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Werte – wie wir herausfinden, was wirklich kostbar ist

Gesellschaft, Dossier: Christliche Werte – gesunde Demokratie?, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 9 min

Welche Rolle spielen Werte in unserem Leben? Was bedeuten sie für Christinnen und Christen? Wie sind christliche Werte erkennbar? Diese und andere Fragen in diesem Zusammenhang beantwortet dieser Artikel.


In Kürze

  • Werte verändern sich im Laufe der Geschichte und richten sich sowohl nach gesellschaftlichen Umständen als auch nach den individuellen Bedürfnissen. Dadurch entstehen unterschiedliche Werte-Hierarchien.
  • Die Quelle von Werten ist vielfältig: kulturell, psychologisch, philosophisch und für Christen besonders durch Bibel, Tradition und das Wirken des Heiligen Geistes geprägt.
  • Im christlichen Glauben dienen Werte nicht nur der moralischen Orientierung, sondern haben wichtige Aufgaben: sie sollen Gottes Wesen widerspiegeln, Gemeinschaft fördern, zur Nachfolge motivieren und als Zeugnis für die Welt wirken.
  • Die Liebe – zu Gott und zum Nächsten – sollte als höchster und zentraler Wert verstanden werden, aus dem alle anderen Werte hervorgehen und durch den sie ihren Sinn erhalten. Christliche Gemeinschaften sollten sich vor allem durch ihre gelebte Liebe auszeichnen und immer wieder reflektieren, wie dieser Leitwert in der heutigen Zeit konkret Ausdruck finden kann.

Im Laufe der Menschheitsgeschichte, aber auch im Laufe der Religionsgeschichte haben sich Werte ständig weiterentwickelt und verändert. In der frühen Menschheitsgeschichte waren Zusammenhalt, Loyalität, Teilen und eine enge Verbindung mit der Natur hohe Werte, was dem unmittelbaren Anliegen des Überlebens geschuldet war. In den antiken Hochkulturen waren es eher Werte wie Ordnung, Gesetz, Weisheit und Tugend. Und in unserer heutigen Gesellschaft dominieren Werte wie Individualismus, Freiheit, Toleranz, Gesundheit oder Leistung. Aber Werte unterliegen nicht nur einer Veränderung durch wechselnde Epochen der Menschheitsgeschichte, sondern auch durch die unterschiedlichen Bedürfnisse des Individuums. Wer viele Jahre auf einer einsamen Insel verschollen war, für den wird Gemeinschaft, Miteinander und Kommunikation zu etwas ungeheuer Wertvollen. Und wer lange Zeit in einem Kriegsgebiet leben musste, für den werden Sicherheit, Frieden und Gewaltlosigkeit – oder auch der Wunsch nach Rache zu essenziellen Werten. Und wer als Sklave geboren wurde oder viele Jahre Zwangsarbeit leisten musste, für den wird Freiheit, Mitbestimmung und Würde zu zentralen Werten. Ein Wertesystem ist damit immer abhängig vom Zustand einer Gesellschaft und den Bedürfnissen eines Individuums.

So kommt es auch, dass je nach Kontext unterschiedliche Werte-Hierarchien entstehen. Für den Schiffbrüchigen auf der einsamen Insel sind Freiheit und Mündigkeit kostbar, aber Gemeinschaft und Miteinander rangieren für ihn wahrscheinlich deutlich weiter oben.Dadurch erfahren die Werte an der Spitze dieser Hierarchie besondere Beachtung, wohingegen Werte, die deutlich weiter unten rangieren, schneller in Vergessenheit geraten können.

Aber was sind eigentlich Werte?

Werte sind grundlegende Überzeugungen, Prinzipien oder Qualitäten, die für eine Person, eine Gruppe oder eine Gesellschaft als wichtig, wünschenswert oder erstrebenswert gelten. Sie dienen als Massstäbe und Orientierungspunkte für unser Verhalten, unsere Ziele, unsere Motivation, unsere Urteile und unsere Identität. Wenn Werte uns prägen, verinnerlichen wir diese Massstäbe und Orientierungspunkte. Und je stärker diese Prägung ist, desto schwerer fällt es uns gegen diese Werte zu verstossen oder sie zu verändern.

Im christlichen Glauben – wie in allen Religionen – spielen Werte eine ganz besondere Rolle.Sie sind nicht nur abstrakte Ideale, sondern sollen das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft bewusst prägen. Sie erfüllen damit unterschiedliche Aufgaben:

  1. Ethik und moralischer Kompass
    Christliche Werte dienen als Richtschnur für das Denken, Fühlen und Handeln. Sie helfen Gläubigen zu unterscheiden, was im Sinne Gottes gut, richtig und erstrebenswert ist. Sie bieten einen Massstab, um Entscheidungen im Alltag, in ethischen Dilemmata und in Bezug auf Lebensziele zu treffen. Sie begründen, warum bestimmte Handlungen geboten oder verboten sind. Werte helfen dabei, persönliche Prioritäten, gesellschaftliche Strömungen, kulturelle Normen und sogar religiöse Lehren kritisch zu prüfen und zu beurteilen. Sie ermöglichen eine «Unterscheidung der Geister“ – also zu erkennen, was mit Gottes Willen übereinstimmt und was nicht.
  2. Ausdruck von Gottes Wesen:
    Für Christen reflektieren diese Werte etwas vom Wesen Gottes. Ein von diesen Werten bestimmtes Handeln und Leben spiegelt den Willen und die Absichten Gottes wider.
    Indem Christen versuchen, nach Gottes Werten zu leben oder sie zu verkündigen, wollen sie etwas vom Wesen und Charakter Gottes in der Welt sichtbar machen.
  3. Zieldefinition und Motivation (Nachfolge Christi):
    Christliche Werte beschreiben das Ziel des christlichen Lebens: Gott zu ehren, ihm ähnlicher zu werden (Heiligung, imitatio Christi), Frucht des Geistes hervorzubringen (Galater 5,22-23) und am Kommen des Reiches Gottes mitzuwirken. Sie motivieren Gläubige, über egoistische Interessen hinauszugehen. Werte werden zum wichtigen Orientierungspunkt der persönlichen Transformation.
  4. Formung der Gemeinschaft:
    Gemeinsam gelebte Werte stiften Identität, Einheit und Zusammenhalt innerhalb der christlichen Gemeinschaft (Kirche, Gemeinde). Sie können dadurch auch der Abgrenzung dienen dem Gegenüber, was diesen Werten widerspricht oder sich ihnen in den Weg stellt.
  5. Zeugnis für die Welt (Missionale Dimension):
    Ein Leben, das sichtbar von christlichen Werten wie Liebe, Vergebung, Gerechtigkeit und Hoffnung geprägt ist, kann ein kraftvolles Zeugnis für andere Menschen sein und auf die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft hinweisen.

Die Quelle unserer Werte

Die spannende Frage ist, woher sich eigentlich Werte speisen? Wie begründen sie sich oder was veranlasst sie?

Hier gibt es soziale und kulturelle Quellen wie das Elternhaus oder die Erziehung, vorgegebene gesellschaftliche Normen, unsere Peer-Group, soziale Medien, das religiöse Umfeld, in dem wir aufwachsen, oder unser Bildungssystem, das ebenfalls Werte vermittelt.

Es gibt aber auch psychologische Quellen wie unsere persönlichen Bedürfnisse, unsere Erfahrungen, Erfolge und Scheitern. Dabei spielen unser Temperament und unsere kognitive Reife eine wichtige Rolle.

Des Weiteren war auch immer wieder die Philosophie eine Quelle von Werten. Menschen denken über Werte nach, reflektieren die Realität, versuchen Widersprüche aufzulösen und begründen Werte durch ethische Theorien (Utilitarismus, die Pflichtethik Kants oder die Tugendethik des Aristoteles).

Für Christen ist die Quelle ihrer Werte in aller erster Linie die Bibel mit ihren Geboten, Erzähl- und Lehrtexten. Daneben orientieren sich Christen für ihre Werte am Charakter Gottes, der am deutlichsten in Jesus Christus und damit in den Evangelien sichtbar wird. Aber auch das unmittelbare Wirken des Heiligen Geistes, der uns in alle Wahrheit führen möchte, kann zur Quelle moralischer Urteile und damit zentraler Werte werden. Ausserdem spielen für Christen auch ihre Tradition und die Verwurzelung in ihrer religiösen Gemeinschaft eine wichtige Rolle, um zentrale Werte auszubilden.

Wertewandel

Viele Christen beklagen gegenwärtig einen deutlichen Wertewandel. Manche sprechen sogar von einer Erosion oder dem gänzlichen Verlust entscheidender christliche Werte. Für sie sollte jeder Bereich der Gesellschaft durchdrungen sein von biblischen Werten. Wo diese Werte aufgeweicht oder sogar abgelehnt werden, sieht man eine Gesellschaft moralisch und in ihrem Zusammenhalt gefährdet. Kann Gott solch eine Gesellschaft noch segnen oder trifft sie sein Gericht? Manchmal fühlt sich die Missachtung christlicher Werte wie eine persönliche Kränkung an. Wie könnt ihr in den Dreck ziehen, was für mich so zentral und kostbar ist?

Gleichzeitig scheint in weiten Teilen der westlichen Welt alles neu verhandelt zu werden. Der Bereich der Normalität, wo Werte scheinbar geklärt und vorgegeben waren, scheint immer kleiner zu werden. Was darf man noch sagen? Muss ich gendern? Was ist kulturelle Aneignung? Darf mein Kind noch als Indianer verkleidet in den Kindergarten gehen? Müssen Produkte oder Strassennamen aus politischer Korrektheit umbenannt werden? In Deutschland gibt es seit neuestem den Strafsachverhalt der Gehsteigbelästigung. Dabei dürfen vor Schwangerschaftskliniken oder Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbruch Personal oder Schwangere nicht länger von Abtreibungsgegnern angesprochen werden. Und so mancher Christ wird sich fragen, ob denn alles, was ihm bisher heilig und kostbar war, abgeschafftwird?

Dabei fokussiert sich die christliche Empörung auf ganz spezielle Werte und moralische Themen. Meist geht es um Themen wie Sexualmoral, Sex vor der Ehe, Pornografie, Homosexualität, Gender oder Transsexualität. In der Werte-Hierarchie stehen diese Themen ganz weit oben, sodass andere christliche Werte oftmals das Nachsehen haben oder gar nicht mehr im Blick sind. Und natürlich stellt sich gleichzeitig die Frage, ob die „alte Normalität“ wirklich so wertvoll und lebensfördernd war, wie sie manchen den Eindruck erweckt oder ob die Beharrungstendenzen vor allem die eigene vorteilhafte Sicht- und Lebensweise sichern sollen.

Um die wichtigsten Werte zu schützen, werden immer wieder Regeln und Gebote aufgestellt.Gebote sollen das schützen, was uns wertvoll ist. So schützen die zehn Gebote die monotheistische Gottesverehrung, aber auch das Leben, das Eigentum, die Ehe oder die Wahrhaftigkeit. Aber Regeln und Gebote haben ein ernstes Problem. Sie stützen Werte nur von aussen. Sie haben keine wirklich prägende Kraft, sondern halten Werte durch die Androhung von Strafe und Konsequenzen aufrecht. Im Judentum haben sich dadurch 613 Gebote und Verbote in der Tora entwickelt. Daneben gab es irgendwann hunderte von Sabbatvorschriften, unzählige Satzungen zu Reinheit und Unreinheit und endlose Speisegebote. Aber eigentlich war es schon immer Gottes Idee, uns seine Werte ins Herz zu schreiben und nicht auf steinerne Tafeln. Nicht Angst soll Gottes Kinder zum wertvollen Handeln veranlassen, sondern die tiefe Überzeugung, dass es nichts Besseres gibt und wirgerade dann zu unsrer Bestimmung finden, wenn wir die Werte des Himmels auf dieser Welt durch unser Leben widerspiegeln. Die alttestamentlichen Propheten werden nicht müde auf diese notwendige Verinnerlichung von Werten hinzuweisen.

Gibt es einen höchsten Wert?

Auch Jesus wurde einmal von einem verzweifelten Schriftgelehrten gefragt, auf was es im Gesetz wirklich ankommt. Gibt es bei all den Geboten etwas, das am wichtigsten, am bedeutsamsten, am wertvollsten ist? Etwas, das in gewisser Weise als Grundwert das gesamte Gesetz zusammenfasst? Gibt es etwas, das an der Spitze der Werte-Hierarchie steht?

Das Markusevangelium schreibt: «Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: «Welches ist das wichtigste von allen Geboten?» Jesus antwortete: «Das wichtigste Gebot ist: ‹Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!› An zweiter Stelle steht das Gebot: ‹Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!› Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.» (Mk.12,28-31 NGÜ)

Für Jesus steht also die Liebe zu Gott und die Liebe zum Mitmenschen an der Spitze aller Werte.

In der Bergpredigt umschreibt Jesus diesen Wert der Liebe durch den bekannten Satz: «Geht so mit anderen um, wie die anderen mit euch umgehen sollen. In diesem Satz sind das Gesetz und die Propheten zusammengefasst.» (Matthäus 7,12 NL).
Aber nicht nur Jesus macht die Liebe zum Massstab und Kriterium eines echten Glaubens und wahrhaftiger Nachfolge, sondern auch andere Autoren des neuen Testaments betonen die Bedeutung der Liebe als Grundlage aller Werte und aller christlichen Existenz.

Der Apostel Paulus schreibt:

  • Röm.13,8 Bleibt niemandem etwas schuldig, abgesehen von der Liebe, die ihr einander immer schuldig seid. Denn wer den anderen liebt, hat damit das Gesetz Gottes erfüllt
  • «Ihr kennt die Gebote: ‚Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.‘ Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‘ Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.»(Römer 13,9f GNB).
  • Ihr seid zur Freiheit berufen, liebe Geschwister! Nur benutzt die Freiheit nicht als Freibrief für das eigene Ich, sondern dient einander in Liebe. Denn das ganze Gesetz ist erfüllt, wenn ihr das eine Gebot haltet: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!»  (Gal.5,13-15)
  • Doch das Wichtigste von allem ist die Liebe, die wie ein Band alles umschliesst und vollkommen macht. (Kol.3,14)

Und der Apostel Jakobus schreibt: «Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift‚‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘, so tut ihr recht.» (Jakobus 2,8 LUT 2017).
Es gibt also ein königliches Gesetz, ein wichtigstes Gesetz, ein Leitgesetz, aus dem alle anderen Gebote herausfliessen: die Nächstenliebe. Sie ist der eine Wert, der allen anderen Werten ihre Berechtigung erteilt!

Der Kirchenvater Augustinus hat diese Überlegung auf die Spitze getrieben, indem er sagte: «Liebe und tue was du willst.» Augustinus fordert seine Hörer mit diesem Wort dazu auf, sich in allem Tun von göttlicher Liebe leiten zu lassen, in allem Tun den Vorrang der uneigennützigen, wohlwollenden Liebe anzuerkennen. In letzter Konsequenz geht er davon aus, dass Menschen, die Liebe zu ihrem allerhöchsten Wert und Leitprinzip gemacht haben, sich keine weiteren Gedanken um alltägliche Gebote, Regeln und Werte machen müssen, weil die Liebe in ihrem Herzen alles weitere regelt.

Liebe verleiht allem anderen seinen Wert

Für Jesus ist die Liebe kein nettes Anhängsel oder eine weitere Zutat aus dem Gewürzregal des Glaubens. Der Wert der Liebe ist die entscheidende Zutat, die allen anderen Werten ihre Richtung verleiht. Paulus drückt das so aus: «Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel. Wenn ich prophetische Eingebungen habe und alle himmlischen Geheimnisse weiss und alle Erkenntnis besitze, wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts. Und wenn ich all meinen Besitz verteile und den Tod in den Flammen auf mich nehme, aber ich habe keine Liebe – dann nützt es mir nichts.» (1.Kor.12,1-3 GNB). Es ist beeindruckend, wie sehr Paulus die Nutzlosigkeit und Wertlosigkeit von Geistesgaben, Hingabe und aufopferungsvoller Frömmigkeit betont, falls die innere Haltung der Liebe fehlt. Die Logik des Neuen Testaments ist bestechend: Alles – auch jeder andere Wert – verliert seinen Wert, wenn es nicht durchdrungen ist von der Liebe.

Mit Liebe sind nicht gute Gefühle oder Willkür gemeint, sondern die göttliche Agape. Es geht um eine ganz bestimmte Qualität der Liebe, die ganz und gar dem Wesen Gottes entspricht, denn Gott ist die Liebe. Mit der Liebe macht man es sich auch nicht leicht, denn es gibt kaum etwas Anspruchsvolleres als ein Leben, eine Haltung und ein Verhalten, dass die Liebe zum Nächsten als höchsten Wert hat. Das Hohelied der Liebe im Korintherbrief (1.Kor.13,4-8) beschreibt die Wesenszüge der Liebe in eindrücklicher Weise. An der Spitze aller Werte, aller Leitprinzipien, all dessen, was uns zutiefst prägen soll, steht die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Damit das Ganze nicht zu abgedroschen klingt, versuche ich einmal eine moderne Definition dessen, was den Wert der Nächstenliebe eigentlich meint. Nächstenliebe ist im Grunde nichts anderes wie der Wunsch, das Leben des anderen zum Blühen zu bringen. Durch welche Worte, durch welche Handlung, durch welches Verhalten, durch welche Unterstützung, durch welche Haltung, durch welche Motivation kann ich mithelfen, das Leben des anderen zum Blühen zu bringen? Aus dieser Überlegung herausfliessen dann alle anderen Werte wie Ehrlichkeit, Treue, Aufrichtigkeit, Hingabe, Rücksicht, Wertschätzung Barmherzigkeit, Mitleid, Zivilcourage, Freiheit, Gewaltlosigkeit, und vieles mehr.

Für welche Werte wollen wir bekannt sein?

Wollen Christen wirklich für ihre strenge Sexualmoral, ihre Heiligkeit, ihre Absonderungoder ihre moralische Überlegenheit bekannt sein? Als weltweite Christenheit hätten wir in der Liebe eine entscheidende Grundlage für unser Miteinander, für unser Auskommen, für unsere Solidarität, für unsere Schnittmenge und für unser Zeugnis. Hatte Jesus nicht gesagt: «An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid.» (Johannes 13,35 NGÜ). Aber leider spielt die Liebe in unserem christlichen Miteinander oft eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger für unser Miteinander sind dogmatische, theologische, eschatologische oder moralische Fragen. Und wenn das alles passt, dann darf gern auch noch die Liebe dazukommen. Damit stellen wir die Logik des Paulus auf den Kopf: Liebe ist wichtig, aber ohne das richtige Bibelverständnis, ohne die richtige Moral, ohne die richtige Sicht des Kreuzes, ohne die Betonung von Gerechtigkeit und Gericht ist die Liebe nutzlos. Bei Paulus dagegen ist ohne Liebe alles andere nutzlos. Ich sage es ganz deutlich: Unsere Religion ist die Liebe, weil Gott die Liebe ist! Und deshalb ist unsere zentrale Frage an das Leben nicht: Ist das biblisch, ist das richtig, ist das rechtgläubig? Sondern die zentrale Frage lautet: Ist das liebevoll? Damit stellen wir die Liebe wieder ganz nach oben in unserer Werte-Hierarchie und sie kann von dort aus unsere Herzen lenken und regieren. Es bleibt unsere Aufgabe als Kirche und als Kinder Gottes die Umsetzung und Verwirklichung dieser Liebe als unseren Leitwert immer wieder zu betonen, zu verhandeln und in unserer Zeit zu übersetzen.

20. Mai 2025/0 Kommentare/von Martin Benz
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Autorin / Autor

Martin Benz

*1967, Theologe, gründete 1993 die Vineyard Gemeinde in Basel, die er 25 Jahre leitete. Von 2019–2023 war er Pastor in Erlangen. Er ist Autor mehrerer Bücher und Artikel. Seit Sommer 2023 arbeitet er als selbständiger Theologe in der Fortbildungsarbeit sowie als Podcaster und Redner. Er lebt mit seiner Familie in Lörrach.

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