Dialog statt stumme Angst vor Spaltungen
Während in den Social Media Polarisierung und Meinungsblasen gepflegt werden, scheuen sich die Kirchen aus Angst vor Spaltungen kontrovers diskutierte Themen anzusprechen. In diesem Artikel skizziert das langjährige ChristNet-Mitglied Jean-David Knüsel Ansätze für Christinnen und Christen, wie sie die Freude am Meinungsaustausch mit ihren Brüdern und Schwestern wiederfinden können.
Wir durchleben aktuell nicht nur politische Krisen, sondern auch eine Krise des Austauschs von Meinungen. Diese äussert sich einerseits in Meinungsblasen, also der Tatsache, dass wir hauptsächlich im Internet mit Inhalten oder Menschen in Kontakt kommen, die unsere Meinung teilen. Dadurch lernen wir viel weniger Standpunkte oder Erfahrungen kennen, die uns verunsichern und mit denen wir unsere Positionierung weiterentwickeln könnten. Auf der anderen Seite, was nur scheinbar widersprüchlich ist, nehmen wir eine Polarisierung mit scharfen, ausgrenzenden Standpunkten wahr, die Menschen nach ihren Meinungen in Gut und Böse unterteilt: woke bzw. antiwoke, vegan, impfkritisch, verschwörungstheoretisch, faschistisch … Dadurch erleben wir hauptsächlich einen unproduktiven oder sogar gewalttätigen Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Blasen, vor allem online, aber manchmal auch im direkten Gespräch. Wir verlieren also zunehmend die Lust und das Vertrauen in den Meinungsaustausch mit anderen Menschen, der doch eigentlich zu den schönsten Erfahrungen gehört, die wir in fruchtbare Beziehungen in unserem Leben bzw. in einer gesunden Demokratie erleben können.
Anlässlich der Tagung der «Plateforme du Christianisme Solidaire» 2024 in Chavannes-près-Renens (VD) hat sich eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel gebildet, den direkten menschlichen Meinungsaustausch zu fördern. Sie erstellte einen Flyer, der das Thema behandelt und einige Anregungen und Hilfsmittel vermittelt, um den Dialog wiederzubeleben, wo er bedroht ist. Er ist hier in französischer Sprache verfügbar.
Anstösse durch eine Fernsehsendung
Inspiriert wurde die Arbeitsgruppe der «Plateforme du Christianisme Solidaire» durch den mutigen und recht erfolgreichen Ansatz der Reality-TV-Serie „Week-end» bei RTS, dem Schweizer Fernsehsender in der Romandie. Zu dieser Sendung gehören die Gefässe «Weekend à la ferme» über Veganismus, «Guerre des sexes au chalet» über Feminismus und «Weekend entre ennemis» über Wokismus. Jedes Mal leben vier Personen aus unterschiedlichen Lagern und mit verschiedenen Profilen während eines Wochenendes zusammen, teilen Mahlzeiten und Aktivitäten und sind miteinander im Dialog. Dabei entdecken die Beteiligten und Zuschauenden nicht nur Argumente zu einem Thema, sondern vor allem ihre Gegenüber mit ihren Geschichten. Manchmal entwickelt sich während dieses Zusammenseins tiefer Respekt oder es entstehen unerwartete Verbindungen zwischen Kontrahentinnen und Kontrahenten.
Angst vor Spaltungen
Diese Bedrohung des Meinungsaustauschs in unserer Gesellschaft wirft auch die Frage auf, inwiefern innerhalb der Kirche Dialog zwischen unterschiedlich ausgerichteten Menschen stattfinden kann. Die meisten Kirchen vermeiden es, sensible Themen direkt anzusprechen, weil sie Spaltungen befürchten. Diese Angst ist zweifellos berechtigt. Aber ist es eine Lösung, nicht über solche Themen zu sprechen? Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass wichtige Themen, die die Gläubigen beschäftigen, nicht dem Licht des Evangeliums ausgesetzt werden? Führt uns diese Dialogvermeidung nicht zu einem abstrakten Glauben, indem wir uns auf Inhalte konzentrieren, deren Bedeutung von den wichtigsten aktuellen Themen losgelöst ist? Fördern wir dadurch nicht die Anfälligkeit der Gläubigen für Ideologien verschiedenster Herkunft?
Kirchen sind berufen, Einheit in der Vielfalt zu leben
Dabei haben die Kirchen ein echtes Potenzial, in einer Gesellschaft, die dies heute dringend braucht, einen fruchtbaren Meinungsaustausch zu fördern. Denn die Kirche ist dazu berufen, verschiedene Generationen, soziale Schichten und Kulturen um die Person von Jesus Christus herum zu versammeln. Jesus hat denen, die ihm nachfolgen, so schöne und solide Grundlagen gegeben, um Einheit in der Vielfalt zu leben. Indem er schon in der ersten Jüngergemeinschaft unterschiedliche Sensibilitäten zusammenbrachte, ruft Jesus seine Kirche dazu auf, eine Einheit zu erleben und zu bezeugen, die man als übernatürlich bezeichnen kann. Dazu lehrt er Demut, indem er verlangt, täglich um Vergebung zu bitten und Vergebung zu gewähren. Er stellt die Liebe, die sich frei in den Dienst des anderen stellt, über alle anderen Werte. Und vor allem verschenkt er sich selbst durch seinen Geist, um in inniger Gemeinschaft mit jedem bzw. jeder Gläubigen zu leben. So können wir in unseren Beziehungen – über Kulturen und Generationen hinweg – denselben Christus erfahren, der in den anderen wohnt und uns verbindet. Wir entdecken, dass wir Brüder und Schwestern sind, eins, indem wir denselben Christus auf unterschiedliche und doch ähnliche Weise kennenlernen und leben. Sollte uns angesichts all dessen eine andere Sichtweise auf den Wokismus Angst machen? Wagen wir es, uns in Demut mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben über sensible und wichtige Themen auszutauschen und versuchen wir so, in der Einheit in Christus an Relevanz zu gewinnen!
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Foto von Chris Sabor auf Unsplash




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