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Die Starken und die Schwachen: Wo hat die persönliche Freiheit ihre Grenzen?

Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Eine Bibelarbeit zu Röm. 14,1 ? 15,13

 

Einleitende Überlegungen

 

Ab Kapitel 14,1 greift Paulus ein Problem der Gemeinde in Rom auf. Offensichtlich gab es zwei Gruppen, die miteinander im Streit lagen: die ?Starken? und die ?Schwachen?. Auslöser für den Zwist waren die Fragen von Speisevorschriften und das Beachten von besonderen Tagen. Das Problem war nicht neu, bereits im Konzil von Jerusalem (Apg. 15) wurde es debattiert.

 

Bevor wir uns in den Text stürzen, halten wir zwei Beobachtungen fest:

 

· Im Gegensatz zu Gal. 4,10ff. und Kol. 2,16-23, wo auch von Speisevorschriften die Rede ist, gibt sich Paulus den Römern gegenüber sehr tolerant und grosszügig. In den zwei anderen Briefen geht er auf Konfrontation. Offensichtlich besteht zwischen dem Problem in Rom und dem bei den Galatern und Kolossern ein Unterschied: Im Kolosser- und Galaterbrief wendet sich Paulus gegen Gesetzeslehrer, die behaupten, Speisevorschriften und andere besondere Handlungen seien zwingend für die Geistlichkeit und Rettung der Menschen. Das berührt den Kern des Evangeliums. Anders im Römerbrief: Hier ist das Thema allgemeiner Art und fällt unter die Rubrik der Worte Jesu: ?Was der Mensch isst, verunreinigt ihn nicht, sondern was aus seinem Herzen herauskommt.? Thema sind also nicht die Frage nach dem Heil oder dem Weg zu höherer Geistlichkeit, sondern schlicht unterschiedliche Ansichten zu gewissen Aspekten der Nachfolge.

· Während Personen, die gewisse Speisen nicht essen oder gewisse Tage besonders beachten, sich üblicherweise als die geistlicheren sehen, argumentiert Paulus genau anders: Schwach ist, wer meint, besondere Dinge beachten zu müssen. Stark sind jene, die das nicht tun müssen. Da würde Paulus wohl im manchen Konflikt unserer Tage die Rollen auch anders verteilen, als es zuweilen getan wird….

 

Paulus baut seine Argumentation auf:

 

1. Bevor Paulus irgend etwas sagt, ruft er zur Einheit auf (14,3-4, 13, 15,7-13). Offensichtlich lief das bei den Christen in Rom, wie es bei uns heute noch läuft: Die Starken laufen Gefahr, die anderen zu belächeln oder gar zu verachten – das ist ihre Art, sich dem Druck der Schwachen zu entziehen: Sie als schwach, hinterwäldlerisch oder als solche abzutun, welche die Freiheit in Christus noch nicht kennen. Und die Schwachen? Sie kämpfen auch erfolgreich und greifen die Starken als gottlos, weltlich und liberal an. Ein immer sehr wirksames Argument in der Gemeinde Jesu! Mit beiden kennt Paulus aber kein Erbarmen: Wer den Schwachen verachtet, der macht seine Freiheit zum Joch für den anderen. Und wer den Starken in seiner Freiheit nicht annimmt, der will heiliger als Gott sein, denn Gott hat ihn längst angenommen (14,6-12).

 

2. Nun definiert der Apostel Einheit (12,5): Die einzelnen Gläubigen haben das Recht, gewisse Dinge unterschiedlich zu sehen. Für Paulus gründet sich Einheit nicht in übereinstimmenden Meinungen, sondern in der Annahme des anderen in seiner Unterschiedlichkeit. Einheit in Vielfalt ist seine Devise!

 

3. In 14,23 setzt er den Glauben des Einzelnen als Grundlage für dessen Handeln voraus. Alles, was ein Mensch nicht aus der vertrauensvollen Beziehung zu Gott tut, das ist Sünde. Paulus geht davon aus, dass der Einzelne Christen sehr wohl in der Lage ist, selber zu entscheiden, was seine Gottesbeziehung verletzen könnte. In der Gemeinde muss nicht alles für alle geregelt sein, denn Paulus macht Ernst damit, dass der Geist in jedem Christen wohnt. Er gesteht ihm eine eigene, mündige Gottesbeziehung zu.

 

4. Doch nun setzt er der persönlichen Freiheit Grenzen: Der Mitchrist (14,13ff.). Aus Liebe zu seinem Mitchristen beschränkt sich Paulus lieber in seiner Freiheit und nimmt Rücksicht. So betont er einerseits Eigenverantwortung und freien Gestaltungsraum, weist aber andererseits darauf hin, dass die Gemeinde ein Leib ist und die Gläubigen daher unauflösbar miteinander verbunden sind. An beidem hält er gleichermassen fest.

 

5. Die Grenze dazwischen umreisst er noch etwas genauer: Sie ist da erreicht, wo ein Mitchrist ?Anstoss? nimmt. Unser deutscher Begriff ist hier etwas irreführend. ?Ich stosse mich daran? kann bei uns auch heissen: Es ärgert mich, oder es passt mir nicht. Doch das meint Paulus hier nicht, sondern er will niemanden durch sein Verhalten dazu verleiten, gegen seinen Glauben zu handeln und somit zu sündigen. Thema ist also nicht eine Meinung, ein ?Geschmack? oder etwas, worüber jemand sich ärgert, sondern eine gefährdete Gottesbeziehung. Wer andere manipuliert, indem er sagt, er ?nehme Anstoss daran?, es aber keineswegs seine Gottesbeziehung gefährdet, missbraucht Paulus und muss selber sehen, wie er mit seinem Ärger und ?Anstoss? fertig wird. Das ist sein Problem, seine ?Sünde?, und nicht das Problem des Anderen.

 

6. Paulus rundet seine Ermahnung mit dem Vorbild Jesu ab (15,1-6) und ruft noch einmal zur Einheit auf ((15,7-13).

 

Fazit:

 

· Bei mitleidvollem Lächeln der Befreiten (Starken) oder bei frommer Manipulation und Druck der ganz Geistlichen (Schwachen), kennt Paulus nur eines: gegenseitige Annahme und Wertschätzung.

 

· Für Paulus (und wohl auch für uns…) gibt es Dinge, die ethisch neutral sind. Damit sie nicht zur Spaltung führen, umreisst er folgenden Verhaltenskodex:

 

1. Ethisch Neutrales darf nicht als heilsnotwendig erklärt werden, und es darf auch nicht der Anspruch erhoben werden, durch gewisses Verhalten besonders geistlich zu sein.

 

2. Niemand soll durch sein Verhalten jemanden dazu verleiten, gegen seine Glaubensüberzeugung zu handeln. Befohlene Freiheit ist keine wirkliche Freiheit und befreit niemanden.


Photo by Külli Kittus on Unsplash

1. Januar 2002/0 Kommentare/von Matthias Wenk
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