Warum sich streiten lohnt
Vor einigen Monaten wurde in einem christlichen Podcast Vertretern einer bestimmten theologischen Richtung, zu der ich mich auch zähle, die persönliche Jesusbeziehung und das Heil abgesprochen und eine direkte Verführung durch den Satan unterstellt. Ich erlebe hier eine Streitkultur, die mir unheimlich ist.
Als Christen streiten – geht das überhaupt? Ich möchte mich in diesem Artikel damit beschäftigen, warum sich streiten lohnt.
Streiten lohnt sich, weil es sich lohnt, Überzeugungen zu haben.
Ich nehme in unserer Gesellschaft, aber auch unter Christen zwei Polarisierungen wahr: entweder man radikalisiert sich und wird fundamentalistisch oder man verstummt und entwickelt eine gewisse Gleichgültigkeit. In sozialen Medien werden Überzeugungen oft radikal kommuniziert, mit verbaler Vehemenz und einem unumstösslichen Wahrheitsanspruch. Damit können sich viele nicht mehr identifizieren, sondern sehen darin eine Verrohung unserer Gesellschaft. Weil man sich auf diesem verbalen Schlachtfeld nicht tummeln möchte, bleibt man still oder bekommt eine Aversion allen starken Überzeugungen gegenüber. In der Sehnsucht nach Toleranz und Akzeptanz werden starke Überzeugungen zum neuen Feindbild.
Aber ich halte es trotzdem für wichtig, dass Menschen und insbesondere auch Christen klare Überzeugungen haben.
Konsumieren verhindert die Entwicklung von eigenen Überzeugungen
Leider haben wir in unseren programmorientierten Gottesdiensten und Kirchen die Tendenz, die Besucher zu Zuschauern und damit zu Konsumenten zu machen. Aber Konsumenten entwickeln keine eigenen starken Überzeugungen. Ein Konsument geniesst das Fertigprodukt. Solange Christen in ihren Gottesdiensten, durch YouTube-Predigten oder auf sozialen Medien einfach nur Inhalte konsumieren, wird nichts mehr selbst erarbeitet und reflektierte, gewachsene und gereifte Überzeugungen bleiben auf der Strecke. Nach 30 Jahren als Pastor fällt mir auf, dass Christen immer weniger selbst in ihrer Bibel lesen. Sie konsumieren vor allem die Deutungen und Überzeugungen anderer über die Bibel. Aber es macht einen grossen Unterschied, ob ich selbst in der Bibel lese und zu eigenen Überzeugungen gelange oder bloss die Überzeugungen anderer wiedergebe. Übernommene Überzeugungen haben viel weniger Kraft als selbst erarbeitete Überzeugungen. Für mich hängt eine gewisse Leidenschaftslosigkeit des Christentums mit seiner Überzeugungslosigkeit zusammen. Überzeugungen sind wie der Kraftstoff unserer Motivation und Vision. Wo immer Menschen von Motivation, Vision oder innerem Antrieb erfüllt sind, verfügen sie auch über starke Überzeugungen. Überzeugungen haben enorm motivierende Kraft für Leben und Glauben. Grosse Dinge geschehen nur durch starke Überzeugungen. Sie helfen uns unterwegs nicht schlapp zu machen oder allzu schnell nachzugeben. Wenn Überzeugungen auf schwachen Beinen stehen, dann reicht der Widerstand oder die Androhung von Konsequenzen, um sich von ihnen zu verabschieden.
Überzeugungen von der Wahrheit unterscheiden
Und nun kommt auf christlicher Seite noch etwas Problematisches dazu. An vielen Stellen hat man verlernt, Überzeugungen von Wahrheit zu unterscheiden. Bei vielen Debatten geht es nicht um Überzeugungen – es geht immer um die Wahrheit. Unsere persönlichen oder gemeindlichen Überzeugungen werden ganz reflexartig mit der Wahrheit Gottes gleichgesetzt. Wir glauben nicht einfach an Überzeugungen und wir präsentieren in unseren Gesprächen keine Überzeugungen, sondern wir präsentieren und vertreten die Wahrheit. Überzeugungen bringen uns nicht in den Himmel – die Wahrheit bringt uns in den Himmel! Aus diesem Grund sind die eigenen Überzeugungen auch die wahren Überzeugungen und die Überzeugungen der anderen automatisch die Falschen. Und so kommt es nicht zu einem ebenbürtigen Austausch, sondern es entwickelt sich sofort der Streit um die Wahrheit. Und die Wahrheit kennt keine Toleranz. Und so frisst der christliche Wahrheitsanspruch immer wieder die Überzeugungen auf. Dieses kämpferische Klima und diese Verunsicherung führen dazu, dass sich viel zu wenig gute, gesunde und persönliche Überzeugungen entwickeln.
Überzeugungen bringen uns nicht in den Himmel – die Wahrheit bringt uns in den Himmel!
Die Bibel bestärkt uns jedoch darin, eigene Überzeugungen zu entwickeln und zu vertreten. Deutlich wird das zum Beispiel im 14. Kapitel des Römerbriefs. Dort wird die Frage behandelt, ob man als Christ Fleisch oder nur Pflanzenkost zu sich nehmen darf. Fleischbeschaffung war damals eng mit heidnischen Götzenopfern verbunden. Eine andere Frage war die Verbindlichkeit der jüdischen Feiertage und des Sabbats. Zu beiden Fragen gab es offensichtlich unterschiedliche Überzeugungen. Paulus widersteht dem Reflex verbindlich festzulegen, was gültige Wahrheit ist. Er lässt Platz für persönliche Auffassungen. Am Ende muss jede Überzeugung die Ehre Gottes und die gegenseitige Rücksicht im Blick haben. Und so formuliert er in Vers 22: «Behandle deine Überzeugung in diesen Dingen als eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Glücklich zu nennen ist der, der sich in Fragen der persönlichen Überzeugung so verhält, dass er sich nicht selbst anzuklagen braucht.» (NGÜ) In anderen Worten: habt Überzeugungen, steht dazu, lasst es reflektierte und gewachsen Überzeugungen sein, dann müsst ihr euch deswegen auch nichts vorwerfen oder euch anklagen lassen.
Der Wert eigener Überzeugungen im Talmud
Dem jüdischen Talmud gelingt es, unterschiedliche Auslegungen und Überzeugungen verschiedener Rabbiner zu sammeln und darzustellen. Man hat die Auffassungen der Rabbiner, die recht unterschiedlich und zum Teil widersprüchlich sind, gesammelt mit dem Anspruch, aus allem etwas lernen zu können. Es geht am Schluss gar nicht darum, die einzige göttliche Wahrheit herauszufinden, sondern an den unterschiedlichen Überzeugungen zu wachsen und durch ihre göttliche Weisheit zu reifen. Meiner Meinung nach hat sich das Judentum davor gehütet, zu dogmatisch zu werden, damit am Schluss nicht viele weise Überzeugungen zugunsten einer für alle gültigen Dogmatik ausgeschieden werden. Das Judentum lebt bis heute von einer lebendigen Auseinandersetzung, einem lebendigen Gespräch über die Bedeutung biblischer Texte, und ihre Anwendung.
Es gibt im rabbinischen Judentum eine wunderbare Geschichte, die den Wert eigener Überzeugungen stark herausstellt. Die Geschichte ist unter dem Namen «Der Ofen von Akhnai» bekannt (Baba Metzia 59b, 2. Jahrhundert nach Christus): Juden brauchen zum Essen koschere Kochutensilien, also getöpferte Behälter oder Öfen. Diese konnte man im Gegensatz zum heutigen Geschirr nicht mehr koscher machen, wenn sie aus irgendeinem Grund erst einmal unrein geworden waren. Stattdessen mussten sie komplett zerschlagen werden. Eines Tages kam ein kluger Rabbiner auf die Idee, einen Ofen zu entwickeln, der bereits vor der Benutzung zerschlagen worden war, also eine Art recycelbare Backstation. Wenn dieser Ofen nun unrein wurde, nahm man ihn mit wenig Aufwand auseinander, setzte ihn anschließend wieder mithilfe von Lehm zusammen, brannte ihn erneut und schon hatte man wieder einen neuen, rituell reinen Ofen hergestellt. Während Rabbi Elieser ben Hyrkanos diese Idee wunderbar fand, erteilten die anderen Rabbiner dem Vorschlag eine Absage. Nun kam es zu einer heftigen Debatte darüber im örtlichen Lehrhaus. Rabbi Elieser, der offensichtlich Gott auf seiner Seite hatte, konnte die Richtigkeit seiner Überzeugung immer wieder durch verschiedene Wunder bekräftigen. Die anderen Rabbiner wollten sich aber von den Wundern nicht ablenken lassen, sondern weiter über die eigentliche Sache debattieren. Schließlich erklärte Rabbi Elieser: «Wenn ich recht habe, dann wird es eine himmlische Stimme beweisen!» Da erschallte die Stimme Gottes und rief: «Was habt ihr gegen Rabbi Elieser? Ihr wisst doch bestimmt, dass er in jedem einzelnen Fall recht hat und das Gesetz sich stets nach seiner Ansicht richtet.» Woraufhin Rabbi Jehoschua aufstand, zum Himmel blickte und erwiderte: «Die Tora ist nicht im Himmel (5.Mose, 30,12). Du hast uns die Tora schon gegeben, Ewiger, und in ebendieser Tora steht geschrieben, dass sie nicht mehr im Himmel ist, sondern auf Erden. Hier wird durch die demokratische Mehrheit entschieden (2.Mose 23,2). Und die Mehrheit hat sich gegen Rabbi Eliesers Meinung gewandt!» Gott und Rabbi Elieser wurden damit von einem halben Dutzend anderer Rabbiner überstimmt.
Der Talmud berichtet im Anschluss an diese Ereignisse von einer Begegnung zwischen einem der beteiligten Rabbis und dem Propheten Elia. Der Rabbi fragte Elia, wie Gott denn reagiert habe, nachdem er von seinen Kindern überstimmt worden war, woraufhin Elia antwortete: «Er hat fröhlich gelacht und gesagt: Meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt!»
Es wird deutlich, dass Gott wie ein stolzer Vater anerkennt, dass seine Kinder zu eigenständigen, mutigen und kritischen Geistern gereift sind. Es geht Gott aus jüdischer Perspektive eben nicht darum, unterwürfige, abhängige und geistig verarmte Wesen zu erschaffen, die ihm wie Schafe folgen, sondern selbstbewusste und emanzipierte Partner, die ihm bei der Vervollkommnung der Welt zur Seite stehen. Gott gibt dem Individuum Raum, sich fortzuentwickeln, zu wachsen, zu reifen, um sich für die kommenden Aufgaben zu wappnen. Gehorsam und Widerspruch sind im Judentum keine entgegengesetzten Pole. Die jeweiligen Paare Treue und Kühnheit, Loyalität und Emanzipation, Dienst und kritische Reflexion bilden das Fundament des außergewöhnlichen Verhältnisses zwischen dem Volk Israel und Gott.1
Wir sollten wieder neu den Mut zu eigenen Überzeugungen entwickeln und uns nicht in Sicherheit bringen angesichts des ausgrenzenden Fundamentalismus, den wir in unserer Gesellschaft erleben. Wir brauchen eine lebendige und respektvolle Debattenkultur. Wir müssen wegkommen von dem Gedanken, es drehe sich alles nur um die Wahrheit. Gott ist im Besitz der Wahrheit, aber wir sind im Besitz von Überzeugungen. Und mit all den Debatten über unsere Überzeugungen, mit all dem Reifen und Wachsen machen wir gemeinsam immer mehr Schritte in Richtung der Wahrheit. Aber die Wahrheit ist gerade dann gefährdet, wenn wir nicht mehr zu eigenen Überzeugungen fähig sind. Wenn uns Überzeugungen kostbar sind, dann machen wir uns für sie stark, setzen uns für sie ein, verteidigen und rechtfertigen sie und statten sie mit Argumenten aus. Während sich die Wahrheit nicht wandelt, dürfen sich unsere Überzeugungen sehr wohl verwandeln. Was es braucht ist Respekt und Rücksicht aufeinander. Das darf uns in der Debatte und in der Streitkultur keinesfalls abhandenkommen.
1. Daniel Neumann, „Lob der Widerspenstigkeit“, Jüdische Allgemeinde, 05.12.2016; https://www.juedische-allgemeine.de/religion/lob-der-widerspenstigkeit/
Der Artikel ist in der Ausgabe 2/24 in der Zeitschrift „Family“ erstmals erschienen. Ihm wird ein weiterer Artikel mit der gegenteiligen Aussage folgen: Warum streiten sich nicht lohnt.
Titelbild von Tima Miroshnichenko, pexels











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