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Schlagwortarchiv für: Armutsbekämpfung

Nächstenliebe auch für einkommensschwache Länder!?

Entwicklung, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Politik, Soziales
Lesezeit / Temps de lecture ~ 7 min

Die Entwicklungszusammenarbeit ist im Norden ein politisches Dauerthema. Seit Trump in diesem Bereich radikale Kürzungen vorgenommen hat, umso mehr. Aber eigentlich fliesst mehr Geld vom Süden nach Norden als umgekehrt.

Nächstenliebe in der Politik – was bedeutet dies für das Thema «Entwicklungszusammenarbeit» oder die Unterstützung für die Länder des Südens1 ? Dazu einige allgemeine Zahlen zu den Geldflüssen, bevor wir auf die Folgen der Auflösung der Entwicklungshilfe-Agentur USAID durch die Trump-Administration eingehen.

Das Geld, das Regierungen zur Verfügung steht


Um globale Ungleichheiten zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die finanzielle Situation von Staaten zu werfen. Den Regierungen der Länder des Südens steht nur wenig Geld pro Kopf der Einwohner zur Verfügung (staatliche Mittel pro Kopf):

  • Ghana: 509 USD
  • Philippinen: 888 USD
  • Deutschland: 26’464 USD
  • Schweiz: 30’844 USD2

Das bedeutet: Der Schweizer Regierung steht pro Einwohner rund 60-mal mehr Geld zur Verfügung als der ghanaischen Regierung. Hinzu kommt eine weitere Belastung: In Ghana fließen etwa 40 Prozent des Staatshaushalts in den Schuldendienst3 .

Entwicklungszusammenarbeit: Versprechen der Länder des Nordens und aktuelle Zahlen

Seit Jahrzehnten ist es die Absicht und das erklärte Ziel der einkommensstarken Länder («Länder des Nordens»), mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandprodukts (BIP4 ) für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben. Es haben jedoch nur vier Länder dieses Ziel erreicht: Luxemburg, Norwegen, Schweden und Dänemark (Daten für das Jahr 2024; bis vor kurzem war auch Deutschland bei mindestens 0,7 %). Für die USA waren es 0.22 % und für die Schweiz 0.51 %. Ein wichtiger Punkt zur Einordnung der Schweizer Zahlen: Ausgaben für das Asylwesen im Inland werden zur offiziellen Entwicklungszusammenarbeit gezählt5 : im Jahr 2023 flossen rund 28 % der Schweizer Entwicklungsgelder – ca. 1,3 Milliarden Franken – ins Asylwesen innerhalb der Schweiz – insbesondere für Geflüchtete aus der Ukraine.

Internationale Geldflüsse und Schulden

Die sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländer hatten Ende 2024 rekordhohe Auslandsschulden von insgesamt 8.9 Billionen Dollar – mehr als doppelt so viel wie noch im Jahr 20106 . Im Jahr 2023 erreichte der gesamte Schuldendienst (Zinszahlungen und Schuldentilgung) der Entwicklungsländer einen Rekordwert von 1,4 Billionen US-Dollar. 406 Milliarden entfielen dabei allein auf Zinszahlungen7 .

Besonders betroffen: die ärmsten Länder

  • Die 78 ärmsten Länder8 sind am stärksten belastet:
  • Ihre Schuldendienstkosten haben sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht.
  • Die reinen Zinszahlungen haben sich sogar vervierfacht.
  • Insgesamt zahlten sie schätzungsweise 36 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023.

In den Jahren 2022 und 2023 haben externe Gläubiger zudem 535 Milliarden US-Dollar mehr an Schuldenzahlungen erhalten, als sie neue Kredite vergeben haben. Das bedeutet: Es fliesst mehr Geld aus diesen Ländern heraus, als neues hineinkommt9 . ChatGPT fasst die Situation folgendermassen zusammen:

  • Geldfluss der Länder des Nordens für die Länder des Südens pro Jahr: 200 bis 220 Milliarden USD10
  • Geldfluss vom Süden in den Norden: 400 bis 600 Milliarden USD.

Warum steigen die Schulden so stark?

Ein wichtiger Grund ist die weltweite Zinspolitik. Um die Inflation zu bekämpfen, haben grosse Zentralbanken ihre Leitzinsen deutlich erhöht. Dadurch wurden Kredite teurer – besonders für Länder mit hoher Auslandsverschuldung.

Die Geldpolitik der US-Notenbank spielt dabei eine zentrale Rolle. Viele ärmere Länder haben Schulden in US-Dollar aufgenommen. Steigen die Zinsen in den USA, erhöht das direkt ihre finanzielle Belastung11 .

Das Beispiel der Philippinen

Vom nationalen Budget 2025der Regierung in den Philippinen waren 13.8 Prozent für den Schuldendienst (Ausland- und Inlandschulden) bestimmt, nur 4.7 Prozent für den Gesundheitsdienst (öffentliche Spitäler, Gesundheitszentren und Gesundheitsaktivitäten, wie Impfungen, Familienplanung) und 15.4 Prozent für die öffentlichen Schulen und den eher wenigen öffentlichen Universitäten – die meisten «Colleges» und Universitäten sind privat, d.h. teuer und so für viele Familien unerschwinglich.

Diese 13.8 Prozent, die für den Schuldendienst verwendet werden, entsprechen 877 Milliarden Pesos. Es ist die Zahl, die die Regierung offiziell meldet. Es beinhaltet NICHT die Zurückzahlung von alten Schulden (Schuldentilgung). In Wirklichkeit betrug im Jar 2025 der Schuldendienst 2051 Milliarden Pesos12 . Die Schuldentilgung wird v.a. durch das Aufnehmen von neuen Schulden bewerkstelligt. Schrecklich!

Die Schuldentilgung wird v.a. durch das Aufnehmen von neuen Schulden bewerkstelligt.

Einige Kredite von früher sind zum Segen für die Bevölkerung geworden, andere aber zum Fluch. Ein Beispiel: Das Atomkraftwerk Bataan wurde in erster Linie durch eine Auslandsverschuldung in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar finanziert, die während des Marcos-Regimes in den 1970iger Jahren aufgenommen wurde. Ein Teil des Geldes gelangte in private Taschen (Korruption). Das Atomkraftwerk wurde nie in Betrieb genommen, v.a. darum, weil es sich in der Nähe eines ruhenden Vulkans und seismischer Verwerfungslinien befindet. Die Schulden waren erst im Jahr 2007 vollständig zurückbezahlt und auch heute noch werden pro Jahr rund eine Million US-Dollar ausgegeben für die Instandhaltung des nutzlosen Gebäudes13 .

Folgen für die Bevölkerung

Rund 3,3 Milliarden Menschen leben in Ländern, die für den Schuldendienst mehr ausgeben als für die öffentlichen Schulen oder für das Gesundheitswesen14 . Besonders dramatisch ist die Situation in den 22 am höchsten verschuldeten Ländern, deren Auslandsverschuldung 200 Prozent der Exporteinnahmen übersteigt. In diesen Ländern kann sich mehr als die Hälfte der Bevölkerung – 56 Prozent im Durchschnitt – keine Ernährung leisten, die eine langfristige Gesundheit gewährleistet15 .

Rückgang der Gelder für den Süden

Im Jahr 2024 sank die Unterstützung der Länder des Nordens für den Süden um 7 Prozent und wird voraussichtlich noch weiter zurückgehen, da mehr als neun Geberländer, darunter die USA, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, für die kommenden Jahre erhebliche Kürzungen angekündigt haben.

Auswirkungen des verminderten Geldflusses für die Entwicklungszusammenarbeit

Eine wissenschaftliche Analyse zeigt: In den vergangenen 20 Jahren konnte Entwicklungszusammenarbeit Millionen von Todesfällen verhindern. Die Studie kommt zum Schluss, dass ein erhöhter Mitteleinsatz die Sterblichkeitsrate um 23 Prozent senken könnte. Die aktuelle Entwicklung geht jedoch in die entgegengesetzte Richtung: weniger Geld wird zur Verfügung stehen. Sollte sich die jüngsten Kürzungen der Mittel fortsetzen, schätzt die Studie, dass zusätzlich zwischen 6,2 und 12,6 Millionen Menschen im Zeitraum von 2025 bis 2030 sterben. Bei einer starken Reduktion der Gelder wären die Folgen noch gravierender: Dann rechnen die Forschenden mit 16 bis 29 Millionen zusätzlichen Todesfällen zwischen 2025 und 203016 .

Besonders deutlich zeigen sich die Folgen am Beispiel der United States Agency for International Development (USAID). Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass durch USAID-finanzierte Programme zwischen 2001 und 2021 rund 92 Millionen Todesfälle verhindert wurden. Im Hinblick auf den kürzlich erfolgten abrupten Stopp von USAID-Geldern wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2030 zwischen 8,5 und 19,7 Millionen Menschen zusätzlich sterben könnten17 .

Die Christoffel Blindenmission berichtet Folgendes18 :

  • Die plötzliche Einstellung fast aller Finanzmittel für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe durch die USAID hat weltweit schwerwiegende Auswirkungen. Mindestens 120 Millionen Menschen in mehr als 100 Ländern sind direkt von der Einstellung der Finanzmittel betroffen, die im vergangenen Jahr 42 Prozent der weltweiten humanitären Finanzmittel ausmachten.
  • Ein Mitarbeiter der Blindenmission stellt entsetzt fest: “Ein ganzes System, das das Überleben von Menschen in Krisen- und Katastrophengebieten sicherstellt, kommt zum Erliegen.”
  • Im Sudan mussten Gemeinschaftsküchen, die Hunderttausende Menschen in Kriegsgebieten mit Lebensmitteln versorgten, schließen.
  • In der Ukraine stehen die Gemeinden an der Front ohne Brennholz da.

Das Tropeninstitut, wo ich arbeite, hatte von USAID ein Mandat erhalten, zusammen mit einer US-Organisation die Gesundheitsversorgung in der Ukraine zu stärken. Im Februar 2025 erzählte mir eine Arbeitskollegin, dass sie eben einen Telefonanruf aus den USA erhalten habe: das Geld für das Gesundheitsprojekt in der Ukraine würde sofort gestoppt. Ich erfuhr auch, dass ein von USAID finanziertes tansanisches HIV-Projekt des Tropeninstituts gestoppt werden musste.

Mangel an Geld ist nicht das einzige Problem

Dennoch ist Geldmangel nicht in allen Ländern der Hauptgrund für die minderwertige Gesundheitsversorgung. So berichtete ein Leiter des Gesundheitsdepartements der Philippinen, dass im Allgemeinen nur 60 bis 70 Prozent des bewilligten Gesundheitsbudgets eingesetzt, d.h. verbraucht werden19 . Nichtfinanzielle Engpässe – z.B. ein Mangel an Ärzten oder Misswirtschaft – können das gewichtigere Hindernis darstellen.

Reaktionen der Länder des Südens

Die Länder des Südens sind daran, sich auf die vermindernde Unterstützung von den Ländern des Nordens einzustellen. So sind in einigen Ländern Steuern auf Tabakprodukte und zuckerhaltige Getränke erhoben worden, was Geldzufluss bewirkt und den Gesundheitszustand der Bevölkerung verbessern kann.

Kürzlich unterhielt ich mich mit zwei erfahrenen Professoren des Tropeninstituts. Beide vertraten die Ansicht, dass der Rückgang der Mittel aus dem Norden nicht nur negative Folgen haben müsse. Sie beobachten in mehreren Ländern des Südens eine wachsende Bereitschaft, selbst mehr Verantwortung zu übernehmen und die für eine gute Entwicklung notwendigen finanziellen Mittel vermehrt im eigenen Land zu mobilisieren.

Eine meines Erachtens dringende ergänzende Massnahme wäre ein weitreichender Schuldenerlass für hoch verschuldete Länder. Bereits im Jahr 2000 gab es – unter anderem mit Bezug auf Levitikus 25 (3. Mose 25) – einen internationalen Aufruf zum Schuldenerlass für ärmere Staaten. Im Jahr 2025 griff Papst Franziskus diese Forderung erneut auf. In seiner Jubiläumsbulle Spes Non Confundit („Die Hoffnung enttäuscht nicht“) rief er die wohlhabenden Nationen dazu auf, die „ungerechten und unbezahlbaren“ Schulden ärmerer Länder zu erlassen. Er bezeichnete einen solchen Schuldenerlass als notwendigen Schritt hin zu sozialer, wirtschaftlicher und wiedergutmachender Gerechtigkeit.

Zusammenfassung und Fazit

  • Regierungen der Länder des Südens stehen pro Kopf ihrer Bevölkerung zigmal weniger Geld zur Verfügung als Regierungen der Länder des Nordens
  • Die Schulden der Länder des Südens, zum Teil durch zwielichtige Projekte entstanden, sind über Jahrzehnte gewachsen auf zurzeit rund 9 Billionen Dollar. Der Schuldendienst – Zinsen und Schuldentilgung – bewirkt, dass viele Länder des Südens mehr Geld in den Norden schicken, als sie vom Norden empfangen.
  • Wir gehören zu einem Gott der Gerechtigkeit. Sollte sich der Leib Christi nicht mehr Gedanken zur Problematik machen und aktiver werden, was diese und andere Bereiche von Armut und Ungerechtigkeit betrifft?

1. Wir benutzen hier meist den Ausdruck “Länder des Südens”. Andere Ausdrücke dafür sind “Entwicklungsländer” (mehr Länder sind dabei, wenn man von Entwicklungs- und Schwellenländern spricht) und „Zwei-Drittel-Welt”. Die Weltbank benutzt den Ausdruck “Low- and middle-income countries”.

2. Berechnungen vom Autor. Hauptquellen: (i) https://www.imf.org/external/datamapper/rev@FPP; (ii) https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD

3. Link: https://www.myjoyonline.com/ghana-spent-nearly-half-of-revenue-on-debt-servicing-in-5-years

4. Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft produziert werden

5. Andere Länder des Nordens machen dies ebenfalls – ein buchhalterischen Trick, um besser dazustehen.

6. World Bank. International Debt Report 2025. https://openknowledge.worldbank.org/server/api/core/bitstreams/b097dece-76e1-4f68-a74b-79f0a9f0e8e9/content

7. World Bank. International Debt Report 2024. https://openknowledge.worldbank.org/bitstreams/9b3d960c-5f6e-4100-82bc-46d72d4602ad/download

8. 78 der ärmsten Länder der Welt haben Anspruch auf Mittel der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA). Die IDA ist der konzessionäre Kreditgeber der Weltbank, der finanzielle Unterstützung in Form von zinslosen oder sehr niedrig verzinslichen Darlehen (sogenannten „Krediten“) oder in Form von Zuschüssen (“Geschenken” – rund 20% des Geldes der IDA) gewährt. Im Geschäftsjahr, das am 30. Juni 2025 endete, beliefen sich die Verpflichtungen der IDA auf insgesamt 33,8 Milliarden US-Dollar (https://ida.worldbank.org/en/ida-financing).

9. Link: https://www.undp.org/press-releases/ballooning-debt-service-payments-poorest-countries-reach-alarming-levels-undp-warns

10. Man sollte beachten, dass nicht die ganzen 200-220 Milliarden in den Süden fliessen: ein Teil dieses Geldes bleibt in den Ländern des Nordens: v.a. Geld fürs Asylwesen (oben erwähnt), Schuldenerlasse, und Löhne sowie Unkosten für “Experten” des Nordens, welche Regierungen oder staatliche Organisationen, z.B. das Gesundheitswesen, beraten (was oft von fraglichem Wert ist).

11. Link: https://www.srf.ch/news/wirtschaft/rekordsumme-viele-entwicklungslaender-leiden-unter-hoher-schuldenlast

12. Link: https://hronlineph.com/2024/12/19/statement-pmcj-on-the-2025-philippine-national-budget

13. Hauptquelle: https://debtjustice.org.uk/countries/philippines

14. Link: https://data.one.org/analysis/net-financing-flows-remain-low

15. Link: https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2025/12/03/developing-countries-debt-outflows-hit-50-year-high-during-2022-2024

16. Andrea Ferreira da Silva et al. Lancet Global Health 2026: https://doi.org/10.1016/S2214-109X(26)00008-2

17. Daniella Medeiros Cavancalti et al, Lancet 2025: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(25)01186-9

18. Link: https://www.cbm.org/news/news-articles/2025/usaid-aid-cuts.html

19. Link: https://ahpsr.who.int/newsroom/news/item/26-05-2025-navigating-health-financing-cliffs-charting-a-path-forward

Foto von Naveed Ahmed auf Unsplash

5. März 2026/0 Kommentare/von Christian Auer
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/naveed-ahmed-x8S8CuYs5Yw-unsplash-scaled-e1772740341359.jpg 1694 1694 Christian Auer https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Christian Auer2026-03-05 20:55:022026-05-22 12:34:55Nächstenliebe auch für einkommensschwache Länder!?

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