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Das Evangelium – mehr als „harmloser Seelenfriede“

Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 6 min

Das Reich Gottes als gesellschaftsverändernde Kraft

1. Gottes rettendes Eingreifen verändert immer eine Gesellschaft

Wer in der Bibel lediglich Anleitungen zum inneren Seelenfrieden oder zum privaten, religiösen Wohlbefinden sucht, wird schnell enttäuscht. Wo Gott wirkt und rettend eingreift, hat dies auch immer Folgen für die Gesellschaft. Zudem besteht die Hoffnung der biblischen Autoren darin, dass das Reich Gottes eines Tages diese gesamte Welt vollumfänglich durchdringen und erneuern wird (z.B. Jes 32,1-20; 66; Hes 34). Von dieser durchdringenden Kraft des Reiches Gottes wird erwartet, dass sie auch die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Realitäten unserer Welt neu gestalten wird. Dies zu beachten, bewahrt uns davor, das Heil Gottes rein individualistisch zu sehen und auf die ?Seele? des Menschen zu begrenzen. Die Vision des Reiches Gottes ist nicht kleiner als die einer erneuerten Erde und eines erneuerten Himmels. Wo immer Gott rettet, betrifft dies die ganze Wirklichkeit eines Menschen, also auch seine soziale, ökologische, geistliche und physische Existenz. Drei Beispiele aus der Bibel sollen dies veranschaulichen.

1.1. Der Exodus-Skandal: Ein Gott der sich um Sklaven kümmert

In der Befreiung Israels aus Ägypten geschah etwas Einmaliges, in der ganzen Geschichte der Antike noch nie Dagewesenes: Ein Gott hört auf die Schreie von Sklaven. Seine Aufmerksamkeit gilt den Hilflosen und Machtlosen, und er forderte den mächtigen Pharao sowie dessen mächtigen Gott Ra heraus. Dadurch setzte er sich über die damals übliche Gesellschaftsordnung hinweg, denn in der antiken Gesellschaft galt es als selbstverständlich, Sklaven zu halten. Die Welt war ?eingerichtet? mit Pharaonen und Sklaven, die für ihn arbeiten mussten und die keinerlei Recht und keinen Zugang zu den mächtigen Göttern hatten.

Doch Jahwe, der Gott Israels, änderte das und vollbrachte das Unvorstellbare. Er setzte die bestehenden Normen ausser Kraft und schenkte denen die Freiheit, die sich nie selber befreien konnten; er verschaffte denen Gerechtigkeit, denen niemand je Gerechtigkeit verschafft hätte. Der Pharao und seine Machtansprüche wurden einfach ausser Kraft gesetzt. Gott, der mächtiger als Ra war, schenkte seine Gunst und seine Fürsorge den Sklaven, den Unbedeutenden, denen, die nur dazu da waren, den Mächtigen ihr angenehmes Leben zu ermöglichen. Die Kraft Gottes hat die ganze Gesellschaftsordnung völlig verändert.

Seit dem Exodus aus Ägypten wissen wir, dass Gott der Gott der Freiheit und der Gerechtigkeit ist und dass bei ihm kein Ansehen der Person gilt. Und weil Israel Gott so erlebt hat, sollen sie auch untereinander entsprechend miteinander umgehen: ?Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen. Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören.? (2. Mose 22,20-22, vgl. Spr 21,13). Die Propheten sprechen dann davon, dass Israel vergessen hat, wie radikal Jahwes Rettung auch eine neue Gesellschaftsordnung hervorbrachte (z.B. Jes 1,11-17; 58; Amos etc.).

Wir halten fest: Der Exodus ist keine rein ?innere, geistliche? Rettung Israels, sondern die Erfahrung der Gnade Gottes, durch die die bestehende Hackordnung und die Gesellschaftsstruktur neu definiert wurden.

1.2. Jesu Leben und Wirken: Eine Kontrastgesellschaft entsteht

Mit dem Kommen Jesu auf diese Erde geschieht Ähnliches. Über ihn wird prophetisch gesagt: ?Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen? (Lk 1,52). Diesmal war es die fromme Elite, welche die Hackordnung festlegte und alle jene ausgrenzte und ihrer Würde beraubte, die nicht ihrem Standard entsprachen.

Grundlegend für die Einsicht, dass Jesu Wirken die Gesellschaft auch veränderte, ist seine Predigt in Nazareth, wo er den Armen, Hilflosen und Ausgegrenzten Gottes Heil zuspricht (Lk 4,16-30). Es handelt sich dabei um Menschen, die in irgend einem Bereich ihres Lebens auf Hilfe angewiesen sind  – z.B. in geistlicher, physischer, materieller oder psychischer Hinsicht. Sie können von sich aus nichts tun, um diesen negativen Lebensumstand zu verändern.

Die frohe Botschaft vom Reiches Gottes, das zu ihnen kommt, veränderte die heillosen Umstände dieser Hilflosen:

·         Zum Verbrecher am Kreuz sagte er, ?Heute wirst du mit mir im Paradies sein?

·         Der Prostituierten sprach er den Frieden Gottes zu (Lk 7,36-50)

·         Denen, die von allen anderen ausschlossen wurden, weil sie moralisch und religiös ?schwach? waren, vermittelte Jesus Dazugehörigkeit. Für ihn gehören auch sie zum Gottesvolk (Mk 2,13-17; Lk. 7,36-50; 19,1-9).

·         Er berührte den Unberührbaren (Aussätzigen), gab dem von allen Verdächtigen seine Unschuld zurück (dem Gelähmten in Lk. 5,17-26) und feierte mit Levi, mit dem niemand feiern mochte (Lk 5,27-32).

In einer Gesellschaft, in der Krankheit keine rein körperliche Sache war, sondern auch eine Frage von Schuld, Schande und sozialer Isolation, ist jede Heilung eine radikale Veränderung im sozialen Gefüge einer geheilten Person (vgl. Mat. 9,20).

Bei ihm gehören die dazu, die niemand haben will, bei ihm empfangen diejenigen Würde, deren Würde von den anderen zerstört und mit Füssen getreten wurde. Gottes frohe Botschaft gilt denen, die kein frohes Leben erlangen können. So entstand wie beim Exodus eine Kontrastgesellschaft (Apg. 2,42-47), in der es weder Männer noch Frauen, weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie gibt (Gal. 3,28).

Das Heil, das Jesus brachte, ist in radikalster Art und Weise gesellschaftsverändernd sein ? es kann gar nicht anders sein.

1.3. Die Geisterfahrung der Gemeinde: Alle haben etwas beizutragen

Diese soziale Sprengkraft des Reiches Gottes kommt u.a. auch in der Geisterfahrung der Gemeinde zum Tragen. An Pfingsten wurde der Geist auf alle Menschen (?alles Fleisch?) ausgegossen, ungeachtet geschlechtlicher, sozialer oder ethnischer Herkunft; durch den Geist fallen diese Unterschiede weg, und alle haben in der Gemeinde etwas zu sagen.1

Ähnliches kann zu den Geistesgaben gesagt werden (vgl. 1 Kor 12-14): In den Paulus-Gemeinden hatten alle ungeachtet ihrer sozialen und ethnischen Herkunft oder ihres Geschlechts etwas beizutragen. Da ist keiner selbstgenügend, da ist keiner, der nichts beizutragen hätte. Da gilt nicht ?Gleich und Gleich gesellt sich gern?, sondern Ungleich und Ungleich werden zu einem Leib geformt, der erst in seiner Vielfalt die Herrlichkeit Gottes widerspiegelt. Hier sind buchstäblich die Ersten die Letzen, und die gesellschaftsüblichen Normen werden ausser Kraft gesetzt.

Die Manifestationen des Heiligen Geistes führten immer wieder zur Versöhnung. So kam es zu einer Versöhnung

–          zwischen Juden und Heiden (Apg. 10)

–           zwischen einem Juden und einem unreinen Eunuchen (Apg. 8)

–          zwischen Juden und den ihnen verhassten Samaritern (Apg. 8).

Jedesmal ist es der Geist Gottes, der die Initiative ergreift, so dass Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten, den Weg zueinander und zur Versöhnung finden. Als Ergebnis kam es zu einer einmaligen gesellschaftlichen Konstellation: Es entstand eine Gemeinde aus  Menschen, die sich sonst nur verachtend, ablehnend und feindlich gegenüber standen.

2. Auch heute: Veränderte Menschen sind von den Spielregeln der Gesellschaft befreit und deshalb nicht harmlos

Die biblischen Beispiele veranschaulichen, dass sich das Reich Gottes nie ausbreitet, ohne dass es zu Veränderungen in der Gesellschaft kommt. Zum Teil kommen diese Veränderungen allerdings erst in der Gemeinde ganz zum Tragen (Hoffentlich auch in unseren Gemeinden!). Aber dadurch, dass eine Kontrastgsellschaft entsteht, in der nicht mehr die übliche Hackordnung gilt und in der die Gunst nicht mehr nach den üblichen Spielregeln verteilt wird,2 leuchtet die endgültige Erneuerung immer wieder vor unseren Augen auf.

In unserer Zeit erweist sich das Reich Gottes nicht minder als gesellschaftliche Sprengkraft. Bei uns sind es die Erfolgreichen, die Schönen, die Starken und das Geld, welche die Spielregeln für die Gesellschaft festlegen: Erfolg gibt recht, Geld regiert, Schönheit macht liebenswert und Stärke behauptet sich und macht unabhängig. Bei Gott erleben wir jedoch:

–          recht hat, wer treu ist und vergibt.

–          liebenswert ist, wer Mensch ist .

–          wer befehlen will, dient .

–          wer sich behaupten will, verleugnet sich und erlebt seine Abhängigkeit .

–          Gottes Allmacht verwirklicht sich in der Ohnmacht von uns Menschen.

Das Reich Gottes ist auch heute noch gesellschaftsverändernd, weil die Menschen, die es umfasst, durch einen Prozess der Veränderung gehen. Wer sich in die Nachfolge Jesu von Nazareth begibt merkt, dass sein Wert und seine Daseinsberechtigung nicht mehr durch die Leistung oder den Erfolg definiert wird, sondern von der vorbehaltlosen Annahme, die ihm durch Jesus entgegen kommt. So eine Erfahrung kann wiederum nicht ohne Auswirkungen im Umgang mit anderen Menschen bleiben. Eine Jüngerin Jesu wird davon befreit, andere Menschen nach ihren Leistungen (seien dies nun wirtschaftliche oder ?religiöse? Leistungen) zu bewerten. Die Gemeinde Jesu ist von allen unterdrückenden und menschenabwertenden Werten unserer Gesellschaft befreit und wirkt daher heilend in unsere Gesellschaft hinein. Nachfolger Jesu werden davon befreit, das Spiel der Gesellschaft mitzuspielen. Dieses Spiel wird an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten anders gespielt, doch die zwei Hauptthemen bleiben sich gleich: Geld und Macht ? sei es durch Erfolg, Schönheit, Stärke, Unabhängigkeit oder was auch immer. Wo weder Geld noch Macht die Beziehungen regeln, sondern Liebe, Annahme und Vergebung, da kann das nicht ohne Folgen für Politik und Wirtschaft bleiben. Die Erfahrung unsere Rechtfertigung durch Gnade kann nicht spurlos an unserem Umgang mit anderen Menschen vorbeigehen. In einer konsequent  christlichen Lebenspraxis wird die Erfahrung der eigenen, vorbehaltlosen Annahme durch Gott Wegweiser und Richtschnur für unser Verhalten. Und das wird von den Mächtigen und Bossen unserer Zeit als genauso wenig  harmlos empfunden, wie Jesu Hinwendung zu den ?falschen Leuten? als harmlos abgetan werden konnte. Es wird in den Augen der Macher unserer Gesellschaft immer skandalös, unwirtschaftlich und  unbequem sein. Ein konsequent christlicher Lebensstil wird so zur prophetischen Stimme Gottes, die seit je her hilfreich für die ?Letzten? und unbequem für die ?Ersten? war (Lk 13,30).

Unsere Vision ist und bleibt die einer erneuerten Erde mit einer erneuerten Gesellschaft: Weil Gott selber bei uns wohnen und alle Tränen abwischen wird (Off 21,1-4), dürfen sich alle Hungernden, Leidenden, Trauernden, Sanftmütigen, Verlachten und Verfolgten jetzt schon freuen.

Dr. Matthias Wenk (41) ist Schweizer, studierte Theologie in den USA und promovierte in England. Er arbeitet als Pastor der BewegungPlus in Hindelbank und teilzeitlich als Dozent am Theologisch-Diakonischen Seminar in Aarau. Er ist verheiratet und Vater von drei Söhnen (16, 13, 6 Jahre alt).

Alle Bibelzitate sind der Einheitsübersetzung entnommen.


1. Die Auswahl der sozialen Kategorien geschah bewusst und widerspiegelt, mit Ausnahme der Alten, diejenigen in der orientalischen Gesellschaft, die in der Regel nichts zu sagen hatten.

2. Während bei den Ägyptern die Machthaber das Gesellschaftsleben definierten, waren es bei den Juden zur Zeit Jesu die Frommen und Selbstgerechten und bei den Griechen die Weisen und Starken. Jedesmal hat Gott sich über die üblichen sozialen Schranken hinweggesetzt. Er hat seine Macht durch Sklaven, seine Reinheit und Heiligkeit durch Verachtete und Sünder und seine Weisheit durch das Kreuz und Toren demonstriert. (1. Kor 1,18-31).


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1. Januar 2001/0 Kommentare/von Matthias Wenk
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