, politische Entscheidungen nicht aus Angst, Nostalgie oder moralischem Alarmismus zu treffen, sondern aus geistlicher Reife heraus. Das bedeutet:

  • Kritische Selbstprüfung
    Welche meiner politischen Präferenzen werden durch Angst gesteuert?
Welche durch das Bedürfnis nach Kontrolle?
Welche durch mein Gottesbild?
  • Christus als hermeneutischer Schlüssel
    Passt der Führungs-und Lebensstil eines Politikers zu dem Stil Jesu?
Behandelt er Schwache mit Würde?
Fördert er Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit?
  • Sensibilität für Machtmissbrauch
    Christlicher Glaube ist grundsätzlich kritisch gegenüber menschlicher Macht.
Wer Macht sammelt, muss deshalb besonders sorgfältig beurteilt werden.
  • Förderung demokratischer Tugenden
    Dialog, Pluralismus und Kompromiss sind keine Schwäche, sondern Spiegel der menschlichen Würde. Sie entsprechen der Art Jesu, der Menschen ernst nimmt – selbst seine Gegner.
    Christen geraten nicht deshalb in die Diktatorenfalle, weil sie böse oder unreflektiert wären. Sie geraten hinein, weil bestimmte religiöse Muster politisch missbraucht werden können: das Bedürfnis nach Ordnung, die Sehnsucht nach Orientierung und die Angst vor dem Unbekannten. Der Weg aus dieser Falle führt nicht über Ideologie – sondern über Theologie. Über Jesus Christus. Über seine Art zu herrschen. Über seine Art, Mensch zu sein. Wer ihm folgt, wird nicht unkritisch Macht verehren. Wer ihn betrachtet, wird nicht Angst, sondern Liebe zum Massstab machen. Und wer ihn ernst nimmt, wird jede Form von autoritärer Verführung durchschauen.

Podcast

Dieser Artikel fusst auf einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2020.
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Ein Blick in Geschichte und Gegenwart bringt es an den Tag: Christinnen und Christen folgen immer wieder gerne autoritären Machthabern. Was sind die Gründe dafür? Martin Benz geht dieser Frage nach.

Warum wählen Christen so gerne Diktatoren? Diese Frage ist natürlich provokativ, und ich möchte keinesfalls allen Christen unterstellen, dies zu tun. Dennoch ist es interessant, dass es unter konservativ Gläubigen eine ganze Reihe gibt, die dazu neigen, starke Machthaber oder Alleinherrscher zu wählen – Leute wie Trump, die die Wahrheit für sich pachten und ein ganz eigenes Narrativ erzählen.

Wir erleben das aktuell in den USA, wo Trump stark von den „White Evangelicals“ getragen wird. Diese Gruppe steht uneingeschränkt hinter ihm und stellt ein wichtiges Wählerpotenzial dar. Das gleiche Phänomen sahen wir auf den Philippinen mit Präsident Duterte, einem sehr rigorosen und rücksichtslosen Herrscher, der im katholischsten Land der Welt mit Unterstützung der katholischen Mehrheit gewählt wurde. In Brasilien konnte Präsident Bolsonaro auf breite Unterstützung der evangelikalen Pfingstler zählen. Ähnliches gilt für Putin in Russland, der von der orthodoxen Kirche unterstützt wird, oder für die rechtskonservative Partei in Polen im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche. Leider finden wir diese Strömung auch in Deutschland, wo viele Christen mit der AfD sympathisieren oder sie sogar wählen.

Was sind die Ursachen?

Womit hängt das zusammen? Warum sind Christinnen und Christen so anfällig für die „Diktatorenfalle“? Hier sind drei mögliche Erklärungsansätze:

  1. Das Gottesverständnis aus dem Alten Testament
    Zum einen hat dies mit unserem Herrschaftsverständnis Gottes zu tun, das uns stark vom Alten Testament her prägt. Dort stellt sich Gott oft als der Allherrscher vor: der allmächtige Gott, der Herrscher der ganzen Welt, der vor seinem Volk steht und andere Völker oder Götter vernichtet bzw. entmachtet. Besonders in den Psalmen (z. B. Psalm 2) finden wir Textstellen, die von dieser uneingeschränkten Herrschaft sprechen. Selbst wenn sich Völker auflehnen, festigt Gott seine Herrschaft und bereitet dem Widerstand ein Ende. Alle müssen sich beugen; sein Wille gilt absolut.
    Dieses Bild der absoluten Herrschaft Gottes ist uns vertraut und vermittelt Sicherheit: Wenn man zu diesem Gott gehört, steht man auf der Siegerseite. Das hat positive Aspekte wie Geborgenheit und Halt. Aber wenn man sich an diese absolute Herrschaftsform gewöhnt hat, wirkt auch eine irdische Herrschaft, die diesen „militanten“ oder absoluten Geschmack hat, vertraut. Ein Christ fremdelt nicht so stark mit autoritären Strukturen auf Erden. Wenn ein Herrscher dann noch suggeriert, er handle im Auftrag Gottes, sagen sich viele Christen: „So einen Mann haben wir gebraucht.“ Selbst wenn Freiheiten eingeschränkt oder Minderheiten unterdrückt werden – solange die Christinnen und Christen ihre Religion ausüben können, wird das akzeptiert.
  2. Die Sehnsucht nach „Law and Order“
    Ein zweiter Grund ist, dass die Herrschaft Gottes im Alten Testament stark auf Gesetzen, Geboten und Vorschriften gründet. Es herrscht eine hohe Moralvorstellung, definiert durch klare Anweisungen (Tora). Dieses „Law and Order“-Prinzip wird im Alten Testament gepriesen (z. B. in Psalm 119). Ordnungen werden als positiv empfunden und Verstösse dagegen werden hart bestraft.
    Wenn ein irdischer Herrscher nun Regeln, Gesetze und „Law and Order“ betont, kommt dies konservativen Christen sehr entgegen. Sie fühlen sich verpflichtet, jemanden zu wählen, der „klare Kante“ zeigt und Ordnung schafft. Ein Herrscher, der „wachsweich“ wirkt, ist ihnen suspekt.
    Dies ist auch ein Problem der Kirche, die sich angewöhnt hat, als Moralapostel aufzutreten. Das erklärt, warum der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche so schwer wiegt: Wer so moralisch auftritt und strenge Regeln (z. B. bei Wiederheirat) predigt, verliert massiv an Glaubwürdigkeit, wenn in den eigenen Reihen Verbrechen geschehen.
  3. Der Faktor Angst
    Der dritte Aspekt hängt eng mit dem zweiten zusammen: Angst. Je verunsicherter wir uns fühlen – sei es durch Pluralismus, Globalisierung oder unklare Verhältnisse –, desto lieber ist uns wieder „Law and Order“. Wenn die Welt chaotisch wird und alte Gewissheiten schwinden, rufen Menschen nach dem „starken Mann“, der Orientierung bietet. Man nimmt in Kauf, dass andere dabei unter die Räder kommen, Hauptsache, das eigene Ordnungssystem ist wiederhergestellt.
    In Krisenzeiten sind Länder besonders anfällig für Diktatoren. Leider merkt man oft erst zu spät, dass man den falschen Mann gewählt hat – nämlich dann, wenn die eigenen Freiheiten auch beschnitten werden. Da Christinnen und Christen gewohnt sind, dass Gott durch klare Anweisungen Orientierung und Sicherheit schenkt, fremdeln sie weniger mit Herrschern, die ähnlich autoritär auftreten.

Historische und interreligiöse Parallelen

Diese „Diktatorenfalle“ betrifft nicht nur Christen. Auch andere Religionen mit einem ähnlichen Gottesbild sind anfällig, etwa der konservative Islam (Beispiel IS, Iran oder Türkei). Je „frömmer“ die Leute sind, desto eher akzeptieren sie absolute Herrschaftsformen, bei denen Religion und Staat verschmelzen.

Auch in Deutschland haben wir diese Erfahrung gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg führten wirtschaftliche und politische Verunsicherung dazu, dass viele Christen in die Diktatorenfalle liefen und Adolf Hitler wählten. Nur eine Minderheit in der Bekennenden Kirche durchschaute dies. Den meisten war der Gedanke einer absoluten Herrschaft und einer „klaren Kante“ nicht fremd.

Ich sage das heute leicht von meinem Schreibtisch aus. Ich weiss nicht, wie ich damals gehandelt hätte und ob ich nicht auch mitgelaufen wäre. Umso wichtiger ist es, dass wir uns heute Gedanken machen und diese Mechanismen durchschauen, um nicht erneut in diese Falle zu tappen.

Jesus als politisches Vorbild

Ich bin der Meinung, dass wir für unsere politische Bildung nicht das Alte Testament, sondern Jesus Christus brauchen. Jesus lebte eine völlig andere Art von Herrschaft. Er war bescheiden, sanftmütig und von Herzen demütig. Sein Umgang mit Randgruppen, Schwachen und Sündern ist für mich programmatisch. Auch seine Kritik am religiösen Establishment, das die Nähe zur Macht suchte, ist wegweisend.

Manche mögen einwenden: „Aber Jesus hat doch die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel getrieben!“ Das stimmt, aber diese Szene ist die grosse Ausnahme, nicht das Programm seines Lebens. Wer stark vom alttestamentlichen Herrscherbild kommt, stürzt sich auf diese Szene, weil sie ins eigene Weltbild passt. Aber in Jesus begegnet uns der Sanftmütige, der jegliche gewaltsame Herrschaft ablehnt. Er ruft keine Engel-Legionen, er schlägt nicht zurück. Er ist der Dreh- und Angelpunkt für unsere politische Bildung.

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