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Theokratie oder Autokratie oder Demokratie oder …?

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Dossiers, Philosophie, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Welche Herrschaftsform wird in der Bibel favorisiert? Pfarrer Simon Grebasch lädt die Lesenden in seinem Artikel zu einer Tour d’Horizon durch die Bibel ein und skizziert dabei seine Antworten.

Grundsätzliches zur Bibelauslegung
Bei der Bibelauslegung muss zwischen Beschreibung und Beurteilung unterschieden werden. In der Bibel wird viel öfter beschrieben als beurteilt. So wird nicht klar, ob Jakobs Betrügereien an seinem Bruder Esau an sich als okay oder nicht okay eingestuft werden. Vielmehr wird einfach beschrieben, dass Jakob so gehandelt hat. Manchmal kann man aus der Art und Weise der Beschreibung (mit Vorsicht und Vorbehalt) auch auf eine mögliche Bewertungstendenz schliessen. So zum Beispiel bei der Missachtung Esaus von seinem Erstgeburtsrecht (Gen 25,34). Weitgehend äussert sich das Genesisbuch zum Bruder Jakobs jedoch bloss beschreibend. Der Schreiber des Hebräerbriefs im NT ist in seinem (negativen) Urteil dann unzweideutig (Hebr 12,16).
Am einfachsten für die Bewertung ist es natürlich, wenn ausdrücklich die gegensätzlichen Prädikate «gut» oder «schlecht» vorkommen, oder ihre Synonyme. Ein weiteres Problem stellt sich bei der Frage, wer hinter dem Text stand und beurteilt (hat). Moses wäre bezüglich der «richtigen» Herrschaftsform vielleicht ja nicht der gleichen Meinung gewesen wie Paulus. Und bezüglich der Inspiration der Bibel durch Gottes Geist (vgl. 2Ti 3,16) könnte es sich als schwierig herausstellen zu differenzieren zwischen der Meinung es Autors und dem Reden Gottes. Nur einmal deklariert ein biblischer Autor klar, was von ihm stammt und was der «Herr» selbst gesagt habe (1Ko 7,10–12).

Ich kann im Rahmen dieses Artikels nur selektiv vorgehen, versuche dies aber exemplarisch zu machen. Beginnen wir beim biblischen ersten Menschenpaar im paradiesischen Schöpfungsgarten. Der Zustand vor dem Fall gilt von manchen Interpreten als Ideal-Zustand und soll im künftigen Reich Gottes wiederhergestellt werden. Welche Herrschaftsform(en) können wir von Genesis 1–3 ableiten? Ein Staat existierte noch nicht. Auf das Kleine angewendet können wir sagen, dass eine theokratische Form vorliegt: Gott gebietet ein Grundgebot und erteilt Aufträge. Der Mensch ist Gott rechenschaftspflichtig. Innerhalb dieses Rahmens ist der Mensch sehr frei und darf selbst bestimmen. Bis auf einen einzigen Baum darf er von allen Pflanzen konsumieren. Die Ordnung innerhalb dieser Theokratie ist also gleichzeitig auch liberal-demokratisch. Eine Herrschaft des Mannes über die Frau ist nicht auszumachen.

In Genesis 10 findet sich mit Nimrod zum ersten Mal eine Autokratie, eine menschliche Alleinherrschaft. Dass er «der erste Gewaltherrscher auf Erden» war, wird nicht direkt bewertet, evtl. suggeriert die Verwendung des Begriffs «Gewalt» eine Tendenz. Auch aufgrund der Verortung zwischen der Sintflut und dem Turmbau zu Babel – einem weiteren Strafgericht Gottes – kann eine negative Bewertungstendenz abgeleitet werden. Auch sonst kommt autokratisches (selbstmächtiges) Herrschen im weiteren Verlauf der Bibel durchs Band schlecht weg.

Bei der Konstituierung des Volkes Israel gab es die Herrschaft des Presbyteriums – der Rat der 70 Ältesten, die auch als Richter fungierten – plus Moses an der Spitze (Nu 11). In der Zeit nach der Ausbildung der 12 Stämme in Israel werden herrschaftslose, anarchische Zustände beschrieben. Vereinzelt werden Richter einberufen, um Ordnung zu schaffen (Kritarchie).

Weil sich die Situation mit den Richtern nicht wesentlich bessert, verlangt das Volk nach einem König. Dieser Wunsch stösst ausdrücklich auf den Unwillen Gottes, wird aber gemäss Autorschaft des 1. Samuelbuches dennoch von Gott selbst akzeptiert, so dass die Monarchie schliesslich eingeführt wird (1Sa 8+9). Ein exemplarisches Beispiel dafür, wie die Herrschaft Gottes im AT nicht als diktatorisch, sondern dialogisch und demokratisch beschrieben wird. Die Monarchen selbst waren relativ frei, das mosaische Gesetz anzuwenden, das als Gottes Gesetz verstanden wurde. Wer gottlos und eigenmächtig herrschte, kam in der Beurteilung schlecht weg (Vgl. 1Kö 16,30: «Und Ahab tat, was dem Herrn missfiel»). Umgekehrt wurde positiv bewertet, wer nach Gottes Massstäben regierte (1Kö 15,11: «Und Asa tat, was dem Herrn wohlgefiel»). Die «guten» Könige wurden zu Vorbildern des verheissenen Weltenkönigs, des Messias. Kritische Machtgegengewichte zum Königtum formten sich in Priestertum und Prophetenamt, die allerdings dem König untergeordnet waren.

Nach der assyrischen und babylonischen Herrschaft und der Zeit des Exils ist von einem Königtum in Israel nicht mehr die Rede. Stattdessen wird durch die Priester (Hierokratie bzw. hierokratische Theokratie) ein religiöser Staat etabliert.

Neues Testament

Wenn wir in das NT springen, finden wir – bedingt durch die römische Fremdherrschaft, die unerwünscht war –, eine relativ komplizierte Situation vor: Der römische Präfekt war als Statthalter für den Kaiser Roms höchste Aufsichtsperson in Judäa, wo zugleich Tetrarch Herodes Antipas über die dort ansässigen Juden regierte. Die religiöse (priesterliche) und richterliche Gewalt – dem römischen Statthalter und (halbjüdischen) Tetrarchen unterstellt – ging vom Sanhedrin aus, einem 71-köpfigen jüdischen Rat, bestehend aus Priestern, Schriftgelehrten und Ältesten. Das Volk hatte keine Mitbestimmungsrechte, ausser es wurde von den Herrschenden befragt.

Von Jesus ist bekannt, dass er die Steuern für König Herodes (Mt 17,27) und den römischen Kaiser akzeptierte, gleichzeitig aber auch das bestehende System relativierte, wenn er postulierte, dass nicht nur dem Kaiser Seins zu geben ist, sondern auch «Gott, was Gottes ist» (Mt 22,21). Den Titel «Kyrios» bezog er auf sich selbst. Auch mit weiteren politischen Ehrentiteln wie Messias, Sohn Gottes oder König (der Juden) liess er sich widerspruchslos betiteln. Gehen wir auch weiter vom synchronen Textverständnis aus, dann beanspruchte Jesus sogar die Weltherrschaft (Mt 26,63f).

Systematische Aussagen zu politischen Herrschaftsformen suchen wir bei ihm jedoch vergeblich. Ihm ging es nicht um eine bestimmte Staatsform, sondern dass sich das Reich Gottes mit dem Ethos der Liebe im Zentrum realisiert. Das Ethos aber hatte eine Demokratisierung zur Folge: Seine Gefolgschaft folgte Jesus zwanglos mittels Zustimmung – nicht durch Erbfolge, Geld oder Status. In ihr finden wir weitere demokratische Züge wie Egalität, individuelle Rechte, Mitsprache und Empowerment. Jesu Selbstverständnis ist «servant leadership» (vgl. Joh. 13). Das schliesst hierarchische Ordnungen nicht per se aus. Jesus selbst ging als Leader voran und wird als der Messias und König erwartet, der Gottes Reich aufrichten wird.

Bei den Aposteln werden Jesu Demokratisierungstendenzen weitergeführt. Stichworte und Anschauungsbeispiele sind:

  • Die Gütergemeinschaft (Apg 2,42ff)
  • «Koinonia» (= Gemeinschaft und Partizipation der Vielfältigen versus gleichgeschaltete Einheit)
  • «Ekklesia», die Selbstbezeichnung der Kirche, die auf die griechisch-demokratische Volksversammlung verweist – mit dem Unterschied, dass bei den Christen alle Gläubigen, auch die Frauen, Sklaven, Ausländer und sogar Kinder dazuzählten, was in der damaligen Zeit revolutionär war.
  • das Bild vom «Leib Christi», wo Christus als das Haupt sich mit seinen Gliedern verbindet und alle einander brauchen
  • das Wirken und Regieren des Geistes Gottes in allen Gläubigen (Rö 8,14, 1Ko 12,4–7).

Letzteres kann als eine Art «innerliche Theokratie» bezeichnet werden. Damit ist keine Unterwürfigkeit gemeint. Historisch gesehen tendierten und tendieren Theokratien zwar zur Diktatur. Nicht so die biblische Gottesherrschaft: Die Vorstellung Gottes als «pluripersonal» bzw. dreieinig (vgl. Gen 1,26; 18; Mt 28,19; 2Ko 13,13) erinnert an ein in der Gottheit selbst inhärentes, demokratisches Prinzip. Und die Vorstellung des Endzustands im vollendeten Reich Gottes kann als «demokratische Monarchie bzw. Theokratie» – mit Gott bzw. dem Christuskönig an der Spitze – bezeichnet werden (vgl. Phil 2,9–11; Off 21+22).

Schlussfolgerung

Obwohl kein bestimmtes politisches System, das zu bevorzugen wäre, auf das Alte oder Neue Testament gelegt werden kann, so kann aus meiner Sicht trotzdem die Folgerung gewagt werden, dass von den Anfangskapiteln der Bibel bis zum Schluss durchs Band sozial-demokratische Formen des Zusammenlebens und Regierens bevorzugt werden, unter gleichzeitiger Aufsicht des guten Gottes und seines Messias bzw. Christus (christuszentrische Theokratie). Autokratische Formen kommen schlecht weg. Nicht jedoch hierarchische Ordnungen, wenn sie kompetenzorientiert aufgebaut sind und dem Ethos der Liebe und der Berücksichtigung der gleichen Würde aller Menschen (vgl. Gen 1,27; 9,6) verpflichtet sind, so «dass es allen zugute kommt» (1Kor 12,7).

29. Juli 2025/1 Kommentar/von Simon Grebasch
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1 Kommentar
  1. Werner Ninck
    Werner Ninck sagte:
    2. August 2025 um 16:39

    Sehr beachtlicher Versuch, mögliche Staatsformen mit persönlichem christlichem Engagement zusammen zu sehen. Ein Autokrat hat in Gottes Reich nichts zu suchen – da kommt er nicht an.

    Antworten

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Autorin / Autor

Simon Grebasch

Simon Grebasch Jahrgang 1978, evangelisch-reformierter Pfarrer im Kanton Bern, ehemaliger Präsident der EVP Kanton Freiburg, verheiratet, vier Kinder

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