Schlagwortarchiv für: Klimawandel

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Am 18. Juni 2023 stimmt das Schweizer Volk über das Klimaschutz-Gesetz ab. Diesem Gesetz zufolge darf die Schweiz bis 2050 keine vermeidbaren Treibhausgase mehr produzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen auch Technologien zum Einsatz kommen, welche diese Emissionen aus der Luft entfernen.

2015 hat die Schweiz das Pariser Abkommen unterzeichnet. Damit hat sich das Alpenland dazu verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen – vor allem CO2 – bis 2050 auf Netto-Null zu reduzieren. Ein JA zum Klimaschutz-Gesetz am 18. Juni 2023 würde der Schweizer Wirtschaft und Industrie die nötigen finanziellen Mittel zusprechen, um dieses Ziel zu erreichen. Wer den Gesetzestext an dieser Stelle genau durchliest, erkennt, dass dafür technologische Mittel eingesetzt werden sollen. Mithilfe dieser Technologien kann das CO2 entweder direkt an industriellen Anlagen abgeschieden und gespeichert (Carbon Capture and Storage, CCS) oder dauerhaft aus der Atmosphäre entzogen (Negativemissionstechnologien, NET) werden1. Die Anwendung solcher Technologien wird auch Carbon Dioxid Removal (CDR) genannt2.

Ethische und rechtliche Herausforderungen

Es gibt eine grosse Vielfalt von Techniken zur Entfernung von CO2 aus der Atomsphäre. So zählen nicht nur die im Klimaschutz-Gesetz erwähnten CCS und NET zu diesen Technologien, sondern auch die Aufforstung von Wäldern. All diese Technologien können Einfluss auf das globale Klima nehmen. Schliesslich ist der Klimawandel ein äusserst komplexes und globales Phänomen. Technologische Eingriffe in das Klima können sowohl für die Schweiz als auch fürs Ausland unbekannte Folgen haben. Daher stellt die Anwendung von Carbon Dioxid Removal-Techniken die Wissenschaft und Politik vor einige ethische und rechtliche Fragen. Wie können wir zum Beispiel beurteilen, ob eine Umweltkatastrophe in anderen Ländern auf eine natürliche Ursache oder auf den Einsatz von CDR-Technologien in der Schweiz zurückzuführen ist? Spielen wir Gott, wenn wir mithilfe von technologischen Mitteln das Klima versuchen zu regulieren? Weiter besteht die Gefahr, dass Firmen, Politiker und die Bevölkerung der Illusion erliegen, dass CDR-Technologien das Klima retten können und sie selbst kein CO2 mehr einsparen müssen. Die Wissenschaft ist sich aber einig, dass technologische Eingriffe nur eine Massnahme gegen den Klimawandel darstellen und nicht die Lösung sind.

CDR in der Schweiz und Island

In der Schweiz ist seit 2017 eine CDR-Anlage in Hinwil in Betrieb3. Sie filtert CO2 aus der Luft und begast damit die Pflanzen im nahegelegenen Gewächshaus. Die Pflanzen binden das CO2 und wachsen schneller. Ein weiteres Beispiel ist die ORCA-Anlage auf Island. Das abgesaugte CO2 wird im Basaltgestein der Insel ablagert. Basalt bindet CO2 besonders gut. Dank dieser Anlagen ist es möglich, genaue Beobachtungen und Messungen zu unternehmen und ihre Auswirkungen auf das lokale Klima zu erforschen. Daraus können wiederum Rückschlüsse auf den Einfluss von CDR-Technologien auf das globale Klima gezogen werden.
Der grösste Nachteil der CDR-Anlagen ist ihr hoher Energiebedarf. Die Nähe zu grossen Energiequellen ist deshalb unumgänglich. Somit steht die Anlage in Hinwil nahe des Zweckverbands Kehrrichtverwertung Zürcher Oberland (KEZO). Und in Island ist jede Menge Erdwärme als Energiequelle vorhanden.

Mehr CDR-Forschung

Die beiden CDR-Anlagen sind in Zusammenarbeit der ETH Zürich und der Firma Climeworks entstanden. Die ETH Zürich ist eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen, die gemeinsam mit inländischen und ausländischen Partnern CDR-Projekte umsetzt. Das Klimaschutz-Gesetz sieht vor, solche Forschungsprojekte finanziell zu ermöglichen. Aufgrund der vielen Ungewissheiten in Bezug auf CDR-Technologien scheint es besonders wichtig zu sein, die Erforschung dieser Techniken voranzutreiben. Nur so können aus meiner Sicht ethische und rechtliche Herausforderungen überwunden sowie technologische Massnahmen zum Klimawandel besser diskutiert und für die lokale Anwendung optimiert werden.


1. Bundesamt für Umwelt BAFU (2023): https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/klima/fachinformationen/co2-entnahme-und-speicherung.html (Stand: 26. Mai 2023)

2. Meiske, Martin (2021): Die Geburt des Geoengineerings. Grossbauprojekte in der Frühphase des Anthropozäns

3. Climeworks (2023):
https://climeworks.com/news/climeworks-completes-commercial-operations-in-hinwil (Stand: 26. Mai 2023)

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Der «vollkommene Sturm» war ein extremer Sturm über dem Atlantik, der 1991 durch das Zusammentreffen verschiedener heftiger Wetterphänomene verursacht wurde. Der Klimawandel ist ethisch gesehen ein solch vollkommener Sturm: Verschiedene Aspekte, die alleine bereits eine grosse ethische Herausforderung darstellen, treffen beim Klimawandel aufeinander. Diese vier Stürme zusammen bewirken, dass wir oft überfordert sind, wenn es darum geht, mit den ethischen Massstäben, die wir aus dem Alltag, unserer Erziehung und Gottes Geboten kennen, auf den Klimawandel zu antworten.

1. Die zeitliche Distanz

Der erste ethische Sturm ist die zeitliche Distanz: Sowohl die Schäden, die wir heute durch den CO2-Ausstoss verursachen, als auch die Investitionen in den Klimaschutz entfalten ihre volle Wirkung erst nach Jahrzehnten. Sind Klimaschäden aber einmal eingetreten, so dauern sie lange an.

2. Die räumliche Distanz

Der zweite ethische Sturm ist die weltweite Wirkung und Ungerechtigkeit. Die Menschen in den Industrieländern sind viel stärker verantwortlich für den globalen CO2-Ausstoss, während die Entwicklungsländer überproportional von den Folgen getroffen werden und schlecht dafür gerüstet sind. Weiter hat der Klimawandel enorme Auswirkungen (Dürren, Überschwemmungen, wirtschaftliche Einbussen, Krankheiten), die aber, auf Tausende «kleinere» Schäden weltweit verteilt, erst im Gesamtbild gravierend sind.

3. Fragmentierte Ursachen

Dasselbe gilt für die Ursachen: Der durchschnittliche Einwohner eines Industrielandes verursacht im Laufe seines Lebens einen Temperaturanstieg von vielleicht einem halben Milliardstel Grad. Der Klimawandel wird nicht durch eine einzige, grosse, böswillige Handlung verursacht, sondern durch tausend kleine, normale Alltagshandlungen.

4. Ungewisse Auswirkungen

Der vierte ethische Sturm besteht in den ungewissen Auswirkungen. Zwar herrscht unter den Wissenschaftlern heute Einigkeit darüber, dass Klimawandel ein enorm ernstes Problem ist, doch ist die Bandbreite der Einschätzungen darüber, wen es wie fest und auf welche Art treffen wird, sehr gross.

Fazit: Konkretisieren und veranschaulichen

Unsere gängigen ethischen Regeln sind für konkrete Beziehungen, einen überschaubaren Raum und fassbare Auswirkungen gemacht. Mit den grossen zeitlichen und räumlichen Distanzen, wie sie in der Klimaproblematik auftreten, sind wir überfordert. Dazu hat unser Denkvermögen grosse Mühe, unsichere Prognosen und Wahrscheinlichkeiten einzuordnen. Wegen diesem «vollkommenen Sturm» ist es für uns schwierig, uns konkret gegen den Klimawandel einzusetzen.

Eine Lösung besteht darin, dass wir die Klimaproblematik herunterbrechen und die Auswirkungen veranschaulichen. Wenn wir die zeitlich und räumlich weit auseinander liegenden und fragmentierten Auswirkungen des Klimawandels konkretisieren und plastisch vor Augen führen, gibt uns das die Fähigkeit, den Antrieb, das Verständnis und den Mut, etwas gegen den drohenden Wandel zu tun.

 


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