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In den letzten Wochen konnten wir auf der Weltbühne erleben, wie Papst Leo XIV sich gegen die Kriegsrhetorik der US-amerikanischen Regierung stemmte. Wütende Antworten des Präsidenten und seines Verteidigungsministers waren die Folge1 .
Zeitgleich hörte ich ein Interview 2 mit dem ehemaligen Direktor des US-amerikanischen Geheimdienstes (CIA), Bill Burns (2021-2025), der davon sprach, wie wichtig eine Atmosphäre sei, in der Menschen auch unbequeme Erkenntnisse kommunizieren können.
«Speaking Truth to Power» 3 , wie er dies nannte, sei ein zentraler Grundsatz der CIA, der es ermögliche, dass die entsprechende Regierung geheimdienstliche Erkenntnisse ungefiltert zu hören bekomme, selbst dann, wenn Nachrichten unbequem seien. Laut Burns ist das ein wesentlicher Vorteil gegenüber autoritär geführten Staaten, in denen das Aussprechen unerwünschter Dinge gefährlich sein kann. Allerdings, so gestand Burns ein, schwinde dieser Vorteil momentan, da sich auch bei der CIA zunehmend eine Kultur der Vorsicht und Angst ausbreite.
Eine Kultur des «Speaking Truth to Power» hat wesentlich zwei Herausforderungen. Zum einen die Frage, ob jemand sich etwas sagen lässt. Zum anderen, ob jemand bereit ist, etwas Kritisches anzusprechen. Beides braucht Mut. Und: Beides braucht eine Kultur, in der dies nicht nur möglich ist, sondern geradezu als eine wichtige Pflicht angesehen wird.
Papst Leo als Vorreiter
Papst Leo sieht es als seine Pflicht, einen klaren Standpunkt einzunehmen, nämlich als Anwalt für den Frieden einzustehen und den Mächtigen dieser Welt entgegenzutreten. Das war in der Geschichte der katholischen Kirche nicht immer so. Lange Zeit war sie, zum Beispiel in Lateinamerika, dafür bekannt, auf Seiten der Machthaber zu stehen.
Das änderte sich signifikant Mitte des letzten Jahrhunderts. Die katholische Kirche sah sich an die Seite der Armen und Unterdrückten berufen. Dieser Wandel kostete vielen Priestern, Diakonen und Ordensleuten das Leben. Eines der bekanntesten Opfer war Oscar Romero, der 1980 in El Salvador während einer Messe im Auftrag des dortigen Militärs ermordet wurde. Romero hatte sich unermüdlich gegen die Unterdrückung der Armen, gegen Folter und Ermordungen durch die Regierung zu Wort gemeldet. Diese Kultur kostete etwas. In dieser Zeit spielte übrigens auch die CIA in Lateinamerika eine mehr als unrühmliche Rolle 4
Die Kultur in unseren Kirchen
Während die internationale Situation grosse Sorge bereitet, frage ich mich, welche Kultur wir in unseren Kirchen und Institutionen pflegen. Halten wir es aus, uns etwas sagen zu lassen? Pflegen wir in unserem Umfeld eine Atmosphäre, in der man unterschiedliche Perspektiven besprechen kann, ohne einander zu «verteufeln»?
Letztlich besteht die Frage darin, wie wir mit Komplexität und Verunsicherung umgehen. Wenn etwas zu komplex ist, versuchen wir, Dinge zu vereinfachen. Wenn wir verunsichert sind, versuchen wir, Sicherheit zu gewinnen. Das ist nur verständlich. Die Gefahr könnte dann aber sein, in unzulässiger Weise zu vereinfachen und in den vereinfachten Dingen Halt zu suchen.
Brücken zwischen Gruppen
Ich beobachte, dass die Brücken zwischen unterschiedlichen (Echo-)Gruppen, den so genannten «Bubbles», schmaler werden. Wir begnügen uns damit, uns innerhalb unserer Gruppe zu vergewissern, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Während meines Studiums begegneten mir immer wieder Aussagen von einzelnen Professoren, die von der «Opinio Communis» sprachen, der «vorherrschenden Meinung». Gemeint war damit: «Ich und alle ernstzunehmenden Theologen denken so. Wer das nicht tut, ist nicht ernst zu nehmen.»
Es fühlt sich warm und gemütlich an, wenn man sich zur «Opinio Communis» rechnet, und sehr unbehaglich, wenn man Fragen hat. Dabei sehen wir in der Rückschau, dass auch die grossen Wissenschaftler der Geschichte nur Teile der ganzen Wahrheit erkannten. Ich bin überzeugt, dass wir auch heute noch nicht ans Ende aller Erkenntnis gelangt sind, und schliesse mich dabei Paulus an, dass wir nur Teile des Ganzen erkennen. 5
Grössere Räume
Als Jesus mit seinen Jüngern umherzog, stellte er die Welt auf den Kopf: Er deckte blinde Flecken auf und kümmerte sich um die, die unter die Räder gekommen waren. Die «gute Nachricht» war anders als erwartet: Sie war ein Projekt, das zum Frieden führen sollte – zwischen Gott und Mensch, unter den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Dort, wo Menschen sich darauf einliessen, dass Gott grösser ist, als das, was sie bisher wussten, öffneten sich neue Welten.
Ein Aufruf zur Demut
«Speaking Truth to Power» interpretiere ich als einen Aufruf zur Demut. «Truth» steht dabei für die Wahrheit, für eine Sichtweise oder Meinung. Diese Demut ist nicht nur für Regierungen und Führungspersonen, sondern grundsätzlich für unser gesellschaftliches Miteinander wichtig. Wenn ich weiss, dass ich nicht alles weiss, werde ich besser zuhören. Ich erweitere meine Möglichkeiten, Weisheit zu entdecken, wo ich sie nicht vermute. Das bedeutet nicht, dass ich keine Überzeugungen mehr habe. Ich vertrete mutig meine Meinung, bleibe mir aber bewusst, dass das, was ich als Überzeugung vertrete, nicht alles ist, was darüber gesagt werden kann.
Ich wünsche mir, dass wir insbesondere in unseren Kirchen eine Kultur prägen, in der Menschen demütig einander zuhören. Paulus schreibt: «… in Demut achte einer den andern höher als sich selbst» 6 . Das ist mit einiger Mühe verbunden, weil wir mit Unsicherheiten umgehen müssen. Letztlich ist das aber ein tiefer Ausdruck von Liebe. Und sei es sogar Feindesliebe. Dazu will uns die Liebe Gottes befähigen.
1. https://www.srf.ch/news/international/nach-kritik-des-papstes-trump-postet-ki-bild-von-sich-als-jesus-die-reaktionen. Zugriff am 15.04.2026.
2. https://www.foreignaffairs.com/podcasts/america-world-upheaval. Zugriff am 15.04.2026.
3. «Wahrheit» ist hier im Sinn von Erkenntnissen zu verstehen, die bei Analysen gewonnen wurden.
4. Ein Beispiel neben anderen ist die «Operation Condor» (vgl. https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-01/us-aussenpolitik-lateinamerika-kommunismus-drogen-diktatoren. Zugriff am 15.04.2026.)
5. 1. Korinther 13,12
6. Philipper 2,3
Dieser Artikel ist bereits bei Insist und im Bienenberg Magazin erschienen.
Foto von Mikhail Nilov, pexels
Während in den Social Media Polarisierung und Meinungsblasen gepflegt werden, scheuen sich die Kirchen aus Angst vor Spaltungen kontrovers diskutierte Themen anzusprechen. In diesem Artikel skizziert das langjährige ChristNet-Mitglied Jean-David Knüsel Ansätze für Christinnen und Christen, wie sie die Freude am Meinungsaustausch mit ihren Brüdern und Schwestern wiederfinden können.
Wir durchleben aktuell nicht nur politische Krisen, sondern auch eine Krise des Austauschs von Meinungen. Diese äussert sich einerseits in Meinungsblasen, also der Tatsache, dass wir hauptsächlich im Internet mit Inhalten oder Menschen in Kontakt kommen, die unsere Meinung teilen. Dadurch lernen wir viel weniger Standpunkte oder Erfahrungen kennen, die uns verunsichern und mit denen wir unsere Positionierung weiterentwickeln könnten. Auf der anderen Seite, was nur scheinbar widersprüchlich ist, nehmen wir eine Polarisierung mit scharfen, ausgrenzenden Standpunkten wahr, die Menschen nach ihren Meinungen in Gut und Böse unterteilt: woke bzw. antiwoke, vegan, impfkritisch, verschwörungstheoretisch, faschistisch … Dadurch erleben wir hauptsächlich einen unproduktiven oder sogar gewalttätigen Dialog zwischen Menschen aus verschiedenen Blasen, vor allem online, aber manchmal auch im direkten Gespräch. Wir verlieren also zunehmend die Lust und das Vertrauen in den Meinungsaustausch mit anderen Menschen, der doch eigentlich zu den schönsten Erfahrungen gehört, die wir in fruchtbare Beziehungen in unserem Leben bzw. in einer gesunden Demokratie erleben können.
Anlässlich der Tagung der «Plateforme du Christianisme Solidaire» 2024 in Chavannes-près-Renens (VD) hat sich eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel gebildet, den direkten menschlichen Meinungsaustausch zu fördern. Sie erstellte einen Flyer, der das Thema behandelt und einige Anregungen und Hilfsmittel vermittelt, um den Dialog wiederzubeleben, wo er bedroht ist. Er ist hier in französischer Sprache verfügbar.
Anstösse durch eine Fernsehsendung
Inspiriert wurde die Arbeitsgruppe der «Plateforme du Christianisme Solidaire» durch den mutigen und recht erfolgreichen Ansatz der Reality-TV-Serie „Week-end» bei RTS, dem Schweizer Fernsehsender in der Romandie. Zu dieser Sendung gehören die Gefässe «Weekend à la ferme» über Veganismus, «Guerre des sexes au chalet» über Feminismus und «Weekend entre ennemis» über Wokismus. Jedes Mal leben vier Personen aus unterschiedlichen Lagern und mit verschiedenen Profilen während eines Wochenendes zusammen, teilen Mahlzeiten und Aktivitäten und sind miteinander im Dialog. Dabei entdecken die Beteiligten und Zuschauenden nicht nur Argumente zu einem Thema, sondern vor allem ihre Gegenüber mit ihren Geschichten. Manchmal entwickelt sich während dieses Zusammenseins tiefer Respekt oder es entstehen unerwartete Verbindungen zwischen Kontrahentinnen und Kontrahenten.
Angst vor Spaltungen
Diese Bedrohung des Meinungsaustauschs in unserer Gesellschaft wirft auch die Frage auf, inwiefern innerhalb der Kirche Dialog zwischen unterschiedlich ausgerichteten Menschen stattfinden kann. Die meisten Kirchen vermeiden es, sensible Themen direkt anzusprechen, weil sie Spaltungen befürchten. Diese Angst ist zweifellos berechtigt. Aber ist es eine Lösung, nicht über solche Themen zu sprechen? Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass wichtige Themen, die die Gläubigen beschäftigen, nicht dem Licht des Evangeliums ausgesetzt werden? Führt uns diese Dialogvermeidung nicht zu einem abstrakten Glauben, indem wir uns auf Inhalte konzentrieren, deren Bedeutung von den wichtigsten aktuellen Themen losgelöst ist? Fördern wir dadurch nicht die Anfälligkeit der Gläubigen für Ideologien verschiedenster Herkunft?
Kirchen sind berufen, Einheit in der Vielfalt zu leben
Dabei haben die Kirchen ein echtes Potenzial, in einer Gesellschaft, die dies heute dringend braucht, einen fruchtbaren Meinungsaustausch zu fördern. Denn die Kirche ist dazu berufen, verschiedene Generationen, soziale Schichten und Kulturen um die Person von Jesus Christus herum zu versammeln. Jesus hat denen, die ihm nachfolgen, so schöne und solide Grundlagen gegeben, um Einheit in der Vielfalt zu leben. Indem er schon in der ersten Jüngergemeinschaft unterschiedliche Sensibilitäten zusammenbrachte, ruft Jesus seine Kirche dazu auf, eine Einheit zu erleben und zu bezeugen, die man als übernatürlich bezeichnen kann. Dazu lehrt er Demut, indem er verlangt, täglich um Vergebung zu bitten und Vergebung zu gewähren. Er stellt die Liebe, die sich frei in den Dienst des anderen stellt, über alle anderen Werte. Und vor allem verschenkt er sich selbst durch seinen Geist, um in inniger Gemeinschaft mit jedem bzw. jeder Gläubigen zu leben. So können wir in unseren Beziehungen – über Kulturen und Generationen hinweg – denselben Christus erfahren, der in den anderen wohnt und uns verbindet. Wir entdecken, dass wir Brüder und Schwestern sind, eins, indem wir denselben Christus auf unterschiedliche und doch ähnliche Weise kennenlernen und leben. Sollte uns angesichts all dessen eine andere Sichtweise auf den Wokismus Angst machen? Wagen wir es, uns in Demut mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben über sensible und wichtige Themen auszutauschen und versuchen wir so, in der Einheit in Christus an Relevanz zu gewinnen!
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Foto von Chris Sabor auf Unsplash
Was ist der Hauptantrieb, wenn Menschen ihren Glauben mit anderen teilen? Ist es die Liebe? Oder ist es die Gerechtigkeit?
Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass trotz anderer Behauptungen die zentrale Grundperspektive klassisch konservativer / evangelikaler Theologie nicht die Liebe, sondern die Gerechtigkeit ist. Diese Gerechtigkeit ist der Liebe übergeordnet. Erst wenn der Gerechtigkeit Genüge getan ist – was oft bedeutet, dass ein Mensch in bestimmte Vorstellungen von Richtigkeit und Gehorsam hineinpasst – kann die Liebe zum Zug kommen. Zu lieben, ohne vorher klarzustellen oder geistlich einzurenken, scheint für so manchen Christen kein gangbarer Weg zu sein. Das wird als Verrat an der über allem stehenden Gerechtigkeit Gottes verstanden. Liebe ist zwar immer der erklärte Wille und die erklärte Absicht, aber diese Liebe kommt eben praktisch an der geforderten Gerechtigkeit (Korrektheit) nicht vorbei.
Und leider geht es wie oben erwähnt bei dieser Gerechtigkeit nicht um die klassische Glaubensgerechtigkeit, die Luther so wichtig wurde, sondern oftmals um Konformität subjektiv biblischen und moralischen Vorstellungen eines bestimmten frommen Milieus gegenüber.
In meinem Buch nenne ich als eines von mehreren Merkmalen progressiver Theologie:
„DIE LIEBE GOTTES ALS HAUPTANTRIEB – Menschen mit progressivem Glauben lassen sich von der Liebe Gottes motivieren, ihren Glauben mit anderen zu teilen. In dieser Liebe sehen sie auch ihre Offenheit gegenüber anderen Lebensentwürfen und -formen begründet.“
Auch wenn konservative Theologie immer wieder behauptet, Liebe und Gerechtigkeit gehören untrennbar zusammen, stelle ich nach 30 Jahren Leben in diesen Kreisen fest, dass die Gerechtigkeit der Liebe im konkreten Vollzug meist übergeordnet ist. Immer wieder höre ich konservative Pastoren sagen, dass ihnen in all ihren Jahren solch eine Vorrangstellung der Gerechtigkeit gegenüber der Liebe nie begegnet ist. Und ich frage mich dann manchmal, ob es einfach gar nicht mehr wahrgenommen wird, weil es so gewohnt ist. Haben diese Pastoren und Christen wirklich noch nie erlebt, dass ein Jugendpastor entlassen wurde, weil er mit seiner Freundin zusammengezogen ist? Dass Menschen nicht mehr in die Gemeinde gehen konnten, weil sie sich haben scheiden lassen? Dass Musiker nicht mehr auf der Bühne mitspielen durften, weil sie sich als homosexuell geoutet haben? Dass jemand die Hauskreisleitung entzogen wurde, weil er nicht mehr an die Historizität der Schöpfungserzählung glauben konnte? Dass begabte Frauen bloss wegen ihres Geschlechts nicht leiten oder predigen durften?
Vielen konservativen Christen erscheinen diese Konsequenzen absolut einleuchtend und es käme ihnen nicht in den Sinn, dass das lieblos ist, denn es ist doch richtig! Aber wieder und wieder wird die Liebe und die Barmherzigkeit auf dem Altar der Korrektheit (was natürlich mit Gottes Gerechtigkeit gleichgesetzt wird) geopfert.
Wenn schon biblisch, dann sehe ich dort den klaren Vorrang in der Liebe. Das wird zum einen explizit so zum Ausdruck gebracht (z.B. 1.Kor.13), zum anderen in vielen Geschichten, Begegnung und Gleichnissen Jesu illustriert.
- Die Gerechtigkeit fordert die Steinigung der Ehebrecherin, die Liebe Jesu spricht: ich verurteile dich nicht, gehe in Frieden, aber verfehle in Zukunft das Ziel deines Lebens nicht mehr (vgl. Joh.8,11).
- Die Gerechtigkeit des älteren Bruders fordert Konsequenzen für den verlorenen Sohn. Die Liebe des Vaters nimmt ihn bedingungslos an (vgl. Lk. 15)
Wenn die Liebe die Hauptmotivation ist, schliesst das Gerechtigkeit überhaupt nicht aus. Aber Gerechtigkeit ist eben eine Ausdrucksform der Liebe Gottes, die Liebe führt zur Gerechtigkeit und es geht nicht um ein unbedingt ausgewogenes Verhältnis zwischen diesen beiden Eigenschaften. Und wenn ich mich entscheiden müsste, wollte ich mich immer für die Liebe entscheiden! Das empfinde ich als am Göttlichsten. Denn nicht die Gerechtigkeit am Kreuz hat der Liebe Gottes den Weg freigeräumt, sondern die Liebe Gottes hat das Kreuz erst möglich gemacht. Die Liebe geht allem voraus und am Ende hat sie das letzte Wort.
Der Artikel ist erstmals am 23. März 2023 auf www.movecast.de erschienen.
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