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Der zentrale Vektor einer christlichen Politik muss es sein, das Wohlergehen der Schwächsten an die erste Stelle zu setzen. Die Steuersenkungen der letzten 25 Jahre, die hauptsächlich den Wohlhabenden zu Gute kamen, haben aber die Mittel für die Schwächsten verringert. So wurden unter anderem für Krankenkassenbeihilfen, IV-Eingliederungsstätten, Suchthilfe etc. abgebaut. Umgekehrt besitzen die reichsten 1% der Schweizer Bevölkerung immer mehr vom Gesamtvermögen, heute nämlich 43 %. Der Vermögenszuwachs kommt oft durch Kapitalgewinne zu Stande. So ist es legitim, dass Kapitalgewinne besteuert werden sollen. Oder haben wir wirklich das Gefühl, diese Opfer wären noch grösser als für die Schwächsten? Es braucht mehr Mittel für die Nächstenliebe. Denn auf Grund der Corona-Pandemie sind die öffentlichen Kassen leer, und die nächsten Sparprogramme stehen vor der Tür.

Zusammen mit der Gottesliebe ist die Nächstenliebe das höchste Gesetz in der Bibel. Nächstenliebe heisst, das Wohl des Nächsten genauso hoch zu achten wie das Unsere. Dabei haben die schwächsten Glieder der Gesellschaft unser grösstes Augenmerk nötig, wie die Bibel an hunderten von Stellen eindrücklich darlegt (siehe https://christnet.ch/de/unser-umgang-mit-den-schwachen/ ). Denn alle Geschöpfe Gottes sind seine Kinder, und wir sollten sie als solche behandeln. Das bedeutet auch, genügend zu Teilen, damit ihrem Mangel abgeholfen wird (z.B. 5. Mose 15.7-8).

Die tiefen Löhne haben in den letzten 20 Jahren stagniert. Und der der Medianlohn, also der mittlere Lohn der Angestellten, ist in den letzten 25 Jahren insgesamt nur um 1 % gestiegen, trotz eines realen Wirtschaftswachstums von 30 % im selben Zeitraum.

Gleichzeitig sind in den letzten 25 Jahren die Steuern für Reiche in allen Kantonen gesenkt worden, und auf Bundesebene z.B. durch die Senkung der Dividendenbesteuerung ebenfalls. In allen Kantonen und auch beim Bund sind dadurch Löcher in der Kasse entstanden. Als Sparmassnahme wurden dann die Krankenkassenbeiträge, die Wohnbeihilfen und die Ergänzungsleistungen gesenkt, sowie die Eingliederung von Arbeitslosen und IV-Bezügern geschwächt. Zudem wurden bei Schulen, Berufsberatung, Suchtberatung und ÖV Milliardenbeträge gespart und Spitäler geschlossen https://christnet.ch/de/die-steuerkrise/#fn-2462-8) . So sind die ärmsten Haushalte, darunter überdurchschnittlich viele betroffene Kinder, noch mehr unter Druck gekommen.

Zur Rechtfertigung der Steuersenkungen wurde argumentiert, dadurch würde die Wirtschaft angekurbelt und Arbeitsplätze sowie höhere Löhne für die Armen generiert («trickle down»). Doch dies ist gescheitert: Die Armen haben auch nicht bessere Arbeitsplatzchancen: Die Arbeitslosigkeit ist nicht zurückgegangen, einzig in den offiziellen Zahlen. Denn die ausgesteuerten Arbeitslosen finden sich heute einfach in der Sozialhilfe wieder. Und die tieferen Löhne, ja gar der Medianlohn haben auch nicht zugenommen, sowohl in den USA wie in der Schweiz, trotz riesigem Wirtschaftswachstum. Das System ist so nicht zielführend. Die steigende Kluft zwischen arm und reich in der Welt hat Oxfam in einem Bericht gut dargestellt, und gar das WEF in Davos nahm das Thema auf.

Aber warum reagiert die Bevölkerung nicht? Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz beschreibt dieses Phänomen in seinem Werk «Der Preis der Ungleichheit» dargestellt: Die meisten Menschen sind gar nicht über das Ausmass der Ungleichheiten informiert, und diejenigen, die die aktuelle Entwicklung nicht ändern wollen haben die grössere Marketingkraft auf ihrer Seite. Dies lässt sich auch gut in der aktuellen Abstimmung sehen.

Es braucht also dringend mehr Steuereinnahmen, um die Schwächsten zu stützen und ihnen die Chancen zur Eingliederung zu geben. Zudem lässt sich absehen, dass die öffentliche Hand auf Grund der Coronapandemie weitere Sparübungen machen muss. Doch wir können nicht sagen, wir hätten kein Geld, um die Leistungen und die Gerechtigkeit für die Ärmsten zu finanzieren. Beispielsweise ist jeder zweite Neuwagen in der Schweiz ein SUV. Wir können also nicht im Ernst sagen, es ist kein Geld da, oder es sei unzumutbar, etwas mehr zu teilen. Die Initiative fordert nur, einen Teil des vergangenen Steuerabbaus rückgängig zu machen, und zwar nur bei denjenigen, bei denen es kaum schmerzt. Hier müssen wir die Verhältnismässigkeit im Auge behalten: Schmerzt es mehr, nur noch 25’000 statt 30’000 Franken pro Monat zur freien Verfügung zu haben oder aber, nicht genügend Geld für die Kleider und das Schulmaterial der Kinder zu haben?

Jetzt haben wir die Chance, viel für die Schwächsten zu tun. Was spricht denn dagegen?

  • «Die Reichen zahlen heute schon die Mehrheit der Steuern».
    Ja, das stimmt, aber das spiegelt vor allem die enormen Ungleichheiten bei Einkommen und Vermögen. Und schliesslich geht es um die Einzelnen: Ist es vom Überfluss oder vom Lebensnotwendigen? Dies erinnert an das Scherflein der alten Witwe (Lukas 21): In den Augen Jesu gab sie mehr als die Reichen.
  • «Die Schweiz hat schon eine starke Umverteilung im Vergleich zum Ausland».
    Nein, die Steuerquote beispielsweise ist im internationalen Vergleich eine der tiefsten. Nach den Zahlen der OECD sind die SchweizerInnen diejenigen unter den Industrieländern, den grössten Anteil an Gesundheitskosten selber bezahlen müssen. Und schliesslich hat eine Studie im Auftrag der Eidgenössischen Steuerverwaltung bereits im 2004 festgestellt, dass wegen den Steuersenkungen für die Reichen und den Gebührenerhöhungen für alle in der Schweiz praktisch schon ein Flat Tax-Steuersytem herrscht: Alle bezahlen prozentual ähnlich viel Steuern vom Einkommen: https://www.ecoplan.ch/download/wel_hb_de.pdf
  • «Die geforderte Steuererhöhung macht die KMU und damit Arbeitsplätze kaputt»
    Nein, es geht hier um die grössten Vermögen und Einkommen und damit kaum um Arbeitsplätze. Im Gegenteil, Steuereinnahmen sichern auch Arbeitsplätze: Umverteilung an die Ärmsten geht direkt in den Konsum des Notwendigsten und schafft damit Jobs! Gerade Joseph Stiglitz hat nachgewiesen, dass ein hohes Gefälle zwischen arm und reich Arbeitsplätze zerstört.
  • «Faustdicker Juso-Schwindel»
    Eigentlich ist es schade, dass die Initiative von der Juso kommt. Denn es ist ein einfacher (wenn auch unehrlich), eine kleine Gruppierung am Rande des politischen Spektrums zu verleumden, statt sich den Inhalten zu stellen. Hier müssen wir die sachliche Diskussion einfordern! Dass Steuererhöhungen für die Wohlhabendsten ansonsten möglich sind, hat gerade der Kanton Schwyz vorgemacht, als die Regierung selber eine zusätzliche Steuerstufe für die Reichsten an der Urne durchgebracht hat.
  • «Wir dürfen nicht das Geld der anderen ausgeben, das durch ihre Leistung verdient worden ist».
    Die eigene Leistung hat oft zum Reichtum beigetragen. Doch die meisten Menschen leisten alles, was sie können und viele haben trotzdem wenig zum Leben. Gott hat offensichtlich die in Lohn umsetzbaren Gaben ungleich verteilt. Deshalb sind alle zum Teilen aufgefordert worden. Denn das Wirtschaftssystem, wie es demokratisch angelegt worden ist, belohnt vor allem den Marktwert der Gaben und die Leistungsfähigkeit. Dies bedingt aber auch eine Solidarität mit den Anderen. Sonst verliert das System die Gerechtigkeit.

Titelbild: Ausriss des Plakats der Kampagne

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1) Das Ständemehr ist undemokratisch – aber eine bessere Strategie hätte geholfen

Das Volk will Konzernverantwortung, ein paar kleine Kantone bringen sie zu Fall. Im aktuellen Kontext mit dem Stadt-Land-Gegensatz und dem Ständemehr braucht eine progressive Initiative rund 55 % der Stimmen, um durchzukommen. Da die kleinen Kantone meist ländlich und abgelegen sind haben sie die Initiative zu Fall gebracht. Tatsächlich waren die abgelegensten, konservativen Ortschaften am stärksten dagegen, danach die Reichenvororte der Städte. Es hätte also geholfen, sich stärker auf die Schweizer „Swing States“ zu konzentrieren (was die Gegner gemacht haben): Auf Kantone wie Schaffhausen, Glarus, Graubünden etc, die durchaus überzeugt werden können, wenn man sich genügend darauf konzentriert. Zur Erinnerung: Trump und Biden haben 90 % aller Wahlkampfgelder in den Swing States ausgegeben!

2) Die Schweiz ist noch eine „Corporatocracy“ – aber die Zivilgesellschaft wird stärker

Bisherige progressive Initiativen (Nahrungsmittelspekulation, Mindestlohn, etc.) hatten jeweils in den Umfragen einige Monate vor der Abstimmung eine Zweidrittel-Mehrheit von Befürwortern. Doch die Economiesuisse hat in den letzten 30 Jahren nur ein einziges Mal eine Abstimmung verloren (Minder-Initiative), wenn sie eine starke Nein-Kampagne führte. Ein Nein zu erreichen ist in Abstimmungen viel einfacher als ein Ja. Es braucht nur eine klassische Angstkampagne mit dem Megaphon (also viel, viel, viel Geld), dann kippt die Bevölkerung und aus der Zweidrittelmehrheit wird eine Zweidrittelminderheit. Denn die Stimmenden lesen den Initiativtext in der Regel nicht …
Doch diesmal haben die Konzerne ihren Augen nicht getraut: Plötzlich hatten die Befürworter auch viel Geld! Das geht doch nicht, das dürft ihr nicht! Und plötzlich verlangen die Konzerne Transparenz … Jedenfalls hat der massive Einsatz von Zehntausenden von Helfern und Spendern den üblichen Abwärtstrend gebremst und zumindest das Volksmehr sichergestellt. Die Corporatocracy, die Herrschaft der Konzerne, ist in der Schweiz noch nicht vorbei, aber die Zivilgesellschaft hat die Muskeln spielen lassen. Viele Fahnen bleiben an den Balkonen, um zu sagen: Wir kommen wieder!

3) Härtere Bandagen sind zu erwarten

Als klar wurde, dass die Initiative eine Chance hatte wurde der Gegenwind stärker: Der Bundesrat legte sich ins Zeug, die Medienkonzerne haben nachweislich einseitig gegen die Initiative geschrieben, die SVP musste ihre Basis mit dem üblichen „Linksextreme wollen Gewerbe kaputtmachen“ aufschrecken, und zu guter Letzt haben vom Konzerne-Dachverband mitfinanzierte Rechtsaussengrüppchen in einem vielgesehenen Video die Initianten als Gewalttäter verleumdet.
Wenn Besitzende merken, dass sie nicht mehr sicher sind werden sie aggressiv. Wir müssen also damit rechnen, dass auch in der Schweiz Trump-Methoden (Verleumdungen und pure Machtdurchsetzung) gegen uns angewendet werden. NGOs sind nun stärker in der Schusslinie der Ultrarechten und schon werden sie mit Kürzungen der staatlichen Mittel bedroht (obwohl die überwiegende Mehrheit der Gelder der Initiative von Einzelspendern stammte): Nun will Bundesrat Cassis den Hilfswerken auf Anregung von Economiesuisse-Vertretern gar Bildungsarbeit in der Schweiz verbieten. Von diesen Angriffen dürfen wir uns nicht beirren oder einschüchtern lassen!

4) Weiter überparteilich arbeiten!

Auch in der Schweiz leben immer mehr Menschen in ihren realen und virtuellen „Bubbles“ und sehen „die Anderen“ als Feinde. Eine Neuauflage der Initiative muss zwingend wieder eine überparteiliche Trägerschaft aus der ganzen Zivilgesellschaft und der Wirtschaft haben. Linke und NGOs alleine werden keine Chance haben, denn zu einfach ist der Reflex, etwas abzulehnen, das von der falschen Seite kommt. Das heisst also, wir müssen mit allen Menschen guten Willens zusammenarbeiten Allianzen für Werte schmieden, die uns gemeinsam sind.

5) Auch Evangelikale stehen für Nächstenliebe auf!

Es war äusserst erfreulich zu sehen, wie die christliche Gemeinschaft sich mobilisiert hat. Selbst die SEA und Leiter der VFG haben sich von StopArmut und StopPauvreté überzeugen lassen, die Stimme zu erhaben. Inwiefern diese Positionsbezüge auch an der Basis geteilt wurden ist allerdings unklar. Die JA-Parole der EDU lässt aber darauf schliessen, dass gar konservative Kreise die Werte der Initiative mittragen. Diese Zusammenarbeit gilt es weiterzuführen!

6) Wahlen sind von entscheidender Bedeutung!

Initiativen, die sich gegen Positionen der Konzerne richten haben es sehr schwer. Dazu kam, dass der Ständerat einem guten Gegenvorschlag des Nationalrates im Laufe der parlamentarischen Diskussion die Zähne zog und dass der Bevölkerung schlussendlich ein Augenwischer-Gegenvorschlag untergejubelt wurde. Und schliesslich hatte der Bundesrat, dessen parteiliche Zusammensetzung eigentlich nicht mehr die Bevölkerungsmehrheit entspricht, die Hoheit über die Infos im Abstimmungsbüchlein und dessen Mitglieder konnten sich dank der Nein-Position des Bundesrates auch ausführlich in den Medien zu Wort meldeten. Das heisst konkret: Wahlen sind eminent wichtig! Nur wenn wir auch bei Wahlen so stark mobilisieren wie bei der KOVI können in Zukunft Durchbrüche gefeiert werden.

7) Jetzt nicht nachlassen, die Zeit läuft für uns!

Auf der einen Seite hat die Coronakrise weitere Mobilisierung erschwert (und die Ängste vor wirtschaftlichen Folgen der Initiative verstärkt), aber sie hat andererseits auch eine Sinnsuche ausgelöst: Viele Menschen möchten bewusster leben und kritischer konsumieren. Die Gesellschaft fordert heute mehr Sinn und Gerechtigkeit von der Wirtschaft. Auch die Klimakrise treibt viele junge Menschen in die Politik. Und in den nächsten Jahren wird trotz zunehmender PR-Aktivitäten durch die Konzerne offenbar werden, dass der Gegenvorschlag keine Veränderung bringt. Weitere Skandale werden auffliegen, denn Glencore hat ja bereits am Abstimmungstag geschrieben, dass sie sich gleich für die Umwelt und die Bevölkerung einsetzen werden wie bisher … Die Diskrepanz zwischen den im Shareholder-Value gefangenen Konzernen und der gesellschaftlichen Entwicklung wird noch grösser werden, womit das Thema Konzernverantwortung zwangsläufig wieder aktuell wird. Zudem sind entsprechende Gesetze auch in der EU in Vorbereitung. Die Zeit läuft für uns!

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Wenn’s wirklich um Familien geht, braucht’s was Anderes

Um denjenigen Familien zu helfen, die es wirklich brauchen, gäbe es verschiedene Massnahmen: Kinderzulagen erhöhen, Krippen besser subventionieren, günstigere Wohnungen bauen, Krankenkassenprämien subventionieren, oder den Eltern die nötige Zeit nach der Geburt und zur Betreuung der Kinder zu ermöglichen. Es gibt eigentlich keinen Grund, den Familien über Steuerabzüge zu helfen.

Denn wegen der Steuerprogression helfen Abzüge denjenigen am meisten, die am meisten verdienen. Also genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Auch die Mittelklasse, die bisher wenig von Subventionen profitiert kommt durch Abzüge nicht besser weg als durch Subventionen. Politiker pflegen gegen «Giesskannenpolitik» zu poltern. Die Abstimmungsvorlage ist gar noch viel schlimmer: Sie kommt mehrheitlich denjenigen zugute, die es überhaupt nicht brauchen und diejenigen, die wirklich Mühe haben, durchzukommen, haben gar nichts davon … ausser vielleicht schlussendlich noch weniger, wenn wegen den Steuerausfällen noch Leistungen gekürzt werden müssen. Denn die 380 Millionen Franken Steuerausfälle müssen letztendlich kompensiert werden.

Erstaunlicherweise finden die Befürworter diese mehrheitlich zum Fenster herausgeworfene Summe verkraftbar, dies im Gegensatz zum «nicht tragbaren» Vaterschaftsurlaub, der die Schweiz nur 230 Millionen Franken kostet. Im Gegensatz zur Steuervorlage gibt der Vaterschaftsurlaub aber genau nach der Geburt die Luft, die nötig ist, die strenge Zeit für die Eltern gut zu starten. Nicht umsonst meinte Katja Schönenberger von Pro Juventute in der «Arena», dass die Mütter nach der Geburt enorm belastet seien. Sie bräuchten in dieser Zeit eigentlich selber Fürsorge. «Und genau in diesem Moment sollen sie alleine verantwortlich sein für einen Säugling?».

Es ist höchste Zeit, zu diskutieren, wie Familienpolitik wirklich zielführend ist. Denn diejenigen, die von Familie reden sind nicht immer diejenigen, die auch wirklich den Familien helfen.

Photo by Irina Murza, Unsplash

 

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Christentum, Rassismus und Umweltschutz: diese drei grossen Themen klingen auf den ersten Blick, als hätten sie kaum etwas gemeinsam. Doch schaue ich mir zum Beispiel den Regierungsstil von Jair Bolsonaro an, wird der Zusammenhang sehr offensichtlich – und er macht mich als Christin hellhörig.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist eine sehr kontroverse Figur der internationalen politischen Landschaft. Einerseits lockert er die Gesetze zur Abholzung des Regenwaldes und diskriminiert die indigene Bevölkerung, andererseits proklamiert er seinen Glauben an Jesus Christus. Für evangelikale Christen ist er ein Vorbild, für Umweltschützende und Menschenrechtler ein wandelnder Albtraum. Für mich als Christin ist es schwierig nachzuvollziehen, wie ein Mensch an Gott glauben und gleichzeitig öffentlich rassistisch und umweltfeindlich auftreten kann. Doch ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass Bolsonaro keine Ausnahme ist.

Die Geschichte beginnt 1492. Christoph Kolumbus suchte im Auftrag der spanischen Krone einen direkten Seeweg nach Indien und entdeckte dabei Amerika. Die Entdeckung der „neuen Welt“ weckte auch das Interesse des Papstes. Mit dem Ziel das Christentum zur Weltreligion zu machen, verfasste Papst Alexander VI. im Jahr 1493 die Bulle Inter Caetera, worin er den Christen die Einnahme aller Gebiete erlaubte, die nicht von einem christlichen Herrscher regiert wurden. Spanien verfolgte fortan das Ziel Latein- und Südamerika zu erobern, zu missionieren und in den spanischen Herrschaftsbereich zu integrieren. Machtpolitische Ziele vermischten sich mit dem Gedanken, dass das spanisch-christliche Weltbild das fortschrittlichste und allen anderen überlegen war. Die Weltbilder der indigenen Bevölkerung Süd- und Lateinamerikas waren jedoch animistisch geprägt. Dies befremdete die spanischen Eroberer und Missionare. Ihre ersten Berichte über die Einheimischen waren daher aus heutiger Sicht äusserst rassistisch. Die Beziehung der Eroberer und Missionare zur einheimischen Bevölkerung war von Anfang an ambivalent. Einerseits brauchten die Eroberer die Einheimischen auf Erkundungsreisen im Landesinnern und um Rohstoffe für den Handel zu finden. Andererseits behandelten sie die Einheimischen selbst dann nicht als gleichwertig, wenn sie zum Christentum konvertiert waren. Dieses Verhalten widersprach jedoch der Bulle Inter Caetera und den Ansichten einiger Missionare, welche sich für die gleichwertige Behandlung der Konvertiten einsetzten. Einer der sich vehement für die gleichen Rechte Indigener in Mexiko einsetzte, war Bartolomé de las Casas. Er gilt noch heute als einer der ersten Menschenrechtler. Für mich ist er ein grosser Lichtblick in diesem traurigen Abschnitt europäischer und amerikanischer Geschichte.

Die Auswirkungen des Kolonialismus sind heute noch global spürbar, denn Kolonialismus fand nicht nur auf den Kontinenten dieser Welt statt, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Zwar wurde das christliche Weltbild in Europa und den USA durch ein naturalistisches abgelöst, doch im Kern blieb der Gedanke der „weissen Überlegenheit“ (white supremacy) hängen. Gerade im Umweltschutz war dieser Überlegenheitsgedanke lange Zeit stark verbreitet. Indigene wurden von ihrem Land vertrieben, um Nationalparks zu gründen. Traditionelles Wissen über Tiere und Pflanzen wurde gegenüber der westlichen Naturwissenschaft abgewertet. Einheimische Umweltschützende erhielten einen geringeren Lohn als ihre weissen Kollegen oder durften erst gar nicht an den Artenschutzprojekten im eigenen Land mitarbeiten. Einige dieser Missstände existieren leider noch heute. Als Antwort auf die „Black Lives Matter“- Bewegung gibt es innerhalb des Umweltschutzes Bestrebungen, diese Missstände ein für alle Mal zu beheben und die Umweltschutzprojekte der einheimischen Bevölkerung besser zu unterstützen.

Bis der Gedanke der „weissen Überlegenheit“ aus den Köpfen der Menschen verschwunden sein wird, wird wohl noch etliche Zeit verstreichen. Was wir als Christen heute bereits tun können, ist genau hinzuschauen, sobald eine Regierung wie jene von Jair Bolsonaro mit derselben fremdenfeindlichen Gesinnung auf die indigene Bevölkerung des eigenen Landes zugeht wie einst die europäischen Kolonialmächte. Der Präsident von Brasilien mag sich als Christ identifizieren, doch gibt es ihm noch lange nicht das Recht den Einheimischen unter dem Deckmantel des wirtschaftlichen Fortschritts ihr Land wegzunehmen und ihre Umweltschutzprojekte zu untergraben. Genauso wie der westliche Umweltschutz muss sich auch das Christentum der Frage stellen, wo sich in seinen Überzeugungen die Idee der „weissen Überlegenheit“ eingeschlichen hat. Denn nur so wird es uns als Christenheit in Zukunft gelingen, weniger Bolsonaros und mehr de las Casas‘ hervorzubringen.

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Die Covid-19-Krise hat uns überrascht und die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft gegenüber dieser Art von Epidemie deutlich gemacht.

Es ist klar, dass, während ich dies schreibe, einige Staaten viel weniger betroffen waren als andere. Während sich die Auswirkungen der Krankheit pro Land durch kontextuelle Faktoren erklären lassen (Bevölkerungsdichte, Alterspyramide der Bevölkerung, Stärke des bestehenden Gesundheitssystems), hängt der andere bestimmende Aspekt mit der politischen Reaktion und der Reaktion der Bevölkerung zusammen.

Während endgültige Schlussfolgerungen erst nach der Krise gezogen werden können, sind mir die folgenden Aspekte besonders aufgefallen und bieten eine Grundlage, um über das Management anderer Krisen, insbesondere der Klimakrise, nachzudenken:

Die grosse Schwierigkeit zu handeln, wenn die Folgen der Krankheit nicht direkt sichtbar sind. Im vorliegenden Fall liegt zwischen Ursache und Wirkung eine Zeitspanne von etwa zwei Wochen, so dass es äusserst schwierig ist, Massnahmen zu ergreifen, wenn die Auswirkungen noch nicht sichtbar sind.

Bei Phänomenen, bei denen die Zunahme der Fallzahlen exponentiell ist, zählt jeder Tag. Zu Beginn der Epidemie verdoppelte sich die Zahl der Fälle in der Schweiz alle drei Tage. Die Auswirkungen für die Krankenhäuser können daher von einfach bis doppelt so hoch sein, wenn 3 Tage später Massnahmen ergriffen werden. Portugal hat durch sehr frühes Handeln die gesundheitlichen Auswirkungen begrenzt, während das Vereinigte Königreich einen hohen Preis für seine Schwierigkeiten beim Ergreifen von Massnahmen zahlte.

Zweitens, der Grad des Vertrauens in die medizinische und wissenschaftliche Gemeinschaft und Experten im Allgemeinen. Als Covid-19 in der Schweiz eintraf, war das Virus sehr schlecht bekannt und die Auswirkungen schwer abzuschätzen. Es ist daher notwendig, ein Expertengremium zu haben, das die verschiedenen Aspekte der Krise im Bereich der öffentlichen Gesundheit, des Krankenhauswesens und der Wirtschaft analysieren kann, um unter Berücksichtigung der Unsicherheiten einen fairen Interessenausgleich zu schaffen.

Einige Aspekte sind für den „Uneingeweihten“ schwer zu verstehen, daher ist es von grundlegender Bedeutung, ein Vertrauensverhältnis zwischen Experten und Entscheidungsträgern aufzubauen. Unsere menschliche Neigung führt oft dazu, dass wir auf den Rat hören wollen, der uns am besten passt. Umso wichtiger ist es, dass politische Entscheidungen auf rationalen Fakten beruhen und nicht auf emotionalen Entscheidungen oder politischem Kalkül.

Eng damit verbunden ist das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung und die Führung von Entscheidungsträgern. Länder, in denen die Bevölkerung die Empfehlungen befolgt hat, waren bei der Eindämmung der Epidemie erfolgreicher. Auch die Politiker sind zwischen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Zwängen hin- und hergerissen. Insbesondere die Anwendung des Vorsorgeprinzips war in diesem Fall ein Balanceakt.

Es ist darauf hinzuweisen, dass eine Regierung mit einer starken demokratischen Legitimität besser in der Lage ist, die Interessen von Gesundheits- und Wirtschaftsfragen auszugleichen. Darüber hinaus ist es schwierig, in einem Notfall Entscheidungen zu treffen, und es war überraschend, wie wenig vorbereitet einige Regierungen und die WHO waren, als eine solche Krise vorhersehbar war.

Abschliessend möchte ich die Notwendigkeit betonen, unsere individuellen Freiheiten aus Solidarität zwischen den Generationen und den Schwächsten einzuschränken. Es ist schwer zu akzeptieren, dass wir uns einschränken, dass wir zu Hause bleiben, um andere angesichts einer kaum wahrnehmbaren Geissel zu schützen. Schnell hörten wir Stimmen wie die von André Comte Sponville, die zur individuellen Freiheit aufriefen, «lasst uns sterben, wie wir wollen», ohne uns Gedanken über die Auswirkungen zu machen, die eine unkontrollierte Welle auf die Überlastung der Krankenhäuser haben könnte.

Die meisten Menschen spielten das Spiel jedoch in der Überzeugung, dass wir etwas Ernstes erlebten, das ein starkes Handeln erforderte. In der Schweiz gibt es Hinweise darauf, dass die Bevölkerung die Massnahmen der Regierung sogar antizipiert hat. Die Menschen haben es geschafft, ihre Gewohnheiten zu ändern. Es ist jedoch leichter, sich kurzfristig zu beschränken als langfristig.

Dann ist es möglich, gute Lehren aus dieser globalen Krise für die anderen Herausforderungen zu ziehen, vor denen wir stehen, insbesondere im Zusammenhang mit der Klimakrise:

  • die Schwierigkeit, Massnahmen zu ergreifen, wenn die Folgen nicht direkt sichtbar sind
  • Skepsis angesichts wissenschaftlicher Alarmsignale, Infragestellung der mehrheitlichen wissenschaftlichen Meinung und Schwierigkeit, die Krise vorauszusehen
  • Misstrauen in die Regierung und bremst, wenn eine Massnahme die Wirtschaft beeinträchtigt
  • Einschränkung unserer individuellen Freiheiten zum Schutz der Schwächsten

Was diese Krise schon heute zeigt, ist, dass politisches Handeln und die Reaktion der Bevölkerung den Unterschied ausmachen. Was sollte unser Beitrag als Christen und Christinnen sein?

Seien Sie vor allem aufmerksam auf die neuen Bedürfnisse der Zurückgebliebenen (Jak 1,27), seien Sie bereit, wenn nötig aufzugeben (Phil 2,7), und geben Sie nicht simplifizierenden Antworten nach, sondern suchen Sie einen Weg, der das Leben am besten schützt (Röm 12,2). Und auch im Gebet für unsere Autoritäten ausharren (1 Tim 2,1–2).

Lasst uns schliesslich hoffen, dass das, was wir in diesen Monaten erlebt haben, den Verteidigern der Umwelt neues Licht und solide Argumente bringen kann. Denn was wir gesehen haben, ist, dass es möglich ist, bestimmte Verhaltensweisen zu ändern, um eine Krise so gut wie möglich gemeinsam zu überstehen, und dass die Rolle der Regierungen entscheidend ist.

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Interview mit Florian Glaser, Kirche für Konzernverantwortung
Das Interview wurde geführt von Susanne Meier-Fuchs

CN: Seit wann engagiert sich die Kirche für die Konzernverantwortungsinitiative?

FG: Die Initiative wurde aus kirchlichen Kreisen mitlanciert und diese sind auch heute noch tragend. So wurden beispielsweise in der Ökumenischen Kampagne 2016 von Fastenopfer, Brot für alle und Partner sein das Anliegen und die Initiative schon zum Thema gemacht und Unterschriften gesammelt – aber auch Methodisten, Adventisten und viele Kirchgemeinden waren damals schon aktiv. 2019 haben die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz, die Schweizer Bischofskonferenz, die Schweizerische Evangelische Allianz sowie der Verband Freikirchen Schweiz alle die Unterstützung der Initiative beschlossen.

CN: Warum ist die Konzerninitiative ein grosses Anliegen der Kirche?

Susanne Meier-Fuchs hat Florian Glaser für ChristNet befragt.

FG: Diese grosse Unterstützung macht deutlich, die Initiative gründet auf zentralen Anliegen der biblischen Botschaft und des christlichen Glaubens: Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung. Die Kirche ist mit ihren Hilfswerken vor Ort in den Ländern der Dritten Welt, wo Schweizer Konzerne mit ausbeuterischen Tätigkeiten leider auch für Not sorgen. Es ist logisch, dass sie nicht nur das Leid mindern, sondern auch dafür sorgen wollen, dass Schweizer Konzerne ihre Verantwortung wahrnehmen.

Die Kirche engagiert sich in zahlreichen Projekten im Süden. Welche positiven Veränderungen erwartet ihr, wenn die Initiative umgesetzt ist?
Durch die Initiative können die Konzerne nicht weiter ihre Augen verschliessen vor den Auswirkungen ihrer Auslandtätigkeiten auf Mensch und Natur. Und wenn Konzerne wie Glencore Menschen von ihrem Land vertreiben oder Flüsse vergiften, müssen sie in Zukunft dafür geradestehen. Somit wirkt die Initiative präventiv und zur Wiedergutmachung im Schadensfall.

CN: Seit letzter Woche ist es klar, dass die Initiative nicht zurückgezogen wird und es im Herbst 2020/Frühjahr 2021 zur Abstimmung kommt. Hat Kirche für Konzernverantwortung dies erwartet?

FG: Die Initiant/-innen waren bis zuletzt Gesprächsbereit, aber es war klar, dass es ohne Haftungsregel nicht zum Rückzug führen kann. Die Konzernlobby hat sich schliesslich im Parlament in allen Punkten durchgesetzt, so kommt es jetzt zur Abstimmung.

CN: Seid ihr auf die Abstimmung vorbereitet?

FG: Ja. Die Unterstützung in der Bevölkerung ist sehr gross für das Anliegen. Es gibt über 350 Lokalkomitees mit über 13’000 Freiwilligen, Komitees von Wirtschaftsvertretern und bürgerlichen Politikern, die aufzeigen, dass Freiheit mit Verantwortung einhergeht und die Kirchen stehen mit einer sehr breiten Allianz dahinter. Wenn alle Unterstützenden in ihrem Umfeld für das Anliegen sensibilisieren, können wir die Abstimmung gewinnen.

CN: Kann man bereits etwas zu Eurem Engagement sagen?

FG: Kirchen, kirchliche Organisationen und sowie Einzelpersonen stehen aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus aktiv für die Initiative ein. In Kirchen werden Flyer aufgelegt und Plakate aufgehängt, welche die kirchliche Unterstützung ausdrücken und Kirchgemeinden hängen vor der Abstimmung Banner auf, um das Anliegen sichtbar zu machen. Viele Kirchgemeinden und Pfarreien planen auch Gottesdienste, wo sie die Themen Nächstenlieben und Bewahrung der Schöpfung aufgreifen. Daneben machen viele christliche Organisationen auch Newsletter oder Magazinbeiträge zur Information über die Konzern-Initiative.

CN: 8 Millionen stellt das Gegnerkommitee für den Abstimmungskampf zur Verfügung. Hat die Initiative ihrer Ansicht nach überhaupt eine Chance?

FG: Die Abstimmung wird umkämpft. Wie oben beschrieben, haben wir aber eine andere Ressource – die breite Unterstützung. Aber ja, wir brauchen auch Geld, um nicht unter der Vollplakatierung der Schweiz unterzugehen und die Leute informieren zu können.

CN:Wie politisch die Kirche sein darf, war ein grosses Thema im vergangenen Herbst. Viele, auch aktive Mitglieder der Landeskirche sind sehr wirtschaftsfreundlich und deshalb eher gegen die Initiative. Wie meistert ihr den Spagat zwischen eurem Engagement für Konzernverantwortung und dem nicht verärgern wollen dieser Mitglieder?

FG: Politisches Engagement der Kirchen geht aus ihren eigenen Quellen hervor – aus der Bibel und der sozialethischen Tradition. Der Schutz der Armen ist ein zentraler christlicher Auftrag – und dies muss die Kirche auch in der Politik einbringen. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz formulierte es in ihrem Statement zur Initiative so: «Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen. Deshalb wird der Kirchenbund immer seine Stimme erheben, um die Schweiz an ihre Verantwortung für die Menschen im globalen Süden zu erinnern»

CN: Die Rolle von Christnet ist u.A. das Sensibilisieren für soziale Gerechtigkeit in verschiedenen Freikirchen. Die Konzerninitiative ist eines unserer Schwerpunktethemen bis zur Abstimmung. Können Sie sich eine Vernetzung/Zusammenarbeit mit den Freikirchen in verschiedenen Kantonen vorstellen? Oder gibt es diese bereits?

FG: Ja, das ist sogar sehr erwünscht. Einige sind auch schon aktiv: Die Evangelisch-methodistische Kirche, die Mennoniten oder auch die Heilsarmee sind sehr unterstützend und wie gesagt auch die SEA und Freikirche Schweiz. Ich wünsche mir sehr, dass die Freikirchen noch mehr dazu kommen. Wer in einer Freikirche aktiv werden will, darf sich sehr gerne bei mir/uns melden.


Kontakt
Florian Glaser
Kirche für Konzernverantwortung
glaser@kirchefuerkonzernverantwortung.ch
www.kirchefuerkonzernverantwortung.ch

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Zwischen Villen und alten Bauernhöfen, im Herzen des kleinen Dorfes Hagenthal-le-Haut, dicht bei Basel und St. Louis, befindet sich das Wohnprojekt Mosaik. Dort leben seit 10 Jahren drei christliche Familien zusammen. Sie pflegen Beziehungen, teilen ihre Zeit und die gemeinsamen Räumlichkeiten. Wir treffen ein Mitglied, Michel Sommer, Seelsorger in einer Integrations-Anlaufstelle und Lehrer am Bildungszentrum Bienenberg.

Wie ist die Idee für dieses gemeinschaftliche Wohnprojekt entstanden?

Eine Familie aus der Region organisierte ein Treffen mit interessierten Personen. Daraus entwickelte sich eine Spurgruppe bestehend aus 10 Parteien, die sich schlussendlich auf drei Familien reduzierte. In der Zeit als wir in Strasbourg lebten, kannten wir persönlich drei Familien, die im gleichen Gebäude, in ihren eigenen vier Wänden lebten, gleichzeitig aber in einem gemeinschaftlichen Miteinander unterwegs waren. Als sich die Möglichkeit bot, in ein ähnliches Projekt einzusteigen, waren wir sofort dabei. In weniger als zwei Jahren wurde die Idee Realität.

Was hat euch an dieser besonderen Wohnform angezogen?

Ich denke, es ist die Tatsache, dass Individualismus und Konsumismus grossen Einfluss auf unsere Gesellschaft ausüben und viel Einsamkeit verursachen. Wir möchten eine andere Lebensform finden, die es uns erlaubt, Beziehungen zu den Mitmenschen und zu unserem Umfeld zu knüpfen, in einer realistischen Art und Weise. Das gemeinschaftliche Zusammenleben erschien uns die Lebensform, die unserer Familie und unseren Vorstellungen am besten entsprach.

Ganz konkret, wie organisiert ihr euer Leben in der Gemeinschaft?

Wir planen knapp viermal im Monat gemeinsame Zeiten ein: eine Arbeitssitzung, eine Gebetszeit, eine gemeinsame Mahlzeit und wir treffen uns im Laufe des Jahres, um die Gemeinschaftsräume zu unterhalten, wichtige Dinge zu besprechen, einen Ausflug zu unternehmen, miteinander zu plaudern etc. Die Teilnahme an diesen Aktivitäten ist letztlich freiwillig, obwohl sie in unseren Agenden prioritär notiert sind. Ein Teil der Beziehungspflege findet ausserhalb dieser «offiziellen» Zeiten statt: Wenn z.B. ein Ehepaar unsere Kinder zu einem Kinobesuch einlädt. Oder wir unsererseits jedes Kinder der anderen Familien zu einem Geburtstagsessen zu uns einladen. Wunderbare, gesegnete Momente!

Teilt ihr auch einen Teil eurer Güter?

Ausser dem gemeinsamen Besitz der Liegenschaft in einer entsprechenden Rechtsform, teilen wir unseren Besitz nicht. Aber wir unterhalten eher symbolisch eine «Gerechtigkeitsschachtel», in die jede Familie nach einer gemeinsamen Mahlzeit 20 Euros einwirft. Dieses Geld ermöglicht uns, ab und zu eine Familie oder eine Person in Not anonym finanziell zu unterstützen. Wir hoffen auf diesem Weg auch die Herzen unserer Kinder zu sensibilisieren und ihnen vorzuleben, wie wichtig es ist, unseren unverdienten Überfluss mit anderen zu teilen.

Gelingt es euch, auch zu den Nachbarn Kontakte zu knüpfen?

Wir versuchen es! Für die Familien, die schulpflichtige Kinder haben, ergeben sie die Kontakte auf natürliche Art. Ein direkter Nachbar stellt uns ein Stück Land für einen Gemüsegarten zur Verfügung. Ausserdem haben wir das Vorrecht über einen grossen Gemeinschaftsraum zu verfügen, der Platz für ca. 30 Personen bietet. Manchmal organisieren wir im Winter Spielnachmittage, Themen- oder Filmabende, die zum Nachdenken anregen. Wir haben z.B. einmal den Dokumentarfilm «Demain» gezeigt.

Spielen ökologische Fragen in eurem Zusammen­leben eine wichtige Rolle?

Sicher, wir nehmen diese grundlegenden Fragen unserer aktuellen Zeit sehr ernst. Sie sind ein Bestandteil unserer internen Vereinbarung. Wir bemühen uns zuallererst in unserem kleinen Umfeld, durch unseren persönlichen Lebensstil verantwortungsvoll zu handeln. Konkret teilen wir z.B. unsere Autos. Auch wenn dies vielleicht unbedeutend erscheint, ermöglicht es uns doch, mit nur einem Auto pro Familie auszukommen. Wir haben zudem unser Abfallberg verkleinert. Die Fassadenisolation des Gebäudes brachte eine hohe energietechnische Verbesserung. Eine Fotovoltaik-Anlage liefert uns Strom. Zudem kaufen wir einen Teil unserer Lebensmittel bei lokalen Anbietern ein. Zwei von uns fahren mit dem Fahrrad nach Basel zur Arbeit. Es ist unser ständiges Bemühen, einen nachhaltigen Lebensstil zu pflegen und weiterzuentwickeln.

Welche positiven Aspekte siehst du nach fast 10 Jahren des Zusammen­lebens?

Neben den ökologischen und zwischenmenschlichen Aspekten möchte ich auch die gegenseitige Unterstützung der Familien erwähnen. Ein Beispiel: Zwei der Wohnungen liegen auf der gleichen Etage und sind durch eine Doppeltür miteinander verbunden. Wenn nun das eine Elternpaar am Abend weg ist, kann die andere Familie das Babysitting übernehmen, indem sie einfach die Zwischentür öffnen, damit sie die Kinder hören, wenn sie nicht schlafen. Wir versuchen eine Kultur zu pflegen, in der es normal ist, um Hilfe zu bitten, aber die Unterstützung auch ablehnen zu dürfen, wenn es zu kompliziert ist.

Und welches sind die negativen Aspekte an eurer gemeinschaftlichen Wohnform?

Es gibt nicht viele! Wenn man gemeinsam unterwegs ist, entstehen natürlich manchmal auch Konflikte. Damit umzugehen, kann schwierig sein. Da kommt es sehr darauf an, wie man diesen Herausforderungen begegnet. Die grösste Unstimmigkeit verursachte ein kranker Baum, der nicht wirklich schön anzusehen war, aber Schatten bot. Sollte man ihn fällen oder nicht? Indem wir eine konstruktive Umgangskultur der gegenseitigen Wertschätzung und Achtung leben, konnten wir bis zum heutigen Zeitpunkt grössere Spannungen vermeiden.

Vielen Dank für dein Teilhaben an euren Erfahrungen. Vielleicht noch eine letzte Frage: Welchen Ratschlag würdest du einer Person oder einer Familie geben, die ebenfalls beabsichtigen, in ein neues Wohnprojekt einzusteigen?

Kommt und schaut bei uns rein! Oder geht ein anderes ähnliches Wohnprojekt besuchen und unterhaltet euch mit den Bewohnern! Das hilft, mögliche Bedenken abzubauen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Und, vernetzt euch mit anderen, mit Freunden, Mitgliedern von Kirchen, im Internet, um andere Interessierte zu finden und euch zusammen zu tun. Ich möchte noch hinzufügen: Es sind nicht wirklich die Christen, die auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle spielen, aber zum Glück gibt es ChristNet, das gute und praktische Ideen streut !

Aufgrund des Wegzugs aus beruflichen Gründen einer der drei Familie im vergangenen Jahr steht eine Wohnung zur Verfügung, zum Kauf oder evt. zur Miete:

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Brüder und Schwestern, die für soziale Gerechtigkeit empfänglich sind, erschien es Ihnen jemals einfacher, den abgewiesenen Asylbewerber zu lieben als den Quasi-Faschisten um die Ecke? Vielleicht fühlten Sie sich mit dem umweltfreundlichen Mann in Ihrem Gemeinschaftsgarten mehr verbunden als mit Ihrem Bruder in Christus, der durch Motorradfahrten verzweifelt war?

Soziale Ungleichheiten und Abschottung

Die anhaltende Bewegung der gelben Jacken ist ein weiterer Beweis dafür: Nicht alles läuft gut. Die heutige Welt hat ihren Anteil an Missverständnissen und Revolten, die zum Bau von Mauern zwischen verschiedenen Kategorien von Menschen führen.

Es besteht die große Gefahr, die Übel des Jahrhunderts zu einem persönlichen Problem zu machen. Angesichts der anhaltenden Anzeichen von Ungleichheit in unseren Ländern sollten wir einen Schritt zurücktreten und unsere direkteren Beziehungen betrachten. Lassen Sie uns das Ausmaß unseres Wunsches nach Gerechtigkeit messen, wo wir normalerweise nicht in „sozialer Gerechtigkeit“ denken.

Es ist verlockend, unsere Mitmenschen nach unseren eigenen Kriterien zu beurteilen. Doch bei der Verteidigung der Ursachen, die wir am meisten zu respektieren glauben, brauchen wir den Gott der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit immer noch genauso dringend, wie die Person, die mit uns nicht einverstanden ist.

Angesichts dieser Realität sollten wir uns mit einer relationalen Wahrheit des Evangeliums beschäftigen:

Eine erste Geste der Nächstenliebe: Nimm den Balken aus seinem Auge.

Durch die Arbeit mit Holz zeichnete der Zimmermann Jesus ein sehr gutes Bild: „Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: ‚Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausnehmen‘, wenn du den Balken in deinem eigenen Auge nicht sehen kannst? Heuchler, nimm zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du sehen, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders entfernen kannst. „(Lk 6:42)

Dies ist der erste Akt der Nächstenliebe, der durchgeführt werden muss: die eigenen Fehler erkennen zu können. Schöne Ideen und gute Werte zu haben, bringt uns nie von dem Streben nach Demut und Integrität ab1 .  Dann laden sie uns ein, den anderen ohne Arroganz herauszufordern, in einem für beide Seiten fruchtbaren Prozess.

Eine überwältigende Liebe

Dieser Aspekt ist revolutionär, vor allem in den kleinen Details unseres Lebens. Die in die Praxis umgesetzte Liebe umfasst nicht nur Tapferkeit und Mitgefühl, sondern auch jede Form von Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.

Da wir in einem Klima der Polarisierung, des Übermaßes und der Extreme leben, sollten wir uns davor hüten, andere zu verachten, und stattdessen für ihr Wohl handeln, auch wenn sie kein Mitleid erregen. Jesus betont, dass unsere sozialen Verpflichtungen nur dann von Wert sind, wenn sie in verwandelten Herzen und Beziehungen verwurzelt sind.

1.  Inspiriert von Tom Holladays Buch „Beziehungen“: Das Modell Jesu, Ourania, 2010.

Bild: Steve Buissinne auf Pixabay

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Nach einem Artikel [2] ] in Le Monde online sind 3,2 Millionen Franzosen, d.h. mehr als 13% der erwerbstätigen Bevölkerung, einem hohen Burn-out-Risiko ausgesetzt. Diese Menschen gehen über ihre Grenzen hinaus und riskieren, in einen Zustand der totalen Erschöpfung zu geraten und manchmal für den Rest ihres Lebens gezeichnet zu sein. Andererseits schätzt Christian Bourion, ein Arbeitsökonom, dass 30% der Arbeitnehmer unter Bore-Out, d.h. völliger Demotivation und Krankheit durch Langeweile am Arbeitsplatz, leiden. Wenn wir zu diesem Mobbing, den Konflikten, der sexuellen Belästigung, dem Workaholismus, der Verunglimpfung, der Lohnungleichheit noch etwas hinzufügen, sieht die Arbeitswelt nicht mehr unbedingt wie ein Eldorado voller Möglichkeiten aus, sondern wie ein wirklich gefährlicher Dschungel. Christen werden natürlich nicht verschont.

Große Hoffnungen, dann Desillusionierung?

Und auch unsere Gesellschaft verlangt viel, stellt der Forscher Christian Bourion fest: „Heute wollen die Menschen, dass die Arbeit eine Quelle der Erfüllung ist. So erziehen wir unsere Kinder, wir geben ihnen eine lange Ausbildung. Aber wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten, ist es eine große Enttäuschung. Das Ergebnis ist noch mehr Leid. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Realität sieht so aus: Gott schuf den Menschen und gab ihm die Verantwortung, sich um den Garten Eden zu kümmern. Doch sein Sturz, seine Revolte gegen Gott in Eden, hat die Bedingungen dieser Arbeit verändert.

Einem wohlwollenden Führer gehorchen

Wie können wir dann unseren Einsatz in der Arbeitswelt als Christen in der Nachfolge Christi leben? Hier sind einige Punkte, die mir wesentlich erscheinen.

Unser einzig wahrer Führer ist Christus! Und er sagt uns, dass seine Last leicht ist, weil er sie mit uns trägt. Er will uns wahrscheinlich nicht zum Burn-out oder Bore-Out führen. Wenn wir uns bei unserer Arbeit überfordert fühlen oder keinen Sinn mehr darin sehen, können wir mit unserem Leiter sprechen, um seine Unterstützung und Anweisungen zur Verbesserung der Situation zu erhalten.

Die Härte der Arbeit wird in der Bibel mit dem Einbruch der Sünde in die Welt assoziiert (1. Mose 3:17) Es ist zu erwarten, dass wir Schwierigkeiten haben werden, damit umzugehen.

Hoffnung für die Zukunft wecken

Aber selbst in diesen Schwierigkeiten kann unsere Arbeit eine schöne Frucht hervorbringen, die die Liebe Gottes im Dienst an der Welt bezeugt. Und wir können uns auch dafür einsetzen, dass Respekt und Würde und bessere Arbeitsbedingungen in diesem oft gnadenlosen Sektor besser gewährleistet sind.

Erinnern wir uns vor allem daran, dass eines Tages Christus kommen wird, um die Tränen, das Leiden und die Frustration, die mit der Arbeit verbunden sind, zu beseitigen!

 

1.    Die Welt online, https://www.lemonde.fr/economie/article/2014/01/22/plus-de-3-millions-de-francais-au-bord-du-burn-out_4352438_3234.html

Foto von jesse orrico auf Unsplash

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Die Bevölkerung des Kantons Bern stimmt am 19. Mai 2019 über die Senkung der Sozialhilfebeiträge und damit über eine folgenschwere Weichenstellung ab. Bei einem Ja hat der zweitgrösste Kanton der Schweiz ein ethisches Tabu gebrochen, für andere Kantone wird es einfacher, dem Beispiel zu folgen.

Die Regierung des Kantons Bern meint, man könne sich die gängigen Sozialhilfebeiträge nicht mehr leisten. Doch hat der Kanton in den letzten Jahren zweimal die Steuern gesenkt. Das Geld wäre also eigentlich da, aber man empfindet erstaunlicherweise das Leiden der Steuerzahler als gravierender als das Leiden derer, die am Existenzminimum leben. Dahinter steckt wohl auch eine verzerrte Wahrnehmung: Noch immer werden Sozialhilfebezüger verdächtigt, nicht arbeiten zu wollen. Die Regierung sagt, die Betroffenen bräuchten mehr Anreize. Doch die Realität sieht anders aus: In der Schweiz müssen rund 340’000 Haushalte von der IV oder Arbeitslosenkasse unterstützt werden, weil sie keine Arbeit finden können. 40’000 Menschen pro Jahr werden aus der Arbeitslosenkasse ausgesteuert (darunter viele über 50-Jährige) und werden an die Sozialhilfe weitergereicht. Die  meisten dieser insgesamt halben Million Menschen möchten eine Stelle, aber für die Schwächeren, Ungebildeteren und Älteren unter ihnen hat die Wirtschaft keinen Job mehr. Da nützt auch Peitsche nichts, sondern fügt zum Leid noch mehr dazu. Denn schon heute wird Sozialhilfeempfängern, die sich nicht bemühen, entsprechend das Geld gekürzt.

Schon heute ist es schwierig, als Erwachsener mit 977 Franken pro Monat Essen, Kleider, Transporte, Kommunikation und vielleicht auch mal einen Ausflug zu bezahlen. Mit nur noch 907 Franken kann sozialer Ausschluss und Ernährungsmängel Realität werden. 30 % der Betroffenen sind im Übrigen Kinder. Sollen diese nun auch bestraft werden?

Anlässlich dieser Abstimmung präsentiert ChristNet eine Übersicht, was die Bibel uns über den Umgang mit den Schwächeren lehrt, wie die Situation heute aussieht und was getan werden könnte.

1. Wie sieht die Bibel die Schwachen ?

Das Thema Solidarität mit den Schwächeren nimmt in der Bibel einen erstaunlich breiten Raum ein. Zentral ist dabei der Begriff der Armen. Dieser Begriff wird einerseits für die materielle Armut und für tiefen sozialen Status (oft auch „Elende, Geringe“, etc.), aber auch für geistlich Arme, das heisst Demütige gebraucht. Im politischen Kontext beschäftigen wir uns nun mit den zwei ersten Gebrauchsweisen. Dazu wird oft auch von Witwen und Weisen als besonders Schutzbedürftigen gesprochen.

Im Alten wie im Neuen Testament ruft uns Gott ständig dazu auf, die Armut zu lindern, Gerechtigkeit zu schaffen und die Schwachen zu schützen. Rund 3000 Bibelstellen befassen sich mit dieser Frage.

Wie werden die Armen in der Bibel betrachtet? Welche Schuld haben sie an ihrer Situation? Die Stellen, wo Armut mit Selbstverschulden in Verbindung gebracht wird, sind rar. Sie finden sich nur im Buch der Sprüche 6 („Geh hin zur Ameise, Du Fauler, und lerne von ihr“) und in der Aussage im Neuen Testament, wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.

Öfter wird Armut als gesellschaftliches Übel, z.T. in Verbindung mit sozialer Benachteiligung, beschrieben. Die verschiedenen Verfasser des Alten Testaments forderten auch auf, die Armen und Geringen zu schützen und ihnen Recht zu verschaffen. „Schafft Recht dem Geringen und der Waise, dem Elenden und dem Bedürftigen lasst Gerechtigkeit widerfahren! Rettet den Geringen und den Armen, entreisst ihn der Hand der Gottlosen.“ Ps. 82.3-4 Denn nur zu oft versuchten die Starken, die Rechte der Armen zu ignorieren oder beugten ungerechte Richter die Sache der Armen (Jes. 10.2). Damals (wie heute) war Armut auch oft mit Machtlosigkeit verknüpft.

Auch deshalb sollte alle 7 Jahre ein allgemeiner Schuldenerlass stattfinden, „Damit nur ja kein Armer unter Dir ist“ (5. Mose 15.4), und alle 50 Jahre ein Halljahr, wo Besitz von Land und Häusern wieder an die ursprünglichen Familien zurückging, damit jeder wieder das Kapital hatte, um das Leben selber bestreiten zu können. Also ziemlich radikal: Schuldenschnitte ohne Bedingungen und eine totale Erbschaftssteuer.

Die Gesellschaft hat also eine Verantwortung gegenüber den Armen: Wir sollen den Armen grosszügig geben: „Wenn es einen Armen bei dir geben wird, irgendeinen deiner Brüder in einem deiner Tore in deinem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt, dann sollst du dein Herz nicht verhärten und deine Hand vor deinem Bruder, dem Armen, nicht verschließen. Sondern du sollst ihm deine Hand weit öffnen und ihm willig ausleihen, was für den Mangel ausreicht, den er hat.“ (5. Mose 15. 7-8)

In Matthäus 25.31-46 meint Jesus gar, dass auch danach gerichtet wird. Er beschreibt wie der Sohn kommt und die Schafe von den Böcken trennt und sagt „Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an! Denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir.“ und dann „Was Ihr dem geringsten Eurer Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan“ Man kann den Begriff auf die Glaubensbrüder beziehen. Aber Jesus spricht andernorts auch von unseren Nächsten, die wir genauso lieben sollen wie uns selber. Und dass dies das höchste Gebot sei, gleich hoch wie Gott zu lieben. Mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters hat Er uns gezeigt, wen Er mit dem Nächsten meint. Die Nächstenliebe heisst auch, sich für diejenigen einzusetzen, die es am meisten brauchen. Die Verweigerung gegenüber dem „Schreien der Elenden“ wurde hingegen hart kritisiert (z.B. in der Geschichte des Lazarus in Lukas 16 sowie in Sprüche 21.13: „Wer die Ohren verstopft vor dem Schreien der Elenden, der wird einst rufen und keine Antwort erhalten“). Auch Jakobus 2.14-17 ist recht radikal: „Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester dürftig gekleidet ist und der täglichen Nahrung entbehrt, aber jemand unter euch spricht zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht das für den Leib Notwendige, was nützt es? So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst tot.“

Vor allem die Propheten gingen hart mit den Israeliten ins Gericht, wenn diese trotz Reichtum die Armen im Elend liessen oder deren Rechte beugten (Jer. 5.28; dazu Hes. 16.49 und 22.29; Amos 2.6-7; 4.1; 8.4). Gott stellt sich hier hinter die „Geringen“: wer die Geringen unterdrückt, verhöhnt den Schöpfer (Spr. 14.31). Er selber kommt ihnen besonders zu Hilfe und ist deren Anwalt (u.a. Ps. 72.4, wie auch viele andere Psalter, dazu Jes. 25.1).

Umgekehrt verspricht Gott auch Segen, wenn wir Unterdrückung beenden und uns um die Bedürftigen kümmern:Ist nicht vielmehr das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Ungerechte Fesseln zu lösen, die Knoten des Joches zu öffnen, gewalttätig Behandelte als Freie zu entlassen und dass ihr jedes Joch zerbrecht? Besteht es nicht darin, dein Brot dem Hungrigen zu brechen und dass du heimatlose Elende ins Haus führst? Wenn du einen Nackten siehst, dass du ihn bedeckst und dass du dich deinem Nächsten nicht entziehst? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell sprossen. Deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen, die Herrlichkeit des HERRN wird deine Nachhut sein. Dann wirst du rufen, und der HERR wird antworten. Du wirst um Hilfe schreien, und er wird sagen: Hier bin ich! Wenn du aus deiner Mitte fortschaffst das Joch, das Fingerausstrecken und böses Reden und wenn du dem Hungrigen dein Brot darreichst und die gebeugte Seele sättigst, dann wird dein Licht aufgehen in der Finsternis, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“ (Jesaja 58.6-10) Das ist gemeint für Israel als Nation!

Im alten Israel gab es auch organisierte Armenfürsorge und Umverteilung:

  • Der Zehnte diente auch zur Armutslinderung
  • Alle 3 Jahre ging 10 % der Ernte an Arme
  • Die Nachlese nach der Ernte war den Armen vorbehalten (3. Mose 19.10)
  • Alle 7 Jahre blieb ein Feld unbestellt. Die Frucht gehörte den Armen (2. Mose 23.11)
  • Und wie bereits erwähnt gab es den regelmässigen Schuldenerlass und das Halljahr

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier geht es nicht um ein soziales Evangelium. Wir werden nicht durch gute Taten gerettet und wir retten die Welt nicht mit guten Taten. Und trotzdem hat Gott uns das oben genannte gesagt, damit wir es befolgen.

Wir sind also herausgefordert! Aber haben wir denn nicht unseren Reichtum und unsere Macht durch unsere eigene Arbeit erschaffen und als Zeichen des Segens von Gott erhalten? Brauchen wir denn überhaupt zu teilen? Natürlich haben wir Vieles davon durch unsere eigenen Hände erschaffen können, und es ist auch ein Segen von Gott. Wie wir weiter oben sehen, sagt uns die Schrift aber trotzdem, dass wir teilen sollten! Es heisst gar, wir sollen arbeiten, damit wir den Armen geben können. Schliesslich können wir auch hiermit Gottes Grösse Anderen sichtbar machen!

Denn erstens ist auch unsere Leistungsfähigkeit eine Gnade Gottes und alles, was wir haben, kommt von Gott. So sind wir gehalten, nach seinem Willen mit dem Erhaltenen umzugehen. Zweitens hat jeder Mensch unterschiedliche Gaben, die auch unterschiedlich in Lohn umsetzbar sind. Deshalb sollten wir allen Menschen ein würdiges Leben ermöglichen.

2. Vorurteile und Realität

Die Bestrebungen in verschiedenen Kantonen, bei den Sozialhilfegeldern zu sparen fusst auf Vorurteil, dass die meisten Unterstützten einfach zu faul sind und man sie mit mehr Druck zum Arbeiten bringen könnte, denn Jobs hätte es ja genügend. Hier ein Blick auf die Realität:

– Arbeitslosigkeit1

Am 1. Januar 2019 erhielten 119’661 Personen vom Arbeitsamt Unterstützung. Dies macht 2,7% der Bevölkerung aus. Die Zahl umfasst also alle Menschen, die in den letzten 1,5 Jahren die Stelle verloren und noch keine neue gefunden haben. Heute fallen pro Jahr 40’000 Menschen aus der Statistik raus, da sie nach dieser Zeit noch immer keine Stelle finden konnten. Dies sind doppelt so viele wie vor 10 Jahren.

Als Stellensuchende waren um selben Zeitpunkt 197’950 Personen registriert. Darunter befanden sich also rund 80’000 Personen, die dank einem Zwischenverdienst gerade keine Leistungen vom RAV erhielten, aber nur eine Temporärstelle hatten.

– Invalidenversicherung (IV)2 

Ende Dezember 2017 bezogen 218’700 Personen in der Schweiz IV, davon waren drei Viertel Vollrenten. Die Zahl sinkt bei den Unfall- und Krankheitsbedingten Renten leicht, bei den psychischen Ursachen steigt sie nach wie vor. Kein Wunder beim steigenden Arbeitsdruck, der immer mehr Burnouts generiert.

Sozialhilfe3 

Im Jahr 2017 zählten die Sozialämter 175’241 Fälle (also eigentlich Haushalte), eine Zunahme von 2% im Vergleich zum Vorjahr. Betroffene Personen (inklusive Kinder) wurden 278’345 gezählt. 7,4% der IV-Rentner beziehen auch Sozialhilfe, da die IV-Rente nicht zum Leben reicht. Nach deren Abzug bleiben also 162’273 Haushalte.

Überdurchschnittlich oft betroffen4 sind Personen mit schlechter Ausbildung und damit Berufsaussichten, Familien mit mehr als drei Kindern oder mit einem alleinerziehenden Elternteil. Insgesamt sind 30 Prozent der betroffenen Personen Kinder. Immer mehr sind auch Menschen über 50 Jahren auf Sozialhilfe angewiesen, da sie keine Stelle mehr finden.

Sinkende Arbeitslosenzahlen werden also zu einem guten Teil von der Zahl der Sozialhilfebezüger kompensiert: Diejenigen, die keine Stelle mehr finden weil sie von der Wirtschaft als zu alt befunden werden oder weil sie zu wenig Kompetenzen mitbringen werden nach unten weitergereicht. Jetzt klagen die Gemeinden über die Zunahme und Kostenexplosion. Dies ist gefährlich für unsere Sicht auf Armen. Denn in absoluten Zahlen müssen wir immer mehr Steuergeld für die Armen aufwenden, was die Idee fördert „Wir geben ihnen ja immer mehr“, obwohl die Einzelnen Betroffenen nicht mehr erhalten. Gemeinden und Kantone gehen deshalb daran, den Ärmsten und Weggeworfenen das knappe Geld noch weiter zu kürzen, auch mit der Idee, dass sie dann mehr Anreiz hätten, eine Stelle zu suchen. Aber wer gibt ihnen denn eine Stelle? Und wer sind die Hauptleidtragenden? Die Kinder, die erst recht nichts für die Situation können.

Zudem besteht in vielen Kantonen eine Rückzahlungspflicht, sobald Betroffene wieder ein regelmässiges Einkommen haben, auch wenn es noch so tief ist. So entsteht eine lebenslange Schuldgefangenschaft. Genau solche Situationen sollten nach Jesaja 58 verhindert werden.

Es sind also rund eine halbe Million Haushalte in der Schweiz betroffen. Selbst bei Hochkonjunktur senkt sich diese Zahl nur geringfügig.

Warum so viele Menschen aus dem Arbeitsleben herausgefallen?

  • Stellen für weniger begabte oder weniger gebildete Menschen wurden abgeschafft oder ausgelagert
  • Die Wirtschafts- und Steuerpolitik (z.B. durch Welthandelsregeln und Steuerdumping) hat Konzerne gefördert. Diese sind weniger Arbeitsplatzintensiv als kleine Unternehmen, auch weil sie viel höhere Gewinne für die Aktionäre anstreben statt möglichst viele Stellen zu schaffen. Früher waren 5 % Kapitalrentabilität o.k., heute muss es 30 % sein.

Wie viele offene Stellen stehen dem gegenüber? Beim RAV waren am 31. Dezember 26’904 Stellen gemeldet, allerdings sind nur Branchen mit hoher Arbeitslosigkeit verpflichtet, offene Stellen zu melden. Im Gegensatz dazu findet die Jobbörse „X28“ im Dezember 2018 188’000 Stellen auf dem Internet, wobei aber unklar ist, wie viele davon wirklich noch zu besetzen sind oder doppelt gezählt sind. Die verlässlichste Zahl scheint diejenige des Bundesamtes für Statistik zu sein, die im vierten Quartal 2018 74’000 offene Stellen ausweist. Dies macht also nur einen Bruchteil der Stellen aus, die benötigt würden, um der halben Million Menschen Arbeit zu geben!

 

Und vor allem über 50-Jährige oder Menschen die aus irgendeinem Grund nicht voll leistungsfähig sind (Alleinerziehende, mangelnde Bildung, Gebrechen, etc.) haben heute kaum eine Chance, eine Stelle zu finden. Da nützt es nichts, die Sozialhilfegelder zu senken. Dadurch noch mehr „Anreize“ zum Arbeiten schaffen zu wollen zeugt von Unkenntnis der Situation oder gar von hartnäckigen Vorurteilen. Aber sie sind angenehm zu glauben, da es uns von der Pflicht befreit, mehr teilen zu müssen. In der Realität ist die Kontrolle bereits heute sehr stark und damit die „Missbrauchsquote“ sehr tief. Unsere Aufgabe ist es auch, genauer hinzuschauen, wirklich zu helfen und zu fördern. Das kostet uns aber etwas. Sind wir bereit dazu? Ist die Wirtschaft (v.a. Grossunternehmen, die es sich leisten könnten, und ihre Aktionäre) bereit dazu, für alle genügend entlöhnte Arbeitsplätze anzubieten? Sonst müssen wir fundamental über die Verteilung von Arbeit nachdenken. Ohne radikale Massnahmen der organisierten Arbeitsbeschaffung, wird es nicht gehen. Heute ist dies aber noch blockiert, da die Angst vor dem Staat noch zu gross ist. Lieber schieben wir die Schuld auf die Betroffenen und versuchen, weitere „Anreize“ zu schaffen, damit diese endlich arbeiten gehen. Es wird aber ein Punkt kommen, wo wir einsehen müssen, dass dies nicht funktioniert. Denn wenn immer mehr Menschen aus dem Wirtschaftskreislauf ausscheiden müssen, weil es für sie keinen Platz mehr hat oder sie krank werden, dann werden die Kosten immer höher. So müssen wir darüber nachdenken, ob unsere Art des Wirtschaftens für die Gesellschaft nachhaltig ist oder immer heftigere Verteilkämpfe stattfinden. Immer mehr Menschen sind unter Druck und geben diesen den Schwächeren weiter.

Denn schlussendlich sind das die Schäden, die durch die Art des Wirtschaftens und der falschen Verteilung entstehen. Wir sagen die Kosten steigen, also müssen wir sparen. Doch die Mittel zum Auffangen der Schwächeren wären vorhanden, werden jedoch gar nicht erst zur Verfügung gestellt (Steuersenkungen, Schlupflöcher, Steuerflucht). Warum sollen genau die Ärmsten nun darunter leiden? Die Bibel sagt uns, sie sollten unsere Priorität sein!

3. Unser Umgang mit diesen Menschen

Klar gibt es Menschen, die profitieren und gar nicht arbeiten wollen. Das ist aber eine Minderheit, denn die Kontrolle ist bereits heute sehr streng. Doch diese Fälle werden in den Medien breit ausgeschlachtet, sodass ein falsches Bild entsteht. Sollen wir nun aber wegen einer Minderheit, die unsere Sozialwerke missbraucht alle in Not geratenen zu bestrafen? Schlussendlich stellt sich die Frage, was uns wichtiger ist: Dass unsere Nächsten nicht leiden müssen oder dass wir keinen einzigen Missbrauch bezahlen müssen? Wer ist wichtiger: ich oder der Nächste? Doch oft begnügen wir uns mit Rechtfertigungen wie

  • «Bei Gott ist alles möglich». Ja, der Glaube kann Menschen in Not helfen. Und trotzdem hat Gott uns den Auftrag zur Fürsorge und Gerechtigkeit gegeben!
  • „Jeder kann selber“: Doch Gott hat jedem unterschiedliche Gaben gegeben, und nicht alle sind gleich in Lohn umsetzbar. Gewisse wichtige soziale Funktionen werden gar nicht bezahlt.
  • „Sie haben ja keinen Anreiz zum Arbeiten“. Doch gerade in der Schweiz, wo Integration, Identität und Selbstwert über Arbeit gebildet werden leiden die meisten Menschen, wenn sie keine Arbeit haben.
  • „Sie haben zu viel“. Doch warum sollen diejenigen, die schon unter dem Ausschluss leiden, auch noch im Elend leben müssen? Und erst recht die Kinder, die nichts dafürkönnen?

Die meisten Menschen leiden unter dem Ausschluss, werden oft krank und verlieren ihr Selbstwertgefühl. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Attraktivität bei potentiellen Arbeitgebern. Das Gefühl der Machtlosigkeit ist umso schlimmer zu ertragen, wenn man noch dauernd zu spüren bekommt, dass man doch einfach ein fauler Sack sei. So sind diese Leute gleich doppelt gestraft und stigmatisiert. Im System der Arbeitslosenversicherung und der Sozialhilfe gilt nicht „in dubio pro reo“, sondern im Gegenteil: Das System nimmt zum Vornherein an, man wolle nicht arbeiten und sucht systematisch zu bestrafen, wenn nur ein Rapportzettel zu spät kommt oder eine Angabe fehlt. Jede Arbeitslosenkasse muss von Gesetzes wegen eine Quote von Bestrafungen durchführen, sonst wird sie selber bestraft… Peitsche und Zwang nützt aber bei den meisten nichts, wie wir gesehen haben, es hat einfach keine Jobs für sie.

Aus der Arbeitslosenkasse fallen immer mehr Menschen raus und landen (wenn nicht in der IV) dann in der Sozialhilfe. Diese ist nicht vom Bund, sondern von den Gemeinden finanziert, die immer mehr ins Rudern kommen. Zahlen zu müssen ist unangenehm und bringt gewisse Gemeinden in Bedrängnis. Das Bild, das von den Sozialhilfebezügern vermittelt wird legt es dann nahe, die Bezüger möglichst knapp zu halten und womöglich abzuschrecken:

– Gewisse Gemeinden sind dazu übergegangen, die Verwaltungen von Mehrfamilienhäusern anzuweisen, nicht mehr an Sozialhilfebezüger zu vermieten.

– Oder sie wollen keine Sozialwohnungen mehr bauen.

– Oder sie sehen gar kein Bauland mehr für günstigen Wohnraum mehr vor.

– Oder sie verweigern gar Zuzügern, die Sozialhilfe beanspruchten, die Niederlassung.

Das erinnert mich an Jakobus, der uns im zweiten Kapitel anweist, nicht einen Unterschied in der Behandlung zwischen Armen und Reichen zu machen.

Die Bedürftigen werden so einfach herumgeschoben, das Problem wird damit aber nicht gelöst. Erst recht nicht, wenn mehr und mehr kurzfristig gespart wird. Von der Sozialhilfe werden immer weniger Weiterbildungen oder sonstige Grundvoraussetzungen für Arbeitsstellen bezahlt (wie Fahrausweis, Laptop, etc.). So bleiben die Leute in der Sozialhilfe erst recht gefangen.

Viele Gemeinden behaupten auch, sie könnten sich genügende Sozialhilfe nicht leisten. Doch in der Realität hätte es genug für alle, es ist nur Frage der Verteilung. Wir sind eigentlich so reich wie nie zuvor, es könnte für alle reichen. Wir haben oft nur einfach die Steuern zu stark gesenkt… Gerade der Kanton Bern ist da ein Beispiel: Die Steuern wurden mehrmals gesenkt, und nun hat der Regierungsrat beantragt, den Grundbedarf der Sozialhilfeempfänger generell um 8 % zu senken. Vielen Kindern droht somit echte Armut, denn die Lebenshaltungskosten in der Schweiz sind hoch!

Wir können uns entscheiden, ob wir das Geld für den Eigengebrauch oder aber das Wohlergehen und die Integration der Ausgeschlossenen brauchen.

4. Die Leistungsgesellschaft und deren Einfluss auf den Wert der Schwächeren

Wir sind eine Leistungsgesellschaft geworden: Nur wer etwas leistet, ist auch etwas wert, hat deshalb vor einigen Jahren ein Bundesrat in einer Ansprache vor Behinderten gesagt. Wer nichts leisten kann, wird zunehmend verachtet, und die Starken werden verherrlicht. Dies erinnert mich an die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Das ist auch eine Überhöhung des Menschen, ein Stolz, der vor Gott so nicht bestehen kann. Denn vor Gott ist jeder gleich viel wert! Und hat damit auch dasselbe Lebensrecht.

Der Druck in der Gesellschaft nimmt zu, es wird immer mehr Leistung verlangt. Wir sind selber unter Druck, und wenn wir nun noch zusätzlich das Gefühl haben, einen Klotz am Bein zu haben, also für andere aufkommen zu müssen, dann ärgert uns das. Es ist auch angenehmer davon auszugehen, dass die Schwachen halt selber schuld sind als dass wir eine Verantwortung gegenüber ihnen haben.

Schwächere also zunehmend als Last empfunden, was Folgen für das Leben hat:

  • Pränataldiagnostik: Heute fragen Gynäkologen Schwangere kaum mehr, ob sie eine Diagnostik wollen, werdende Eltern werden oft einfach mit dem Resultat konfrontiert, fast schon mit der Erwartung, dass ein behinderter Fötus abgetrieben werden soll. In den USA dürfen Krankenkassen die Behandlung von behinderten Kindern ausschliessen, sodass Schwangere, die sich die medizinischen Kosten für die Begleitung eines behinderten Kindes nicht leisten können, gezwungen werden, abzutreiben.
  • Behinderte: Eltern von behinderten Kindern müssen sich zunehmend rechtfertigen, denn das Kind wird von der Gesellschaft als Belastung wahrgenommen. Der bekannte Genfer Survivalist Piero San Giorgio, der 100’000 Bücher verkauft hat und der in Diensten der Walliser Kantonsregierung stand, hat empfohlen, für Falle eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs auszumachen, wo die Behinderten wohnen, um sie liquidieren zu können. Und man solle die Behinderten und Kranken nicht mehr schützen, denn sonst könne man keine echte Zivilisation aufbauen.
  • Die Idee, nur noch eine Last zu sein ist auch einer der Gründe für den zunehmenden Zuspruch von Sterbehilfeorganisationen wir Exit: Viele Sterbewillige geben an, sie wollten ja niemandem eine Last sein und ziehen es vor, zu sterben.

Das Bild, dass Schwächere uns eine Last seien hat also ganz konkrete Auswirkungen auf das Menschenleben. Aber Gott will jedes Leben, denn er hat jeden geschaffen und nie gesagt, dass jemand weniger Wert hat wenn er schwächer ist. Das ist eine gefährliche Ökonomisierung des Menschen! Das gilt selbst für Menschen, die mit Alzheimer scheinbar nur noch dahinvegetieren, aber plötzlich wieder «da» sein können, wenn liebende Menschen um sie sind.

5. Ist das Wohl der Schwachen heute überhaupt noch ein Ziel in der Politik?

In der Bundesverfassung steht eigentlich, dass sich die Stärke des Volkes am Wohl der Schwachen misst. Doch ist dies heute wirklich noch das Ziel der Politik?

Wenn es um Unterstützung der Schwächeren geht wird oft gesagt „Wir können es uns nicht leisten“. Doch zwischen 1990 und 2015 stieg das Bruttoinlandprodukt aber real pro Kopf um 20%5 .

Brauchen wir also noch mehr Wachstum? Wachstum alleine ohne aktive Verteilung nützt überhaupt nichts, wie uns das Beispiel der USA lehrt: Zwischen 1975 und 2007 stieg das Bruttoinlandprodukt pro Kopf um 90%, das Median-Haushaltseinkommen nur um gut 20%6 . Und letztere auch nur, weil pro Haushalt mehr Personen arbeitstätig waren. Der Median-Lohn sank also gar!

Auch in der Schweiz sanken die Medianlöhne im 2018 um 0,4 %, dies trotz einem Wirtschaftswachstum von 2,5% und einer so tiefen Einwanderungsquote wie seit 5 Jahren nicht mehr7 .

Oxfam hat errechnet, dass vom Wachstum in den USA nach der Finanzkrise von 2008 95 % an die obersten 1 % ging, und dass wegen Deregulierung und Steuersenkungen die Oberschichten den Hauptanteil des Vermögenszuwachses einverleiben. Und viele von ihnen verstecken ihr Geld dann in Steueroasen, wie wir mit den Paradise Papers gesehen haben. So werden weniger Arbeitsplätze geschaffen und auch die Steuereinnahmen für die Unterstützung der Schwächeren fehlen.

In der Schweiz haben alle Kantone und viele Gemeinden in Konkurrenz um diese immer Reicheren die Steuern gesenkt. Insgesamt steht auch deshalb nicht genügend Geld für die Unterstützung zur Verfügung.

Wir tun alles für Arbeitsplätze und fördern die Wirtschaft wo wir können, steigern die Innovationsrate und den Konsum bis ins Ungesunde. Aber unter dem Strich ändert sich nichts, die Zahl der halben Million arbeitssuchenden Menschen wird durch keine Massnahme stark gesenkt, selbst in der Hochkonjunktur. Und es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass sich der Trend in der nächsten Zeit in die andere Richtung bewegen wird. Im Gegenteil: Durch die Digitalisierung und Robotisierung gehen noch mehr Stellen für Schwächere und weniger Gebildete Menschen verloren.

6. Kosten der aktuellen Politik

Bisher stecken wir den Kopf in den Sand, weil die Lösung des Problems uns etwas kostet und viele unserer Glaubenssätze über die Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft in Frage stellt. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass die Nichtlösung des Problems uns noch mehr kosten wird:

– Wir zahlen heute schon Milliarden für diese halbe Million Menschen. Und es wird ständig mehr.

– Können wir uns leisten, das wirtschaftliche Potential von einer halben Million Menschen einfach brachliegen und vermodern zu lassen? Je länger diese Leute ausgeschlossen sind, desto mehr werden sie abgehängt und für immer draussen bleiben.

Gesundheitskosten: Elend und Hoffnungslosigkeit schaden der Gesundheit, was zu höheren Gesundheitskosten für alle führt.

Kriminalität: Aussichtslosigkeit und Nichtintegration sind Hauptgründe für Kriminalität. Dies kostet uns viel Geld und Sicherheit!

7. Mögliche Lösungswege

Haltung

  • Genauer hinsehen statt Vorurteile pflegen
  • Sich wirklich für diese Menschen interessieren
  • Den betroffenen Menschen begegnen
  • Sehen wir sie wirklich als von Gott Geschaffene, die genauso wertvoll sind wie wir?
  • Sehen wir es als Ziel der Politik und der Gesellschaft, dass es ihnen besser geht?
  • Welche Werte lehren wir? Konkurrenz oder Solidarität und Zusammenarbeit?

Massnahmen

  • Arbeit anders verteilen: Es muss gesunde Arbeit für alle geschaffen werden. Es gäbe eigentlich genug zu tun!
  • Alle müssen gefördert werden: Weiterbildungen und Grundlagen für Integration müssen bezahlt werden
  • Zuschüsse für zusätzliche Arbeitsstellen entlasten ALV, IV und Sozialhilfe
  • Neue Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Staat und Kirchen: Es braucht eine Gesamtorganisation, sonst sind die Massnahmen nur Tropfen auf den heissen Stein. Hierzu müssen wir auch die Angst vor dem Staat ablegen.
  • Mehr teilen, Reichtum wieder mehr besteuern und nicht flüchten lassen, sonst haben wir keine Mittel für Arbeitsbeschaffung
  • Förderung der Klein- und Mittelgrossen Unternehmen statt börsenkotierten Konzernen
  • Jeder sollte direkt in Integration und Arbeit investieren, statt an Börse zur Renditemaximierung anlegen-> wir brauchen «soziale Aktie»!
  • Die Startbedingungen müssen wieder ausgeglichen werden, nach dem Beispiel des Halljahres und des Schuldenerlasses. Denn in der Schweiz besitzen die obersten 2 % mehr als die unteren 98 %