Warum sich streiten nicht lohnt
In meinem vorangegangenen Artikel habe ich mich dafür ausgesprochen, starke Überzeugungen zu entwickeln und auch dafür zu streiten, denn sie haben motivierende Kraft und helfen uns etwas zu erreichen. Wenn aber eigene Überzeugungen mit der Wahrheit gleichgesetzt werden, lehne ich ihn ab.
Es ist schade, wenn Christen keine gewachsenen Überzeugungen mehr haben, sondern als Konsumenten die Ansichten anderer einfach übernehmen. Überzeugungen schenken Vision, lassen uns standhalten, wieder aufstehen und durchhalten. Sie sind das Rückgrat unserer Seelen und unseres Denkens. Darum lohnt es sich zu streiten, um die eigenen Überzeugungen zu schärfen und für sie Verantwortung zu übernehmen. In diesem Artikel möchte ich hingegen deutlich machen, warum wir vorsichtiger und zurückhaltender streiten sollten.
Erkennen ist Stückwerk
So sehr ich den Streit um persönliche Überzeugungen befürworte, so sehr lehne ich ihn ab, wenn die eigenen Überzeugungen mit der Wahrheit gleichgesetzt werden. Allzu oft werden dann aus Streiten ein Spalten und Verurteilen. Ausgangspunkt für meine Überlegungen ist die Aussage des Paulus im Korintherbrief: „Denn was wir erkennen, ist immer nur ein Teil des Ganzen, und die prophetischen Eingebungen, die wir haben, enthüllen ebenfalls nur einen Teil des Ganzen. Eines Tages aber wird das sichtbar werden, was vollkommen ist. Dann wird alles Unvollkommene ein Ende haben…. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt.“ (1.Kor.13,9+10+12b NGÜ). Unsere Erkenntnis ist von Subjektivität geprägt, unvollkommen, bruchstückhaft, wie das undeutliche Bild in einem verschwommenen Spiegel. Unserem Erkennen fehlt es an letzter Klarheit und Eindeutigkeit. Wo immer Menschen über Gott oder den Glauben reden, bewegen sie sich auf der Ebene der Wahrscheinlichkeiten, nicht aber auf der Ebene der Wahrheit und der Sicherheit. Das kommt erst noch. Niemand ist im Besitz der ganzen Wahrheit, egal bei welch bibeltreuen Ausbildungsstätte er seinen Abschluss gemacht hat und egal bei welch noch so biblischen Gemeinde er zu Hause ist. In anderen Worten: wir bekommen unsere Subjektivität nicht vom Tisch. Unser Glaube ist eine Annäherung an die Wahrheit. Wir sind immer Kinder unserer Zeit, beeinflusst von unsrer Prägung, tragen die Brille unseres kirchlichen und auch kulturellen Hintergrundes. Es stört mich, dass wir uns in vielen theologischen Debatten wegbewegen von dieser Bescheidenheit. Stattdessen entwickelt sich ein regelrechter Kulturkampf unter Christen. Zu viel Christen sehen sich im Besitz der absoluten Wahrheit, die es nun zu verteidigen gilt und die mit einfachen Überzeugungen oder Meinungen schon lange nichts mehr zu tun hat. Und so wird aus dem konstruktiven Gespräch ein verbissener Kampf bei dem man sich gegenseitig die Gottesbeziehung, die Bibeltreue und die Rechtgläubigkeit abspricht.
Gott verkraftet mehr Irrtum als wir denken
Aber dass sich streiten und verurteilen nicht lohnen, liegt nicht nur an der Subjektivität unserer Erkenntnis, sondern auch daran, dass Gott deutlich toleranter ist, als viele von uns meinen. Es ist doch erstaunlich, wie viele Irrtümer Gott seit Anbeginn der Kirche schon erträgt: ob die Streitigkeiten der frühen Christen, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Rechtfertigung der Sklaverei, Ablasshandel, die Hinrichtung der Täufer, rigorose Gesetzlichkeit, eine Glaubenslehre, die körperliche Heilung garantiert, die Verteufelung der Pfingstbewegung oder eine Theologie, die die Rassenideologie der Nazis unterstützt. Manches hat die Kirche verurteilt, anderes wurde jahrhundertelang mitgeschleppt. Ich finde es erstaunlich, wie Gott sich zu seiner Kirche stellt, seine Kirche liebt, trägt, fördert, in seiner Kirche gegenwärtig ist und ihr seinen Geist schenkt – obwohl sich dort seit 2000 Jahren so viele Irrtümer und irrsinnige Theologie tummeln. Offensichtlich macht Gott Stückwerk-Erkenntnis mit der Nebenwirkung des Irrtums viel weniger einen Strich durch seine Rechnung, als wir denken. Ganz so wichtig ist unsere christliche Dogmatik dann doch wieder nicht. Reichlich zynisch heisst es im Buch Prediger: „Und darüber hinaus, mein Sohn, lass dich von ihnen warnen! Das viele Büchermachen findet kein Ende. Und das viele Studieren ermüdet den Leib.“ (Pred.12,12 NeÜ). Natürlich sollen wir uns um die Wahrheit bemühen und gegen Irrlehre vorgehen. Aber wer will sich angesichts der eigenen Bruchstückhaftigkeit zu ihrem Anwalt machen? Für mich bleibt das die wichtige Aufgabe des Heiligen Geistes, der uns unermüdlich in die Wahrhaftigkeit hineinführen möchte. Daher ist für mich geisterfüllte Nachfolge wichtiger als theologische Korrektheit. Wie hat sich gerade das protestantische Christentum in den letzten 500 Jahren ohne aufhören gespalten und zersplittert! Und jede Splittergruppe ist erneut von der Wahrheit ihres Glaubens überzeugt.
Wie hat sich gerade das protestantische Christentum in den letzten 500 Jahren ohne aufhören gespalten und zersplittert!
Ich bewundere den enormen Zusammenhalt des jüdischen Volkes seit Jahrtausenden trotz aller Versuche, es zu zersplittern oder gar zu eliminieren. Dem Hohen Rat zur Zeit Jesu ist es gelungen zusammenzuarbeiten, obwohl dessen Mitglieder dogmatisch teilweise meilenweit auseinanderlagen. In der Apostelgeschichte lesen wir: „Die Sadduzäer leugnen nämlich die Auferstehung, und sie bestreiten auch die Existenz von Engeln und anderen übernatürlichen Wesen, während die Pharisäer sowohl das eine als auch das andere lehren.“ (Apg.23,8 NGÜ). Die Themen Auferstehung, Engel und sonstige übernatürliche Wesen sind nun wirklich kein dogmatischer Pappenstiel. Trotzdem bilden sie ein gemeinsames geistliches Gremium. Man stelle sich einmal ein heutiges kirchliches Leitungsteam vor, das zur Hälfte an die Auferstehung und an Engelwesen glaubt, wohingegen die andere Hälfte beides leugnet. Oder die eine Hälfte glaubt an die Verbalinspiration, ewige Verdammnis und die vollkommene Sündhaftigkeit der Menschen, wohingegen die andere Hälfte damit nichts anfangen kann. Undenkbar! Eine gemeinsame Zusammenarbeit in derselben Kirche wäre nicht möglich, vielleicht würde man nicht einmal Abendmahl miteinander feiern. Leider reichen heute oft viel geringere Unterschiede, um zu streiten, sich zu spalten oder einander den rechten Glauben abzusprechen.
Solange wir dogmatische Fragen, Rechtgläubigkeit und unsere Sicht der Dinge eng mit dem Seelenheil verknüpfen, wird unnachgiebig gestritten und ausgegrenzt. Denn wer irrt, dessen Heil ist am Ende gefährdet. Wenn es immer um alles, um das ewige Schicksal geht, bleibt jede Entspanntheit und Toleranz auf der Strecke. Aus dem konstruktiven Streiten um Überzeugungen wird ein erbittertes Kämpfen um die Seele des anderen. Man könnte doch gemäss dem Ratschlag Jesu die Dinge einfach mal gelassen wachsen lassen und schauen, welche Früchte entstehen. Wenn die Früchte die Liebe, den Frieden und die Barmherzigkeit vergrössern, dann ist doch alles in Butter.
Den himmelweiten Unterschied zwischen Korrektheit und Erbarmen macht Jesus in einem Gleichnis deutlich (Lk.10,25-37). Er erzählt von einem schwerverletzten Menschen, dem ein Priester und Levit nicht helfen, wahrscheinlich um sich kultisch nicht zu verunreinigen; und von einem verachteten Samariter, der keinen Moment zögert, sich über diesen Menschen zu erbarmen und ihn bis zuletzt zu unterstützen. Für damalige Ohren hatte diese Geschichte Sprengkraft. Denn der Glaube der Samariter war für Juden ein Irrglaube. Sie galten als unrein, sie hatten eine andere Heilige Schrift, andere Gebote, Liturgien und Traditionen, eine eigene Priesterschaft und einen eigenen Tempel. Man hat sie gemieden, und lieber einen grossen Umweg von Galiläa nach Judäa in Kauf genommen, als durch ihr Gebiet zu ziehen. Und nun macht Jesus in seinem Gleichnis den Samariter zum Helden. Im Irrtum waren der Priester und der Levit, wer göttlich gehandelt hat war der Samariter. Wenn Jesus dieses Gleichnis heute erzählen würde, dann stünde da vielleicht statt Samariter Moslem und statt Priester und Levit Pastor und Lobpreisleiter. Das wäre ungefähr die gleiche Kragenweite. Wie kann Jesus nur einen Samariter gut und einen Priester schlecht abschneiden lassen? Der Samariter glaubt doch das Falsche, der hat doch die Wahrheit nicht wirklich erkannt. Das Gleichnis setzt andere Akzente. Nicht die Rechtgläubigkeit, sondern die Rechtschaffenheit sind entscheidend. Also nicht das Rechte glauben, sondern das Rechte schaffen ist die Pointe in diesem Gleichnis. Der angeblich Ungläubige wird zum Vorbild. Solche Gleichnisse möchte ich bewusst gegen mich lesen. Sie dürfen mich demütig, bescheiden und leiser machen. Sie dürfen mein Verhalten entlarven, statt meine Korrektheit bauchpinseln.
Viele Menschen um uns herum können die innerkirchlichen Streitigkeiten und Spaltereien nicht nachvollziehen. Unser Ruf leidet schon genug wegen der vielen Skandale, da hätten wir eigentlich besseres zu tun als vor lauter Verbissenheit die Barmherzigkeit zu vergessen. Und sie quittieren das konsequent durch Fernbleiben. Kirche sollte der barmherzigste Ort der Welt sein, das dürfte niemand besser können als wir. Und darum sage ich in diesem Artikel: Streiten lohnt sich nicht! Was sich lohnt, ist hinschauen, hinhören, hingehen, sich erbarmen, mitleiden, lieben, verzeihen, Hingabe, Toleranz und Grosszügigkeit. Wer streiten will, soll das bitte bescheiden tun, mit viel Respekt und Hochachtung vor der Überzeugung des anderen. Die Wahrheit massen wir uns nicht an, wir lassen sie in Gottes Händen und werden hier und dort mit ihr beschenkt. Wir werden uns unserer Bruchstückhaftigkeit bewusst, unserem angewiesen sein auf den anderen. Wir überschätzen nicht länger unsere Erkenntnisfähigkeit und pflegen den Verdacht, dass der andere vielleicht recht hat.
Der Artikel ist in der Ausgabe 4/24 in der Zeitschrift „Family“ erstmals erschienen.
Titelbild von Tima Miroshnichenko, pexels









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