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Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt, wie zahlreiche Bibelstellen belegen. Es ist aber kein Geheimnis, dass Vorurteile, Misstrauen oder Angst diese biblische Tradition torpedieren. Aktuelle Forschungen zeigen jedoch, dass Interkulturelle Kompetenz ein Entwicklungsprozess ist, der durch die Bereitschaft zur Begegnung befördert wird.

Fremdes, vom eigenen Kultur- und Erfahrungskreis Abweichendes, nehmen Menschen seit jeher häufig als Herausforderung oder gar Bedrohung wahr. Solche Reaktionen sind grundsätzlich verständlich, können aber nicht zuletzt Unrecht gegenüber Mitmenschen begünstigen. Wir wissen heute ebenfalls, dass Menschen nicht nur durch die Andersartigkeit fremder Menschen, sondern auch durch eigene Persönlichkeitsanteile, die ihnen an sich fremd erscheinen, herausgefordert werden können. Wir können uns manchmal selbst fremd sein und eigene Wesenszüge, Haltungen oder Handlungen nicht gänzlich verstehen. Schliesslich fällt es manchen Menschen beispielsweise aufgrund ihrer extrovertierten Natur leichter, offen und unvoreingenommen auf Fremde zuzugehen, während andere aufgrund ihrer Persönlichkeit und Prägung generell zurückhaltender in sozialen Interaktionen sind. Kurz: Der Umgang mit den uns fremden Mitmenschen hat viel mit uns selbst zu tun.

Gastfreundschaft und Fürsorge in der christlichen Tradition

Die Forderung, anderen fürsorglich und gastfreundlich zu begegnen, hat insbesondere eine lange jüdisch-christliche Tradition. Schon im Alten Testament wird ein gerechter und freundlicher Umgang mit Menschen aus fremden Kulturen verlangt, zum Beispiel: «Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen» (Exodus 23,9, Einheitsübersetzung, 2017). Die eigene Geschichte von Flucht, Fremdheit und Abhängigkeit soll sensibel machen für die Situation anderer. Damit verbindet sich die Überzeugung, dass jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft eine besondere Würde zukommt.

Ähnliche Forderungen finden sich auch im Neuen Testament. Zum Beispiel werden die christlichen Gemeinden angehalten: «Seid untereinander gastfreundlich, ohne zu murren» (1. Petrusbrief 4,9, Einheitsübersetzung, 2017)! In einem Brief an Christen, die ihrerseits wegen ihrem Glauben stark unter Druck standen, wurde sogar gesagt beziehungsweise in einem Brief geschrieben: «Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt» (Hebräerbrief 13,2, Einheitsübersetzung, 2017)! Hier klingen nicht zuletzt alttestamentliche Geschichten an, die von eigenen Erfahrungen des Fremdseins oder Begegnungen von Menschen mit Engeln respektive Boten von Gott erzählen. Von Abraham wird beispielsweise berichtet, dass er drei solche Boten Gottes als Gäste empfing (Genesis 18). Einer der Boten wird traditionellerweise als Repräsentant von Gott selbst interpretiert. Die Boten versprachen Abraham die Geburt seines Sohnes Isaak. Die Offenheit gegenüber uns bekannten, aber auch unbekannten Menschen wird auf eine quasi übernatürliche, spirituelle Stufe gehoben. Fremde gastfreundlich aufzunehmen, ist nicht nur ethisch gefordert, sondern ermöglicht unter Umständen eine besondere Gotteserfahrung. Das Neue Testament vertieft diesen Zusammenhang und spitzt ihn zu. Ausgangspunkt ist die fürsorgliche Nächstenliebe gegenüber dem Fremden in Not, unabhängig von ethnischen oder religiösen Bindungen. Viele denken zunächst an das Gleichnis des barmherzigen Samariters (Lukasevangelium 10,25–37). Der fremde Andersgläubige hilft selbstlos einem Menschen in aussichtsloser Lage und dient dabei als Kontrast zu religiösen Zeitgenossen, die den Notleidenden im Stich lassen.

Andere erinnern sich vielleicht an den pointierten Text im Matthäusevangelium (25,31–46). Auch hier zieht Jesus die Fürsorge für die in Not Geratenen zum Vergleich heran. Gastfreundschaft und Fürsorge werden zu einer religiösen Verpflichtung, denn im Umgang mit dem Fremden entscheidet sich zugleich die Treue zu Gott. Die Behandlung von Hungrigen, Durstigen und Fremden wird zum Kriterium des Heils. Im Fremden ist Christus selbst gegenwärtig: «Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen» (Vers 35). Wer sich seinen Mitmenschen wissentlich oder unwissentlich barmherzig zuwendet, wird in die ewige Gemeinschaft mit Gott eingeladen. Wer Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken gibt, Bedürftige mit Kleidern versieht, Fremde wohlwollend aufnimmt, Kranke und Gefangene besucht, bestätigt seinen aufrichtigen Glauben an Gott.

Gastfreundschaft und Nächstenhilfe gegenüber anderen sind somit als Barmherzigkeit gegenüber Gott selbst zu verstehen (Vers 40). Der barmherzige Umgang mit dem Nächsten gilt schliesslich als Folge der Barmherzigkeit Gottes.

Von Integration zu Inklusion und Teilhabe

Die biblischen Texte stammen aus Kulturen, in denen Gastfreundschaft, menschliche Begegnung und zwischenmenschliche Beziehungen bis heute einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzen. Auch in westlichen Gesellschaften gilt der achtsame Umgang mit dem Nächsten und dem Fremden als zentraler Wert – insbesondere die karitative Unterstützung von Menschen in Not. Dass Gastfreundschaft und Nächstenliebe jedoch durch Vorurteile, Misstrauen oder die Angst vor Missbrauch eingeschränkt werden können, ist kein Geheimnis. Dass Kontakte, Begegnungen oder sogar Freundschaften zu Personen aus uns fremden (Sub-)Kulturen vorhandene Vorbehalte und Vorurteile abbauen können, ist aus der aktuellen Forschung ebenfalls bekannt. In der öffentlichen Diskussion wird das Thema Migration traditionell vor allem mit Integration verknüpft. Menschen aus anderen Kulturen sollen die Sprache des Aufnahmelandes lernen und sich umfassend anpassen. Inzwischen ist jedoch weithin anerkannt, dass echte Teilhabe «beide Seiten» erfordert: Auch die Mehrheitsgesellschaft muss sich öffnen, um Minderheiten Raum zu geben. Der Inklusionsbegriff betont diesen wechselseitigen Prozess und verweist im Sinne der Menschenrechte darauf, dass sich auch die Gesellschaft selbst zugänglich und veränderungsbereit zeigen sollte. Eine blosse Optimierung bestehender Angebote reicht dafür nicht aus – gefordert ist ein grundlegender Systemwechsel. Dass solche Veränderungen gesellschaftliche Spannungen nicht automatisch verringern, ist bekannt; ebenso, dass sie langfristig die Chancen für nachhaltige Teilhabe erhöhen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass der Inklusionsgedanke zunehmend auch auf Fragen von Asyl und Migration angewendet wird. Diese Perspektive auf Inklusion und Teilhabe macht deutlich, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht allein durch strukturelle Reformen entsteht, sondern wesentlich von der inneren Haltung der Beteiligten getragen wird. Inklusion beginnt dort, wo Menschen bereit sind, ihre Wahrnehmung des anderen zu hinterfragen und die eigene Position im Gefüge von Nähe und Fremdheit reflektiert zu betrachten. Genau an dieser Schnittstelle setzt die interkulturelle Sensibilität an.

Interkulturelle Sensibilität nutzen

Die zeitgenössische kulturwissenschaftliche Forschung (u. a. Kumar Yogeeswaran; Hall) weist darauf hin, dass Menschen nicht einer einzigen Kultur angehören, sondern sich zugleich in mehreren kulturellen Bezugsrahmen verorten. Eine Person kann sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig fühlen, Mitglied eines Sportvereins mit eigenen Normen und Werten und Teil einer Familie mit einer ausgeprägten kulturellen Identität sein. Gleichzeitig teilen Menschen umfassendere kulturelle Zugehörigkeiten wie nationale und sprachliche Kontexte. Diese sogenannte kulturelle Pluralität bildet eine zentrale Grundlage für das Verständnis von kultureller Selbstüberschätzung und der Gefahr vereinfachender Zuschreibungen. Nicht selten begegnen wir Menschen, die wir aufgrund eines einzelnen kulturellen Merkmals – etwa der ethnischen Herkunft – zunächst als «sehr anders» wahrnehmen, um später festzustellen, dass wir im selben Dorf leben, an denselben Feste dabei sind und dieselben Filme sehen. Was auf den ersten Blick fremd erscheint, erweist sich im Alltag oft als überraschend vertraut. «Fremd» mag mir ein Gegenüber aufgrund äusserlicher Merkmale erscheinen, Vertrautes finde ich jedoch in seinen Werten und Prinzipien. Erfahrungen zeigen zudem, dass die eigene Toleranz gegenüber Unterschieden wächst, wenn Menschen interkulturelle Begegnungen selbst initiieren oder diese unter Bedingungen stattfinden, die sie als sinnvoll und bereichernd erleben. Daraus wird deutlich: Kulturelle Sensibilität ist keine feste Eigenschaft, sondern ein situationsabhängiger Prozess. Die Entwicklung interkultureller Kompetenz setzt daher die bewusste Wahrnehmung jener Momente voraus, in denen die eigene Offenheit schwindet, ebenso wie die reflektierte Auseinandersetzung mit den Gründen dafür. In diesem Zusammenhang bietet das von Milton J. Bennett entwickelte Developmental Model of Intercultural Sensitivity (DMIS) einen tragfähigen theoretischen Bezugsrahmen, um zu verstehen, wie Menschen kulturelle Unterschiede wahrnehmen, deuten und mit ihnen umgehen. Das Modell beschreibt interkulturelle Kompetenz als einen Entwicklungsprozess, in dem sich Weltbilder schrittweise von ethnozentrischen hin zu zunehmend ethno-relativen Perspektiven entfalten. Durch die Verortung von Individuen und Gruppen entlang dieses Entwicklungsverlaufs ermöglicht das DMIS die Gestaltung gezielter, entwicklungsgerechter Lern- und Interventionsprozesse. In Bildung, Beratung und Organisationsentwicklung kann das Modell dazu beitragen, die Entfaltung differenzierter, anpassungsfähiger und inklusiver Formen interkultureller Begegnung systematisch zu fördern.

Wichtige Merkpunkte

Was lässt sich aus der christlichen Tradition und den geschichtlich gewachsenen interdisziplinären Errungenschaften für unseren persönlichen gesellschaftlichen Umgang mit Fremden lernen? Wir beschliessen den kurzen Streifzug mit wenigen Merkpunkten.

  1. Ein gastfreundschaftlicher und hilfsbereiter Umgang mit dem Fremden ist tief in der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt. Nächstenliebe ist damit eine Sache des Herzens, die sich allerdings in einer entsprechenden Handlungsweise äussert.
  2. Eine offene und verantwortungsvolle Haltung gegenüber Menschen aus fremden Kulturen ist Ausdruck einer lebendigen Spiritualität und barmherzigen religiösen Praxis – auch einer gemeinschaftlich gelebten. Die Kirche steht als Advokat der besonders Verletzlichen grundsätzlich auch auf der Seite der Fremden, besonders denen in existenzieller Not und ohne ausreichenden gesellschaftlichen Schutz.
  3. Bereits mit dem Verweis auf die biblischen Texte und christliche Tradition ist zu betonen, dass der Umgang mit Fremden strukturiert und verantwortungsvoll gestaltet werden muss. Alle Menschen sind in gewisser Weise Fremde. Versöhnung, Respekt sowie gerechte Bedingungen für das Leben in der Fremde sind eine universale gesellschaftliche Aufgabe.
  4. «Fremd» ist neu zu denken: Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Kultur macht einen Menschen fremd, sondern die Abwesenheit von Neugier, Respekt und der Bereitschaft zur Begegnung. Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen auf der Grundlage geteilter Lebenswirklichkeiten, gemeinsamer Praxis und einer offenen Haltung Verbindung aufbauen – nicht dort, wo sie in vereinfachenden kulturellen Zuschreibungen verharren. Unterschiede werden nicht zur Abgrenzung genutzt, sondern als Einladung verstanden, Gemeinsamkeit in wertschätzender Neugier zu suchen.
  5. Eine wertschätzende Gemeinschaft gründet auf der Anerkennung, dass Kulturen nicht statisch sind, sondern sich fortwährend wandeln und stets in Beziehung zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen entstehen und weiterentwickeln. Wer Verantwortung für das Miteinander übernehmen will, muss diese Dynamiken mitdenken und sich der eigenen Positionierung bewusst sein. Erst so wird kulturelle Vielfalt nicht zur Quelle neuer Ungleichheit, sondern zu einer Ressource für Gerechtigkeit, Teilhabe und gemeinsames Wachstum.

Dieser Artikel erschien zuerst auf institut inklusiv.

Mark Moser

Autor: Mark Moser

Mark Moser (*1973) ist Dozent für Kommunikation, Interkulturelle Kompetenzen und Konflikttransformation an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er lehrt zudem als externer Dozent an verschiedenen weiteren Hochschulen zu den Themen Gesundheit und Kultur, spirituelles Wohlbefinden in kulturell vielfältigen Kontexten sowie weiteren verwandten Bereichen.

Oliver Merz

Autor: Oliver Merz

Oliver Merz (*1971) ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie. Er ist Gründer und Leiter des „Institut Inklusiv“. Zudem wirkt er als Gastdozent, Referent, Berater, Supervisor, Gutachter und Autor. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Vielfalt und Verschiedenheit, Inklusion und Teilhabe in Kirche und Gesellschaft sowie Religion, Spiritualität und Gesundheit beziehungsweise Krankheit und Behinderung.

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Während in den Social Media Polarisierung und Meinungsblasen gepflegt werden, scheuen sich die Kirchen aus Angst vor Spaltungen kontrovers diskutierte Themen anzusprechen. In diesem Artikel skizziert das langjährige ChristNet-Mitglied Jean-David Knüsel Ansätze für Christinnen und Christen, wie sie die Freude am Meinungsaustausch mit ihren Brüdern und Schwestern wiederfinden können.

Wir durchleben aktuell nicht nur politische Krisen, sondern auch eine Krise des Austauschs von Meinungen. Diese äussert sich einerseits in Meinungsblasen, also der Tatsache, dass wir hauptsächlich im Internet mit Inhalten oder Menschen in Kontakt kommen, die unsere Meinung teilen. Dadurch lernen wir viel weniger Standpunkte oder Erfahrungen kennen, die uns verunsichern und mit denen wir unsere Positionierung weiterentwickeln könnten. Auf der anderen Seite, was nur scheinbar widersprüchlich ist, nehmen wir eine Polarisierung mit scharfen, ausgrenzenden Standpunkten wahr, die Menschen nach ihren Meinungen in Gut und Böse unterteilt: woke bzw. antiwoke, vegan, impfkritisch, verschwörungstheoretisch, faschistisch … Dadurch erleben wir hauptsächlich einen unproduktiven oder sogar gewalttätigen Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Blasen, vor allem online, aber manchmal auch im direkten Gespräch. Wir verlieren also zunehmend die Lust und das Vertrauen in den Meinungsaustausch mit anderen Menschen, der doch eigentlich zu den schönsten Erfahrungen gehört, die wir in fruchtbare Beziehungen in unserem Leben bzw. in einer gesunden Demokratie erleben können.

Anlässlich der Tagung der «Plateforme du Christianisme Solidaire» 2024 in Chavannes-près-Renens (VD) hat sich eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel gebildet, den direkten menschlichen Meinungsaustausch zu fördern. Sie erstellte einen Flyer, der das Thema behandelt und einige Anregungen und Hilfsmittel vermittelt, um den Dialog wiederzubeleben, wo er bedroht ist. Er ist hier in französischer Sprache verfügbar.

Anstösse durch eine Fernsehsendung

Inspiriert wurde die Arbeitsgruppe der «Plateforme du Christianisme Solidaire» durch den mutigen und recht erfolgreichen Ansatz der Reality-TV-Serie „Week-end» bei RTS, dem Schweizer Fernsehsender in der Romandie. Zu dieser Sendung gehören die Gefässe «Weekend à la ferme» über Veganismus, «Guerre des sexes au chalet» über Feminismus und «Weekend entre ennemis» über Wokismus. Jedes Mal leben vier Personen aus unterschiedlichen Lagern und mit verschiedenen Profilen während eines Wochenendes zusammen, teilen Mahlzeiten und Aktivitäten und sind miteinander im Dialog. Dabei entdecken die Beteiligten und Zuschauenden nicht nur Argumente zu einem Thema, sondern vor allem ihre Gegenüber mit ihren Geschichten. Manchmal entwickelt sich während dieses Zusammenseins tiefer Respekt oder es entstehen unerwartete Verbindungen zwischen Kontrahentinnen und Kontrahenten.

Angst vor Spaltungen

Diese Bedrohung des Meinungsaustauschs in unserer Gesellschaft wirft auch die Frage auf, inwiefern innerhalb der Kirche Dialog zwischen unterschiedlich ausgerichteten Menschen stattfinden kann. Die meisten Kirchen vermeiden es, sensible Themen direkt anzusprechen, weil sie Spaltungen befürchten. Diese Angst ist zweifellos berechtigt. Aber ist es eine Lösung, nicht über solche Themen zu sprechen? Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass wichtige Themen, die die Gläubigen beschäftigen, nicht dem Licht des Evangeliums ausgesetzt werden? Führt uns diese Dialogvermeidung nicht zu einem abstrakten Glauben, indem wir uns auf Inhalte konzentrieren, deren Bedeutung von den wichtigsten aktuellen Themen losgelöst ist? Fördern wir dadurch nicht die Anfälligkeit der Gläubigen für Ideologien verschiedenster Herkunft?

Kirchen sind berufen, Einheit in der Vielfalt zu leben

Dabei haben die Kirchen ein echtes Potenzial, in einer Gesellschaft, die dies heute dringend braucht, einen fruchtbaren Meinungsaustausch zu fördern. Denn die Kirche ist dazu berufen, verschiedene Generationen, soziale Schichten und Kulturen um die Person von Jesus Christus herum zu versammeln. Jesus hat denen, die ihm nachfolgen, so schöne und solide Grundlagen gegeben, um Einheit in der Vielfalt zu leben. Indem er schon in der ersten Jüngergemeinschaft unterschiedliche Sensibilitäten zusammenbrachte, ruft Jesus seine Kirche dazu auf, eine Einheit zu erleben und zu bezeugen, die man als übernatürlich bezeichnen kann. Dazu lehrt er Demut, indem er verlangt, täglich um Vergebung zu bitten und Vergebung zu gewähren. Er stellt die Liebe, die sich frei in den Dienst des anderen stellt, über alle anderen Werte. Und vor allem verschenkt er sich selbst durch seinen Geist, um in inniger Gemeinschaft mit jedem bzw. jeder Gläubigen zu leben. So können wir in unseren Beziehungen – über Kulturen und Generationen hinweg – denselben Christus erfahren, der in den anderen wohnt und uns verbindet. Wir entdecken, dass wir Brüder und Schwestern sind, eins, indem wir denselben Christus auf unterschiedliche und doch ähnliche Weise kennenlernen und leben. Sollte uns angesichts all dessen eine andere Sichtweise auf den Wokismus Angst machen? Wagen wir es, uns in Demut mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben über sensible und wichtige Themen auszutauschen und versuchen wir so, in der Einheit in Christus an Relevanz zu gewinnen!

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In einem ersten Teil zum gleichen Thema, den wir am 18. Dezember 2025 veröffentlicht haben, befasste sich unser Autor auf soziologischer Ebene mit der Frage, warum Christinnen und Christen immer wieder autokratische Figuren unterstützen. Nun vertieft er das Thema theologisch.

Von aussen wirkt das Phänomen befremdlich: Ausgerechnet in religiösen Milieus, die sich auf Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Lehre Jesu berufen, finden autoritäre Politiker oftmals die treuesten Unterstützer. Besonders deutlich zeigt sich dies in den USA, wo ein grosser Teil der evangelikalen Bewegung Donald Trump als „Werkzeug Gottes“ betrachtet.
Die Frage ist nicht nur politisch, sondern zutiefst theologisch: Warum sind gläubige Menschen anfällig dafür, autoritären Führungsfiguren zu vertrauen? Und wie lässt sich diese Tendenz aus christlicher Perspektive kritisch beleuchten?

  1. Autoritäre Attraktivität: Wann Macht religiös vertraut wirkt
    Theologen und Religionssoziologen weisen seit Jahren darauf hin, dass bestimmte Gottesbilder politisches Verhalten prägen. Insbesondere im alttestamentlichen Kontext begegnet Gott als universaler Herrscher, als König, der kämpft, richtet und absolute Loyalität einfordert (vgl. Ps 2). Dieses Herrschaftsverständnis vermittelt Sicherheit und Identität – und es ist tief verankert in der christlichen Frömmigkeitstradition.
    Für viele Gläubige entsteht dadurch eine intuitive Vertrautheit mit absoluter Macht. Wer an einen souveränen Herrscher glaubt, für den wirkt auch ein starker politischer Anführer zunächst nicht befremdlich, sondern strukturell vertraut. Wenn dieser zudem religiöse Rhetorik bemüht, erscheint er nicht selten als irdischer Vertreter göttlicher Ordnung. Die Brücke zwischen religiösem und politischem Autoritarismus ist damit zwar nicht zwangsläufig, aber erklärbar.
  2. Gesetzesfrömmigkeit und die politische Übersetzung von „Law and Order“
    Zentral für das alttestamentliche Welt- und Gottesverständnis ist die Tora – ein komplexes System aus Geboten, Vorschriften und moralischen Normen. Das religiöse Leben Israels war geprägt von klaren Grenzziehungen, moralischen Forderungen und einer starken normativen Struktur. Psalm 119 feiert diese göttliche Ordnung in vielen Versen. Diese moralisch-normative Prägung findet sich bis heute in vielen christlich-konservativen Milieus. Dort wird politisches Handeln unter dem Gesichtspunkt der Bewahrung moralischer Ordnung bewertet.
    Wenn ein Politiker klare Regeln, harte Durchsetzung und moralische Disziplin ankündigt, spricht er ein religiös vertrautes Bedürfnis an. Komplexität und Ambiguität – die Grundbedingungen pluralistischer Gesellschaft – wirken dagegen bedrohlich oder zumindest irritierend. Daraus entsteht eine Affinität zu Politikern, die Schwarz-Weiss-Logiken nutzen: Sie erscheinen moralisch konsistent, während differenzierte Politik oft als schwach oder unklar wahrgenommen wird.
  3. Angst als theologischer Katalysator
    Politische Autoritarismusforschung zeigt: Je stärker die Unsicherheit, desto grösser der Wunsch nach Ordnung. Christen sind hier keine Ausnahme – im Gegenteil: Religiöse Milieus reagieren besonders sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen, die moralische Orientierung, familiäre Strukturen oder kulturelle Identität in Frage zu stellen scheinen. Migration, Globalisierung, moralischer Wandel oder technologische Beschleunigung können als Bedrohung erlebt werden. Ausgerechnet in solchen Momenten wird der „starke Mann“ attraktiv. Er verspricht nicht Dialog, sondern Entscheidung. Nicht Prozesse, sondern Ergebnis. Nicht Komplexität, sondern Klarheit.
    Das erinnert stark an religiöse Erfahrungen von Orientierung und Führung – allerdings ohne deren geistliche Tiefe. Dabei ist die Parallele trügerisch: Während Gottes Orientierung durch Liebe und Vergebung charakterisiert ist, gründet sich autoritäre Politik meist auf Angst und Abgrenzung.
    Religiöse Kulturen, die durch starke Gesetzesorientierung, absolute Wahrheitsansprüche und ein hierarchisches Gottesbild geprägt sind, neigen weltweit zur Akzeptanz autoritärer Strukturen. Darum ist das Phänomen der Diktatorenfalle auch in anderen Religionen und Kulturen wahrzunehmen, wie dem Islam oder dem Hinduismus.
    Gerade der Nationalsozialismus in Deutschland hat gezeigt, wie gefährlich dieses Muster werden kann. Christen hatten in der Weimarer Republik nicht nur Angst vor ökonomischer und politischer Instabilität, sondern auch vor moralischem Verfall und gesellschaftlichem Chaos. Hitlers autoritäres Auftreten, sein Versprechen von Ordnung und nationaler Wiederherstellung fand bei vielen Christinnen und Christen Zuspruch. Die „Bekennende Kirche“ war eine Minderheit. Die Mehrheit bekannte sich – aktiv oder schweigend – zu einem Regime, das aus christlicher Perspektive unmissverständlich dem Geist Christi widersprach.
  4. Die christologische Korrektur: Warum Jesus das Gegenmodell zum autoritären Führer ist
    Der entscheidende geistliche Punkt lautet: Christliche politische Ethik kann nicht vom alttestamentlichen Herrschaftskonzept abgeleitet werden. Sie muss von Christus her begründet sein. Und das bedeutet: Jesus ist die Mitte politischer Urteilsbildung.Das Neue Testament präsentiert einen Messias,
    · der Macht ablegt, statt sie zu instrumentalisieren,
    · der Gewalt verweigert, statt sie religiös zu legitimieren,
    · der Randgruppen sucht, statt sie auszuschliessen,
    · der Feinde liebt, statt sie zu vernichten,
    · der Dialog sucht, statt Fronten zu verhärten,
    · der auf Opfer verzichtet, statt Opfer zu verlangen.Die Tempelreinigung – oft als Rechtfertigung für „heiligen Zorn“ missbraucht – ist theologisch gesehen Ausnahme, nicht Prinzip. Die Macht Jesu ist nicht autoritär, sondern sanftmütig, nicht dominierend, sondern dienend. Damit stellt Jesus ein radikales Gegenmodell zu autoritären Figuren dar.
  5. Konsequenzen für die politische Urteilsbildung von Christinnen und Christen

Christen sind eingeladen, politische Entscheidungen nicht aus Angst, Nostalgie oder moralischem Alarmismus zu treffen, sondern aus geistlicher Reife heraus. Das bedeutet:

  • Kritische Selbstprüfung
    Welche meiner politischen Präferenzen werden durch Angst gesteuert?
Welche durch das Bedürfnis nach Kontrolle?
Welche durch mein Gottesbild?
  • Christus als hermeneutischer Schlüssel
    Passt der Führungs-und Lebensstil eines Politikers zu dem Stil Jesu?
Behandelt er Schwache mit Würde?
Fördert er Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit?
  • Sensibilität für Machtmissbrauch
    Christlicher Glaube ist grundsätzlich kritisch gegenüber menschlicher Macht.
Wer Macht sammelt, muss deshalb besonders sorgfältig beurteilt werden.
  • Förderung demokratischer Tugenden
    Dialog, Pluralismus und Kompromiss sind keine Schwäche, sondern Spiegel der menschlichen Würde. Sie entsprechen der Art Jesu, der Menschen ernst nimmt – selbst seine Gegner.
    Christen geraten nicht deshalb in die Diktatorenfalle, weil sie böse oder unreflektiert wären. Sie geraten hinein, weil bestimmte religiöse Muster politisch missbraucht werden können: das Bedürfnis nach Ordnung, die Sehnsucht nach Orientierung und die Angst vor dem Unbekannten. Der Weg aus dieser Falle führt nicht über Ideologie – sondern über Theologie. Über Jesus Christus. Über seine Art zu herrschen. Über seine Art, Mensch zu sein. Wer ihm folgt, wird nicht unkritisch Macht verehren. Wer ihn betrachtet, wird nicht Angst, sondern Liebe zum Massstab machen. Und wer ihn ernst nimmt, wird jede Form von autoritärer Verführung durchschauen.

Podcast

Dieser Artikel fusst auf einer Podcast-Folge aus dem Jahr 2020.
Ganze Folge anhören auf movecast.de.

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Am 30. November 2025 stimmt die Schweiz über die Service-Citoyen-Initiative ab. Dabei geht es um eine Ausweitung des Militär- und Zivildienstes auf alle Schweizer Bürgerinnen und Bürger. ChristNet befürwortet diesen allgemeinen Bürgerdienst, weil er die Sicht für das Gemeinwohl stärkt.

Der Service Citoyen sorgt für Diskussionen. Kritiker warnen vor Zwang und Bürokratie, Befürworter sehen darin eine Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch jenseits der politischen Debatte geht es um eine tiefere Frage: Wie kann eine moderne Gesellschaft Verantwortung gerechter verteilen – und was würde das mit uns allen machen?

Ein neues Verständnis von Verantwortung

Die Schweiz lebt vom Engagement ihrer Menschen. Unzählige Aufgaben werden von Freiwilligen, von Angehörigen, von Kirchen, Vereinen und sozialen Organisationen getragen. Doch dieses Engagement ruht auf den Schultern weniger. Viele profitieren von einer Infrastruktur des Miteinanders, ohne selbst daran beteiligt zu sein. Der Service Citoyen würde diese Verantwortung gerechter verteilen und sichtbar machen, dass das Gemeinwohl keine Selbstverständlichkeit ist.

Kritikerinnen und Kritiker befürchten Zwang, Ineffizienz oder den Verlust echter Freiwilligkeit. Diese Bedenken verdienen Gehör. Doch sie greifen zu kurz. Ein gemeinsamer Dienst wäre kein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, sondern ein Bekenntnis zu ihrem Potenzial. Er würde junge Menschen nicht bevormunden, sondern ihnen zutrauen, dass sie Verantwortung übernehmen können. Freiheit wird nicht kleiner, wenn sie Verantwortung einschliesst – sie gewinnt an Tiefe.

Begegnung gegen Polarisierung

Ein solcher Dienst könnte gesellschaftlich heilsam wirken. Die jüngste Polarisierungsstudie von Pro Futuris zeigt, wie stark sich Lebenswelten in der Schweiz auseinanderentwickeln. Menschen begegnen sich seltener ausserhalb ihrer sozialen oder politischen Blase. Der Service Citoyen würde diesen Trend umkehren. Wenn junge Erwachsene aus unterschiedlichen Regionen und Hintergründen gemeinsam arbeiten, entstehen Erfahrungen, die verbinden. Gemeinsames Tun schafft Nähe, wo Distanz gewachsen ist, und Verständnis, wo Vorurteile herrschen. Das ist keine Romantik, sondern Sozialpsychologie: Vertrauen entsteht dort, wo Menschen sich gegenseitig kennenlernen, nicht in Kommentaren und Schlagzeilen.

Verantwortung als gelebter Glaube

Auch aus christlicher Sicht ist der Gedanke vertraut. Der Glaube spricht vom Menschen als Beziehungswesen – geschaffen, um füreinander einzustehen. „Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2) beschreibt keine moralische Überforderung, sondern ein realistisches Verständnis von Gemeinschaft. Niemand kann oder soll alles allein tragen. Solidarität ist keine Schwäche, sondern Ausdruck gelebter Nächstenliebe. Der Service Citoyen könnte helfen, diese Haltung wieder stärker in die gesellschaftliche Kultur einzuschreiben.

Jesus hat immer wieder Nähe hergestellt – zu Armen, Ausgestossenen, Fremden. Seine Nächstenliebe war konkret. Sie überwand Grenzen, statt sie zu befestigen. Eine moderne Demokratie kann von dieser Haltung lernen. Wenn junge Menschen in einem gemeinsamen Dienst erfahren, was gegenseitige Hilfe bedeutet, entsteht Vertrauen – und Vertrauen heilt Gräben, die politische Debatten nicht schliessen können.

Erfahrungen, die prägen

Ein Bürgerdienst dieser Art hätte auch eine generationenverbindende Wirkung. Junge Menschen würden mit Älteren zusammenarbeiten, die auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Umgekehrt würden Ältere erleben, dass die nächste Generation bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Diese gegenseitige Erfahrung von Verlässlichkeit kann Gräben zwischen Jung und Alt überbrücken. Sie schafft Respekt in beide Richtungen – eine Haltung, die in der politischen und gesellschaftlichen Debatte zunehmend verloren geht.

Viele junge Menschen suchen heute Sinn, Zugehörigkeit und Orientierung. Ein Dienst an der Gemeinschaft kann solche Erfahrungen ermöglichen. Er konfrontiert mit anderen Lebensrealitäten, mit Grenzen, aber auch mit der Kraft, gemeinsam etwas zu bewegen. Menschen, die erfahren, dass ihr Einsatz zählt, nehmen ihr Land, ihre Mitmenschen und sich selbst anders wahr. Das kann langfristig eine neue Generation von Bürgerinnen und Bürgern prägen, die Gesellschaft als etwas versteht, das man nicht konsumiert, sondern gestaltet.

Realistische Erwartungen, langfristige Wirkung

Natürlich birgt der Service Citoyen Herausforderungen. Die Organisation wäre komplex, die Finanzierung anspruchsvoll. Es braucht faire Bedingungen, sinnvolle Aufgaben und gute Begleitung. Doch wer nur auf die Schwierigkeiten schaut, übersieht den eigentlichen Gewinn. Eine Gesellschaft, in der Menschen einander begegnen, einander dienen und Verantwortung teilen, ist weniger verletzlich. Sie hält Spannungen besser aus, weil sie weiss, was sie zusammenhält.

Im Kern geht es beim Service Citoyen um eine einfache, aber tiefgreifende Erkenntnis: Gemeinschaft entsteht nicht durch Worte, sondern durch Handeln. Christlich verstanden ist das kein politischer Luxus, sondern Ausdruck von Glauben im Alltag. Verantwortung zu übernehmen bedeutet, dem eigenen Glauben Gestalt zu geben – in Pflegeheimen, auf Baustellen, in Schulen, in Wäldern. Es bedeutet, den Wert des anderen nicht theoretisch zu bejahen, sondern ihn praktisch sichtbar zu machen.

Ein solcher Dienst könnte langfristig auch die demokratische Kultur verändern. Wo Menschen gelernt haben, Verantwortung zu teilen, wächst die Bereitschaft, zuzuhören, zu verhandeln und Kompromisse zu finden. Das schützt vor Zynismus und Resignation – Haltungen, die Demokratien von innen aushöhlen. Wer erlebt, dass die Gesellschaft trägt, verliert das Vertrauen in sie weniger schnell.

Vertrauen als Zukunftswert

Der Service Citoyen wäre damit kein moralisches Projekt, sondern eine konkrete Form gelebter Solidarität. Er würde Menschen zusammenbringen, die sonst kaum miteinander zu tun haben, und ihnen zeigen, dass sie aufeinander angewiesen sind. In einer Zeit, in der Misstrauen wächst und viele sich zurückziehen, könnte genau das den Unterschied machen. Verantwortung zu teilen heisst, Hoffnung zu teilen – und vielleicht beginnt gesellschaftliche Heilung genau dort.

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«Schwerter zu Pflugscharen» lautet das Thema der diesjährigen StopArmut-Konferenz am 1. November in Winterthur. Eine der Fragen, die sich zu diesem Thema stellt: Welche Verbindung gibt es zwischen Armut, Gerechtigkeit und bewaffneten Konflikten? Der Prophet Micha gibt dazu in der Bibel eine interessante Antwort.

Als wir bei StopArmut das Thema «Schwerter zu Pflugscharen» zum Jahresthema wählten, erhielten wir einige überraschte Reaktionen: Warum plötzlich von Frieden sprechen? Was hat das mit Armut zu tun? Warum entfernen wir uns so weit von unserem zentralen Thema? Aber die Frage bewaffneter Konflikte ist seit Jahrtausenden eng mit Fragen zu Armut und Gerechtigkeit verbunden. Bereits vor mehr als 2500 Jahren wiesen die biblischen Propheten auf diesen Zusammenhang hin:

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Die StopArmut-Konferenz «Schwerter zu Pflugscharen» am 1. November 2025

Zur Anmeldung

1 «Aber in den letzten Tagen wird der Tempelberg alle anderen Berge an Größe und Höhe überragen. Es werden dann Menschen aus allen Nationen zu ihm herbeiströmen. 2 Viele Völker werden sich auf den Weg machen und einander zurufen: ‘Kommt, wir wollen auf den Berg des HERRN steigen, zum Tempel des Gottes Israels. Dort wird er uns seine Wege lehren, damit wir so leben, wie er es möchte.’ Denn der HERR wird von Zion seine Weisungen ausgehen lassen und von Jerusalem sein Wort. 3 Dann wird er der Richter über viele Völker sein und wird mächtigen Nationen Recht sprechen, auch wenn sie noch so weit entfernt sind. Dann werden sie ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden und ihre Speere in Winzermesser. Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt. 4 Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss. So hat es der HERR, der Allmächtige, gesagt!»

Dieser kurze Abschnitt kommt sowohl im Buch Jesaja (2, 2-4) als auch im Buch Micha (4,1-5) vor. Die beiden Propheten waren fast Zeitgenossen und prophezeiten zur gleichen Zeit: während der assyrischen Invasionen (ca. 740 bis 690 v. Chr.). Sie hatten jedoch ein unterschiedliches Publikum. Während Jesaja ein Stadtbewohner war und seine Botschaft eher an den König und den Hof richtete, stammte Micha aus dem ländlichen Gebiet und sprach zu den Bürgern und dem Volk.1

Micha zeichnet das hoffnungsvolle Bild einer strahlenden Zukunft, in der alle Völker zum Berg des Herrn kommen, damit er sie lehre, was er von ihnen erwartet. Und wenn die Völker schliesslich nach Gottes Geboten leben, zeigen sich zwei Zeichen: Die Völker (auch die mächtigen) verwandeln ihre Kriegswaffen in landwirtschaftliche Arbeitsgeräte, und alle kultivieren in Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume.

Die zwei Nachweise von Frieden

Diese beiden Zeichen, des Weinbergs und des Feigenbaums, stehen für eine Vision des politischen, weltweiten Friedens: «Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.» Und für eine Vision des ganz persönlichen, alltäglichen Friedens: «Jeder wird ungestört in seinem Weinberg und unter seinem Feigenbaum sitzen, denn es wird nichts mehr geben, wovor er Angst haben muss.» In Frieden ihre Weinberge und Feigenbäume zu bebauen, das ist die grundlegendste Hoffnung Israels. Sie findet sich an mehreren Orten in der Bibel (1. Kön. 5,5; 2. Kön. 18,31; Sach. 3,10)

«Kein Volk wird mehr ein anderes Volk angreifen, und keiner wird mehr lernen, wie man Krieg führt.»

Dieser Text besagt, dass politischer Frieden und persönlicher Frieden voneinander abhängig sind. Es kann kein persönliches Wohlergehen geben, ohne eine Beendung der Militarisierung. Das Streben nach Sicherheit durch Krieg, die Suche nach (Energie-)ressourcen für Waffen – all dies kann nicht bestehen, wenn persönliche Träume von Frieden wahr werden sollen. Denn der Krieg ist gierig nach Ressourcen, Geld und Nahrung und kann nur weiterleben, indem er das persönliche Hab und Gut, das er zu schützen vorgibt, konfisziert. Umgekehrt brauchen Waffen Ungleichheit für ihre Legitimation: Sie dienen also in erster Linie dazu, eine ungerechte Ordnung aufrechtzuerhalten, diese Ordnung wieder zu kippen oder sich einfach das zu nehmen, was anderen gehört. Damit Waffen aufgeben werden können, muss eine gerechte Grundordnung bestehen. Das bedeutet auch, masslose Habgier aufzugeben.

Konsum hinterfragen

Abrüstung ist nicht der einzige Prozess, den es für Frieden braucht. Es ist auch notwendig, dass wir die Erwartungen an unsere ökonomische Situation runterschrauben. Der Text beschreibt eine einfache Lebensweise, in der jeder und jede das hat, was sie brauchen (aber nicht mehr), und die landwirtschaftliche Produktion seines Nachbarn und seiner Nachbarin respektiert. Das bedeutet, dass wir bereit sind, uns mit unseren Trauben und Feigen zufrieden zu geben, ohne zu versuchen, die Trauben und Feigen zu bekommen, die andere produziert haben. Der Prophet weiss, dass die Weinberge und Feigenbäume jedes und jeder Einzelnen nur dann in Sicherheit sind, wenn die Mächtigen sich mit den Trauben und Feigen begnügen, die sie selbst produziert haben. Die radikale Vision von Micha versteht, dass die Aufgabe unserer Militärsysteme zwangsläufig auch eine Neuausrichtung unseres Konsums sowie unserer Werte bezüglich Konsum erfordert.

Deshalb pendelt unser Plädoyer zwischen diesen drei Themen hin und her: unseren Konsum überdenken (sich mit dem eigenen Weinstock begnügen), die internationale Zusammenarbeit unterstützen (anderen das Anbauen ermöglichen) und dem falschen Versprechen der bewaffneten Sicherheit widerstehen (Schwerter zu Pflugscharen umschmieden).

Viele von uns träumen davon, in Frieden unter unseren Weinreben und Feigenbäumen zu leben. Und in unserer Gesellschaft gibt es viele, die versuchen, genau diesen Traum vom ruhigen Leben im Schatten der Feigenbäume mit dem Schutz durch ein kriegerisches System zu verbinden. Micha zeigt jedoch den tiefen und unüberwindbaren Widerspruch zwischen Schwertern und Speeren auf der einen Seite sowie Weinreben und Feigenbäumen auf der anderen Seite auf.

Ein Versprechen mit Doppelfunktion

Es stimmt, dieses poetische Versprechen Michas beschreibt eine Zukunft, die für uns schwer vorstellbar ist. Diejenigen, die es hören, haben keine Ahnung, wie sie zu der dargestellten Realität gelangen könnten. Genauso muss es übrigens wahrscheinlich den Übermittlern dieser Botschaften, also Micha und Jesaja gegangen sein. Es gibt keinen strategischen Plan dazu, keine konkrete Vorgehensweise. Das Versprechen kommt ohne Vorwarnung. Es kommt als Unterbrechung der Gegenwart. Und das Bild, das dieses Versprechen zeichnet, ist wunderschön. Es berührt die Herzen derer, die es hören, und entspricht den tiefsten Sehnsüchten nach der Gegenwart Gottes, Frieden, Ruhe.

Dieses poetische Versprechen erfüllt eine doppelte Funktion: Zum einen schafft es einen Raum der Freiheit. Es befreit uns von Kalkül, von den Erfahrungen darüber, was funktioniert oder nicht, was möglich ist oder nicht. Diese Befreiung ermöglicht es uns, über die unerklärlichen Zukunft nachzudenken, die Gott erschaffen kann. Eine Zukunft, die weit über das hinausgehen, was Menschen aufbauen können.

Die zweite Funktion des Versprechens besteht darin, die Gegenwart auf den Kopf zu stellen. Das Versprechen, das Bild davon, wie eine Zukunft sein kann, spricht davon, dass sich Dinge auch ändern können. Das aktuelle System ist nicht absolut. Für die Zeitgenossen und Zeitgenossinnen Michas waren die Invasion Assyriens, die Korruption der Richter Israels und die Gier der Mächtigen nicht absolut. Für uns heute sind Regierungen mit Expansions- und Herrschaftsgelüsten, Kriegsdrohungen und wachsende Ungleichheiten ebenfalls nicht absolut. Weder der König von Assyrien noch die korrupten Führer und Führerinnen Jerusalems noch die Präsidenten Russlands, der USA oder Chinas werden das letzte Wort haben, und ihre vereinten Kräfte werden niemals alle Macht kontrollieren können, die in der Welt am Werk ist.2

Möge dieses Versprechen uns Hoffnung für morgen und einen kritischen Blick auf das Heute geben.3

Der Artikel wurde erstmals am 23. Juli 2025 auf Französisch auf www.stoppauvrete.ch veröffentlicht.


1. Hat der „grosse Prophet” Jesaja das Orakel des „kleinen Propheten” Micha übernommen? Hat der kleine Prophet den grossen kopiert? Oder haben beide aus einem älteren Lied geschöpft? Unter Bibelwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen herrscht keine Einigkeit darüber, und ich persönlich bevorzuge die letzte Option, eines gemeinsamen Ursprungs.

2. Die doppelte Funktion des poetischen Versprechens entlehne ich BRUEGGEMANN, WALTER. „Vine and Fig Tree: A Case Study in Imagination and Criticism.” The Catholic Biblical Quarterly 43, Nr. 2 (1981): 188–204..

3. Diese Überlegungen basieren teilweise auf meiner Arbeit zum Buch Micha in Kollaboration mit dem Podcast bibletunes fr. Derzeit nehmen wir in diesem Rahmen eine Reihe wöchentlicher 10-minütiger Podcasts über Micha auf. Der Prophet Micha war es, der das „Micha-Netzwerk” inspiriert hat, dem StopArmut angehört. Die erste Folge des Podcast erschien am 8. September 2025 auf allen geläufigen Podcast-Plattformen.

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Auf der Suche nach Sündenböcken statt Jesus-Nachfolge

Dieser Artikel ist die Fortsetzung von «Rechtsnationalismus unter Christen in der Schweiz?» vom 24. September 2025. Diesmal werden drei im christlichen Raum der Schweiz verbreitete Gedankenkreise dargestellt und kritisch beleuchtet.

Nicht nur Christinnen und Christen in den USA stehen in der Gefahr, rechtsgerichteten Heilsversprechen aufzusitzen. Auch Schweizer Christen pflegen geschichtliche Mythen, die nichts mit biblischer Jesus-Nachfolge zu tun haben. Hier drei solcher Thesen, die unter Schweizer Christinnen und Christen verbreitet sind:

„Die Schweiz ist einzigartig und von Gott privilegiert. Deshalb ist die Volkssouveränität ein Garant für Freiheit und Wohlstand.“

Bis Ende des 20. Jahrhunderts galt die Meinung fast unumschränkt, dass die schweizerische direkte Demokratie die beste Hüterin der Menschenrechte sei, weil die Bürgerinnen und Bürger ihre Rechtsordnung bestimmen. Deshalb sei sie auch der beste Schutz gegen Machtmissbrauch und Korruption, denn einzelne Politikerinnen und Politiker könnten sich das nicht unbemerkt erlauben.

Die direkte Demokratie ist ein Allerheilmittel gegen menschliche Bosheit und das «Volk» wird hochstilisiert zum transzendentalen Garanten für Wahrheit und Recht. Diese Sicht wird auch von Christen vertreten. Denn Gott habe in zwei Weltkriegen unser Land beschützt und seine Bedeutung ergäbe sich aus ihrer Entstehung, ihrer Lage in der Mitte Europas, ihrer Flagge mit dem Kreuz, ihrer politischen Gestalt, ihrer nationalen Werte und Kultur, ihres Wohlstandes und ihrer weltweiten humanitären Wirkung. Deshalb habe die Schweiz eine Bestimmung und einzigartige Berufung.

Für diese völkisch-nationale Berufungsdefinition gibt es keine biblische Begründung. Die neutestamentliche Gemeinde hat jede nationale Identität hinter sich gelassen und versteht sich als «Reich Gottes», in dem alle Grenzziehungen aufgehoben sind (Eph2,11–22).

Dieses fatale Nationenverständnis ist ebenso zu hinterfragen wie die Parole der Aufklärung «Volkes Stimme – Gottes Stimme». Sie hat sich seit ihrer Proklamation 1789 oft als tragische Illusion erwiesen.

Zudem wissen wir doch längst, dass auch der Schweizer Herz kein Heiligtum und deshalb auch manipulierbar ist. Längst wird über die Grenzen der direkten Demokratie diskutiert,

(a) weil uns der gemeinsame Wertekodex abhandenkommt.
(b) weil das Instrument der Referenden und Volksinitiativen missbraucht werden kann.
(c) weil die Meinungsbildung der medialen Verführung und Stimulation fast schutzlos ausgeliefert ist. Wie lassen sich da noch Lüge und Wahrheit unterscheiden?

Christen sind keine Nationalisten und Ideologen, sondern Nachfolger Jesu. Deshalb warnen sie als kritische Bürger und Realisten immer wieder vor einer verblendeten Idealisierung der «Volksherrschaft». Sie gehorchen Gott immer mehr als dem Mehrheitswillen! Die Anbetung Gottes verhindert die Anbetung der von Menschen geschaffenen politischen Strukturen oder Staatsformen!

Nachfolger Jesu Christi werden Absolutheitsansprüche egomanischer Meinungsmacher, erkenntnisleitende Interessen gewisser Leute und lobbyierende Machtbesessene äusserst kritisch beobachten und gerade dann ablehnen, wenn sie ihren Wolfscharakter im Schafspelz verstecken.

„Kräfte von ausserhalb und innerhalb bedrohen die Schweiz und planen den nationalen Zerfall!“

Die Macht von Verschwörungstheorien

Gefahrenszenarien und Verschwörungstheorien tummeln sich nicht nur im säkularen Netz, sondern werden auch in der christlichen Szene kolportiert und weitergeflüstert. Mit ihnen bearbeiten nationalistische Rechtspopulisten den nationalen und sozialen Egoismus. Wer die zentralen, universalen Verschwörungen kennt, steht immer auf der richtigen Seite.

Populär sind augenblicklich:

  • Der Islam setzt Flüchtlingsströme bewusst zur Eroberung Europas ein
  • Migranten, Ausländer, Fremde unterwandern die Leitkultur der Schweiz
  • Links-grüne Politik fördert immer eine radikal säkulare Kulturrevolution
  • Der Vatikan, der Papst und der Katholizismus wollen universal herrschen
  • Die Medien verbreiten Fake-News und manipulieren die Öffentlichkeit
  • Die «Eliten» (Bundesrat, Bundesrichter, Politiker) regieren am Volk vorbei
  • Die säkulare EU-Bürokratie will die Schweiz unterwerfen
  • Die Lüge von der menschenverursachten Klimaveränderung dient der globalen Wirtschaft und Finanz
  • Reiche Juden, Freimaurer und Geheimbünde streben die Weltherrschaft an

Anfragen:

  • Warum werden Unterschiede, Vielfalt und Andersartigkeit zum Problem?
  • Warum neigen Christen in der Schweiz immer noch zu einem versteckten Apartheiddenken des «Wir-sind-besser-und-alle-anderen-sind-minderwertiger»?
  • Warum sind Fremde immer schon per se «schlechter und böser» als wir?
  • Warum sind differenziertes Denken, gründliches Recherchieren und aufwendige Analysen bei gewissen Christen so wenig ausgebildet und vorhanden?
  • Warum werden oft nur Ängste, negative Gefühle und Feindbilder geschürt?

Notwendig wäre aufzuzeigen

  • dass der Dualismus (Schwarz-Weiss-Malerei) als Lebensstil zum spekulativen Heidentum gehört [orientalisch-hellenistische Gnosis].
  • dass der Begriff «Nation» in der Bibel nicht vorkommt, dafür der Begriff «Volk» bzw. «Völker – Ethnien».
  • dass die Wesensmerkmale der Christinnen und Christen Demut, Liebe und Toleranz gerade deswegen sind, weil unser Erkennen noch nicht vollkommen ist!
  • dass es den Nationalstaat in Europa erst seit dem 19. Jahrhundert gibt und die Schweiz erst seit 1815/1848 eine Willensnation von Angehörigen verschiedener Ethnien/Völkern ist. 1291 wurde keine Nation Schweiz gegründet, sondern ein Bund, wie andernorts damals auch (z.B. die «Hanse»).
  • dass der «Mythos Schweiz» und die damit verbundenen oft klischeehaften Attribute zu entmythologisieren sind – nicht nur von Historikern, sondern auch von Christinnen und Christen in ihren Gemeinden.
    dass «niemand schon immer da war» (Holenstein André u.a., Schweizer Migrationsgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Baden 2018).

Für gesellschaftliche, kulturelle und soziale Probleme gibt es Sündenböcke

Immer wieder wird kolportiert, «minderwertige» Menschen – Ausländer, Fremde, Migranten, Asylsuchende, Sozialhilfeempfänger, IV-Bezüger – seien in der Regel in gewisser Weise mitverantwortlich dafür, wenn es Probleme gibt, der Wohlstand bröckelt, das kulturelle Niveau sinkt, es sozial unruhig wird, der innere Friede im Land gefährdet ist, die Kriminalität hoch bleibt, der Wohnraum zunehmend knapp und unbezahlbar wird usw.

Es gibt sie tatsächlich immer und überall, die mehr oder weniger «schwarzen Schafe». Deswegen muss sich die Sozialpolitik mit diesen Herausforderungen, also den Folgen der Globalisierung, des Neokapitalismus und der zunehmenden kriegerischen Konflikte beschäftigen. Denn es ist die fehlende allgemeine Teilungsgerechtigkeit, die viele Probleme auch hierzulande generiert!

Besonders fragwürdig ist jedoch die pauschalisierende und generalisierende Sicht der Populisten, die «alle diese und jene da» für schuldig erklärt. Stigmatisierung der Schwachen, Remigrationspläne für Ausländer, Diskriminierung von Hilfsbedürftigen, Kürzungen von Hilfsmassnahmen mit dem Etikett «Selber schuld! Sie sollen sich selbst helfen!» – all das mit einer würdelosen Abwertung bestimmter Menschen zu begründen, ist skandalös. Wer das aber politisch fordert, gewinnt gegenwärtig leider Wahlen, bekommt Macht über Menschen, verliebt sich in seine Popularität und spielt dann den «pseudogöttlichen Retter».

Kritische Anmerkungen

  • Wer für seine Politik Sündenböcke und Feindbilder braucht, ist einer Projektionsstrategie erlegen und disqualifiziert sich selbst. Der politische Diskurs ist mit diesen Menschen nicht leicht. Auf keinen Fall dürfen solche Thesen und Behauptungen medial zitiert werden.
  • Dem populistischen Schwarz-Weiss-Denken ist unbedingt kritisch zu begegnen: Nicht mit vorschneller Verurteilung von Menschen, aber doch mit kritischem Widerspruch in der Sache. Einspruch im Dialog und Gespräch zu erheben, geht nicht ohne näheres Hinsehen, Verstehen-Wollen und Hinterfragen. Wenn das gegenseitig möglich ist, ist schon viel gewonnen.
  • Dass ein rechtspopulistischer weisser national-konservativer Evangelikalismus die gegenwärtige disruptive Weltpolitik mitverantwortet, ist bereits zu einer kostenintensiven Hypothek geworden. Trotzdem hat er hierzulande eine Anhängerschaft.
  • Der politische Rechtspopulismus lässt sich kaum noch durch Fakten, Argumente und logische Begründungen überwinden. Die weltweite Zunahme von Irrationalität, situativer Egozentrik und subjektiver Spontaneität in der Politik verängstigt. Politologen konstatieren den Übergang von der regelbasierten unipolaren hin zur regellosen multipolaren Weltordnung. Die Schweiz muss sich in einer zerfallenden Weltordnung zurechtfinden.
  • Die Botschaft Jesu setzt einen Kontrapunkt, wenn sie den Dienst der Versöhnung dem Machtgebaren der Stärkeren und Reichen gegenüberstellt. Damit ist gesagt, was zu tun ist (siehe die Proklamation amerikanischer Christen 2018, „Reclaiming Jesus“).
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In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Auch unter Christinnen und Christen gewinnt autokratisches Gedankengut an Boden. Wie sieht es damit in der Schweiz aus?

Seit dem 19. Jahrhundert haben unzählige Christen auf biblischer Grundlage und aus dem Glauben an Christus heraus weltweit ein spezifisches, vorher so nicht vorhandenes christliches Denken und Handeln in gesellschaftlicher Weltverantwortung entfaltet.

Christen sind auch Welt- und Staatsbürger und dürfen sich politisch und vor allem sozialpolitisch zu Wort melden. Denn: wer die Bibel gründlich studiert, muss sich von der Botschaft der alttestamentlichen Propheten, Jesu und der Apostel herausfordern, ja geradezu verpflichten lassen, für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzutreten.
Das allerdings nicht mit dem Ziel, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft christlich im Sinne einer Theokratie zu domestizieren, sondern als normaler Ausdruck konkreter Nachfolge Jesu, um mit Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Respekt und Frieden zu dienen.

Christen sind vermehrt rechtsnationalistisch aktiv

In Europa und Amerika wächst der Einfluss rechtspopulistischer Parteien mit autokratischen Führungspersönlichkeiten in unerwarteter Intensität. Demokratien sind keine automatischen Selbstläufer mehr. Sie werden gerade in illiberale Demokratien transformiert durch eine subtile Schwächung der Gewaltenteilung, der Justiz und der Parlamente. Autokratisch-nationalistische Kräfte setzen ihre Agenda durch und lassen demokratische Strukturen schleichend absterben. Wie schnell Demokratie demontiert und an die Grenzen ihrer Wehrhaftigkeit kommt, zeigen jüngste Entwicklungen in den USA und Europa.

Die vielfältigen Ursachen dieser Entwicklung werden landauf landab kontrovers diskutiert, bewertet und eingeordnet. Genannt werden Migration, Verlust nationaler Identität, politische Verdrossenheit, Sozialabbau, Unzufriedenheit mit den Eliten in Politik und Wissenschaft. Manche Sorgen sind zweifellos berechtigt. Aber was geschieht, wenn der offensichtliche Vertrauensverlust zur Machtgewinnung bewirtschaftet wird? Wenn Patrioten ihr Land zu fest lieben und ihr Nationalismus ungeniessbar wird? Wenn die Demokratie, die Wissenschaften und die Politiker pauschal diskreditiert werden und demagogisch mit Unwahrheiten zur Abwahl der Herrschenden aufgerufen werden?

Die politischen Polarisierungen sind längst in der christlichen Szene angekommen. Dafür steht die jüngste Publikation von Peter Hahne «Ist das euer Ernst? Aufstand gegen Idiotie und Ideologie» (2024). Seit Jahren versteht er sich als prominente Stimme enttäuschter Wutbürger und bedient unentwegt sowohl medial, publizistisch und öffentlich auftretend diese Unmutsbewegung. Zu ihr gehören viele wertvolle Christen aus Kirchen und Freikirchen, die gläubig und treu in ihren Gemeinden mitarbeiten, fleissig und begeistert die Gottesdienste besuchen, sich an kirchlicher Gemeinschaft erfreuen, Nächstenliebe praktizieren und speziell das Gebet für die Schweiz pflegen. Sie verstehen sich als wertkonservativ und nationalgesinnt und wählen eher mitte-rechts/rechts als mitte-links/links.

Dass sie jedoch rechtspopulistischen Anliegen so unkritisch folgen, liegt an ihrem Wertekonservativismus, dem ja durchaus eine gewisse Berechtigung zukommt. Hinzu kommt aber, dass viele «bibeltreue Rechtgläubige» genau zu wissen meinen, was in der Bibel zur Lösung aktueller Herausforderungen steht. Viele argumentieren mit einer fragwürdigen, selektiven «Belegstellentheologie», die ihr geistliches Empfinden und Gefühl ebenso bestätigt wie ihr subjektives Interesse und ihre fromme Überzeugung. Die biblische Gesamtgeschichte wird in handliche Einzelteile zerlegt, von denen man sich nimmt, was gerade passt. Da werden Verheissungen und Zusagen auf die Schweiz übertragen, die vom Kontext her nur dem Volk Israel damals galten bzw. gelten.

So wird die Bibel in mundgerechte Häppchen und ideologische Versatzstücke fragmentiert und «Lieblingsthemen» stimmungsvoll propagiert.

Diese selektive Art von Bibellektüre ist dem nicht neu, der die Entwicklung der Hermeneutik, also die Auslegungsgeschichte der Bibel kennt. Das erkenntnisleitende Interesse ist jeweils so stark, dass viele, ja sehr viele Aussagen im Alten und Neuen Testament systematisch ausgeblendet werden. Gerade deshalb wächst momentan die Sorge, ob nicht gerade dieses aus biblischer Engführung resultierende rechtslastige Denken und Handeln das Potential hat, wieder einmal Christen ideologisch zu verführen. Wer die jüngere deutsche Geschichte kennt, bekommt Angst vor einer fatalen Wiederholung. In Europa – angeheizt vom Negativ-Vorbild Donald Trump – zeichnet sich für die nächsten Jahre ein transnationaler Rechtspopulismus ab.

Es zeigt sich dabei ein Paradox: Während z. B. der Soziologe Hartmut Rosa gemeinsam mit dem linken Politiker Gregor Gysi überzeugt sind1 , dass nur Religion die Demokratie noch retten könne – «Ich glaube zwar nicht an den da oben, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft», so Gysi –, gibt es seit Corona inzwischen zu viele Christen, die sich gegen die augenblickliche demokratisch begründete Rechtsstaatlichkeit wenden. Das darf doch nicht sein!

Wer die Bibel gründlich, systematisch und kontextual studiert, wird zu einem kritisch differenzierenden, kreativen und weitherzigen Denken im Horizont des Reiches Gottes angeleitet! Gottes Wort und Gottes Geist überwinden die bequeme Leichtgläubigkeit, die jedem frommen Wanderprediger in die Arme fällt!

Konsequenter Schutz der Meinungsfreiheit

Lange Zeit schien die Schweiz politisch immer rechter zu agieren. Doch mittlerweile haben Länder wie Ungarn, Frankreich, Deutschland und Polen sowie besonders die USA uns rechts überholt.
Die populistischen Paukenschläge sind in unserem Land hingegen etwas leiser geworden. Dank einer Kultur der Bescheidenheit, der Dialoge und Kompromisse wirkt unsere Konsensdemokratie noch als Populismus-Schutz. Das Schweizer System lässt schillernde Autokraten oder einzelne politische Führerfiguren, die ganze Massen in ihren Bann ziehen können, nicht zu. Wenn sich der Chefredaktor der Weltwoche mit Autokraten und Nationalisten Europas von Georgien bis nach Grossbritannien vernetzt, bleibt das vorderhand politisch noch bedeutungslos, könnte aber längerfristig stimulierend wirken.
Denn die Schweiz hütet die Meinungsfreiheit konsequent. Deshalb können sich einzelne Personen rechtspopulistisch oft sogar grenzwertig äussern und agieren. Innerparteilich kann es dann durchaus Kritik geben, aber deren Mandate stehen nicht zur Debatte.

Erst wenn rechtspopulistische Parteien im Parlament die Mehrheit hätten, würde es problematisch. Wo der rechtsnationale Populismus zur politischen Macht avanciert, schliesst er Andersdenkende und Minderheiten systematisch aus und greift Institutionen wie Medien oder Gerichte an. Im Moment (August 2025) geschieht das in den USA in einem beispiellosen Tempo, das an Nazideutschland 1933/34 erinnert.

Von Ungarn, der Slowakei und Serbien ist die Schweiz noch weit entfernt. Allerdings verwirrt es, wenn rechtskonservative Parteien anderer Länder wie die deutsche AfD vom «Vorbild Schweiz» schwärmen und «volksnah» politisieren wollen. Sie sind von der Volkssouveränität in einer «direkten Demokratie» deshalb so fasziniert, weil sich damit ein starkes populistischen Mobilisierungspotenzial aktivieren liesse. Tatsächlich sind viele hierzulande stolz auf die Volkssouveränität. Allein sie würde Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz schützen und verteidigen. Und wer den politischen Monopolanspruch erhebt, das alles zu garantieren, provoziert und polarisiert regelmässig. Aber daran haben wir uns irgendwie schon gewöhnt, weil sich die politischen Kräfte noch die Waage halten.


1. Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion. Kösel 2023

Die Fortsetzung des Themas folgt in einem weiteren Artikel.

Foto von engin akyurt auf Unsplash

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Zum Titelbild: Genossenschaft Dreieck in Zürich-Wiedikon1 : Die ziemlich baufälligen Häuser hätten in den 90ern abgerissen werden sollen, die Bewohnenden haben sich erfolgreich dagegen gewehrt und die Häuser und Freiräume in Eigenregie umgestaltet und modernisiert.

Städte haben heute ein schlechtes Image. Sie werden als zu gross, zu dicht bevölkert, zu teuer und zu lärmig empfunden. Heutige Stadtplaner wissen das. Und stellen sich den Herausforderungen mit kreativen Ansätzen. Wie Samuel Leder. Er hat ein Anliegen: Platz für gute Prozesse schaffen, insbesondere auch in den Agglomerationen.

Joëlle Zimmerli2 : Herr Leder, wer sind Sie? Und was ist «Placemaking»?

Mein Name ist Samuel Leder, und ich leite an der Universität Zürich verschiedene Weiterbildungskurse, darunter das «CAS Urban Management» und den Kompaktkurs zu «Placemaking». Beim Urban Management geht es darum, in partnerschaftlichen Prozessen gemeinsam gute Siedlungsräume und mehr Wohnraum zu schaffen. In vielen Fällen liegt der Fokus dabei auf den Akteuren der öffentlichen Hand, der Immobilienwirtschaft und den planenden Disziplinen wie Architektur und Verkehrsplanung.

Das «Placemaking» bringt ergänzend dazu einen neuen, frischen Ansatz, welcher für die Entstehung lebendiger und identitätsstarker Orte von grosser Bedeutung sein kann – nämlich den Einbezug von lokal engagierten «Laien». Mein erster Kontakt mit diesem Konzept war in den Niederlanden, wo solche Konzepte bereits seit einiger Zeit etabliert sind.

In der Fachwelt ist das «Placemaking» im Moment in aller Munde, und man verspricht sich viel davon. Können Sie uns das Konzept etwas näherbringen?

Kurz gesagt geht es um «Community-basierte Nachbarschaftsentwicklung». Das heisst, dass physische Räume und soziale Gemeinschaften in einem möglichst ergebnisoffenen, iterativen3 Prozess gemeinsam weiterentwickelt werden und dadurch Orte entstehen, die langfristig attraktiv, integrativ und lebenswert sind. Das erachte ich auch als eines der zentralen Elemente der sozialen Nachhaltigkeit.

Der Begriff «Placemaking» versammelt im Grunde verschiedene Methoden, mit denen lokale Akteure auf eine zielführende Art und Weise in die Nachbarschaftsentwicklung eingebunden werden können. Das ist etwas, das man schon lange als wichtig empfunden hat, aber oft fehlt dafür die passende Sprache und die systematischen Ansätze für die Umsetzung. Das Vokabular und die Erfahrungen aus der Placemaking-Bewegung, welche in den 90er-Jahren in den USA unter diesem Begriff entstanden ist, können hier sehr hilfreich sein.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein typischer Fall sind Anwohnende, die sich stärker in ihrer eigenen Nachbarschaft engagieren möchten; oder zum Beispiel Kirchgemeinden oder ähnliche Organisationen, welche über ihre eigenen Mitglieder hinaus in einem Quartier wirken möchten. Sie möchten zum Beispiel soziale Treffpunkte aufbauen, brachliegende Freiflächen bepflanzen oder generationenübergreifende Kontakte stärken. Ihre Spielräume sind aber oft limitiert aufgrund von rechtlichen, räumlichen, finanziellen oder anderen Rahmenbedingungen. Umgekehrt sieht man gerade bei Neubauprojekten oft eine gewisse Ratlosigkeit der Immobilien-Eigentümerschaft, wie sich Erdgeschosse oder Aussenräume aktivieren und im Sinne einer lebendigen Nachbarschaft optimal nutzen lassen. Placemaking-Methoden können helfen, diese Lücke zu schliessen.

Somit bedeutet Placemaking schlicht mehr Partizipation?

Unter «Partizipation» wird heute oft etwas anderes verstanden, nämlich, dass Laien an einem Prozess partizipieren dürfen, der aber primär von Experten gesteuert wird. Es gibt also eine klare Hierarchie. In der Regel ist es dann so, dass die öffentliche Hand oder ein Immobilienentwicklungsunternehmen ein konkretes Projekt plant und lokale Betroffene an einem bestimmten Punkt im Prozess einlädt, dazu Stellung zu nehmen oder eigene Wünsche zu äussern.

Placemaking dagegen beschreibt einen ergebnisoffenen Prozess, wonach sowohl Eigentümerschaft, Planende wie auch zivilgesellschaftliche Akteure jeweils etwas beitragen, was die anderen Parteien nicht beitragen können. Es ist also nicht ein «Partizipieren», sondern ein «Co-Kreieren» der lokal Betroffenen. Langfristig lebendige Orte brauchen ja kontinuierliche Pflege und Weiterentwicklung durch Leute, die täglich vor Ort sind und sich mit ihrem Umfeld identifizieren.

SSREI misst die Nachhaltigkeit von Immobilienportfolios, dazu zählen auch gesellschaftliche Kriterien. Können Sie uns erklären, wie sich dieses Konzept in nachhaltige Immobilien, Areale oder Quartiere einordnet?

Placemaking fördert die soziale Interaktion im Alltagsumfeld und ermächtigt Leute dazu, ihr eigenes Umfeld mitzugestalten und sich zu engagieren. Dadurch entstehen soziale Netze und integrative Strukturen, welche besonders für Leute wertvoll sein können, die sonst sozial isoliert sind, etwa ältere Personen oder Leute, die finanziell einen beschränkten Spielraum haben. Manche gewachsenen Nachbarschaften sind bereits «Places» in diesem Sinne und weisen ein starkes soziales Netz auf. In anderen Fällen fehlt dieses Netz komplett. Für Immobilieneigentümer gilt: Ein Gemeinschaftsraum allein schafft noch keine Interaktion – dazu braucht es eben die entsprechenden gemeinschaftsbildenden Prozesse.

Können Sie uns erklären, wie diese Prozesse ablaufen und wer für das Placemaking verantwortlich ist?

Ein Schlüsselfaktor im Placemaking-Prozess sind die sogenannten «Local Heroes», d.h. Personen, die sich innerlich motiviert im Quartier engagieren wollen. Das können Anwohnerinnen und Anwohner sein, Hauseigentümerinnen und -eigentümer mit einem starken Anliegen für das Quartier, Social Entrepreneurs oder auch Vertreterinnen und Vertreter von lokalen Stiftungen, Vereinen, Schulen oder Kirchgemeinden, welche sich für nachbarschaftliche Belange einsetzen. Local Heroes sind Idealisten, die sich für den Ort interessieren, Potenziale sehen und sich dafür engagieren, dass diese realisiert werden.

Damit dieses Engagement aber auch effektiv und langfristig wirkungsvoll sein kann, braucht es zugleich die bereitwillige Unterstützung der «Top-Down-Akteure» – je nach Situation also von Immobilien-Eigentümern, der öffentlichen Hand oder weiteren wichtigen Institutionen vor Ort.

Wie unterscheidet sich der Placemaking-Prozess vom klassischen Planungsprozess?

Der klassische Planungsprozess verläuft linear und versucht, Schnittstellen zu minimieren. Die community-basierte Nachbarschaftsentwicklung ist im Gegensatz dazu viel eher ein Hochschaukeln. Das bedeutet, dass man eine Vision entwickelt, Allianzen bildet, bauliche Prototypen erstellt, Nutzungsprototypen entwickelt und Events umsetzt. Funktioniert ein Ansatz, wird er ausgebaut und weiterentwickelt. Dadurch entsteht ein Momentum und gegenseitiges Vertrauen unter allen Beteiligten, was grösseren Handlungsspielraum für die nächsten Schritte schafft.

In diesem Sinne ist der co-kreative Prozess der Logik einer «agilen Startup-Entwicklung» näher als dem klassischen Immobilien-Investment. Wer Placemaking macht, geht ein Risiko ein, denn das Endresultat ist nicht von vornherein bekannt.

Im Gegenzug ist das potenzielle Resultat aber sehr viel besser als der anfängliche Spielraum erlaubt hätte. Gerade in der Innenentwicklung im bestehenden Siedlungsraum ist ein solch ergebnisoffener Prozess oft die einzige Alternative zum Totalstillstand oder zu isolierten Einzelprojekten, welche lediglich dem «kleinsten gemeinsamen Nenner» entsprechen und dadurch keinen Mehrwert für das Umfeld und die Gemeinschaft bieten.

Welchen Anreiz haben Eigentümerinnen und Entwickler, einen solchen Ansatz zu verfolgen?

Es geht darum, Netzwerke zu bilden, Akzeptanz zu schaffen und damit auch politische Risiken zu reduzieren. Placemaking schafft attraktive Orte und trägt zur langfristigen Wertstabilität bei, es erleichtert die Positionierung und kann natürlich auch für die Kommunikation und Vermarktung genutzt werden. Und: Wer einen guten «Place», eine gute Adresse schafft, kann auch etwas stolz auf sich sein.

Was ist der Unterschied von Placemaking zur klassischen Quartiersarbeit, also dem, was die öffentliche Hand, Quartiervereine oder soziale Institutionen schon seit langem in Quartieren machen?

Das Placemaking bezieht Akteursgruppen mit ein, die sich sonst in der Regel nicht persönlich begegnen – Immobilien-Eigentümerinnen, die öffentliche Hand, «Local Heroes» verschiedenster Art – und begrenzt sich nicht auf die soziale Vernetzung, sondern entwickelt den Ort räumlich und baulich weiter. Was durch einen solchen Prozess entstehen kann, geht in vielen Fällen weit über das hinaus, was man mit reiner Quartierarbeit anstossen kann – auch im Hinblick auf die Attraktivität eines Standorts, und damit logischerweise auch auf die Immobilienwerte. Dieser Aspekt ist natürlich jeweils auch frühzeitig mitzudenken, um unerwünschte Verdrängungseffekte zu vermeiden.

Und wo gibt es aus Ihrer Sicht den grössten Handlungsbedarf?

Die Prinzipien sind grundsätzlich überall anwendbar. Allerdings sehe ich das grösste Potenzial heute im suburbanen Raum: Die Agglomeration ist häufig austauschbar und anonym, und es fehlen belebte Räume, an denen man sich gerne trifft und aufhält. Dabei gäbe es auch an vermeintlich anonymen, suburbanen Orten potenziell identitätsstiftende Gebäude, Geschichten und ungestillte Bedürfnisse, die als Ausgangspunkt für die Entstehung eines guten «Place» dienen können.

Wie lange dauert ein solcher Prozess?

Das ist von Situation zu Situation unterschiedlich. Am besten beginnt man schon im Rahmen einer Ideen- und Visionsbildung damit, Kontakte unter konstruktiv engagierten «Local Heroes» aufzubauen. Man kann aber auch noch im Verlauf eines konkreten Planungs- und Bauprozesses gewisse Elemente des Placemaking integrieren und selbstverständlich auch jederzeit bei bestehenden Gebäuden. Zum Beispiel durch das aktive Kuratieren von Aussenräumen, oder indem man günstige Voraussetzungen für niederschwelliges Engagement bietet.

Wenn sich eine Eigentümerin oder ein Entwickler für das Thema interessiert: Wie geht man am besten vor?

Zuerst braucht es ein Umdenken, was die eigene Rolle angeht. Und dann gibt es drei parallele Entwicklungsdimensionen: Erstens das gemeinsame Entwickeln einer Vision zusammen mit lokalen Akteuren, zweitens das konstante Testen und Weiterentwickeln von baulichen und räumlichen Prototypen und drittens das Aufbauen und Stärken der lokalen Community. Diese Dimensionen kommen nicht nacheinander, sondern laufen parallel und iterativ.

Der SSREI berücksichtigt neben ökologischen und ökonomischen Faktoren auch diverse gesellschaftlich-soziale Aspekte. Findet dieses Thema Ihres Erachtens ausreichend Berücksichtigung?

Im SSREI erhält man Punkte, wenn bei einer Arealüberbauung ein Gemeinschaftsraum und bei einem normalen Mehrfamilienhaus vergleichbare Gemeinschaftsstrukturen im Quartier vorhanden sind. Sofern diese Strukturen an den realen Bedürfnissen ausgerichtet sind und auch entsprechend gut bewirtschaftet werden, schaffen sie gute Voraussetzungen für eine lebendige und integrative Nachbarschaft. Ohne ein zusätzliches Engagement lokaler Akteure sind aber solche baulichen Strukturen noch nicht ausreichend. Es bleibt abzuwarten, ob der Placemaking-Ansatz hier einen Beitrag leisten kann, die Bewertungsmöglichkeiten im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit noch aussagekräftiger zu machen.


1. Mehr dazu hier: https://genossenschaftdreieck.ch/genossenschaft/geschichte/

2. Das von Joëlle Zimmerli geführte Interview wurde im SSREI-Newsletter vom Juni 2023 veröffentlicht und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. SSREI ist ein Standard für nachhaltige Immobilienbestandsbewertung.

3. Laut Definition ist der iterative Prozess ein Ansatz, bei dem ein Projekt, Produkt oder Vorhaben erstellt, weiterentwickelt und verbessert wird. Teams, bei denen ein iterativer Prozess zum Einsatz kommt, erstellen, testen und überarbeiten einen Ablauf so lange, bis sie mit dem Endergebnis zufrieden sind. (Quelle: Internet)


Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

Samuel Leder (MSc. Architektur ETH) ist Programmleiter Urban Management und Initiator des Placemaking-Kompaktkurses am Center for Urban and Real Estate Management (CUREM) der Universität Zürich. Ausserdem engagiert er sich als Co-Präsident im 2023 gegründeten Verein «Placemaking Switzerland», einer Art Branchenverband und Netzwerkplattform für Placemaking in der Schweiz.

Kommende Placemaking-Kurse
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Die Befürwortenden der Abschaffung des Eigenmietwerts behaupten, dass die Steuerverluste, die dadurch entstehen, kompensiert würden. Einmal mehr handelt es sich aber bei der Vorlage, über die wir Ende September abstimmen, um eine versteckte Steuersenkung, von der in erster Linie Vermögende profitieren. ChristNet spricht sich deshalb gegen die Abschaffung des Eigenmietwerts aus.

Am 28. September 2025 kommt eine Vorlage namens «Bundesbeschluss vom 20. Dezember 2024 über die kantonalen Liegenschaftssteuern auf Zweitliegenschaften» zur Abstimmung. Hierbei geht es aber nicht in erster Linie um die mögliche Einführung einer neuen Liegenschaftssteuer in den Kantonen, sondern um die Abschaffung des sogenannten Eigenmietwerts. Eine entsprechende Gesetzesvorlage ist mit dem erwähnten Bundesbeschluss verknüpft und tritt nur in Kraft, wenn auch der Bundesbeschluss von der Stimmbevölkerung angenommen wird.

Geworben für die Vorlage wird mit der Abschaffung einer «fiktiven» und damit ungerechtfertigten Steuer, einer Vereinfachung des Systems und mit Schuldzinsabzügen in den ersten Jahren nach dem Erwerb des Wohneigentums. Versprochen wird, dass der Steuerausfall, der durch die Abschaffung des Eigenmietwerts entsteht, mit der gleichzeitigen Streichung von Steuerabzügen für Schuldzinsen, Unterhalt und Renovation kompensiert werde. Nur stimmt dies nicht: Aktualisierte Schätzungen zufolge (Stand: Mai 2025) belaufen sich die erwarteten Steuerausfälle für Bund und Gemeinden auf ca. 2 Milliarden Franken jährlich bei einem Hypothekarzins 1.5%. 1 Je tiefer die Hypothekarzinsen sinken, je höher fällt dieser Verlust des Steuersubstrats aus. Kein Wunder, dass die Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) im Juni 2025 beschlossen hat, sich öffentlich gegen den Systemwechsel auszusprechen. Markus Heer, der Finanzdirektor des Kantons Glarus sagt dazu: «Das Geld wird bei der Finanzierung des Gesundheitswesens und der Bildung fehlen. Deshalb positionieren sich die Kantone klar gegen diesen unnötigen Systemwechsel.» 2

Ungerechtigkeit verstärkt sich

Innerhalb von 20 Jahren sind die Mieten in der Schweiz um fast 25% gestiegen, während die Hypothekarzinsen gesunken sind.3 Eigentümerinnen und Eigentümer profitieren von der Zinssituation, während die Mieterinnen und Mieter unter den hohen Mieten ächzen. Durch die Abschaffung des Eigenmietwerts und der Beibehaltung mehrerer – insbesondere kantonaler – Abzugsmöglichkeiten für Wohneigentümer, wird dieser Effekt verstärkt. Es kommt zu einer noch stärkeren Ungleichbehandlung zwischen den 2.3 Mio. Mieterhaushalten und den 1.4 Mio. Haushalten mit privatem Immobilienbesitz. 4

Steuersenkungsvorlage für die Vermögenden

Stossend an der Abschaffung des Eigenmietwerts ist insbesondere, dass es sich dabei um eine Umverteilungsvorlage von unten nach oben handelt. Gutbetuchte profitieren vom Systemwechsel bei den Liegenschaftssteuern, weil sie vorwiegend in ihren eigenen vier Wänden wohnen. Falls sie keinen Renovationsbedarf haben bzw. ihre Hypothek abbezahlt haben, umso mehr. Sie erhalten Steuergeschenke, während Menschen mit wenig Einkommen oft kein Wohneigentum haben und gleichzeitig von Sparpaketen der Öffentlichen Hand überdurchschnittlich betroffen sind. Werden gar Steuererhöhungen nötig, müssen nicht nur diejenigen mitzahlen, die von der Abschaffung des Eigenmietwerts profitieren, sondern auch alle andern.

Zwar ist die heutige Regelung des Eigenmietwerts nicht perfekt. Vor allem Rentnerinnen und Rentner mit Wohneigentum tragen wegen des Eigenmietwerts eine höhere Steuerlast. Der Systemwechsel, der jetzt zur Debatte steht, ist aber schlecht durchdacht und unausgegoren. Nicht nur die Linken und Grünen, sondern auch Bürgerliche aus der FDP, der SVP, der Mitte und der GLP sowie Immobilienfachpersonen lehnen die Vorlage ab. 5

Der Erwerb von Wohneigentum wird nicht einfacher

Wenn die Vorlage angenommen wird, befürchtet die UBS anhand einer Studie, dass die Immobilienpreise weiter steigen werden: Es wird attraktiver, das eigene Vermögen in Immobilien anzulegen, was wiederum zu steigenden Preisen führt. Gerade für junge Familien rückt der Traum vom Eigenheim damit noch weiter in die Ferne.
Auch der Bundesrat zeigt in einem Bericht auf, dass der Systemwechsel bei der Liegenschaftssteuer in erster Linie denjenigen zugutekommt, die bereits heute Wohneigentum erwerben könnten. 6

Eigenmietwert?

Wer ein Haus oder eine Wohnung vermietet, muss den Mietertrag als Einkommen versteuern. Doch auch, wer sein Wohneigentum selbst nutzt, muss darauf Einkommenssteuern entrichten, egal ob es sich um den Erstwohnsitz oder bloss um eine Ferienwohnung handelt. Die Steuer fällt auf den sogenannten Eigenmietwert an. Einfach ausgedrückt entspricht der Eigenmietwert der Miete, die Eigentümer verlangen könnten, wenn Sie ihr Haus oder ihre Wohnung nicht selbst bewohnen würden. Diesen Betrag müssen Sie als Einkommen versteuern. Im Gegenzug können Eigentümerinnen Investitionen und Hypothekarschulden von ihrem steuerbaren Einkommen abziehen.

Quelle: Postfinance Was bedeutet der Eigenmietwert für Ihre Steuern? | PostFinance

1. Aktualisierte Schätzung der ESTV

2. EMW_DE_250721.pdf

3. LIK, Mietpreisindex auf allen Indexbasen. [MPI MULTIBASIS] – 1.8.1939-31.7.2025 | Tabelle

4. Nein zum Bundesbeschluss über die kantonalen Liegenschaftssteuern auf Zweitliegenschaften – KdK – Konferenz der Kantonsregierungen

5. Eigenmietwert: Scheitert Abschaffung am Röstigraben?

6. BBl 2021 2076

Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Reihum in jedem Kanton darf das Volk über Steuersenkungen abstimmen. Die Vorlagen tönen jeweils verlockend und versprechen «dem Mittelstand» mehr Geld. Doch wer profitiert wirklich? Und wer leidet darunter am meisten? Wem sollte die Steuerpolitik eigentlich dienen?

Mit dem zunehmenden Gesamtwohlstand haben viele Menschen etwas zu verteidigen. Deshalb springen sie meist auf den Zug auf, wenn eine Abstimmungsvorlage eine Reduktion irgendeiner individuellen Steuer vorsieht: Einkommenssteuer, Autosteuer, Lotteriesteuer etc. Dabei ist keinerlei Konzept erkennbar, welches nun sinnvolle und gerechte Steuern sind. Hauptsache Abbau!

Weltweit – auch in der Schweiz – werden Steuersenkungen versprochen oder angeboten. Die Verlockung ist gross. Treiber dafür sind

  • unser Geiz: ich habe etwas zu verteidigen.
  • unser Stolz: es ist mein Vermögen, ich habe es durch meine eigene Leistung verdient. Genau in diese Kerbe schlägt die FDP, die uns einredet, Reichtum komme einzig durchs frühe Aufstehen und harte Arbeiten zustande, obwohl nachweislich Erbschaften und Marktfähigkeit der Begabungen genauso entscheidend sind.
  • die Rechtfertigungsideologien für das Nicht-Teilen:
    1.) Der Staat ist böse und zu mächtig und gibt zu viel aus (alle finden eine Ausgabe, die ihnen nicht passt …).
    2.) Diejenigen, die die Unterstützung des Staates benötigen, sind nur faul.

Hilfe für die Falschen

Die Mehrheit der Stimmenden stört sich auch nicht daran, dass bei der Reduktion der Einkommenssteuer in der Regel der grösste Teil denjenigen zugute kommt, die dieses Geschenk am wenigsten brauchen. Denn in der Regel werden die Einkommenssteuern prozentual gesenkt, was bei hohen Einkommen am meisten «einschenkt».

Wenn Steuersenkung, dann für diejenigen, die es am meisten brauchen!

Wenn eine Steuersenkung wirklich denjenigen mit tiefem Einkommen nützen soll, muss dies über einen für alle gleichen Abzug auf der Steuerrechnung geschehen. Dieser Betrag – zum Beispiel ein Kinderabzug – fiele dadurch bei Niedrigverdienenden viel stärker ins Gewicht als bei Hochverdienenden. Werden Abzüge hingegen vom steuerbaren Einkommen abgezogen, profitieren nur diejenigen voll davon, die ein steuerbares Einkommen in einer Höhe haben, die diese Abzüge auch tatsächlich erlaubt.

Wenn Steuersenkung, dann für diejenigen, die es am meisten brauchen!

Selbst die Mitte als «Familienpartei» will die Krankenkassenprämien für Kinder nur vom steuerbaren Einkommen abziehen und nicht von der Steuerrechnung. Damit hilft sie gerade nicht denjenigen Familien, die diese Abzüge am meisten bräuchten.

Welcher Schmerz, welche Belastung?

Schon Bundesrat Villiger meinte vor über 20 Jahren, dass diejenigen am stärksten über die hohe Steuerlast klagen, die die Steuern am besten bezahlen können. Warum glauben wir immer noch, dass Steuern in jedem Fall eine Belastung sind? Und wann sind sie es nicht mehr? Wir müssen damit beginnen, nicht den zu zahlenden Steuerbetrag zu betrachten, sondern wieviel den Menschen nach Abzug aller obligatorischen Ausgaben wie Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und Krankenkassenprämien zum Leben bleibt, also was ihr frei verfügbares Einkommen ist. Es gibt Kreise, die sagen, dass die Reichen ja schon den Löwenanteil an Steuern bezahlten. Doch dies ist eine falsche Sichtweise, denn diese Tatsache widerspiegelt einzig die riesigen Einkommensunterschiede und in der Folge davon die sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, Steuern zu zahlen. Und es geht dabei nicht um Einkommensgruppen, sondern um Einzelpersonen: Wie belastend ist es für einzelne, Steuern zu bezahlen?

«Den Leuten etwas zurückgeben» – und die Bedürftigen im Regen stehen lassen

Der Zürcher Kantonsrat beschloss auf das Jahr 2023 hin eine Reduktion des Steuerflusses, «um den Leuten nach der Corona-Pandemie etwas zurückzugeben», obwohl alle wissen, dass benachteiligte Gruppen mehr unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten haben als die andern. Genau sie sind durch die Sparmassnahmen, die in der Regel auf eine Steuersenkung folgen wiederum am meisten betroffen.

Bei diesen Steuersenkungen handelt es sich also nicht nur um ein sinnloses «Giesskannenprinzip», sondern eine gezielte Umverteilung zu den Falschen: Gemeinden haben weniger Geld für Sozialhilfe und Integrationsmassnahmen, bei den Schulen in der Schweiz wurden in den letzten 20 Jahren gespart. Letzteres führte oft zu grösseren Klassen und damit in vielen Fällen zur schlechteren Integration von Kindern ohneBildungshintergrund. Ergänzungsleistungen für mittellose Senioren und Krankenkassenprämienzuschüsse für Familien mit kleinem Einkommen wurden abgebaut. Zahlreiche Spitäler wurden geschlossen und der ÖV verteuert. Bei Steuersenkungen sparen die einzelnen Otto-Normalverbraucher einige Zehner-Nötli, während durch die Steuersenkungen Teile des Service public zerstört werden.

Race to the bottom

Gerade in der Schweiz führt die Steuerkonkurrenz unter den Kantonen zu einem «race to the bottom», einem zerstörerischen Steuersenkungs-Wettlauf: Bereits reiche Kantone senken ihre Steuern noch mehr, was bei Nachbarkantonen zur Abwanderung von reichen Personen und Firmen führt. Auch ärmere Kantone sind deshalb gezwungen, Steuern zu senken, was wiederum zu Sparrunden führt. Ein weiteres Problem ist, dass Steuern, die gesenkt wurden, nicht mehr erhöht werden können.

Nun senkt Zug wiederum seine Steuern, was für Nachbarn wie Luzern zu weiteren Schwierigkeiten führt und armen Menschen noch mehr schaden wird. Der Steuerausgleich zwischen den Kantonen ist dabei nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Das Grundproblem ist der Steuerwettbewerb, der aus dem Ruder läuft und zu dessen Beschränkung vor rund 15 Jahren eine Abstimmung über eine Steuergerechtigkeits-Initiative stattgefunden hat. Doch nach einer Mega-Angstkampagne der Gegner, in der fälschlicherweise behauptet wurde, bei Annahme gäbe es Steuererhöhungen für alle, wurde die Initiative abgelehnt. Deshalb geht das «race to the bottom» weiter! Durch diesen Abbau der individuellen Steuern, vor allem der Steuerprogression, dem Ausbau der Gebühren und der Abgaben für die Sozialversicherungen hat die Schweiz in der Realität bereits seit dem Jahr 2001 eine Flat Tax: Prozentual zahlen Arme und Reiche gleich viel Steuern und obligatorische Abgaben (z.B. Krankenkassenprämien).

Bei Steuerfragen wird immer wieder das Argument angeführt, man könne es nicht immer bei den Reichen holen. Die Realität zeigt eher das Gegenteil.

« L’argent, c’est le nerf de la guerre »

In den 70er-Jahren kam Ronald Reagan mit den Wirtschaftswissenschafter Milton Friedman zusammen. Sie überlegten, wie sie die Macht des Staates allgemein gegenüber der Macht der Wirtschaft und der Vermögenden sowie die Umverteilung zurückbinden könnten. Sie waren sich einig, dass es unmöglich war, den Menschen einen Abbau des Wohlfahrtsstaates und damit der Leistungen, von denen sie profitieren, schmackhaft zu machen. Das musste unter Zwang geschehen, also eher durch die Verknappung der finanziellen Mittel. So entwickelten sie die Strategie, den Menschen eine Steuerreduktion zu versprechen. Der Abbau des Staates würde automatisch folgen, da «plötzlich» nicht mehr genügend Mittel vorhanden wären. Nach der Wahl Reagans zum Präsidenten kam dieses Mittel dann weltweit zur Anwendung und wird heute als Teil der neoliberalen Revolution angesehen.

Oxfam hat nachgezeichnet, dass diese Steuerrevolution seit der neoliberalen Wende unter Reagan und Thatcher ein wichtiger Grund für die weltweite Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich ist. Diese sozialen Unterschiede wirken sich auch auf die Informationsmacht aus: Auch in der Schweiz werden immer mehr Medien von Milliardären geschaffen oder gekauft. Sie beanspruchen so die Deutungshoheit über die sozialen Verhältnisse und treiben die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen in ihre Richtung.

Wie sieht eine sinnvolle Steuerpolitik aus?

Wir müssen endlich ein echtes Konzept entwickeln, welche Steuern am sinnvollsten und gerechtesten sind, und eine Steuerpolitik verfolgen, die denjenigen dient, die auf Entlastung einerseits und/oder auf die öffentliche Hand wirklich angewiesen sind! Dieses Konzept muss

  1. genügend Ressourcen für die gemeinsamen, also öffentlichen Aufgaben sichern
  2. gerecht sein
  3. die riesigen Differenzen bezüglich Lebenschancen und sozialer Macht zwischen den Menschen vermindern

Was könnte das beinhalten?

  1. ​Genügend hohe Steuereinnahmen
    · Diversifizierte Steuern, damit das Gesamtsystem weniger krisenanfällig ist.
    · Verminderung der Steuerkonkurrenz, die Abwanderung bzw. ein «race to thebottom» auslöst.
  2. Je weniger das Einkommen bzw. der Reichtum durch Eigenleistung zustandegekommen ist, umso höher wird besteuert.
    · Erbschaftssteuer ausbauen.
    · Dem Mythos «Lohn = Leistung» entgegentreten: Der Lohn ist der Marktwert der Tätigkeit/Position, die z.B. auch durch angeborene Fähigkeiten erreicht wird. Sicher kann jede bzw. jeder selbst dazu beitragen, aber nur zum Teil.
  3. Für eine hohe Progression sorgen: Kriterium ist, was jemand bezahlen kann und dann immer noch reich ist. Wieviel hat jemand an frei verfügbarem Einkommen?

Links zum Weiterlesen:

Erbschaftssteuer: Die gerechteste Steuer – Argumente für die Erbschaftssteuerreform
Eine biblische Steuerpolitik: Eine biblische Steuerpolitik? – Grundlegende Gedanken

Foto von Pawel Czerwinski auf Unsplash