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Nein zur Schwächung des Zivildienstes

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gesundheit, Politik, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

Am 14. Juni 2026 stimmen wir über eine Änderung des Zivildienstgesetzes ab. Die bürgerlichen Parteien haben eine Gesetzesänderung genehmigt, die den Zivildienst schwächen will. Gegen diese ist nun das Referendum ergriffen worden.

Der Zivildienst ist ein Erfolgsmodell. Nach langem Kampf erst 1996 eingeführt, gab er tausenden von jungen Männern die Möglichkeit, einen zivilen Dienst an der Gemeinschaft statt Militärdienst zu leisten. Zudem gibt er zahlreichen Einsatzbetrieben die Möglichkeit, notwendige Leistungen erbringen zu können.

EVP, Grüne, SP und glp lehnen die Revision ab, über die das Schweizer Volk am 14. Juni abstimmt. Verschiedenste Organisationen wie der Zivildienstverband CIVIVA waren massgeblich bei der Unterschriftensammlung für das Referendum dabei.

Die Gesetzesänderung umfasst sechs Massnahmen:

  • Mindestzahl von 150 Diensttagen, auch nach Absolvierung eines Teils des Militärdienstes.
  • Faktor 1,5 Zivildiensttage pro Militärdiensttag gilt auch für Unteroffiziere und Offiziere.
  • Keine Einsätze, die ein Human-, Zahn- oder Veterinärmedizinstudium erfordern.
  • Keine Zulassung von Armeeangehörigen mit 0 Restdiensttagen. Es ist also keine Umgehung der Schiesspflicht mehr möglich.
  • Jährliche Einsatzpflicht ab Zulassung, womit der Dienstleistungsrhythmus demjenigen von Militär- und Zivildienst angeglichen wird.
  • Pflicht, den langen Einsatz spätestens im Kalenderjahr nach der rechtskräftigen Zulassung abzuschliessen, wenn das Gesuch während der RS gestellt wurde. In der bisherigen Gesetzgebung konnte er auch später erfolgen.

Diese Massnahmen haben unterschiedliche Auswirkungen, doch in der Gesamtheit sind sie einschneidend. Bundesrat und Parlamentsmehrheit rechnen damit, dass es mit diesen Massnahmen 40 Prozent weniger Zivildiensttage geben wird. Sollte dieses Ziel nur annähernd erreicht werden, wäre damit auch der Armee selbst nicht gedient. Vielmehr würde das Risiko bestehen, dass viele auf den „blauen Weg“ ausweichen würden. Die Rechnung des Bundes wird also nicht aufgehen.

Entscheidend ist allerdings, dass es heute und in Zukunft mehr als genügend Armeeangehörige gibt und geben wird. Die Zahlen des Bundes zeigen dies klar auf. Der Effektivbestand der Armee ist bei rund 146‘700, während der Bestand, der gesetzlich festgelegt ist, bei 140‘000 liegt. Somit kann die Gesetzesrevision nur so verstanden werden, dass man die Bedingungen für den Zivildienst bewusst verschlechtern will.

Unser Land braucht eine Armee, sie braucht einen Zivilschutz für Männer, die militärdienstuntauglich sind, aber ganz besonders auch einen Zivildienst, der den betroffenen jungen Männern dient und den Einsatzbetrieben vor allem im Sozial- und Gesundheitswesen, im Umweltbereich, im Schulbereich die nötige personelle Unterstützung bringt.

Die heutige Lösung ist gut. Das Gewissen lässt sich nach wie vor nicht ernsthaft prüfen. Wer einen im Vergleich zum Militärdienst um 50 Prozent längeren Zivildienst leistet, belegt dass die Motivation für den Zivildienst ernsthaft ist.

19. Mai 2026/0 Kommentare/von Heiner Studer
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/05/zivildienst_pexels_293819023_DE.jpg 956 1700 Heiner Studer https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Heiner Studer2026-05-19 12:02:282026-05-19 12:05:35Nein zur Schwächung des Zivildienstes

Finanzplatz-Initiative zustande gekommen

Gesellschaft, Politik, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 2 min

Die Eidgenössische Volksinitiative «Für einen nachhaltigen und zukunftsgerichteten Finanzplatz Schweiz (Finanzplatz-Initiative)» ist mit mehr als 145’000 Unterschriften zustande gekommen. Die nötigen Unterschriften wurden erfolgreich gesammelt. Zusammen mit der Koalition «Christ:innen für Klimaschutz» unterstützt ChristNet die Initiative.

ChristNet und die Koalition «Christ:innen für Klimaschutz» unterstützen die Finanzplatz-Initiative aus drei zentralen Gründen:

Erstens fordert die Initiative ein gerechtes und ökologisches Wirtschaften. Heute fliessen Finanzmittel aus der Schweiz weiterhin in Projekte, die Klima und Biodiversität schädigen. Dies widerspricht der Verantwortung gegenüber der Schöpfung und der Würde aller Menschen, insbesondere jener, die am stärksten unter den Folgen der Klimakrise leiden.

Zweitens verfügt der Finanzsektor über eine enorme Gestaltungsmacht. Banken, Versicherungen und Pensionskassen können durch ihre Investitionen den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft entscheidend vorantreiben. Die Initiative sorgt dafür, dass diese Verantwortung wahrgenommen und transparent umgesetzt wird.

Drittens stellt die Initiative das Gemeinwohl über kurzfristige Profitinteressen. Eine nachhaltige Finanzpolitik trägt dazu bei, langfristige Schäden wie extreme Wetterereignisse, Migration und Konflikte zu verringern und eine lebenswerte Zukunft für alle zu sichern.

Finanzplatz mit globaler Wirkung

Der Schweizer Finanzplatz spielt international eine zentrale Rolle. Die Initiative fordert, dass der Schweizer Finanzplatz seine Geschäftstätigkeit konsequent an internationalen Klima- und Biodiversitätszielen ausrichtet. Banken, Versicherungen und weitere Finanzakteure sollen keine Investitionen mehr in fossile Energien und andere klimaschädliche Projekte tätigen. Stattdessen soll Kapital in Vorhaben fliessen, die eine nachhaltige Zukunft fördern. Eine verantwortungsvolle Finanzwirtschaft ist ein entscheidender Hebel, um die Klima- und Umweltkrise zu bewältigen und kommende Generationen zu schützen.

«Die Schweiz trägt mit ihrem Finanzplatz eine globale Verantwortung. Es ist nicht hinnehmbar, dass weiterhin in Projekte investiert wird, die die Klimakrise verschärfen und die Lebensgrundlagen vieler Menschen zerstören», so Yvan Maillard-Ardenti, Themenbeauftragter für Klimagerechtigkeit bei HEKS.
Die Anforderungen richten sich an Banken, Versicherungen, Vorsorgeeinrichtungen und weitere Akteure des Finanzsektors. Im Fokus stehen die Auswirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – insbesondere in Bezug auf Treibhausgasemissionen und Biodiversität.

Christliche Werte konkret leben

Für ChristNet und «Christ:innen für Klimaschutz» ist die Initiative ein konkreter Weg, christliche Werte in wirtschaftliches Handeln zu übersetzen. Sie verbindet Verantwortung für die Schöpfung mit dem Einsatz für globale Gerechtigkeit und Solidarität.

«Als Christinnen und Christen tragen wir Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung. Die Finanzplatz-Initiative ist eine konkrete Möglichkeit, diese Verantwortung auch im wirtschaftlichen Handeln wahrzunehmen und politisch konkret umzusetzen», so Milena Hartmann, Fachstellenleiterin und Umweltbeauftragte bei oeku Kirchen für die Umwelt.

Die Unterstützung der Initiative ist damit auch ein sichtbares Zeichen für einen Glauben, der Verantwortung für die Schöpfung übernimmt und sich für eine gerechte und lebenswerte Zukunft für alle Menschen einsetzt.

Christliche Organisationen sind gefordert

Durch die Klima- und Umweltkrise sind Kirchen und christliche Organisationen gefordert, Stellung zu beziehen und sich für Gerechtigkeit, Nächstenliebe und ein gutes und gelingendes Leben für alle Lebewesen einzusetzen. In einer globalisierten Welt hängen die Schicksale von Menschen in verschiedenen Teilen der Erde zusammen. Die Verantwortung für den Planeten und seine Grenzen wahrzunehmen, ist für Christinnen und Christen Teil ihrer Glaubensverantwortung.

Quelle: Medienmitteilung «Christ:innen für Klimaschutz»

20. April 2026/0 Kommentare/von ChristNet
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/04/finanzplatz-initiative-29732183.jpg 777 1700 ChristNet https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg ChristNet2026-04-20 09:31:342026-04-20 09:40:50Finanzplatz-Initiative zustande gekommen

Arbeit: Ein neuer Angriff auf den Sonntag unter dem Deckmantel der «Modernisierung»

Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gesundheit, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Spätestens seit «Corona» ist Homeoffice-Arbeit weit verbreitet. Im Nationalrat haben die Arbeitgeberverbände dies für eine Reform zur Aufweichung des Arbeitsrahmens und der Sonntagsruhe genutzt und verkaufen ihre Idee als Fortschritt für die Arbeitnehmenden.

Doch die Realität sieht anders aus: Der Druck zu mehr Flexibilisierung und zur Vermischung zwischen Arbeit und Familienleben würde bei einer Umsetzung zunehmen, und der Sonntag massiv erodieren. Wie viel ist der Sonntag den Kirchen wert? Weiterlesen

19. März 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/vitaly-gariev-bl7h_R-PKpU-unsplash-scaled.jpg 1440 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-03-19 12:02:082026-03-19 12:12:06Arbeit: Ein neuer Angriff auf den Sonntag unter dem Deckmantel der «Modernisierung»

Die Aufstockung der Verteidigungsbudgets ist ein Vorbote des Krieges, nicht des Friedens

Gesellschaft, Politik, Umwelt, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Si vis pacem, para bellum (Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor). Dieses bekannte lateinische Sprichwort spiegelt die Volksweisheit wider, dass die Vorbereitung auf den Krieg der beste Weg ist, um Frieden zu sichern. Die dahinterliegende Logik lautet: Wenn Krieg droht, muss die Bevölkerung bewaffnet werden, um sich auf den Konflikt vorzubereiten, denn nur so könnten Schwache geschützt und Sicherheit für alle geschaffen bzw. aufrechterhalten werden. Diese Logik veranlasst viele Nationen dazu, ihre Militärbudgets massiv zu erhöhen.

Weiterlesen

16. März 2026/0 Kommentare/von Salome Richir-Haldemann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/ehmitrich-LJH9nSbkHrE-unsplash-scaled-e1773664144690.jpg 1438 2560 Salome Richir-Haldemann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Salome Richir-Haldemann2026-03-16 13:18:232026-03-19 11:55:54Die Aufstockung der Verteidigungsbudgets ist ein Vorbote des Krieges, nicht des Friedens

Umweltethik: Der Energiehunger der KI ist noch ihr kleinstes Problem

Entwicklung, Gesellschaft, Umwelt, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Für den barmherzigen Samariter war Nächstenliebe sehr direkt: Jemand liegt auf seinem Weg, blutet und leidet. Im 21. Jahrhundert ist Nächstenliebe komplex geworden – und nichts illustriert das so gut wie die Künstliche Intelligenz (KI). Wir können durch KI unermessliches Leid bewirken – oder auch verhindern. Aber wenn wir das tun, dann vor allem indirekt.

Die Schlagzeilen sind allgegenwärtig: Die «Finanz und Wirtschaft» schreibt vom explodierenden Strombedarf aufgrund von KI1 , im Schweizer Fernsehen wird diskutiert, ob es Energieverschwendung ist, sich bei der KI für eine Antwort zu bedanken2 , und meine eigene Uni Fribourg ermutigt mich zu zurückhaltender KI-Nutzung3 .

Die direkte Umweltbelastung durch KI ist klein

Doch der Eindruck täuscht: Die direkte Umweltbelastung durch den persönlichen KI-Gebrauch ist verschwindend klein. Wenn die KI diesen Text geschrieben hätte, hätte das über hundert Mal weniger Energie gebraucht, als wenn ich und mein Laptop diesen Text zusammen erschaffen4 . Wenn Sie diesen Text innerhalb von zehn Minuten am Laptop lesen, braucht das gleich viel Energie wie zehn KI-Anfragen5 . Das Lesen am Bildschirm ist dabei nicht mal der grosse Sündenbock. Die Herstellung eines physischen Buchs braucht gleich viel Energie wie 6000 KI-Anfragen6 . Mit dem Wasserverbrauch sieht es ähnlich aus. Ein 400-seitiges Buch braucht gleich viel Wasser wie eine Million KI-Anfragen7 .

Im Detail sind diese Zahlen zwar alle mit grosser Unsicherheit behaftet (und sie beziehen sich grösstenteils auf Text-Anfragen, nicht auf Bild-/Video-Anfragen). Aber die Grössenordnung ist nicht unsicher. Wir können als Individuen Grosses für die Umwelt tun, etwa indem wir abstimmen und wählen, spenden, uns pflanzlich ernähren oder auf Flug- und andere Reisen verzichten – aber nicht, indem wir auf KI-Anfragen verzichten.

Wenn die KI-Nutzung für jeden Einzelnen von uns nur einen kleinen Bruchteil des ökologischen Fussabdrucks ausmacht, dann gilt das auch für den Fussabdruck der Menschheit als Ganzes. KI-Rechenzentren waren im Jahr 2024 für weniger als einen Tausendstel der globalen CO2-Emissionen verantwortlich; etwa fünfzig Mal weniger als die Zementproduktion8 . Diese Schätzung ist mit reichlich Unsicherheit behaftet – und vor allem betrifft sie das Jahr 2024. In Sachen KI gehört das zur Steinzeit. Aber auch die Zukunft ist weniger dramatisch als es oft dargestellt wird. Sogar wenn der Stromverbrauch der Rechenzentren im Jahr 2030 auf das Doppelte ansteigt – was die Internationale Energieagentur erwartet – so entspricht das trotzdem «nur» 3% des weltweiten Verbrauchs9 . Dazu kommt, dass wir beim Strom klarere Lösungen für die saubere Herstellung sehen als in Bereichen wie Zement, Stahl, Flugverkehr oder Landwirtschaft10 .

KI ist alles andere als harmlos

Jetzt kommt das grosse Aber. Die direkten Umweltauswirkungen der KI mögen klein sein. Die indirekten Auswirkungen sind es nicht. Die KI könnte unsere Welt auf den Kopf stellen – und falls sie das tut, dann geht das nicht, ohne die Umwelt zu tangieren.

«Die direkten Umweltauswirkungen der KI mögen klein sein. Die indirekten Auswirkungen sind es nicht.»

Ökonominnen und Ökonomen erwarten typischerweise, dass KI das Wirtschaftswachstum spürbar ankurbeln wird11 . Selbstfahrende Autos könnten zu einem höheren Verkehrsaufkommen beitragen. KI könnte totalitäre Regimes stärken, weil sie die Bevölkerung besser kontrollieren können, oder demokratische Regimes durch eine wirtschaftliche Machtkonzentration untergraben – beides wäre eine Gefahr für die politische Regulierung von Umweltproblemen. Effekte dieser Art schenken wohl weit mehr ein als die Emissionen der Rechenzentren selbst.

Natürlich könnte auch das Gegenteil eintreten. Wenn die KI in Google Maps für kürzere und flüssigere Fahrten sorgt, dann ist das gut für die Umwelt. Ebenso ist es für die Nachhaltigkeit gut, wenn die KI die Forschung zu sauberen Technologien beschleunigt, in polarisierten und ideologischen Umweltdebatten sachliche Information verbreitet oder Stürme und Dürren besser vorhersagen lässt.

Ich sehe zurzeit keine besonders starke Evidenz dafür, dass die indirekten Umweltauswirkungen der KI unter dem Strich gut oder schlecht sind. Aber ich sehe starke Evidenz dafür, dass sie gross sein könnten: entweder sehr gut oder sehr schlecht. Im Gegensatz zu den direkten Auswirkungen der Rechenzentren ist die Bandbreite an möglichen Folgen riesig. Der Grund ist schlicht und einfach, dass KI viel kann. Wenn ich mich in einer Wette festlegen müsste, so würde ich daraufsetzen, dass KI transformativer sein wird als technologische Innovationen wie Radio, Laser oder GPS – und auch als das Internet oder sogar die Elektrizität.

Wenn wir nicht bloss die Umweltfolgen der KI in Betracht ziehen, sondern ihre Auswirkungen auf die Würde und das Wohlergehen von Gottes Geschöpfen umfassender anschauen, dann sind etwas klarere Aussagen möglich. Zurzeit können nämlich radikal schlechte Szenarien – inklusive eines Kontrollverlusts über diese Technologie – nicht mit genügend hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, um allfällige positive Folgen für die Zukunft aufzuwiegen. Nobelpreisträger Geoffrey Hinton, einer der drei «Godfathers» der KI, hat die Wahrscheinlichkeit einer KI-getriebenen Menschheitsauslöschung in den nächsten drei Jahrzehnten öffentlich auf 10-20% beziffert12 . In einer Umfrage unter mehr als zweitausend Mitgliedern der KI-Forschungsgemeinschaft gab jeder Dritte eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 10% an, dass KI zu einem Ergebnis führt, das so schlimm wie die Menschheitsauslöschung ist13 .

Eine solche Gefahr kann durch kaum etwas aufgewogen werden. Auch wenn die KI Dürren, Depression und Diktatoren ins Geschichtsbuch versetzen könnte – die Negativrisiken sind zurzeit zu hoch, als dass wir diese Technologie unterstützen sollten.

Das Fazit

Das Fazit lautet also:

  1. Die direkten Umweltauswirkungen der KI sind klein.
  2. Die indirekten Umweltauswirkungen der KI könnten sehr gross sein – und zwar im positiven wie im negativen Sinn.
  3. Die weiteren Auswirkungen der KI könnten ebenfalls sehr positiv oder sehr negativ sein. Die möglichen negativen Folgen sind aber derart schlimm und lassen sich nur derart schwer ausschliessen, dass wir bezüglich KI sehr zurückhaltend sein sollten.

Oder in einem Slogan gesagt: KI-Skepsis ist angebracht …

aber nicht, weil die KI so viel Energie braucht (und dabei nicht mal was bringt, weil sie ja sowieso nichts kann);
sondern genau, weil die KI so viel kann (und dabei nicht mal so viel Energie braucht).

Und ein Fazit, das über die KI hinausgeht

Man könnte es als glücklichen Zufall ansehen, dass die direkten Umweltauswirkungen der KI oft überschätzt werden. Denn schliesslich befeuert diese Überschätzung die KI-Skepsis – und genau diese Skepsis ist ja angebracht! Richtiger Schluss, falsche Begründung.

Doch ich glaube nicht, dass man diese Überschätzung begrüssen sollte. Letztlich zahlt es sich aus, wenn wir uns um ein genaues Erfassen der Wirklichkeit bemühen. Die Auswirkungen unseres Handelns sind in den letzten Jahrzehnten viel komplexer geworden. Wer heutzutage den Nächsten dienen will, sollte die eine Hälfte der Zeit dafür einsetzen, abzuschätzen, wie den Nächsten denn tatsächlich gedient ist – und nur die andere Hälfte der Zeit, um diese Einsichten auch in die Tat umzusetzen. Damit praktizieren wir wirksamere Nächstenliebe, als wenn wir blind draufloshandeln – zum Beispiel, indem wir blind auf KI-Anfragen verzichten, obwohl diese KI-Anfragen uns dabei helfen könnten, den Nächsten zu dienen.

Die Welt ist nicht derart verwirrend geworden, dass sich unsere Bemühungen um ein besseres Verständnis nicht mehr lohnen würden. Wir können weiterhin abschätzen, was unseren Nächsten viel hilft und was wenig. Dazu ist es aber nötig, dass wir:

  • weniger auf unsere Intuition hören, welche direkte, sichtbare Effekte überschätzt – und mehr auf (sorgfältig ausgewählte) Fachpersonen hören;
  • weniger darauf achten, ob etwas einen guten oder schlechten Effekt hat – und mehr auf die Grössenordnungen dieser Effekte achten;
  • weniger an umfassende und unveränderliche Schwarz-Weiss-Narrative glauben – und uns flexibler auf neue Daten und Argumente einlassen, die nicht in unser bisheriges Weltbild passen.

Quellen

1. https://www.fuw.ch/ai-boom-laesst-strombedarf-explodieren-855216581552

2. https://www.srf.ch/sendungen/kassensturz-espresso/espresso/kuenstliche-intelligenz-hoeflich-zur-ki-eine-reine-energieverschwendung

3. https://www.unifr.ch/durabilite/assets/public/assets/uploads/L_impact_nerg_tique_de_l_utilisation_de_l_IA_1.pdf

4. https://andymasley.substack.com/p/a-cheat-sheet-for-conversations-about?open=false#%C2%A7ais-effect-on-climate-will-mostly-depend-on-how-its-used-not-on-what-happens-in-data-centers:~:text=Using%20a%20laptop%20for%201%20minute

5. https://andymasley.substack.com/p/a-cheat-sheet-for-conversations-about?open=false#%C2%A7ais-effect-on-climate-will-mostly-depend-on-how-its-used-not-on-what-happens-in-data-centers:~:text=to%20use%20more%20energy%20per%20minute%20than%20ChatGPT

6. https://andymasley.substack.com/p/a-cheat-sheet-for-conversations-about?open=false#%C2%A7ais-effect-on-climate-will-mostly-depend-on-how-its-used-not-on-what-happens-in-data-centers:~:text=going%20to%20use%20more%20energy

7. https://andymasley.substack.com/p/the-ai-water-issue-is-fake?open=false#%C2%A7how-big-of-a-deal-is-it-that-data-centers-use-potable-water:~:text=%2D%202550%20prompts-,A%20400%20page%20book%20%2D%201%2C000%2C000%20prompts,-If%20you%20want

8. https://andymasley.substack.com/p/a-cheat-sheet-for-conversations-about?open=false#%C2%A7ais-effect-on-climate-will-mostly-depend-on-how-its-used-not-on-what-happens-in-data-centers:~:text=But%20all%20AI,as%20cement%20production.

9. https://www.iea.org/reports/energy-and-ai/energy-demand-from-ai#:~:text=Our%20Base%20Case%20%C2%A0finds%20that%20global%20electricity%20consumption%20for%20data%20centres%20is%20projected%20to%20double%20to%20reach%20around%20945%C2%A0TWh%20by%202030%20in%20the%20Base%20Case%2C%20representing%20just%20under%203%25%20of%20total%20global%20electricity%20consumption%20in%202030

10. Die Zahlen in diesem Abschnitt stützen sich primär auf die Übersichten von Andy Masley. Er legt seine Zahlen transparent dar, begründet nüchtern, legt Unsicherheiten offen, und setzt sich mit den divergierenden Zahlen – bzw. Narrativen – auseinander. Meines Wissens gibt es keine signifikanten Einwände gegen sein Fazit. Wenn es um umstrittene Fakten im Umweltbereich geht, so höre ich jeweils auf die Daten- und Umweltwissenschaftlerin Hannah Ritchie und sie hat Andy Masleys Recherchen explizit empfohlen. Auch andere unabhängige Quellen blasen ins gleiche Horn. Eine prominente Buchautorin hat ihre Zahlen zum KI-Wasserverbrauch aufgrund von Masleys Recherchen massiv angepasst. An dieser Stelle will ich mit Dank anerkennen, dass sich dieser Artikel nicht nur für die Zahlen auf Andy Masleys Arbeit stützt, sondern auch breiter von seinem Framing und seiner Argumentation profitiert.

11. https://tecunningham.github.io/posts/2025-10-19-forecasts-of-AI-growth-extended.html

12. https://www.theguardian.com/technology/2024/dec/27/godfather-of-ai-raises-odds-of-the-technology-wiping-out-humanity-over-next-30-years

13. https://arxiv.org/abs/2401.02843


Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

1. März 2026/0 Kommentare/von Dominic Roser
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/QmZPFrxRKYuHU7Gxv942r1Vo5jLiQ3QuMMdnoLetexqy5k.jpg 1000 1500 Dominic Roser https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Dominic Roser2026-03-01 11:49:122026-03-01 19:21:11Umweltethik: Der Energiehunger der KI ist noch ihr kleinstes Problem

Mit dem Klimafonds mehr Spielraum für Klimawandelanpassungen

Gesellschaft, Politik, Soziales, Umwelt, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Massnahmen gegen den Klimawandel kosten viel Geld. Mit der Annahme des Klimaschutzgesetzes im Jahr 2023 stehen der Schweiz jährlich 2 Milliarden Franken für diese Massnahmen zur Verfügung. Mit dem Ziel Netto-Null 2050 vor Augen braucht es aber dringend weitere finanzielle Mittel. Diese sollen in einem Klimafonds angelegt werden, über welchen das Schweizer Volk am 8. März 2026 abstimmt.

Die Klimafonds-Initiative will einen staatlichen Investitionsfonds schaffen, in den der Bund jährlich 0,5 bis 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) einzahlt. Dies entspricht etwa 4 bis 8 Milliarden Franken pro Jahr (Der Bundesrat 2026). Mit dem Klimafonds sollen nationale Massnahmen zur Klimawandelanpassung gefördert werden. Zu diesen Massnahmen zählen zum Beispiel: der Ausbau erneuerbarer Energien, Sanierungen von Gebäuden, Unterstützung beim Ersatz fossiler Heizungen durch moderne Technologien (z.B. Wärmepumpen), die Förderung von E-Mobilität sowie die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften.

Ökonomisch verträglich?

Die Idee, mit einem staatlichen Investitionsfonds Projekte im Nachhaltigkeitsbereich zu finanzieren, ist nicht neu. Befürworterinnen und Befürworter der Initiative weisen darauf hin, dass in den 1970er Jahren der Bau grosser Staudämme wie auf dem Grimselpass und der Ausbau des Schienennetzes in den 1980er Jahren mit zwischen 1 bis 4 Prozent des BIP finanziert wurden. In den 1990er gerieten allerdings die Bundesfinanzen so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sich ein riesiger Schuldenberg anhäufte (EFD 2024). Das Parlament und der Bundesrat waren sich einig darüber, dass es konkrete Ausgaberegeln brauchte. Diesen Mechanismus zur Steuerung der Gesamtausgaben des Bundes nennt sich Schuldenbremse.

Die Schuldenbremse bezieht sich auf die der wirtschaftlichen Lage entsprechenden Einnahmen und begrenzt so die Ausgaben (EFD 2024). Eine Erhöhung der Ausgaben ist nur dann möglich, wenn deren Finanzierung durch Einnahmen oder Verzichte gesichert ist.

Während der Corona-Pandemie geriet die Schuldenbremse erstmals seit deren Implementierung an ihre Grenzen, da der Bund rund 35 Milliarden Franken zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen zur Verfügung stellen musste (EFD 2025). Diese Schulden werden voraussichtlich bis 2035 abgebaut, wodurch der Bundeshaushalt wieder ins Lot kommen soll. Es stellt sich daher die Frage, ob die Gegner der Initiative auch im Hinblick auf die bereits bestehende Belastung des Bundeshaushalts durch die Schulden der Pandemie befürchten, dass der Klimafonds zu einer grösseren Verschuldung und höheren Steuern führen könnte (Der Bundesrat 2026).

Mutig statt ängstlich in die Zukunft

Es ist sicher sinnvoll, die Befürchtungen der Gegner der Initiative im Hinterkopf zu behalten, wenn es darum geht, den Klimafonds einzuführen. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass die Schuldenbremse für die tiefe Verschuldung der Schweiz im internationalen Vergleich verantwortlich ist (EFD 2025). Zum Beispiel beträgt die Nettostaatsschuldenquote lediglich 17.2 Prozent des BIP, was ein sehr niedriger Wert darstellt. Jedoch müssen wir auch an die Ausgaben für die Folgen des Klimawandels denken, die in Zukunft deutlich ansteigen werden (GRÜNE Schweiz und SP Schweiz 2026). Schon heute sind Hitzeschäden an Wäldern, der Rückzug der Gletscher und die damit einhergehende Instabilität von Gebirgshängen sowie wirtschaftliche Einbussen durch Schneemangel in Wintertourismusregionen zu beobachten. Schäden bei Wetterextremereignissen wie Hochwasser und Erdrutsche können durch gezielte Schutzmassnahmen stark reduziert werden. Der Klimafonds bietet daher die Möglichkeit, durch frühzeitige Investitionen grössere Ausgaben bei Schäden zu vermeiden, was sich positiv auf den Staatshaushalt auswirken kann (SRF 2026). Es lohnt sich also, mutig in eine ungewisse Zukunft voranzuschreiten, anstatt sich von finanziellen Ängsten getrieben nicht vom Fleck zu bewegen.

Sozial gerecht

Die Abstimmungsvorlage sieht auch zwei konkrete Massnahmen vor, um den Klimafonds sozial gerecht zu gestalten. Zum Ersten schafft und sichert der Fonds Arbeitsplätze (SRF 2026). Denn um die Massnahmen gegen den Klimawandel umzusetzen, braucht es Fachkräfte in unterschiedlichen Bereichen. Diese Fachkräfte sollen durch den Fonds aus- und weitergebildet werden. Hierfür erhalten sie finanzielle Beiträge für den Ausgleich des Einkommensausfalls während der Ausbildungszeit.
Zum Zweiten können Gemeindeverwaltungen, Unternehmen und Privatpersonen schon heute Fördermittel zur Installation von Photovoltaikanlagen und nachhaltigen Heizsystemen, energetischen Sanierungen von Gebäuden, usw. beziehen. Eine wertvolle Übersicht zu Förderbeiträgen bietet zum Beispiel energieschweiz. Mit der Annahme der Klimafonds-Initiative stünden noch mehr solcher Subventionsmöglichkeiten zur Verfügung, wovon auch Menschen mit geringem Einkommen und Vermögen profitieren können (Der Zeitgenosse 2026).

Ökologisch interessant

Eine weitere spannende Massnahme, die mit dem Klimafonds unterstützt werden soll, stellt die Stärkung der Biodiversität dar. In zahlreichen Schweizer Städten kommen im Sommer mittlerweile mobile Bäume zum Einsatz, um auf Plätzen für Schatten und Kühlung zu sorgen. Wo möglich werden hitzeresistente Bäume gepflanzt. Nebst dem kühlenden Effekt dienen Bäume als natürliche CO2-Speicher und als Lebensraum für Insekten, Vögel und Säugetiere.

Nachhaltige Entwicklung

Die Abstimmungsvorlage zum Klimafonds erfüllt die drei Pfeiler der Nachhaltigen Entwicklung: Sie ist wirtschaftlich, sozial und ökologisch gut durchdacht und verträglich. ChristNet begrüsst sie, denn wir sehen in ihr die Chance, dem Klimawandel vorsorglich entgegenzutreten und auch jene Menschen mit auf diesen Weg zu nehmen, die über wenig finanzielle Ressourcen verfügen.
Ungeachtet der Abstimmung lohnt es sich, für die Schweiz zu beten: Für Weisheit im Bundeshaus im Umgang mit Schulden, für Menschen, die bereits von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, und für Gottvertrauen im Angesicht einer ungewissen Zukunft.

Hier, was die BAZ zu diesem Thema schreibt.


Quellen

Der Bundesrat (2026). Das Portal der Schweizer Regierung. Klimafonds-Initiative. Link: https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/abstimmungen/20260308/klimafonds-initiative.html (Stand: 4. Februar 2026)

Der Zeitgenosse (2026): Klimafonds-Initiative. Eidg. Volksabstimmung, 8. März 2026. Youtube. Link: https://www.youtube.com/watch?v=zle0hoSHt8A (Stand: 28. Januar 2026).

Eidgenössisches Finanzdepartement EFD (2024): Die Schuldenbremse. Link: https://www.efd.admin.ch/de/schuldenbremse (Stand: 13. Februar 2024).

Eidgenössisches Finanzdepartement EFD (2025): Bundesschulden. undesschulden. Link:
https://www.efd.admin.ch/de/bundesschulden (Stand: 10. Februar 2026).

Energieschweiz: Förderbeiträge und Subventionsmöglichkeiten (2026). Link: https://www.energieschweiz.ch/foerderung/ (Stand: 4. Februar 2026).

GRÜNE Schweiz und SP Schweiz (2026): Ja zur Klimafonds-Initiative. Link: https://www.klima-fonds.ch/ (Stand: 4. Februar 2026).

Schweizer Radio und Fernsehen SRF (2026): Staatlicher Klimafonds soll Schweiz bis 2050 klimaneutral machen. Link: https://www.srf.ch/news/schweiz/abstimmung-am-8-maerz-staatlicher-klimafonds-soll-schweiz-bis-2050-klimaneutral-machen (Stand: 13. Januar 2026).


Foto von Milosz Roman auf Unsplash

11. Februar 2026/0 Kommentare/von Noelia Trachsel
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/02/Gletscher-219387213.jpg 788 1400 Noelia Trachsel https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Noelia Trachsel2026-02-11 17:27:242026-02-16 14:33:51Mit dem Klimafonds mehr Spielraum für Klimawandelanpassungen

Stadtentwicklung: Durch «Placemaking» Platz schaffen für lebendige und identitätsstarke Orte

Gesellschaft, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Zum Titelbild: Genossenschaft Dreieck in Zürich-Wiedikon1 : Die ziemlich baufälligen Häuser hätten in den 90ern abgerissen werden sollen, die Bewohnenden haben sich erfolgreich dagegen gewehrt und die Häuser und Freiräume in Eigenregie umgestaltet und modernisiert.

Städte haben heute ein schlechtes Image. Sie werden als zu gross, zu dicht bevölkert, zu teuer und zu lärmig empfunden. Heutige Stadtplaner wissen das. Und stellen sich den Herausforderungen mit kreativen Ansätzen. Wie Samuel Leder. Er hat ein Anliegen: Platz für gute Prozesse schaffen, insbesondere auch in den Agglomerationen.

Joëlle Zimmerli2 : Herr Leder, wer sind Sie? Und was ist «Placemaking»?

Mein Name ist Samuel Leder, und ich leite an der Universität Zürich verschiedene Weiterbildungskurse, darunter das «CAS Urban Management» und den Kompaktkurs zu «Placemaking». Beim Urban Management geht es darum, in partnerschaftlichen Prozessen gemeinsam gute Siedlungsräume und mehr Wohnraum zu schaffen. In vielen Fällen liegt der Fokus dabei auf den Akteuren der öffentlichen Hand, der Immobilienwirtschaft und den planenden Disziplinen wie Architektur und Verkehrsplanung.

Das «Placemaking» bringt ergänzend dazu einen neuen, frischen Ansatz, welcher für die Entstehung lebendiger und identitätsstarker Orte von grosser Bedeutung sein kann – nämlich den Einbezug von lokal engagierten «Laien». Mein erster Kontakt mit diesem Konzept war in den Niederlanden, wo solche Konzepte bereits seit einiger Zeit etabliert sind.

In der Fachwelt ist das «Placemaking» im Moment in aller Munde, und man verspricht sich viel davon. Können Sie uns das Konzept etwas näherbringen?

Kurz gesagt geht es um «Community-basierte Nachbarschaftsentwicklung». Das heisst, dass physische Räume und soziale Gemeinschaften in einem möglichst ergebnisoffenen, iterativen3 Prozess gemeinsam weiterentwickelt werden und dadurch Orte entstehen, die langfristig attraktiv, integrativ und lebenswert sind. Das erachte ich auch als eines der zentralen Elemente der sozialen Nachhaltigkeit.

Der Begriff «Placemaking» versammelt im Grunde verschiedene Methoden, mit denen lokale Akteure auf eine zielführende Art und Weise in die Nachbarschaftsentwicklung eingebunden werden können. Das ist etwas, das man schon lange als wichtig empfunden hat, aber oft fehlt dafür die passende Sprache und die systematischen Ansätze für die Umsetzung. Das Vokabular und die Erfahrungen aus der Placemaking-Bewegung, welche in den 90er-Jahren in den USA unter diesem Begriff entstanden ist, können hier sehr hilfreich sein.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein typischer Fall sind Anwohnende, die sich stärker in ihrer eigenen Nachbarschaft engagieren möchten; oder zum Beispiel Kirchgemeinden oder ähnliche Organisationen, welche über ihre eigenen Mitglieder hinaus in einem Quartier wirken möchten. Sie möchten zum Beispiel soziale Treffpunkte aufbauen, brachliegende Freiflächen bepflanzen oder generationenübergreifende Kontakte stärken. Ihre Spielräume sind aber oft limitiert aufgrund von rechtlichen, räumlichen, finanziellen oder anderen Rahmenbedingungen. Umgekehrt sieht man gerade bei Neubauprojekten oft eine gewisse Ratlosigkeit der Immobilien-Eigentümerschaft, wie sich Erdgeschosse oder Aussenräume aktivieren und im Sinne einer lebendigen Nachbarschaft optimal nutzen lassen. Placemaking-Methoden können helfen, diese Lücke zu schliessen.

Somit bedeutet Placemaking schlicht mehr Partizipation?

Unter «Partizipation» wird heute oft etwas anderes verstanden, nämlich, dass Laien an einem Prozess partizipieren dürfen, der aber primär von Experten gesteuert wird. Es gibt also eine klare Hierarchie. In der Regel ist es dann so, dass die öffentliche Hand oder ein Immobilienentwicklungsunternehmen ein konkretes Projekt plant und lokale Betroffene an einem bestimmten Punkt im Prozess einlädt, dazu Stellung zu nehmen oder eigene Wünsche zu äussern.

Placemaking dagegen beschreibt einen ergebnisoffenen Prozess, wonach sowohl Eigentümerschaft, Planende wie auch zivilgesellschaftliche Akteure jeweils etwas beitragen, was die anderen Parteien nicht beitragen können. Es ist also nicht ein «Partizipieren», sondern ein «Co-Kreieren» der lokal Betroffenen. Langfristig lebendige Orte brauchen ja kontinuierliche Pflege und Weiterentwicklung durch Leute, die täglich vor Ort sind und sich mit ihrem Umfeld identifizieren.

SSREI misst die Nachhaltigkeit von Immobilienportfolios, dazu zählen auch gesellschaftliche Kriterien. Können Sie uns erklären, wie sich dieses Konzept in nachhaltige Immobilien, Areale oder Quartiere einordnet?

Placemaking fördert die soziale Interaktion im Alltagsumfeld und ermächtigt Leute dazu, ihr eigenes Umfeld mitzugestalten und sich zu engagieren. Dadurch entstehen soziale Netze und integrative Strukturen, welche besonders für Leute wertvoll sein können, die sonst sozial isoliert sind, etwa ältere Personen oder Leute, die finanziell einen beschränkten Spielraum haben. Manche gewachsenen Nachbarschaften sind bereits «Places» in diesem Sinne und weisen ein starkes soziales Netz auf. In anderen Fällen fehlt dieses Netz komplett. Für Immobilieneigentümer gilt: Ein Gemeinschaftsraum allein schafft noch keine Interaktion – dazu braucht es eben die entsprechenden gemeinschaftsbildenden Prozesse.

Können Sie uns erklären, wie diese Prozesse ablaufen und wer für das Placemaking verantwortlich ist?

Ein Schlüsselfaktor im Placemaking-Prozess sind die sogenannten «Local Heroes», d.h. Personen, die sich innerlich motiviert im Quartier engagieren wollen. Das können Anwohnerinnen und Anwohner sein, Hauseigentümerinnen und -eigentümer mit einem starken Anliegen für das Quartier, Social Entrepreneurs oder auch Vertreterinnen und Vertreter von lokalen Stiftungen, Vereinen, Schulen oder Kirchgemeinden, welche sich für nachbarschaftliche Belange einsetzen. Local Heroes sind Idealisten, die sich für den Ort interessieren, Potenziale sehen und sich dafür engagieren, dass diese realisiert werden.

Damit dieses Engagement aber auch effektiv und langfristig wirkungsvoll sein kann, braucht es zugleich die bereitwillige Unterstützung der «Top-Down-Akteure» – je nach Situation also von Immobilien-Eigentümern, der öffentlichen Hand oder weiteren wichtigen Institutionen vor Ort.

Wie unterscheidet sich der Placemaking-Prozess vom klassischen Planungsprozess?

Der klassische Planungsprozess verläuft linear und versucht, Schnittstellen zu minimieren. Die community-basierte Nachbarschaftsentwicklung ist im Gegensatz dazu viel eher ein Hochschaukeln. Das bedeutet, dass man eine Vision entwickelt, Allianzen bildet, bauliche Prototypen erstellt, Nutzungsprototypen entwickelt und Events umsetzt. Funktioniert ein Ansatz, wird er ausgebaut und weiterentwickelt. Dadurch entsteht ein Momentum und gegenseitiges Vertrauen unter allen Beteiligten, was grösseren Handlungsspielraum für die nächsten Schritte schafft.

In diesem Sinne ist der co-kreative Prozess der Logik einer «agilen Startup-Entwicklung» näher als dem klassischen Immobilien-Investment. Wer Placemaking macht, geht ein Risiko ein, denn das Endresultat ist nicht von vornherein bekannt.

Im Gegenzug ist das potenzielle Resultat aber sehr viel besser als der anfängliche Spielraum erlaubt hätte. Gerade in der Innenentwicklung im bestehenden Siedlungsraum ist ein solch ergebnisoffener Prozess oft die einzige Alternative zum Totalstillstand oder zu isolierten Einzelprojekten, welche lediglich dem «kleinsten gemeinsamen Nenner» entsprechen und dadurch keinen Mehrwert für das Umfeld und die Gemeinschaft bieten.

Welchen Anreiz haben Eigentümerinnen und Entwickler, einen solchen Ansatz zu verfolgen?

Es geht darum, Netzwerke zu bilden, Akzeptanz zu schaffen und damit auch politische Risiken zu reduzieren. Placemaking schafft attraktive Orte und trägt zur langfristigen Wertstabilität bei, es erleichtert die Positionierung und kann natürlich auch für die Kommunikation und Vermarktung genutzt werden. Und: Wer einen guten «Place», eine gute Adresse schafft, kann auch etwas stolz auf sich sein.

Was ist der Unterschied von Placemaking zur klassischen Quartiersarbeit, also dem, was die öffentliche Hand, Quartiervereine oder soziale Institutionen schon seit langem in Quartieren machen?

Das Placemaking bezieht Akteursgruppen mit ein, die sich sonst in der Regel nicht persönlich begegnen – Immobilien-Eigentümerinnen, die öffentliche Hand, «Local Heroes» verschiedenster Art – und begrenzt sich nicht auf die soziale Vernetzung, sondern entwickelt den Ort räumlich und baulich weiter. Was durch einen solchen Prozess entstehen kann, geht in vielen Fällen weit über das hinaus, was man mit reiner Quartierarbeit anstossen kann – auch im Hinblick auf die Attraktivität eines Standorts, und damit logischerweise auch auf die Immobilienwerte. Dieser Aspekt ist natürlich jeweils auch frühzeitig mitzudenken, um unerwünschte Verdrängungseffekte zu vermeiden.

Und wo gibt es aus Ihrer Sicht den grössten Handlungsbedarf?

Die Prinzipien sind grundsätzlich überall anwendbar. Allerdings sehe ich das grösste Potenzial heute im suburbanen Raum: Die Agglomeration ist häufig austauschbar und anonym, und es fehlen belebte Räume, an denen man sich gerne trifft und aufhält. Dabei gäbe es auch an vermeintlich anonymen, suburbanen Orten potenziell identitätsstiftende Gebäude, Geschichten und ungestillte Bedürfnisse, die als Ausgangspunkt für die Entstehung eines guten «Place» dienen können.

Wie lange dauert ein solcher Prozess?

Das ist von Situation zu Situation unterschiedlich. Am besten beginnt man schon im Rahmen einer Ideen- und Visionsbildung damit, Kontakte unter konstruktiv engagierten «Local Heroes» aufzubauen. Man kann aber auch noch im Verlauf eines konkreten Planungs- und Bauprozesses gewisse Elemente des Placemaking integrieren und selbstverständlich auch jederzeit bei bestehenden Gebäuden. Zum Beispiel durch das aktive Kuratieren von Aussenräumen, oder indem man günstige Voraussetzungen für niederschwelliges Engagement bietet.

Wenn sich eine Eigentümerin oder ein Entwickler für das Thema interessiert: Wie geht man am besten vor?

Zuerst braucht es ein Umdenken, was die eigene Rolle angeht. Und dann gibt es drei parallele Entwicklungsdimensionen: Erstens das gemeinsame Entwickeln einer Vision zusammen mit lokalen Akteuren, zweitens das konstante Testen und Weiterentwickeln von baulichen und räumlichen Prototypen und drittens das Aufbauen und Stärken der lokalen Community. Diese Dimensionen kommen nicht nacheinander, sondern laufen parallel und iterativ.

Der SSREI berücksichtigt neben ökologischen und ökonomischen Faktoren auch diverse gesellschaftlich-soziale Aspekte. Findet dieses Thema Ihres Erachtens ausreichend Berücksichtigung?

Im SSREI erhält man Punkte, wenn bei einer Arealüberbauung ein Gemeinschaftsraum und bei einem normalen Mehrfamilienhaus vergleichbare Gemeinschaftsstrukturen im Quartier vorhanden sind. Sofern diese Strukturen an den realen Bedürfnissen ausgerichtet sind und auch entsprechend gut bewirtschaftet werden, schaffen sie gute Voraussetzungen für eine lebendige und integrative Nachbarschaft. Ohne ein zusätzliches Engagement lokaler Akteure sind aber solche baulichen Strukturen noch nicht ausreichend. Es bleibt abzuwarten, ob der Placemaking-Ansatz hier einen Beitrag leisten kann, die Bewertungsmöglichkeiten im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit noch aussagekräftiger zu machen.


1. Mehr dazu hier: https://genossenschaftdreieck.ch/genossenschaft/geschichte/

2. Das von Joëlle Zimmerli geführte Interview wurde im SSREI-Newsletter vom Juni 2023 veröffentlicht und uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt. SSREI ist ein Standard für nachhaltige Immobilienbestandsbewertung.

3. Laut Definition ist der iterative Prozess ein Ansatz, bei dem ein Projekt, Produkt oder Vorhaben erstellt, weiterentwickelt und verbessert wird. Teams, bei denen ein iterativer Prozess zum Einsatz kommt, erstellen, testen und überarbeiten einen Ablauf so lange, bis sie mit dem Endergebnis zufrieden sind. (Quelle: Internet)


Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist.

Samuel Leder (MSc. Architektur ETH) ist Programmleiter Urban Management und Initiator des Placemaking-Kompaktkurses am Center for Urban and Real Estate Management (CUREM) der Universität Zürich. Ausserdem engagiert er sich als Co-Präsident im 2023 gegründeten Verein «Placemaking Switzerland», einer Art Branchenverband und Netzwerkplattform für Placemaking in der Schweiz.

Kommende Placemaking-Kurse
2. September 2025/0 Kommentare/von ChristNet
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/09/20210914_Zuerich_Dreieck_Placemaking-Symbolb_ild_von_SL2.jpg 838 1200 ChristNet https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg ChristNet2025-09-02 11:17:022025-09-02 19:43:07Stadtentwicklung: Durch «Placemaking» Platz schaffen für lebendige und identitätsstarke Orte

«Steuern senken!» – Die Verlockung ist gross

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Soziales, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

Reihum in jedem Kanton darf das Volk über Steuersenkungen abstimmen. Die Vorlagen tönen jeweils verlockend und versprechen «dem Mittelstand» mehr Geld. Doch wer profitiert wirklich? Und wer leidet darunter am meisten? Wem sollte die Steuerpolitik eigentlich dienen?

Mit dem zunehmenden Gesamtwohlstand haben viele Menschen etwas zu verteidigen. Deshalb springen sie meist auf den Zug auf, wenn eine Abstimmungsvorlage eine Reduktion irgendeiner individuellen Steuer vorsieht: Einkommenssteuer, Autosteuer, Lotteriesteuer etc. Dabei ist keinerlei Konzept erkennbar, welches nun sinnvolle und gerechte Steuern sind. Hauptsache Abbau!

Weltweit – auch in der Schweiz – werden Steuersenkungen versprochen oder angeboten. Die Verlockung ist gross. Treiber dafür sind

  • unser Geiz: ich habe etwas zu verteidigen.
  • unser Stolz: es ist mein Vermögen, ich habe es durch meine eigene Leistung verdient. Genau in diese Kerbe schlägt die FDP, die uns einredet, Reichtum komme einzig durchs frühe Aufstehen und harte Arbeiten zustande, obwohl nachweislich Erbschaften und Marktfähigkeit der Begabungen genauso entscheidend sind.
  • die Rechtfertigungsideologien für das Nicht-Teilen:
    1.) Der Staat ist böse und zu mächtig und gibt zu viel aus (alle finden eine Ausgabe, die ihnen nicht passt …).
    2.) Diejenigen, die die Unterstützung des Staates benötigen, sind nur faul.

Hilfe für die Falschen

Die Mehrheit der Stimmenden stört sich auch nicht daran, dass bei der Reduktion der Einkommenssteuer in der Regel der grösste Teil denjenigen zugute kommt, die dieses Geschenk am wenigsten brauchen. Denn in der Regel werden die Einkommenssteuern prozentual gesenkt, was bei hohen Einkommen am meisten «einschenkt».

Wenn Steuersenkung, dann für diejenigen, die es am meisten brauchen!

Wenn eine Steuersenkung wirklich denjenigen mit tiefem Einkommen nützen soll, muss dies über einen für alle gleichen Abzug auf der Steuerrechnung geschehen. Dieser Betrag – zum Beispiel ein Kinderabzug – fiele dadurch bei Niedrigverdienenden viel stärker ins Gewicht als bei Hochverdienenden. Werden Abzüge hingegen vom steuerbaren Einkommen abgezogen, profitieren nur diejenigen voll davon, die ein steuerbares Einkommen in einer Höhe haben, die diese Abzüge auch tatsächlich erlaubt.

Wenn Steuersenkung, dann für diejenigen, die es am meisten brauchen!

Selbst die Mitte als «Familienpartei» will die Krankenkassenprämien für Kinder nur vom steuerbaren Einkommen abziehen und nicht von der Steuerrechnung. Damit hilft sie gerade nicht denjenigen Familien, die diese Abzüge am meisten bräuchten.

Welcher Schmerz, welche Belastung?

Schon Bundesrat Villiger meinte vor über 20 Jahren, dass diejenigen am stärksten über die hohe Steuerlast klagen, die die Steuern am besten bezahlen können. Warum glauben wir immer noch, dass Steuern in jedem Fall eine Belastung sind? Und wann sind sie es nicht mehr? Wir müssen damit beginnen, nicht den zu zahlenden Steuerbetrag zu betrachten, sondern wieviel den Menschen nach Abzug aller obligatorischen Ausgaben wie Steuern, Sozialversicherungsbeiträge und Krankenkassenprämien zum Leben bleibt, also was ihr frei verfügbares Einkommen ist. Es gibt Kreise, die sagen, dass die Reichen ja schon den Löwenanteil an Steuern bezahlten. Doch dies ist eine falsche Sichtweise, denn diese Tatsache widerspiegelt einzig die riesigen Einkommensunterschiede und in der Folge davon die sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, Steuern zu zahlen. Und es geht dabei nicht um Einkommensgruppen, sondern um Einzelpersonen: Wie belastend ist es für einzelne, Steuern zu bezahlen?

«Den Leuten etwas zurückgeben» – und die Bedürftigen im Regen stehen lassen

Der Zürcher Kantonsrat beschloss auf das Jahr 2023 hin eine Reduktion des Steuerflusses, «um den Leuten nach der Corona-Pandemie etwas zurückzugeben», obwohl alle wissen, dass benachteiligte Gruppen mehr unter den Auswirkungen der Pandemie gelitten haben als die andern. Genau sie sind durch die Sparmassnahmen, die in der Regel auf eine Steuersenkung folgen wiederum am meisten betroffen.

Bei diesen Steuersenkungen handelt es sich also nicht nur um ein sinnloses «Giesskannenprinzip», sondern eine gezielte Umverteilung zu den Falschen: Gemeinden haben weniger Geld für Sozialhilfe und Integrationsmassnahmen, bei den Schulen in der Schweiz wurden in den letzten 20 Jahren gespart. Letzteres führte oft zu grösseren Klassen und damit in vielen Fällen zur schlechteren Integration von Kindern ohneBildungshintergrund. Ergänzungsleistungen für mittellose Senioren und Krankenkassenprämienzuschüsse für Familien mit kleinem Einkommen wurden abgebaut. Zahlreiche Spitäler wurden geschlossen und der ÖV verteuert. Bei Steuersenkungen sparen die einzelnen Otto-Normalverbraucher einige Zehner-Nötli, während durch die Steuersenkungen Teile des Service public zerstört werden.

Race to the bottom

Gerade in der Schweiz führt die Steuerkonkurrenz unter den Kantonen zu einem «race to the bottom», einem zerstörerischen Steuersenkungs-Wettlauf: Bereits reiche Kantone senken ihre Steuern noch mehr, was bei Nachbarkantonen zur Abwanderung von reichen Personen und Firmen führt. Auch ärmere Kantone sind deshalb gezwungen, Steuern zu senken, was wiederum zu Sparrunden führt. Ein weiteres Problem ist, dass Steuern, die gesenkt wurden, nicht mehr erhöht werden können.

Nun senkt Zug wiederum seine Steuern, was für Nachbarn wie Luzern zu weiteren Schwierigkeiten führt und armen Menschen noch mehr schaden wird. Der Steuerausgleich zwischen den Kantonen ist dabei nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Das Grundproblem ist der Steuerwettbewerb, der aus dem Ruder läuft und zu dessen Beschränkung vor rund 15 Jahren eine Abstimmung über eine Steuergerechtigkeits-Initiative stattgefunden hat. Doch nach einer Mega-Angstkampagne der Gegner, in der fälschlicherweise behauptet wurde, bei Annahme gäbe es Steuererhöhungen für alle, wurde die Initiative abgelehnt. Deshalb geht das «race to the bottom» weiter! Durch diesen Abbau der individuellen Steuern, vor allem der Steuerprogression, dem Ausbau der Gebühren und der Abgaben für die Sozialversicherungen hat die Schweiz in der Realität bereits seit dem Jahr 2001 eine Flat Tax: Prozentual zahlen Arme und Reiche gleich viel Steuern und obligatorische Abgaben (z.B. Krankenkassenprämien).

Bei Steuerfragen wird immer wieder das Argument angeführt, man könne es nicht immer bei den Reichen holen. Die Realität zeigt eher das Gegenteil.

« L’argent, c’est le nerf de la guerre »

In den 70er-Jahren kam Ronald Reagan mit den Wirtschaftswissenschafter Milton Friedman zusammen. Sie überlegten, wie sie die Macht des Staates allgemein gegenüber der Macht der Wirtschaft und der Vermögenden sowie die Umverteilung zurückbinden könnten. Sie waren sich einig, dass es unmöglich war, den Menschen einen Abbau des Wohlfahrtsstaates und damit der Leistungen, von denen sie profitieren, schmackhaft zu machen. Das musste unter Zwang geschehen, also eher durch die Verknappung der finanziellen Mittel. So entwickelten sie die Strategie, den Menschen eine Steuerreduktion zu versprechen. Der Abbau des Staates würde automatisch folgen, da «plötzlich» nicht mehr genügend Mittel vorhanden wären. Nach der Wahl Reagans zum Präsidenten kam dieses Mittel dann weltweit zur Anwendung und wird heute als Teil der neoliberalen Revolution angesehen.

Oxfam hat nachgezeichnet, dass diese Steuerrevolution seit der neoliberalen Wende unter Reagan und Thatcher ein wichtiger Grund für die weltweite Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich ist. Diese sozialen Unterschiede wirken sich auch auf die Informationsmacht aus: Auch in der Schweiz werden immer mehr Medien von Milliardären geschaffen oder gekauft. Sie beanspruchen so die Deutungshoheit über die sozialen Verhältnisse und treiben die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen in ihre Richtung.

Wie sieht eine sinnvolle Steuerpolitik aus?

Wir müssen endlich ein echtes Konzept entwickeln, welche Steuern am sinnvollsten und gerechtesten sind, und eine Steuerpolitik verfolgen, die denjenigen dient, die auf Entlastung einerseits und/oder auf die öffentliche Hand wirklich angewiesen sind! Dieses Konzept muss

  1. genügend Ressourcen für die gemeinsamen, also öffentlichen Aufgaben sichern
  2. gerecht sein
  3. die riesigen Differenzen bezüglich Lebenschancen und sozialer Macht zwischen den Menschen vermindern

Was könnte das beinhalten?

  1. ​Genügend hohe Steuereinnahmen
    · Diversifizierte Steuern, damit das Gesamtsystem weniger krisenanfällig ist.
    · Verminderung der Steuerkonkurrenz, die Abwanderung bzw. ein «race to thebottom» auslöst.
  2. Je weniger das Einkommen bzw. der Reichtum durch Eigenleistung zustandegekommen ist, umso höher wird besteuert.
    · Erbschaftssteuer ausbauen.
    · Dem Mythos «Lohn = Leistung» entgegentreten: Der Lohn ist der Marktwert der Tätigkeit/Position, die z.B. auch durch angeborene Fähigkeiten erreicht wird. Sicher kann jede bzw. jeder selbst dazu beitragen, aber nur zum Teil.
  3. Für eine hohe Progression sorgen: Kriterium ist, was jemand bezahlen kann und dann immer noch reich ist. Wieviel hat jemand an frei verfügbarem Einkommen?

Links zum Weiterlesen:

Erbschaftssteuer: Die gerechteste Steuer – Argumente für die Erbschaftssteuerreform
Eine biblische Steuerpolitik: Eine biblische Steuerpolitik? – Grundlegende Gedanken

Foto von Pawel Czerwinski auf Unsplash

28. Juli 2025/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/07/pawel-czerwinski-jkwWCG6wYcI-unsplash-scaled.jpg 1707 2560 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2025-07-28 12:29:012025-08-08 16:15:03«Steuern senken!» – Die Verlockung ist gross

Konsum: Erlebnisse statt Dinge – aber oft genauso konsumorientiert

Gesellschaft, Gesundheit, Philosophie, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 5 min

In meinem Umfeld beobachte ich einen interessanten Wandel: Materieller Besitz wirkt zunehmend oberflächlich sowie nicht nachhaltig und ist deswegen verschrien. Minimalismus-Influencerinnen wie Marie Kondo stossen mit der Idee von radikaler Besitzreduzierung auf Begeisterung. Besitzverzicht wird zur Tugend.

Doch was tritt an seine Stelle? Nicht der Verzicht auf Konsum, sondern ein Wechsel der Form: Statt Dinge zu sammeln, jagen wir Erlebnissen hinterher – und glauben, damit weniger konsumorientiert zu sein. Doch der Konsumismus lebt weiter – einfach in einem neuen Gewand.

Waren Sie auch schon mal in der Wohnung einer älteren Person, die überquillt von Sächelchen, Andenken und Krimskrams? Die künstliche Riesenmuschel aus Mallorca, Geschenke der Grosskinder, das Halsband der lange verstorbenen Familienkatze, eine verstaubte Ausgabe der Zeitschrift «Schweizer Familie» von 2014. In früheren Generationen war das Sammeln und Behalten ein Ausdruck von Fürsorge, Erinnerung und Beständigkeit.

Vom Besitz-Konsum zum Erlebnis-Konsum

Oder kennen Sie die lächelnde Fitness-Bloggerin, die in jedem Video ein neues farblich abgestimmtes Outfit samt Sportuhr und Mätteli präsentiert und ein makelloses Image arrangiert? Die Inszenierung geht dabei einher mit plattem Materialismus – einem durch das US-amerikanische Influencertumangeschraubten Ideal.

In meinem eher bodenständigen, alternativ geprägten Umfeld scheint man diesen Formen des Konsums entwachsen zu sein. Die Oberflächlichkeit des Materialismus hinter sich zu lassen, das klingt fortschrittlich. Materieller Besitz und dessen Zurschaustellung gelten hingegen als unauthentisch, angeberisch, verschwenderisch und sogar egozentrisch, was insbesondere im Zusammenhang mit der gerne hochgehaltenen Bescheidenheit eines Teils der Gesellschaft absolut verachtet wird.

Doch an die Stelle von Dingen tritt etwas Anderes: Im Sinne von «Ich bin, was ich erlebe», rasen wir von einem Highlight zum nächsten. In Sachen Unternehmungsfreudigkeit sind wir nämlich Champions, so beobachte ich das zumindest in meinem Umfeld.

Ein neuer Ausdruck desselben Geistes?

Doch ist der Konsum von Erlebnissen wirklich die bessere, nachhaltigere Alternative? Ist der dahinter stehende Konsumgeist nicht in beiden Fällen ähnlich? Denn auch Erlebnisse sind käuflich und werden inszeniert. Das «neue Haben» zeigt sich in Momenten, Fotos, Erfahrungen, Reisen und Zertifikaten. Der Konsumdruck bleibt.

Im Sinne von «Ich bin, was ich erlebe», rasen wir von einem Highlight zum nächsten.

Das Problem liegt nicht im Erleben an sich – sondern im starken Druck dahinter, etwas Bestimmtes gemacht haben zu müssen oder überhaupt etwas machen zu müssen. Denn damit einher geht der Drang, die Zeit bestmöglich auszukosten. Und nicht selten dienen die Erlebnisse doch auch ein wenig der Selbstverwirklichung und der Kuratierung der eigenen Identität. Gemäss dem antiken griechischen Geschichtsschreiber Antisthenes ist eine allgemeine Konsequenz, dass das, was ich besitze, mich auch zurückbesitzt1. Wenn ich mich also über meine Erlebnisse definiere, dann beginnen diese, auch mich gewissermassen zu besitzen.

Ressourcenintensive Erlebnisse

Die Freizeitindustrie ist Teil des Wirtschaftssystems – Konsum bleibt ihr Motor. Laut Statista stieg der Umsatz in der Schweizer Freizeitbranche 2022 auf ein Rekordhoch von über 20 Milliarden Franken. Im Durchschnitt verbringen in der Schweiz lebende Personen 2,7 Stunden täglich mit Freizeitaktivitäten2. Und oft konsumieren wir dabei Erlebnisse: Reisen, Festivals, Wintersportgebiete, Wellnessanlagen. Erlebniskonsum fühlt sich sauberer an, weil nichts mit nach Hause genommen wird, doch alle diese Dinge verbrauchen Energie, Raum und Ressourcen. Der Wunsch des Zurücklassens eines konsumbetonten Lebensstils kann also durch eine blosse Abwendung vom Materialismus nicht erreicht werden. Er muss sich auf den Erlebnisbereich ausweiten.

Glücksgefühle mit Ablaufdatum – Zerstreuung statt Tiefe

Kennen Sie das Gefühl: Ein Ausflug war schön und trotzdem bleibt eine Leere zurück? Viele Erlebnisse sind flach, flüchtig, überreizt – konsumiert, aber nicht verarbeitet. Es entsteht Unruhe, das Bedürfnis nach Ablenkung, der Drang zur nächsten Aktivität. Wir überladen unsere Zeit, doch Tiefe entsteht kaum. Was nicht besonders, neu oder intensiv ist, erfüllt uns nicht. Das Alltägliche wird entwertet.

Die Theorie der hedonistischen Tretmühle beschreibt, wie sich das individuelle Glücksgefühl von Menschen aufgrund eines positiven oder negativen Erlebnisses zwar kurzfristig ändert, dann jedoch schnell wieder auf dem vorherigen Niveau einpendelt. Das bedeutet, dass auch das schönste Erlebnis unsere Grundstimmung nur kurzfristig heben kann.

Wäre es da nicht sinnvoller, anstatt von einem Highlight zum nächsten zu jagen, am sogenannten «Set Point» zu arbeiten, also sich mit dem Alltagszustand zu beschäftigen? «Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?» meinte Erich Fromm3. Wer bin ich, wenn ich bin, was ich erlebe und dann das Erlebnis vorüber ist?

Was macht uns wirklich Freude?

Erlebnisse sind nicht schlecht – genauso wenig wie materielle Güter per se. Jedoch stapeln wir in der Hoffnung auf Erfüllung oder Zerstreuung unsere Aktivitäten häufig so stark wie die Beige der ungelesenen Zeitungen und Magazine und lassen sie unverarbeitet auf diesem Ablagestapel weilen. Wie früher Dinge dienen nun Aktivitäten einem Zweck, den sie nicht erfüllen können. Vielleicht brauchen wir auch im Erlebnisbereich eine Marie Kondo mit ihrem «Keep only what sparks joy» – «Behalte nur, was in dir Freude entfacht», die uns beim Reduzieren und Raumschaffen für Wesentliches hilft!

Denn was wir eigentlich suchen, ist innere Resonanz und nicht der blosse Reiz, Dankbarkeit statt Leere, Tiefe durch Entschleunigung statt Oberflächlichkeit. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht Resonanz (und nicht Verlangsamung) als Antwort auf den «Steigerungszwang» des modernen Kapitalismus, zu dem meiner Meinung nach auch der ständige Run nach Erlebnissen gehört. Resonanz entstehe, wo wechselseitige Verbindung stattfinde, zum Beispiel zwischen Mensch und Umwelt oder auch zwischen Körper und Psyche4. In diesem Sinne sollten statt dem reinen Konsum von Erlebnissen, diese mit Sinn gefüllt werden, um Resonanz zu erzeugen. Konkret kann das bedeuten, Gemeinschaft über Events zu stellen, Beziehungsräume statt Erlebnisräume zu schaffen oder Nachbarschaft nicht durch Mega-Events, sondern durch alltägliche Begegnungen zu fördern.

Verweilen im Sein anstatt im Tun oder im Haben

Wer ständig auf Erlebnissuche ist, wird unruhig, sobald einmal nichts passiert – auch in der Beziehung zu Gott. Die biblische Sabbatkultur greift genau dieses Thema auf: Sie betont nicht nur den Zweck der Ruhe und Erholung, dem bewussten Ausüben von oder dem Verzicht auf spezifische Aktivitäten, der Sabbat verbindet dies auch mit dem sich Befassen mit den eigenen Wurzeln und der Identität5. Es geht also beim Sabbat um ein Sein und nicht um ein Tun oder Haben. Wir wissen, dass unsere Erfüllung von Gott und nicht von Erlebnissen kommt. Das «Leben in Fülle», das Jesus in Johannes 10,10 verheisst, finden wir in der Beziehung mit ihm. Doch gerade dafür schaffen wir wenig Raum.

Eine neue Minimalismus-Bewegung?

Gleichzeitig sollen wir uns nicht der schönen Dinge berauben lassen, die Gott uns schenkt oder ermöglicht. Entsprechend tritt Paulus in seinem Brief an Timotheus der Tendenz zur Askese entgegen, indem er schreibt: «Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird»6. Der Schlüssel liegt hier im Dank und dieser kann, so bin ich überzeugt, nur aufrichtig sein, wenn ein Bewusstsein für das Empfangene vorhanden ist. Damit kehren wir zurück zu einem Grundprinzip gesunden Konsums: zum bewussten Konsumieren, auch im Bereich von Erlebniskonsum.

Ich denke, wir sollten die Prinzipien des Minimalismus – Nachhaltigkeit, Genügsamkeit, Reduktion, Befreiung, Verzicht und Raum für das Wesentliche – auch auf unsere Freizeitkultur anwenden. Eine Konsumreduktion im Aktivitäten-Bereich tut nicht nur den globalen Ressourcen gut, sondern auch unserer eigenen Psychohygiene. Auch wenn die Antwort auf die Frage «Was machst du am Wochenende?» – «Einfach mal ruhig zu Hause bleiben» – (noch) nicht besonders attraktiv klingt: Vielleicht liegt genau darin ein Weg zu echter Tiefe, Resonanz und Verwurzelung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf INSIST.

Foto von Kamil Pietrzak auf Unsplash

21. Juli 2025/0 Kommentare/von Anja Eschbach
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/07/kamil-pietrzak-H22w-tq0SeQ-unsplash-scaled.jpg 1707 2560 Anja Eschbach https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Anja Eschbach2025-07-21 10:02:402025-07-21 10:02:40Konsum: Erlebnisse statt Dinge – aber oft genauso konsumorientiert

Energie: Strompreise im Dilemma zwischen ökonomischen und moralischen Anreizen

Gerechtigkeit, Umwelt, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Dynamische Strompreise schwanken je nachdem, wieviel Strom gerade produziert und konsumiert wird. Sie sind in der Schweiz noch kaum verbreitet, könnten jedoch einen Beitrag zur Energiewende leisten. Denn momentan besteht kein ökonomischer Anreiz für Konsumenten, den Strom dann zubrauchen, wenn er in Fülle verfügbar ist.

Handeln aus ökonomischer Überzeugung

In der Politik dreht sich alles um die Frage, wie wir unser gesellschaftliches Zusammenleben organisieren wollen. Adam Smith prägte das Konzept des Marktes als unsichtbare Hand, welche dafür sorgt, dass die Nutzenmaximierung des Individuums oder einer Firma automatisch den Gesamtnutzen der Gemeinschaft maximiert.

Dass das nicht uneingeschränkt gilt, ist offensichtlich: der Klimawandel, die Finanzkrisen oder die Ausbeutung von Menschen sind kaum optimale Ergebnisse unseres Wirtschaftens. Es braucht also gewisse Regeln in einer Gesellschaft. Und dann – so die Hoffnung – führt egoistisches Handeln im besten Fall dazu, dass es allen besser geht.

Handeln aus christlicher Überzeugung

Aus christlicher Sicht ist egoistisches Handeln jedoch ziemlich das Gegenteil von dem, was die Welt braucht. Nächstenliebe, Demut, Gerechtigkeit, Menschenwürde, Gottesfurcht und Schöpfungsverantwortung sind zentrale Prinzipien, an denen sich Christen – und alle anderen Menschen guten Willens – orientieren. Und die Hoffnung ist, dass, wenn jeder sich so verhält, ein Stück Himmel schon hier auf Erden möglich ist.

Wertfrei wirtschaften geht nicht

Genauso wie man nicht «nicht kommunizieren» kann, kann man auch nicht politisieren, ohne damit ein Menschen- und Weltbild zum Ausdruck zu bringen. Die Frage ist also nicht, ob Werte in unserem Wirtschaften zum Ausdruck kommen, sondern welchen Werten wir dabei folgen.  Ich würde daher argumentieren, dass die Abkehr von fossilen Energien und von Kernkraft Nächstenliebe und Schöpfungsverantwortung zum Ausdruck bringt und sich Christen deshalb für diese Themen stark machen sollten.

Was hat nun Vorrang?

Wenn jede wirtschaftliche Entscheidung auch eine moralische Dimension hat, ergibt sich ein Dilemma: Soll ich das wirtschaftlich (für mich) Optimale machen oder das moralisch Richtige? Das sollte kein Entweder-Oder sein: Wir sollten unser Wirtschaftssystem so organisieren, dass moralisches Verhalten von Firmen und Individuen auch ökonomisch sinnvoll ist. Anders gesagt: Es sollte ein wirtschaftlicher Anreiz bestehen, sich moralisch richtig zu verhalten.

Wo entsteht das Dilemma konkret?

Bis zu 40% unserer Stromproduktion sollen zukünftig aus Wind- oder Sonnenenergie stammen. Damit wird die Produktion dynamischer, denn das Wetter richtet sich nicht nach dem Verbrauch der Konsumenten. Moralisch geboten wäre, den Strom zunehmend dann zu verbrauchen, wenn viel Wind weht, die Sonne scheint, also typischerweise um die Mittagszeit. Natürlich lässt sich nicht der ganze Stromverbrauch eines Haushalts in diese Zeit verschieben, aber Schätzungen zufolge verbrauchen wir ca. 30% und mehr des Stroms unabhängig von der Tageszeit.

Wer jetzt einwendet, dass man kaum vom Endverbraucher erwarten kann, dass er täglich Wind- und Solarprognosen studiert, der sei beruhigt: Dank smarten Wärmepumpen, Boiler oder E-Auto Aufladesystemen funktioniert das Verschieben des Verbrauchs ganz ohne unser Zutun. Wir müssen also nur noch die entsprechenden Systeme installieren. Ein finanzieller Anreiz zu diesem Verhalten besteht jedoch nicht, da der Strom während des Tages immer gleich teuer ist.

Die Verbraucherseite ist jedoch nur die halbe Geschichte. Der zahlenmässig überwiegende Teil der Solaranlagen befindet sich in der Schweiz als Klein(st)anlanlagen auf Dächern von Privaten. Die Strom-Produktion wird ins lokale Netz eingespeist und mit einem Tarif vergütet, der ebenfalls nicht von der Tageszeit abhängt. Das kann zur paradoxen Situation führen, dass mit der Einspeisung von Solarstrom Geld verdient wird, während an der Strombörse der Preis im selben Moment negativ ist. Wenn Solarenergie ungebremst ins Netz eingespeist wird, kann es schlimmstenfalls zu einem Blackout kommen.

Moralisch ist der Fall daher klar: Sobald die Systemstabilität durch PV-Einspeisung bedroht ist, sollte niemand mehr einspeisen. Die einfachste technische Lösung zur Stutzung solcher Einspeise-Spitzen wäre es, die Einspeisung bei zum Beispiel 70% der Leistung der Anlage zu deckeln. Natürlich ginge es noch schlauer, etwa mit Heim-Batterien oder mit einer Steuerung der zulässigen Einspeiseleistung durch die Netzbetreiber.

Wege aus dem Dilemma

Aus ökonomischer Sicht können Angebot und Nachfrage am einfachsten in Einklang gebracht werden, wenn das Gut, in diesem Fall Strom, umso teurer ist, je weniger davon vorhanden ist. Minimal- und Maximalpreise für eingespeisten Strom könnten dem Konsumenten die Sicherheit geben, dass er nie den extremsten Schwankungen der Börse ausgesetzt wäre.

Um dynamische Strompreise zu ermöglichen, ist eine Messung und Abrechnung des Verbrauchs (und der Produktion) in hoher zeitlicher Auflösung nötig, d.h. viertelstündlich statt monatlich. Die dafür notwendigen Smart-Meter sind aber in der Schweiz noch nicht flächendeckend installiert. Selbst dort, wo sie installiert sind, haben Kunden kaum Möglichkeiten, auf dynamische Preismodelle umzusteigen, weil ihr Energieversorger diese Möglichkeit nicht anbietet.

Womit wir bei einem weiteren Anreizproblem wären: Der fehlende Anreiz von Energieversorgern, dynamische Preise anzubieten. Während jeder selber entscheiden kann, ob er bei Swisscom oder Salt ein Handy-Abo abschliessen will, gibt es in der Schweiz beim Strom keine Wahlfreiheit. Energieversorger wie die Elektrizitätswerke von Zürich oder Bern haben eine Monopolstellung in ihrem Einzugsgebiet und somit wenig Anreiz zur Innovation.

Im Zuge der Marktliberalisierung in der EU haben innovative Firmen wie Octopus Energy oder 1KOMMA5° gezeigt, dass dynamische Stromtarife kombiniert mit der intelligenten Steuerung von eigener Solaranlage, Wärmepumpe oder Elektroauto-Ladestation unter dem Strich zu deutlich tieferen oder sogar negativen Stromkosten für den Endkunden führen. Eine Marktliberalisierung in der Schweiz ist mit dem neuen Stromabkommen, welches die Schweiz mit der EU ausgehandelt hat, in Griffnähe. Jeder könnte aber selber entscheiden, ob er weiterhin in der Grundversorgung bleiben oder seinen Energieversorger wechseln will.

Wie Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, wechselt nur ein kleiner Teil der Kunden den Energieversorger nach einer Marktliberalisierung.  Man könnte daher wie in Deutschland die Energieversorger dazu zwingen, ein dynamisches Preismodell anzubieten, um dieser Lösung zum Durchbruch zu verhelfen.

Idealisten bleiben wichtig

In vielen Bereichen lässt sich mit dem moralisch Sinnvollen schon heute Geld sparen, etwa bei energieeffizienten Haushaltsgeräten, nicht-fossilen Heizsystemen, bei der Gebäudeisolation oder durch die Anschaffung eines Elektroautos.

Ein perfektes finanzielles Anreiz-System werden wir nie haben. Daher spielen Idealisten eine entscheidende Rolle bei Veränderungsprozessen wie der Energiewende, insbesondere am Anfang. Sie bringen sich in politische Prozesse ein und gehen auch in ihren eigenen Gestaltungsräumen mit gutem Beispiel voran.

Christen sollten ein Teil dieser Gruppe sein, indem sie sich den Auswirkungen ihres Handelns auf andere und die Schöpfung bewusst sind, auch mal auf den eigenen Vorteil verzichten und mutig vorwärtsgehen. Stemmen können Idealisten die Energiewende nicht alleine – den Weg dafür ebnen jedoch schon.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Insist. / Bild von lummi.ai

12. Mai 2025/0 Kommentare/von Lorenz Walthert
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