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Wenn’s wirklich um Familien geht, braucht’s was Anderes

Um denjenigen Familien zu helfen, die es wirklich brauchen, gäbe es verschiedene Massnahmen: Kinderzulagen erhöhen, Krippen besser subventionieren, günstigere Wohnungen bauen, Krankenkassenprämien subventionieren, oder den Eltern die nötige Zeit nach der Geburt und zur Betreuung der Kinder zu ermöglichen. Es gibt eigentlich keinen Grund, den Familien über Steuerabzüge zu helfen.

Denn wegen der Steuerprogression helfen Abzüge denjenigen am meisten, die am meisten verdienen. Also genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Auch die Mittelklasse, die bisher wenig von Subventionen profitiert kommt durch Abzüge nicht besser weg als durch Subventionen. Politiker pflegen gegen «Giesskannenpolitik» zu poltern. Die Abstimmungsvorlage ist gar noch viel schlimmer: Sie kommt mehrheitlich denjenigen zugute, die es überhaupt nicht brauchen und diejenigen, die wirklich Mühe haben, durchzukommen, haben gar nichts davon … ausser vielleicht schlussendlich noch weniger, wenn wegen den Steuerausfällen noch Leistungen gekürzt werden müssen. Denn die 380 Millionen Franken Steuerausfälle müssen letztendlich kompensiert werden.

Erstaunlicherweise finden die Befürworter diese mehrheitlich zum Fenster herausgeworfene Summe verkraftbar, dies im Gegensatz zum «nicht tragbaren» Vaterschaftsurlaub, der die Schweiz nur 230 Millionen Franken kostet. Im Gegensatz zur Steuervorlage gibt der Vaterschaftsurlaub aber genau nach der Geburt die Luft, die nötig ist, die strenge Zeit für die Eltern gut zu starten. Nicht umsonst meinte Katja Schönenberger von Pro Juventute in der «Arena», dass die Mütter nach der Geburt enorm belastet seien. Sie bräuchten in dieser Zeit eigentlich selber Fürsorge. «Und genau in diesem Moment sollen sie alleine verantwortlich sein für einen Säugling?».

Es ist höchste Zeit, zu diskutieren, wie Familienpolitik wirklich zielführend ist. Denn diejenigen, die von Familie reden sind nicht immer diejenigen, die auch wirklich den Familien helfen.

Photo by Irina Murza, Unsplash

 

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Interview mit Florian Glaser, Kirche für Konzernverantwortung
Das Interview wurde geführt von Susanne Meier-Fuchs

CN: Seit wann engagiert sich die Kirche für die Konzernverantwortungsinitiative?

FG: Die Initiative wurde aus kirchlichen Kreisen mitlanciert und diese sind auch heute noch tragend. So wurden beispielsweise in der Ökumenischen Kampagne 2016 von Fastenopfer, Brot für alle und Partner sein das Anliegen und die Initiative schon zum Thema gemacht und Unterschriften gesammelt – aber auch Methodisten, Adventisten und viele Kirchgemeinden waren damals schon aktiv. 2019 haben die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz, die Schweizer Bischofskonferenz, die Schweizerische Evangelische Allianz sowie der Verband Freikirchen Schweiz alle die Unterstützung der Initiative beschlossen.

CN: Warum ist die Konzerninitiative ein grosses Anliegen der Kirche?

Susanne Meier-Fuchs hat Florian Glaser für ChristNet befragt.

FG: Diese grosse Unterstützung macht deutlich, die Initiative gründet auf zentralen Anliegen der biblischen Botschaft und des christlichen Glaubens: Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung. Die Kirche ist mit ihren Hilfswerken vor Ort in den Ländern der Dritten Welt, wo Schweizer Konzerne mit ausbeuterischen Tätigkeiten leider auch für Not sorgen. Es ist logisch, dass sie nicht nur das Leid mindern, sondern auch dafür sorgen wollen, dass Schweizer Konzerne ihre Verantwortung wahrnehmen.

Die Kirche engagiert sich in zahlreichen Projekten im Süden. Welche positiven Veränderungen erwartet ihr, wenn die Initiative umgesetzt ist?
Durch die Initiative können die Konzerne nicht weiter ihre Augen verschliessen vor den Auswirkungen ihrer Auslandtätigkeiten auf Mensch und Natur. Und wenn Konzerne wie Glencore Menschen von ihrem Land vertreiben oder Flüsse vergiften, müssen sie in Zukunft dafür geradestehen. Somit wirkt die Initiative präventiv und zur Wiedergutmachung im Schadensfall.

CN: Seit letzter Woche ist es klar, dass die Initiative nicht zurückgezogen wird und es im Herbst 2020/Frühjahr 2021 zur Abstimmung kommt. Hat Kirche für Konzernverantwortung dies erwartet?

FG: Die Initiant/-innen waren bis zuletzt Gesprächsbereit, aber es war klar, dass es ohne Haftungsregel nicht zum Rückzug führen kann. Die Konzernlobby hat sich schliesslich im Parlament in allen Punkten durchgesetzt, so kommt es jetzt zur Abstimmung.

CN: Seid ihr auf die Abstimmung vorbereitet?

FG: Ja. Die Unterstützung in der Bevölkerung ist sehr gross für das Anliegen. Es gibt über 350 Lokalkomitees mit über 13’000 Freiwilligen, Komitees von Wirtschaftsvertretern und bürgerlichen Politikern, die aufzeigen, dass Freiheit mit Verantwortung einhergeht und die Kirchen stehen mit einer sehr breiten Allianz dahinter. Wenn alle Unterstützenden in ihrem Umfeld für das Anliegen sensibilisieren, können wir die Abstimmung gewinnen.

CN: Kann man bereits etwas zu Eurem Engagement sagen?

FG: Kirchen, kirchliche Organisationen und sowie Einzelpersonen stehen aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus aktiv für die Initiative ein. In Kirchen werden Flyer aufgelegt und Plakate aufgehängt, welche die kirchliche Unterstützung ausdrücken und Kirchgemeinden hängen vor der Abstimmung Banner auf, um das Anliegen sichtbar zu machen. Viele Kirchgemeinden und Pfarreien planen auch Gottesdienste, wo sie die Themen Nächstenlieben und Bewahrung der Schöpfung aufgreifen. Daneben machen viele christliche Organisationen auch Newsletter oder Magazinbeiträge zur Information über die Konzern-Initiative.

CN: 8 Millionen stellt das Gegnerkommitee für den Abstimmungskampf zur Verfügung. Hat die Initiative ihrer Ansicht nach überhaupt eine Chance?

FG: Die Abstimmung wird umkämpft. Wie oben beschrieben, haben wir aber eine andere Ressource – die breite Unterstützung. Aber ja, wir brauchen auch Geld, um nicht unter der Vollplakatierung der Schweiz unterzugehen und die Leute informieren zu können.

CN:Wie politisch die Kirche sein darf, war ein grosses Thema im vergangenen Herbst. Viele, auch aktive Mitglieder der Landeskirche sind sehr wirtschaftsfreundlich und deshalb eher gegen die Initiative. Wie meistert ihr den Spagat zwischen eurem Engagement für Konzernverantwortung und dem nicht verärgern wollen dieser Mitglieder?

FG: Politisches Engagement der Kirchen geht aus ihren eigenen Quellen hervor – aus der Bibel und der sozialethischen Tradition. Der Schutz der Armen ist ein zentraler christlicher Auftrag – und dies muss die Kirche auch in der Politik einbringen. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz formulierte es in ihrem Statement zur Initiative so: «Die Wirtschaft soll dem Menschen dienen. Deshalb wird der Kirchenbund immer seine Stimme erheben, um die Schweiz an ihre Verantwortung für die Menschen im globalen Süden zu erinnern»

CN: Die Rolle von Christnet ist u.A. das Sensibilisieren für soziale Gerechtigkeit in verschiedenen Freikirchen. Die Konzerninitiative ist eines unserer Schwerpunktethemen bis zur Abstimmung. Können Sie sich eine Vernetzung/Zusammenarbeit mit den Freikirchen in verschiedenen Kantonen vorstellen? Oder gibt es diese bereits?

FG: Ja, das ist sogar sehr erwünscht. Einige sind auch schon aktiv: Die Evangelisch-methodistische Kirche, die Mennoniten oder auch die Heilsarmee sind sehr unterstützend und wie gesagt auch die SEA und Freikirche Schweiz. Ich wünsche mir sehr, dass die Freikirchen noch mehr dazu kommen. Wer in einer Freikirche aktiv werden will, darf sich sehr gerne bei mir/uns melden.


Kontakt
Florian Glaser
Kirche für Konzernverantwortung
glaser@kirchefuerkonzernverantwortung.ch
www.kirchefuerkonzernverantwortung.ch

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Am 25. März leitete Frankreichs Präsident Macron eine militärische Operation namens «Résilience» ein, um den Präfekten militärische Unterstützung in den Bereichen Gesundheit, Logistik und Schutz zu gewähren. Der Name dieser Operation ist kein Zufall, diese Vorstellung von resilienten Gesellschaften hat in der sozialwissenschaftlichen Forschung in letzter Zeit an Dynamik gewonnen. Dieser Wahn signalisiert auch die implizite Beobachtung einer zunehmenden Fragilität, die durch die immer komplexer werdende Gesellschaft hervorgerufen wird. Elastizität ist definiert als die Fähigkeit, Stösse zu absorbieren und zurückzuprallen. Diese Fähigkeit ist angesichts der Gefahren und Unsicherheiten des Lebens von grundlegender Bedeutung. Nach Krisen wie der Corona-Pandemie werden wir uns alle unserer Zerbrechlichkeit und der Ungewissheit von morgen voll bewusst. Fast alle Regierungen in der ganzen Welt versuchen, die Widerstandsfähigkeit ihrer Länder zu erhöhen oder zumindest den Anschein einer solchen Widerstandsfähigkeit zu erwecken.

Das Paradoxon der Resilienz

Wenn es einen paradoxen Begriff schlechthin gibt, dann ist es das Resilienz. Der Ökonom Hyman Minsky zeigt, dass finanzielle Stabilität zu einem übermässigen Selbstvertrauen der Wirtschaftsakteure führt. Dieses Übervertrauen führt dazu, dass sie immer unüberlegtere Risiken eingehen, bis hin zur Schaffung der Voraussetzungen für eine neue Phase der Instabilität. Dann führt die Instabilität zu einer Suche nach Stabilität, die sich langfristig verschlechtert, und so weiter. Gesellschaften entwickeln sich mit einer Erinnerung, die mit der Zeit verblasst. Wenn alle glauben, dass sie sicher sind, kommt plötzlich der Schock oder die Krise. Hier ist es nicht nützlich, zu glauben, dass man stark ist – es ist klüger, seine Grenzen und Schwächen zu erkennen, um die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Wie kann ein dauerhaftes Bewusstsein für Grenzen geschaffen werden? Die Bibel gibt eine präzise Lösung für dieses Paradox der Verwundbarkeit, die sich unter einer falschen Stabilität verbirgt.

Stark in der Schwäche!

In der Bibel heisst es: «Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.» (2. Korinther 12,10). In der Schwäche sind wir uns bewusst, wer wir wirklich sind. Kommt es bei der Resilienz auf ein Bewusstsein der Schwäche an, um Stösse besser zu absorbieren und zurückzuspringen? Nicht nur das! Sich seiner Grenzen voll bewusst zu sein, ist nur der erste Schritt zu mehr Widerstandsfähigkeit. Der zweite ist, sich der Hoffnung zu öffnen. Wenn uns bewusst wird, dass es nicht mehr möglich ist, uns nur auf unsere eigenen Fähigkeiten zu verlassen wie der verlorene Sohn, können wir unser Haupt zum Vater erheben. Er ist unsere Hoffnung. Er bietet uns nicht nur ein Leben nach dem Tod an, sondern auch die Möglichkeit, hier auf Erden durch Seine Kraft zu leben, wenn wir glauben, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, und unser Leben ändern wollen, um Ihm zu folgen, indem wir uns auf Seinen Heiligen Geist verlassen. Unsere Freude kommt dann aus der Tatsache, dass wir uns die Worte aus Psalm 62,6-7 zu eigen machen können: «Ja, meine Seele, vertraue auf Gott, denn von ihm kommt meine Hoffnung. Ja, er ist mein Fels und meine Rettung, meine Festung: Ich lasse mich nicht erschüttern.» Gestärkt durch diese Hoffnung können wir unsere Umwelt und unsere Zeitgenossen beeinflussen. Wir sind Hoffnungsträger über Prüfungen, keine Krise kann uns unsere Freude nehmen, die unprätentiös bleibt, weil wir unsere grosse Schwäche und unsere grosse Stärke allein in Christus kennen. Das ist dauerhafte Resilienz!

Veröffentlicht unter der Überschrift „Grüsse“ in Christ Seul (Monatsmagazin der Evangelisch-Mennonitischen Kirchen Frankreichs), Nr. 1106, Mai-Juni 2020, www.editions-mennonites.fr.

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Nach einem Artikel [2] ] in Le Monde online sind 3,2 Millionen Franzosen, d.h. mehr als 13% der erwerbstätigen Bevölkerung, einem hohen Burn-out-Risiko ausgesetzt. Diese Menschen gehen über ihre Grenzen hinaus und riskieren, in einen Zustand der totalen Erschöpfung zu geraten und manchmal für den Rest ihres Lebens gezeichnet zu sein. Andererseits schätzt Christian Bourion, ein Arbeitsökonom, dass 30% der Arbeitnehmer unter Bore-Out, d.h. völliger Demotivation und Krankheit durch Langeweile am Arbeitsplatz, leiden. Wenn wir zu diesem Mobbing, den Konflikten, der sexuellen Belästigung, dem Workaholismus, der Verunglimpfung, der Lohnungleichheit noch etwas hinzufügen, sieht die Arbeitswelt nicht mehr unbedingt wie ein Eldorado voller Möglichkeiten aus, sondern wie ein wirklich gefährlicher Dschungel. Christen werden natürlich nicht verschont.

Große Hoffnungen, dann Desillusionierung?

Und auch unsere Gesellschaft verlangt viel, stellt der Forscher Christian Bourion fest: „Heute wollen die Menschen, dass die Arbeit eine Quelle der Erfüllung ist. So erziehen wir unsere Kinder, wir geben ihnen eine lange Ausbildung. Aber wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten, ist es eine große Enttäuschung. Das Ergebnis ist noch mehr Leid. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Realität sieht so aus: Gott schuf den Menschen und gab ihm die Verantwortung, sich um den Garten Eden zu kümmern. Doch sein Sturz, seine Revolte gegen Gott in Eden, hat die Bedingungen dieser Arbeit verändert.

Einem wohlwollenden Führer gehorchen

Wie können wir dann unseren Einsatz in der Arbeitswelt als Christen in der Nachfolge Christi leben? Hier sind einige Punkte, die mir wesentlich erscheinen.

Unser einzig wahrer Führer ist Christus! Und er sagt uns, dass seine Last leicht ist, weil er sie mit uns trägt. Er will uns wahrscheinlich nicht zum Burn-out oder Bore-Out führen. Wenn wir uns bei unserer Arbeit überfordert fühlen oder keinen Sinn mehr darin sehen, können wir mit unserem Leiter sprechen, um seine Unterstützung und Anweisungen zur Verbesserung der Situation zu erhalten.

Die Härte der Arbeit wird in der Bibel mit dem Einbruch der Sünde in die Welt assoziiert (1. Mose 3:17) Es ist zu erwarten, dass wir Schwierigkeiten haben werden, damit umzugehen.

Hoffnung für die Zukunft wecken

Aber selbst in diesen Schwierigkeiten kann unsere Arbeit eine schöne Frucht hervorbringen, die die Liebe Gottes im Dienst an der Welt bezeugt. Und wir können uns auch dafür einsetzen, dass Respekt und Würde und bessere Arbeitsbedingungen in diesem oft gnadenlosen Sektor besser gewährleistet sind.

Erinnern wir uns vor allem daran, dass eines Tages Christus kommen wird, um die Tränen, das Leiden und die Frustration, die mit der Arbeit verbunden sind, zu beseitigen!

 

1.    Die Welt online, https://www.lemonde.fr/economie/article/2014/01/22/plus-de-3-millions-de-francais-au-bord-du-burn-out_4352438_3234.html

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Wie kann der Glaube unser Finanzmanagement beeinflussen?
Samuel teilt seine Erfahrung. Sein Zeugnis.

Ich warte auf Gott…

Bevor ich als freiberuflicher Übersetzer arbeitete, war ich Angestellter. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde ich nach fünf Jahren gefeuert. In den folgenden zwei Jahren hatte ich das Privileg, Arbeitslosengeld zu beziehen. Als ich am Ende meiner Rechte angelangt war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich einen Solidaritätsjob annehmen würde, der mich dazu gebracht hätte, in einem völlig anderen Bereich zu arbeiten, ohne dass ich wirklich die Aussicht hatte, eines Tages zum Übersetzen zurückzukehren. Also beschloss ich, mich selbstständig zu machen.

Aber angesichts der Schwierigkeit, meine ersten Kunden zu gewinnen, quälten mich Sorgen, nächtlichen Grüblereien, Existenzängste – ja, ich hatte regelrecht Angst vor dem Sterben! Angesichts dieses Unfriedens entdeckte ich die Stelle in Sprüche 30,8: „Gib mir weder Armut noch Reichtum, sondern gib mir das Brot, das ich brauche. „Ich begann, zu Gott zu beten, dass er mir Vertrauen schenkt, dass er für meine Bedürfnisse sorgt (nicht mehr und nicht weniger). Im Laufe der Wochen verflogen meine Ängste allmählich. Gleichzeitig war die Gewinnung neuer Kunden von ersten Erfolgen gekrönt.

… und tue, was ich kann

Nach dieser Gründungsphase kam die Phase des Wohlstands: mein Auftragsbuch füllte sich, meine Finanzen waren ausgeglichen. Die Herausforderung bestand nun darin, immer getreu dem Sprichwort, nicht zu viel zu haben, damit ich mich nicht überarbeite und erschöpfe, sondern mit dem zufrieden zu sein, was ich zum Leben brauchte. Also betete ich zu Gott, er möge den Hahn etwas „abdrehen“. Auf diese Weise bin ich zu einer Neugewichtung gekommen, die bis heute immer wieder neu gefunden werden muss. Die Herausforderung bleibt also, auf Gott zu warten und gleichzeitig alles zu tun, um meine finanzielle Situation zu ändern.


Veröffentlicht in Christianity Today, Juli-August 2018, unter dem Titel „Weder zu viel noch zu wenig“ (S. 19).

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Samuel Ninck-Lehmann, Mitbegründer und ehemaliger Koordinator von ChristNet, Mitautor von La Suisse, Dieu et l’argent (Hrsg. Je sème), diskutiert einen christlichen Ansatz im Umgang mit Geld1 .

Reichtum und Armut: das Prinzip der Gleichheit

Vielerorts spricht die Bibel über Geld, Reichtum und Armut. Seit Jahrtausenden gibt es Geld, und die Bibel verschließt nicht die Augen vor dieser menschlichen Realität. Gott zieht jedoch nicht den Reichtum der Armut vor oder umgekehrt. Er hat eine Vorliebe für Menschen. Und unter den Menschen schätzt er besonders die Armen. Deshalb hat sich Jesus, als er auf die Erde kam, „ausgezogen“ (Philipper 2,7) und wurde in einem Stall geboren.

In der Bibel ist Geld Teil eines integralen Wohlstands, der den ganzen Menschen umfasst – Beziehungen, geistige, körperliche, geistliche und materielle Güter – es ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel. Was Jesus betrifft, so stellt er es uns als einen Lehrer vor, der unseren totalen Gehorsam fordert: „Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen“ (Lukas 16,13). Es liegt an uns, das Geld zu kontrollieren und es so zu verwenden, dass es dem Gebot der Liebe entspricht (Lukas 10,27).

Wie können wir dann mit unserem Geld Gott, uns selbst und unseren Nächsten lieben? Nach Paulus ist es der Überfluss der einen, der genutzt werden sollte, um den Mangel der anderen auszugleichen und umgekehrt: „Es geht nicht darum, sich auf das Äußerste zu reduzieren, damit andere erleichtert werden, es geht einfach darum, dem Prinzip der Gleichheit zu folgen. „(2 Korinther 8,13). Der Wohlstand der einen ist also sinnvoll, wenn er zur Bekämpfung der Armut der anderen genutzt wird. Auf der anderen Seite kann die Armut anderer einen Sinn ergeben, wenn sie dazu benutzt wird, die Großzügigkeit einiger zu inspirieren.

Das Vertrauen auf einen Gott, der sorgt

Die Bibel spricht von einem Gott, der sorgt. Sie erzählt Geschichten, in denen Gott seine Treue zeigt, auch im materiellen Bereich. Denken Sie an das Volk Israel in der Wüste: Jeden Tag erhalten sie genug zu essen. Wenn Gott Himmel und Erde geschaffen hat und uns liebt und will, dass es uns gut geht, wird er sich natürlich auch um unser materielles Wohlergehen kümmern.

In diesem Zusammenhang sagt Jesus: „Sorgt euch nicht darum, was ihr essen werdet, um zu leben, oder was ihr an eurem Leib tragen werdet“ (Matthäus 6,28). Wenn Gott uns versorgt, sind wir aufgerufen, ihm zu vertrauen. Dies wird uns von unseren Ängsten befreien, insbesondere von der Angst vor dem Mangel. Es ist unsere Herausforderung, diese vertrauensvolle Beziehung zu Gott zu pflegen, d.h. sein Reich und seine Gerechtigkeit zu suchen. Er wird dann für unsere Bedürfnisse sorgen, auch für unsere materiellen Bedürfnisse. Suchen wir also nach Situationen, in denen wir verpflichtet sind, Gott zu vertrauen.

Gnade und Segen zum Teilen

Wir leben in einer Gesellschaft des Überflusses: Nach Angaben des Bundesamtes für Statistik verdient jeder zweite Schweizer mehr als 6’502 Franken. Auf dieser Grundlage ermöglicht der Online-Einkommensvergleich „Global Rich List“ eine Standortbestimmung im globalen Vergleich: Die Hälfte der Schweizer Bevölkerung gehört zu den 0,31% reichsten der Welt. Im globalen Dorf leben wir also im Banktresor!

Was den Ursprung unseres Reichtums betrifft, so ist er unklar: Stimmt es nicht, dass unser Reichtum unter anderem auf unsere Ausbeutung der Ressourcen in den Ländern des Südens zurückzuführen ist? Auf die Kapitalflucht aus anderen Ländern, insbesondere armen Ländern, zu unseren Banken? Auf die Verschmutzung, die durch die Herstellung unserer Luxusgüter entsteht? Auf die Verschwendung und den Konsum, die zur Religion unserer „entwickelten“ Gesellschaften geworden sind? Es ist diese ungerechte Macht, die Jesus anprangert, wenn er von „ungerechtem Reichtum“ spricht (Lukas 16).

Außerdem warnt uns die Bibel davor, dass unser Reichtum einen Fluch mit sich bringt: den, dass wir bereits die Freuden des Überflusses gekostet haben (Lukas 6,24) und weit weg vom Reich Gottes sind. Denken Sie an die Worte Jesu über das Kamel und das Nadelöhr (Lukas 18,25). Wir sind herausgefordert, unser Herz aktiv vom Geld zu lösen und uns an Gott und unseren Nächsten zu klammern, indem wir unter anderem unsere Zeit, Liebe, Fähigkeiten und… unsere materiellen Güter loslassen.

Keine armen Menschen unter uns?

Wir müssen immer noch bereit sein, zu teilen. Dies hängt eng mit unserer Fähigkeit zur Zufriedenheit zusammen: Wenn ich mit einem bestimmten Budget zufrieden bin, wird der Überschuss, der mir gegeben wird, für eine andere Verwendung freigegeben. Paulus wusste, wie man zufrieden ist: „Ich weiß, wie man in Armut und wie man in Überfluss lebt“ (Philipper 4,12). Das größte Hindernis für Zufriedenheit sind Neid und Eifersucht: Wir vergleichen uns mit denen, denen es besser geht als uns. Diese menschliche Tendenz wird in unserer Gesellschaft durch Werbung und Prominentenanbetung stark gefördert.

Um unseren Geist der Zufriedenheit zu stärken, sollten wir uns daran erinnern, dass wir „der Welt nichts wegnehmen können“ (1. Timotheus 6,7), wir sollten uns in der Anerkennung dessen üben, was uns anvertraut wurde, wir sollten einen Grundhaushalt aufstellen, der unsere Grundbedürfnisse abdeckt, und entscheiden, dass uns das genügt, und bereit sein, den Überschuss aufzugeben. Jesus lädt viele Menschen ein, alles zu verkaufen und den Armen zu geben. Damit greift er das biblische Grundgebot bezüglich des Gebrauchs materieller Güter auf: „In der Tat soll es unter euch keine Armen geben“ (Deuteronomium 15,4).

Politische Implikationen

Frankreich hat das fünftgrößte Bruttoinlandsprodukt der Welt, und die Schweiz liegt weltweit auf Platz 10. Seit 1990 hat sich das Pro-Kopf-BIP mehr als verdoppelt. Wir werden also immer reicher und reicher! Doch die Armut besteht weiter: Rund 10% der Schweizer Erwachsenen kämpfen um ihr Auskommen, und in Frankreich kostete die Sozialhilfe im Jahr 2016 755 Milliarden Euro, während viele Menschen arm bleiben.

Und was sollen wir von der Tatsache halten, dass 50% der Weltbevölkerung weniger als 1% des Weltvermögens besitzen? Zwar ist die Zahl der in extremer Armut lebenden Menschen stark zurückgegangen (1981-2012: von 1100 auf 147 Millionen). Dies ist ein Thema zur Anerkennung. Aber zu viele Menschen bleiben auf Hilfe von außen angewiesen, um einfach nur zu leben.

In diesem Zusammenhang haben die Schweiz und Frankreich Schwierigkeiten, eine Umverteilungspolitik umzusetzen, die eine Neugewichtung ermöglicht: Auf nationaler Ebene belasten Steuersenkungen und Sparmaßnahmen die Sozial-, Bildungs- und Gesundheitshaushalte. Auf internationaler Ebene steht die öffentliche Entwicklungshilfe unter Druck: Anstatt sich den von der UNO zur Armutsbekämpfung befürworteten 0,7% des BIP anzunähern, ist sie in der Schweiz auf den tiefsten Stand seit 2013 (0,46%) gesunken.

Dies sind echte Herausforderungen für Christen: Wie können wir Zeugen von Jesus, dem Freund der Armen, sein? Lassen Sie uns damit beginnen, das Thema in unseren Kirchen anzusprechen und Petitionen zu unterstützen, die sich mit diesen Fragen befassen. Als Bürger können die Christen den Kampf gegen die Armut als Kriterium bei Wahlen festlegen. Ebenso, wenn wir über Fragen der Steuerpolitik oder der internationalen Zusammenarbeit abstimmen. Dazu ist es unerlässlich, informiert zu sein. Was die christlichen Politiker betrifft, so lasst uns für ihr kompromissloses Bekenntnis zum Prinzip der Gerechtigkeit beten. Lasst uns beten, dass unser „Überschuss dazu verwendet wird, den Mangel anderer auszugleichen“.

Literatur

  • La Suisse, Dieu et l’argent, dossier Vivre n° 36, Je sème, St-Prex, 2013.
  • ChristNet.ch – Wirtschaft, christnet.ch/de/Ökonomie
  • ChristNet.ch – Silber, christnet.ch/de/Tags/Geld
  • Roser Dominic, Suffizienz – Überlegungen zum christlichen Geldmanagement. ChristNet, Genf, 2007.
  • Jacques Blandenier, Les pauvres avec nous, dossier Vivre n° 26, Je sème, Genf, 2006.
    www.stoppauvrete.ch – evangelische Bewegung für den Kampf gegen die Armut

1. Artikel veröffentlicht, leicht modifiziert, in Christianity Today, Juli-August 2018, unter dem Titel „Ein Portfolio, das im Licht der Bibel verwaltet wird“ (S. 18-19).

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Während der Finanzkrise von 2007 lag der Schwerpunkt auf der Schuldenkrise, wobei Banken in Konkurs gingen oder von den Regierungen gerettet wurden. Dieses Problem wirft jedoch eine andere Frage auf. Der Reichtum der Banken wächst, wenn sich die Gesellschaft, der Staat oder Privatpersonen verschulden. Diese Verschuldung, die das Herzstück des Funktionierens unserer modernen Volkswirtschaften ist, hat seit den 1970er Jahren stetig zugenommen.

Die Schuldenlast

Nach Angaben des Nationalen Instituts für Statistik und Wirtschaftsstudien (INSEE) betrug die Verschuldung der französischen Haushalte im Jahr 2016 56,4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP), während die Verschuldung der Unternehmen und des öffentlichen Sektors 89,7% bzw. 96,5% des BIP betrug. Die Gesamtverschuldung Frankreichs belief sich somit auf 242,6% des BIP, d.h. 5.407,3 Milliarden EUR. Diese Last ist schwer, und in der nächsten Krise werden viele versuchen, ihre Schulden durch Konsumverzicht und den Verkauf ihrer Vermögenswerte zu reduzieren. Diese allgemeine Bewegung wird zu einem Preisdruck beitragen und drohen die gesamte Wirtschaft zu lähmen. Die Erfahrung mit der Rettung von Banken wird sich wiederholen, d.h. ihre Fähigkeit, Schulden zu verkaufen, erhöht. Ist die Unterstützung der Verschuldung auf lange Sicht wirtschaftlich tragbar? Wir haben Grund, daran zu zweifeln, zumal sie die Ungleichheit verstärkt und praktisch jede Wirtschaft der Welt belastet.

Schuldenerlass

Im Alten Testament hatten die Hebräer den Schuldenerlass und verschiedene Arten der Versklavung alle 50 Jahre institutionalisiert und damit die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen begrenzt. „Wer borgt, ist der Sklave dessen, der borgt“, wie es in Sprüche 22:7 heißt. Mit anderen Worten: Unsere Gesellschaft unterstützt offen eine Art von Sklaverei, deren Folgen in Form von Ungleichheit mit Sicherheit immer deutlicher werden.

Unsere wirkliche Schuld!

Wahre Freiheit für die Juden war die Abwesenheit der Sklaverei, der Ausstieg aus Ägypten. Christus erklärte in der Synagoge von Nazareth, er sei „geweiht, den Armen eine gute Nachricht zu verkünden, den Gefangenen die Befreiung und den Blinden die Wiedererlangung des Augenlichts zu verkünden, die Unterdrückten zu befreien“. „(Lukas 4:18-19). Jesus lehrt uns auch, dass wir alle Sklaven der Verweigerung des Gehorsams gegenüber Gott sind (Römer 11,32). Auch hier kommt der größte Schuldenerlass von Christus, der für uns gestorben und wieder auferstanden ist, zum Tragen. Von seinem Vorbild Jesus aus erinnert sich der Christ, dass er die Befreiung derer sucht, mit denen er lebt, er erwartet keine Gegenleistung, wenn er Geld leiht, er versucht nicht, sich unter das Joch der Schuld zu stellen, indem er materielle Dinge begehrt, die über seine Mittel hinausgehen, sondern er teilt seinen Überfluss mit denen, die ihn brauchen (2. Korinther 8,14).


Tribune veröffentlicht unter der Überschrift „Grüße“ in Christ Seul (Monatsmagazin der Evangelisch-Mennonitischen Kirchen Frankreichs), Nr. 1087, Juni 2018, www.editions-mennonites.fr.

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Wie jedes Jahr Ende Januar haben wir das Privileg, sobald unser Fernseh- oder Radiogerät eingeschaltet ist, eine neue Folge der Seifenoper „Davos“ und des WEF1 zu verfolgen. Ankunft des einen oder anderen Präsidenten, Reden des einen oder anderen, Geplapper vor der Presse eines Dritten usw. Wir beobachten somit genau die Handlungen der Vertreter dieser kleinen, überformierten und privilegierten Elite. Fakten und Gesten, aber vor allem die Worte: Bewertung der Weltwirtschaftslage; Empfehlungen über die Wege zur Linderung der Krisen, die Positionen und Desiderate der einzelnen Staaten, usw.

Währenddessen setzt die Welt fernab von der Hektik dieser kleinen „Insel“ ihren ungleichmäßigen Marsch fort. Die Venezolaner warten noch immer stundenlang vor den Bäckereien, um einen Sack Brot zu bekommen, während afrikanische Migranten ihre Suche nach einer besseren Welt fortsetzen, indem sie sich auf zerbrechliche Boote begeben.

Die Diskurse ändern sich…

A priori scheinen sich die Worte der Staatschefs im Laufe der Jahre und der aufeinander folgenden Wirtschaftskrisen geändert zu haben. Die Notwendigkeit, die Globalisierung zu vermenschlichen und ein „inklusives Wachstum“ zu fördern, um Klaus Schwab, den Gründer des Forums von Davos, zu zitieren, wird jetzt in Erinnerung gerufen. Das Thema der 48. Ausgabe des Forums lautet „Aufbau einer gemeinsamen Zukunft in einer zersplitterten Welt“.

Ohne einen echten Wunsch nach Veränderung und ein aufrichtiges Engagement einiger zu leugnen, kann man nicht umhin, den diskursiven, rein konzeptuellen Aspekt dieser („frommen“?) Wünsche zu bemerken. Haben wir es nicht mit Oxymoronen zu tun, d.h. mit einer Sammlung widersprüchlicher Begriffe? Globalisierung – menschlich … Wachstum – inklusive?

Der Berg, um Inspiration zu finden

Dieser Ruf nach der Rückkehr des Menschen ermutigt uns Christen, DEN zusätzlichen Schritt zu tun und nach der Gegenwart des Herrn zu rufen. Ohne in eine buchstäbliche Interpretation der biblischen Texte zu verfallen, können – müssen – sie uns als Wegweiser, als Kompass dienen, um uns in den komplexen Phänomenen, denen wir begegnen, zu orientieren und uns als engagierte Bürger und Christen zu positionieren.

Aber die Parallele hört hier auf. Denn weit entfernt von den egoistischen und nationalistischen Turnieren – „Frankreich ist wieder da…“ „Amerika zuerst“ … – für die Davos das Terrain ist, ist die Haltung des Mose ganz anders: Demütig in Herz und Verstand ging er hinauf, um seinem Gott zu begegnen, um auf ihn zu hören, sich inspirieren zu lassen und seine Gesetze und Vorschriften zu verstehen…

Herr, möge Dein Geist die Herzen dieser Staatsoberhäupter berühren. Mögen sie sich vor dir demütig finden. Möge Ihre Inspiration sie dazu anspornen, „bessere Grundlagen für den Aufbau integrativer, gerechter und unterstützender Gesellschaften zu suchen, die in der Lage sind, denen, die in tiefer Unsicherheit leben und die Hoffnung auf eine bessere Welt verloren haben, ihre Würde zurückzugeben“2 .


1. Weltwirtschaftsforum.

2. Papst Franziskus in einem Brief an Klaus Schwab. https://fr.weforum.org/agenda/2018/01/le-message-du-pape-francois-a-davos-2018-dans-son-integralite

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Nach mehreren Wahlen und Abstimmungen, sei es in der Schweiz, in Großbritannien, in den Vereinigten Staaten oder vielleicht bald auch in Frankreich, macht sich ein Trend zum Nationalismus bemerkbar. Woher kommt er? Es kann gut sein, dass es die wachsenden Ungleichheiten innerhalb der entwickelten Länder sind, die die Menschen dazu bringen, nationalistische Programme zu unterstützen.

In der Tat sehen diejenigen, die über viel Reichtum verfügen, dass dieser immer mehr zunimmt, während die Arbeitnehmer sehen, dass ihre Einkommen stagnieren oder sogar sinken, was die Ungleichheiten noch verstärkt. Und schließlich hat die Mittelschicht in den westlichen Ländern das Gefühl, dass sie den Preis für die Globalisierung zahlt und dass sie immer instabiler wird.

Erschrecken oder sich freuen?

Dieser Eindruck manifestiert sich natürlich sehr real in der Brieftasche. Aber er ist auch eingeschränkt. Die Globalisierung hat in vielen Entwicklungsländern zum Aufstieg der Mittelschichten geführt. Sie haben Zugang zur Gesundheits-, Bildungs- und Reiseinfrastruktur erhalten. Paradoxerweise hat das Entstehen neuer wohlhabender Kreise dazu beigetragen, die eklatanten Ungleichheiten in diesen Ländern hervorzuheben.

Sollen wir uns vor der wachsenden Prekarität fürchten oder uns über die größere Zahl wohlhabender Menschen in der Welt freuen? Es gibt keine einfache Antwort. Und es scheint keinen Ausweg aus dem Rückgang unserer Mittelschicht zu geben. Die anhaltende Zunahme der privaten und öffentlichen Verschuldung zeugt davon.

Im Westen werden zwei radikale Lösungen vorgeschlagen: mehr Globalisierung oder mehr Nationalismus. Es scheint jedoch, als ob wir zwischen Pest und Cholera wählen. Die Geschichte wiederholt sich wie nach der Krise der späten 1920er Jahre zwischen dem egoistischen Traum des kapitalistischen Imperialismus und den ekelerregenden Bestrebungen von Mussolinis Faschismus und Hitlers Nationalsozialismus. Also, nichts Neues unter der Sonne.

Ein dritter Weg

Gibt es eine dritte Möglichkeit? Ja. Das nennt man Zufriedenheit. Dazu schreibt Paul: „Ich habe gelernt, mit dem Zustand, in dem ich mich befinde, zufrieden zu sein. Ich weiß, wie man demütig leben kann, wie ich weiß, wie man in Überfluss leben kann“ (Philipper 4,11b-12). Es ist eine Frage des Lernens, bei der das Wesentliche in der Loslösung von den irdischen Reichtümern liegt. Denn Gott sorgt nicht für unsere Wünsche, sondern für unsere Bedürfnisse. Jesus verließ seine Herrlichkeit, indem er zu uns kam, um uns zu beschenken. Er ruft uns auf, seinem Beispiel zu folgen und uns mit wenig zu begnügen, auch wenn wir es überdrüssig sind, auf andere zuzugehen und großzügig zu den Bedürftigen zu sein.

Die Auswirkungen der Zufriedenheit sind wichtig. Wir verschwenden keine Zeit mehr damit, uns neue und oft sinnlose Dinge zu wünschen. Was die Ebene der Gesellschaft betrifft, so führt dies dazu, dass alle Formen des Teilens und der gegenseitigen Hilfe auf Kosten des egoistischen Profitstrebens bewertet werden. Das bedeutet, dass man Preise zahlt, die die geleistete Arbeit vergüteten, und dass man ein starkes Justizsystem braucht, das der Ausbeutung entgegenwirken kann. Es bedeutet auch eine angemessene Besteuerung der Kapitaleinkünfte.

Lasst uns feststellen, dass „der Glaube eine große Quelle des Reichtums wird, wenn wir mit dem zufrieden sind, was wir haben“ (1. Timotheus 6,6), also lasst uns von Tag zu Tag für die Zufriedenheit stimmen!


Tribune veröffentlicht unter der Überschrift „Grüße“ in Christ Seul (Monatsmagazin der Evangelisch-Mennonitischen Kirchen Frankreichs), Nr. 1074, April 2017, www.editions.mennonites.fr.

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Im April 2016, ein Jahr nachdem ein Informant 2,6 Terabyte Informationen über die Aktivitäten einer panamaischen Anwaltskanzlei erhalten hatte, die sich auf alle Arten von Finanzvereinbarungen spezialisiert hat, veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung im April 2016 eine Reihe von Artikeln, in denen Steuerhinterziehung und Unterschlagung durch die mächtigsten und mehrere große Gruppen angeprangert wurde. Mitglieder oder Verwandte von Regierungen in mehr als 40 Ländern sind von diesen Enthüllungen direkt betroffen. Auch in Frankreich sind mehrere Verfahren wegen Steuerbetrugs anhängig, und Anträge auf Regularisierung von „Steuerflüchtlingen“ strömen herein. 1 Direkt nach solchen Enthüllungen ist die Überraschung gross. Aber schon heute vergisst die an Finanzskandale so gewohnte Öffentlichkeit…

Christen nicht überrascht

Die Christen ihrerseits sollten von diesen Offenbarungen nicht überrascht werden. Jesus, der in die Fußstapfen der Propheten tritt, die willkürliche Mächte anprangerten, warnt uns vor solchen Praktiken. So sagt er im Markus-Evangelium zu den Jüngern: „Ihr wisst, dass die, die angeblich über die Heiden herrschen, die Herrschaft über sie haben, und dass die Großen unter ihnen Macht über sie haben; aber bei euch ist es nicht so; sondern wer unter euch groß sein will, der wird euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, der wird der Sklave aller sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben“ (Markus 10, 42-45).

In der Tat ist die Ausbeutung der Schwächsten durch die Mächtigen in der gesamten Menschheitsgeschichte eine Realität, deren Leben schwer ist. Im Fall der „Panama-Papiere“ können wir nur bedauern, dass in einer Zeit, in der Staaten, die verschuldet sind, weil sie über ihre Verhältnisse leben, auf Steuereinnahmen angewiesen sind, solche Fälle erst verspätet ans Licht kommen.

Was Jesus betrifft, so ist er in seinen Augen nicht als einer groß, der sich selbst dient, wie die Protagonisten der „Panama-Papiere“, sondern als einer, der anderen dient.

Eine nonkonformistische Haltung

Was sollten wir also als Christen tun? Lasst uns beten und lasst Gott uns verwandeln. Aber noch einmal: Erinnern wir uns daran, dass die Kirche nicht dazu da ist, die Welt zu reformieren, denn die Welt kann nicht reformiert werden. Aber dass die Kirche und jeder Christ dazu da ist, die Gute Nachricht den Menschen zu verkünden, die durch die Verlockung des Gewinns geblendet und der Herrschaft des silbernen Gottes unterworfen sind. Hören wir also auf die Lehre des Paulus, die uns drängt, eine wirklich nonkonformistische Haltung zu entwickeln: Folgen wir nicht dem Modell dieser Welt, sondern lassen wir uns durch eine neue Denkweise verwandeln und suchen wir Gottes Willen, auch in Fragen der Finanzen (nach Röm 12,2).

Auf diese Weise werden wir Christen zu Vorbildern für diese Welt werden: Männer und Frauen, die mit ihrem Geld dienen und so die Menschen um sie herum ermutigen, zu dienen, anstatt sich selbst zu dienen.


Tribune veröffentlicht unter der Überschrift „Grüße“ in Christus Seul (Monatszeitschrift der Evangelisch-Mennonitischen Kirchen Frankreichs), Nr. 1069, Oktober 2016, www.editions.mennonites.fr.

1.  Wikipedia.org, „Panama Papers“, en.wikipedia.org/wiki/Panama_Papers, Zugriff am 15. August 2016.