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Ich habe gerne Rivella. Und auch Ovo. Da ist nicht nur der gute Geschmack, sondern auch ein Heimatfaktor drin. Denn traditionelle Schweizer Produkte geben mir ein Gefühl der Heimat, ich weiss, woher es kommt und wer es gemacht hat. Das ist Medizin gegen Entfremdung.

Ich habe es nicht gern, wenn sich meine Umwelt und meine Kultur schnell wandeln. Denn auch ich brauche Halt im Sicheren, im Bekannten. Ich schätze auch die Zuverlässigkeit der Schweizer Züge und die relative Verlässlichkeit eines Wortes. Werte, die ich bewahren möchte.

Wie können wir Gutes bewahren, ohne uns über andere Nationen zu erheben und ohne Gottes Korrektur unserer weniger guten Seiten abzulehnen?

1) Der aufgekommene Schweizer Nationalismus

Auf Plakatwänden werden wir immer wieder aufgefordert, «für die Schweiz» zu stimmen. Es wird suggeriert, dass gegen die Schweiz ist, wer nicht stimmt, wie verlangt. Auch bei den Wahlen behauptet eine grosse Partei, alles «aus Liebe zur Schweiz» zu tun. Welches Konzept steht dahinter? Für wen oder was heisst das nun genau? Welche Prioritäten haben wir?

Eine andere Partei behauptet gar, «Schweizer wählen uns». Dies suggeriert, wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Christoph Blocher hat dies im Januar 2011 auch explizit so ausgedrückt: Wer für einen EU-Beitritt ist, ist kein Schweizer. Der Nationalismus kann also zur Ausgrenzung Andersdenkender führen und ihnen gar die Identität und Nationalität absprechen.

Nationalstolz nimmt zu

Das ist nicht zufällig so. Laut Umfragen von GfS und Demoscope hat der Nationalstolz zugenommen. Diese Tendenz wird auch «New Swissness» genannt: Ein neuer Stolz, auch auf Produkte und Errungenschaften. Wie gezeigt steckt aber offenbar noch mehr dahinter. Die einen nennen dies Patriotismus, die anderen Nationalismus.

Die Genfer SVP wirbt gar mit dem Slogan «An die Schweiz glauben» («Croire en la Suisse»). Dies wirft eine Grundsatzfrage auf: Glauben an Gott und seine Werte oder an die Schweiz und ihre Werte? Oft findet da eine Vermengung statt.

Christoph Richterich von der Agentur Richterich und Partner meint1«In den Slogans spiegelt sich die heutige Gemütslage der Schweiz: Angesichts der Krisen in Europa und der Welt flüchtet man sich in ein Inseldasein und eine Stimmung des „Wir gegen den Rest der Welt“ Auch die Werbung spielt seit einigen Jahren vermehrt mit dem Nationalstolz und setzt Schweizer Fähnchen und Symbole ein.

Der verstärkte Nationalismus ist allerdings nicht ein rein schweizerisches Phänomen. Er ist auch im Rest von Europa zu beobachten: gut sichtbar in Frankreich, Österreich und Italien.

Gründe dieser Entwicklung

Verschiedene Gründe fördern das Aufkommen des Nationalstolzes:

·         Globalisierung: Die Globalisierung macht die Welt unübersichtlicher. Es lauern auch viel mehr Konkurrenten. Ein Gefühl der Haltlosigkeit und Verlorenheit kann sich einstellen. Der Halt im Vertrauten (der Nation) bietet sich an.

·         Schnelle kulturelle Veränderungen fördern die Haltlosigkeit und damit die Angst. Die Veränderungen finden nicht hauptsächlich durch die Globalisierung statt, sondern durch technische Fortschritte (Computertechnologie, Internet), die auch Auswirkung auf die Arbeitswelt haben, sowie durch soziale Veränderungen (Familienstrukturen, Verlust des Dorflebens).

·         Zunehmende Ausländerzahlen: Eine rasche Zunahme der Anzahl Ausländer ist meist nur ein sekundärer Faktor. Da die Ausländer aber die Unbekanntheit sichtbar darstellen, werden sie rasch zum Sündenbock und zum Auslöser für die Suche nach den eigenen Unterschieden.

·         Gesellschaftliche Schicht: In Umfragen sind es tendenziell eher ältere Menschen und etwas mehr Angehörige der Unterschicht, die dem Nationalismus anhängen. Sie werden durch die kulturellen Veränderungen am meisten verunsichert und haben durch eine geringere Bildung weniger Mittel zum Umgang mit Andersartigem erhalten. Sie fühlen sich bedroht und machtlos, und flüchten in die Arme einer starken (nationalen) Gemeinschaft, die sie verteidigen soll. Sie suchen Stärke in der Gemeinschaft.

Die Nation als Konzept

Die nationale Zugehörigkeit ist Teil unserer Identität. Die dieser Nation zugesprochenen Werte sind oder werden Teil von uns. So wird die Nation das ausgeweitete «Ich», und deren Stärke lässt uns stark fühlen. Im nationalen Erfolg suchen wir unsere eigene Stärke. Wenn die Nation Erfolg hat und glänzt, fühlen wir uns sicherer, aber auch moralisch bestätigt: Wir sind gut, ja gar besser als die Anderen.

2) Wie verträgt sich der Nationalismus mit dem Evangelium?

Ob sich Nationalismus gut oder schlecht mit dem Evangelium verträgt, hängt davon ab, ob er das Wohlergehen aller sucht und ob er die Liebe zu Gott und zum Nächsten sucht.

a) Wohlergehen aller

Auf den ersten Blick scheint es beim Stichwort «Schweiz» um das Wohlergehen aller Bewohner zu gehen. Es scheint mir aber, dass dies in der Realität nicht der Fall ist. In zahlreichen Abstimmungen, bei denen Wirtschaftswachstum «für die Schweiz» versprochen wird, zahlen die Schwächeren Menschen den Preis. Christliche Werte wie Gerechtigkeit oder die Sonntagsruhe blieben auf der Strecke, wenn die Ladenöffnungszeiten in Bahnhöfen «für die Schweiz» auf die Sonntage ausgedehnt werden. Wir fördern den Materialismus und häufen noch mehr Geld an, statt dass es denjenigen zu Gute kommt, die es am meisten nötig hätten.

b) Wir und die Anderen

«Die Schweiz» sorgt sich enorm, wenn sie in der Rangliste der reichsten Länder zurückfällt, d.h. wenn sie reicher wurde, im Vergleich zu anderen Ländern aber ärmer. Dann verfällt sie in geschäftige Wirtschaftsförderung. Das eigentlich sinnlose Rennen nach Reichtum geht weiter… Vielleicht haben wir auch Angst vor der Macht der anderen Länder, die sich aus deren grösserem Reichtum ergeben könnte. Oder suchen wir Reichtum und Erfolg zum Beweis unserer Rechtschaffenheit? Dies wäre wiederum eine Selbsterhöhung.

Der Begriff «Interessen der Schweiz» wird für die Suche nach mehr Reichtum verwendet, oft als Rechtfertigung für den Egoismus im Umgang mit anderen Nationen. Die «Interessenvertretung» im Bereich des Bankgeheimnisses oder der Öffnung von Märkten im Süden gegen die Interessen der dortigen armen Menschen empfinde ich als egoistische, ja gefühlskalte Politik. Ich höre manchmal, es sei naiv, nicht die Eigeninteressen zu verfolgen, denn sonst würden wir ja verlieren. Hier müssen wir uns fragen: Was verlangt Gott von uns? Er will, dass wir ihm gehorchen und gerecht handeln, egal was es kostet. Denn Er hat uns versprochen, für uns zu sorgen.

Doch selbst Christen sagen, dass jedes Land zuerst für sich selber schauen müsse. Laut dem Evangelium ist aber jeder Mensch auf der Welt gleich viel wert, deshalb müssen wir auch die Interessen aller im Auge haben. Unsere Nächsten, das sind grundsätzlich alle Menschen auf der Welt. Auf die Frage eines Pharisäers, wer unser Nächster sei, antwortet Jesus mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters2. Nicht nur die Glaubensbrüder, sondern alle Menschen sind unsere Nächsten.

c) Christlicher, also besser?

Ich höre immer wieder, die Schweiz sei ein besonders christliches Land. Haben wir deshalb die Tendenz, alle unsere Taten zu verteidigen, weil wir das Gefühl haben, wir seien gut? Verteidigen wir unsere Interessen, weil wir als Christen mehr verdient haben? Oder, unterbewusst, damit unser Reichtum zeigen kann, dass wir besser sind? Ist die Schweiz ein besonders christliches Land, da unsere Wurzeln christlich sind? Dieses implizite «Wir sind besser» ist doch nichts anderes als Selbsterhöhung und Stolz.

Christliche Wurzeln?

Der Verweis auf «Christliche Wurzeln» ist der Versuch, eine mystische Verbindung, quasi durch Vererbung, herzustellen. Ja, Kulturen werden weitergetragen, aber «Wurzeln» wirken nur dann, wenn sie aktiv weiterkultiviert werden, gewiss nicht als mystischer Dauersegen.

Im Gründungsdokument der Schweiz wird tatsächlich Gott aufgerufen. Es handelt sich aber nicht um einen Bund mit Gott, sondern um einen Verteidigungsbund, zu dem Gott eingeladen wird. Dies ist allerdings zur damaligen Zeit in ganz Europa Gang und Gäbe. Selbst im ersten Weltkrieg beriefen sich noch alle am Krieg teilnehmenden Länder auf Gott. Und noch heute beginnt unsere Verfassung mit den Worten «Im Namen Gottes». Dies heisst noch gar nichts. Im Gegenteil: Jesus warnt seine Jünger: «Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?»3

Haben wir Reichtum und Frieden als Zeichen des Segens weil wir besonders gehorsam sind?4 Nicht unbedingt: Die Bibel enthält auch einige Klagen, dass die «Gottlosen fressen und saufen, und die Frommen aber darben»5. Und: Gott lässt über Gute und Böse regnen.6

Speziell in der Diskussion um die Ausländer wird unterstellt, Schweizer seien weniger kriminell und somit die besseren Menschen. Wenn man die Verbrechensstatistiken aber genauer anschaut, erhält man ein anderes Bild: Wenn Faktoren wie Bildung, Alter und Geschlecht berücksichtigt werden, so lässt sich kein Unterschied mehr zwischen Ausländern und Schweizern erkennen.

Das Böse kommt von innen

Jesus sagt klar, dass das Böse nicht von aussen, sondern von innen, aus unseren Herzen kommt.7 Dies hält er den Pharisäern immer wieder vor Augen. Die Schweiz hat sich von innen entchristlicht, nicht durch die Einwanderer. Und wir Christen sollten unsere eigene Mitverantwortung an Problemen erkennen und nicht die Aussenwelt dafür verantwortlich machen. Hüten wir uns vor Selbstgerechtigkeit.

3) Befreiung von aussen oder von innen?

Es geht also nicht mehr nur um ein Heimatgefühl – die Freude über die schönen Dinge und Traditionen unseres Landes. Mit dem Stolz, zu einem besseren Schlag von Menschen zu gehören, haben wir die Grenze zum Nationalismus überschritten und entfernen uns von den Grundlagen des Evangeliums. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Alle brauchen seine Vergebung. Auch die Bevölkerung der Schweiz.8 Stolze Nationen aber, so «christlich» sie sich auch glauben, meinen, sie seien gut und brauchten keine Vergebung, weil sie schuldlos seien und immer richtig gehandelt hätten. So werden sie auch keine Vergebung erhalten.

Das Jesus von den Israeliten abgelehnt wurde, bietet ein eindrückliches Beispiel für Nationalismus und seine Folgen. Die Israeliten erwarteten einen Nationalhelden, der sie aus der Hand der verhassten Römer befreit. Jesus wollte aber nicht die Nation erlösen, auch nicht das erwählte Volk. Er brachte nicht die Befreiung vom bösen «Anderen», den Bedrohern von Aussen. Vielmehr brachte er die Befreiung des Herzens, d.h. die Befreiung vom Bösen drinnen. Die Israeliten erwarteten aber Rechtfertigung, dass sie die Guten und die Römer die Bösen seien. Sie erwarteten nicht die Korrektur des eigenen Herzens, wie Jesus sie anbot. Deshalb konnte Er in ihren Augen nicht der Messias sein und wurde verworfen. Sie verwarfen die Korrektur. Sind wir SchweizerInnen heute bereit, uns von Gott korrigieren zu lassen? Auch in unserer politischen Haltung?

4) Konsequenzen für unsere Politik

a) Problemlösung

Das Ausschaffen von Ausländern und das Stoppen der Einwanderung wird das Problem nicht lösen. Warum haben wir die Tendenz, dies nicht sehen? Denken wir immer noch, die Probleme kämen von aussen? Hängen wir noch zu stark an einer makellosen Identität? Oder wagen wir nicht, Veränderungen in der Schweiz durchzusetzen? Buckeln wir lieber nach oben und treten nach unten, gegen die schwächeren Einwanderer?

b) Kein «wir zuerst»

Vor Gott sind alle Menschen gleich wichtig. Auf Grund des oben Gesagten gibt es auch keinen Grund mehr, warum ich Menschen aus meinem Land bevorzugen soll gegenüber Menschen aus anderen Ländern. Die Menschen in anderen Ländern brauchen genauso dringend Arbeitsplätze wie wir. Es ist sinnlos, wenn wir darum kämpfen, indem wir unsere Lebensqualität opfern. Ebenso das Anlocken von reichen Steuerzahlern, damit wir mehr Steuereinnahmen haben. Oder ist uns unser nationales Interesse wichtiger als ein gerechtes Verhalten der Welt gegenüber? Warum sollte ich im Sport mehr hoffen, dass Schweizer gewinnen als Menschen aus anderen Ländern?

c) «Für die Schweiz», nur wenn es allen nützt

Eine Politik, bei der alle Menschen der Schweiz, vor Allem die Schwächeren, profitieren und dies nicht auf Kosten der anderen Menschen in der Welt, dürfen wir ruhig «Für die Schweiz» nennen. Aber nur dann.

d) Traditionen wahren

Auch das Bewahren schöner Traditionen und guter Ankerpunkte, die uns Halt geben, ist durchaus wünschenswert. Dies dürfen wir aber nicht entgegen anderer Menschen tun, noch die Traditionen als heilig und als einzig Halt gebend ansehen.

e) Gott statt die Nation

Die Verehrung der Nation und den ihr zugeschriebenen Inhalte ist, nach dem oben gesagten, eine Form der Suche nach Stärke und Schutz und die Verehrung der eigenen Kraft. Dies alles sollten wir aber bei Gott suchen.

f) Ausblick

Der Nationalismus wird uns noch länger beschäftigen, denn einige Faktoren werden bleiben:

Je mehr sich die Schweiz als Steuerparadies positionieren will, desto mehr wird sie den Druck der EU zu spüren bekommen, was weitere nationalistische Abwehrreflexe hervorbringen wird. Auch die Globalisierung (und der zunehmende Einfluss von Indien und China) sowie der freie Personenverkehr werden den Nationalismus weiter aufrecht erhalten. Der Boden für die Angst um Selbstbestimmung und um unsere Kultur ist weiterhin gegeben.

Ich würde gerne unsere Schönen Dinge weiter pflegen und erhalten. Die unschönen Seiten unserer Kultur allerdings können wir gerne verlieren…

Markus Meury, Soziologe, Oktober 2011

 


1. Basler Zeitung, 17. Februar 2011, S. 5

2. Lukas 10,25-37.

3. Lukas 6,46.

4. Grundlage der Idee, als Nation besonders gesegnet zu sein, ist auch das Konzept der Nation als mystische Einheit vor Gott, schon fast als Person mit Charakter. Gott hat zwar zu Israel und auch zu Völkern geredet. Was er aber zur Schweiz sagt, ist reine Interpretation von Ereignissen und Aussagen von verschiedenen Christen. Das ist immer mit sehr grosser Vorsicht zu geniessen und nie abschliessend zu glauben.

5. Psalm 73,4; Psalm 8,14; 2. Korinther 11,23-28 usw.

6. Matthäus 5,45

7. Markus 7,18-23

8.  Römer 3.23: «Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.»

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Unter diesem provokativen Titel weise ich auf die Versuchung hin, die das nationale, rechtskonservative Gedankengut auf einen Teil der Christenheit, und insbesondere auf die Evangelikalen ausübt. Ich zeige dabei, wie diese Ideen, die biblisch korrekt erscheinen, in Tat und Wahrheit der Bibel widersprechen. Dabei wird klar, wie diese Gedanken die biblische Lehre und die Gemeinden zu unterlaufen drohen. Dieses Thema ist durchaus aktuell, ruft doch Christoph Blocher zu gewissen Gelegenheiten den Namen Gottes an und zeigt sich der Chef des rechtsextremen Front National in Frankreich, Jean-Marie Le Pen, regelmässig in der Kirche.1

 

Die national-konservativen Werte

Es ist natürlich schwierig, die Werte der national-konservativen Rechten in diesem Text umfassend zu beleuchten. Dieser Flügel der politischen Landschaft ist äusserst komplex und breit gefächert. Er umfasst verschiedene Strömungen und Bewegungen, die teils untereinander zerstritten sind. Ich stütze mich für diese Abhandlung auf die heutige national-konservative Rechte, und insbesondere auf Meinungen und Ideen, wie sie von einem Teil der SVP und des französischen Front National vertreten werden. Ich versuche, die Ideen zu umreissen und am biblischen Text zu prüfen, um so zu zeigen, wie fern sie nur scheinbar der biblischen Logik entsprechen.

Fremdenangst, Chauvinismus und nationaler Zerfall

Ein erstes Konzept, das bei der national-konservativen Rechten anzutreffen ist und oft zu Rassismus, Fremdenangst und Antisemitismus führt, ist die Nation2. Dieses Konzept wirkt auf gewisse Christen verführerisch, weil sie denken, dass die Ausländer, die in die Schweiz kommen, neue Religionen und Werte mitbringen, wodurch unser Land automatisch entchristlicht wird. Dies entspricht zahlreichen alttestamentlichen Texten, die die Israeliten zur Absonderung von den besiegten heidnischen Völkern aufruft, damit sie nicht von deren abweichenden religiösen Praktiken „angesteckz“ werden.3 Ebenso kann der zweite Brief an die Korinther zitiert werden: „Ziehet nicht an einem für euch fremden Joch mit Ungläubigen…“4 Eine Folge dieser Absonderung ist die Angst vor dem nationalen Zerfall, d.h. die Annahme, dass die Anwesenheit von Individuen aus anderen ethnischen Gruppen eine Änderung der nationalen Identität und schliesslich das Verschwinden der Nation zur Folge hat5.

Hier muss zuerst eine heuchlerische Haltung angeprangert werden. Diese These behauptet nämlich, dass alles Übel nur von aussen kommt, wie wenn der einzelne Gläubige oder die einzelne Gemeinde keinerlei Verantwortung hätten. Dabei besagt doch eine der Lehren Jesu, die den Pharisäern in die Nase stach, dass das was von innen aus dem Herz kommt, den Menschen unrein macht.6 Darum kann nicht gesagt werden, dass Dinge von aussen den Glauben zerstören oder ein Land entchristlichen können. Der Christ soll seine eigenen Fehler und Sünden erkennen, und nicht einfach die Aussenwelt dafür verantwortlich machen. Diese rechtsextreme These beruht auch auf der arroganten Annahme, das eigene Land sei besser als die anderen, und alles Üble komme aus dem Ausland. Dies verhindert eine grundlegende Selbstkritik und vermittelt ein naives Märchenbild einer urreinen und sündenfreien Schweiz. Das ist in dem Sinn antibiblisch, denn „… alle haben ja gesündigt und ermangeln der Ehre vor Gott.“7 Gewiss leidet die westliche Gesellschaft an Entchristlichung. Aber sind daran wirklich nur äussere Einflüsse schuldig? Wie können wir die moralische Überlegenheit einer ethnischen Gruppe oder eines Landes im Licht der Bibel rechtfertigen? Gewiss ist die Gnade Gottes durch den direkten Zugang zur Bibel und das Werk der Reformatoren (trotz dunkler Seiten der Reformation) in unserem Land wirksam, aber dies ist nicht das Verdienst unserer Werke.

Die rechtskonservative These des nationalen Zerfalls muss klar vom geistlichen Zerfall unerschieden werden, der sich durch die Abkehr von Gott bzw. von den jüdisch-christlichen Werten ausdrückt. Der geistliche Zerfall ist eine Realität. So fallen die Israeliten im Alten Testament tatsächlich vom Gesetz ab, leben schrankenlos und erleiden damit eine Zunahme der Gewalt, der Korruption, der sozialen Ungerechtigkeit usw.8 Demgegenüber schreibt die national-konservative Rechte den nationalen Zerfall den Ausländern, Freimaurern usw. zu. Sie vergöttert die Nation, während die Propheten des Alten Testaments nicht fremdenfeindlich sind, sondern die Gesetzesverletzungen der Israeliten anprangern. Die nationale Dekadenz, von der die national-konservative Rechte spricht, hat also nichts mit dem Abfall des Volkes von seinem Gott zu tun. Auch hier gilt es eine Heuchelei anzuprangern: Es ist zu einfach, alle Übel der Gesellschaft äusseren Faktoren, und insbesondere den Ausländern und der Globalisierung, zur Last zu legen. Ob wir Gott folgen wollen oder nicht, hängt im Endeffekt von uns selber und nicht nur von äusseren Einflüssen ab. Nichts in der Bibel lässt darauf schliessen, dass wir berufen sind, die nationale Einheit um jeden Preis zu erhalten und gegen sogenannt schädliche Einflüsse aus dem Ausland zu kämpfen. Patriotismus darf darum um keinen Preis mit der Treue zu Gott verwechselt werden. Die Einheit eines Landes kann übrigens auch nicht aufgrund einer nationalen Einheit gerettet und erhalten werden. Vielmehr sind es biblische Werte wie Nächstenliebe, Solidarität usw., die die gesellschaftlichen Bande festigen.

Autoritäres Führerprinzip

Ein wiederkehrender Wert der national-konservativen Rechten ist ihr Autoritarismus, der besagt, dass das Kollektiv nur mit einer starken Führung gegen äussere Aggressionen geschützt und gegen innen gefestigt werden kann. Es besteht eine Art Faszination und Vergötterung des Chefs, der die nationale Einheit gewährleisten und eine klare Richtung geben soll.9Oft führt dies zur Ablehnung des politischen Systems und zum Wunsch, die bestehenden Institutionen von Grund auf zu ändern. Der Rechtsextremismus erachtet die Demokratie als eine Form Anarchismus, die die Nation im Individualismus aufgehen lässt. Im Kontext der aktuellen rechtsnationalen Bewegungen kann das Beispiel der SVP genannt werden, die ständig darauf pocht, das Volk als letzte Entscheidungsinstanz anzurufen, und die Politiker als elitäre „classe politique“ abstempelt. Was auf Anhieb unschuldig aussieht, stellt in Wahrheit die fundamentale Gewaltentrennung zwischen gesetzgebender, ausführender und rechtsprechender Kraft, die Verfassung und die Grundrechte zum Schutz des Individuums vor der Allgemeinheit in Frage. Dies ist eine Art Verherrlichung der Volksrechte10, während doch die Schweizer Demokratie doch auf dem Pluralismus und der Gewaltentrennung beruht, und nicht auf einem System, das die Volksabstimmungen zum absoluten Dogma heraufbeschwört, das alle Macht in sich vereinigt.

Natürlich muss das demokratische System der Kritik ausgesetzt werden, damit es verbessert werden kann. Die Gefahr besteht beispielsweise, dass eine Mehrheit der Bürger den anderen ihre Bedingungen diktieren könnten, wie es schon Tocqueville befürchtete.11 Doch habe ich in der Bibel nie eine Stelle gesehen, die von den Israeliten die Errichtung eines autoritären Regimes verlangt oder den Chrsiten empfiehlt, alle Macht einem charismatischen Führer oder nach Vorbild des sowjetischen Politbüros einem kleinen Kabinett zu übertragen. Im Gegenteil, Gott verurteilt im Alten Testament den Wunsch der Israeliten, wie alle anderen Völker einen König zu haben12, und rettet sie zwar mit charismatischen Führern, die aber nur für eine kurze Zeit erwählt sind13. Im Neuen Testament offenbart sich Jesus seinen Jüngern als Diener und nicht als autoritärer Führer, der sie unterdrückt.14

Der national-konservative Autoritarismus führt ausserdem zu einer Verherrlichung des Führers, was Gott klar verurteilt. Den Wunsch der Israeliten nach einem eigenen König verurteilt er klar als eine Ablehnung seiner selbst. Wir sehen demnach, dass der von rechtsaussen geforderte Autoritarismus der Bibel widerspricht und das Tor zu einer Vergötzung des Führers öffnet.

Ausserdem zeichnet sich der autoritäre Ansatz durch seinen Materialismus aus: Die Rechtsextremen setzen ihr Vertrauen auf einen Menschen, wo uns die Bibel doch auffordert, Gott zu vertrauen und eine persönliche Beziehung zu ihm zu suchen.

Nostalgie und die Verherrlichung der Vergangenheit

Ein weiterer grosser Mythos der national-konservativen Rechten besteht in der Aussage, die Vergangenheit sei gesamthaft besser gewesen. Die Gegenwart zeichne sich durch den moralischen Zerfall aus, für den z.B. die Juden, die Moslems, die Überfremdung oder die Jugend mit ihrem wachsenden Drogenkonsum und immer ausgefalleneren Kleidungsstil verantwortlich seien. Eine solche Verherrlichung der Vergangenheit könnte fälschlicherweise biblisch begründet werden. Eine oberflächliche Lektüre der Offenbarung kann den Glauben nähren, das Ende der Welt sei nahe und liege ganz in den Händen des Teufels. So entsteht ein extrem pessimistisches und düsteres Bild der Zukunft, das die übereinfache Sicht vermittelt, die Vergangenheit sei angesichts dieser apokalyptischen Aussichten immer zu bevorzugen.

Die Verherrlichung der Vergangenheit ist aus mehreren Gründen ein Irrtum. Zum ersten bleiben damit die Werke der Kirche zur Verbesserung der Zukunft völlig unbeachtet. Kann die Gründung des Roten Kreuzes und der Heilsarmee, können die Werke Calvins, Luthers, des Augustinus’, des Thomas’ von Aquin usw. einfach in den Mülleimer der Geschichte geworfen werden? Diese Personen und Organisationen haben doch nennenswerte soziale und geistliche Fortschritte erzielt, deren Früchte wir noch heute ernten. Wer möchte schon eine Vergangenheit wie das Mittelalter verherrlichen, als der Analphabetismus die Bibellektüre verunmöglichte? Warum sollten die 50er und 60er Jahre besser gewesen sein, nur weil es keine Punks und Kiffer gab? Ich glaube nicht, dass uns die Bibel zur Nostalgie einer verlorenen und erträumten Vergangenheit ermutigt, sondern vielmehr dazu, das Reich Gottes zu bauen und die Wiederkehr Christi vorzubereiten.15 Das Ziel der Offenbarung ist ja auch gar nicht die Rückkehr in den Garten Eden. Vielmehr wird von einer Stadt gesprochen und davon, dass Gott unter ihren Einwohnern wohnt.16 Die Verherrlichung der Vergangenheit und die Nostalgie können darum nicht als biblische Werte erachtet werden, und wir sollten uns nicht von ihnen bestimmen lassen. Die Christen, die sich nach Vergangenem sehnen, sind vom Pessimismus bestimmt und sind von der Zukunftsangst geprägt. Dabei sollten wir doch die Allmacht und Souveränität Gottes trotz gegenwärtiger Schwierigkeiten anerkennen.17

Verschwörungstheorie und Angst vor Weltherrschaft

Oft lässt sich in den Äusserungen der national-konservativen Rechten der Glaube an eine zentrale Verschwörung finden. Einige glauben, die Juden kontrollierten alle Machtstrukturen und wirtschaftlichen Abläufe, für andere handelt es sich um die Freimaurer. Oft führt diese Anschauung zu einer Haltung, die gegen das Establishment gerichtet, weil sie den Glauben fördert, alle Politiker seien gleich korrupt. Dies gründet auf der Überzeugung, dass sie sich alle gegenseitig kennen und ihre Entscheide auf dem Rücken des Volkes treffen. Das Konzept einer zentralisierten, weltweiten Verschwörung deckt sich durchaus mit dem Bild, das wir vom Teufel haben können, womit sich die neutestamentliche Frage nach dem Antichrist stellt.

Trotz scheinbarer Ähnlichkeiten kann das Handeln Satans, wie es in der Bibel beschrieben wird, nicht auf eine Ebene mit der Idee eines universellen und staatsfeindlichen Komplotts gebracht werden, wie sie von der national-konservativen Rechten gepflegt wird. Tatsächlich zeigt uns die Bibel und die Geschichte, dass die Zahl des Tieres (666), und damit der Antichrist, nacheinander mit dem römischen Kaiser Nero, der katholischen Kirche und in den 30er und 40er Jahren ironischerweise sogar mit der Dorflädeli-fressenden Migros identifiziert wurde. Satans Handeln beschränkt sich ja aber auch nicht auf die politische und institutionelle Ebene, sondern greift ebenso auf Einzelpersonen und Kirchen über.

Zweitens muss eingewendet werden, dass diese äusserst vereinfachende Sicht der Politik und der Politiker zu einfach ist. Wenn es eine Verschwörung in diesem Ausmass gäbe, kämen politische Konflikte und Auseinandersetzungen unter der politischen Elite gar nicht mehr vor.

Drittens übergeht diese Sicht die Rolle Gottes und insbesondere seine Souveränität Satan gegenüber, der immer noch Jesus unterworfen ist. Auch hier ist diese Sicht also vereinachend und ganz menschlich, indem sie unseren Kampf auf eine rein menschliche und politische Ebene beschränkt. Es kann denn auch gefragt werden, wo hier die geistliche Ebene sei und wo z.B. die Busse ihren Raum hat. Der geistliche Kampf gegen das Böse darf sich nicht nur gegen materielle, äussere Feinde richten, er verlangt auch Gedankenarbeit und eine Arbeit an sich selber durch die Heiligung und die Infragestellung eigener Verhaltensweisen und Werte im Gegenüber mit Gott.

Schliesslich hindert uns die ständige Ausrichtung auf einen „satanisch-politischen“ Komplott, die Souveränität Gottes und den Vormarsch des Evangeliums in unserem Leben und in unserer Umwelt wahrzunehmen. Meiner Meinung nach ist es keine biblische Haltung, wenn jemand jeden Morgen mit der Besessenheit aufwacht, die Weltverschwörung zu bekämpfen. Es ist viel gesünder, Gott zu suchen, sich Ihm zu öffnen, Seine Werke zu sehen und Seine Souveränität anzuerkennen und sich dadurch ermutigen zu lassen.

Schluss: Kein Platz für Gott

Wir haben gesehen, dass die Hauptthesen und die ideologischen Fundamente der national-konservativen Rechten in krassem Widerspruch zur biblischen Lehre stehen. Dieser Text weist vorallem auf die Unterschiede zwischen der rechten Ideologie und der Bibel hin. Die Bibel beruht auf Gott und fordert uns auf, sich Ihm zu nähern. Die national-konservative Rechte ihrerseits beruht auf der Nation und der Ethnie. An diesem Punkt scheidet sich alles. Die national-konservative Rechte verteidigt Autorität und Gehorsam, wobei sich Gott als gerechter Gott offenbart, der Gnade walten lässt. Gewiss hat Gott auch „schreckliche“ Seiten, wie die Bestrafung der Israeliten im Alten Testament, doch können sie kaum auf einen simplen Autoritarismus reduziert werden. Hinsichtlich der Nostalgie dreht Gott die Logik um: Er handelt für die Zukunft. Die Propheten haben dem Volk Israel denn auch die Zukunft und das Kommen Christi vorhergesagt, während die national-konservative Rechte sich auf Mythen vergangener Zeiten beruft. Schliesslich widerspricht der Verschwörungs-Wahn einer Theologie, deren Gott trotz der schwierigen Umstände seines Volkes souverän ist. So wird die wahre Natur der national-konservativen Rechten offenbar: Sie ist und bleibt materialistisch und beschränkt sich auf das Menschliche. So lässt sie keinen Platz für den Gott der Bibel.

Bibliographie

CHEVALLIER, J-J.: Les grandes œuvres politiques de Machiavel à nos jours, 1970, Paris: Armand Colin, S. 217-234.

ROBERTSON, D.: Dictionnary of politics, 1985, Hammondsworth (Middlesex, England): Penguin Books ltd.

 

Thomas Tichy, 17. Januar 2005

Übersetzung: Samuel Ninck

 


1. Die Verbindung zwischen Front National und SVP ist nicht auf Anhieb augenfällig, doch überschneiden sich ihre Wahlkampfthemen: Einwanderung, Sicherheit, Angriffe auf das politische System und die classe politique, traditionelle Werte usw. Ende der 80er Jahre versuchte die rechtsaussen Bewegung Vigilance (vergebens), Le Pen nach Genf einzuladen, und verschiedene ihrer Mitglieder haben am Jahresfest des Front National teilgenommen. Dieselben Personen leiten heute die Genfer SVP-Sektion (Quelle: Les dossiers du Canard, März 1990, S.96-97). Der Front National zeigt sich in einer Pressemitteilung vom 22. Oktober 2003 erfreut über den Sieg der SVP in den letzten Nationalratswahlen (http://www.frontnational.com/quotidien_detail.php?id_qp=101&art=1). Die Webpage des Front national verfügt über einen Link zur SVP.

 

2. Die Historiker gehen davon aus, dass der Nationalismus mit der französischen Revolution auftaucht. Kurz gefasst, bekämpft die damalige Linke die Aristokratie und die Ungleichheit der Klassen ab, um die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Franzosen zu proklamieren. Mit dem sozialen Fortschritt, den die Machtübernahme des Bürgertums während der Revolution mit sich bringt, verlangt eine neue Opposition die Brüderschaft der gesamten Menschheit. So übernimmt diese Linke einen Internationalismus, der eine Brüderlichkeit über die französischen Grenzen hinaus fordert. Der Nationalismus rutscht von links nach rechts, was noch heute mehr oder weniger der politischen Realität entspricht. Ein Beispiel dafür ist die Affäre Dreyfus.

3. Esra 10,2-11; Nehemia 13,23-31; 3. Mose 20,23-26.

4. 2. Korinther 6,14.

5. Zwei Grundsatztexte des SVP-Programms veranschaulichen diesen Gedanken gut: In der Einleitung wird vorausgesetzt, dass der (im Vergleich mit unseren Nachbarn) hohe Ausländeranteil grundsätzlich negativ sei (Asylrechtsmissbrauch, Kriminalität usw.) (http://www.svp.ch/file/Plattform_franz.pdf, S. 40).

Oder auch die Forderung, dass sorgfältig mit dem Bürgerrecht umgegangen werden soll (Juli 2001):http://www.svp.ch/file/f2001.01Integrationspapier.doc

6. Markus 7,18: „Und er [Jesus] sprach zu ihnen: Auch ihr seid so unverständig! Merkt ihr nicht, dass alles, was von aussen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht verunreinigen kann?“

7. Römer 3,23.

8. Amos 2,6-16; Micha 6,9-7,6; Hosea 4,1-14.

9. Man spricht auch vom „Führerprinzip“, das die Strukturen der rechtsextremen Parteien prägt. Das Konzept des Fürherprinzips oder seine gemässigtere Form einer charismatischen Leiterfigur kann im Prinzip in jeder Partei oder Bewegung gefunden werden, wenn der Präsident oder das Zentralkomitee nie in der Öffentlichkeit kritisiert werden, Uneinigkeiten als Verrat angesehen werden und schliesslich alles vereinheitlicht wird. Dies kommt auch in linken Parteien unter dem Begriff „demokratischer Zentralismus“ vor.

10. Die SVP verlangt z.B., dass die Einbürgerungen der Volksabstimmung unterstellt werden sollen, als ob das Volk unfehlbar wäre. Dies offenbart eine verachtende Haltung den Verwaltungsverfahren gegenüber. Diese Verfahren sind zwar gewiss unvollkommen, gewährleisten indessen die Gleichbehandlung und sind besser nachvollziehbar.

http://www.udc.ch/index.html?&page_id=1176&node=67&level=1&l=3

Dieser Ansatz beruft sich auf Vordenker der französischen Rechtsextremisten wie Charles Maurras (1868-1952) oder af den deutschen Verfahrensrechtler Karl Schmitt (1888-1985), die mit den Nazis kollaboriert bzw. selber Nazi wurden.http://en.wikipedia.org/wiki/Carl_Schmitt

11. Robertson, D.: Dictionnary of politics, Hammondsworth, Middlesex, England, Penguin books Ltd. 1985. S. 78-79.

12. 1. Samuel 8,7.

13. Siehe Buch der Richter, z.B. Kapitel 4.

14. Lukas 22,24-27: „Es entstand aber unter ihnen auch ein Streit darüber, wer von ihnen als der Grösste gelten könne. Da sprach er zu ihnen: Die Könige der Völker üben die Herrschaft über sie aus, und ihre Gewalthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr dagegen nicht so! Sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Jüngste, und der Hochstehende wie der Dienende. Denn wer ist grösser, der zu Tische Sitzende oder der Dienende? Ist es nicht der zu Tische Sitzende? Ich aber bin mitten unter euch wie der Dienende.“

15. Matthäus 6,33-34; 2. Petrus 3,12.

16. Offenbarung 21,1-2.

17. 1. Petrus 1,6-7; 5,9-11.

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Nationalismus – eine ernste Gefahr für die Schweizer (Christen)

  • Terminologische Verwirrung: Einige Bibelübersetzungen verwenden den Begriff „Nationen“ (Völker). Allerdings spricht die Bibel nicht von Territorialstaaten, da diese erst im 19. und 20. Jahrhundert auftauchten.
  • Wenn sich eine Nation „Gottes auserwähltes Volk“ nennt, kann dies zu Fehlentwicklungen führen, die alles andere als christlich sind (Legitimation von Rückzug, restriktive Asylpolitik etc.). Diese „Wahl“ wird mit einer mythologisierten Darstellung der Vergangenheit kombiniert.
  • Calvinismus und das Wohlstandsevangelium: Unser nationaler Reichtum wurde als ein Segen Gottes verstanden. Diese Argumentation verwendet jedoch fälschlicherweise den Namen Gottes und die Bibel. Außerdem führt sie zu einer narzisstischen und asozialen Theologie und auch zu einer Politik, die sich „christlich“ nennt.
  • Nationalismus und Reue gehen nicht Hand in Hand; der Bergier-Bericht wird von Nationalisten als Angriff abgelehnt. Doch die Bibel sagt uns:
    „Wenn wir sagen, dass wir ohne Sünde sind, betrügen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.“ I Johannes 1:8
  • Bei dem Versuch, unser „christliches“ Land zu schützen, verfallen Christen manchmal in Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit (zum Beispiel gegenüber Muslimen).

Konsequenzen: unsere Identität in Jesus Christus

  • Es ist unbestreitbar, dass wir alle wissen müssen, wer wir sind. Denn eine Identität zu haben, gibt uns Wert, gibt uns ein Gefühl von Sicherheit und Würde. Es ist meine Identität, die mich zu einer eigenständigen Person macht.
  • Als Christen sollten wir unsere Identität jedoch nicht auf Dinge wie Beruf, Rasse oder Nationalität gründen.
    „Es gibt also nicht Nicht-Juden und Juden, Beschnittene und Unbeschnittene, Unzivilisierte, Primitive, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und er ist in allen.“
  • Meine primäre Identität liegt in Jesus Christus, was bedeutet, dass ich ein von Gott geliebtes und angenommenes Kind bin (Galater 2,20). Meine wahre „Heimat“ ist also nicht hier in der Schweiz, sondern bei meinem himmlischen Vater (Vater unser im Himmel!). Das Gleiche gilt für unser Bürgerrecht (vgl. Philipper 3,20).
  • Es ist in Jesus, dass wir wahres Leben finden. Er ist der Mensch gewordene Sohn Gottes. Er lebte aus seiner Beziehung zum himmlischen Vater, trotz der Ablehnung und Anfechtung, die er von Menschen ertragen musste.

In Jesus Christus gibt uns Gott unsere wahre Identität.
„Geschaffen nach dem Bilde Gottes“ – „Ich bin ein geliebtes Kind Gottes“

  • Wahre Identität und Selbstvertrauen durch Jesus Christus: „ICH BIN“.
  • Ein Mensch hat seine Identität gefunden, wenn er die Verantwortung für seine Fehler übernehmen kann (seine Schuld anerkennen).
  • Eine aufrichtige Nächstenliebe überwindet alle Ängste.
  • Wer das Leben als ein Geschenk Gottes betrachtet, lebt in Dankbarkeit, Demut und damit in Großzügigkeit.
  • Wir dürfen den sogenannten „christlichen“ Nationalismus nicht verharmlosen. Die Schweiz darf sich nicht um sich selbst drehen, sie muss zum Segen für andere werden.
~ 6 min

Vortrag gehalten im Rahmen des ForumChristNet „I.D. Schweiz“ am 15. Juni 2002 in Bern.

Das Konzept der „Nation

1. Einführung

Was macht mich zum Schweizer? Meine Herkunft, meine Mentalität, meine Sprache, meine Geschichte, meine politische Ausrichtung? Ich hätte in der Tat eine Menge zu sagen, auch wenn ich deutsche Wurzeln habe. In dieser facettenreichen Schweiz habe ich mich entschieden, zu leben und zu arbeiten. Ich möchte in dieses Land integriert sein, mich für es verantwortlich fühlen.

2. Das Konzept der „Nation

Eine Nation ist ein Zusammenschluss von Menschen, die durch gleiche Denk- und Verhaltensweisen verbunden sind und damit potenziell zur politischen Selbstbestimmung und Willensäußerung fähig sind. Dieses Konzept nahm im 19. Jahrhundert zunächst im Westen eine politische Dimension an und breitete sich dann ab dem 20. Jahrhundert auf den Rest der Welt aus.

Die Schweiz hat durch ihre Geschichte und ihre einheitliche politische Verfassung ein starkes Nationalgefühl entwickelt: Sie umfasst vier „Sprachnationen“, ist sehr aufmerksam gegenüber Unterschieden auf regionaler und kommunaler Ebene und konnte den demokratischen Entscheidungsprozess konsolidieren. Die Schweiz ist eine „proaktive Nation“.

Der Begriff „Nation“ wird in der Bibel etwa 700 Mal verwendet, wobei er sich auf „Völker“ bezieht. Dies sind große Gemeinschaften, die aus Familien, Stämmen oder Clans mit einer gemeinsamen Vergangenheit bestehen. Im Mittelalter und sogar während der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die damals ein aus mehreren Nationen bestehender Staat war, wurde der Begriff „Nation“ noch verwendet. Es ist zu beachten, dass in der Bibel der Begriff für Nation (oder Volk) goi (goijim im Plural) ist, während der Begriff ?am für Israel, das auserwählte Volk, reserviert ist.

3. Nationalismus:

Nationalistische Ideologien zielen darauf ab, die als einzigartig empfundene nationale Identität zu verteidigen, zu stärken und abzugrenzen. Diese nach innen gerichtete Haltung, die auf die Festigung des inneren Zusammenhalts abzielt, schließt sogar Minderheiten aus, die innerhalb des Landes leben. Nationalistische Ideologien können je nach historischem, politischem und sozio-ökonomischem Kontext unterschiedliche Formen annehmen. Der Zweig der Politikwissenschaft unterscheidet zwischen kulturellem, politischem, wirtschaftlichem und religiösem Nationalismus.

Ich habe gesehen, dass einige Christen mit nationalistischen Tendenzen sich oft mit Israel identifizieren. Ich teile diese Ansicht nicht, und zwar aus den folgenden Gründen:

– In den Augen Gottes ist Israel Gottes auserwähltes Volk, das Volk Nr. 1. Die „Nationen“ kommen also an 2. Stelle, und das gilt auch für die Schweiz.

– Als Angehörige der „Nationen“ können wir nicht zum Volk Israel gehören (es sei denn, wir können unsere jüdische Herkunft begründen). Im Gegenteil, wir sind eins in Christus mit den Gläubigen Israels.

– Israel ist nicht unser Heimatland, das wir auf die eine oder andere Weise zurückgewinnen sollten. Das Land Israel ist Teil der Verheißung, die Gott Abraham, dem Vater der Nation, gegeben hat (1. Mose 15,18): „An jenem Tag schloss Gott einen Bund mit Abraham und sagte: ‚Das Land Israel ist nicht das Land Ich gebe dieses Land euren Nachkommen, vom Fluss Ägypten bis zum großen Fluss Euphrat. »)

– Außerdem hat selbst Israel keine Rechte über sein Land. Sie ist ein Geschenk Gottes, und er könnte sie ihr sehr wohl wieder wegnehmen, wenn er darin das Mittel sieht, sein Ziel zu erreichen: sein Volk zu ihm zurückzubringen.

– Als Schweizer können wir nicht in der Illusion leben, das Land Nr. 1 zu sein oder dazuzugehören.

– In Sacharja 8,23 lesen wir: „In jenen Tagen werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden einen Juden ergreifen, und sie werden ihn beim Rock seines Gewandes packen und sagen: ‚Ich bin ein Jude, und ich bin eine Jüdin, und ich bin eine Jüdin: Wir werden mit uns gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.“ In dieser Prophezeiung finde ich diese Tendenz, die manche Christen haben, sich mit Israel zu identifizieren.

Das Erbe der Reformation

– Die Reformer haben der Politik unbestreitbar ihren Stempel aufgedrückt, und das im globalen Maßstab.

– Martin Luther verteidigte seine Position deutlich vor dem Reichstag in Worms. Ein Politiker brachte ihn dann in Sicherheit.

– Ulrich Zwingli war mehrere Jahre lang Berater der Zürcher Regierung. Er starb im Zweiten Kappeler Krieg.

– Jean Calvin hinterließ in Genf einen starken Eindruck, auch in der Organisation des öffentlichen Lebens und durch seine ethischen Werte. Seine Aktivitäten hatten erhebliche Auswirkungen in England, aber auch in Amerika und Osteuropa.

– In Bern war die Reformation die lang ersehnte Gelegenheit für die Regierung, sich dem Einfluss Roms zu entziehen und sich bestimmte Territorien, insbesondere das Berner Oberland, anzueignen.

– Nach der Reformation galt in Deutschland lange Zeit das politische Prinzip, dass die jeweils amtierende Regierung das konfessionelle System bestimmt.

Die Freikirchen

– Während der Reformation wurden die Baptisten unter Druck gesetzt, weil sie sich weigerten, sich der Politik und der vorherrschenden Konfession zu unterwerfen. Viele von ihnen wurden enteignet, hingerichtet oder vertrieben.

– Um 1831 etablierte Bern allmählich eine fortschrittliche Regierung. Die adeligen Kreise mussten sich aus der Politik zurückziehen und schlossen sich der pietistischen Bewegung an, die zur „Evangelischen Gesellschaft“ wurde.

– Um 1880 begannen die großen Evangelisationskampagnen, die es vielen Menschen ermöglichten, einen Sinn in ihrem Leben zu finden, indem sie es Gott übergaben.

Freunde Israels

– Sie identifizieren sich eindeutig mit dem aktuellen Israel des Nahen Ostens auf nationaler Ebene.

– Die Tatsache, dass sie aus verschiedenen Bewegungen kommen, die sich gegen die vorherrschenden Kirchen stellen, erklärt ihre Tendenz, nach innen gerichtet zu sein (wie die Pharisäer zur Zeit Jesu). Das bringt sie näher an die jüdische Tradition, die im Laufe der Geschichte deutlich isolationistisch war.

Schweiz

– Gegründet im Jahr 1291 auf der Grutliwiese.
Der Pakt beginnt wie folgt: „Im Namen des Herrn. Es ist eine ehrenvolle und dem öffentlichen Wohl dienende Handlung, die Maßnahmen, die für die Sicherheit und den Frieden ergriffen wurden, gemäß den geweihten Formen zu bestätigen? Die oben aufgezeichneten Entscheidungen … sollen, so Gott will, für immer Bestand haben.“
Es ist bemerkenswert, dass damals in der Landschaft um den Vierwaldstättersee (die sich damals im Umbruch befand) autonom und im völligen Bruch mit den Behörden eine politische Einigung erzielt wurde. Diese Vereinbarung sollte „für immer“ gelten. Nach Meinung von Experten war dies für die damalige Zeit außergewöhnlich. Aus diesem summarischen „Notpakt“ wurde im Laufe der Zeit eine Konföderation, d.h. die verschiedenen Territorien gruppierten sich nach und nach zu Staaten mit einem gemeinsamen politischen Ziel.

– Im 19. Jahrhundert, nach der Neuordnung des öffentlichen Lebens durch Napoleon I., entstand eine moderne Konföderation. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden unter dem Einfluss der Aufklärung demokratische und liberale Prinzipien entwickelt und etabliert, wodurch die verschiedenen Glaubensrichtungen des Christentums gleichgestellt wurden. In politischen und religiösen Kreisen setzte sich der Gedanke der Toleranz durch. Das erklärt, warum es nach 1848 keinen Religionskrieg mehr gab. Auch die Freikirchen, deren Mitglieder um 1700 noch stark unterdrückt wurden, durften sich frei organisieren.

Unsere Identität in Christus

– Unsere christliche Identität ist allein in Jesus Christus zu finden (vgl. Gal 2,20: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; mein Leben, das im Fleisch ist, lebe ich durch den Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ [Revidierte Zweite Fassung]).

– Angesichts dieser primären Identität ist meine Schweizer Identität (die meines Passes) sekundär, sie ist eine Adiaphora. Ob ich nun Türke, Jude, Palästinenser oder Schweizer bin, es kommt darauf an, dass wir alle eins sind in Jesus Christus (vgl. Gal 3,28: „Da ist nicht mehr Jude noch Grieche, da ist nicht mehr Sklave noch Freier, da ist nicht mehr Mann noch Frau, denn ihr seid alle eins in Christus Jesus“). Dies ist unsere wahre Identität. Deshalb ist es nutzlos, der Nationalität zu viel Bedeutung beizumessen. Nur unser Glaube an Jesus Christus erlaubt uns zu wissen, was wir als Schweizer in die Welt und zu den Nationen bringen können.
Unter bestimmten Umständen bekommt die Adiaphora eine große Bedeutung, d.h. sie wird zum Mittel, um unser Glaubensbekenntnis auszudrücken. So kann eines Tages unsere Zugehörigkeit zu Jesus Christus durch unsere Schweizer Nationalität manifestiert werden. Dies ist zum Beispiel in einem rein islamischen Land der Fall, in dem es verboten ist, das Schweizerkreuz zu zeigen.

– Phil. 3,20-21: „Für uns ist unsere Stadt im Himmel; von dort erwarten wir den Herrn Jesus Christus als unseren Retter, der unseren demütigen Leib verwandeln wird, um ihn seinem herrlichen Leib gleich zu machen durch die Kraft seiner Macht, die alle Dinge unterwirft.
Dieser Abschnitt spricht vom „Jenseits“ unserer Staatsbürgerschaft. Die „Himmel“ sind das Ziel der Geschichte, das gelobte Land, der Ort, an dem der Vater ewig regiert. Wir haben dort unseren Platz. Unsere nationale Identität wird auch in dem Ausdruck „gedemütigter Körper“ verstanden.
Der deutsche Pastor Dietrich Bonhoeffer (ein Widerstandskämpfer unter dem Naziregime) sprach von den „letzten“ und „vorletzten Dingen“, also von dem, was entscheidend ist gegenüber dem, was zweitrangig ist. Die „letzten Dinge“ stehen für die Zugehörigkeit zu Gott, der unser himmlisches Bürgerrecht garantiert. Zu den „vorletzten Dingen“ gehört unsere Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Region oder einer Rasse. Die „vorletzten Dinge“ gehen also den „letzten Dingen“ voraus.

– 2 Kor 5,17: „Wenn jemand in Christus ist, ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden.“
Zu den „alten Dingen“ gehört die Nation als Grundlage für unsere Pläne, unsere Entscheidungen und unser Handeln. „Neues“ bedeutet, offen zu sein für diejenigen, die uns stören oder ängstigen könnten, nämlich die Schwachen, die Fremden oder die Anderen.

– ChristNet hat die schwierige Aufgabe, auf dieser Basis die Schweizer Identität neu zu definieren.

Bibliographie

Hans Küng, Schweizer katholischer Theologe, der in Deutschland lebt. 1991, anlässlich der 700-Jahr-Feier der Schweizerischen Eidgenossenschaft, veröffentlichte er das Buch „Die Schweiz ohne Orientierung? Europäische Perspektiven“. Die Vision einer möglichen Zukunft. (S. 91ff.). (Benziger-Verlag 1992).

Scott MacLeod, Musiker und Schriftsteller, Leiter einer christlichen Streetwork-Gruppe in Nashville, Tennessee, USA. „Der Löwe des Lichts“. Ein Wort zur Schweiz. “ (Schleife Verlag, Winterthur: 2001).

Werner Ninck, Juni 2002