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Mit unheimlicher Lautstärke dröhnen die Glocken der Friedenskirche durch meine Nachbarschaft. Insbesondere am Sonntagmorgen schallen sie derart durchdringend, dass jedes Schlafen verunmöglicht wird. Ein Christ antwortete auf mein Klagen diesbezüglich: „Wir können doch froh sein um dieses Geläute. Das ruft uns Schweizern wenigstens wieder in Erinnerung, dass wir in einem christlichen Land leben.“ In einem christlichen Land? Wir? – Diese Idee macht mich stutzig. Was heisst es überhaupt, ein christliches Land zu sein? Und falls wir wissen was es heisst, ein christliches Land zu sein ? ist die Schweiz ein solches Land?

1. Sind die Schweizer Christen? ? ein erstes Kriterium

Ja, wann ist ein Land ein christliches Land? Für viele Leute ist die Antwort: Wenn es in diesem Land viele Christen gibt. Dieses Kriterium bedient sich des Mottos „Die Summe der Teile machen das Ganze aus“. Wenn alle Bewohner Christen sind, oder ein Grossteil, oder mehr als die Hälfte, so kann man das Land als Ganzes christlich nennen. Zur reinen Anzahl an Christen kommt Folgendes: In einem Land, in dem es viele Christen gibt, werden konsequenterweise auch die Gesetze, die Kultur und „die Luft, die man atmet,“ christlich geprägt sein. Deshalb wird oft auch gesagt, dass ein Land, das christliche Werte in Politik und Gesellschaft verwirklicht, ein christliches Land sei.

Ein erstes Kriterium für ein christliches Land wäre also: ein Land, in dem einerseits viele Christen leben, und in dem andererseits christliche Werte in der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle spielen.

a) Heute

Ist die Schweiz nach diesem Kriterium ein christliches Land? Dazu müssen wir uns fragen, was es heisst, Christ zu sein. Fragt man die Christen danach, so betonen sie immer, dass Christsein viel mehr bedeute als an Weihnachten pro forma einen Gottesdienst über sich ergehen zu lassen. Christsein bedeute, in seinem Leben einen Punkt zu setzen und umzukehren, sich von Gott die Fehler vergeben zu lassen, Sorglosigkeit und Freude und Befreiung schenken zu lassen, mit Jesus , seiner Liebe und seinem Geist durch den Alltag zu gehen und vieles mehr. Wieviele der Schweizer Einwohner sind von dieser Vision geprägt? Wo ist auch nur ein Ort in der Schweiz, dessen Strassen mit Christenmenschen gefüllt wären? Ich sehe ihn nicht.

Und da die Öffentlichkeit immer von den Bürgern geformt wird, die sie ausmachen, sind somit auch unsere Gesetze, unsere Gesellschaft und Kultur nicht von christlichen Zielen geleitet (und wenn sie es sind, dann entspringt dies nicht mehr einer christlicher Motivation). In der Schweizer Öffentlichkeit wehen viele Geister, gute wie böse: die Geldliebe, die Bitterkeit, die Ehrlichkeit, die Sorge um die Natur, der Spass, usw. Der Geist Jesu aber ist inmitten dieser Stürme kein starker Wind.

Sehr viele Christen verwenden zwei verschiedene Definitionen von Christsein und christlichen Werten, je nachdem ob sie die Meinung vertreten, die Schweiz sei ein christliches Land oder ob sie sonst ? im Rahmen eines Gottesdienstes oder eines Hauskreises ? über ihren Glauben sprechen. In ersterem Fall gilt die Schweiz auf einmal als christliches Land, nur weil noch eine Minderheit manchmal den Gottesdienst besucht oder weil unsere Gesetze entsprechend den Zehn Geboten das Morden verbieten.

b) Gestern

Einige Leser werden eingestehen, dass die Schweiz heute tatsächlich nicht mehr von Christen bevölkert ist. Aber sie werden erwidern, dass dies in den vergangenen Jahrhunderten anders gewesen sei. Und: Unsere ganze heutige Kultur sei auf diesem christlichen Boden früherer Zeiten gewachsen und somit von ihm genährt.

 

Dazu ist dreierlei zu erwidern: Erstens, inwiefern kann einen der Glauben der Vorfahren tragen ? und inwiefern muss jeder Mensch selbst zu Gott finden? Zweitens, wie stark ist der Einfluss der Zeiten von Niklaus von der Flüe und Jeremias Gotthelf auf das Leben im 21. Jahrhundert überhaupt noch? Drittens ? und das ist die wichtigste Erwiderung ?, wie christlich sind unsere Wurzeln wirklich? Wer prägte das sogenannte christliche Abendland: Bibeltreue Prediger oder vom Aberglauben durchtränkte Volksfrömmigkeit? Ein paar wenige pazifistische Mennoniten oder unzählige kriegslustige Adlige? Matthias Claudius oder Denis Diderot? Die Liste liesse sich fortsetzen. Vergleichen wir doch einmal, was Jesus der Welt angepriesen hat und was die Öffentlichkeit und den Alltag eines Menschen in den Jahrhunderten des sogenannten christlichen Abendlandes geprägt hat! Stellt sich da nicht die Frage, ob nicht auch in der so vielbeschworenen christlichen Vergangenheit der Schweiz der „breite Pfad“ von mehr Menschen beschritten wurde ? das neue Leben hingegen, das Gott den Menschen geben möchte, nur einen kleinen Teil der Menschen und der Kultur und Politik echt verändern konnte?

Es sieht also so aus, dass sowohl heute als auch in der Vergangenheit ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung zu jenen Menschen gehört, die das Evangeliums zu empfangen brauchen und nicht zu jenen, die es schon empfangen haben. Und somit war auch die Gesellschaft, Politik und Kultur nie besonders stark von christlichen Zielen geleitet. Wenn man die „Christlichkeit“ eines Landes daran messen will, ob die Teile, die es ausmachen ? seine Menschen, seine Führer, sein öffentliches Leben ? vom Glauben an den Gott Abrahams geprägt sind, so können wir die Schweiz nicht als christliches Land bezeichnen.

2. Ist die Schweiz Christ? ? ein zweites Kriterium

Es gibt Christen, die die Schweiz trotzdem als christliches Land bezeichnen, obwohl sie einsehen ? und auch beklagen -, dass die Schweizer die Prägung durch den Glauben an Jesus verloren haben oder nie gehabt haben. Und zwar, weil sie unter einem christlichen Land etwas anderes verstehen, als dass in diesem Land eine bestimmte Anzahl von Christen leben. Diese andere Sicht betont, dass wir uns im Bundesbrief und in der Verfassung Gott anbefohlen haben und Gott die Schweiz gesegnet hat. So wie ein Individuum sich zu Gott bekehren kann, so kann auch eine Nation ? wie eine Person ? mit Gott in eine Beziehung treten. Es spielt dabei keine Rolle, dass die Schweizer heute in ihren je individuellen Leben Gott verlassen haben. Die Schweiz als Ganzes ist und bleibt Gottes Kind ? so die Meinung vieler Christen. Dieses zweite Kriterium dafür, ob ein Land christlich ist oder nicht, bezeichnet ein Land nicht dann als christlich, wenn seine Teile es sind, sondern wenn das Land als Land eine spezielle Beziehung zu Gott hat.

a) Flaggen, Briefe und Präambeln

Es scheint äusserst fraglich, ob die Schweiz nach diesem zweiten Kriterium ein christliches Land ist. Oftmals wird zur Stützung dieser Idee auf das Kreuz in unserer Flagge verwiesen. Man muss sich jedoch fragen, ob zum Beispiel der Kanton Neuenburg wirklich ein christlicherer Kanton ist als der Kanton Bern, nur weil in seiner Flagge ein Kreuz prangt statt eines Bären. Macht das den Unterschied?

 

Als weitere Stützung für die Idee einer „christlichen Schweiz“ wird oft der Bundesbrief von 1291 genannt. Nur ist es bei genauerem Hinsehen nicht einsichtig, wie der Bundesbrief die Schweiz irgendwie näher zu Gott geführt hätte. Der Bundesbrief ist ein Dokument, das einen Verteidigungsbund zwischen drei Tälern und die wichtigsten Regeln der Justiz kurz und schriftlich festhält. In keiner Weise ist es ein Bund mit Gott, wie dies zur Zeit unter Christen zu hören ist1 ! Natürlich beginnt der Bundesbrief „In Gottes Namen, Amen“ und an einer Stelle kommt ein „so Gott will“ vor. Aber weshalb diese zwei Formulierungen ein Militär- und Justizbündnis zu einem Gottesbund machen sollen, ist nicht einsichtig. Die Anrufung Gottes in der Einleitung war etwas Bescheideneres ? man bat Gott darum Herr oder Zeuge (oder etwas Ähnliches) des Bundes zwischen den Talschaften zu sein. Und wenn man bedenkt, wieviel tausend Bündnisse und Urkunden zu dieser Zeit (nicht zuletzt jene der Feinde der Eidgenossen) mit einer solchen oder ähnlichen Anrufung Gottes begonnen haben, so muss man anerkennen, dass die Einleitung nur teilweise das Gewicht eines ernsten Wortes besass, zum grössten Teil aber einfach gebräuchliche Floskel war. Auch muss man sich bewusst sein, dass der Bundesbrief nicht das Gründungsdokument der Schweiz ist. Es gab damals eine Reihe solcher Bündnisse ? im 19. Jahrhundert wurde einfach dieses besonders prägnante Beispiel als Anfang der Schweiz bestimmt.

Dann gibt es noch die Präambel zur Bundesverfassung: „Im Namen Gottes des Allmächtigen“. Die Bibel lehrt uns an so vielen Stellen, dass Gott nicht auf offizielle Bezeugungen achtet, sondern dass ihm die tatsächliche Herzenshaltung und die daraus fliessenden Taten wichtig sind2 . Weshalb eine solche Präambel die Schweiz christlicher machen soll, ist deshalb völlig unerklärlich. Dies ist umso unerklärlicher, wenn man die Bedeutung der Präambel bedenkt. Juristisch gesehen ist klar, dass die Präambel keine Rechtskraft hat ? ihr Wert ist allein symbolischer Art. Auch wurde in den parlamentarischen Beratungen deutlich, dass in dieser Anrufung nicht einfach der Gott der Christenheit angerufen wird. So sagte der federführende Bundesrat Koller: „Jede Person kann (…) Gott dem Allmächtigen einen persönlichen Sinn geben.“ Die meisten Parlamentarier machten deutlich, dass das „Im Namen Gottes des Allmächtigen“ vor allem die Begrenztheit unseres menschlichen Handelns ausdrücke, und nicht mehr. Wer kann die Propheten lesen und gleichzeitig behaupten, dass es Gott ehrt, wenn eine solche Präambel als Worthülse beschlossen wird, für die einer der wichtigsten Gründe laut bundesrätlicher Botschaft der Traditionsanschluss ist? Welches Land kann sich vor Gott rühmen, das zwar der Verfassung ein paar schöne Worte voranstellt, im Alltag aber dem Geld, dem Wirtschaftswachstum und der Leistungsgesellschaft verschrieben ist?

Weiters wird oftmals auf das Wohlergehen der Schweiz verwiesen, um zu beweisen, dass Gott unser Land speziell gesegnet hat. Was, wenn nicht Gottes Segen, hätte unser Land mit einer derart friedlichen Geschichte und einem derart grossen Bruttoinlandsprodukt ausgestattet? Nun, die Bibel ist voll von Klagen darüber, wie die Gottlosen saufen und fressen können3 , während diejenigen, die Gott gehören, unten durch müssen. Natürlich gibt es in der Bibel ebenso viele Beispiele, wo Gott die Seinen mit irdischem Wohlergehen segnet4 . Dass es diese beiden Seiten gibt, zeigt uns, dass man nie auf einfache Weise sagen kann: Uns geht es gut, also steckt Gott dahinter. Genausogut könnte unser Wohlergehen die Folge unserer guten wie schlechten Taten sein oder der freien Gnade Gottes entspringen.

Auch nach dem zweiten Kriterium gibt es also keinen Grund, die Schweiz als Land als besonders zu Gott gehörig zu betrachten5 .

b) Exkurs: Länder als Ansprechpartner Gottes?

Hier ein kleiner Exkurs über einen wichtigen, wenn auch komplexen Nebenaspekt:

Wir sind oft in Verwirrungen verstrickt, wenn wir Länder überhaupt als zu Gott gehörig zu betrachten. Wir können nicht davon sprechen, dass die Schweiz als Schweiz ? oder irgendein Land ? christlich sei, ohne zu beachten, dass wir moderne Menschen uns überhaupt nicht mehr gewohnt sind in Gruppen, Generationen und Nationen als organischen Einheiten zu denken. Für uns scheinen Gemeinschaften immer bloss eine Ansammlung von Individuen zu sein. Für die Menschen des 21. Jahrhunderts ist es ein querer Gedanke, ein Land ? und nicht einen Menschen ? als Gottes Partner zu bezeichnen. Unserem völlig individualistisch und liberal geprägten Denken fällt es schwer, die Tatsache, dass auch Gemeinschaften eine Beziehung zu Gott haben können, aufzunehmen, sauber einzuordnen und vor allem wahrzuhaben. Die Bibel aber spricht oft zu einer Gemeinschaft ? nicht als einer Summe von Einzelpersonen, sondern als einer einzelnen Person6 .

Natürlich ist es nicht eindeutig zu verstehen, wie Gott zu Gemeinschaften spricht (und sogar das „ob überhaupt“ ist nicht völlig klar). So sprach Gott damals z.B. zu Menschen, die sich vielmehr als Wir denn als Ich empfunden haben. Inwieweit können wir diese Aussagen auf uns heutige Menschen übertragen, die sich vielmehr als Ich denn als Wir empfinden? Die Gemeinschaften zu denen Gott gesprochen hat waren völlig andere als heute. Damals waren Stämme, Grossfamilien und Königtümer relevant. Heute sind es multi-ethnische demokratische Nationalstaaten, Freundeskreise und Kleinfamilien. Ebenfalls zu bedenken ist, dass Gott nicht jedesmal wenn er ein Volk anspricht wirklich das Volk als Volk meint. So sagen wir auch heute, dass die Schweiz Nein gesagt habe zum EWR, wenn wir eigentlich sagen wollen, dass eine Mehrheit der Individuen Nein gesagt habe. Des Weitern stiftet Verwirrung, dass Gott zur Nation Israel eine ganz besondere Beziehung gehabt hat ? inwieweit können wir aber aus der Beziehung Gottes zu Israel etwas über die Beziehung Gottes zu anderen Nationen lernen? Ein weiterer gewichtiger Punkt ist, dass Gott uns mit dem neuen Testament ein neues Denken bringt. Die Umkehr, die Taufe, die Geisterfüllung und die Gottesbeziehung des Individuums haben nun eine ganz andere Priorität als im alten Testament. Trotz dieser Fragen, die unser Verständnis etwas in Nebel hüllen, bleibt es dabei, dass Gott sowohl Einzelpersonen als auch Völker anspricht.

c) Schluss: Die Schweiz ist kein christliches Land

Zusammenfassend für den ganzen Text lässt sich folgendes sagen: Wir haben zwei Kriterien dafür begutachtet, was ein Land zu einem christlichen Land machen könnte. Das erste Kriterium sieht ein Land dann als christlich an, wenn sowohl ein ansehnlicher Teil seiner Bewohner als auch die dadurch geprägte Öffentlichkeit christlich sind. Das zweite Kriterium sieht ein Land auch dann noch als christlich an, wenn kaum mehr jemand aktiv Jesus nachfolgt, dieses Land aber ? als Land ? mit Gott in eine Beziehung getreten ist. Nach keinem dieser beiden Kriterien ist die Schweiz ein christliches Land.

3. Schweiz ohne Gott

Es ist also Tatsache, dass die Christen nicht die Vertreter der eigentlichen, wahren, christlichen Identität der Schweiz sind. Nein, sie leben in einem säkularen, liberalen Staat als eine unter vielen Minderheiten. Diesen Paradigmenwechsel nachzuvollziehen tut gut. Wenn wir der Wahrheit in die Augen schauen können, so ist das befreiend.

 

a) Ein neues Haus bauen, statt die Trümmer des Alten zu bewachen

Wir Christen sollen nicht mehr krampfhaft im Namen des ganzen Schweizervolkes die christliche Fassade hochhalten. Nein, wir dürfen die alten Wurzeln absterben lassen und etwas Neues säen! Jesus hat nicht Bewahrung, sondern Umkehr gepredigt. Es gibt in der Schweiz auch gar nicht viel zu bewahren, was mit der Erlösung durch Jesus zu tun hätte und den Werten, die er gebracht hat. Diese Botschaft und diese Ethik müssen den Schweizerinnen und den Schweizern zuerst gebracht werden und können nicht „reaktiviert“ werden. Eine traurige Formulierung hat das Aktionskomitee CH-CH gewählt, als es das christliche Erbe der Schweiz als „grosses, weitgehend ruhendes Kapital“ bezeichnete. Wie können wir den Glauben als Kapital bezeichnen, als etwas was wir ? unabhängig von unserer gegenwärtigen Verfassung ? besitzen? Oft werden im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung die Kirchen dazu aufgefordert, die Hüter des sogenannten „christlichen Abendlandes“ zu sein. Doch die Christen sollten sich nicht dazu hinreissen lassen, ihre Zeit und Energie aufzuwenden, um die Liquidation dieses Abendlandes zu verwalten und zu bremsen. Statt ihre Kräfte für die Aufrechterhaltung einer Kultur zu verschleissen, die oft herzlich wenig mit dem Zimmermann und Gottessohn Jesus zu tun hatte, sollten die Christen sich neu auf Gott besinnen, die Sonne über dem Abendland untergehen lassen und das Licht des Morgensterns verkünden. Ein hoffnungsvoller Schimmer am Horizont ist, dass in letzter Zeit Christen die Schweiz vermehrt in ihr Gebet miteinschliessen.

b) Die wahre Situation nicht verschleiern

Es tut gut einzugestehen, dass die „christliche Schweiz“ viel mehr Tünche denn Substanz ist. Erst wenn wir ehrlich unsere Ferne von Gott und unsere Mängel eingestehen, können wir zu ihm umkehren. Dass diese Gottesferne Tatsache ist, sehen auch Aussenstehende. So schreibt ein Muslim über seine Erfahrungen in der Schweiz: „Zwar ist die Schweiz ein christliches Land, davon spürt man im Alltag aber reichlich wenig. Typisch christliche Werte wie Hingabe zu Gott, Nächstenliebe u.s.w. treten immer mehr in den Hintergrund und machen den ‚modernen‘ Werten wie Kapitalismus, Egoismus und Säkularismus Platz. Wir Muslime leben also mitten in einer Welt, die dem materiellen Wohlergehen höchste Priorität einräumt, während für die Muslime das geistige Wohlergehen Vorrang hat.7

Die Christen sollten die Ersten sein, die ihren Mitbürgern die Heuchelei verwehren, dass wir ein christliches Land seien. Wieviele unserer Mitbürger beruhigen sich damit, dass wir in der Schweiz Christen seien und christliche Werte hochhalten würden, ohne dass sie je etwas vom frischen Wind des Evangeliums gespürt haben? Weshalb unterstützen wir Christen diese Heuchelei? Weshalb stehen ausgerechnet christliche Politiker dafür ein, dass die Bundesverfassung immer noch in Gottes Namen beginnt, obwohl dies in einem heidnischen Land wie der Schweiz vor allem die Augen vor der Realität verblendet ? einer Realität, die uns zur Umkehr animieren sollte?8

Warum bieten die Christen fröhlich Hand, wenn die offizielle Schweiz ihr christliches Deckmäntelchen umhängen will wie andere Leute ein Kreuz um den Hals als Talisman tragen? Hoffen gewisse Christen nicht auf eine „top-down“-Erneuerung ? was nichts anderes als Geisterfahren wäre ?, wenn sie von ihrem Traum der Hinwendung der offiziellen Schweiz zu Gott sprechen? Weshalb berufen sich Politiker in ihren Argumentationen immer wieder auf christliche Prämissen (mit dem Hinweis darauf, dass wir ja ein christliches Land seien), obwohl eine christliche Prämisse einen Nichtchristen nie und nimmer wird überzeugen können, egal ob sein Heimatland „christlich“ genannt wird oder nicht? Weshalb wird in der NZZ9 eine Bundesverfassung gepriesen, die sich ihres religiösen „Fundaments“ bewusst sei, obwohl klar ist, dass der Glauben in der Schweiz höchstens noch Oberfläche ist, aber nie und nimmer mehr Fundament?

Manche Christen geniessen vielleicht unbewusst, dass das Pathos des Offiziellen, Staatlichen und Mächtigen sich damit auf das Christentum, ihren Glauben, überträgt: „Mir si öppis ? auf unserem Glauben fusst die ganze Schweiz!“. Doch dieser Pathos entspricht nicht dem Geist der Bibel (und der Grund für den Pathos nicht der Realität). Auch vermischen manche Christen ihre Liebe zur Schweiz (was an sich, sofern es wirklich Liebe ist und nicht Egoismus, etwas Schönes darstellt) mit ihrer Liebe zu Gott, so dass am Schluss die Heimat im Glauben gar nicht mehr von der Heimat in den Bergen unterschieden werden kann. Sogar eine gewisse Romantik mag hinzukommen ? wie bei Novalis: „Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte.10

 

(Johannes der Täufer: Er muss zunehmen, ich muss abnehmen.)

c) Das Ziel: Eine christliche Stimme für Neues

So menschlich gestaltet war dieser Erdteil aber nie ? und er ist es auch heute nicht. Deshalb muss die christliche Minderheit in der Schweiz nicht frustriert irgendetwas zu restaurieren versuchen, oder sich als Sprachrohr der schweizerischen Seele verstehen, die ja „eigentlich“ christlich wäre. Nein, die kleine christliche Stimme inmitten der vielen Stimmen der modernen Schweiz soll eine Stimme sein, die etwas Neues bringt. Eine Stimme, die inmitten von Unheil das Leben des Einzelnen und der Öffentlichkeit verändert. Eine Stimme, die der Schweiz den Weg zu Christus und seinen Werten zeigt.

 

Dominic Roser, November 2004, dominic.roser@vwi.unibe.ch



2. Vgl. z.B. Amos 5, 21 ? 27 oder Matthäus 6, 5 – 6

3. Als Bsp.: Psalm 73, 4; Psalm 8, 14; 2. Korinther 11, 23 ? 28.

4. Als Bsp.: 5. Mose 11, 13 ? 17; 2. Chronik 1, 11 ? 12; Psalm 37, 9.

5. Wenn jemand trotzdem die Meinung vertritt, dass die Schweiz Gott sehr nahe stünde, so müsste er immerhin eingestehen, dass sie dies nicht mehr als viele andere Länder tut. Wieviele Länder Europas haben sogenannt ?christliche? Elemente in ihrer Geschichte, wie z.B. Könige, die gebetet haben, und ähnliches? Wie sieht es erst mit den USA aus? Ragt die Schweiz in dieser Beziehung wirklich heraus?

6. Unterstützende Bibelstellen für diesen Punkt sind z.B.: 5. Mose 32, 8 ? 9; Jesaja 43, 1 ? 4; Sacharja 11, 10; am deutlichsten wird die Tatsache jedoch dadurch, dass man bedenkt, dass Gott mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen hat.

7. http://www.barmherzigkeit.ch/Leseproben/muslime_in_der_ch.html. Eine ähnliche Aussenperspektive gibt der jüdische Humanist Erich Fromm in seinem Werk ?Haben oder Sein?. Er ist der Meinung, dass die Bekehrung Europas zum Christentum weitgehend an der Oberfläche blieb. Höchstens noch zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert könne man von einem Wandel des Herzens sprechen.

8. Es waren Sozialdemokraten, die die Aufgabe übernommen haben, bei der Beratung der Präambel der neuen Bundesverfassung auf die Realität aufmerksam zu machen: Jean Ziegler: „De quoi le Christ se plaint-il tout le temps? Des Pharisiens. Que font les Pharisiens, cette secte de semi-intellectuels à Jérusalem? Ils proclament la gloire de Dieu. Ils proclament et ils font le contraire. Ici, on veut de nouveau nous engager dans la voie proclamatoire. Ce préambule est une absurdité. Il n’y a pas d’Etat chrétien (…). Ce matin, nous avons l’occasion de mettre fin à cette effroyable hypocrisie (…).“ Andreas Gross: „In diesem Sinne ist die Anrufung Gottes zu einer Floskel geworden. (…) Damit, so denke ich, erweisen wir der Tradition einen schlechten Dienst (…). Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, der erste Absatz sei eigentlich eine Anmassung.“ Hans Widmer: „Der grosse Theologe Karl Barth hat schon in den vierziger Jahren festgestellt, dass das heutige Volk der Eidgenossen keine Glaubensgemeinschaft ist, sondern ein ‚aus Reformierten, Katholiken, Idealisten, Materialisten aller Art wunderlich gemischtes Volk‘.“

9. NZZ am Sonntag, 22. Juni 2003

10. Die Christenheit oder Europa ? Ein Fragment  (1799).