«Die Wahrheit ist immer etwas schüchtern, sie verstummt vor der frechen Aggressivität der Lüge.»
– Alexander Solschenizyn1
Der britische Historiker Alec Ryrie schreibt in seinem Buch The Age of Hitler, dass in der Nachkriegszeit Jesus von Nazareth von Adolf Hitler abgelöst wurde als die bedeutendste moralische Figur der westlichen Kultur. Im Kontext der Säkularisierung hat Jesu Ethik der Nächstenliebe an Bedeutung verloren, an ihre Stelle tritt der moralische Appell, mit allen vereinten Kräften gegen Nazis zu sein. Hierin liegt ein entscheidender Grund, warum Dietrich Bonhoeffer zu einem der bekanntesten und meistgelesenen Theologen der Geschichte wurde. Bonhoeffer steht exakt am historischen Punkt, an dem sich diese moralische Grosswetterlage ändert. Er repräsentiert eine ethische Haltung, die von Jesus herkommt und sich entschieden gegen Hitler wendet. Das erklärt, warum er als einer der nur ganz wenigen Theologen über die politischen, kirchlichen und theologischen Gräben hinweg gelesen und diskutiert wird. Wer sich mit Bonhoeffer identifiziert, lebt mit dem Pathos, auf der „richtigen” Seite der Geschichte zu stehen. Wir vergessen dabei allzu schnell den bitteren Umstand, dass die kirchliche Opposition gegen Hitler eine erbärmlich kleine Minderheit bildete, und dass die beispiellosen Verbrechen desNationalsozialismus von einer durch und durch christlichen Bevölkerung ausgegangen sind. Weiterlesen