Dietrich Bonhoeffer – Zeuge christlicher Gewaltfreiheit
«Die Wahrheit ist immer etwas schüchtern, sie verstummt vor der frechen Aggressivität der Lüge.»
– Alexander Solschenizyn1
Der britische Historiker Alec Ryrie schreibt in seinem Buch The Age of Hitler, dass in der Nachkriegszeit Jesus von Nazareth von Adolf Hitler abgelöst wurde als die bedeutendste moralische Figur der westlichen Kultur. Im Kontext der Säkularisierung hat Jesu Ethik der Nächstenliebe an Bedeutung verloren, an ihre Stelle tritt der moralische Appell, mit allen vereinten Kräften gegen Nazis zu sein. Hierin liegt ein entscheidender Grund, warum Dietrich Bonhoeffer zu einem der bekanntesten und meistgelesenen Theologen der Geschichte wurde. Bonhoeffer steht exakt am historischen Punkt, an dem sich diese moralische Grosswetterlage ändert. Er repräsentiert eine ethische Haltung, die von Jesus herkommt und sich entschieden gegen Hitler wendet. Das erklärt, warum er als einer der nur ganz wenigen Theologen über die politischen, kirchlichen und theologischen Gräben hinweg gelesen und diskutiert wird. Wer sich mit Bonhoeffer identifiziert, lebt mit dem Pathos, auf der „richtigen” Seite der Geschichte zu stehen. Wir vergessen dabei allzu schnell den bitteren Umstand, dass die kirchliche Opposition gegen Hitler eine erbärmlich kleine Minderheit bildete, und dass die beispiellosen Verbrechen desNationalsozialismus von einer durch und durch christlichen Bevölkerung ausgegangen sind.
Weil Bonhoeffer zum Inbegriff des christlichen Widerstandes gegen Hitler wurde, wird er seit je her von allen möglichen Seiten vereinnahmt für das eigene politische Lager. Ein besonders schmerzliches Beispiel dieser Dynamik ist der im Jahr 2024 erschienene Bonhoeffer-Film. Bereits der Untertitel dieses amerikanischen Biopics – Pastor, Spion, Attentäter – will deutlich machen, dass Bonhoeffer an einem Attentatsversuch gegen Hitler beteiligt war, und diesen mitgestaltete. An einer Schlüsselstelle verkündigt der Darsteller im Film: „I don’t want to pursue theology any longer.“ Das lebensferne Geschäft der akademischen Theologie lässt Bonhoeffer in dieser Version hinter sich, um sich den harten Tatsachen zu stellen. Der moralische Spannungsbogen des Films läuft auf die Frage hinaus, ob es Bonhoeffer gelingen wird, seinen naiven Pazifismus abzulegen. Und tatsächlich: Der Griff zur Waffe. An einer Stelle sieht man Bonhoeffer in einem Raum mit anderen Verschwörern, die aktiv einen Bombenanschlag planen. Hitler, der Inbegriff des Bösen – jemand muss den Mann in die Luft jagen. Die Moral der Geschichte bestätigt die These von Alec Ryrie. Es ist heute vor allem wichtig, gegen Hitler zu sein. Die Sache mit Jesus ist dabei höchstens zweitrangig.
Das alles bringt die Verfälschung der historischen Entwicklung von Bonhoeffers Leben und seine Vereinnahmung auf ein neues Niveau. Der Aufschrei, besonders aus europäischer Warte, war natürlich gross. Der Film war aber dennoch erfolgreich, weil er an einen zähen Mythos anknüpfen konnte, der spätestens seit der weit verbreiteten Bonhoeffer-Biographie von Eric Metaxas in allen Landen ausgerufen wurde. Nämlich der, dass Bonhoeffer seine Ethik der Gewaltfreiheit in seinen letzten Lebensjahren abgelegt hat, um sich aktiv an der Verschwörung gegen Hitler zu beteiligen. Was in der Bonhoeffer-Forschung heiss diskutiert wird, und bei Eberhard Bethge, der das biographische Standardwerk verfasst hat, in aller Vorsicht erwägt wurde, wird im Strudel einer rechtskonservativen Instrumentalisierung zur Tatsache erhoben. Und Bonhoeffer zum Gewährsmann einer theologischen Ethik erklärt, die christliche politische Gewalt legitimiert.
Gerade in unserem gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext von militärischer Aufrüstung, Krieg und gesellschaftlicher Spaltung ist dieses Bild nicht nur historisch falsch, sondern potentiell gefährlich. In meiner Forschung bin ich jedenfalls zur Überzeugung gekommen, dass Bonhoeffers Lebensgeschichte in eine völlig andere Richtung weist. Es ist eine Geschichte eines Deutschen, der zur Kirche gefunden und für sie bis zuletzt gekämpft hat. Der in seiner Zeit als Pazifist und Staatsfeind verschrien war, weil er sich für den Frieden Jesu aussprach. Bonhoeffers Lebensthema ist nicht der Widerstand gegen Hitler, sondern die Bekehrung hin zu Jesus, mit all den kostspieligen Konsequenzen, die das mit sich bringt. In diesem Beitrag soll darum die biographische Entwicklung Dietrich Bonhoeffers kurz nachgezeichnet werden, besonders mit Blick auf seine Haltung zum Pazifismus. Abgeschlossen wird der Text mit einigen Erwägungen über die komplexe Frage, wie man sich Bonhoeffers Rolle im Widerstand vorstellen kann.
Bonhoeffer und der Friede – die frühen Jahre
Dietrich Bonhoeffer wurde im Jahr 1906 im schlesischen Breslau in eine gehoben-bildungsbürgerliche Familie geboren. Seine Eltern konnten mit militaristischer Euphorie nichts anfangen. Beim Ausbruch des 1. Weltkrieges kam eine Schwester Bonhoeffers kriegsbegeistert von der Schule nach Hause und bekam dafür gleich eine Klatsche. Im Krieg wurde Dietrichs Bruder Walter im Alter von 18 Jahren getötet. Ein Verlust, den seine Mutter Paula in eine tiefe Depression stürzte und der ein Hinweis darauf sein könnte, warum Bonhoeffer trotz seiner unkirchlichen Familienherkunft Theologe werden wollte. Dietrich, der schulisch und musikalisch aussergewöhnliche Begabungen zeigte, studierte Theologie in Tübingen und Berlin, den Zentren eines nationalistischen deutschen Protestantismus. Bonhoeffer verbrachte seine formativen Jahre in der Weimarer Republik, einem kurzlebigen, von Aufbrüchen, schweren wirtschaftlichen Krisen und Ressentiments geprägten demokratischen Experiment. Er war Teil der Pfadfinder, eine damals aufkommende Jugendbewegung, die später von der Hitlerjugend gekapert wurde.
Einzigartig an Bonhoeffers Lebensweg sind die vielen Reisen, die er ins Ausland unternommen hat. Rom, Nordafrika, Barcelona, Amerika und England: das sind alles Destinationen, die seine Sympathien weckten für Kulturen jenseits seiner selbstbewussten deutschen Herkunft. Dazu kommen Kontakte, die der junge Theologe dort mit der aufkommenden ökumenischen Bewegung knüpfen konnte. Seit der Besichtigung imposanter römischer Kirchenbauten begann Bonhoeffer, die Kirche als Institution zu lieben. Durch den Kontakt mit der Ökumene als internationaler kirchlicher Gemeinschaft über konfessionelle und nationale Grenzen hinweg, trat Bonhoeffer heraus aus der allgegenwärtigen Vorstellung, dass Deutschland als nationales Projekt eine Sonderstellung innehatte, das über andere Nationen triumphieren wird. Viel wichtiger als der Nationalstaat wurde für ihn der Raum der weltweiten Kirche Jesu Christi. Zu dieser Einsicht verhalf ihm auch die kulturkritische Theologie des Schweizer Theologen Karl Barth, den er im Jahre 1925 entdeckte und seither als Mentor erachtete.
In Barcelona hielt der junge Vikar Bonhoeffer noch einen Vortrag, in dem er die Bergpredigt als gesetzliches Prinzip kritisiert und den Krieg eines Volkes gegen das andere als normalen zivilisatorischen Prozess gutheisst. Ein Jahr später aber, während eines Studienaufenthalts in New York, tritt bei ihm eine entscheidende Wende ein. Hier lernt Bonhoeffer den französischen Pazifisten Jean Lasserre kennen. Die Freundschaft mit Lasserre überzeugte Bonhoeffer vom Friedensgebot Jesu, gemeinsam halten sie einen Vortrag dazu auf einer Reise in Mexiko. Diese Freundschaft ist auch darum so erstaunlich, weil sich Deutsche und Franzosen im Ersten Weltkrieg noch erbittert bekämpft haben. Es ist auch Jean Lasserre anzurechnen, dass Bonhoeffer die Bergpredigt als Fundament christlicher Ethik ernst zu nehmen begann. Aus der seitherigen Beschäftigung mit ihr schrieb er sein bekanntestes Buch: Nachfolge (1937). Dazu kommt, dass Bonhoeffer in der Abyssinian Baptist Church in Harlem die Lebendigkeit des schwarzen Christentums in Amerika erlebt hat. Das sind alles Faktoren, die Bonhoeffer zu einem radikalen Christen machten, für den der Friede Jesu Christi zum Lebensthema wurde. In einem berühmten Brief an Elisabeth Zinn beschrieb er diese Lebenswende: „Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. […] Seitdem ist alles anders geworden. […] Der christliche Pazifismus, den ich noch kurz vorher […] leidenschaftlich bekämpft hatte, ging mir auf einmal als Selbstverständlichkeit auf” (dieser Satz wird in der Biographie von Metaxas ausgelassen).
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland kam Hitler 1933 an die Macht. Bonhoeffer sah die politische Unruhe und die Gewalt in den Strassen Berlins, den Antisemitismus und die politische Impotenz seiner Kirche. Er wollte darum nicht mehr bloss Universitätsdozent sein, sondern als Pfarrer in der preussischen Kirche arbeiten. Das wurde aber verhindert durch die Einführung des sogenannten Arierparagraphen, der es jüdisch-stämmigen Theologen verbot, in dieser Kirche Pfarrer zu werden. Bonhoeffers bester Freund seit Studienzeiten, Franz Hildebrandt, war selbst Jude und lebenslanger Pazifist. Aus Solidarität zu ihm entschied sich Bonhoeffer, mit Hildebrandt nach England zu gehen, wo er in London als Pfarrer arbeitete für zwei deutsche Auslandsgemeinden. Ab diesem Punkt, dem Jahr 1933,verlässt Bonhoeffer endgültig sein behagliches Leben in der deutschen Bourgeoisie und tritt in einen kompromisslosen kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ein.
Ein weiterer Grund, warum Bonhoeffer nach England ging ist der, dass er von dort aus nach Indien hätte reisen können. Wie so manche im damaligen England, war auch Bonhoeffer inspiriert von der gewaltfreien Politik Mahatma Gandhis für die Unabhängigkeit Indiens. Bonhoeffer sah das Christentum in Deutschland an sein Ende gekommen und meinte, dass „in dem dortigen ‘Heidentum’ vielleicht mehr christliches steckt als in unserer ganzen Reichskirche.” Bevor er aber nach Indien reisen konnte, wurde er von seiner Kirche rekrutiert für die Leitung eines Predigerseminars, um Pfarrer auszubilden für ihren Dienst in der später für illegal erklärten Bekennenden Kirche. Vor seiner Rückkehr nach Deutschland hielt er noch einen fulminanten Vortrag an einer ökumenischen Konferenz in Dänemark, der als sein pazifistisches Manifest gelten darf:
„Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.”
Von 1935 bis 1940 bildete Bonhoeffer Vikare im Predigerseminar aus, zuerst in Zingst, dann in Finkenwalde bei Stettin, und schließlich tief in den Wäldern Hinterpommerns. Das Seminar lässt sich als eine Art evangelisches Kloster beschreiben, in dem die jungen Männer lernten, die Bibel ernsthaft lesen, zu meditieren, in eigenen Worten zu beten, Gottesdienste zu feiern und auf Missionsfahrten in Bauerndörfern zu evangelisieren. Man nahm sich aber auch genügend Zeit für Muße, Sport, Literatur und für politische Diskussionsabende. Das Seminar wurde für illegal erklärt und 1937 von der Gestapo geschlossen, weshalb man nach Hinterpommern in den Untergrund wechseln musste.
Es ist wichtig zu verstehen, dass dieses Seminar Bonhoeffers eigentlicher und konsequentester Widerstand gegen Hitler darstellte. Er bestand darin, dass hier junge Männer von der Propaganda des Nazismus befreit und zu Verkündigern des Evangeliums gemacht wurden, die dafür all ihre bürgerlichen Privilegien aufgeben mussten. Das ganze Unternehmen war prekär und vor allem radikal. Selbst innerhalb der Bekennenden Kirche wusste man nicht, was mit dem „mönchischen” und pazifistischen Bonhoeffer anzufangen sei. Auch Karl Barth beäugte sein Unternehmen äusserst kritisch. Aber es wäre vereinfachend, zu behaupten, Bonhoeffer bildete mit seinen Vikaren ein ideologisch geschlossenes Widerstandszentrum gegen Hitler. Unter den jungen Männern im Seminar war beispielsweise der Pazifismus Bonhoeffers stark umstritten. Viele unter ihnen blieben überzeugte deutsche Nationalisten, und damit bereit, zur Waffe zu greifen für ihre Heimat. „Mit seinen Neigungen zum Pazifismus stand er allein,” urteilt Eberhard Bethge.
Später bekam Bonhoeffer von seinen Seminaristen, mit denen er in einem regen Briefkontakt stand, die Ungeheuerlichkeiten von der Kriegsfront mit. Viele dieser jungen Männer, die in Bonhoeffers Seminaren gehört haben, in Treue zur Bergpredigt auf Gewalt zu verzichten, wurden nun zwangseingerückt und mussten sich teilweise an Erschiessungskommandos beteiligen. Den verzweifelten Soldaten schrieb Bonhoeffer seelsorgerliche Briefe an die Front. In einem ist zu lesen: „Gott kennt Euer jetziges Leben und findet seinen Weg zu Euch […], wenn Ihr den Weg zu ihm nicht mehr findet.” Von seinen ungefähr 150 Seminaristen, sind etwa 80 im Krieg gefallen. „Nun hat der Tod auch unter unserer Finkenwalder Bruderschaft reiche Ernte gehalten.”
Coup d’état
Bonhoeffer selbst unternahm alles, um den Waffendienst im Krieg zu vermeiden. Genau das war der Grund, warum er im Jahr 1939 noch einmal in die USA flog. Man hat ihm dort Gastfreundschaft und Vorlesungen an Universitäten angeboten. Aber Bonhoeffer plagte sein Gewissen, auch wegen seiner Vikare, weshalb er nach nur wenigen Wochen wieder nach Deutschland zurückkehrte. Im September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Bonhoeffer bewarb sich vergeblich als Militärseelsorger. Ein halbes Jahr später wurde sein Seminar endgültig geschlossen. Für Bonhoeffer endete damit die Gemeinschaft, die ihn für mehrere Jahre getragen hat. Er war zurückgeworfen auf seinen Familienkreis.
Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi erhält Bonhoeffer im Oktober 1940 eine Position im Amt für Spionageabwehr in München. Das klingt aufregend wie aus einem Kriminalroman, die Realität sah jedoch wesentlich unspektakulärer aus. Die Abwehr war kein Hort des Widerstandes. Etwa 13’000 Beamte waren dort angestellt, nur ungefähr 50 davon waren an regimefeindlichen Agitationen beteiligt. Für Bonhoeffer war die Anstellung durch die Abwehr die einzige Möglichkeit, seine Arbeit für die Kirche in subversiver Gestalt fortzusetzen, ohne dabei in Hitlers Militär kämpfen zu müssen. Er machte Visitationen in Gemeinden in Pommern, er begann, an seinem Buch Ethik zu schreiben in einem Kloster in Ettal. Er predigte in Kirchen, beerdigte gefallene Soldaten, und diskutierte mit Katholiken über die Einheit der Kirche. Bonhoeffer befürchtete zurecht, dass der Krieg desaströs für Deutschland enden würde. Auch deshalb unternahm er viele Auslandsreisen in die Schweiz, nach Norwegen und Schweden, ja sogar zum Vatikan, um dort mit kirchlichen Kontakten über den Widerstand und ein Deutschland nach dem Krieg zu sprechen. Und die Alliierten von einer Verschonung der deutschen Zivilbevölkerung zu überzeugen.
Wegen der vorherrschenden Zensur sind aus der Zeit viel weniger schriftliche Dokumente überliefert, was die Deutung seiner Position in der Abwehr noch einmal erschwert. Was wir wissen: Bonhoeffer war keineswegs in Unwissenheit darüber, dass eine Abwehrgruppe um Hans von Dohnanyi und Hans Oster einen Anschlag auf Hitler plante. Manche dieser Gespräche fanden sogar im Berliner Haus seiner Eltern statt. Es ist davon auszugehen, dass Bonhoeffer mit Dohnanyi über dessen Umsturzversuche sprach, wie er sich dazu verhielt, wissen wir nicht direkt. Die Schriften zeigen, dass Bonhoeffer vor allem um die Zukunft der Bekennenden Kirche besorgt war. Für Dohnanyi diente Bonhoeffer als ein im Ausland hervorragend vernetzter Informant, ein weiser Berater und nicht zuletzt auch als ein Seelsorger in einer politisch zermürbend angespannten Zeit.
Was wurde aus dem Pazifismus?
Wegen Bonhoeffers Mitwissenschaft an den Attentatsversuchen wird häufig der Schluss gezogen, dass er direkt an solchen beteiligt war. Das ist aber nicht der Fall. So sagt es Clifford Green, Herausgeber der englischen Gesamtausgabe von Bonhoeffers Werken: „Kein Wissenschaftler und kein ernsthafter Leser Bonhoeffers glaubt, dass er […] persönlich an Attentatsversuchen auf Hitler beteiligt war.” Aber warum wurde Bonhoeffer im April 1943 verhaftet und schliesslich hingerichtet? Es flog auf, dass Bonhoeffer und Dohnanyi im Jahr 1942 vierzehn Jüdinnen und Juden über die Grenze in die Schweiz brachten. In den gerichtlichen Akten wurde Bonhoeffer keine Beteiligung an einem Attentat vorgeworfen, sondern Militärdienstverweigerung.
Gibt es aber Grund dafür, anzunehmen, dass Bonhoeffer seinen Pazifismus zugunsten eines Tyrannenmordes aufgab? Diese Frage ist schwieriger zu beantworten. Es ist klar, dass Bonhoeffer in seinen letzten Jahren theologische Entwicklungen durchgemacht hat, und manche seiner Überzeugungen neu durchdachte. Eindrücklich an seinem Denken in dieser Zeit ist das ehrliche Eingeständnis, dass niemand aus der Tragödie der Gegenwart mit sauberen Händen heraustreten wird. Auch gerade diejenigen nicht, die sich für Gewaltfreiheit entscheiden, oder die meinen, sie können durch ein privates, unpolitisches Christentum schuldlos bleiben. Obwohl Bonhoeffer selbst den Gebrauch einer Waffe vermied, und nicht direkt an einem Attentat beteiligt war, sah er sich unweigerlich hineingezogen in den Schuldzusammenhang seines Volkes. Vor diesem Hintergrund sind seine Texte über Verantwortung und Schuldübernahme zu verstehen.
Der bisherige wissenschaftliche Konsens ist der, dass der Bonhoeffer der 40er Jahre nicht mehr als Pazifist bezeichnet werden kann. Das kommt auch daher, dass Eberhard Bethge in seiner Biographie Bonhoeffers selbsterklärtem Pazifismus immer kritisch gegenüberstand, ja ihn gar leugnete. Bethge, und mit ihm eine ganze Generation der Nachkriegstheologie, sah in Bonhoeffer eine Leitfigur, die Hitler aktiv bekämpfte. Es ist nicht auszuschliessen, dass das Narrativ einer gewaltbereiten Beteiligung Bonhoeffers am Widerstand dieser Generation half, die katastrophale Bilanz Deutschlands zu verarbeiten. Eric Metaxas und andere konnten nahtlos an dieses Narrativ anknüpfen. Die Sachlage ist aber die, dass letztlich Vieles im Dunkeln bleibt, und für die Forschung eine Sache der Interpretation seiner Texte.
Was wurde also aus Bonhoeffers Friedensethik? Besteht doch noch eine Möglichkeit, dass er Pazifist blieb? Sicher nicht in einem prinzipiellen Sinn. Aber der Ruf zum Frieden Christi blieb für ihn zentral. Bonhoeffers Rolle im Widerstand war die eines subversiven Kirchenmannes, Informanten und Theologen, der die Katastrophe seiner Zeit ethisch durchdachte. In seinen Schriften tritt klar hervor, dass für ihn das fünfte Gebot (Du sollst nicht töten!), die Bergpredigt und die Friedensbotschaft des Evangeliums zentral blieben. Kommt dazu, dass es Zeitzeugen gibt, die Zweifel erheben an Bethges Narrativ, oder es zumindest relativieren. Bonhoeffers enge Freunde, Jean Lasserre, Franz Hildebrandt, Friedrich Siegmund-Schultze, und weitere, blieben lebenslang Pazifisten. Wir wissen von Paul Lehmann, dass Bonhoeffer 1939 seine pazifistische Gesinnung noch einmal klar ausdrückte, so erinnert sich auch Karl Barth nach seinen Gesprächen mit Bonhoeffer in der Schweiz. Und als Hildebrandt im Jahr 1945 das Gerücht hörte, Bonhoeffer sei an einem Attentat beteiligt gewesen, wies er dies als Unmöglichkeit ab. Zahlreiche schriftliche Belege liessen sich aus Bonhoeffers Schriften aufführen, die in eine ähnliche Richtung weisen.
Die Diskussion um Bonhoeffers Beteiligung am Widerstand und seinen christlichen Pazifismus ist also noch nicht an ihr Ende gekommen. Es ist aber zu bedauern, dass sich die bekömmlichen Halbwahrheiten letztlich durchgesetzt, und damit die Erinnerung an Bonhoeffers Lebenswerk in eine drastische Schieflage versetzt haben. Das lenkt bis heute davon ab, dass Bonhoeffer bis zu seiner Hinrichtung im April 1945 in seinem Selbstverständnis entschieden als Pfarrer der Kirche Jesu Christi, und nicht primär einer Widerstandsgruppe gearbeitet hat. Dass er Theologe blieb, wie verrückt an Entwürfen, Predigten und Stellungnahmen schrieb, die die Erneuerung der Kirche und der Theologie nach dem Krieg andachten. Und dass er bis zuletzt für den Friedensimperativ des Evangeliums einstand, in dem er die Aufgabe der Kirche sah. Wird dieses Erbe willentlich verfälscht zugunsten vorgefertigter Überzeugungen, hat uns Bonhoeffer auch nichts mehr zu sagen.
1. Solschenizyn, Alexander: Der Archipel GULAG 3. Schlussband, Nach Stalin, aus dem Russischen von Anna Peturnig und Ernst Walter, Frankfurt am Main 2011, 451.











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