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Schlagwortarchiv für: krieg

Neutralität im Dienste der Menschen, nicht des Geschäfts!

Gesellschaft, Politik
Lesezeit / Temps de lecture ~ 3 min

Die Neutralitätsinitiative, die am 27. September zur Abstimmung kommt, will die «immerwährende und bewaffnete Neutralität» der Schweiz in der Verfassung verankern. Sie wurde im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine lanciert, nachdem die Schweiz sich den internationalen Sanktionen gegen den Aggressor angeschlossen hat.

Bereits heute kann sich die Schweiz keinem anderen Militärbündnis anschliessen. Die Initiative verlangt aber, die Neutralität noch stärker als bisher in der Verfassung zu verankern und sich eigenständig militärisch zu sichern. Dies ist allerdings im Zuge der heutigen grossen Militärbündnisse nur noch schwierig zu bewerkstelligen. Abgesehen davon profitiert die Schweiz enorm von der Nato, die als Schutzgürtel um unser Land fungiert.

Zusätzlich würde das Mittragen von Sanktionen gegenüber kriegführenden Staaten mit der Initiative explizit ausgeschlossen – ausser, wenn sie von der UNO beschlossen werden. Dies kommt aber gerade heute, wo die Grossmächte neue imperialistische Ambitionen haben, kaum mehr vor, denn sie legen regelmässig im UNO-Sicherheitsrat das Veto ein.

Ein Ja zur Initiative hätte unmittelbar zur Folge, dass die Schweiz zu einer wichtigen Drehscheibe für die russische Wirtschaft – für Öl und andere Ressourcen – und für die russischen Vermögen würde. Damit würde wiederum die Finanzierung des Angriffskriegs massiv erleichtert. Dies ist mitnichten ein neutrales Verhalten, sondern klar eine Bevorteilung des Aggressors. Ein Grund für die Neutralität ist eigentlich, nicht in Konflikte hineingezogen zu werden. Doch mit der Bevorteilung Russlands wird ein imperialistisches Regime gestärkt und die Gefahr auch für die Schweiz erhöht.

«… mit der Bevorteilung Russlands wird ein imperialistisches Regime gestärkt und die Gefahr auch für die Schweiz erhöht.»

Aus der Geschichte lernen

Es ist in diesem Zusammenhang sinnvoll, aus schmerzhaften Episoden der Schweizer Aussenpolitik zu lernen:

  • Vor und während des Zweiten Weltkriegs betonte die offizielle Schweiz ihre Neutralität. Gleichzeitig diente diese aber auch allen Branchen dazu, lukrative Geschäfte mit dem Ausland weiterzuführen, umso mehr, als dass die Exportwirtschaft wirtschaftspolitisch gegenüber der Binnenwirtschaft bevorzugt wurde. Damit wurden Nazideutschland und dem faschistischen Italien wertvolle Dienste, Kredite und rare Metalle verschafft. Schweizer Rüstungsfirmen lieferten gar lieber an Deutschland statt an die Schweiz, da sie so höhere Preise verlangen konnten. Damit geriet gar die Schweizer Bewaffnung in Gefahr.
  • Auch im Fall des südafrikanischen Apartheid-Regimes wurde die Schweizer Neutralität als Grund für die Nichtunterstützung der von der UNO geforderten freiwilligen Sanktionen genannt. Allerdings schlug diese Nichtunterstützung der Sanktionen im Zuge des schweizerischen Antikommunismus gar in eine aktive Unterstützung des Apartheid-Regimes um, beispielsweise mit intensivem Austausch und Schulung im Bereich Militär und Unterdrückungsapparat, mit der Finanzierung des Regimes durch Goldkauf und gar der Mithilfe zum Bau von Atombomben.

Neutralität als historische Notwendigkeit, aber nicht so!

Ohne Neutralität gäbe es die Schweiz nicht mehr. Bis 1848 war die Schweiz ein loser Zusammenschluss von Kantonen, die sich gegenseitig Hilfe versprachen. Doch bereits zweihundert Jahre zuvor wurde die Neutralität gegen aussen vereinbart, denn die grossen Unterschiede unter den Kantonen bezüglich Sprache, Konfession, Stadt/Land und alten/neuen Mitgliedern führten rasch zu internen Spannungen im Falle von Kriegen mit dem Ausland (z.B im dreissigjährigen Krieg).

Doch mindestens seit dem 20. Jahrhundert wird die Neutralität für das Geschäftsinteresse missbraucht. Wenn wir wirklich neutral sein wollen, dann muss auch das Geschäft mit allen Kriegsparteien eingestellt werden, um Kriege nicht zu fördern. Alles andere ist purer Egoismus. Mit Recht hat deshalb die Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) zur Neutralitätsinitiative einen Appell mit dem Titel «Nein zur bewaffneten Geldsack-Neutralität der SVP!» veröffentlicht, der unterschrieben werden kann.

Zudem ist «Neutralität» eine moralische Bankrotterklärung, wenn es um Kriege geht, bei dem ein Aggressor mit imperialistischem Expansionsdrang oder der Gier nach noch mehr Ressourcen einen kleineren Staat überfällt. In diesem Fall ist Neutralität ein Wegschauen, als ob uns das Überleben von Millionen von Menschen nichts anginge. Das widerspricht der christlichen Nächstenliebe.

Wie würden wir reagieren, wenn ein grösseres Nachbarland uns überfallen würde und die anderen Länder mit dem Argument der «Neutralität» die Hilfe verweigerten?

Aus diesen Gründen: NEIN zur Neutralitätsinitiative!

Zum Appell

 

7. September 2026/0 Kommentare/von Markus Meury
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/09/nein-zur-neutralitaetsinitiative-2913902.jpg 956 1700 Markus Meury https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Markus Meury2026-09-07 09:20:432026-09-07 09:35:50Neutralität im Dienste der Menschen, nicht des Geschäfts!

Die Aufstockung der Verteidigungsbudgets ist ein Vorbote des Krieges, nicht des Friedens

Gesellschaft, Politik, Umwelt, Wirtschaft
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

Si vis pacem, para bellum (Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor). Dieses bekannte lateinische Sprichwort spiegelt die Volksweisheit wider, dass die Vorbereitung auf den Krieg der beste Weg ist, um Frieden zu sichern. Die dahinterliegende Logik lautet: Wenn Krieg droht, muss die Bevölkerung bewaffnet werden, um sich auf den Konflikt vorzubereiten, denn nur so könnten Schwache geschützt und Sicherheit für alle geschaffen bzw. aufrechterhalten werden. Diese Logik veranlasst viele Nationen dazu, ihre Militärbudgets massiv zu erhöhen.

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16. März 2026/0 Kommentare/von Salome Richir-Haldemann
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2026/03/ehmitrich-LJH9nSbkHrE-unsplash-scaled-e1773664144690.jpg 1438 2560 Salome Richir-Haldemann https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Salome Richir-Haldemann2026-03-16 13:18:232026-03-19 11:55:54Die Aufstockung der Verteidigungsbudgets ist ein Vorbote des Krieges, nicht des Friedens

Von relativem Pazifismus und gerechtfertigten Verteidigungskriegen

Gesellschaft, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Soziales, Theologie
Lesezeit / Temps de lecture ~ 4 min

«Ich wünschte, er würde einfach sterben», sagte mein Kollege erbittert – gemeint war der Aggressor eines grauenhaften Krieges. Diese Aussage mag zunächst schockierend wirken, denn man «darf» doch niemandem den Tod wünschen. Zudem würde der Tod eines Einzelnen kaum das Ende eines Konflikts bedeuten. Doch die Aussage bringt eine innere Spannung zum Ausdruck, mit der wir derzeit wohl alle ringen.

Auf der einen Seite steht das christliche Gebot der Feindesliebe (vgl. Mt 5-7), das uns davon abhalten sollte, andern Schlechtes zu wünschen oder ihnen Gewalt anzutun. Auf der anderen Seite steht das Wissen um das Unrecht, das geschieht – und unser ebenso christlicher Auftrag, gegen Unrecht aufzustehen und die Schwachen zu schützen (vgl. Spr 31,8-9). In manchen Fällen scheint das Nichthandeln schwerwiegendere Folgen zu haben als das Handeln.

Christliche Friedensbotschaft unabhängig von den Umständen

Laut dem Global Peace Index gibt es derzeit 56 bewaffnete Konflikte, an denen 92 Staaten ausserhalb ihrer Landesgrenzen beteiligt sind – der höchste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg.1 Für den evangelischen Friedensbeauftragten und Pazifisten Friedrich Kramer ist klar: Kriege lassen sich durch nichts rechtfertigen, und jede militärische Unterstützung einer Kriegspartei hält diese Konflikte nur aufrecht. Er sagt: «Die christliche Friedensbotschaft hängt nicht davon ab, ob es blutrünstige Kaiser oder machtbesessene Oligarchen gibt. Die Idee der Gewaltlosigkeit Jesu überdauert all diese, auch das römische Imperium. Im Krieg sterben nicht die Mächtigen, sondern der einfache Mann. Kriege sind mörderisch und durch nichts zu rechtfertigen. All das spricht für den Pazifismus.»2

Eine radikal pazifistische Sichtweise ist geprägt vom fundamentalen Antimilitarismus.3 Sie betont die kompromisslose Gewaltlosigkeit als christliches Ideal, besonders basierend auf der Bergpredigt Jesu. Sie geht davon aus, dass Gewalt immer Gegengewalt erzeugt, das Leben heilig und Töten grundsätzlich falsch ist. Allerdings ist «der Pazifismus» kein einheitliches Konzept – unter diesem Begriff versammeln sich unterschiedliche Ansätze.

Rechtfertigt unser Auftrag, gegen Unrecht aufzustehen, auch (gewaltsame) Verteidigung?

Doch so einfach ist es nicht. Wofür sind wir als Christinnen und Christen verantwortlich? Nach Ambrosius von Mailand sind wir nicht nur für unser Handeln, sondern auch für unser Nicht-Handeln verantwortlich.4 D.h. wenn ich etwas Schlechtes verhindern könnte und das nicht tue, dann bin ich genauso verantwortlich, wie wenn ich es tue: «Denn wer nicht von seinem Mitmenschen Unrecht abwehrt, wenn er kann, ist ebenso schuldbar wie jener, der es begeht.»5 Ambrosius bezieht sich hier auf die rechtliche Ausnahmeregelung der Notwehrhilfe. Interessant ist, dass sowohl er als auch Augustinus von Hippo die Notwehr auf individueller Ebene zurückweisen, da diese bedeuten würde, das eigene Leben über das Leben des Angreifers zu stellen. Hingegen sei es etwas anderes, wenn ich in eine Situation komme und Notwehrhilfe leisten kann, denn dann stelle ich das Leben der bedrohten Person über das Leben des Angreifers, und werte somit in diesem Moment das Gebot der Nächstenliebe höher als das Gebot der Feindesliebe. Aus diesem Gedanken heraus befürworten Ambrosius und Augustinus schliesslich die Notwehr, also die (gewaltvolle) Verteidigung, auf kollektiver Ebene, abgeleitet nicht aus der Notwehr auf individueller Ebene, sondern der Notwehrhilfe.6

Wie viel wissen wir über die Folgen unseres Handelns – oder Nichthandelns?

Laut dem Philosophen Olaf Müller vertreten verantwortungsethische Pazifistinnen und Pazifisten die Haltung, dass es in den meisten Fällen deutlich schlimmer ist, auf Gewaltmittel zu setzen als auf friedliche Lösungen. Doch, so Müller, überschätzen sie sich oft: Wer kann schon zuverlässig vorhersagen, welche Massnahmen zu welchen Konsequenzen führen? Wie viele Tote es geben wird – je nach Entscheidung?

Verantwortungsethiker, die militärische Mittel befürworten, verfügen über genauso wenig Vorhersagekraft wie Pazifistinnen. An diesem Punkt tritt unser Menschenbild in den Vordergrund: Menschen mit einem eher optimistischen Menschenbild neigen eher zu pazifistischen Lösungen. Wer dagegen glaubt, dass der Mensch grundsätzlich nicht gut ist, wird dazu tendieren, Gewalt (oder deren Androhung) für notwendig zu halten, um Vernunft und Frieden zu erzwingen.

Der Streit ums Menschenbild lässt sich wissenschaftlich nicht entscheiden. Ein positives Menschenbild ist schön – doch hilft es uns durch die Härten der Realität? Ist es naiv, auf das Gute zu vertrauen, wenn rundherum aufgerüstet wird und Dialogbereitschaft fehlt?7

Relativer politischer vs. absoluter persönlicher Pazifismus?

Hier treffen zwei Prinzipien aufeinander: das Gebot absoluter Gewaltfreiheit und das Gebot absoluter Liebe. Es ist ehrenwert, wenn Christinnen und Christen auf jede Form von Gegengewalt verzichten und dabei sogar Gefahren für ihr eigenes Leben in Kauf nehmen. Aber können sie diese Entscheidung auch für andere – oder für eine ganze Gesellschaft – treffen?

Sollte man nicht im Einzelfall prüfen, ob etwa defensive Waffen (und nur defensive!) dazu beitragen können, Leid in einem Kriegsgebiet zu begrenzen und zu einem raschen, dauerhaften Ende der Kampfhandlungen beizutragen?8 Jedoch erst, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft, es keine nicht-militärische Handlungsoptionen mehr gibt und parallel noch immer diplomatische Verhandlungen geführt werden?

Für mich bleibt das ein schwieriger Gedanke. Ausserdem würde ich gerne, obwohl das vielleicht naiv ist, mein optimistisches Menschenbild aufrechterhalten. Doch hilft diese Einstellung in der aktuellen Lage?

Christliche Hoffnung in den Spannungen dieser Welt

Kant sagte einst, der Friede sei nie gegeben – man müsse ihn aktiv schaffen.9

Die Spannungen, die uns heute beschäftigen, werden uns vermutlich weiterhin begleiten. Und doch haben wir Hoffnung und eine Verheissung: «Er wird richten unter vielen Völkern und zurechtweisen mächtige Nationen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das Schwert gegen ein anderes erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.» (Micha 4,3)


1. Vision of Humanity. (2024). Highest number of countries engaged in conflict since World War II.
https://www.visionofhumanity.org/highest-number-of-countries-engaged-in-conflict-since-world-war-ii/. Abgerufen am 18.05.2025.

2. pro Medienmagazin. (2022). Friedrich Kramer: „Waffen schaffen keine Gerechtigkeit“.
https://www.pro-medienmagazin.de/friedrich-kramer-waffen-schaffen-keine-gerechtigkeit/. Abgerufen am 18.05.2025.

3. Evangelische Aspekte. (o. J.). Pazifismus – verschiedene Konzepte.
https://www.evangelische-aspekte.de/pazifismus-konzepte/. Abgerufen am 18.05.2025.

4. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 34:20].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.

5. Ambrosius von Mailand. De Officiis Ministrorum. Erstes Buch: Vom Sittlichguten, Kapitel XXXVY (179).

6. Bewegung Plus Bern. (2025). Spannungsfeld: Krieg und Frieden – Gottesdienst vom 18.05.2025 mit Patrik Hofstetter. [YouTube-Video, ab Minute 36:05]. https://www.youtube.com/watch?v=ktuLfnLv4CM Abgerufen am 18.05.2025.

7. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 8:45].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.

8. https://www.evangelische-aspekte.de/pazifismus-konzepte/

9. SRF Kultur. (2022). Europa rüstet auf – kommt so der Frieden? | Sternstunde Philosophie. [YouTube-Video, ab Minute 27:00].
https://www.youtube.com/watch?v=b34_dOWp9ts Abgerufen am 18.05.2025.


Dieser Artikel erschien zuerst im Gerechtigkeitslab bei StopArmut. ChristNet ist Mitglied des Trägerkreises der StopArmut-Konferenz, die am 1. November 2025 stattfindet.

Titelbild von lummi.ai

4. Juni 2025/1 Kommentar/von Anja Eschbach
https://christnet.ch/wp-content/uploads/2025/06/QmZzywdYECq4eVti4WRDRa2kCasTR6eLx1YrSAWpiopKej.jpg 2132 1500 Anja Eschbach https://christnet.ch/wp-content/uploads/2023/06/Logo-Christnet-2023-3240.svg Anja Eschbach2025-06-04 11:10:412025-06-04 11:25:32Von relativem Pazifismus und gerechtfertigten Verteidigungskriegen

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