Die christliche Gemeinde als Reich-Gottes-Gemeinschaft

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Es ist eine Ursehnsucht des Menschen, in einer heilen Welt leben zu können. Entsprechend viele Menschen und Ideologien haben der Menschheit den Himmel auf Erden versprochen – und die Hölle gebracht. Man denke nur an Leute wie Stalin, Hitler oder Mao. Die Sehnsucht nach einer heilen Welt ist indes gottgewollt. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich die Sehnsucht nach einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens auch in der Bibel findet und integrativer Bestandteil der prophetisches Hoffnung des Alten Testamentes ist.

1. Die Propheten des Alten Testamentes

Die Propheten des Alten Testamentes haben Gottes Heil unter anderem unter dem Begriffspaar Frieden und Gerechtigkeit angekündigt (z.B. Jesaja 2,2-4; 9,5-6). Die Propheten waren Visionäre, die über ihre eigene dunkle Zeit hinausblickten und die Zukunft mit Gottes Augen sahen. Sie sprachen nicht aus sich selbst – in diesem Sinn waren sie keine Idealisten –, sondern im Auftrag Gottes und getrieben vom Heiligen Geist (2.Petrus 1,21).

Der Erfüllung der prophetischen Vision bedingte den Gehorsam des Volkes Israel gegenüber den Geboten Jahwes. Er hatte es aus Ägypten befreit und zu seinem besonderen Eigentum gemacht. Die eigentliche Aufgabe Israels bestand darin, durch den Gehorsam gegenüber Gott gesegnet zu werden, um so zum Licht für die Völker zu werden. Doch Israel versagte. Am Ende des Alten Testamentes war deshalb das Reich Gottes – so nannte man die Vision der Propheten später – in weite Ferne gerückt.

2. Das Reich Gottes im Neuen Testament

Das Neue Testament knüpft an die Hoffnung der Propheten an. Die Botschaft des Neuen Testamentes ist: In Jesus Christus, dem Sohn Gottes, ist das Reich Gottes endlich da! Jesus verkündete: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15).

Jesu Botschaft weckte Hoffnungen, doch sie warf auch Fragen auf. In Israel glaubte man an die Propheten und wartete demzufolge auf das Hereinbrechen der Herrschaft Gottes. Doch Jesus und seine Jünger schienen nichts zu bewegen. Man stellte fest, dass Jesus mit ehemaligen Prostituierten, Betrügern und einfachen Burschen vom Lande umherzog und das Reich Gottes verkündete. Doch Ungerechtigkeit und Unterdrückung wichen nicht. Die Frage blieb: Wo war das Reich Gottes?

Jesus trieb Dämonen aus und heilte Krankheiten und überwältigte dadurch Satan und sein Reich. Darin zeigte sich die Gegenwart des Reiches Gottes. Ein weithin vergessener Aspekt ist, dass Jesus auch auf seine Nachfolger verweisen und an ihnen die Gegenwart des Reiches Gottes vor Augen führen konnte. In der Gemeinschaft von erlöstem Gesindel, das Jesus nachfolgte, war Gottes Reich angebrochen, denn in dieser Gemeinschaft wurden die Werte des Reiches Gottes radikal in die Tat umgesetzt. Das Reich Gottes ist eben nicht nur ein geistliches, sondern ebenso ein menschliches, greifbares Geschehen.

Jesus blieb den meisten Juden ein Rätsel, denn allgemein erwartete man, dass das Reich Gottes mit Macht hereinbrechen würde. In der Zeit zwischen dem Alten und dem Neuen Testament hatte sich eine ausgeprägte Messiaserwartung herausgebildet. Die allgemeine Messiasvorstellung – so vielfältig sie war – bestand in der Annahme, dass der Messias ein politischer Befreier sein und das Reich Gottes Israel zu alter Blüte, ähnlich dem Reich Davids und Salomos bringen würde. Doch Jesus lehrte, dass das Reich Gottes nicht mit Macht kommt, sondern klein wie ein Same beginnt (Mt 13,31-32) und so unscheinbar wie ein wenig Sauerteig (Mt 13,33) ist. Jesus hatte kein politisches Programm, sondern er verkündete das Heil Gottes einzelnen Menschen. Allerdings war seine Botschaft derart radikaler, umgestaltender Natur, dass sie, sofern sie von einer Gruppe von Menschen gelebt wurde, sehr wohl gesellschaftliche und politische Auswirkungen haben konnte und auch sollte.

3. Eine Reich-Gottes-Gemeinschaft

Ein sorgfältiges Studium der Evangelien zeigt, dass Jesus die christliche Gemeinde wollte. Er verkündete nicht nur das Reich Gottes, er sammelte auch das Volk, das zu diesem Reich gehört. Er rief einzelne Menschen in seine Nachfolge und begann, sie zu einer Reich-Gottes-Gemeinschaft zu formen. Die Beziehung zwischen der christlichen Gemeinde und dem Reich Gottes ist von grundlegender Wichtigkeit. Die Gemeinde ist das Volk des Reiches Gottes. Sie ist nicht mit dem Reich Gottes gleichzusetzen, sondern ist eine sichtbare Demonstration des in die Geschichte hereingebrochenen Reiches. In ihr beginnt sich die Hoffnung der Propheten zu erfüllen, die davon gesprochen hatten, dass Gottes Reich nicht nur einzelne Menschen verändern, sondern eine veränderte Gesellschaft hervorbringen würde.

Erst nachdem die Jünger Jesu mit dem Heiligen Geist überschüttet worden waren (Apg 2,1ff), setzte sich bei ihnen die grundlegende Erkenntnis durch, dass sie das Volk des Reiches Gottes waren. Diese Erkenntnis revolutionierte ihre Beziehungen. Sie begannen, sich nicht nur als erlöste Individuen, sondern ebenso als erlöste Gemeinschaft zu verstehen. Die Apostelgeschichte legt ein eindrückliches Zeugnis von der transformierenden Kraft dieser Erkenntnis ab. Die erste christliche Gemeinde wurde eine anziehende Alternative zur herrschenden Gesellschaftsstruktur. Man konnte sehen und spüren, dass in ihrer Gemeinschaft das Reich Gottes gegenwärtig war.

4. Drei Reich-Gottes-Werte für heute

Jede Kirche, sofern sie den Anspruch erhebt, Christi Kirche zu sein, muss sich den Werten des Reiches Gottes verschreiben. Sie muss im wahrsten Sinne des Wortes eine Reich-Gottes-Gemeinschaft sein.

Das erste und herausragendste Kennzeichen der christlichen Gemeinde muss die Liebe sein. Jesus hat die Liebe zur obersten Priorität erklärt (Joh 13,34). Diese darf allerdings nicht mit dem postmodernen Toleranzbegriff in eins gesetzt werden. Sie orientiert sich vielmehr an Jesus Christus selbst (Joh 13,35).

Ein zweiter Reich-Gottes-Wert ist die Freude (Gal 5,22). Jesus hat mit seinen Jüngern Freudenmähler gefeiert. Man warf ihm deshalb vor, ein Fresser und Säufer zu sein (Lk 7,34). Doch Jesus reagierte bloss anders auf die politische Unterdrückung und die wirtschaftliche Not als das jüdische Establishment es tat. Während letztere klagten und fasteten feierte Jesus! Die Gottesherrschaft war für ihn, wie Jürgen Moltmann gesagt hat, gleich einer Hochzeitsfreude. Christen sollten trauern und feiern können, denn sie leben in der Gewissheit, dass Gott mit der Erneuerung von Himmel und Erde bereits begonnen hat.

Ein dritter Reich-Gottes-Wert ist der Friede. Jesaja sah voraus, dass durch das Kind, das geboren ist, ewiger Friede den Menschen zuteil wird (Jes 9,5-6). Das Neue Testament sieht in diesem Friedenskind Jesus Christus (Lk 2,14). Jesus pries die Friedenstifter und nannte sie Gottes Kinder (Mt 5,9). Christen sollten Friedenstifter sein. Die Gemeinde ist aufgerufen, in ihren eigenen Reihen Grenzen zu überwinden und Versöhnung zu leben.

Wenn das Neue Testament Liebe, Freude und Frieden als entscheidende Reich-Gottes-Werte sieht, ist damit keiner säkularen Heilsutopie das Wort geredet. Aus dem Neuen Testament wird deutlich, dass der Friede das Resultat des Wirkens des Heiligen Geistes ist (Gal 5,22-23), und dass es den Frieden nur durch Jesus Christus gibt. „Er ist unser Friede“ (Eph 2,14). Eine Friedensphilosophie, die von der gläubigen Nachfolge des grössten Friedenstifters aller Zeiten abgekoppelt wird, ist nichts als Utopie; umgekehrt ist Glaube ohne radikale Verpflichtung zum Reich Gottes nichts als Heuchelei.


Photo by Rosie Fraser on Unsplash

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