Wahrheit und Wahn in der postfaktischen Ära – und wir Christen da drin? [Aktualisiert]
«Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten» (2. Mose 20,16)
«Prüfet alles, das Gute aber behaltet» (1. Thess. 5.21)
Seit jeher sind Wort und Bild Mittel der Verführung gewesen. Doch haben uns die elektronischen Medien und die Politik in der jüngeren Vergangenheit in neue Dimensionen der Halbwahrheiten und Lüge katapultiert, beispielsweise mit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016, als in diversen Analysen den Reden von Donald Trump nur noch 7 bis 11 % Wahrheitsgehalt bescheinigt wurden, oder im Rahmen der Abstimmung zum Brexit. Bezeichnenderweise hat Donald Trump sein eigenes Social Media-Netzwerk «Truth Social» genannt. Damit wird der Wahrheitsbegriff ausgehöhlt und vernichtet.
Verschiedene Analysten stellten fest, dass wir uns seither in einer sogenannten «postfaktischen Ära» befinden – ein Begriff, der im Jahr 2016 zum Wort des Jahres der Gesellschaft für deutsche Sprache wurde. Als einer der ersten hat Donald Trump in diesem Ausmass ausgenutzt, dass die Menschen einfach glauben, was sie glauben wollen und dass er behaupten kann, was er will, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Und die Christen da drin? Es scheint erstaunlich, dass sich die Christen zu dieser Frage kaum zu Wort melden, obwohl es hier um das 9. Gebot geht: «Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten» (2. Mose 20,16). Kümmert uns die Wahrheit noch? Glauben auch wir, was wir glauben wollen und was unserer vorgefassten Meinung entspricht? 81 % der evangelikalen Christen in den USA haben 2016 trotz allem für Trump gestimmt, und dieser Anteil hat bei der Wahl 2024 kaum abgenommen.
Und in der Schweiz? Auch hierzulande wird in der Politik gelogen. Als ich im Vorfeld der Abstimmung vom 28. November 2010 eine gläubige Parteisekretärin zur Steuergerechtigkeits-Initiative auf die angstmachende, klar unwahre Aussage «Bei einer Annahme müssten alle Kantone die Steuern erhöhen» ansprach, meinte sie, das stimme irgendwie in dieser Richtung schon. Dehnen wir den Begriff der Wahrheit zu stark? Christinnen und Christen schaden der Sache Christi und dem Ansehen der Kirchen, wenn ihre Lügen in der Öffentlichkeit in Frage gestellt werden?
Wie die Unwahrheit Raum greift
a) Wir glauben in Feindbildern – und die Algorithmen füttern uns damit
Die Welt ist komplexer geworden, viele Menschen verstehen sie nicht mehr. Die kleinen Leute haben das Gefühl, es werde «immer schlimmer», fühlen sich aber machtlos. Das schürt das Misstrauen und Hass gegen «diejenigen, die bestimmen», «die Eliten», wer auch immer das ist. Viele Menschen verstehen das Wirken von Strukturen nicht und meinen, es seien einzelne oder mehrere Übeltäter, die verantwortlich sind. Dies nährt den Glauben an Verschwörungstheorien. Wenn die Medien diese Theorien nicht teilen, dann werden sie der Unterdrückung der Wahrheit und als Teil der Elite bezichtigt. Das generalisierte Misstrauen kann in Verfolgungswahn umschlagen.
Menschen suchen nach Halt. Die eigene Welterklärung aufrecht zu erhalten, gibt Sicherheit. Unsere selektive Wahrnehmung sucht nach Bestätigung unseres Weltbildes. Eine bestätigende Information wird nicht hinterfragt, eine widersprechende schon. Und im Zeitalter des Internets finden wir so viele bestätigende Infos, wie wir wollen, selbst die Google-Algorithmen bieten uns vor allem «mehr desselben». Je mehr wir davon überzeugt sind, wer die Guten und wer die Bösen sind, desto weniger interessiert es uns, ob eine Meldung wahr ist oder nicht. Wir haben die Tendenz, das zu glauben, was wir glauben wollen und das auszublenden, was wir nicht glauben wollen. Die Christen sind davon nicht ausgenommen: Es besteht in der evangelikalen Welt eine gewisse Angst vor der nichtchristlichen Welt, man fühlt sich bedrängt, verfolgt und zeigt bisweilen Minoritätsreflexe.
Das Aufkommen des Internets und der Social Media hat diesem Problem eine neue Dimension gegeben. Für alle Verschwörungstheorien findet sich jetzt eine «kritische Masse». Für die von Privaten angebotenen Informationen muss keine Rechenschaft mehr gegeben werden. Wer nicht einverstanden ist, wendet sich dann anderen Quellen zu. Über die Social Media verbreiten sich jegliche Informationen unkontrolliert und in Windeseile. Oft werden sie gar von Bots generiert. Wenn eine falsche, aber erschreckende Information die gewünschten Emotionen bei den Adressaten generiert hat, ist es zu spät: Eine Richtigstellung in der Öffentlichkeit erreicht meist nicht die gleichen Adressaten. Ist echte Aufklärung überhaupt noch möglich?
b) Warum wir selbst lügen
Die schnellen gesellschaftlichen und technischen Veränderungen generieren Haltlosigkeit, Weltangst und Angst vor den Nächsten. Wir suchen «das Böse» ausserhalb von uns, unsere politischen Gegner sind «die Bösen». Um uns zu retten, müssen wir also gegen diese kämpfen. Der Kampf «auf den Mann» hat in der Politik in den letzten 25 Jahren zugenommen, bis zur Verteufelung der Gegner, wie z.B. in einer in alle Haushalte verteilten Zeitung zur Unternehmenssteuerreform (siehe Bild).
Angst verleitet uns zum Lügen, denn die «gute Sache» muss um jeden Preis gewinnen, da sonst der Abgrund droht. Gewisse Menschen wähnen sich in einem gigantischen Kampf, in dem alle Mittel erlaubt sind. Es geht also nicht um die Wahrheit, sondern um den Sieg und die Herrschaft «der Guten».
Meist aber glauben wir unsere Unwahrheiten «irgendwie» selbst: Wir dehnen dann den Wahrheitsbegriff sehr stark und vermischen die Realität mit dem eigenen Weltbild. Wir sagen oder hören manchmal: «Ich glaube halt an…» So biegen wir die Wirklichkeit zurecht, damit sie ins eigene Weltbild passt.
In der Politik scheuen auch Christen nicht davor zurück, ungeprüfte Gerüchte und Vorurteile, Halbwahrheiten und Lügen zu verbreiten. Wähnen auch wir uns in einem gigantischen Kampf, in dem alle Mittel erlaubt sind, weil wir ja «das Gute» verteidigen – so quasi im Kampf der Endzeit?
Hat aber Gott gesagt, das neunte Gebot sei irrelevant, wenn wir meinen, dass wir die Guten sind oder die Sache o.k. ist? Ist es nicht Selbstüberhöhung zu denken, dass wir über den Geboten stehen können? Dürfen wir so sicher sein, dass wir die Guten und die Gegner die Bösen seien? Hat Gott gesagt, die Christen seien besser oder hätten automatisch die besseren Ziele in der Politik? Aber es ist so verlockend, zu glauben, unsere Ziele seien besser, weil wir Christinnen und Christen sind! Eigentlich ist das übermässiger Stolz!
Genügt ein gutes Gewissen, um auch unwahres Zeugnis zu geben? Nein, denn kaum jemand hat schlechtes Gewissen, da immer Rechtfertigungsideologien für die eigenen Ideen zur Verfügung stehen oder manche sich gar in einem Sendungsbewusstsein wähnen.
Sicher ist die Wahrheit komplex, und wir können uns oft ihr nur annähern, ohne sie je greifen zu können. Aber kann man sagen, dass alles sowieso nur Meinung ist und man die Wahrheit nicht kennen kann? Nein, sonst würde das neunte Gebot obsolet. Aber eine solche Meinung ist verlockend, da sie uns vor unbequemen Fragen befreit.
Wir sehen, dass der Postmodernismus die Gesellschaft mit seiner ganzen Wucht erreicht hat. Im Jahr 1979 beschrieb Jean-François Lyotard als erster den Postmodernismus, also die Ablehnung der Möglichkeit, dass es eine Wahrheit gibt: Er warnte aber auch, dass in Zukunft nur noch die Macht des Stärkeren gilt, wenn die Gesellschaft sich nicht mehr an Fakten als Leitlinien orientieren kann. In der Demokratie heisst das nun: Wer am besten mit Emotionen spielen kann und wer das grösste Megafon hat, der gewinnt! Dies wird «postfacts politics» genannt: Hauptsache man gewinnt, die Wahrheit ist nicht wichtig. Die Leute glauben sowieso das, was sie glauben wollen, also werden sie entsprechend bedient.1
Warum ist die Aufgabe des Wahrheitsbegriffs überhaupt ein Problem?
Sicher ist die Wahrheitsfindung immer ein ganzer Prozess, und niemand kann abschliessend die Wahrheit besitzen. Denn es gibt immer verschiedene Perspektiven auf dieselbe Sache. Aber wichtig ist die Verlässlichkeit. Wahrheit ist nicht bloss ein Detail im Kampf, denn die Unwahrheit wirkt zersetzend auf die Gesellschaft: Wo die Wahrheit fehlt, wird Vertrauen zerstört und nimmt das gegenseitige Misstrauen zu. Misstrauen aber zerstört die Nächstenliebe. Nicht umsonst kommt das Wort Teufel von Diabolos, dem Verdreher. Die Umkehrung der Wahrheit ist also teuflisch. Jesus nennt den Teufel «Vater der Lüge». Unwahrheit über die Nächsten zu verbreiten, ist Hetze und schafft noch mehr Vorurteile. Daraus entsteht Entzweiung und damit die Grundlage von Bürgerkriegen.
Wahrheit heisst also Ehrlichkeit, Faktentreue, Verlässlichkeit. Bei der Suche nach Lösungenin Gesetzgebung und bei Abstimmungen brauchen wir verlässliche Informationen, um uns für das Gute zu entscheiden. Wir müssen aber auch danach suchen und nicht bei der Ideologie stehen bleiben. Und vom Gesetzgeber erwarte ich anderes als Aussagen wie z.B.: «Ich glaube halt an die Freiheit». Es braucht die sachliche Auseinandersetzung mit einem konkreten Problem und eine Lösungsfindung dazu. Alles andere ist schlechte Politik!
Die Idee, aufgrund einzelner Erfahrungen alles wissen zu können und wissenschaftliche Erkenntnisse deshalb zu ignorieren, ist Überschätzung der eigenen Wahrnehmung. Und auch massives Misstrauen gegenüber «den Eliten».
Verschwörungstheorien sind wiederum deshalb gefährlich, weil sie auf falsche Fährten führen und systeminhärente Ursachen von Problemen überdecken. So können wir bestehende Probleme gar nicht mehr lösen!
Wie können wir Wahrheit finden?
Wir fragen uns, wem man noch trauen kann. Doch die Frage könnte auch anders lauten: Wie können wir prüfen, was wahr ist und was nicht? Dazu gibt es sicher viele Wege. Aber grundsätzlich gibt es zwei Achsen:
- Uns selber prüfen und die eigene Wahrnehmung reflektieren
- Fakten prüfen: Zum Beispiel Quellen verfolgen, die Transparenz von Websites prüfen, etc.
Wie können wir von der Politik und den Medien, vor allem von den sozialen Medien und Autoren im Internet Rechenschaft verlangen? Erheben wir unsere Stimme, konfrontieren wir die Absender persönlich!
Hat die Wahrheit noch eine Chance?
Sind wir auf verlorenem Posten, wenn Lügen attraktiver sind als Wahrheit? Nein, wir können und müssen die Wahrheit zum Thema machen! Und nicht nur bei den politischen Gegnern, sondern auch in unseren eigenen Kreisen! Die Diskussion muss geführt werden. Wir brauchen vielleicht auch ein Übereinkommen, was wir unter Wahrheit verstehen.
Ein paar Wege dazu:
- Wahrheit zum Thema machen und die Menschen wieder dafür begeistern
- Wahrheit aufzeigen: Faktencheck wie bei Organisation wie www.politifact.com.
- Investigativ-Journalistinnen und -Journalisten, die News, Gerüchten und Verschwörungstheorien auf den Grund gehen
- Einen Werkzeugkasten zum Reality Check erarbeiten
- Unabhängige Medien stützen und nicht zum Spielball von Investoren werden lassen
- Vertrauen in die Wissenschaft fördern
- Die Weltangst bekämpfen
- Wahrheit vermitteln, ohne unter Druck zu setzen
Wahrheit darf nicht zur Unterwerfung missbraucht werden. Die richtige Darstellung von Facts in einer politischen Diskussion ist nur ein Element für die Entscheidungsfindung. Darauf aufbauend muss ein Konsens gefunden werden, was wir nun damit machen wollen und was das Beste für alle ist.
ChristNet ist überzeugt, dass Christinnen und Christen das Zeug haben, Werte wie Aufrichtigkeit, Wahrheit und Verlässlichkeit wieder ins Zentrum zu rücken, ja zu verkörpern, und dies ohne Machtanspruch. Dazu müssen wir selber verlässlich sein. Wie, wenn uns die Zeit für den Faktencheck beim Textschreiben fehlt? Gar nicht so einfach!
1. «Without facts, you can’t have truth. Without truth, you can’t have trust. Without trust, we have no shared reality, no democracy, and it becomes impossible to deal with our world’s existential problems.» Maria Ressa in her Nobel Peace Prize lecture, delivered in Oslo on 10 December 2021.
Weiterführender Artikel zur Wahrheit in der Bibel
Im Zusammenhang mit dem ChristNet-Forum 2017 mit dem Titel «Alles fake!? – Wahrheit in Medien und Politik» hat sich der Wirtschaftstheologe und Dekan der Haute École de Théologie in St-Légier, Michaël Gonin, damit auseinandergesetzt, was in der Bibel als Wahrheit beschrieben wird.
Foto von pexels / fauxels
Dieser Artikel erschien ursprünglich am 31. Oktober 2020. Wir haben ihn komplett überarbeitet, veraltete Informationen entfernt und auf den neuesten Stand für 2026 gebracht.



26.1.2021 „…bis vor kurzer Zeit kaum zu dieser Frage zu Wort gemeldet haben…“
Diese Aussage im 3. Absatz muss korrigiert werden. Bereits im Mai 2018 haben namhafte evangelische Persönlichkeiten ein beeindruckendes Memorandum „Reclaiming Jesus“ in Anlehnung an die ‚Barmer Erklärung‘ 1934 (wir bekennen – wir verwerfen) veröffentlicht. Bemerkenswert, dass dieses Dokument nie in hiesigen evangelikalen Publikationen wie ideaSpektrum erwähnt wurde!
Abgesehen von dieser Ergänzung: Danke für die Ausführungen, die hoffentlich in (Frei-)Kirchen diskutiert werden.
Danke Markus. Eine kleine Ergänzung zur Frage, wie Wahrheit finden können: Auch an den Früchten.